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Samstag, 19. November 2016

Ph’nglui mglw’nafh Cthulhu Phantásien wgah’nagl fhtagn

Gerade habe ich es wieder mal mit Michael Ende, und dabei ist mir eine skurrile Sache über den Weg gelaufen, von der ich noch nichts wusste: Zu Endes Hochzeiten machten evangelikale Christ_innen sich große Sorgen, Ende könnte mit dunklen Mächten im Bunde sein. Um der Sache auf den Grund zu gehen, führte der evangelikale Journalist Ulrich Skambraks 1986 ein Interview mit Ende und fand seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Ende bekannte, bei der Abfassung von Momo und Die unendliche Geschichte unter dem Einfluss einer Gottheit namens »Oliven-Dryas« gestanden zu haben. Was Ende damit gemeint haben könnte, ist mir nicht ganz klar: Vielleicht eine Dryade, die einen Olivenbaum bewohnt? Eine andere Frage ist, ob Ende das ernst meinte. Endes Biographin Birgit Dankert glaubt, er habe seinen evangelikalen Fragesteller verscheißern wollen. Das halte ich für nicht unwahrscheinlich, denn Ende war bekannt dafür, während Gesprächen und Interviews kräftig dem Alkohol zuzusprechen, und ließ sich von seinen Gesprächspartner_innen gern dazu anstacheln, allerhand Unsinn von sich zu geben (wobei man hinzufügen muss, dass es sich nicht selten um Unsinn handelte, an den Ende nichtsdestotrotz glaubte, oder gern glauben wollte).

Aber nicht nur Michael Ende, auch Otfried Preußler bereitete der evangelikalen Publizistik Kopfzerbrechen. 2008 gab Skambraks gemeinsam mit seinem Kollegen Lothar Gassmann einen Rundbrief heraus (PDF-Download). Der Anlass war ein Focus-Interview mit Preußler, in dem folgende Bemerkung fällt:
Ich bin ja fest davon überzeugt, dass es eine schwarze Magie gibt, mit der man Menschen schadet, und auf der anderen Seite die weiße Magie. Das ist ein uralter Begriff, der schon in der Kabbala auftaucht. Auch für die weiße Magie muss man ein Bündnis mit dem Teufel eingehen, anders geht es nun mal nicht. Aber man bewirkt Gutes, das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Und ich glaube, ein bisschen Weißmagier bin ich schon. Das sage ich übrigens ohne Koketterie.
Nicht nur Ende, sondern auch Preußler also ein finsterer Nekromant. Skambraks und Gassmann konstatieren düster: »Nimmt man das ernst, was Preußler sagte, so ist er ein Bündnis mit dem Teufel eingegangen.« Welche Interview-Enthüllungen kommen als nächstes? J. K. Rowling hat für jeden Harry-Potter-Band einen Hauselfen rituell geopfert? C. S. Lewis war ein Pseudonym für Aleister Crowley?

Demnächst will ich übrigens mehr darüber schreiben, was es mit der Magie so auf sich hat.

Montag, 19. September 2016

Das Kind bei Ende und Tolkien

J. R. R. Tolkiens Lord of the Rings (1954/55) verhält sich zu Terry Brooks’ Sword of Shannara (1977) wie Michael Endes Unendliche Geschichte (1979) zu Heike und Wolfgang Hohlbeins Märchenmond (1982). Dabei ist zu beachten, dass es sich um eine Strukturanalogie handelt: In beiden Fällen hat sich gezeigt, dass sich ein erfolgreiches Imitat herstellen lässt.* Damit liegt zwischen den beiden englisch- und den deutschsprachigen Büchern eine Art Relation der Relationen vor. Unzulässig wäre es, die Analogie auf die einzelnen Autor_innen auszudehnen: Ende ist kein Tolkien.

Der Unterschied zwischen Ende und Tolkien lässt sich in ihrer Stellung zum Kind ausdrücken. So sagt Ende:
Ich glaube, daß die Werke der großen Dichter, Künstler und Musiker dem Spiel des ewigen und göttlichen Kindes in ihnen entstammen – dieses Kind, das ganz unabhängig vom äußeren Alter in uns lebt, ob wir neun Jahre alt sind oder neunzig, dieses Kind, das nie die Fähigkeit verliert zu staunen, zu fragen, sich zu begeistern; dieses Kind in uns, das so verletzlich und ausgeliefert ist, das leidet und nach Trost verlangt und hofft; dieses Kind in uns, das bis zu unserem letzten Lebenstag unsere Zukunft bedeutet.
Nichts liegt Tolkien, der die Rede vom ewigen Kind im Menschen als waggery bezeichnete (meines Erachtens zu recht), ferner als diese mythische Kind-Vorstellung:
I think this is an error; at best an error of false sentiment, and one that is therefore most often made by those who [...] tend to think of children as a special kind of creature, almost a different race, rather than as normal, if immature, members of a particular family, and of the human family at large.
So Tolkien im Abschnitt über Kinder in »On Fairy-stories«. Kinder als besondere Geschöpfe, als eine Spezies für sich zu sehen, ist genau der Fehler, den Ende begeht. Zwar könnte man sagen, dass Ende in dem obigen Zitat gar nicht von realen Kindern spricht, sondern lediglich von einem bestimmten ästhetischen Vermögen des Menschen, das er in einer Laune als das ewige und göttliche Kind bezeichnet. Ende wäre aber kaum zu einer solchen Aussage gekommen, wenn sie nicht von seiner Sichtweise auf reale Kinder inspiriert wäre. In jedem Fall ist »dieses Kind, das [...] in uns lebt« merkwürdig passiv: Es leidet, ist verletzlich und ausgeliefert. Sein aktives Tun besteht nur darin, zu staunen und sich zu begeistern – und ab und an darf es mal eine Frage stellen. Nun ist kein Zweifel daran, dass Kinder tatsächlich oft leiden und ausgeliefert sind. Ende weigert sich jedoch zu sehen, was Kinder tun, um diesem Zustand zu entkommen: Reale Kinder wollen nicht leiden und ausgeliefert sein. Gerade weil sie diesen Zustand so gut kennen, wollen sie ihm entrinnen. Tolkien schreibt über seine Kindheit:
I had no special ›wish to believe‹. I wanted to know. Belief depended on the way in which stories were presented to me, by older people, or by the authors, or on the inherent tone and qualitiy of the tale. [...] But humility and innocence [...] do not necessarily imply an uncritical wonder, nor indeed an uncritical tenderness.
Und er schließt daraus:
Children are meant to grow up, and not to become Peter Pans. Not to lose innocence and wonder, but to proceed on the appointed journey: that journey upon which it is certainly not better to travel hopefully than to arrive, though we must travel hopefully if we are to arrive.
Tolkien betont das Recht des Kindes, Wissen zu erlangen, um der Hilflosigkeit zu entkommen. Kinder sollen nicht nur fragen, sondern hinterfragen, was Erwachsene ihnen präsentieren. Wenn Ende dagegen sagt, er »schreibe überhaupt nicht für Kinder. [...] Ich schreibe für ›das Kind in uns allen‹, das schöpferisch ist und fähig Schicksal zu erleben«, dann präsentiert er allen realen Kindern sein inneres Idealkind als Vorbild – ein mythisches Kind, das passiv und ausgeliefert sein und nicht erwachsen werden will, das also letztlich eher kindisch als kindlich ist. Wie aber Tolkien sagt, dass es Erwachsene sind (niemals die Kinder selbst), die den »error of false sentiment« begehen und Kinder mit dem mythischen »ewigen und göttlichen« Kind verwechseln, so sind es auch stets nur Erwachsene, die nicht erwachsen sein wollen.

* Das ist übrigens kein Verbrechen. Sogenannte Unterhaltungsliteratur lebt davon, dass Muster sich erfolgreich variieren lassen.

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Legend of Korra!!!!​111​eins​elf

Ich habe es noch nie erwähnt, glaube ich, aber jetzt, nach dem wieder genialen Finale der zweiten Staffel von Legend of Korra muss ich mich doch endlich mal als großer Fan outen. Sowohl von der Vorgängerserie Avatar: The Last Airbender,* wie auch der aktuellen.
Also will ich mal, für die (hoffentlich wenigen) Menschen die noch nicht wissen was das alles ist und warum es so toll ist, etwas raven.

Die Serien spielen in einer überwiegend frühneuzeitlichen, asiatischen Fantasy-Welt, in der manche Menschen mittels Kampfkunstroutinen in der Lage sind die Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft zu kontrollieren – zu bewegen, umzuformen etc. Und nur eine Person, Avatar genannt, kann alle vier Elemente bändigen. Die Aufgabe des Avatar ist es, Balance und Frieden in der Welt der Menschen zu wahren, und Mittler zur Geisterwelt zu sein. Entsprechend den Elementen ist die Welt geteilt in vier Völker: Die Feuernation, die zwei Wasserstämme, das Erdkönigreich, und die Luftnomaden.

Zu Beginn von Avatar: The Last Airbender ist der Avatar seit 100 Jahren verschwunden, und die frühindustrielle Feuernation hat die Chance genutzt einen Eroberungskrieg zu beginnen. Die Luftnomaden haben sie bereits ausgerottet, als der Avatar wiedergefunden wird: der 12jährige Luftbändiger Aang. Zusammen mit seinen Freunden stellt er sich der Aufgabe, den Krieg zu beenden.

Korra, eine jugendliche Wasserbändigerin mit flammendem Temperament, ist nach Aangs Tod die nächste Inkarnation des Avatar. Sie wird geboren in eine veränderte Welt, in die Verbrennungsmotoren und elektrisches Licht Einzug gefunden haben. Auch die Trennung in vier Nationen beginnt sich im Stadtstaat Republic City aufzulösen. Doch schon bald merkt Korra, dass sich in der Stadt eine Anti-Bändiger-Revolution unter einem charismatischen und gefährlichen Führer zusammenbraut.

TLA ist für eine jüngere Zielgruppe gedacht – die Serie ist mit mehr Humor durchsetzt (v.a. findet sich hier mehr Slapstick), hat jüngere Protagonisten, weniger fokussiertes Erzählen mit mehr Filler-Folgen, und weniger Romance.
Andererseits verfolgen alle drei Staffeln einen einzigen Handlungsbogen, der am Ende der dritten Staffel aufgelöst wird. LoK ist (und wird wohl auch weiterhin so sein) sequenzieller. Die ersten beiden Staffeln enden jeweils damit, dass das Problem überwunden ist, so dass man also am Ende jeder Staffel aussteigen könnte. Wie der Vergleich schon andeutet, sind Jugendliche hier die Zielgruppe, was sich in einer ernsteren Stimmung und mehr Teenage Romance niederschlägt.

Neben dem großartigen Humor der Serien zeichnen sie sich dadurch aus, dass sie epische Fantasy mit exquisiter Dramatik und wunderbaren Bildwelten erzählen. Die Charaktere sind nuanciert und werden ernstgenommen – größtenteils ;-) Nicht nur, dass eine Reihe selbstbewusster, selbstständiger weiblicher Charaktere auftritt** – Geschlechterrollen und Emanzipation von diesen wird explizit thematisiert. In Kombination mit der Präsenz von asiatischer, Eskimo- und anderen Kulturen, und ethnischer Diversität, scheinen dies momentan herausragende Serien im Kinderprogramm zu sein. Leider nicht durchbrochen wird die Hetero- und Mononormativität in den romantischen Handlungsfäden – ich erhoffe mir immer noch mehr von LoK als die ewiggleichen love triangles.

