Die Untoten ist eine thematische Anthologie, die sich – anders als das Zombie-Beatles-Titelbild vermuten lässt – nicht nur der verwesenden, Gehirne fressenden Variante der Untoten widmet. Die Einleitung verspricht die ganze Bandbreite: »Geister, Gespenster, Ghule, Vampire und Zombies«. Die meisten der Geschichten erscheinen hier zum ersten Mal.
Die Ausnahme bildet »Stürmische Zeiten« von Bernhard Hennen, eine bereits in Wolfgang Hohlbeins Fantasy Selection 2001 gedruckte Story. Ähnlich wie Hennens Roman Nebenan handelt es sich um eine Art Campus-Fantasy. Hennen variiert das Motiv von der verführerischen Wiedergängerin, die in diesem Fall aber, wenn man es genau nimmt, gar keine Untote ist, sondern ein übernatürliches Wesen. Mein Fall ist »Stürmische Zeiten« nicht gerade, schon beim Erstabdruck nicht, und daran hat sich auch durch die erneute Lektüre nicht viel geändert. Schreiten wir also voran zu den Originalbeiträgen.
Thomas Plischkes »In Wort und Bild«, mehr eine Novelle als eine Kurzgeschichte, gefällt mir schon besser. Plischke greift moderne Mythen wie den von den geheimen Rückwärtsbotschaften auf Schallplatten auf und verbindet sie mit Spuk und Mord. Leider wirkt die Hauptfigur vom Typ »abgehalfterter Künstler, der traumatisches Erlebnis nicht verarbeiten kann« nicht sonderlich auf mich. Insgesamt bin ich mir nicht sicher, ob die für mich interessanten Aspekte in dieser Geschichte überwiegen oder nicht. Gern gelesen habe ich sie trotzdem.
»Stimmen, wehend leicht wie der Meereswind« von Christoph Marzi hält, was der Titel verspricht: Kitschmetaphern, die geballte Ladung. Da wird geschwiegen, »als sei es ein Schrei«. Die See ist das, »was sie immer war: tiefer, als man blicken kann«. Erinnerungen sind immer ein kostbarer Schatz, Tränen fließen immer heiß über das Gesicht, die Sonne taucht die Landschaft in warmes Gold und Hände sind wettergegerbt, aber zärtlich. Mit Marzis Schreibe werde ich wohl nie warm werden.
Oliver Dierssens »Akerbeltz« wirkt wie ein Seitenstück zu seinem Debütroman Fledermausland. Das ist schade, denn mit Fledermausland konnte ich (anders als mit Dierssens zweitem Roman, der YA-Fantasy Fausto) nicht viel anfangen. So sagt mir auch »Akerbeltz« nicht sonderlich zu. Wer allerdings Fledermausland mochte, wird diese Geschichte lieben.
»Ein kleiner Tod« von Victoria Schlederer fängt in medias res an und kommt deshalb so rüber, als müsse einem die Hauptfigur bekannt sein. Vielleicht aus Schlederers Debüt Des Teufels Maskerade? Das habe ich leider noch nicht gelesen, höchstens mal darin geblättert. Wie dem auch sei, »Ein kleiner Tod« funktioniert auch so. Und macht Lust, Des Teufels Maskerade endlich zu lesen.
Thilo Corzilius’ Geschichte »In der Wüste« spielt in Israel. Thematisch sicherlich der ungewöhnlichste Beitrag zu dieser Anthologie, denn es geht um ein aus dem Neuen Testament bekanntes Motiv – die Wüste als Ort der Versuchung. In diesem Fall besteht die Versuchung darin, sich der Einsamkeit in ihrer ultimativen Form, dem Tod, zu überlassen. Liest sich sehr interessant. Was aber gar nicht geht: In der Beschreibung von Figuren ausschließlich auf Stereotype zurückzugreifen. Es kommen fünf Personen vor. Eine davon mit Hakennase, eine mit Haut in der »Farbe der tiefsten, sternenlosesten Nacht« und »blitzendweißen Zähnen«, eine weitere »sichtlich mit etwas Latino-Blut in den Adern«, sowie ein »sehr groß gewachsener, schlaksiger Skandinavier«. (Die fünfte Person, der Ich-Erzähler, bleibt unmarkiert und ist daher wohl ebenfalls weiß und männlich.) Schade um eine Story, die sehr gut auch ohne solche Klischees hätte erzählt werden könnten.
»Im Gasthaus zum Schwarzen Eber« ist ein weiterer Beitrag von Thomas Plischke, der diesmal unter seinem Pseudonym Jonas Wolf auftritt. Und hier sind sie endlich, die untotesten aller Untoten: Zombies. Eine kleine Gruppe von Überlebenden hat sich in einem einsam gelegenen Gasthaus verschanzt, während von allen Seiten die lebenden Leichen heranschlurfen.* Wie die Romane Heldenwinter und Heldenzorn spielt die Geschichte in einer Sekundärwelt, der »Welt des Skaldat«. Ein interessanter Genre-Crossover, denn wie man weiß, ist das Gasthaus in der Fantasy typischerweise der Ort, an dem eine Heldengruppe sich zusammenfindet, um zur Weltrettungsqueste aufzubrechen. Nette Idee, das mal in sein Gegenteil zu verkehren, indem das Fantasy-Gasthaus mit dem stets bedrohten Zufluchtsort vor der ringsherum tobenden Zombie-Apokalypse verbunden wird. Einziger Kritikpunkt: Die Geschichte hätte ein sorgfältigeres Korrektorat vertragen können.
Ich bin selten ganz zufrieden mit Anthologien, weshalb ich diese hier, in der zwei Beiträge mir gut gefallen, zwei ein interessantes, aber ambivalentes Leseerlebnis darstellen und drei nicht bei mir ankommen, als eine überwiegend gelungene Zusammenstellung empfinde. Bemerkenswert ist außerdem das schön skurrile Titelbild von Jan Warncke.
Die von Ole Johan Christiansen und Oliver Dierssen herausgegebene Anthologie Die Untoten ist 2011 bei Nerdpol als Kindle-E-Book erschienen.
* Ich habe natürlich keinen Moment lang daran gezweifelt, dass sie irgendwann auftauchen würden. Wenn es einen Zombie-Connaisseur unter den deutschen Fantasy-Autor_innen gibt, dann Plischke.
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Montag, 9. Dezember 2013
Samstag, 11. Februar 2012
Heldenwinter
Jonas Wolfs Heldenwinter kommt im Gewand einer gewöhnlichen Questenfantasy daher: Ein großer Teil der Handlung schildert, wie sich eine Gruppe von Held_innen zusammenfindet, um einen erzbösen Feind zu vernichten. Die schön durchmischte und mit unterschiedlichen Motiven ausgestattete Gruppe klappert dann der Reihe nach die auf der beigefügten Karte eingezeichneten Orte ab, bevor es am Ende zur großen Konfrontation kommt.
Das sind die groben Züge, aber der Teufel steckt im Detail. Interessant an Heldenwinter sind nämlich die Abweichungen vom altbekannten Schema: So machen sich die Held_innen nicht etwa auf den Weg, um die Welt zu retten, sondern um ihre persönlichen Rachegelüste an dem verbitterten alten König Arvid und seinem skrupellosen Schergen Waldur zu befriedigen. Von zentraler Bedeutung ist dabei ein magisches Artefakt, welches als Massenvernichtungswaffe einsetzbar ist. Den Held_innen geht es aber nicht etwa um die Vernichtung dieser übernatürlichen Waffe, sondern vielmehr um die Frage, welche Seite sie zuerst in die Finger bekommt.
Die Story: Dalarr ist ein alternder Haudegen, der nach vielen Kämpfen und Metzeleien zurückgezogen im Land der Halblinge, den Immergrünen Almen, lebt und sich gemeinsam mit seiner Frau Lodaja verwaister Halblingskinder annimmt. Als er mit seinem Lehrling und Mündel, dem Halbling Namakan, von einer längeren Fahrt zurückkehrt, findet er zu Hause nur noch die Leichen Lodajas und ihrer Pflegekinder vor – hingemetzelt von Waldur, seinem ehemaligen Waffengefährten. Dalarr schwört Rache und macht sich mit Namakan auf den Weg, um Waldur und seinem Herrn Arvid, dem König von Tristborn, entgegenzutreten. Nach und nach schließt sich den beiden eine Reihe von Gefährt_innen an, die allesamt einen persönlichen Groll auf Waldur hegen.
