Trigger-Warnung: Einige der in diesem Blogpost verlinkten Texte enthalten rassistische Ausdrücke.
Der Thienemann-Verlag, der die Kinderbuch-Klassiker Otfried Preußlers herausgibt, hat kürzlich angekündigt, in einer für Sommer 2013 geplanten Ausgabe von
Die kleine Hexe das N-Wort durch einen neutralen Begriff zu ersetzen, und auch sein sonstiges Verlagsprogramm auf diskriminierende Sprache zu überprüfen. Daniel Bax schildert den Hintergrund in einem
taz-Artikel von letzter Woche. Bax’ sieben knappe Absätze haben 150 Kommentare hervorgerufen, in denen sich die Wutbürgerfront vor Empörung über den Verlag schier überschlägt. Ein solches Vorgehen sei typisch für »totalitäre Regime«, heißt es da, und es wird sogar gemutmaßt, Otfried Preußler sei unter Androhung von Gewalt dazu gezwungen worden, der Textänderung zuzustimmen. Bücherverbrennungen seien der unausweichliche nächste Schritt.
Nun neige ich ja zu der Ansicht, dass in den Kommentarspalten der Tageszeitungen sichtbar wird, wie der deutsche Stammtisch sein kollektives Delirium in Worte zu fassen versucht. Das wird auch vor Einführung dieser Kommentarspalten nicht anders gewesen sein, nur hat man es nicht in so geballter Form mitbekommen. Solche Leute verbrachten ihre Zeit früher, als Tageszeitungen noch ausschließlich Printmedien waren, mit dem Schreiben von Briefen an die Redaktion, nur werden die meisten davon nicht veröffentlicht, sondern von den zuständigen Redakteur_innen in den Papierkorb befördert worden sein. Liest man heute Zeitungen im Internet, ist man dagegen unter fast jedem Artikel mit einem stetig wachsenden geistigen Fäkalienhaufen konfrontiert.
Ein wenig erinnern mich die Reaktionen auf die Ankündigung des Verlags an den kollektiven Aufschrei, den der Abdruck einiger Bemerkungen Jakob Augsteins in einer Liste des Simon Wiesenthal Centers hervorgerufen hat. Da heißt es allerorten, Augstein sei unter die Top Ten der »schlimmsten Antisemiten der Welt« aufgenommen worden, und es wird so, wie es nur Deutsche können, gejammert und gegreint, dass man ja gleich als Antisemit gelte, wenn man nur ein bisschen Israel kritisiere. Andere seien doch viel schlimmer. Die dem Vorgang zugrunde liegende Denke lässt sich so zusammenfassen: Ausschließlich Nazis sind Antisemiten. Deshalb ist es ganz und gar inakzeptabel und verwerflich, jemandem, der anerkanntermaßen kein Nazi ist, Antisemitismus vorzuwerfen. Augstein ist aber kein Nazi, sondern ein blasses, allwöchentlich durch die Polit-Talkshows gereichtes Publizistensöhnchen, das es aus irgendwelchen Gründen geschafft hat, als Vordenker des linksliberalen Medienschaffens zu gelten. Antisemitisch sind also (wenn überhaupt) nur die anderen, aber keinesfalls wir guten Deutschen, die wir lediglich in rechtschaffener Manier Israel kritisieren. Einen von uns als Antisemiten zu bezeichnen, ist ein unerträglicher Tort, den man den Juden nicht verzeihen wird.
So etwas kann nur funktionieren, wenn man vor dem wirklichen Sachverhalt bewusst die Augen verschließt. Denn das Simon Wiesenthal Center hat Augstein keineswegs zu einem der schlimmsten Antisemiten der Welt erklärt (es wäre auch reichlich sinnlos, einen für schlimmer als den Rest der Bande zu erklären). Die vielbeschrieene Liste trägt nämlich den selten gelesenen Titel
»2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs«, also: »Top Ten der antisemitischen/anti-israelischen Verunglimpfungen 2012«. Es handelt sich um eine Liste von Äußerungen, nicht um eine Liste von Personen. Das SWC hat sogar ausdrücklich erklärt, dass man mit der Aufnahme in die Liste lediglich ein Urteil über die abgedruckten Äußerungen abgebe, nicht über die Personen, die die Äußerungen getätigt haben. Es ist ja immerhin möglich, dass jemand antisemitische Bemerkungen von sich gibt, ohne sich dessen bewusst zu sein. Auch gibt das SWC seine Kriterien für diese Liste bekannt, nämlich die »drei D« Doppelmoral, Dämonisierung und Delegitimierung. Außerdem hat es angegeben, auf welche Quelle es sich bei der Einschätzung von Augsteins Äußerungen beruft.
