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Donnerstag, 26. April 2018

Gibt es die faschistische Fantasy? (Teil 6)

Teil 1 · Teil 2 · Teil 3 · Teil 4 · Zwischenstand · Exkurs I · Teil 5

»Dem Manne, der mir einen neuen Himmel und eine neue Erde gab« – mit diesen Worten widmet Edmund Kiss seinen Roman Das gläserne Meer dem großen Idol Hanns Hörbiger. Die Anspielung auf die Johannesoffenbarung (»Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde vergingen. Das Meer war nicht mehr.« – Offb 21,1) ist Programm. Der in der Offenbarung den neuen Himmel und die neue Erde bringt, ist der zum Endgericht wiedergekehrte Christus. Indem Kiss dies auf Hörbiger überträgt, schreibt er dem österreichischen Spintisierer messianische Qualitäten zu.

Aber Kiss machte sich noch weitere Gedanken über die Offenbarung. Anscheinend beschäftigte ihn die Aussage, dass mit der Heraufkunft des neuen Himmels und der neuen Erde das Meer verschwinden würde. Religionsgeschichtlich lässt sich das recht einfach erklären: Gemäß dem biblischen Weltbild (nach dem Schöpfungsbericht in Gen 1) ist die Welt in Himmel, Erde und Meer aufgeteilt. Im Himmel thront Gott, in der Mitte erhebt sich die Erde wie eine Insel aus dem umgebenden Meer. Das Meer gilt dabei als Heimstätte des Chaos, das die Wohnungen der Menschen bedroht. Dem Meer entsteigen Ungeheuer wie der Leviatan und die Tanninim. Wenn es in der Offenbarung heißt, dass nach dem Endgericht das Meer nicht mehr sein werde, dann ist gemeint, dass die Gefahr durch die Chaosmacht nicht mehr besteht.

Doch Kiss hatte anderes im Sinn, als er sich mit der Offenbarung beschäftigte. Zunächst nahm er sie nicht als Vision über das (noch ausstehende) Ende der Welt, sondern als Bericht über die ferne Vergangenheit. Die Offenbarung, meinte Kiss, erzählt von einer der zahlreichen kosmischen Katastrophen, die die Erde laut Hörbigers Welteislehre zu Urzeiten heimgesucht hätten. Sie berichtet nicht vom Ende der Welt, sondern ähnlich wie Platons Atlantismythos vom Untergang einer Welt.

In Kapital 4 der Offenbarung wird der Thron Gottes anschaulich beschrieben. In Vers 6 heißt es: »Vor dem Thron war eine Art gläsernes Meer, wie Kristall.« Kurz darauf, in Kapitel 6, kommt es zur Öffnung der sieben Siegel, die jeweils mit einer Katastrophe verbunden sind. Als das sechste Siegel geöffnet wird, »da entstand ein großes Beben, die Sonne wurde schwarz wie Ziegenhaarstoff, der ganze Mond wie Blut, die Sterne des Himmels fielen auf die Erde, wie ein Feigenbaum, von einem großen Wind erschüttert, seine Spätfeigen abwirft, der Himmel wurde gespalten, wie eine Buchrolle gerollt, und jeder Berg und jede Insel von ihren Orten fortbewegt.« (Offb 6,12–14)

Für Kiss war der Fall klar. Das gläserne Meer war ein von der Erde angezogener Himmelskörper, so genannt, weil er wie eine gigantische Kristallscheibe am Himmel stand. Er stieß mit der Erde zusammen und löste einen gewaltigen Kataklysmus aus. Und wenn im vorletzten Kapitel der Offenbarung gesagt wird, dass das Meer nicht mehr ist, dann bezieht sich das natürlich auf das gläserne Meer, das nach dem Einschlag auf der Erde selbstverständlich nicht mehr zu sehen ist. So beginnt Kiss’ Roman auf den Abessischen Inseln, die aufgrund des sich nähernden gläsernen Meeres zunehmend von Erdbeben heimgesucht werden. Was Kiss allerdings nicht verrät: Woher sollten die Menschen seiner Abessischen Inseln, die auf steinzeitlicher Kulturstufe leben, den Werkstoff Glas kennen?