Einen kleinen Haken haben beide Serien: Sie fangen jeweils vergleichweise subpar an; gerade bei TLA ist mir das kürzlich wieder aufgefallen: die ersten Folgen sind keine Reißer, eher langsam und undramatisch. Bei TLA würde ich sagen, dass das Finale der ersten Staffel einen guten Eindruck vom Rest der Serie gibt.
Auch die erste Staffel von LoK hat zwar insgesamt ein gutes Niveau an Spannung, aber m.E. keinen so herausragenden Höhepunkt – dafür aber leider Momente schwacher Dialoge und uninteressanter Abschweifungen (Autorennen?!? für mich nicht, danke!).
Für wen Spoiler kein Sakrileg sind, kann schauen ob Folgen wie TLA 220 The Crossroads of Destiny oder LoK 108 When Extremes Meet anfixend wirken.

* Dem Pedantischen Prinzip in mir geht es gegen den Strich, dass die zwei Serien nicht kontinuitätwahrend Avatar: The Legend of Aang und Avatar: The Legend of Korra heißen.

** Und mit Tenzin in LoK auch ein Mann, der nach einem Streit mit seinen Geschwistern Geborgenheit bei seiner jungen Tochter sucht, seine Zuneigung zum fliegenden Bisonkalb namens Blueberry Spicehead offen ausdrückt, und seiner Schülerin Korra gegenüber seine Unzulänglichkeiten zugeben kann.

Montag, 7. Oktober 2013

Krabat

Autorenlesungen können schiefgehen. Schreiben und Sprechen sind zwei Fähigkeiten, die bei Schriftstellern nicht automatisch zusammenfallen.
Otfried Preußler bringt in seine Lesung von Krabat aber so viel Charakter und Eigenheit, dass seine (etwaige – ich weiß wenig über Preußlers Leben und Ausbildung) Unprofessionalität wenig ins Gewicht fällt. Ganz im Gegenteil, es vermittelt tatsächlich etwas von dem Gefühl, persönlich vorgelesen zu bekommen. Und da gehört es eben dazu dass Preußler wohl ein wenig kurzatmig war und immer mitten in Phrasen pausiert.

Zur Geschichte muss ich wohl nichts mehr sagen; nur, dass mir das Hörbuch gekürzt erschien. Auf der Hülle ist das leider nicht ausgewiesen. Aber es ist auch etwas her dass ich das Buch gelesen habe, und ich habe die Printausgabe nicht zur Hand um dem nachzugehen. Wie dem auch sei, die Fassung, die ich gehört habe, kann durchaus für sich stehen.

Otfried Preußler: Krabat. Gekürzte (?) autorisierte (!) Lesung, gesprochen vom Autor. Universal / Karusell.

Montag, 5. August 2013

Die Hüterin Midgards

Sexistische Kackscheiße.¹

Ivo Pala: Die Hüterin Midgards. Elbenthal-Saga, Teil 1 von 3 [eine Trilogie, nein sowas!]. Gekürzte Lesung, gesprochen von Torsten Michaelis. Sauerländer 2012.

¹ Ich rate vom Kauf ab. Das Buch ist auch nicht so wichtig dass man sich unbedingt selbst ein Bild machen müsste, denke ich. Vielleicht genügen folgende Schlaglichter: (Exaktes Zitieren aus Hörbüchern ist eher anstrengend, daher könnte es sein dass im Folgenden das eine oder andere Wort nicht ganz getroffen ist.) ›Auch ohne Erfahrung mit Beziehungen wusste sie, dass Männer mit dem Thema Kleidung nicht viel anfangen konnten.‹ (Später wird klargestellt, dass das für Schwule aber nicht gilt.) ›Stutenbissigkeit war also nicht ein rein menschliches Phänomen.‹ ›Stellt Euch nicht an wie ein Mädchen!‹ etc.

Mittwoch, 20. Februar 2013

Otfried Preußler (1923–2013)

Sehr traurig. Der Räuber Hotzenplotz war neben Astrid Lindgrens Mio, mein Mio gewissermaßen mein erstes Buch (das ich als Kind allerdings nicht selber gelesen, sondern vorgelesen bekommen habe). Die kolorierte Neuausgabe vom letzten Sommer habe ich zum Anlass genommen, die Hotzenplotz-Bücher endlich mal mit eigenen Augen zu lesen.  Wie schön es war, der Unke im Schlosskeller erneut zu begegnen! Eine denkwürdige Leistung Preußlers, die neben seinen eigenen Büchern manchmal übersehen wird: Seine Übersetzung der ersten Bände von Lloyd Alexanders Chronicles of Prydain, die mir persönlich übrigens einen Zugang zur angloamerikanischen Fantasy jenseits von Tolkien eröffnete.

Traurig finde ich allerdings auch, dass einige den Tod Otfried Preußlers als willkommenen Anlass sehen, erneut gegen Political Correctness und angebliche Zensur vom Leder zu ziehen. Wie unpassend und respektlos.

Mittwoch, 23. Januar 2013

Links vom Gutmenschen

Trigger-Warnung: Die mit Kreuzchen versehenen Links führen zu einem Diskussionsthread, in dem rassistische Sprache verwendet wird.

Der Tiefstpunkt einer Debatte, die an sich schon einen Tiefpunkt darstellt, ist für mich Jan Fleischhauers Kolumne »Auf dem Weg zur Trottelsprache«.* Natürlich meint der Titel nicht, dass der Kolumnist selber mit starr nach vorne gerichteten Blick auf diesem Weg marschiert. Tut er zwar (sofern ich mein Verständnis, was ein Trottel ist, zugrundelege), aber natürlich ist die Verschwörung linker Gutmenschen gemeint, die uns alle mit Hilfe ihrer Sprachpolitik gefügig machen wollen. Dennoch lässt sich der Titel im Sinne einer Freudschen Fehlleistung lesen, denn Fleischhauers Text, der eigentlich so richtig von oben herab formuliert sein wollte, ist vom ersten bis zum letzten Satz eine weinerliche Tirade. Um seinem Klientel entgegenzukommen, nimmt Fleischhauer die Perspektive des verängstigten Kleinbürgers ein, der von der Komplexität der Welt heillos überfordert ist: Sprache verändert sich? Eine Zumutung! Und nicht mal im Ausland ist man vor Veränderungen sicher, denn auch in anderen Ländern verändert sich Sprache, und manchmal (Schock!) bevorzugen die Menschen dort andere Wörter. Fleischhauers Fazit: »Man kommt schnell in Untiefen, wenn man sich auch sprachpolitisch als Kosmopolit erweisen will.« Tja, kleiner Jan, da hilft nur eins: Zuhause bleiben und die Fresse halten.

Aber Spaß beiseite: Diese Perspektive ist eine nur Rolle, in die Fleischhauer schlüpft. Er würde sich nicht in ähnlicher Weise überfordert geben, wenn es darum ginge, dass man heute Radio (und nicht mehr Rundfunkempfänger) oder Club (und nicht mehr Tanzlokal) sagt. Hier gilt, was sich auch von der Debatte insgesamt sagen lässt: Das empörte Geschrei gegen die Überarbeitung eines Kinderbuchs wird von Weißen erhoben, die sich den Gebrauch ganz bestimmter Wörter nicht nehmen lassen wollen – nämlich rassistischer. Deutlich wird dies, wenn man sich die (allen Beteuerungen zum Trotz, dass es doch einzig und allein um die Integrität literarischer Texte gehe) inflationäre Verwendung des N-Wortes in Schlagzeilen, Foren und Social Networks vor Augen führt. Die Debatte wird genüßlich ausgenutzt, um sich in genau der Terminologie zu ergehen, deren Gebrauch die übermächtige Gutmenschen-Partei doch angeblich unter Strafe gestellt hat. So lautet nämlich der Vorwurf†: Die Gutmenschen übertünchen mit ihrer Sprachpolitik den eigenen Rassismus. Rassistisch? Ich? Nein! Die Gutmenschen, die mit ihrem PC-Wahn, die sind viel schlimmer als ich.