Unterwegs enthüllt Dalarr bruchstückweise immer mehr von der Vergangenheit, die Waldur und ihn entzweit hat. Er erzählt von Waldurs Verschwörung gegen den untätigen König Gubbe, unter dem Tristborn zu zerfallen droht, und von der Schlacht an der Festung Kluvitfrost, die mit dem Sieg Arvids über die von Osten her ins Reich eindringenden Pferdestämme endet, nachdem Dalarr, Lodaja und Waldur dem neuen König die alles entscheidende magische Waffe überreichen konnten. Dalarrs Vorgeschichte bildet somit einen zweiten Handlungsstrang, der dem klassischen Arsenal der epischen High Fantasy entnommen zu sein scheint: Es geht um den umjubelten Aufstieg eines Königs und die Rettung eines Reiches vor den einfallenden Barbarenhorden. Allerdings blättert, je mehr Dalarr erzählt, immer mehr von der heroischen Patina ab, bis am Ende nur noch Machtgier, Grausamkeit und verzweifelte Lügen übrig bleiben und Dalarr und Lodaja direkt vom Schlachtfeld auf die Immergrünen Almen fliehen, um sich dort vor ihrer dem Anschein nach so glorreichen Vergangenheit zu verstecken.
Dalarr ist ganz bewusst nach dem Muster klassischer Sword’n’Sorcery-Helden geschaffen, insbesondere das Vorbild des 1982er Film-Conan scheint in Heldenwinter immer wieder durch. Allerdings verhält Dalarr sich zu seinen literarischen und filmischen Vorbildern etwa so wie Will Munny aus Unforgiven zum »Mann ohne Namen« aus Sergio Leones Dollartrilogie: Dalarrs frühere Muskelspiele und Heldentaten werden im Laufe der Handlung immer stärker als zynisch und sinnlos entlarvt, doch auch im Alter kommt er nicht von ihnen los. Sein Versuch, ein friedliches Leben als Alternative zum Kriegerleben aufzubauen, endet im Blutbad an Lodaja und den Halblingskindern. Der Rachefeldzug, zu dem Dalarr daraufhin antritt, ist ebensosehr ein Versuch, alte Fehler wiedergutzumachen, wie er ein Rückfall in die überwunden geglaubte Erbarmungslosigkeit ist. Ruhm erntet Dalarr in seinem zweiten Leben als Held nicht mehr. Der Buchtitel, der so sehr nach kommerziellem Kalkül klingt, erweist sich als außerordentlich passend: Heldenwinter erzählt in der Tat, wie ein bereits stark angekratzter Held seinen Abgang von der Bühne inszeniert, ohne wirklich aus der Verbitterung und den Selbsttäuschungen hervorzutreten, die ihn seit Jahrzehnten begleiten. Am Finale der Rache-Queste angelangt, sind es eher die Entscheidungen der Gefährt_innen und nicht Dalarrs Zweikämpfe mit Waldur, welche den Ereignissen eine Wende geben.
Der Heldenmythos und der Sinn oder Unsinn von Rache werden im Roman selten direkt thematisiert. Vielmehr ist die ganze Handlung auf Spannung und Action angelegt (und hält auch, was sie in dieser Hinsicht verspricht). In Heldenwinter wird nicht kommentiert, sondern kontrastiert, indem ein typisches Sword’n’Sorcery-Handlungsgerüst (Held, der nur selbstgesetzte Regeln akzeptiert, nimmt Rache an seinen Feinden und schreckt dabei vor keinem Hindernis zurück) ebenso typischen, aber auf entscheidende Weise umgedeuten Elementen der epischen High Fantasy (der Aufstieg des Königs, das magische Artefakt, die Rettung des Reiches) auf geschickte Weise gegenübergestellt wird. George A. Romero hat den 2007er Reboot seiner legendären Dead-Filmreihe als »rejigging of the myth« bezeichnet – ein Ausdruck, der sich sehr passend auf Heldenwinter anwenden lässt, wie ich finde. Der Roman ist keine Metafiktion, nicht mal im Ansatz. Die ironische Perspektive auf Helden und Questen entsteht größtenteils durch die Neuanordnung und Konfrontation von Elementen, die generische Bestandteile der Sekundärwelt-Fantasy sind. Das ist eine ebenso spielerische wie wirkungsvolle Vorgehensweise, die Heldenwinter für mich so außergewöhnlich interessant macht.
Gelungen finde ich auch die Darstellung von Dalarrs Gefährt_innen. Sie kommen alle mit einer eigenen Geschichte daher und sind individuell charakterisiert, teilweise auch bewusst gegen den Klischeestrich gebürstet. Einzig Namakan ist als Reflektorfigur recht unauffällig, obwohl er durchaus eine Entwicklung durchmacht. In dieser Geschichte ist einfach (in aller Vieldeutigkeit) Dalarr der Held. Gewöhnungsbedürftig ist dagegen das großzügig eingesetzte Stilmittel der idiosynkratischen Sprache, der einzelne Charaktere sich bedienen. Viel weniger deutlich als Dalarr & Co. treten Arvid und Waldur hervor, die zwar im höchsten Maße grausam und niederträchtig sind, aber sonst eigentümlich blass bleiben. Gegen einen Charakter wie Dalarr ist halt schwer anzuschreiben. Nicht ganz gelungen finde ich auch die Art und Weise, wie einige zentrale Figuren im Laufe der Handlung sich nicht als das erweisen, was sie zu sein schienen bzw. selber zu sein glaubten. Das ist zwar grundsätzlich eine gut zum Thema passende Idee, die aber in ihren Konsequenzen nicht wirklich ausgelotet wird. Recht ungewöhnlich übrigens für heutige Fantasy: der bewusste Einsatz von Liedern und Gedichten, eine direkte Referenz an Altmeister Tolkien.
Heldenwinter bietet jede Menge Vergnügen und, wenn man es richtig liest, auch einiges an Denk- und Interpretationsstoff. Der Roman ist gänzlich in sich abgeschlossen, im Sommer will Jonas Wolf jedoch einen weiteren, in der gleichen Sekundärwelt spielenden Band Heldenzorn veröffentlichen. Auf den freue ich mich jetzt schon.
Heldenwinter von Jonas Wolf (508 Seiten) ist 2012 im Piper-Verlag erschienen.
Das sind die groben Züge, aber der Teufel steckt im Detail. Interessant an Heldenwinter sind nämlich die Abweichungen vom altbekannten Schema: So machen sich die Held_innen nicht etwa auf den Weg, um die Welt zu retten, sondern um ihre persönlichen Rachegelüste an dem verbitterten alten König Arvid und seinem skrupellosen Schergen Waldur zu befriedigen. Von zentraler Bedeutung ist dabei ein magisches Artefakt, welches als Massenvernichtungswaffe einsetzbar ist. Den Held_innen geht es aber nicht etwa um die Vernichtung dieser übernatürlichen Waffe, sondern vielmehr um die Frage, welche Seite sie zuerst in die Finger bekommt.
Die Story: Dalarr ist ein alternder Haudegen, der nach vielen Kämpfen und Metzeleien zurückgezogen im Land der Halblinge, den Immergrünen Almen, lebt und sich gemeinsam mit seiner Frau Lodaja verwaister Halblingskinder annimmt. Als er mit seinem Lehrling und Mündel, dem Halbling Namakan, von einer längeren Fahrt zurückkehrt, findet er zu Hause nur noch die Leichen Lodajas und ihrer Pflegekinder vor – hingemetzelt von Waldur, seinem ehemaligen Waffengefährten. Dalarr schwört Rache und macht sich mit Namakan auf den Weg, um Waldur und seinem Herrn Arvid, dem König von Tristborn, entgegenzutreten. Nach und nach schließt sich den beiden eine Reihe von Gefährt_innen an, die allesamt einen persönlichen Groll auf Waldur hegen.