Die Anhänger_innen der WEL stürzten sich mit Begeisterung auf mythologische Erzählungen von kosmischen Katastrophen. Stetig frustriert durch wissenschaftliche Entdeckungen, die mit ihrem Weltbild nicht kompatibel waren, suchten und fanden sie in der Mythologie Bestätigung. Die Offenbarung, die Sintflut, der Untergang von Atlantis, der losgelassene Fenriswolf – waren das nicht untrügliche Zeugnisse dafür, dass die Erde immer wieder allumfassenden Katastrophen ausgesetzt war? Aber wenn es auf der Erde untergegangene Zivilisationen gab, die von der herkömmlichen Geschichtsschreibung gar nicht erfasst wurden, dann mussten diese materielle Spuren hinterlassen haben.

Wie bereits erwähnt, gab es im Dritten Reich (wie auch davor schon) eine völkische Archäologie, die dazu neigte, den alten German_innen eine Hochkultur zuzuschreiben, die derjenigen Ägyptens mindestens ebenbürtig war. Sie arbeitete eng zusammen mit einer Volkskunde, die in (echten oder erfundenen) folkloristischen Bräuchen Überbleibsel uralter germanischer Spiritualität sehen wollte. Aus diesem Konglomerat entstand ein eigenes pseudowissenschaftliches Fach, das von einem seiner Protagonisten, Wilhelm Teudt (1860–1942), als »germanische Vorgeschichte« bezeichnet wurde. Himmler interessierte sich sehr für derartiges. Seine Schwärmerei für Fruchtbarkeitsrituale, die sich angeblich jahrtausendelang in deutschen Dörfern erhalten hätten, arteten mitunter in regelrechte Porno-Fantasien aus. Folgerichtig wurde die von Teudt gegründete Zeitschrift Germanien 1936 zu einem offiziellen Publikationsorgan des Ahnenerbes; Teudt selbst wurde als Leiter der Abteilung für »Germanenkunde« übernommen.

Der WEL kam diese Nachbardisziplin sehr gelegen. Wo die WEL aufhörte, mit dem Untergang von Atlantis etwa, konnte die »germanische Vorgeschichte« mit ihrer germanischen Hochkultur einsetzen.
Himmler interessierte sich für beides. Insbesondere die von der WEL gehegte Vorstellung, der nordische Mensch sei nicht auf der Erde entstanden, sondern als kosmisches Protoplasma aus dem Weltall gekommen, gefiel ihm außerordentlich. Überhaupt haftet dem Komplex Welteis–Germanien ein kreationistischer, antidarwinistischer Zug an. Schon Teudt war mit Polemiken gegen Darwin und Haeckel hervorgetreten. Vorbildhaft war die »germanische Vorgeschichte« für die WEL aber auch durch ihre archäologische Schlagseite. Wie Teudt, der sich obsessiv mit den Externsteinen bei Detmold befasste (natürlich sah er sie als germanisches Heiligtum an), war auch Kiss als Hobby-Archäologe tätig.

Von Beruf war Kiss eigentlich Architekt. Archäologie hat er aller Wahrscheinlichkeit nach nie studiert. Mitte der zwanziger Jahre begann er Romane zu veröffentlichen. Nachdem er einen Literaturpreis gewonnen hatte, finanzierte er sich mit dem Preisgeld eine Reise nach Südamerika. Dort interessierten ihn präkolumbianische Ruinen im bolivianischen Hochland, in denen er Zeugnisse »nordischer Baukunst« sah. Seine entsprechenden Theorien veröffentlichte er 1937 just in Teudts Zeitschrift Germanien, und im gleichen Jahr auch in Buchform. Allerdings fand Kiss’ Südamerikareise viel früher, in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre statt. Es fragt sich also, warum er mit der Veröffentlichung zehn Jahre wartete. Wartete er auf die Gelegenheit, in einem angemessenen Milieu publizieren zu können? Oder war er vielleicht während des Aufenthalts in Bolivien noch gar nicht auf die Idee mit der »nordischen Baukunst« in den Anden gekommen?