Vermutlich zählt auch Anubis zu den Gutmenschen, also zu jenen, die in paternalistischer Manier anderen sagen wollen, wo’s langgeht, um ihre eigene Macht auszubauen. Schließlich vertrete ich solche Positionen. Ich könnte den Standpunkt einnehmen, dass eine Debatte, in der ausgerechnet diejenigen sich als vorbildliche Antirassist_innen gerieren, die ihren Gebrauch rassistischer Sprache als ein »die Dinge offen und ehrlich beim Namen nennen« (wie derlei Plattitüden eben lauten) verharmlosen, sich ohnehin nur noch im Strudel ihrer eigenen Absurdität dreht. Aber das wäre zu einfach. Ich bin weiß und deshalb nicht vor Rassismus gefeit. Eine Forumsdiskussion zum Thema endete mit der nachahmenswerten Empfehlung†: »Mein Rat: Taucht ein in die Szene der Betroffenen und nehmt auch mal an der einen oder anderen Demo teil. Es wird euch wie Schuppen von den Augen fallen (hoffe ich jedenfalls).« Ein erster Schritt wäre, die Äußerungen von Schwarzen und People of Colour zu dieser Debatte aufmerksam zu lesen. Die blieben bislang ziemlich unbeachtet – bezeichnenderweise, wenn man an die stürmische Begeisterung denkt, die Jan Fleischhauer auf Spiegel Online und Ulrich Greiner in der Zeit entgegenschlug. Aber es gibt sie, und wer sie nicht wahrnehmen will, ist schlicht uninformiert:
  • Der Thienemann-Verlag wurde zu den Änderungen an der Kleinen Hexe bewegt, nachdem Mekonnen Mesghena seiner Tochter aus dem Buch vorgelesen und anschließend dem Verlag einen Brief schrieb, in dem er auf rassistische und ausschließende Begriffe in Otfried Preußlers Buch hinwies. Die Zusammenhänge werden in diesem Artikel geschildert, den ich bereits in meinem vorherigen Blogpost zum Thema verlinkt habe. Mittlerweile hat Mekonnen Mesghena einen offenen Brief an Spiegel Online verfasst, in dem er klarstellt, dass Fleischhauers Kolumne nicht nur eklig, sondern auch unaufrichtig ist: »Um der Sache eine andere politische Dimension zu verleihen, verdreht Jan Fleischhauer kurzerhand die Tatsachen, in dem er behauptet, eine Institution stünde hinter der Initiative. [...] Wenn er schreibt, so sei es der ›aktuellen Zeit (zu) entnehmen‹, dann ist dies schlichtweg gelogen.«
  • Nadia Shehadeh schreibt: »Wenn man als Kind in einem Buch liest, und versteht, dass dort die eigene ›Minderwertigkeit‹ beschrieben wird, die man selber an sich nicht sieht, die man nun aber in der Fremdwahrnehmung anderer erkennt, unwiderruflich auf Papier gedruckt und damit noch mächtiger, dann setzt mit zum ersten Mal das Ohnmachtsgefühl ein, das einem noch so oft im Leben begegnen wird.«
  • Simone Dede Ayivi äußert sich im Tagesspiegel über die ach so guten Gründe, an rassistischem Vokabular festzuhalten: »Angeblich brauche man es, um Rassismus zu thematisieren. Da wurde mit dem Ausstellen von Rassismus argumentiert und damit, dass man der Gesellschaft den Spiegel vorhalten wolle. Mit Gesellschaft ist dabei die weiße Mehrheitsgesellschaft gemeint. Eine Gruppe von Leuten, die sich gegenseitig irgendwelche Spiegel vorhalten wollen. [...] Diese Gruppe bleibt unter sich und definiert für sich allein, was rassistisch ist und was nicht.«
  • Sabine Mohamed von der Mädchenmannschaft knüpft sich »Fleischhauers Trottelargumentation« vor: »Da findet analoges Denken auf Level Minus 100 statt. Jedenfalls wird bei Fleischhauer diskriminierende Sprache noch groß geschrieben, ist so herrlich unkompliziert.«
  • Publikative.org dokumentiert einen Leserinnenbrief, den die neunjährige Ishema Kane an die Zeit geschrieben hat, und lässt auch Ishemas Mutter zu Wort kommen: »Ich sehe es nicht ein, dass mir als Mutter jetzt quasi diktiert wird, ich solle meiner Tochter ›erklären‹, dass solche Wörter früher ›normal‹ waren – und sie sich bitte schön nicht verletzt fühlen soll.«
  • Der Schwarze Blog sagt: 
    Zur Beruhigung und Erinnerung: das Recht, Menschen rassistisch zu bezeichnen, besteht weiterhin. Es ist durch eine vernünftige Verlagsentscheidung nicht in Gefahr. [...] Was neuerdings wegfällt, und für viele Rassisten anscheinend schon unerträglich ist, ist lediglich das Recht, sich als Rassist bei 100% der Mehrheitsbevölkerung beliebt zu machen. Es sind jetzt ein paar Prozent weniger. Ebenso mausetot: das Recht, auf rassistische Handlungen keine Widerrede zu bekommen. Gut, dass sich Sprache ändert. Sprache ist ein Spiegel der Gesellschaft. Das Wort, um das es geht, war natürlich noch nie wertfrei, Arier. Kommt drüber weg, Versager (sei doch nicht so empfindlich). Und herzlich willkommen in unserem Land, liebe neue Generation mit weniger ungefragter frühkindlicher – also tiefsitzender – rassistischer Konditionierung via Kinderbuch. Vielleicht können sich unsere Kids eines Tages auf Augenhöhe begegnen, das wäre doch mal ein wirklich schönes neues Konzept.
    Im gleichen Beitrag findet sich auch eine beachtenswerte Liste mit Wortmeldungen, »die sich nicht aus Angst, Hass, Rassismus und einer Fehldeutung des Begriffs ›Zensur‹ speisen«.
  • Mel Evil M schreibt: »Wenn Worte belanglos wären, dann könnte sich ja keine_r derer, die jetzt von Sprachpolizei rumeumeln, darüber aufregen, daß sie dafür Rassist_innen genannt werden.«
  • Ein Interview, das die taz mit der Journalistin Hadija Haruna führte, zeigt, dass es geht: Man kann Rassismus thematisieren, ohne ständig in stupider Weise das N-Wort auf den Lippen zu führen.
Eine andere Perspektive, die aus der Debatte weitgehend ausgeblendet wurde (und die man ebenfalls eine der »Betroffenheit« nennen könnte), ist die von Eltern, insbesondere Müttern, die laut Zweifel an dem wohlfeilen Ratschlag äußern, man könne Kindern beim Vorlesen doch einfach erklären, was Rassismus ist und was es mit manchen Wörtern auf sich hat.
  • Dr. Mutti schreibt in einem schon etwas älteren Beitrag: »Man sieht die Szene direkt vor sich: Gemütlich sitzen da Kind und Eltern beisammen, das aufgeschlagene Buch vor sich, sie reden über Alltagsrassismus, das Kind lauscht aufmerksam den Ausführungen der Eltern mit ihren kultur- und sozialwissenschaftlichen Studienabschlüssen. Schließlich hat das Kind verstanden, es steht dem unterschwelligen Rassismus des Textes jetzt kritisch gegenüber, nun greift es wieder zum Buch und liest genussvoll weiter. Die Eltern trinken zufrieden ihren Tee und knabbern noch ein Stück fair gehandelte Schokolade. Was, unrealistisch? So geht es bei Ihnen zu Hause NICHT zu?«
  • Das Fuckermothers-Blog weist darauf hin, dass man erst mal klar haben sollte, was Rassismus ist – und vor allem, wie antirassistische Weiße dagegen vorgehen können: »Eine antirassistische Haltung bedeutet nicht, eine Kerze auf einer Lichterkette anzuzünden um ›ein Zeichen zu setzen‹ und sich dabei gut zu fühlen. Sie bedeutet, eigene Weltbilder und Gewohnheiten zu hinterfragen und gegebenenfalls auf Zeichen zu verzichten. Auch wenn es weh tut.«
Das Hinterfragen von eigenen Weltbildern und Gewohnheiten bleibt in weiten Teilen der Debatte um die Preußler-Neuausgabe leider aus. Es ist eine Debatte, die größtenteils von Weißen unter sich – unter uns – geführt wird, oft verbunden mit der Weigerung, auf kritisches Wissen und effektive Strategien im Umgang mit Rassismus zurückzugreifen. Sabine Mohamed beschreibt diese Art von Diskussionskultur (in einem anderen Zusammenhang, der sich aber sehr gut auf den gegenwärtigen übertragen lässt) folgendermaßen:
Was sich wie von selbst versteht, ihr selbst seid keine Rassist_innen. Werdet ihr ungebeten trotzdem so genannt, gibt es Ärger. Denn dann solidarisiert ihr Euch mit anderen Weißen. Gegenseitig schrubbt ihr Euch wieder rein und negiert Rassismus in den eigenen Reihen. Besonders perfide wird es, wenn ihr plötzlich Eure guten schwarzen Freundinnen oder Freunde aus der Schublade hervorzaubert, die das auch nicht so eng sehen. Ja, solche Zufälle soll es geben. Manchmal sagt ihr rassistische Wörter einfach aus didaktischen Gründen quasi um zu zeigen, wie es nicht gemacht werden soll. Antirassismus für Dummies. Wer es nicht versteht, ist selbst schuld. [...] Bei rassistischen Morden seid ihr schon schockiert und manchmal gibt es eine Schweigeminute oder, wie kürzlich, eine nette Feier, zu der auch die Betroffenen der NSU-Morde eingeladen werden und auf Eure Anweisung hin reden dürfen. Aber dass es schon bei Worten beginnt, das wollt ihr nicht sehen. Dass Worte Lebensrealitäten schaffen, sie uns entmenschlichen oder einfach überflüssig machen, das geht nicht in Eure weißen Köpfe. Vielleicht interessiert es Euch einfach nicht.
Der Beitrag des Schwarzen Blogs endet mit einer Aufforderung: »Für Menschen ohne Rassismuserfahrungen: das ist vor allem Ihre Debatte. Es wird sich sicherlich lohnen, Ihre Stimme zu nutzen.« Endlich einmal denjenigen zuzuhören, die es am eigenen Leib erfahren haben, ist ein Schritt. Erkennen, dass es bei dieser Debatte um den Mist in unserem eigenen Stall geht, der notwendige nächste.

* Auf dem zweiten Platz dichtauf liegt Burkard Müller-Ullrich, dessen strunzdummen und hetzerischen Deutschlandfunk-Kommentar Anatol Stefanowitsch in diesem Podcast analysiert.

Freitag, 11. Januar 2013

Newspeak II

Trigger-Warnung: Einige der in diesem Blogpost verlinkten Texte enthalten rassistische Ausdrücke.

Der Thienemann-Verlag, der die Kinderbuch-Klassiker Otfried Preußlers herausgibt, hat kürzlich angekündigt, in einer für Sommer 2013 geplanten Ausgabe von Die kleine Hexe das N-Wort durch einen neutralen Begriff zu ersetzen, und auch sein sonstiges Verlagsprogramm auf diskriminierende Sprache zu überprüfen. Daniel Bax schildert den Hintergrund in einem taz-Artikel von letzter Woche. Bax’ sieben knappe Absätze haben 150 Kommentare hervorgerufen, in denen sich die Wutbürgerfront vor Empörung über den Verlag schier überschlägt. Ein solches Vorgehen sei typisch für »totalitäre Regime«, heißt es da, und es wird sogar gemutmaßt, Otfried Preußler sei unter Androhung von Gewalt dazu gezwungen worden, der Textänderung zuzustimmen. Bücherverbrennungen seien der unausweichliche nächste Schritt.

Nun neige ich ja zu der Ansicht, dass in den Kommentarspalten der Tageszeitungen sichtbar wird, wie der deutsche Stammtisch sein kollektives Delirium in Worte zu fassen versucht. Das wird auch vor Einführung dieser Kommentarspalten nicht anders gewesen sein, nur hat man es nicht in so geballter Form mitbekommen. Solche Leute verbrachten ihre Zeit früher, als Tageszeitungen noch ausschließlich Printmedien waren, mit dem Schreiben von Briefen an die Redaktion, nur werden die meisten davon nicht veröffentlicht, sondern von den zuständigen Redakteur_innen in den Papierkorb befördert worden sein. Liest man heute Zeitungen im Internet, ist man dagegen unter fast jedem Artikel mit einem stetig wachsenden geistigen Fäkalienhaufen konfrontiert.

Ein wenig erinnern mich die Reaktionen auf die Ankündigung des Verlags an den kollektiven Aufschrei, den der Abdruck einiger Bemerkungen Jakob Augsteins in einer Liste des Simon Wiesenthal Centers hervorgerufen hat. Da heißt es allerorten, Augstein sei unter die Top Ten der »schlimmsten Antisemiten der Welt« aufgenommen worden, und es wird so, wie es nur Deutsche können, gejammert und gegreint, dass man ja gleich als Antisemit gelte, wenn man nur ein bisschen Israel kritisiere. Andere seien doch viel schlimmer. Die dem Vorgang zugrunde liegende Denke lässt sich so zusammenfassen: Ausschließlich Nazis sind Antisemiten. Deshalb ist es ganz und gar inakzeptabel und verwerflich, jemandem, der anerkanntermaßen kein Nazi ist, Antisemitismus vorzuwerfen. Augstein ist aber kein Nazi, sondern ein blasses, allwöchentlich durch die Polit-Talkshows gereichtes Publizistensöhnchen, das es aus irgendwelchen Gründen geschafft hat, als Vordenker des linksliberalen Medienschaffens zu gelten. Antisemitisch sind also (wenn überhaupt) nur die anderen, aber keinesfalls wir guten Deutschen, die wir lediglich in rechtschaffener Manier Israel kritisieren. Einen von uns als Antisemiten zu bezeichnen, ist ein unerträglicher Tort, den man den Juden nicht verzeihen wird.

So etwas kann nur funktionieren, wenn man vor dem wirklichen Sachverhalt bewusst die Augen verschließt. Denn das Simon Wiesenthal Center hat Augstein keineswegs zu einem der schlimmsten Antisemiten der Welt erklärt (es wäre auch reichlich sinnlos, einen für schlimmer als den Rest der Bande zu erklären). Die vielbeschrieene Liste trägt nämlich den selten gelesenen Titel »2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs«, also: »Top Ten der antisemitischen/anti-israelischen Verunglimpfungen 2012«. Es handelt sich um eine Liste von Äußerungen, nicht um eine Liste von Personen. Das SWC hat sogar ausdrücklich erklärt, dass man mit der Aufnahme in die Liste lediglich ein Urteil über die abgedruckten Äußerungen abgebe, nicht über die Personen, die die Äußerungen getätigt haben. Es ist ja immerhin möglich, dass jemand antisemitische Bemerkungen von sich gibt, ohne sich dessen bewusst zu sein. Auch gibt das SWC seine Kriterien für diese Liste bekannt, nämlich die »drei D« Doppelmoral, Dämonisierung und Delegitimierung. Außerdem hat es angegeben, auf welche Quelle es sich bei der Einschätzung von Augsteins Äußerungen beruft.