Unterwegs enthüllt Dalarr bruchstückweise immer mehr von der Vergangenheit, die Waldur und ihn entzweit hat. Er erzählt von Waldurs Verschwörung gegen den untätigen König Gubbe, unter dem Tristborn zu zerfallen droht, und von der Schlacht an der Festung Kluvitfrost, die mit dem Sieg Arvids über die von Osten her ins Reich eindringenden Pferdestämme endet, nachdem Dalarr, Lodaja und Waldur dem neuen König die alles entscheidende magische Waffe überreichen konnten. Dalarrs Vorgeschichte bildet somit einen zweiten Handlungsstrang, der dem klassischen Arsenal der epischen High Fantasy entnommen zu sein scheint: Es geht um den umjubelten Aufstieg eines Königs und die Rettung eines Reiches vor den einfallenden Barbarenhorden. Allerdings blättert, je mehr Dalarr erzählt, immer mehr von der heroischen Patina ab, bis am Ende nur noch Machtgier, Grausamkeit und verzweifelte Lügen übrig bleiben und Dalarr und Lodaja direkt vom Schlachtfeld auf die Immergrünen Almen fliehen, um sich dort vor ihrer dem Anschein nach so glorreichen Vergangenheit zu verstecken.
Dalarr ist ganz bewusst nach dem Muster klassischer Sword’n’Sorcery-Helden geschaffen, insbesondere das Vorbild des 1982er Film-Conan scheint in Heldenwinter immer wieder durch. Allerdings verhält Dalarr sich zu seinen literarischen und filmischen Vorbildern etwa so wie Will Munny aus Unforgiven zum »Mann ohne Namen« aus Sergio Leones Dollartrilogie: Dalarrs frühere Muskelspiele und Heldentaten werden im Laufe der Handlung immer stärker als zynisch und sinnlos entlarvt, doch auch im Alter kommt er nicht von ihnen los. Sein Versuch, ein friedliches Leben als Alternative zum Kriegerleben aufzubauen, endet im Blutbad an Lodaja und den Halblingskindern. Der Rachefeldzug, zu dem Dalarr daraufhin antritt, ist ebensosehr ein Versuch, alte Fehler wiedergutzumachen, wie er ein Rückfall in die überwunden geglaubte Erbarmungslosigkeit ist. Ruhm erntet Dalarr in seinem zweiten Leben als Held nicht mehr. Der Buchtitel, der so sehr nach kommerziellem Kalkül klingt, erweist sich als außerordentlich passend: Heldenwinter erzählt in der Tat, wie ein bereits stark angekratzter Held seinen Abgang von der Bühne inszeniert, ohne wirklich aus der Verbitterung und den Selbsttäuschungen hervorzutreten, die ihn seit Jahrzehnten begleiten. Am Finale der Rache-Queste angelangt, sind es eher die Entscheidungen der Gefährt_innen und nicht Dalarrs Zweikämpfe mit Waldur, welche den Ereignissen eine Wende geben.
Der Heldenmythos und der Sinn oder Unsinn von Rache werden im Roman selten direkt thematisiert. Vielmehr ist die ganze Handlung auf Spannung und Action angelegt (und hält auch, was sie in dieser Hinsicht verspricht). In Heldenwinter wird nicht kommentiert, sondern kontrastiert, indem ein typisches Sword’n’Sorcery-Handlungsgerüst (Held, der nur selbstgesetzte Regeln akzeptiert, nimmt Rache an seinen Feinden und schreckt dabei vor keinem Hindernis zurück) ebenso typischen, aber auf entscheidende Weise umgedeuten Elementen der epischen High Fantasy (der Aufstieg des Königs, das magische Artefakt, die Rettung des Reiches) auf geschickte Weise gegenübergestellt wird. George A. Romero hat den 2007er Reboot seiner legendären Dead-Filmreihe als »rejigging of the myth« bezeichnet – ein Ausdruck, der sich sehr passend auf Heldenwinter anwenden lässt, wie ich finde. Der Roman ist keine Metafiktion, nicht mal im Ansatz. Die ironische Perspektive auf Helden und Questen entsteht größtenteils durch die Neuanordnung und Konfrontation von Elementen, die generische Bestandteile der Sekundärwelt-Fantasy sind. Das ist eine ebenso spielerische wie wirkungsvolle Vorgehensweise, die Heldenwinter für mich so außergewöhnlich interessant macht.
Gelungen finde ich auch die Darstellung von Dalarrs Gefährt_innen. Sie kommen alle mit einer eigenen Geschichte daher und sind individuell charakterisiert, teilweise auch bewusst gegen den Klischeestrich gebürstet. Einzig Namakan ist als Reflektorfigur recht unauffällig, obwohl er durchaus eine Entwicklung durchmacht. In dieser Geschichte ist einfach (in aller Vieldeutigkeit) Dalarr der Held. Gewöhnungsbedürftig ist dagegen das großzügig eingesetzte Stilmittel der idiosynkratischen Sprache, der einzelne Charaktere sich bedienen. Viel weniger deutlich als Dalarr & Co. treten Arvid und Waldur hervor, die zwar im höchsten Maße grausam und niederträchtig sind, aber sonst eigentümlich blass bleiben. Gegen einen Charakter wie Dalarr ist halt schwer anzuschreiben. Nicht ganz gelungen finde ich auch die Art und Weise, wie einige zentrale Figuren im Laufe der Handlung sich nicht als das erweisen, was sie zu sein schienen bzw. selber zu sein glaubten. Das ist zwar grundsätzlich eine gut zum Thema passende Idee, die aber in ihren Konsequenzen nicht wirklich ausgelotet wird. Recht ungewöhnlich übrigens für heutige Fantasy: der bewusste Einsatz von Liedern und Gedichten, eine direkte Referenz an Altmeister Tolkien.
Heldenwinter bietet jede Menge Vergnügen und, wenn man es richtig liest, auch einiges an Denk- und Interpretationsstoff. Der Roman ist gänzlich in sich abgeschlossen, im Sommer will Jonas Wolf jedoch einen weiteren, in der gleichen Sekundärwelt spielenden Band Heldenzorn veröffentlichen. Auf den freue ich mich jetzt schon.
Heldenwinter von Jonas Wolf (508 Seiten) ist 2012 im Piper-Verlag erschienen.
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Samstag, 21. Januar 2012
Kalte Krieger
Kalte Krieger ist ein Roman, der sich vor allem leicht und locker liest – man hat ihn flugs durch und ist hinterher entspannt und zufrieden. Autor Thomas Plischke beweist damit, dass er ganz unterschiedliche Stile beherrscht, denn sein Zyklus Die Zerrissenen Reiche, eine revisionistische Fantasy (was wäre, wenn die Zwerge das Sagen hätten?), kann durchaus sperrig daherkommen.
Nicht so Kalte Krieger. Handlungsort ist eine Kleinstadt in Maine und ihre Umgebung, und es geht um Menschen mit Superkräften und ihre Problemchen. Plischke greift das landläufig aus Comic und Kino bekannte Motiv auf und gibt ihm eine spezifische Wendung: Superheld_innen – weit davon entfernt, als pompöse Weltenretter_innen aufzutreten – haben beständig damit zu kämpfen, dass ihre Kräfte nicht von böswilligen Regierungen ausgenutzt werden, müssen sich bedeckt halten, sich unauffällig vernetzen, mit ihren Superkräften kompatible Jobs finden und nicht zuletzt mit ihrem Status als Außenseiter_innen der Anpassungsgesellschaft klarkommen. Es handelt sich also um ein Szenario, das man sich etwa wie die X-Men ohne Professor X und seine Mutant_innenschule vorstellen kann.
Es gibt zwei Handlungsstränge: Einmal wird erzählt, wie die Psychologiestudentin Amy in Maine ankommt, wo sie in einer leicht heruntergekommenen psychotherapeutischen Praxis ein Praktikum absolvieren will und schnell in eine Reihe von Kriminalfällen verwickelt wird. Handlungsstrang Nr. 2 spielt zehn Jahre früher in einem Sommercamp, in dem mysteriöse Experimente an Jugendlichen vorgenommen werden.
Ist Kalte Krieger in vielerlei Hinsicht eine Hommage an Comics und ihre Verfilmungen, so erinnert es erzähltechnisch am ehesten an klassischen 70er-Jahre-Horror: Stephen Kings frühe Romane, insbesondere Carrie und Firestarter, kommen in den Sinn. Auch wird Maine als Handlungsort nicht zufällig gewählt sein. Nicht sagen will ich damit, dass Plischke versuche, Kings Stil zu imitieren. Die Beeinflussung liegt eher in der klugen Aufnahme von Themen und Motiven, und auch in der Art und Weise, wie der schreckliche Alltag sich langsam und leise in alltäglichen Schrecken verwandelt.