Spätestens zum Ende der zwanziger Jahre hin muss Kiss die WEL kennengelernt haben und schnell zum Gläubigen geworden sein. 1930 erschien Das gläserne Meer, 1933 dann sein erstes Sachbuch mit WEL-Thematik. Die WEL stattete ihn womöglich mit einer Erklärung bezüglich der Ruinen in den Anden aus: Wenn die Gestalt der Erde sich immer wieder auf kataklysmische Weise veränderte, dann könnte es doch einmal möglich gewesen sein, dass nordische Menschen nach Südamerika gelangten. Zu beweisen, wie sehr sich die Gestalt der Meere und Kontinente im Lauf der Erdgeschichte verändert hatte, wurde ihm zur fixen Idee. Und er fand einen Gönner, der ihm großzügig ermöglichte, dieser Idee nachzugehen: Kiss trat der SS bei und wurde in den persönlichen Stab Himmlers aufgenommen. Ab 1938 wurde seine Arbeit offiziell vom Ahnenerbe gefördert. Himmler versuchte sogar, Kiss’ Teilnahme an der deutschen Tibet-Expedition, die im gleichen Jahr in den Himalaya aufbrach, durchzusetzen. Der Expeditionsleiter Ernst Schäfer (1910–92) weigerte sich jedoch strikt, den WEL-Apologeten mit nach Tibet zu nehmen. Das entsprang keineswegs einer antifaschistischen Haltung. Schäfer war selbst SS-Mitglied und leitete die Expeditionsabteilung des Ahnenerbes. Gegen die Teilnahme des Rassenkundlers Bruno Beger (1911–2009) an seiner Expedition hatte er nichts. Schäfer fürchtete lediglich um das wissenschaftliche Ansehen seiner Expedition, wenn ein Adept der in Fachkreisen als Spinnerei bekannten WEL an ihr beteiligt würde.

Himmler hatte für Kiss prompt eine Entschädigung parat: Er übertrug ihm die Leitung einer Expedition nach Libyen, wo er den Verlauf von Küstenlinien erforschen sollte. Die Reise fand 1939 statt, und Kiss kehrte mit dem gewünschten Ergebnis zurück: Die Veränderungen im Küstenverlauf seien nicht zu erklären, ohne dass man die WEL zur Grundlage nehme. Himmler zeigte sich zufrieden und wollte Kiss mit einer Expedition nach Südamerika belohnen, wo er die Betrachtung seiner nordischen Baudenkmäler wieder aufnehmen sollte. Der Zweite Weltkrieg machte diesem Plan allerdings ein Ende. Kiss nahm als Offizier der Waffen-SS am Krieg teil. 1945 geriet er in Kriegsgefangenschaft, wurde aber schon nach zwei Jahren wieder entlassen und im anschließenden Entnazifizierungsverfahren als Mitläufer eingestuft. Danach verliert sich seine Spur.

Im Verlauf der 1930er war Kiss allerdings nicht nur als Forschungsreisender des Ahnenerbes äußerst aktiv gewesen. Auf Das gläserne Meer ließ er drei Fortsetzungen folgen: 1931 erschien Die letzte Königin von Atlantis, 1933 Frühling in Atlantis und 1937 Die Singschwäne von Thule. Die Romantetralogie weitete sich damit zu einer Art literarischen Kompendiums der WEL aus. Flankiert wurde sie von Sachbüchern, die nicht nur die »nordische« Architektur in Bolivien, sondern auch die Ursachen der Völkerwanderung auf Grundlage der WEL erklärten.