Das alles wird in der deutschen Debatte über die Liste weitgehend ignoriert, denn würde man darauf eingehen, müsste man sich einer offenen Auseinandersetzung mit der Frage, woran man Antisemitismus eigentlich erkennen kann, stellen. Man könnte auch darüber diskutieren, ob oder in welchem Maße Augsteins Äußerungen die Kriterien der »drei D« erfüllen. Eine solche Diskussion findet aber nicht statt, denn es muss von vornherein feststehen, dass es Antisemitismus nur bei Nazis, aber nicht in unseren wohlanständigen Kreisen geben kann. Doch genug davon. Andrej Reisin hat die Lage, die ich hier nur knapp anreißen kann, auf sehr informative Weise zusammengefasst. Ich bin auf die Causa Augstein vor allem deshalb zu sprechen gekommen, weil in den Reaktionen auf den Thienemann-Verlag eine ganz ähnliche Entwicklung stattfindet: eine offene Diskussion über das, worum es eigentlich geht, muss um jeden Preis, mit jeder noch so blödsinnigen Rhetorik vermieden werden.

Es sind nicht nur die üblichen, sich in den Zeitungskommentarspalten austobenden Deppen, die in dieser Sache das Wort ergreifen. Unter dem Gaga-Titel »Onanierende Schuhe« hat Joachim Körber, der Chef der Edition Phantasia,  auf  Facebook eine Meinungsäußerung zu den Plänen des Hauses Thienemann abgegeben. Argumente finden sich darin nur ansatzweise, vor allem aber wird laut geschrien, der Kinderbuchverlag betreibe Zensur: »Diese Form von Zensur sollte man lassen. Und es IST Zensur, ganz gleich, welche verschleiernden Euphemismen man dafür verwendet.« Aha, es IST also Zensur, Ende der Debatte. Dabei wird die Diskussion in aller Regel dann erst interessant, wenn jemand behauptet, etwas verstehe sich von selbst oder dürfe nicht hinterfragt werden. Ein solches Hinterfragen, das man auch Ideologiekritik nennen könnte, ist hier offenbar nicht vorgesehen. Offen bleibt auch, ob eine andere »Form von Zensur« für Körber denn akzeptabel wäre, oder wo eigentlich die Grenzen seines Zensurbegriffs liegen.

Zensur bedeutet laut Duden die von staatlichen Institutionen vorgenommene Überprüfung von Medien, »besonders auf politische, gesetzliche, sittliche oder religiöse Konformität«. Es handelt sich dabei also um einen staatlichen Eingriff in die Meinungs- und Pressefreiheit. Diese Definition entspricht meines Wissens mehr oder weniger der in der Politikwissenschaft geläufigen Auffassung von Zensur.

Nicht so bei Körber. Legte man dessen Verwendung des Wortes Zensur zugrunde, dann wäre jeder Verlag, der übersetzte, sprachlich modernisierte oder gar gekürzte Klassikerausgaben herausgibt, eine finstere Zensurbehörde. Auch die Edition Phantasia müsste sich konsequenterweise diesen Vorwurf gefallen lassen. Denn letztlich ist das Vorgehen von Thienemann eine völlig alltägliche Praxis. Buchklassiker werden ständig in überarbeiteter Form herausgebracht, in mal mehr, oft weniger gelungener Art und Weise. In der Regel interessiert sich niemand dafür. Die übertriebene Aufregung, die dem Thienemann-Verlag entgegenschlägt, erklärt sich allein daraus, dass man sich die ganz spezielle Befriedigung, die in rassistischem Sprachgebrauch liegt, nicht nehmen lassen will.

Das ist zwar so, aber man hat doch eine dumpfe Ahnung davon, wie unappetitlich dieses Bedürfnis ist. Es wird deshalb eher selten ausgesprochen. Auch nicht in Körbers Facebook-Post; das übernimmt statt dessen ein gewisser Klaus Block, der Körbers Eintrag kommentiert hat und auf seiner rassistischen Sprache beharrt, weil er nicht wisse, »was daran falsch oder beleidigend sein soll«. Wohlgemerkt: Er redet von seinem eigenen Sprachgebrauch, nicht etwa von dem in alten Büchern. Blocks Bemerkung steht bislang unwidersprochen unter Körbers Post. Eine solche Haltung, die auf die legitimierende Kraft von Ignoranz vertraut, ist alles andere als selten. Man wisse nicht, was daran falsch sein soll. Man sei halt noch nie jemandem begegnet, der sich etwa vom N-Wort beleidigt fühle. Kommen solche Aussagen von Menschen, die mit dem Gebrauch des Internets vertraut sind und insofern an der medial vermittelten Öffentlichkeit teilhaben, kann man davon ausgehen, dass es sich nicht um genuine Unwissenheit handelt, sondern um eine Schutzbehauptung: Man möchte eben gerne diskriminieren. Um nicht ganz so durchsichtig dazustehen, nimmt die Schutzbehauptung gern auch mal die Form einer kleinen Geschichte ein, etwa so: Mein eigener Schwiegersohn stammt doch aus Afrika, der hat mir selber versichert, dass er nichts dagegen hat, wenn ich ihn so nenne. So etwas ist unabhängig davon, ob es tatsächlich vorgekommen sein sollte, nicht nur dumm, sondern auch dreist. Es ist, als würden Autofahrer_innen aus der Tatsache, dass manche Menschen sich in suizidaler Absicht vor Autos stürzen, das Recht ableiten, alle die Straße überquerenden Menschen zu überfahren. Es gibt zahlreiche schwarze Menschen, die sich durch den Gebrauch des N-Worts von Seiten weißer Menschen beleidigt fühlen, und dies auch kundtun. So etwas weiß man, und falls man in dieser Hinsicht vergesslich ist, wird es aus bitterer Notwendigkeit oft genug wiederholt. Wer es immer noch nicht glauben will, muss nur einmal den oben verlinkten Artikel von Daniel Bax lesen.

In Körbers Post herrscht jedoch ein anderer Diskurs. Darin heißt es:
Eher simpel gestrickte Leute [...] scheinen ja offenbar zu glauben, dass Probleme wie Rassismus ganz von selbst verschwinden, wenn man vermeintlich rassistische Begriffe verbietet. Wohl eher nicht. [...]
Gegen Missstände und Probleme wie Rechtsradikalismus, Rassismus, Schwulen/Lesbenhass, Engstirnigkeit usw. muss man aktiv und mit allem Nachdruck vorgehen, und darum ist es umso wichtiger, dass Schriftsteller und Künstler die Dinge beim Namen nennen, Salz in offene Wunden streuen dürfen – und KÖNNEN, und nicht, dass man ihnen zu einem vermeintlich guten Zweck das Maul verbietet.
Menschen, die gegen diskriminierenden Sprachgebrauch vorgehen, sind demnach blauäugig und verschließen die Augen vor der Wirklichkeit. Wer »vermeintlich rassistische Begriffe« wie das N-Wort so wie der Autor des Posts gebraucht, ist dagegen ein standhafter Antirassist, der üble Dinge beim Namen nennt, um desto besser gegen sie vorgehen zu können. Um dies zu untermauern, bedient Körber sich eines Vergleichs:
Gewalt gegen Frauen hört nicht auf, wenn wir das Wort »Vergewaltigung« aus dem Duden streichen oder uns ein beschönigendes Synonym dafür ausdenken. Und das Morden in Kriegen wird nicht dadurch besser, dass man es »staatlich sanktionierte politische Maßnahmen unter Zuhilfenahme potenziell gefährlicher Handfeuerwaffen mit möglicherweise letalen Folgen« nennt.
Auch abgesehen davon, dass die Gleichsetzung von Vergewaltigung und Töten im Krieg problematisch ist, handelt es sich hier um einen völlig unangemessenen rhetorischen Trick, der nur oberflächlich wie eine Begründung von Körbers Haltung wirkt. Eine Vergewaltigung reißt zwar oft auch seelische Wunden, aber in erster Linie stellt sie einen Akt körperlicher Gewalt dar. Den schafft man natürlich nicht aus der Welt, wenn man ihn bei einem anderen, möglicherweise verharmlosenden Namen nennt. Wenn Weiße das N-Wort verwenden, handelt es sich jedoch um eine Beleidigung, und eine solche ist sehr wohl aus der Welt zu schaffen, indem man sich keiner beleidigenden Ausdrücke (ob sprachlich oder sonstwie beschaffen) bedient.

Aber Körber zufolge geht es ja um etwas anderes. Er unterstellt, wer zum Verzicht auf diskriminierende Sprache aufruft, wolle dadurch Rassismus »verschwinden« lassen. Eine solche Annahme wäre in der Tat »simpel gestrickt«. Rassismus ist ein gesellschaftliches Problem, dass sich nicht nur auf sprachlicher Ebene äußert. Körber fordert denn auch: »Man sorge dafür, dass hässliche gesellschaftliche Wunden wie Rassismus usw. verschwinden, indem man deren Ursachen bekämpft – durch Aufklärung, Bildung, was auch immer.« Was auch immer. Konkreter wird Körber in seinen Vorschlägen zur Überwindung des Rassismus nicht. Hier gelangen wir an einen Punkt, der für solche Diskurse typisch ist, und der wieder in die Nähe der Augstein-Debatte führt: Es wird standhaft abgelehnt, offen über die Sache selbst zu sprechen und sich kritisches Wissen anzueignen. An der Stelle des »was auch immer« könnte die Frage stehen, wie Rassismus denn wirklich effektiv zu bekämpfen wäre. Denn – man lese und staune – es gibt Menschen, die sich mit dieser Sache auskennen, und auch einiges darüber zu sagen haben, wie man Rassismus im Zusammenhang der Lektüre von Kinderbüchern kritisch thematisieren kann. Doch dazu wäre eine wirkliche Auseinandersetzung notwendig – vor allem damit, welche Rolle die standhaften Rassismus-von-sich-weisenden Weißen in der Perpetuierung rassistischer Machtverhältnisse spielen. Mittels einer solchen Auseinandersetzung könnte man vielleicht auch einer Gestalt wie Klaus Block mit dem notwendigen Nachdruck klarmachen, was an der Verwendung des N-Wortes durch Weiße rassistisch ist (weil dadurch die längst nicht überwundenen rassistischen Verhältnisse, in denen dieses Wort geprägt wurde, sprachlich aktualisiert werden).