Ein Roman also, der vor allem durch Eingängigkeit und Spannung überzeugt. Zudem nehme man bitte zur Kenntnis, wie souverän der deutsche Autor mit den Ingredienzen US-amerikanischer Populärkultur umgeht. Am Umgang mit so etwas zeigt sich ja gern die deutsche Provinzialität, die auch fast 70 Jahre später in einiger Unbelehrbarkeit die kulturellen Importe von jenseits des Atlantik mit dem Neuartigen und Reißerischen identifiziert – wer’s nicht glaubt, möge mal darauf achten, wie oft z.B. Frank Schätzing Phrasen à la »wie in einem Hollywoodfilm« gebraucht, als ob er gestern zum ersten Mal einen gesehen hätte. Da zahlt es sich aus, dass Plischke Amerikanistik und Medienkultur studiert hat und sich im besagten populärkulturellen Importgeschäft sehr zu Hause fühlt. Vielleicht liest sich Kalte Krieger ja unter anderem deswegen so entspannt?
Zum Schluss noch der Satz für diejenigen, die mit dem bisher Geäußerten rein gar nichts anfangen können: Wer Superheld_innen kindisch und Ami-Horror doof findet, die oder der kann – wage ich zu behaupten – Kalte Krieger auch einfach als Thriller mit leichten übernatürlichen oder Mystery-Elementen* lesen. Und wenn das nix ist, dann weiß ich auch nicht.
Kalte Krieger von Thomas Plischke (480 Seiten) ist 2009 bei Piper erschienen.
* Mystery im deutsch-provinziellen Sinne verstanden, gelle.
Nicht so Kalte Krieger. Handlungsort ist eine Kleinstadt in Maine und ihre Umgebung, und es geht um Menschen mit Superkräften und ihre Problemchen. Plischke greift das landläufig aus Comic und Kino bekannte Motiv auf und gibt ihm eine spezifische Wendung: Superheld_innen – weit davon entfernt, als pompöse Weltenretter_innen aufzutreten – haben beständig damit zu kämpfen, dass ihre Kräfte nicht von böswilligen Regierungen ausgenutzt werden, müssen sich bedeckt halten, sich unauffällig vernetzen, mit ihren Superkräften kompatible Jobs finden und nicht zuletzt mit ihrem Status als Außenseiter_innen der Anpassungsgesellschaft klarkommen. Es handelt sich also um ein Szenario, das man sich etwa wie die X-Men ohne Professor X und seine Mutant_innenschule vorstellen kann.
Es gibt zwei Handlungsstränge: Einmal wird erzählt, wie die Psychologiestudentin Amy in Maine ankommt, wo sie in einer leicht heruntergekommenen psychotherapeutischen Praxis ein Praktikum absolvieren will und schnell in eine Reihe von Kriminalfällen verwickelt wird. Handlungsstrang Nr. 2 spielt zehn Jahre früher in einem Sommercamp, in dem mysteriöse Experimente an Jugendlichen vorgenommen werden.
Ist Kalte Krieger in vielerlei Hinsicht eine Hommage an Comics und ihre Verfilmungen, so erinnert es erzähltechnisch am ehesten an klassischen 70er-Jahre-Horror: Stephen Kings frühe Romane, insbesondere Carrie und Firestarter, kommen in den Sinn. Auch wird Maine als Handlungsort nicht zufällig gewählt sein. Nicht sagen will ich damit, dass Plischke versuche, Kings Stil zu imitieren. Die Beeinflussung liegt eher in der klugen Aufnahme von Themen und Motiven, und auch in der Art und Weise, wie der schreckliche Alltag sich langsam und leise in alltäglichen Schrecken verwandelt.
Ein Roman also, der vor allem durch Eingängigkeit und Spannung überzeugt. Zudem nehme man bitte zur Kenntnis, wie souverän der deutsche Autor mit den Ingredienzen US-amerikanischer Populärkultur umgeht. Am Umgang mit so etwas zeigt sich ja gern die deutsche Provinzialität, die auch fast 70 Jahre später in einiger Unbelehrbarkeit die kulturellen Importe von jenseits des Atlantik mit dem Neuartigen und Reißerischen identifiziert – wer’s nicht glaubt, möge mal darauf achten, wie oft z.B. Frank Schätzing Phrasen à la »wie in einem Hollywoodfilm« gebraucht, als ob er gestern zum ersten Mal einen gesehen hätte. Da zahlt es sich aus, dass Plischke Amerikanistik und Medienkultur studiert hat und sich im besagten populärkulturellen Importgeschäft sehr zu Hause fühlt. Vielleicht liest sich Kalte Krieger ja unter anderem deswegen so entspannt?
Zum Schluss noch der Satz für diejenigen, die mit dem bisher Geäußerten rein gar nichts anfangen können: Wer Superheld_innen kindisch und Ami-Horror doof findet, die oder der kann – wage ich zu behaupten – Kalte Krieger auch einfach als Thriller mit leichten übernatürlichen oder Mystery-Elementen* lesen. Und wenn das nix ist, dann weiß ich auch nicht.
Kalte Krieger von Thomas Plischke (480 Seiten) ist 2009 bei Piper erschienen.
* Mystery im deutsch-provinziellen Sinne verstanden, gelle.
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Mittwoch, 21. Dezember 2011
Ja, Virginia, die Beatles kommen vom Nerdpol ...
Neuer E-Book-Verlag für deutschsprachige Fantasy am Start: Nerdpol. Nach allem, was man so hört, soll es da um Kurzgeschichten von bereits veröffentlichten Autor_innen* gehen, die im digitalen Format für mehr als 99 Cent zum Verkauf angeboten werden. Bereits veröffentlichte Autor_innen? Mehr als 99 Cent? Wenn da nicht mal eine verborgene Agenda drinsteckt! Soll E-Books, also den Billig-Callgirls der Kulturindustrie, durch geschicktes Marketing ein seriöser Anstrich verpasst werden? Handelt es sich etwa um einen Versuch zur Kartellbildung, mit dem Ziel, ein neues Preismonopol zu etablieren? Wie steht es mit den Interessen des kleinen Mannes, dessen einziger Trost nach Feierabend in einem diskreten Stündchen allein mit Bier und Kindle-Download besteht? Wird er überhaupt noch Gehör finden, wenn E-Books plötzlich mit exklusivem Material von bekannten Namen aufwarten und ihre Preise sich in schwindelerregend kurzer Zeit sage und schreibe verdreifachen? Was sagt die Politik dazu?
Drängende Fragen, die sich wohl nur beantworten lassen, wenn man selbst mal einen Blick in diese neuartigen elektronischen Bücher wirft, von denen allerorten geredet wird. Die erste Veröffentlichung des Nerdpol-Verlags ist die von Oliver Dierssen und Ole Johan Christiansen herausgegebene Anthologie Die Untoten, mit Beiträgen u.a. von Bernhard Hennen, Thomas Plischke, Victoria Schlederer und Jonas Wolf. Eines steht jetzt schon fest, meine Damen und Herren, liebe Leser_innen: Früher hätt’s das nicht gegeben.
* Anti-Missverständnis-Fußnote: Also. Nicht die Kurzgeschichten des Nerdpol-Verlags sind bereits veröffentlicht, sondern es handelt sich um neues Material von Autor_innen, die sich bereits mit Veröffentlichungen bei richtigen, echten Verlagen bekannt und beliebt gemacht haben. Also nix mit BoD im PDF-Format, sondern nur beste Ware, wie es im Szenejargon heißt.
Drängende Fragen, die sich wohl nur beantworten lassen, wenn man selbst mal einen Blick in diese neuartigen elektronischen Bücher wirft, von denen allerorten geredet wird. Die erste Veröffentlichung des Nerdpol-Verlags ist die von Oliver Dierssen und Ole Johan Christiansen herausgegebene Anthologie Die Untoten, mit Beiträgen u.a. von Bernhard Hennen, Thomas Plischke, Victoria Schlederer und Jonas Wolf. Eines steht jetzt schon fest, meine Damen und Herren, liebe Leser_innen: Früher hätt’s das nicht gegeben.