Das alles wird in der deutschen Debatte über die Liste weitgehend ignoriert, denn würde man darauf eingehen, müsste man sich einer offenen Auseinandersetzung mit der Frage, woran man Antisemitismus eigentlich erkennen kann, stellen. Man könnte auch darüber diskutieren, ob oder in welchem Maße Augsteins Äußerungen die Kriterien der »drei D« erfüllen. Eine solche Diskussion findet aber nicht statt, denn es muss von vornherein feststehen, dass es Antisemitismus nur bei Nazis, aber nicht in unseren wohlanständigen Kreisen geben kann. Doch genug davon. Andrej Reisin hat die Lage, die ich hier nur knapp anreißen kann, auf sehr informative Weise
zusammengefasst. Ich bin auf die Causa Augstein vor allem deshalb zu sprechen gekommen, weil in den Reaktionen auf den Thienemann-Verlag eine ganz ähnliche Entwicklung stattfindet: eine offene Diskussion über das, worum es eigentlich geht, muss um jeden Preis, mit jeder noch so blödsinnigen Rhetorik vermieden werden.
Es sind nicht nur die üblichen, sich in den Zeitungskommentarspalten austobenden Deppen, die in dieser Sache das Wort ergreifen. Unter dem Gaga-Titel
»Onanierende Schuhe« hat Joachim Körber, der Chef der Edition Phantasia, auf Facebook eine Meinungsäußerung zu den Plänen des Hauses Thienemann abgegeben. Argumente finden sich darin nur ansatzweise, vor allem aber wird laut geschrien, der Kinderbuchverlag betreibe Zensur: »Diese Form von Zensur sollte man lassen. Und es IST Zensur, ganz gleich, welche verschleiernden Euphemismen man dafür verwendet.« Aha, es IST also Zensur, Ende der Debatte. Dabei wird die Diskussion in aller Regel dann erst interessant, wenn jemand behauptet, etwas verstehe sich von selbst oder dürfe nicht hinterfragt werden. Ein solches Hinterfragen, das man auch Ideologiekritik nennen könnte, ist hier offenbar nicht vorgesehen. Offen bleibt auch, ob eine andere »Form von Zensur« für Körber denn akzeptabel wäre, oder wo eigentlich die Grenzen seines Zensurbegriffs liegen.
Zensur bedeutet
laut Duden die von staatlichen Institutionen vorgenommene Überprüfung von Medien, »
besonders auf politische, gesetzliche, sittliche oder religiöse Konformität«. Es handelt sich dabei also um einen staatlichen Eingriff in die Meinungs- und Pressefreiheit. Diese Definition entspricht meines Wissens mehr oder weniger der in der Politikwissenschaft geläufigen Auffassung von Zensur.
Nicht so bei Körber. Legte man dessen Verwendung des Wortes Zensur zugrunde, dann wäre jeder Verlag, der übersetzte, sprachlich modernisierte oder gar gekürzte Klassikerausgaben herausgibt, eine finstere Zensurbehörde. Auch die Edition Phantasia müsste sich konsequenterweise diesen Vorwurf gefallen lassen. Denn letztlich ist das Vorgehen von Thienemann eine völlig alltägliche Praxis. Buchklassiker werden ständig in überarbeiteter Form herausgebracht, in mal mehr, oft weniger gelungener Art und Weise. In der Regel interessiert sich niemand dafür. Die übertriebene Aufregung, die dem Thienemann-Verlag entgegenschlägt, erklärt sich allein daraus, dass man sich die ganz spezielle Befriedigung, die in rassistischem Sprachgebrauch liegt, nicht nehmen lassen will.