Aber das ist nicht gewollt. Es geht um etwas anderes. Man will sich nicht das Maul verbieten lassen, und vor allem die »geschätzten Mitbürger andersvölkischer Herkunft« (ja, so steht das da: völkisch) sollen nicht solche Umstände bereiten. Man will sich, gemäß dem eigenen Sprachgebrauch, keiner »Zensur« aussetzen. Ebensowenig wie man nicht antisemitisch sein kann, denn das sind höchstens ein paar weit entfernt in brandenburgischen Dörfern lebende Nazis, kann man nicht rassistisch sein, denn man tritt ja für die Meinungsfreiheit ein: Gegen politisch-korrekte Denkverbote, gegen die totalitäre »Spezies der Gutmenschen« (so ein weiterer Kommentar), gegen Orwellschen Neusprech. Von dem wird in solchen Zusammenhängen mit Vorliebe gefaselt. In den Kommentaren unter Körbers Post heißt es sogar: »Orwell würde sich im Grabe umdrehen! Neusprech wird Realität! Wer die Sprache der Menschen beherrscht, der beherrscht ihre Gedanken!« Das wird so emphatisch vorgetragen, dass man an den eigenen Sprech offenbar überhaupt keinen Gedanken mehr verschwendet, bevor man ihn herausbellt, denn ja, Orwell würde sich im Grabe umdrehen, aber deshalb, weil sein wirklich antitotalitäres (weil gegen den Machtanspruch totalitärer Staaten gerichtetes) Konzept des Neusprech vom deutschen Spießertum missbraucht wird, um sich in dem rassistischen und autoritären Mief, in dem es seit jeher beisammen hockt, gegenseitig auf die Schulter zu klopfen.

Aber rassistisch, autoritär oder gar totalitär sind letztlich immer die Anderen. Körbers Post wird auch von einem gewissen Michael Sonntag gewürdigt, der ein (in der Selbstbeschreibung so genanntes) »Blog für Anspruchsvolle« betreibt. In einem Post mit dem Titel »Rassebegriff beim Menschen« steht dort: »Vor einigen Jahren wurde offiziell verkündet, es gäbe keine unterschiedlichen Rassen bei der Spezies Mensch.« Offiziell verkündet, soso. Vom Biologieministerium wahrscheinlich. Auch hier ist man also antitotalitär. Man wehrt sich dagegen, dass einem das Rassengefasel verboten wird, und zwar um so eifriger, je offensichtlicher dieses Verbot ein lediglich halluziniertes ist. Mit Bezug auf den Thienemann-Verlag wird anklagend gefragt: »Wie weit geht der politisch korrekte Sprachfaschismus denn noch?« Während in der Augstein-Debatte allerorten versichert wird, Antisemitismus gäbe es nicht, nur bei den Nazis, und die seien weit weg, ist hier der Faschismus allgegenwärtig und allmächtig. Faschismus, das sind in Wahrheit die politisch Korrekten, die einem das N-Wort und den »Rassebegriff« verbieten wollen. Man selber ist dagegen in jedem Fall – Opfer.

Sonntag, 5. Februar 2012

Tanglewreck

Die Waise Silver wächst in ihrem uralten Familiensitz Tanglewreck in der Nähe von London auf, gegängelt und ausgebeutet von ihrem fiesen Vormund Mrs. Rokabye. Die Zeiten, in denen Silver aufwächst, sind im wahrsten Sinne seltsam, denn die Zeit selbst scheint aus den Fugen zu geraten: Mal läuft sie schneller, mal steht sie still. London wird regelmäßig von Zeittornados heimgesucht – wer in einen hineingerät, verschwindet aus seiner/ihrer Zeit. Unter diesen prekären Umständen interessieren sich sowohl der Alchimist Abel Darkwater als auch die eiskalte Konzernchefin Regalia Mason sehr für Silver, ihr Elternhaus und den geheimnisvollen Zeitwächter, der darin verborgen liegen soll. Die Frage ist eigentlich nur, wer von beiden mehr Unheil stiften kann: Darkwater mit seiner Magie oder Mason mit ihrer quantenphysikalischen Forschung.

Tanglewreck – Das Haus am Ende der Zeit liest sich ein bisschen so, als hätten Philip Pullman und Alan Garner sich regelmäßig zur gemeinsamen Foucault-Lektüre getroffen, nebenher ein wenig über Quantenphysik diskutiert und schließlich ein Buch geschrieben. Silver und Regalia Mason erinnern schon mehr als nur ein wenig an Lyra und Mrs. Coulter aus His Dark Materials, und an einer Stelle von Tanglewreck wird wie nebenbei Alderley Edge erwähnt, der mythisch aufgeladene Handlungsort von Garners Debütroman The Weirdstone of Brisingamen. Aber Tanglewreck ist nichts weniger als ein Abklatsch, dafür schreibt Jeanette Winterson einfach zu gut und versteht es viel zu sehr, unbekümmert und je nach den Erfordernissen der Handlung zwischen Fantasy und SF hin- und herzuspringen.

Das Buch kocht förmlich über vor Ideen. Vieles klingt bereits an, was Winterson im ein Jahr später veröffentlichten The Stone Gods (2007) weiter ausgeführte – vor allem die Vorstellung eines nicht-determinierten Universums, in dessen Abläufe man durch Liebe intervenieren kann. Aber das 2006er Buch ist mitnichten nur ein Präludium. In Tanglewreck leben die flüchtigen Insass_innen der Irrenanstalt Bedlam in der Londoner Kanalisation, aus der Zeit gefallen und noch immer verfolgt von ihrem Anstalts-Albtraum, der für andere Menschen seit Jahrhunderten Vergangenheit ist, gegen Ende des Buches auf einem anderen Planeten als »Bethlehem-Klinik« aber eine unheimliche Wiederbelebung erfährt. Regalia Masons Megakonzern Quanta versucht die Zeit selbst zur Ware zu machen, während beständig sterbende und auferstehende »Quantenkatzen« als Haustiere verkauft werden. Und Killerkaninchen, ein Roboterhund sowie jede Menge Päpste kommen auch noch vor.

Für ein Jugendbuch ist das alles fast ein wenig zu viel. Es ist chaotisch, Nebenhandlungen verlaufen sich ins Nichts. Winterson macht erzählerische Sprünge, die Schwindel erregen können. Und doch ist jeder Satz aus ihrer Feder einfach unwiderstehlich, sprüht vor Charme und Witz. Meine Lieblingsstelle ist die, in der Abel Darkwaters Schläger versehentlich den Piraten Sir Roger alias Rotbart, der seit dem 16. Jahrhundert im Haus Tanglewreck gefangen sitzt, befreien und sogleich nach Piratenart von ihm gestellt werden:
»Antwortet vernünftig und ich lass Euch am Leben. Wer regiert das Land?«
Don Brutalo hielt es für ratsam, zu antworten. »Königin Elisabeth.«
Rotbart nickte und wirkte zufrieden. »Dann ist doch weniger Zeit vergangen, als ich befürchtet hatte. Es besteht noch die Chance, meine Freiheit und meinen Besitz wiederzuerlangen ...«
Das Lesen nicht zu knapp vergällt hat mir allerdings die Übersetzung von Monika Schmalz, die oft holprig und schwer verständlich ist. Gelegentlich kommt es sogar zu richtigen Patzern, bei denen man sich schwern vorstellen kann, dass sie aus dem Originaltext stammen – wenn es etwa heißt, dass jemand »an Händen und Füßen geknebelt« sei. Dieses Manko hat mich allerdings lediglich darin bestärkt, Wintersons Prosa bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit lieber wieder im Original zu genießen.

Tanglewreck – Das Haus am Ende der Zeit von Jeanette Winterson (335 Seiten) ist 2006 bei Bloomsbury erschienen und wurde von Monika Schmalz ins Deutsche übertragen.

Montag, 31. Oktober 2011

World Fantasy Award für Nnedi Okorafor

Nnedi Okorafor ist für Who Fears Death, ihren ersten Roman für Erwachsene, mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet worden. Wow! Bei der diesjährigen Nominiertenliste in der Kategorie »Bester Roman« hätten aber auch fast alle Nominierten den Preis verdient: Neben Okorafor standen u.a. Lauren Beukes, N.K. Jemisin, Guy Gavriel Kay und Karen Lord auf der Liste. Da konnte schlichtweg nichts schiefgehen! Dass die Wahl auf Okorafor gefallen ist, freut mich trotzdem besonders. Eine höchst verdiente Auszeichnung für eine tolle Autorin.

Dienstag, 23. November 2010

Sommerland

Michael Chabon ist ein Autor mit einem Zielgruppenproblem. Seit seinem hysterisch-realistischen Opus magnum The Amazing Adventures of Kavalier & Clay hat er, der sich zuvor in die minimalistisch-karge Prosatradition des 20. Jahrhunderts einordnete, eine YA-Fantasy, ein Sherlock-Holmes-Pastiche, einen Alternativweltroman (der prompt den Locus, den Hugo und den Nebula abräumte) und eine Michael Moorcock gewidmete Abenteuergeschichte veröffentlicht. Man muss sich das mal so richtig vor Augen halten: Chabon ist ein Pulitzer-Preisträger, der mit beachtenswerter Konsequenz – und in durchaus provokanter Haltung – auf dem Weg ist, ein Genre-Autor zu werden. Mit der Essay-Sammlung Maps & Legends, in der er stolz seine Vorliebe für Comics, Fantasy, Mythologie und viktorianische Gespenstergeschichten zelebriert – aber auch melancholisch über den Außenseiterstatus reflektiert, den ein solcher Weg und ein solches Bekenntnis mit sich bringen –, hat er auch gleich das passend-trotzige Manifest dazu geliefert. Putzig ist, dass die Kritik sich über diesen ostentativen Gestus mit dem Argument beklagt, Chabon habe doch für einen Roman über Superheldencomics den Pulitzer bekommen; er habe also kein Recht, sich als Underdog zu sehen. Aber ist es wirklich so, dass Chabons Genre-Switching keinenn Einfluss auf den Status eines Autors hat? David Anthony Durhams Feststellung etwa, seit er sich mit Pride of Carthage und Acacia der spekulativen Literatur zugewandt habe, ignoriere ihn das New York Times Book Review völlig, spricht in dieser Hinsicht Bände.

Aber kommen wir zu Sommerland, dem Buch, das hier rezensiert werden soll; die erste reine Fantasy, die Chabon veröffentlicht hat. Protagonist ist Ethan Feld, ein melancholischer Elfjähriger mit einem baseballvernarrten Vater und einer früh verstorbenen Mutter. Ethan selbst hat nicht viel Lust auf Baseball und spielt eigentlich nur seinem Vater zuliebe, der den Tod seiner Frau nur schwer verwindet. Viel lieber zieht Ethan sich an einsame Orte zuück, wo er sich »in seiner Einsamkeit beinahe glücklich« fühlen kann. Ethans Freundin, Jennifer T. Rideout, stammt aus einer indigenen Familie, muss sich jedoch damit herumschlagen, dass die indigene Präsenz auf der kleinen Insel vor der Küste von Washington, wo der Roman seinen Ausgangspunkt nimmt, schlicht geleugnet wird. Außerdem hat sie ein gespanntes Verhältnis zu ihrem Vater. Der Dritte im Bunde ist Thor Wignutt, ein Junge, der selbst nicht so recht weiß, was mit ihm los ist, und darum die für ihn einleuchtende Erklärung gefunden hat, dass er ein Cyborg sei.

Die drei Außenseiter-Kinder werden nun – wie könnte es anders sein – von Chiron Brown, einer Art kosmischem Baseball-Talentscout, rekrutiert, um in den mythischen Sommerlanden den Kojoten, den archetypischen Trickster der nordamerikanischen Mythologie, in einem großen Ragnarök-Baseballspiel zu besiegen. Der Kojote ist nämlich drauf und dran, die Welt inklusive der Sommerlande zu vernichten, um daraufhin in einem Akt prometheischer Selbstschöpfung das All rein aus seinem Geiste neu zu schaffen: das Universum als Ego-Trip.