* Anti-Missverständnis-Fußnote: Also. Nicht die Kurzgeschichten des Nerdpol-Verlags sind bereits veröffentlicht, sondern es handelt sich um neues Material von Autor_innen, die sich bereits mit Veröffentlichungen bei richtigen, echten Verlagen bekannt und beliebt gemacht haben. Also nix mit BoD im PDF-Format, sondern nur beste Ware, wie es im Szenejargon heißt.
Dienstag, 12. Juli 2011
Die Ordenskrieger von Goldberg
Der Mittelband einer Trilogie hat immer eine etwas undankbare Position. Warum das so ist, darüber lässt sich sicherlich streiten – meine Vermutung geht dahin, dass Mittelbände sich weniger stark ins Leser_innengedächtnis einprägen, weil sie in der Regel keinen richtigen Anfang und kein richtiges Ende haben. Zu schwer wiegt der prägende Leseeindruck der ersten Bände und die Hoffnung aufs große Finale in den letzten Bänden. Dazwischen dümpelt so mancher Plot eher behäbig vor sich hin. Wie sieht es im Falle der Ordenskrieger von Goldberg aus, dem zweiten Band der Zerrissenen Reiche?
Zum Stichwort Trilogie sei darauf hingewiesen, dass Die Zerrissenen Reiche zwar als vielbändige Reihe konzipiert ist, die drei bislang erschienenen Bände jedoch so etwas wie eine erste Staffel innerhalb des Gesamtzyklus’ bilden. So erläutert Autor Thomas Plischke es im Nachwort des dritten Bandes, und es scheint dem Gefühl, das ich bei der Lektüre der Ordenskrieger von Goldberg hatte, recht zu geben. Und daher muss ich gleich zu Anfang loswerden, dass ich das Mittelbandproblem hier auf pfiffige Weise gelöst sehe: Spielte der erste Band Die Zwerge von Amboss im nördlichen Zwergenbund, ist nunmehr das Gros der Handlung verlegt auf den weiter südlich gelegenen, von Sektenstreitigkeiten und Religionskriegen schwer mitgenommenen Kontinent, der von den Menschen dominiert wird. Die Leser_innen erfahren also jede Menge Neues über die Welt der Zerrissenen Reiche, der Fokus der Handlung weitet sich. Zugleich nähert sich der Zyklus stärker an klassische Fantasy-Motive an, als dies noch im ersten Band der Fall war: In Die Ordenskrieger von Goldberg werden Schlachten geschlagen, Festungen belagert und Seiten gewechselt. Man hat somit nicht den Eindruck, als ob dieser Roman lediglich die Brücke zum großen Finale schlagen sollte; er ist vielmehr durchaus eigenständig.
Die Handlung schreitet vor allem in drei Strängen voran: Zunächst dürfen die Leser_innen mitverfolgen, wie die Invasionsarmee der Zwerge in den Reichen der Menschen einfällt, vorgeblich um gegen anti-zwergische terroristische Aggressionen vorzugehen. Dem gewaltigen Truppenaufgebot angeschlossen haben sich der Ex-Monsterjäger Siris von Wolfenfurt und Himek Steinbrecher, der ungeliebte Sohn Garep Schmieds (welchletzteren wir als Hauptprotagonisten des ersten Bandes kennen). Wir erinnern uns, dass die beiden in Die Zwerge von Amboss auf verschiedenen Wegen in die politische Intrige verwickelt wurden, die den Krieg erst ausgelöst hat. Sich beim Barras zu melden, ist die einfachste Möglichkeit für sie, aus dem Zwergenbund zu fliehen, wo ihnen das Pflaster unter den Füßen zu heiß geworden ist. Und da die Armee menschliche Scouts (wie Siris) und zwergische Chirurgen (wie Himek) dringend braucht, werden nicht allzuviele Fragen gestellt. Nachdem die Invasionsarmee in den Zerissenen Reichen gelandet ist und sich unaufhaltsam auf die Menschenfestung Goldberg zuwälzt, bleiben die Verwicklungen allerdings nicht aus, denn die Herrin des kriegerischen Ordens, der Goldberg verteidigt, ist Siris’ ehemalige Geliebte.
Dann haben wir den Hauptprotagonisten des ersten Bandes, den verkrachten Schnüffler Garep Schmied. Gemeinsam mit seiner Geliebten, Siris’ Schwester Sira, versucht er per Schiff aus den zwergischen Landen zu entkommen, wo er im Zuge bellizistischer Ränkespiele in die Rolle des Staatsfeinds gedrängt worden ist. Die wechselhafte und gefährliche Flucht bedeutet für Garep vor allem einen Kulturschock nach dem anderen. Und als Sira und Garep schiffbrüchig auf einer Insel stranden, machen sie unangenehm nahe Bekanntschaft mit den technologischen Hinterlassenschaften der sogenannten Herren, also jener Wesen, die von den Menschen der Zerrissenen Reiche als Gottheiten verehrt werden.
Und schließlich ist da noch Karu Schneider, die als Polizeianwärterin tiefer in die Intrigen des ersten Bandes verwickelt wurde, als ihr lieb ist. Stand ihre Rolle in Die Zwerge von Amboss noch nicht sonderlich im Vordergrund, so erfüllt sich nichtsdestotrotz in Die Ordenskrieger von Goldberg, was sich gegen Ende des ersten Bandes bereits abzeichnete: Karu wird zu einem der wichtigsten und nuanciertesten Charaktere. Ihr Handlungsstrang, in dem Karu die Bekanntschaft eines regimekritischen Studenten macht, spielt weiterhin im Zwergenbund.
Wer sich den Wechsel von der industrialisierten Zwergengesellschaft in die pseudomittelalterlichen Menschenreiche nun abrupt und schwierig vorstellt, kann ganz beruhigt sein. Das Problem vieler epischer Fantasies und historischer Romane ist ja, dass sie ihren Leser_innen aus Identifikationsgründen einen eher modern denken Protagonisten oder eine ebensolche Protagonistin anbieten, was vor der archaisierenden Romankulisse dann häufig ziemlich unglaubwürdig wirkt. Thomas Plischke verfügt durch den Weltenbau der Zerrissenen Reiche über den Vorteil, dass er seine stockrationalistischen, von ihrer zivilisatorischen Überlegenheit überzeugten Zwerg_innen auf eine von Götterkult, (scheinbarer?) Magie und kriegerischem Ethos geprägte Menschenkultur treffen lassen kann. Wir lernen also eine typische Fantasywelt, die von recht archaisch erscheinenden Menschen bewohnt wird, gewissermaßen durch die Augen von Zwergen kennen, die uns in vielerlei Hinsicht ähnlich sind. Sehr interessant!
Das Erzähltempo zieht im Vergleich zum Vorgängerband an; zugleich vertieft sich die Handlung um einige neue Elemente. Insbesondere im dritten, im Zwergenbund verbleibenden Handlungsstrang zeichnen sich die Umrisse einer großen Geschichte ab. Als etwas problematisch habe ich empfunden, dass vieles, was im ersten Band mysteriös blieb, auch in Die Ordenskrieger von Goldberg nicht aufgelöst wird und sogar noch einige Rätsel und offene Enden hinzukommen. Das betrifft insbesondere Sira, die bereits in Die Zwerge von Amboss als Waffenschmugglerin-in-der-sich-mehr-verbirgt auftrat, und einen weiteren, mit Siras Geschichte zusammenhängenden Charakter.
Sprachlich meine ich einige Schnitzer wahrgenommen zu haben, wie sie mir so im ersten Band nicht aufgefallen sind. Es handelt sich dabei aber lediglich um einige Redewendungen, bei denen nicht ganz das richtige Bild getroffen wurde. Mich hat es nicht weiter gestört. Die Zerrissenen Reiche ist nicht zuletzt auch ein Versuch in blumiger, einfallsreicher Sprache, der sich stark abhebt von dem pseudo-archaisierenden Ton, wie er in manchen deutschsprachigen Fantasies angeschlagen wird. Da finde ich es nicht so schlimm, wenn nicht jeder Ausdruck hundertprozentig präzise ist.
Vom dritten Band, Die Halblinge des Ewigen Hains, erwarte ich mir nach der Lektüre der Ordenskrieger von Goldberg, dass einige Plot-Elemente zusammengeführt und zum Abschluss gebracht werden. Die an verschiedenen Fronten aufgebaute Spannung müsste zumindest ein Stück weit aufgelöst werden, um den Bogen nicht zu überspannen. Das würde mir, der ich in Sachen ungelöste Rätsel & subtile Hinweise nicht immer das beste Gedächtnis bzw. den feinsten Spürsinn habe, das Lesen erheblich erleichtern.