Es lohnt sich, an dieser Stelle einen Blick auf Kiss’ Debütroman Der Weg aus der Nacht (1926) zu werfen, gerade weil dieser noch nicht den Einfluss Hörbigers aufweist. Fritz, der Ich-Erzähler und zugleich eine Art Stand-in für Kiss, ist ein Veteran des Ersten Weltkriegs. Trotz einer Kriegswunde könnte es ihm eigentlich recht gutgehen, denn er ist Beamter und mit der Tochter eines preußischen Junkers verlobt. Sein Schwiegervater in spe ist drauf und dran, ihn zum Gutsverwalter einzusetzen. Aber Fritz hat viel zu jammern, denn: »Fliehen mochte ich vor dem häßlichen Parteigetriebe und der Politik, die in immer engeren Kreisen verkümmerten.« Diese Fluchtgedanken, des Mary-Sue-mäßigen Status zum Trotz, den Kiss seinem Alter ego andichtet, sind aufschlussreich.

Es ist darauf hingewiesen worden, dass Führer der Nazipartei wie Hitler, Göring und Röhm verkrachte Existenzen waren, unfähig, sich nach dem Ersten Weltkrieg ins bürgerliche Leben einzufinden. Kiss beschreibt seinen Protagonisten aber als bestens in die gute Gesellschaft integriert. Trotzdem ist er todunglücklich und entsetzt sich vor dem »häßlichen Parteigetriebe«. Das dürfte das Lebensgefühl des völkisch-nationalistischen Milieus in den zwanziger Jahren gut beschreiben. Eigentlich hatten diese Kreise ja allen Anlass, zufrieden zu sein: Der Pakt zwischen der Führung der Sozialdemokratie und der Reichswehr hatte sämtliche revolutionären Bestrebungen erstickt. Freikorps und Todesschwadronen machten ungehemmt Jagd auf Linke und wurden selbst für Morde nur milde bestraft. Weder war es zu einer grundlegenden Veränderung der Besitzverhältnisse, noch zu einem nennenswerten Statusverlust der alten Eliten gekommen. Aber anscheinend war für Menschen wie Kiss allein die Tatsache, in einer parlamentarischen Demokratie leben zu müssen, völlig unerträglich.

Der Clou von Kiss’ Roman ist: Fritz wurde im Krieg durch eine englische Kugel am Sehnerv verletzt und kann deshalb Gespenster sehen. Vor allem die deutschen Kriegstoten erscheinen ihm immer wieder. Sein bester Freund, ein gefallener Marineoffizier, wird ihm zum Führer durch die Geisterwelt. Er zeigt Fritz, warum die toten Soldaten keine Ruhe finden: Bevor Deutschland wieder zu neuer Größe findet, müssen die armen Gespenster Nacht für Nacht erneut die Weltkriegsschlachten durchkämpfen, in denen sie ihr Leben ließen. Der Höhepunkt des Romans besteht darin, dass Fritz Zeuge der von den Gefallenen aufgeführten Wiederholung der Skagerrakschlacht wird, in der sein Busenfreund mitsamt seinem Kanonenboot unterging.

Weil aber außer Fritz niemand sehen kann, was die toten Kameraden alles erleiden müssen, verzweifelt er zusehends. Sein gefallener Freund trägt ihm auf, einen Weg aus der Nacht zu finden, der die Kriegstoten erlöst und Deutschland zu neuem Morgenschein führt. Wie genau das passieren soll, hat der Roman übrigens noch gar nicht im Blick. Das Geschrei nach einer »nationalen Revolution«, das die diversen Fraktionen der Weimarer Rechten erhoben, spielt für die Handlung keine Rolle, die somit seltsam offen endet. Anscheinend wusste Kiss zu dieser Zeit noch nicht so recht, in welche Richtung der Marsch gehen sollte. Aufgrund seiner Demokratieverachtung und der Larmoyanz, mit der er Deutschland als das Opfer unter den Nationen darstellt, ist der Roman aber durchaus als protofaschistisch einzustufen. Und spätestens mit der Hinwendung zur WEL und zur SS dürfte Kiss seinen persönlichen Weg aus der Nacht der Demokratie ja gefunden haben.