So weit, so gewöhnlich. Der Spaß, den man mit Sommerland haben kann, liegt aber woanders. Ähnlich wie Neil Gaiman greift er zahlreiche Mythen und Sagengestalten auf – nicht um sie zu systematisieren (das tun viele Fantasy-Autor_innen, und meist ist es ziemlich langweilig), sondern um sie in ihrer faszinierenden Eigentümlichkeit aufblitzen zu lassen, durcheinanderzuwürfeln und an jeder Ecke lauern zu lassen. Chabons Hauptquellen sind die skandinavische und die nordamerikanische Mythologie, aber es kommen auch ganz andere Gestalten vor, wie beispielsweise das zentralamerikanische Gespenst La Llorona, dessen Geschichte ich in Guatemala (in zwei verschiedenen, gleichermaßen wahren, aber perspektivisch völlig unterschiedlichen Fassungen) kennengelernt und jetzt also unverhoffterweise in einem Chabon-Roman wiedergetroffen habe. Das alles ist ziemlich faszinierend, und, wenn man sich (so wie ich) mit nordamerikanischer Folklore nicht auskennt, nicht zuletzt auch verwirrend. Die englischsprachige Wikipedia gibt einige hilfreiche Informationen zu Chabons diesbezüglichen Quellen. Man kann sich also nach dem Lesen lustvoll dem Spaß des Mehrdarüberwissenwollens hingeben.

Die Stärke des Romans liegt in der Glaubensfestigkeit, die er vermittelt, in der Einsicht, wie wunderbar es ist, spinnen zu dürfen. Kleine Gegenstände neigen einfach dazu, in irgendwelche Ritzen zu fallen und zu verschwinden? Blödsinn! Fehlende Socken, abgerissene Knöpfe, Kleingeld aus der Hosentasche werden in Wirklichkeit von Ferischern gestohlen, kleinen, wett- und sammelgierigen Wesen, die die erbeuteten Schätze in ihren Elfenhügeln horten. Bigfoot ist nur ein Typ in einem Affenkostüm? Das kann sich ja einbilden, wer will, ich jedenfalls glaube fest daran, dass auf dem verwackelten Film aus dem Jahre 1967 tatsächlich der Sasquatch aus den Wäldern zu sehen ist. Oder kann man sich eine platt-rationalistischere Erklärung für die riesigen Saugnapf-Narben auf den Rücken von Pottwalen vorstellen als die Behauptung, die Wale würden in ihrer Jugend von relativ kleinen Tintenfischen angegriffen und die Narben dann im Laufe ihres langen Tiefseelebens mitwachsen? Wie schön und schrecklich ist dagegen die Vorstellung dreißig Meter langer Riesenkalmare, die gegen die Wale gewaltige unterseeische Schlachten schlagen! Eine suspension of disbelief im Wortsinne ist das wohl nicht, sondern einfach der Wunsch, bei der allgegenwärtig anfälligen Interpretation der Wirklichkeit auch wirklichen Spaß zu haben ...

Die Queste-Handlung von Sommerland dümpelt dagegen oft genug vor sich hin. Sie besteht darin, dass Ethan, Jennifer T. und Thor, verstärkt durch eine Reihe von Fabelwesen, auf ihrem Weg durch die Sommerlande ein Baseballspiel nach dem anderen bestehen müssen, bis sie endlich dem Kojoten und seinen blutrünstigen Heerscharen entgegentreten können, und bildet eigentlich nur den Anlass, ein Mythologem nach dem anderen einzuführen, sie geschickt zueinander in Beziehung zu setzen (was sonst ist Mythologie?) und in ihrer Schönheit und Gefährlichkeit glänzen zu lassen. Das gibt Chabon auch unumwunden zu, wenn er einen seiner Charaktere sagen lässt, dass ein Baseballspiel eigentlich nur dafür gut sei, Aufmerksamkeit auf die Kadenz eines langen Sommernachmittags zu lenken. Das beschreibt perfekt die Funktion des Plots in diesem Buch.

Stilistisch hat mich Sommerland nicht so hin- und weggerissen, wie Chabon das normalerweise tut – was wahrscheinlich daran liegt, dass ich zum ersten Mal ein Buch von ihm in deutscher Übersetzung gelesen habe. Es muss eine harte Nuss sein, Chabons komplexe Prosa in eine andere Sprache zu übertragen. Mit den Originalen ist man bei Chabon vorläufig wohl besser bedient. In Sommerland bedient er sich mit einiger Begeisterung der typischen Stilmittel klassischer Fantasies und Abenteuergeschichten für Kinder (Hauptinspiration für den Roman ist wohl Susan Coopers The Dark Is Rising), wie z.B. die direkte Ansprache der Leser_innen. Durch gewisse inhaltliche Akzentpunkte, die Chabon setzt, reflektiert er jedoch auch die Ausblendungen und Augenwischereien, die Kinder- und Jugendliteratur häufig unerträglich machen. Chabons Charaktere jedenfalls müssen pinkeln, werden im Laufe ihrer Queste immer ungewaschener, nehmen ihre eigenen Körper und die der anderen war. Mädchen, die gerettet werden müssen, sind weit und breit nicht zu entdecken. Und Gewalt ist ... eher ziemlich fies und keine ambivalenzfreie Problemlösung. Eindrücklichstes Beispiel: Der Kojote will mit seiner Armee von Werwölfen eine befestigte Stadt von Riesen auf seine Seite ziehen. Dies erreicht er, indem er in eiskaltem Verrat die Riesen ein splatteriges Schlachtfest unter ihrer Lieblingsbeute, den arglosen Werwölfen, anrichten lässt. Eine Szene, die mich als Kind ganz schön beunruhigt hätte.

Fazit: Nach der gewaltigen Metafiktion von Kavalier & Clay ein Buch, dass für den Autor sichtlich ein Wagnis und die Erfüllung eines Traums darstellte. Andere Romane Chabons mögen bedeutender sein, dafür ist dieses hier grundsympathisch. Man merkt dem Autor an, dass er beim Schreiben gelegentlich unsicher war, wie er mit seiner sprühenden Fantasie umgehen sollte. Ein klein wenig Systematisierung braucht eine rundum gelungene Fantasy halt doch, damit die Leser_innen sich darin zurechtfinden können. Ist das gegeben, braucht man auch nicht mehr auf allzu abgegriffene Queste-Handlungen zurückzugreifen. Chabon beabsichtigt, zwei Sequels zu Sommerland zu schreiben – wie könnte es anders sein – und wird somit Gelegenheit haben, seine durch den Auftaktband sicherlich geschärften Skills als Fantasy-Autor unter Beweis zu stellen.

Sommerland von Michael Chabon ist 2002 bei Hanser und 2005 als Taschenbuch (478 Seiten) bei BvT erschienen. Die Übersetzung besorgte Reiner Pfleiderer. Für Ahnungslose wie mich ist hinten im Buch eine kurze Beschreibung der Baseball-Regeln und ein Glossar abgedruckt. Ich bin mir aber immer noch nicht sicher, ob ich’s kapiert habe.

Dienstag, 7. September 2010

Märchenmond II

Weiter geht's mit meinem Wolle-H.-Leseprojekt:

S. 112: Die Truppen des Bösewichts Boraas (die mit dem principle of evil swordsmanship) werden im Roman meist als »die Schwarzen« bezeichnet. Nähere Beschreibung eines von ihnen: »Der Körper [...] war nicht menschlich. Schwarzes, drahtiges Haar bedeckte einen muskulösen, affenartigen Körper. Kim schauderte, als er die gebogenen Klauen an den Händen sah. Das Gesicht war flach und ausdruckslos...« Schwarze sind Affen sind böse? Geh denken, Wolle.

S. 113ff.: Kim ist wirklich ein Held. In kürzester Zeit lernt er reiten wie ein Apatsche.

S. 128ff.: Die Truppen des Bösen leiden anscheinend auch an einem principle of evil horsemanship. Im Vergleich zu Kims neuerworbenen Reitkünsten machen sie zu Pferde jedenfalls einen ziemlich belämmerten Eindruck.

S. 134: Nachdem er Boraas' Häschern entronnen ist, ruht sich Kim eine Woche lang bei einer Dachsfamilie aus. Dachse heißen in Märchenmond Taks. Bleibt zu hoffen, dass nicht auch noch Wuckinger und Salazenen auftauchen...

S. 139: Kim ist der Auserwählte. Warum, wird nicht erklärt.

Generell ist zu bemerken, dass die Hohlbeins anscheinend entschlossen sind, kein Klischee auszulassen. Angenehmerweise aber ist das Erzähltempo konstant hoch, so dass man auch weiterhin nicht von ausführlichen, von vornherein zum Scheitern verurteilten Charakterzeichnungen genervt wird. Und ach ja, ganz vergessen: Die von mir benutzte Edition von Märchenmond ist eine 2002 bei Ueberreuter in Wien erschienene Sonderausgabe.

Samstag, 4. September 2010

Märchenmond I

Die deutsche Fantasy hatte über lange Jahre hinweg ein Problem, das Wolfgang Hohlbein hieß. Der Mann veröffentlichte in manchen Jahren ein Buch pro Monat, recyclete Plots, wärmte die — in der Fantasy selten allzu fernliegende — Gut-Böse-Dichotomie wieder und wieder neu auf und wurde gelesen, gelesen, gelesen. Es ist klar, dass man in Deutschland ein Vielschreiber sein muss, um als hauptberuflicher Fantasyautor leben zu können, und Hohlbein perfektionierte die Vielschreiberei geradezu, indem er sie als Familienunternehmen aufzog. Eine ganze Generation von Leser_innen fand durch das Jugendbuch Märchenmond, von Hohlbein gemeinsam mit seiner Frau Heike verfasst, zur Fantasy. Nach der Lektüre von Märchenmond teilten sich dann in der Regel die Geister: Während die einen auf Hohlbein schwören, ergebene Fans bleiben und die Vielschreiberei ihres Herrn und Meisters geradezu als Qualitätsmerkmal betrachten,* waren die anderen des vierten oder fünften Aufgusses — vom jugendlichen Helden, der Gut und Böse kennenlernt — irgendwann überdrüssig und entdeckten, dass es Fantasy jenseits von Hohlbeins gibt.

Nun soll es hier nicht um die Frage gehen, ob Hohlbeins Werk nur schlecht ist, oder ob der Mann sein Talent totgeschrieben hat. Für mich ist vielmehr interessant, welche Wirkung er auf das Genre in Deutschland ausübte. Märchenmond ist — vielleicht mehr noch als Die unendliche Geschichte — das Buch, das gewissermaßen die Fantasy in Deutschland als eigenständiges Genre etablierte, auch wenn es technisch gesehen schon vorher deutschsprachige Fantasies gab. Wahrscheinlich haben heute andere Bücher (von Hennen oder Hardebusch) diese auslösende Rolle eingenommen, die Massen junger Leser_innen dazu bringt, sich mit Fantasy als Genre zu befassen. Aber Märchenmond stellt in dieser Hinsicht doch eine Pionierleistung dar, die auch viele, die längst mit anspruchsvollerer Literatur beschäftigt sind, weiterhin eine gewisse Wertschätzung dem Buch gegenüber empfinden lassen.