Die Ordenskrieger von Goldberg (393 Seiten) von Thomas Plischke ist 2009 bei Piper erschienen.
Zum Stichwort Trilogie sei darauf hingewiesen, dass Die Zerrissenen Reiche zwar als vielbändige Reihe konzipiert ist, die drei bislang erschienenen Bände jedoch so etwas wie eine erste Staffel innerhalb des Gesamtzyklus’ bilden. So erläutert Autor Thomas Plischke es im Nachwort des dritten Bandes, und es scheint dem Gefühl, das ich bei der Lektüre der Ordenskrieger von Goldberg hatte, recht zu geben. Und daher muss ich gleich zu Anfang loswerden, dass ich das Mittelbandproblem hier auf pfiffige Weise gelöst sehe: Spielte der erste Band Die Zwerge von Amboss im nördlichen Zwergenbund, ist nunmehr das Gros der Handlung verlegt auf den weiter südlich gelegenen, von Sektenstreitigkeiten und Religionskriegen schwer mitgenommenen Kontinent, der von den Menschen dominiert wird. Die Leser_innen erfahren also jede Menge Neues über die Welt der Zerrissenen Reiche, der Fokus der Handlung weitet sich. Zugleich nähert sich der Zyklus stärker an klassische Fantasy-Motive an, als dies noch im ersten Band der Fall war: In Die Ordenskrieger von Goldberg werden Schlachten geschlagen, Festungen belagert und Seiten gewechselt. Man hat somit nicht den Eindruck, als ob dieser Roman lediglich die Brücke zum großen Finale schlagen sollte; er ist vielmehr durchaus eigenständig.
Die Handlung schreitet vor allem in drei Strängen voran: Zunächst dürfen die Leser_innen mitverfolgen, wie die Invasionsarmee der Zwerge in den Reichen der Menschen einfällt, vorgeblich um gegen anti-zwergische terroristische Aggressionen vorzugehen. Dem gewaltigen Truppenaufgebot angeschlossen haben sich der Ex-Monsterjäger Siris von Wolfenfurt und Himek Steinbrecher, der ungeliebte Sohn Garep Schmieds (welchletzteren wir als Hauptprotagonisten des ersten Bandes kennen). Wir erinnern uns, dass die beiden in Die Zwerge von Amboss auf verschiedenen Wegen in die politische Intrige verwickelt wurden, die den Krieg erst ausgelöst hat. Sich beim Barras zu melden, ist die einfachste Möglichkeit für sie, aus dem Zwergenbund zu fliehen, wo ihnen das Pflaster unter den Füßen zu heiß geworden ist. Und da die Armee menschliche Scouts (wie Siris) und zwergische Chirurgen (wie Himek) dringend braucht, werden nicht allzuviele Fragen gestellt. Nachdem die Invasionsarmee in den Zerissenen Reichen gelandet ist und sich unaufhaltsam auf die Menschenfestung Goldberg zuwälzt, bleiben die Verwicklungen allerdings nicht aus, denn die Herrin des kriegerischen Ordens, der Goldberg verteidigt, ist Siris’ ehemalige Geliebte.
Dann haben wir den Hauptprotagonisten des ersten Bandes, den verkrachten Schnüffler Garep Schmied. Gemeinsam mit seiner Geliebten, Siris’ Schwester Sira, versucht er per Schiff aus den zwergischen Landen zu entkommen, wo er im Zuge bellizistischer Ränkespiele in die Rolle des Staatsfeinds gedrängt worden ist. Die wechselhafte und gefährliche Flucht bedeutet für Garep vor allem einen Kulturschock nach dem anderen. Und als Sira und Garep schiffbrüchig auf einer Insel stranden, machen sie unangenehm nahe Bekanntschaft mit den technologischen Hinterlassenschaften der sogenannten Herren, also jener Wesen, die von den Menschen der Zerrissenen Reiche als Gottheiten verehrt werden.
Und schließlich ist da noch Karu Schneider, die als Polizeianwärterin tiefer in die Intrigen des ersten Bandes verwickelt wurde, als ihr lieb ist. Stand ihre Rolle in Die Zwerge von Amboss noch nicht sonderlich im Vordergrund, so erfüllt sich nichtsdestotrotz in Die Ordenskrieger von Goldberg, was sich gegen Ende des ersten Bandes bereits abzeichnete: Karu wird zu einem der wichtigsten und nuanciertesten Charaktere. Ihr Handlungsstrang, in dem Karu die Bekanntschaft eines regimekritischen Studenten macht, spielt weiterhin im Zwergenbund.
Wer sich den Wechsel von der industrialisierten Zwergengesellschaft in die pseudomittelalterlichen Menschenreiche nun abrupt und schwierig vorstellt, kann ganz beruhigt sein. Das Problem vieler epischer Fantasies und historischer Romane ist ja, dass sie ihren Leser_innen aus Identifikationsgründen einen eher modern denken Protagonisten oder eine ebensolche Protagonistin anbieten, was vor der archaisierenden Romankulisse dann häufig ziemlich unglaubwürdig wirkt. Thomas Plischke verfügt durch den Weltenbau der Zerrissenen Reiche über den Vorteil, dass er seine stockrationalistischen, von ihrer zivilisatorischen Überlegenheit überzeugten Zwerg_innen auf eine von Götterkult, (scheinbarer?) Magie und kriegerischem Ethos geprägte Menschenkultur treffen lassen kann. Wir lernen also eine typische Fantasywelt, die von recht archaisch erscheinenden Menschen bewohnt wird, gewissermaßen durch die Augen von Zwergen kennen, die uns in vielerlei Hinsicht ähnlich sind. Sehr interessant!
Das Erzähltempo zieht im Vergleich zum Vorgängerband an; zugleich vertieft sich die Handlung um einige neue Elemente. Insbesondere im dritten, im Zwergenbund verbleibenden Handlungsstrang zeichnen sich die Umrisse einer großen Geschichte ab. Als etwas problematisch habe ich empfunden, dass vieles, was im ersten Band mysteriös blieb, auch in Die Ordenskrieger von Goldberg nicht aufgelöst wird und sogar noch einige Rätsel und offene Enden hinzukommen. Das betrifft insbesondere Sira, die bereits in Die Zwerge von Amboss als Waffenschmugglerin-in-der-sich-mehr-verbirgt auftrat, und einen weiteren, mit Siras Geschichte zusammenhängenden Charakter.
Sprachlich meine ich einige Schnitzer wahrgenommen zu haben, wie sie mir so im ersten Band nicht aufgefallen sind. Es handelt sich dabei aber lediglich um einige Redewendungen, bei denen nicht ganz das richtige Bild getroffen wurde. Mich hat es nicht weiter gestört. Die Zerrissenen Reiche ist nicht zuletzt auch ein Versuch in blumiger, einfallsreicher Sprache, der sich stark abhebt von dem pseudo-archaisierenden Ton, wie er in manchen deutschsprachigen Fantasies angeschlagen wird. Da finde ich es nicht so schlimm, wenn nicht jeder Ausdruck hundertprozentig präzise ist.
Vom dritten Band, Die Halblinge des Ewigen Hains, erwarte ich mir nach der Lektüre der Ordenskrieger von Goldberg, dass einige Plot-Elemente zusammengeführt und zum Abschluss gebracht werden. Die an verschiedenen Fronten aufgebaute Spannung müsste zumindest ein Stück weit aufgelöst werden, um den Bogen nicht zu überspannen. Das würde mir, der ich in Sachen ungelöste Rätsel & subtile Hinweise nicht immer das beste Gedächtnis bzw. den feinsten Spürsinn habe, das Lesen erheblich erleichtern.
Die Ordenskrieger von Goldberg (393 Seiten) von Thomas Plischke ist 2009 bei Piper erschienen.