Das ist zwar so, aber man hat doch eine dumpfe Ahnung davon, wie unappetitlich dieses Bedürfnis ist. Es wird deshalb eher selten ausgesprochen. Auch nicht in Körbers Facebook-Post; das übernimmt statt dessen ein gewisser Klaus Block, der Körbers Eintrag kommentiert hat und auf seiner rassistischen Sprache beharrt, weil er nicht wisse, »«. Wohlgemerkt: Er redet von seinem eigenen Sprachgebrauch, nicht etwa von dem in alten Büchern. Blocks Bemerkung steht bislang unwidersprochen unter Körbers Post. Eine solche Haltung, die auf die legitimierende Kraft von Ignoranz vertraut, ist alles andere als selten. Man wisse nicht, was daran falsch sein soll. Man sei halt noch nie jemandem begegnet, der sich etwa vom N-Wort beleidigt fühle. Kommen solche Aussagen von Menschen, die mit dem Gebrauch des Internets vertraut sind und insofern an der medial vermittelten Öffentlichkeit teilhaben, kann man davon ausgehen, dass es sich nicht um genuine Unwissenheit handelt, sondern um eine Schutzbehauptung: Man möchte eben gerne diskriminieren. Um nicht ganz so durchsichtig dazustehen, nimmt die Schutzbehauptung gern auch mal die Form einer kleinen Geschichte ein, etwa so: Mein eigener Schwiegersohn stammt doch aus Afrika, der hat mir selber versichert, dass er nichts dagegen hat, wenn ich ihn so nenne. So etwas ist unabhängig davon, ob es tatsächlich vorgekommen sein sollte, nicht nur dumm, sondern auch dreist. Es ist, als würden Autofahrer_innen aus der Tatsache, dass manche Menschen sich in suizidaler Absicht vor Autos stürzen, das Recht ableiten, alle die Straße überquerenden Menschen zu überfahren. Es gibt zahlreiche schwarze Menschen, die sich durch den Gebrauch des N-Worts von Seiten weißer Menschen beleidigt fühlen, und dies auch kundtun. So etwas weiß man, und falls man in dieser Hinsicht vergesslich ist, wird es aus bitterer Notwendigkeit oft genug wiederholt. Wer es immer noch nicht glauben will, muss nur einmal den oben verlinkten Artikel von Daniel Bax lesen.
In Körbers Post herrscht jedoch ein anderer Diskurs. Darin heißt es:
Eher simpel gestrickte Leute [...] scheinen ja offenbar zu glauben, dass Probleme wie Rassismus ganz von selbst verschwinden, wenn man vermeintlich rassistische Begriffe verbietet. Wohl eher nicht. [...]
Gegen Missstände und Probleme wie Rechtsradikalismus, Rassismus, Schwulen/Lesbenhass, Engstirnigkeit usw. muss man aktiv und mit allem Nachdruck vorgehen, und darum ist es umso wichtiger, dass Schriftsteller und Künstler die Dinge beim Namen nennen, Salz in offene Wunden streuen dürfen – und KÖNNEN, und nicht, dass man ihnen zu einem vermeintlich guten Zweck das Maul verbietet.
Menschen, die gegen diskriminierenden Sprachgebrauch vorgehen, sind demnach blauäugig und verschließen die Augen vor der Wirklichkeit. Wer »vermeintlich rassistische Begriffe« wie das N-Wort so wie der Autor des Posts gebraucht, ist dagegen ein standhafter Antirassist, der üble Dinge beim Namen nennt, um desto besser gegen sie vorgehen zu können. Um dies zu untermauern, bedient Körber sich eines Vergleichs:
Gewalt gegen Frauen hört nicht auf, wenn wir das Wort »Vergewaltigung« aus dem Duden streichen oder uns ein beschönigendes Synonym dafür ausdenken. Und das Morden in Kriegen wird nicht dadurch besser, dass man es »staatlich sanktionierte politische Maßnahmen unter Zuhilfenahme
potenziell gefährlicher Handfeuerwaffen mit möglicherweise letalen
Folgen« nennt.
Auch abgesehen davon, dass die Gleichsetzung von Vergewaltigung und Töten im Krieg problematisch ist, handelt es sich hier um einen völlig unangemessenen rhetorischen Trick, der nur oberflächlich wie eine Begründung von Körbers Haltung wirkt. Eine Vergewaltigung reißt zwar oft auch seelische Wunden, aber in erster Linie stellt sie einen Akt körperlicher Gewalt dar. Den schafft man natürlich nicht aus der Welt, wenn man ihn bei einem anderen, möglicherweise verharmlosenden Namen nennt. Wenn Weiße das N-Wort verwenden, handelt es sich jedoch um eine Beleidigung, und eine solche ist sehr wohl aus der Welt zu schaffen, indem man sich keiner beleidigenden Ausdrücke (ob sprachlich oder sonstwie beschaffen) bedient.