Es ist eine schwer erträgliche Lektüre, mehr pseudoreligiöse Botschaft und völkische Heilssucht als Literatur. Der Stil ist geradezu peinlich schlecht. Hier etwa die Verlobungsszene am Anfang:
»Weißt du denn, was ich will? Ist es dir klar, daß ich dich heiraten möchte?«
Sie wußte es.
»Wann bist du auf diesen Gedanken gekommen?« fragte sie.
Ich erklärte, ich könne das gar nicht mehr gar so genau angeben; vermutlich, seit sie aus Berlin zurückgekommen sei.
In diesem Aktenvermerkstil geht es knapp 200 Seiten lang weiter – seltsamerweise auch durch die tiefgründelnden Szenen hindurch, die von der Unerlöstheit der Kriegstoten handeln. Falls das Kiss’ Versuch sein sollte, komisch zu sein, ist es von ungewollter Komik jedenfalls nicht zu unterscheiden. Im Vergleich dazu lesen sich die späteren Welteisromane ungleich flüssiger und spannender. Die WEL eröffnete anscheinend Möglichkeiten des Fabulierens, die Kiss zuvor völlig abgegangen sind. So ist es nicht verwunderlich, dass gerade aus Hörbigerschen Kreisen heraus eine mythopoetische NS-Literatur entstehen konnte.

Montag, 16. April 2018

Gibt es die faschistische Fantasy? (Teil 5)

Teil 1 · Teil 2 · Teil 3 · Teil 4 · Zwischenstand · Exkurs I

Der Nationalsozialismus, und darin ist er anderen Faschismen vergleichbar, sah sich als eine mythopoetische Weltanschauung an. Er beanspruchte, sein Wissen und seine Legitimität aus alten Mythen zu beziehen und diese für die Gegenwart relevant zu machen. Am Beispiel Alfred Rosenbergs ließ sich das gut zeigen. Rosenberg postulierte einen ewigen Kampf zwischen dem Ariertum und ›Syrien‹ (womit er letztlich das Klischee vom Orient meint). Hinter dieser Behauptung steckt die Pseudowissenschaft der Rassenkunde, die die gesamte Weltgeschichte durch einen dauerhaften Konflikt zwischen arischen und semitischen Menschen geprägt sieht.

Für Rosenberg kam es darauf an, diesem angeblich alten Mythos Aktualität zu verleihen, aus ihm einen neuen Mythos zu machen, der den Menschen der Gegenwart eine umfassende Weltanschauung verleihen würde – eben einen Mythus des 20. Jahrhunderts, wie der Titel von Rosenbergs Hauptwerk lautete. Zu diesem Zweck spekuliert er ausführlich über das Wesen seiner Atlantiden: Sie hätten das Licht und die Sonne verehrt, eine strikt patriarchal strukturierte Gesellschaft und einen Drang zur Welteroberung gehabt. Es liegt auf der Hand, dass Rosenberg sich genau dies auch für die Deutschen des 20. Jahrhunderts wünscht. Auf der anderen Seite hätte der ›syrische‹ Osten finstere Magie und blutige Rituale betrieben, in matriarchaler Promiskuität gelebt und sich die Welt durch Handel und Betrug untertan gemacht. Und natürlich hat auch ›Syrien‹ seine gegenwärtigen Inkarnationen: die katholische Kirche, das Judentum, den Bolschewismus.

Rosenberg ist mit seinem Ziel gründlich gescheitert. Aus seinem Mythus des 20. Jahrhunderts entstand keine verbindliche Weltanschauung. Das Buch wurde im Dritten Reich massenhaft verkauft und ebenso selten gelesen. Die faschistische Ideologie ist viel zu vage und irrational, als dass sie sich in ein auch nur einigermaßen kohärentes System fügen ließe. Andere Nazis ließen Rosenbergs Nationalatlantismus deshalb links liegen und suchten sich andere Neo-Mythologien. Die einen beschäftigten sich mit der Welteislehre, andere versuchten sich an der Entwicklung einer »arteigenen Religion«. Wieder andere hielten all das für ausgemachten Quatsch und behaupteten, es käme allein auf den Erfolg an, der der »nationalen Bewegung« schon recht geben würde.