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Rezensionen
Samstag, 2. April 2011
Die Zwerge von Amboss
Wenn man mich fragt,* ist das Problem mit der Fantasy in Deutschland weniger, dass es keine talentierten Schriftsteller_innen gäbe, sondern eher, dass wenig Raum für ambitionierte Projekte besteht.Wird an einem solchen Projekt getüftelt, ist es oft schwer, es auch zum Abschluss zu bringen: Ein groß angelegter Zyklus wie die Gezeitenwelt-Romane von Bernhard Hennen, Thomas Finn & Co. wurde nach den ersten fünf Bänden auf Eis gelegt. Micha Pansis hochinteressante Daimonentrilogie, eine epische Fantasy vor postapokalyptischem Hintergrund, wurde nie fortgesetzt. Da ist es nicht verwunderlich, wenn solche Projekte in der deutschsprachigen Fantasy noch einen vergleichsweisen Seltenheitswert haben.
Näher liegt es für viele Autor_innen daher sicherlich, statt großer, komplex angelegter und mythologisch unterfütterter Zyklen auf die bewährte Formel »1 Idee = 1 Buch« zurückzugreifen. Eine zündende Idee soll dann konsequent den ganzen Roman tragen, Charaktere und Handlungselemente zieht man rein nach dem Funktionalitätsprinzip heran und widmet ihnen ansonsten keine weitere Aufmerksamkeit. Dem ersten Band von Thomas Plischkes gemeinsam mit Ole Johan Christiansen entwickelten Zyklus Die Zerrissenen Reiche kann man das dagegen kaum vorwerfen. Der Roman ist ein wahres Feuerwerk an Ideen und Spannungstriggern.
Zentral für Plischkes und Christiansens Weltenbau ist der Versuch, einem verbreiteten Lapsus der Sekundärwelt-Fantasy eine fundierte Alternative entgegenzusetzen: Die typische Zwergenkultur in der generischen Fantasy ist technologisch hochentwickelt, aber seltsamerweise völlig randständig, was politischen und ökonomischen Einfluss angeht. Die typischen Fantasy-Menschenvölker stagnieren dagegen meist irgendwo zwischen Früh- und Hochmittelalter,** dominieren aus unerklärlichen Gründen aber trotzdem die gesamte terra cognita. Diesem bedauerlichen Mangel an Materialismus setzen Plischke und Christiansen ein nicht nur technologisch höchst fortgeschrittenes, sondern auch politisch hegemoniales zwergisches Gemeinwesen entgegen.
Im auf einem polaren Kontinent angesiedelten Zwergenbund haben die »Kurzbeine« ein industrielles Paradies errichtet, in dem Arbeitsethos, Pflichterfüllung und Dienst an der Gemeinschaft groß geschrieben werden. Politisch ist der Zwergenbund eine eigentümliche Mischung aus preußelndem Sozialismus und Ständegesellschaft: Einerseits gibt es ein starkes Gemeinschaftsgefühl, andererseits kommt viel darauf an, welcher Familie man angehört und in welche Gesellschaftsschicht man hineingeboren wird. Das »Brudervolk« der Halblinge (mit einer nicht ganz durchsichtigen Vergangenheit ausgestattet) kontrolliert die Bürokratie auf unangefochtene Weise, und die ebenfalls von den Halblingen unterhaltene Geheimpolizei, die Gestapo-ähnliche Bundessicherheit, bringt von Anfang an ein Element des Schreckens in die vorgeblich so wohlgeordnete Gesellschaft.
Südlich des Zwergenkontinents liegen die titelgebenden Zerrissenen Reiche, die von Menschen bewohnt werden. Hier gibt es keinen vergleichbar strammen Fortschritt. Die politischen Entitäten zerfleischen sich gegenseitig in nicht endenwollenden Kriegen und Auseinandersetzungen. Den Begründungszusammenhang für das Blutvergießen liefert die in unzählige Sekten zersplitterte Religion der Menschen, der »Herrenglaube«. Zahlreiche Menschen sind vor den Religionskriegen auf der Flucht und versuchen, in den Zwergenbund zu migrieren, wo sie sich Arbeit und Wohlstand erhoffen oder auch einfach nur ihr Überleben auf etwas würdevollere Art organisieren wollen. Es muss kaum erwähnt werden, dass sie stattdessen mit Rassismus und Ausbeutung konfrontiert werden. Jede Menge Konfliktstoff also. Nicht ganz klar geworden ist mir beim Lesen dieses ersten Bandes übrigens, ob die kriegerischen Auseinandersetzungen unter den Menschen genuiner Fanatismus sind, oder ob es sich eher um religiös kaschierte ökonomische und politische Verteilungskämpfe handelt.
Zur Story des Auftaktbandes, Die Zwerge von Amboss: Garep Schmied, ein vom Leben gebeutelter Großstadtbulle, wird an den Schauplatz eines Mordes gerufen, der nicht der einzige bleiben soll. Garep stößt schnell darauf, dass die Morde lediglich ein Mittel zum Zweck sind: Sie sollen den im Zwergenbund lebenden Menschen untergeschoben werden, um sie unter Generalverdacht zu stellen und einem bevorstehenden Krieg gegen die Zerrissennen Reiche die nötige ideologische Unterfütterung zu verleihen. Garep ist jedoch zu eigensinnig, das Spiel widerspruchslos mitzuspielen, und ermittelt auch dann auf eigene Faust weiter, als die Morde offiziell bereits menschlichen Täter_innen angelastet wurden. Zum Verhängnis wird ihm dabei sein ambitionierter Kollege Bugeg, der bis zur Schädeldecke angefüllt ist mit fanatischen Ideen über die zwergische Überlegenheit. Diejenigen, die hinter den Kulissen die Fäden ziehen, merken nämlich alsbald, dass Bugeg sich hervorragend als willfähriges Werkzeug für ihre Pläne eignet.
Das zugrundeliegende Garn ist also das vom zynischen, aber aufrichtigen Schnüffler, der gegen seinen Willen in einen höchst urbanen Strudel aus Politik, Gewalt und Verbrechen gerät, bis er alle drei nicht mehr zu unterscheiden vermag. Auch für den Plot gilt: Viele Autor_innen hätten sich auf die Formel »1 Idee = 1 Buch« zurückgezogen. Bei Plischke blieb es jedoch nicht dabei, Hardboiled-Motive für die Fantasy zu verwursten. Hinzu kommen nämlich noch verschiedene Rollenspielelemente, die hier und da in die Handlung gepackt werden, und mit dem Monsterjäger Siris von Wolfenfurt wird ein zentraler Charakter eingeführt, der als spielerisch-klischeehafte Hommage an typische Fantasy-Maskulinismen gelten kann. Als ob es damit nicht genug wäre, hat sogar – wann hat es das zuletzt gegeben? – ein waschechter mad scientist einen zentralen Auftritt.
Solcher Anspielungen zum Trotz ist die Grundstimmung des Romans eher ernst und düster, wie zum Ende hin immer deutlicher wird. Nur spaßige Unterhaltung will dieser Zwergenroman nicht sein. Das große Thema, das sich im Hintergrund abzuzeichnen beginnt, ist nichts geringeres als die Transformation eines politischen Systems in eine von Rassismus, Intrige und Paranoia geprägte Diktatur.
Geschildert wird all dies auf eine Weise, die stets Lust zum Weiterlesen macht. Mir scheint, dass dieser erste Band zwar seinen eigenen Spannungsbogen hat, vorrangig aber zur Aufstellung des Figurenensembles und zur Andeutung der großen Erzähllinien und Motive dient. Stichwort Andeutungen: Erschwert wurde mir die Lektüre der Zwerge von Amboss dadurch, dass allzuviele Geschehnisse im Halbdunkel bleiben, zahlreiche mysteriöse Charaktere eingeführt werden und man gelegentlich das Gefühl hat, der Plot in seiner Vordergründigkeit stehe etwas unverbunden vor den sich nur schemenhaft abzeichnenden Entwicklungen im Hintergrund der geschilderten Sekundärwelt. Man erfährt als Leser_in des ersten Bandes nicht so viel über Welt und Story, wie man sich das gewünscht hätte. In diesem Fall würde ich aber bedenkenlos sagen: Ein Grund mehr, sogleich zum zweiten Band zu greifen, in dem man hoffentlich mehr erfährt!
Die Zwerge von Amboss von Thomas Plischke (492 Seiten) ist 2008 bei Piper erschienen.
* Mich fragt natürlich niemand. Aber man verzeihe mir diese rhetorische Schwäche.
** Wobei dies nicht hundertprozentig zutreffend ist. Häufig blühen – wie seltsame Pilze – mitten in der Dark-Age-Pastorale renaissanceartige Städte auf, deren materielle Existenzgrundlage in der Regel unklar bleibt.