Mir geht es übrigens anders. Ich habe Märchenmond nie gelesen, und meine beginnenden Fantasy-Leseerfahrungen waren neben Tolkien eher von T.H. White, Richard Adams, Lloyd Alexander und Marion Zimmer Bradley geprägt. Und genau deshalb lese ich es heute, aus literaturgeschichtlichem Interesse quasi, und bin dabei auf die bescheuerte Idee gekommen, eine Art Leseprotokoll anzufertigen.** Und damit fange ich jetzt auch gleich mal an. Massive Spoiler werden natürlich kaum zu vermeiden sein.

Wie ist das Ausgangsszenario? Der präpubertäre Protagonist Kim beschäftigt sich lieber mit strunziger Military SF, als seine Hausaufgaben zu machen. Für Märchen und Sagen hat er nichts übrig, die sind für kleine Mädchen. Nun liegt aber Kims vierjährige Schwester im Koma, weil ihr Geist in einer Sekundärwelt namens Märchenmond festgehalten wird und nicht in ihren Körper zurückkehren kann (scheint mir ein reichlich dualistisches Konzept zu sein). Also muss Kim nach Märchenmond reisen, um seine Schwester zu befreien. Da wird er wohl am Ende gelernt haben, dass Märchen für alle da sind, nicht nur für kleine Mädchen, schätze ich.

Einige Punkte, die mir als protokollierenswert aufgefallen sind:

S. 28: Kims Mutter ist Hausfrau. Kims Vater nimmt sich auch dann nicht von der Arbeit frei, wenn seine Tochter im Koma liegt, weil er im Büro besser abgelenkt ist. S. 32: Kims Mutter deckt den Tisch zum Abendessen, Kims Vater sitzt derweil am Fenster und raucht. Nachher spült sie das Geschirr, während er fernsieht. Bei Hohlbeins ist die Welt noch in Ordnung.

S. 40: Der Zauberer Themistokles, der Kim auffordert, nach Märchenmond zu kommen, ist »Gandalf, Merlin und der Mann im Mond«. Sagt er selber. Klar, keine Fantasy für Jugendliche ohne Mentor.

S. 71f.: Der Zauberer Boraas, der Kims Schwester gefangenhält, ist ein Bösewicht. Das merkt man gleich daran, dass er schwarze Kleidung trägt und blaue, knisternde Blitze mit den Händen verschießt. Außerdem legt er Kim dringlich nahe, ihn zu hassen, und der Hass ist natürlich die stärkste Waffe des Bösen.

S. 79: Kim ist ein Held, denn wenn es drauf ankommt, handelt er »rein instinktiv« und macht Boraas' gepanzerte und schwer bewaffnete Gardisten im Akkord platt. Die leiden aber auch an einem besonders schweren Fall des principle of evil marksmanship (wobei, in diesem Fall eher evil swordsmanship), dass sie sich von einem Dreizehnjährigen, dessen Kampferfahrungen sich auf Auseinandersetzungen über nicht gemachte Hausaufgaben beschränken, so dermaßen übers Knie legen lassen.

So weit die erste Protokollrunde. Bis jetzt geht Märchenmond mir ja ganz gut runter. Ist irgendwie nett, als ob man einen Heftroman läse. Auf anstrengende, von vornherein zum Scheitern verurteilte Versuche, Charaktere und Stimmungen zu schildern, verzichten die Hohlbeins dankenswerterweise. Statt dessen gibt's flotte Plotentwicklung. Ich melde mich dann wieder, wenn ich weitergelesen habe.

* Unglaublich, aber wahr: Siehe hier eine Rezension zu Die Nacht des Drachen.
** Eine Rezension zu Märchenmond zu schreiben wäre wohl ein eher müßiges Unterfangen.

Sonntag, 24. Mai 2009

Lyra

Kürzlich habe ich nochmal His Dark Materials von Philip Pullman gelesen, diesmal auf Englisch – das hat schonmal den Vorteil, dass ich mich bei der Lektüre nicht wundern muss, warum landloper mit »Landloper« ›übersetzt‹ wurde, statt mit »Landratten« … außerdem sind die Dialoge angefüllt mit allerlei schönen Dia- und Soziolekten.

Und noch einmal lässt mich die Lektüre etwas ratlos zurück. Zugegebenermaßen weniger ratlos als nach dem ersten Lesen, da ich jetzt einen ausreichenden Überblick über die Funktionsweise von Pullmans Zweitschöpfung habe, sozusagen genug von »experimenteller Theologie« verstehe. Sogar der Verweis auf The Alamo ist mir diesmal aufgegangen, obwohl ich sonst ziemlich blind bin gegenüber Intertextualität und anderen Verweisen.

Auch mit Pullmans manchmal kindisch, fast schon lächerlich wirkenden antiklerikalen und antireligiösen Eskapaden habe ich mich inzwischen abgefunden. Persönlich angegriffen habe ich mich sowieso nie gefühlt – Pullmans Bild von der Kirche hat nicht viel mit der realen Kirche zu tun, und Pullmans »Gottesbild« hat nichts mit meinem persönlichen Gottesbild zu tun. Ich wundere mich natürlich, ob Pullman sich bewusst ist, wie viele soziale Aufgaben »die Kirche« übernimmt, also wie wichtig die Arbeit lokaler christlicher Gemeinden ist.

Und auch wenn dieser Einstieg recht negativ klingen mag, bleibt doch die Tatsache, dass ich die eintausend Seiten verschlungen und genossen habe, mitgefiebert und mir vor Spannung den Bart gerauft habe. Nach meinem Verständnis von guter Literatur sind damit die wichtigsten Kriterien für einen ›großen Wurf‹ eindeutig erfüllt!

Warum also weiß ich immer noch nicht, was ich mir aus His Dark Materials machen soll? Einerseits liegt dies wohl in der Absicht des Autoren, da er am Ende die Charaktere gleichsam durch eine Tür abtreten lässt, die er nur einen Spalt weit öffnet, durch den ein Schimmer fernen Lichts fällt, und durch den wir für einen kurzen Augenblick eine weit offene Zukunft erahnen.

Aber auf den Grund, warum ich dieses Mammut von einer Geschichte innerhalb weniger Tage gefressen habe, kann ich immer noch nicht mit dem Finger zeigen – trotzdem versuche ich es: Lyra.
Lyra lügt. Lyra kämpft wie eine Katze. Lyra ist mutig. Lyra hat Charme. Lyra ist trotzig. Lyra ist unbeirrbar. Lyra ist … Lyra eben. Die Geschichte wird getragen von Lyra – sofern Lyra sie denn zu tragen vermag.

Ich vermute, Lyra muss eine rather overwhelming personality haben, die sehr für sie einnimmt. Denn an diesem Punkt versagt Pullmans Kunst für mich – ich lese davon, dass Lee Scoresby und Iorek Byrnison und Serafina Pekkala für Lyra in den Kampf ziehen und bereit sind, für sie zu sterben – aber ich kann nicht ganz nachfühlen, warum. Ich lese davon, welchen Eindruck Lyra auf die Leute macht, die sie trifft – aber mich beeindruckt sie nicht genauso sehr. Liegt das nur an mir? Oder liegt es daran, dass Pullman es nicht so recht schafft, Lyra lebendig vor mein inneres Auge treten zu lassen?

Diesmal stieß mir bei der Lektüre besonders übel auf, wie Lyra von Will in kürzester Zeit gezähmt wird. Dieselbe Lyra, die schon Panzerbären und dem Magisterium die Stirn geboten hat, verhält sich plötzlich Will gegenüber larmoyant und unterwürfig wie ein Haustier. Hat sie etwa die ganze Zeit nur darauf gewartet, ihr burschikoses Gebaren über Bord und sich in die Arme eines männlichen Retters werfen zu können? Ich kann mir nicht helfen, das fand ich enttäuschend.
Und am Ende kann Lyra nichteinmal mehr Lügengeschichten erzählen. Was bleibt da noch von der Lyra, die alle lieben?

Immerhin, sie bleibt ein kleines Mädchen, das in die Unterwelt hinabsteigt und die Toten aus ihrer Gefangenschaft befreit – und zwar nur, weil sie ihren besten Freund verraten zu haben glaubt. Worüber ich als Leser mindestens genauso staune und lache wie Asriel. Pullmans Trick, religiöse Mythologie auf die Ebene der Fantasy herunterzuziehen, damit Gott an Altersschwäche sterben kann und lebende Menschen das Reich der Toten bereisen können, funktioniert soweit. Aber dazu muss Lyra auch teilweise zu einer mythischen Figur werden, und in Gefahr geraten, dem Leser verloren zu gehen.

Lyra also ist das Herz und die Seele der Geschichte, was Kate Bush recht schön in ihrem Titellied des Films Der Goldene Kompass ausdrückt.
Genau genommen glaube ich, dass auch Scoresby und Iorek nicht wissen, warum sie Lyra lieben. Wieso sollte ich also wissen, warum ich ihre Geschichte liebe?

Donnerstag, 9. April 2009

Der Potterjunge und seine Klone

Alle sieben Bände sind veröffentlicht, das dritte Spin-off ist rausgehauen, nun stehen uns nur noch zwei mediokre Filme ins Haus. Dumbledores Coming-out ist auch schon eine Weile her, und so ist die allgemeine Aufregung abgeflaut. Zeit für mich, so dachte ich, mal einen historiografisch motivierten Blick in eine der zahlreichen phantastischen Internatsromanserien der letzten Jahre zu werfen. Zunächst lernte ich, dass im Kielwasser von Joanne K. Rowlings Harry Potter unter anderem Angie Sages Septimus Heap, Peter Freunds Laura Leander, Georgia Byngs Molly Moon und Jenny Nimmos Charlie Bone ihre schattenhafte Existenz fristen ...

... und entschied mich spontan für letzteres. Die Titelillustration stammt anscheinend aus der selben Hand wie die der deutschen HP-Ausgabe. Wenn schon Potter-Klon, dann richtig, dachte ich mir. Charlie Bone heißt im Original Children of the Red King und umfasst bislang sieben Bände.

Ich schlug den ersten Band Charlie Bone und das Geheimnis der sprechenden Bilder auf, freute mich ein wenig über den schön mythisch-atmosphärischen Einstieg, las 200 Seiten und dachte währenddessen, dass das ja eigentlich eine ganz nette, auch eine HP-vergleichsweise eigenständige und eingängige Lektüre ist. Tja, und dann war Schluss. Charlie kam zum ersten Schultag in sein Internat, lernte einige MitschülerInnen (darunter die obligatorischen Piesacker) sowie exzentrische Lehrkräfte kennen, und ich hatte keinen Bock mehr.

Ich stellte fest, dass mich diese Schulquerelen einfach nicht interessierten, und ich folgerichtig nicht die geringste Lust hatte, weiterzulesen. Ach ja. Manche Dinge funktionieren anscheinend nur einmal. Also Schluss damit.

Charlie Bone und das Geheimnis der sprechenden Bilder (352 Seiten) von Jenny Nimmo ist 2003 bei Ravensburger erschienen. Die Übersetzung stammt von Cornelia Hohlfelder-von der Tann.

Donnerstag, 26. März 2009

Fantasy macht dumm: 2. Runde

Meine Zustimmung auch zu dieser Polemik des Herrn Plischke, die sich diesmal gegen einen Artikel von Armgard Seegers im Hamburger Abendblatt richtet.