Aber Körber zufolge geht es ja um etwas anderes. Er unterstellt, wer zum Verzicht auf diskriminierende Sprache aufruft, wolle dadurch Rassismus »verschwinden« lassen. Eine solche Annahme wäre in der Tat »simpel gestrickt«. Rassismus ist ein gesellschaftliches Problem, dass sich nicht nur auf sprachlicher Ebene äußert. Körber fordert denn auch: »Man sorge dafür, dass hässliche gesellschaftliche Wunden wie Rassismus usw. verschwinden, indem man deren Ursachen bekämpft – durch Aufklärung, Bildung, was auch immer.« Was auch immer. Konkreter wird Körber in seinen Vorschlägen zur Überwindung des Rassismus nicht. Hier gelangen wir an einen Punkt, der für solche Diskurse typisch ist, und der wieder in die Nähe der Augstein-Debatte führt: Es wird standhaft abgelehnt, offen über die Sache selbst zu sprechen und sich kritisches Wissen anzueignen. An der Stelle des »was auch immer« könnte die Frage stehen, wie Rassismus denn wirklich effektiv zu bekämpfen wäre. Denn – man lese und staune – es gibt Menschen, die sich mit dieser Sache auskennen, und auch einiges darüber zu sagen haben, wie man Rassismus im Zusammenhang der Lektüre von Kinderbüchern kritisch thematisieren kann. Doch dazu wäre eine wirkliche Auseinandersetzung notwendig – vor allem damit, welche Rolle die standhaften Rassismus-von-sich-weisenden Weißen in der Perpetuierung rassistischer Machtverhältnisse spielen. Mittels einer solchen Auseinandersetzung könnte man vielleicht auch einer Gestalt wie Klaus Block mit dem notwendigen Nachdruck klarmachen, was an der Verwendung des N-Wortes durch Weiße rassistisch ist (weil dadurch die längst nicht überwundenen rassistischen Verhältnisse, in denen dieses Wort geprägt wurde, sprachlich aktualisiert werden).
Aber das ist nicht gewollt. Es geht um etwas anderes. Man will sich nicht das Maul verbieten lassen, und vor allem die »geschätzten Mitbürger andersvölkischer Herkunft« (ja, so steht das da: völkisch) sollen nicht solche Umstände bereiten. Man will sich, gemäß dem eigenen Sprachgebrauch, keiner »Zensur« aussetzen. Ebensowenig wie man nicht antisemitisch sein kann, denn das sind höchstens ein paar weit entfernt in brandenburgischen Dörfern lebende Nazis, kann man nicht rassistisch sein, denn man tritt ja für die Meinungsfreiheit ein: Gegen politisch-korrekte Denkverbote, gegen die totalitäre »Spezies der Gutmenschen« (so ein weiterer Kommentar), gegen Orwellschen Neusprech. Von dem wird in solchen Zusammenhängen mit Vorliebe
gefaselt. In den Kommentaren unter Körbers Post heißt es sogar: »« Das wird so emphatisch vorgetragen, dass man an den eigenen Sprech offenbar überhaupt keinen Gedanken mehr verschwendet, bevor man ihn herausbellt, denn ja, Orwell würde sich im Grabe umdrehen, aber deshalb, weil sein wirklich antitotalitäres (weil gegen den Machtanspruch totalitärer Staaten gerichtetes) Konzept des Neusprech vom deutschen Spießertum missbraucht wird, um sich in dem rassistischen und autoritären Mief, in dem es seit jeher beisammen hockt, gegenseitig auf die Schulter zu klopfen.
Aber rassistisch, autoritär oder gar totalitär sind letztlich immer die Anderen. Körbers Post wird auch von einem gewissen Michael Sonntag gewürdigt, der ein (in der Selbstbeschreibung so genanntes) »Blog für Anspruchsvolle« betreibt. In einem Post mit dem Titel
»Rassebegriff beim Menschen« steht dort: »Vor einigen Jahren wurde offiziell verkündet, es gäbe keine unterschiedlichen Rassen bei der Spezies Mensch.« Offiziell verkündet, soso. Vom Biologieministerium wahrscheinlich. Auch hier ist man also antitotalitär. Man wehrt sich dagegen, dass einem das Rassengefasel verboten wird, und zwar um so eifriger, je offensichtlicher dieses Verbot ein lediglich halluziniertes ist. Mit Bezug auf den Thienemann-Verlag wird anklagend gefragt:
»Wie weit geht der politisch korrekte Sprachfaschismus denn noch?« Während in der Augstein-Debatte allerorten versichert wird, Antisemitismus gäbe es nicht, nur bei den Nazis, und die seien weit weg, ist hier der Faschismus allgegenwärtig und allmächtig. Faschismus, das sind in Wahrheit die politisch Korrekten, die einem das N-Wort und den »Rassebegriff« verbieten wollen. Man selber ist dagegen in jedem Fall – Opfer.