Näher liegt es für viele Autor_innen daher sicherlich, statt großer, komplex angelegter und mythologisch unterfütterter Zyklen auf die bewährte Formel »1 Idee = 1 Buch« zurückzugreifen. Eine zündende Idee soll dann konsequent den ganzen Roman tragen, Charaktere und Handlungselemente zieht man rein nach dem Funktionalitätsprinzip heran und widmet ihnen ansonsten keine weitere Aufmerksamkeit. Dem ersten Band von Thomas Plischkes gemeinsam mit Ole Johan Christiansen entwickelten Zyklus Die Zerrissenen Reiche kann man das dagegen kaum vorwerfen. Der Roman ist ein wahres Feuerwerk an Ideen und Spannungstriggern.
Zentral für Plischkes und Christiansens Weltenbau ist der Versuch, einem verbreiteten Lapsus der Sekundärwelt-Fantasy eine fundierte Alternative entgegenzusetzen: Die typische Zwergenkultur in der generischen Fantasy ist technologisch hochentwickelt, aber seltsamerweise völlig randständig, was politischen und ökonomischen Einfluss angeht. Die typischen Fantasy-Menschenvölker stagnieren dagegen meist irgendwo zwischen Früh- und Hochmittelalter,** dominieren aus unerklärlichen Gründen aber trotzdem die gesamte terra cognita. Diesem bedauerlichen Mangel an Materialismus setzen Plischke und Christiansen ein nicht nur technologisch höchst fortgeschrittenes, sondern auch politisch hegemoniales zwergisches Gemeinwesen entgegen.
Im auf einem polaren Kontinent angesiedelten Zwergenbund haben die »Kurzbeine« ein industrielles Paradies errichtet, in dem Arbeitsethos, Pflichterfüllung und Dienst an der Gemeinschaft groß geschrieben werden. Politisch ist der Zwergenbund eine eigentümliche Mischung aus preußelndem Sozialismus und Ständegesellschaft: Einerseits gibt es ein starkes Gemeinschaftsgefühl, andererseits kommt viel darauf an, welcher Familie man angehört und in welche Gesellschaftsschicht man hineingeboren wird. Das »Brudervolk« der Halblinge (mit einer nicht ganz durchsichtigen Vergangenheit ausgestattet) kontrolliert die Bürokratie auf unangefochtene Weise, und die ebenfalls von den Halblingen unterhaltene Geheimpolizei, die Gestapo-ähnliche Bundessicherheit, bringt von Anfang an ein Element des Schreckens in die vorgeblich so wohlgeordnete Gesellschaft.
Südlich des Zwergenkontinents liegen die titelgebenden Zerrissenen Reiche, die von Menschen bewohnt werden. Hier gibt es keinen vergleichbar strammen Fortschritt. Die politischen Entitäten zerfleischen sich gegenseitig in nicht endenwollenden Kriegen und Auseinandersetzungen. Den Begründungszusammenhang für das Blutvergießen liefert die in unzählige Sekten zersplitterte Religion der Menschen, der »Herrenglaube«. Zahlreiche Menschen sind vor den Religionskriegen auf der Flucht und versuchen, in den Zwergenbund zu migrieren, wo sie sich Arbeit und Wohlstand erhoffen oder auch einfach nur ihr Überleben auf etwas würdevollere Art organisieren wollen. Es muss kaum erwähnt werden, dass sie stattdessen mit Rassismus und Ausbeutung konfrontiert werden. Jede Menge Konfliktstoff also. Nicht ganz klar geworden ist mir beim Lesen dieses ersten Bandes übrigens, ob die kriegerischen Auseinandersetzungen unter den Menschen genuiner Fanatismus sind, oder ob es sich eher um religiös kaschierte ökonomische und politische Verteilungskämpfe handelt.
Zur Story des Auftaktbandes, Die Zwerge von Amboss: Garep Schmied, ein vom Leben gebeutelter Großstadtbulle, wird an den Schauplatz eines Mordes gerufen, der nicht der einzige bleiben soll. Garep stößt schnell darauf, dass die Morde lediglich ein Mittel zum Zweck sind: Sie sollen den im Zwergenbund lebenden Menschen untergeschoben werden, um sie unter Generalverdacht zu stellen und einem bevorstehenden Krieg gegen die Zerrissennen Reiche die nötige ideologische Unterfütterung zu verleihen. Garep ist jedoch zu eigensinnig, das Spiel widerspruchslos mitzuspielen, und ermittelt auch dann auf eigene Faust weiter, als die Morde offiziell bereits menschlichen Täter_innen angelastet wurden. Zum Verhängnis wird ihm dabei sein ambitionierter Kollege Bugeg, der bis zur Schädeldecke angefüllt ist mit fanatischen Ideen über die zwergische Überlegenheit. Diejenigen, die hinter den Kulissen die Fäden ziehen, merken nämlich alsbald, dass Bugeg sich hervorragend als willfähriges Werkzeug für ihre Pläne eignet.
Das zugrundeliegende Garn ist also das vom zynischen, aber aufrichtigen Schnüffler, der gegen seinen Willen in einen höchst urbanen Strudel aus Politik, Gewalt und Verbrechen gerät, bis er alle drei nicht mehr zu unterscheiden vermag. Auch für den Plot gilt: Viele Autor_innen hätten sich auf die Formel »1 Idee = 1 Buch« zurückgezogen. Bei Plischke blieb es jedoch nicht dabei, Hardboiled-Motive für die Fantasy zu verwursten. Hinzu kommen nämlich noch verschiedene Rollenspielelemente, die hier und da in die Handlung gepackt werden, und mit dem Monsterjäger Siris von Wolfenfurt wird ein zentraler Charakter eingeführt, der als spielerisch-klischeehafte Hommage an typische Fantasy-Maskulinismen gelten kann. Als ob es damit nicht genug wäre, hat sogar – wann hat es das zuletzt gegeben? – ein waschechter mad scientist einen zentralen Auftritt.
Solcher Anspielungen zum Trotz ist die Grundstimmung des Romans eher ernst und düster, wie zum Ende hin immer deutlicher wird. Nur spaßige Unterhaltung will dieser Zwergenroman nicht sein. Das große Thema, das sich im Hintergrund abzuzeichnen beginnt, ist nichts geringeres als die Transformation eines politischen Systems in eine von Rassismus, Intrige und Paranoia geprägte Diktatur.
Geschildert wird all dies auf eine Weise, die stets Lust zum Weiterlesen macht. Mir scheint, dass dieser erste Band zwar seinen eigenen Spannungsbogen hat, vorrangig aber zur Aufstellung des Figurenensembles und zur Andeutung der großen Erzähllinien und Motive dient. Stichwort Andeutungen: Erschwert wurde mir die Lektüre der Zwerge von Amboss dadurch, dass allzuviele Geschehnisse im Halbdunkel bleiben, zahlreiche mysteriöse Charaktere eingeführt werden und man gelegentlich das Gefühl hat, der Plot in seiner Vordergründigkeit stehe etwas unverbunden vor den sich nur schemenhaft abzeichnenden Entwicklungen im Hintergrund der geschilderten Sekundärwelt. Man erfährt als Leser_in des ersten Bandes nicht so viel über Welt und Story, wie man sich das gewünscht hätte. In diesem Fall würde ich aber bedenkenlos sagen: Ein Grund mehr, sogleich zum zweiten Band zu greifen, in dem man hoffentlich mehr erfährt!
Die Zwerge von Amboss von Thomas Plischke (492 Seiten) ist 2008 bei Piper erschienen.
* Mich fragt natürlich niemand. Aber man verzeihe mir diese rhetorische Schwäche.
** Wobei dies nicht hundertprozentig zutreffend ist. Häufig blühen – wie seltsame Pilze – mitten in der Dark-Age-Pastorale renaissanceartige Städte auf, deren materielle Existenzgrundlage in der Regel unklar bleibt.
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Donnerstag, 21. Oktober 2010
Die unerträgliche Leitkultur diesseits des Rheins
»In Sachen Integrationsdebatte spreche ich mich ausdrücklich für die Zuwanderung möglichst vieler Franzosen aus. Schlecht für unsere Leitkultur, super für unsere öffentliche Streitkultur.«Das ist ein Wort.
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Foto-Disclaimer
Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.