Mich hat gleich aufgeregt, wie die Autorin die Beschäftigung mit Phantastik pauschal als infantilen Regress abtut. Besonders dieses – ich fasse paraphrasierend zusammen – »für Kinder ist die Welt bekanntlich in Ordnung, und deshalb wollen Erwachsene wie Kinder sein« ist absolut brechreizerregend. Und es scheint pünktlich zum letzten Amoklauf richtig in Mode zu kommen, Fantasy mit Computerspielen gleichzusetzen. Da können wir uns ja noch auf was gefasst machen ...

Nicht neu, eher sattsam bekannt, ist dagegen die fein säuberliche Unterteilung in Hochliteratur und Unterhaltungsliteratur, wobei erstere als ›realistisch‹ codiert wird und letztere als ›phantastisch‹, was wiederum als gleichbedeutend mit realitätsfernem Heile-Welt-Gesäusel angesehen wird. Im Unterschied zu vergleichbaren Feuilleton-Ergüssen wird hier allerdings Kinder- und Jugendliteratur generell als Schund abgetan, während man früher gelegentlich den realistisch-sozialkritischen Jugendbüchern eines Max von der Grün, Josef Reding oder Peter Härtling zumindest einen wohlwollenden Seitenblick zuwarf.

Dienstag, 17. März 2009

Die wilde Weinhart und ihre sagenhaften Serientäter

Thomas Plischke hat in seinem Blog einen trefflichen Kommentar zu Susanne Weinharts kürzlich in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Ergüssen über unser aller Lieblingsliteratur abgeliefert. Da – im Bibliotheka-Phantastika-Forum – im Namen des Autors um Verbreitung des Kommentars gebeten wurde, setze ich doch gleich mal mit Vergnügen einen Link dorthin. Es ist wohl nicht übertrieben, wenn man annimmt, dass Weinharts Geschreibsel einen vorläufigen Tiefpunkt der Fantasy-Rezeption in den deutschen Qualitätszeitungen markiert. Selten so viel Unsinn, Unwissenheit und Unkenruferei (ja ja, nicht nur bayrische Feuilletonistinnen können beknackte Alliterationen zustande bringen ...) in einem Artikel versammelt gesehen. Mein aufrichtiger Dank geht deshalb an Herrn Plischke, der sich die Mühe gemacht hat, tief in diese dämmerigen Grüfte des Geistes hinabzusteigen, um sie bissig und treffsicher zu kommentieren.

Dienstag, 3. März 2009

Nachtrag zu einer Kontroverse: Erinnert sich noch jemand?

Wohl eher nicht. Vor etwa einem Jahr fand die Kontroverse um das religionskritische Kinderbuch Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel von Michael Schmidt-Salomon (Text) und Helge Nyncke (Illustrationen) statt. Am 6. März 2008 lehnte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien den Indizierungsantrag des Bundesfamilienministeriums ab und ließ die Debatte damit in der Vergessenheit versinken.* Im Rahmen der medialen Auseinandersetzung, die sich um den Indizierungsantrag entspannte, erhielt das Buch ein vielfaches der Aufmerksamkeit, die es aufgrund seiner ästhetischen Qualität eigentlich verdient hätte.

Die kritische Diskussion um die Qualität des Schmidt-Salomonschen Machwerks geriet durch die Kontroverse natürlich ins Hintertreffen, verschwand aber dankenswerterweise nicht ganz. Die ideologisch schlichten und intellektuell dünnen Grundannahmen, auf denen das Buch steht, wurden verschiedentlich durchaus bemerkt. Da ich die Debatte ob des latenten Widerwillens, den ich der vulgären Religionskritik, wie sie derzeit en vogue ist, entgegenbringe, nicht mit ungebrochener Aufmerksamkeit verfolgt habe, kann ich leider nicht sagen, ob auch der erste Kritikpunkt, den ich im Zusammenhang mit dem Buch habe, angesprochen wurde. Dieser Kritikpunkt entspricht mehr oder weniger dem, den ich im Zusammenhang mit Richard Morgans Polemik gegen Tolkien angebracht habe: Literatur für Kinder scheint in weiten Kreisen für etwas irgendwie und auf welche Weise auch immer minderbemitteltes gehalten zu werden. Bei Morgan äußert sich das in der Form, dass er Kinderbücher pauschal unterstellt, auf eine simplifizierende, keine Grautöne zulassende Darstellung von Gut und Böse angewiesen zu sein.

Schlimmer noch, weil dümmer, verhält sich in dieser Sache Schmidt-Salomon. Es gibt zwei Todsünden, die man im Spannungsfeld zwischen Kinder- und Erwachsenenliteratur begehen kann: Erstens, man beschließt, ein Buch für Erwachsene als Kinderbuch zu vermarkten (wie es zahlreichen Klassikern von Swift und Defoe bis hin zu Poe und Melville geschehen ist) und perpetuiert so die landläufige Meinung, dass für Schund gehaltene Erwachsenenbücher für Kinder gerade noch gut genug seien; und zweitens, man schreibt und veröffentlicht ein Buch, das formal als Kinderbuch gestaltet ist, sich in Wahrheit aber, über die Köpfe seiner jugendlichen LeserInnen hinweg, mit einem dümmlichen Augenzwinkern an Erwachsene richtet.** Letzterer Todsünde hat Schmidt-Salomon sich schuldig gemacht. Denn Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel ist nur vordergründig eine Geschichte über Schweinchen und Igel, die etwas interessantes erleben – eigentlich aber eine recht plump gehaltene Allegorie mit hölzerner Polemik, die wohl nur ebenso gehirnamputierten wie erwachsenen Brights Begeisterungsstürme entlocken kann.

Über die einzelnen allegorischen Darstellungen (sich prügelnde Geistliche als Sinnbild für Religionskriege etc.) will ich mich nicht weiter auslassen. Bemerkt sei nur, dass das allegorische Element auch in den Illustrationen vorhanden ist, wenn etwa der Zugang zu den Gotteshäusern der drei großen monotheistischen Religionsgemeinschaften als verwirrender Irrgarten gezeigt wird.*** Schwer zu glauben ist jedenfalls, dass den Autoren des Buches nicht klar gewesen sein soll, dass die Form der Allegorie Kindern, die Geschichten um der Geschichte willen lieben, in der Regel nicht zugänglich ist. Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel stellt schließlich Fragen, die Kinder nicht stellen, und befriedigt Bedürfnisse, die Kinder nicht haben. Eher ist doch anzunehmen, dass Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel den wohlfeilen Versuch darstellt, in auch schlichtesten Gemütern zugänglicher Form primitiv-antireligiöse Klischees zu verbreiten. Die Verkaufszahlen des Buches geben diesem Versuch recht. Aber auch nur diese.

Nun zum zweiten Kritikpunkt: Sehen wir uns die Darstellung der monotheistischen Religionen ein wenig näher an, so rechtfertigen diese allerdings den Verdacht auf Antisemitismus, dem Schmidt-Salomon und Nyncke sich ausgesetzt sahen. So bleibt es in dem Buch vor allem dem Rabbi vorbehalten, Gott als sadistischen Wüterich zu verkündigen, damit dem antijudaistischen Stereotyp vom alttestamentarischen Rachegott Vorschub leistend. Zudem zeigt Schmidt-Salomon sich als auf blamable Weise uninformiert über die jüdische Religion, wenn etwa eine Synagoge als »Tempel« bezeichnet oder behauptet wird, diese dürfe nur von jüdischen Menschen betreten werden. Auch dies letztere ist ein alter Topos antisemitischer Agitation, der die Abgrenzung der Juden gegen die Mehrheitsgesellschaft mit einem angeblichen jüdischen Überlegenheitsgefühl erklären und damit die Ghettoisierung und Stigmatisierung, der sich das jüdische Volk jahrhundertelang ausgesetzt sah und noch sieht, verschleiern will. Ob Schmidt-Salomon solche Ressentiments absichtlich oder unbewusst bedient, muss ich hier offenlassen. Schlimm ist allein schon ihr Vorhandensein. Ähnlich ignorant wie das Judentum wird der Islam abgehandelt. Schmidt-Salomon scheint in Bezug auf diesen ähnlich unwissend zu sein wie in Sachen jüdische Religion: Seinen Mufti lässt er behaupten, man müsse Muslim werden, um Gott kennenzulernen, was nicht gerade für Schmidt-Salomons Korankenntnis spricht.****

Die derzeit von Autoren wie Richard Dawkins und Christopher Hitchens popularisierte, von Gruppen wie den Brights und der Giordano-Bruno-Stiftung vertretene weltanschaulich motivierte Religionskritik wurde durch Schmidt-Salomons und Nynckes Buch insofern auf eine neue Ebene erhoben, als dass sie antisemitische Stereotypen in einer Form aufnimmt, die an Deutlichkeit kaum zu wünschen übrig lässt. Vor diesem Hintergrund erscheint der Indizierungsantrag des Bundesfamilienministeriums plötzlich gar nicht mehr so absurd, wie beklagenswert lächerlich die Argumentation des Antrags im einzelnen auch sein mag. Um zu dieser Annahme zu kommen, ist es gar nicht mal nötig, das Buch in eine Reihe mit Stürmer-Karikaturen zu stellen, wie einige VertreterInnen von Religionsgemeinschaften und Medien es vorschnell (und weitgehend ungerechtfertigt) taten.

Ebenso bleibt aber zu konstatieren, dass der Antrag dankenswerterweise abgelehnt wurde. Denn neben allen generellen Vorbehalten gegen Zensur (die die Indizierung immer auch ist), wäre das Buch, einmal auf dem Index gelandet, nur unnötig aufgewertet worden. Noch immer ist der antireligiös-fundamentalistische Naturalismus, wie Schmidt-Salomon, seine Stiftung und die gegenwärtige religionskritische Bewegung ihn vertreten, eine – wenn auch lautstarke – Minderheitenposition, die bislang an der Indifferenz der Mehrheit gegenüber religiösen Fragen nichts ändern konnte (daher der Titel dieses Eintrags). Es wird aber auch deutlich, dass der jeglicher Dialektik abholde Aufklärungsfundamentalismus, wie gerade die grenzdebil-verblödeten, oft ihrerseits gegen jegliche Kritik immunisierten ReligionskritikerInnen ihn vertreten, kein Verbündeter in der Auseinandersetzung mit religiösem Fundamentalismus und Obskurantismus ist, sondern im Gegenteil diesem an Intoleranz und Vorurteilsbeladenheit nur wenig nachsteht. Eine seriöse, nicht an intellektueller Verflachung leidende Religionskritik, die auch außerhalb akademischer Kreise diskutiert wird, ist dagegen verzweifelt vonnöten.

* Eine Zusammenfassung bietet der Wiki-Artikel.
** Womit natürlich nicht gesagt ist, dass ein Buch auch Kindern und Erwachsenen gleichermaßen – oder auf je unterschiedliche Weise – zugänglich sein kann. Bestenfalls ist das so.

*** Die Illustrationen zu dem Buch können hier betrachtet werden.
**** Zu den strukturellen Ähnlichkeiten von »Israelkritik« und »Islamkritik« vergleiche diesen lesenswerten Artikel auf haGalil.com. Auch in der Darstellung des (katholischen) Christentums durch Schmidt-Salomon sind bemerkenswerte Kontinuitäten zu antisemitischen Mythen erkennbar: Bekanntlich wurde dem Judentum traditionell die Schlachtung christlicher Kinder vorgeworfen, um aus ihnen Hostien herzustellen. Ein ähnlicher Kannibalismusvorwurf wird im Buch gegen das Christentum erhoben.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.