Ein Problem Rosenbergs war, dass er sich für einen unübertroffen genialen Denker hielt und – im Unterschied zu anderen NS-Größen, die gewiefte Intriganten waren – an einem ausgeprägten Mangel an Realitätssinn litt. Hätte er mit einem Fuß in der Wirklichkeit gestanden, wäre ihm vielleicht aufgegangen, dass seine Atlantisspekulationen keineswegs der Stoff intellektueller Großtaten, sondern Material für Pulp-Literatur waren. Atlantis ist uns heute vor allem aus den Pulp-Werken von Rosenbergs Zeitgenossen aus den USA, Edgar Rice Burroughs und Robert E. Howard, bekannt. Auch in den Heftromanen, dem deutschen Äquivalent zu den US-Pulps, ging es mitunter um Atlantis (wie bereits am Beispiel Lok Mylers erläutert). Konsequenterweise verfolgte Rosenberg Trivialliteratur jeglicher Art mit glühendem Hass, unterstellte ihr Verderbnis der Jugend und Amerikanisierung des Geistes.

Rosenberg ist somit ein Beispiel für einen Versuch faschistischer Mythopoeia, der aber an seinen inneren Widersprüchen erstickte. Dennoch hatte Rosenberg in den endlosen Machtkämpfen der NS-Kulturpolitik seine überzeugten Mitstreiter_innen und förderte durchaus auch Versuche, seine Vorstellungen literarisch umzusetzen. Dazu aber erst später mehr. Vorerst genügt es festzuhalten, dass Rosenberg weder in seinem Kampf gegen Heftromane (die allen Eindämmungsversuchen zum Trotz Massenlektüre blieben) wirklich erfolgreich war, noch die Entstehung einer eigenständig nationalsozialistischen Trivialliteratur etwas entgegensetzen konnte.

Der Frage, aus welchen Quellen bzw. literarischen Traditionen diese eigenständige NS-Fantasy entstehen konnte, will ich mich nun zuwenden. Verschiedene Stränge der Literaturgeschichte scheiden aus: Der Heftroman war zwar beliebt, aber offiziell verpönt. Andererseits gilt die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts als Hochzeit der deutschsprachigen Phantastik. Deren Autor_innen waren im Dritten Reich aber als sexbesessen und dekadent verschrien. Ihr Interesse an Magie und Erotismus entsprach zu sehr der Haltung, die ein Rosenberg als ›syrisch‹ verfluchte. Letztlich konnten nur wenige dieser Autor_innen sich erfolgreich in den NS-Kulturapparat integrieren. Auch auf diese Ausnahmen wird noch einzugehen sein.

Nun komme ich aber zum Punkt. Es gab ein Milieu im Dritten Reich, in dem eine eigenständige Art mythopoetischer Literatur gedeihen konnte. Dieses Milieu war die SS, und der Grund für das Gedeihen dieser Literatur war vor allem die Förderung der Welteislehre durch die SS. Heinrich Himmler pflegte als Reichsführer-SS eine Vorliebe für allerlei esoterische Theorien und Praktiken (was seiner Tätigkeit als Organisator der Massenvernichtung übrigens nicht im Weg stand). Begeisterte Himmler sich für irgendeine abwegige These, trug er ihrem Vertreter eine SS-Mitgliedschaft an und nahm ihn in seinen persönlichen Stab auf, der mit der Zeit zu einer Art Panoptikum des verqueren Denkens entwickelte.

Die Welteislehre (WEL) ist, wie bereits erwähnt, die Erfindung des österreichischen Ingenieurs Hanns Hörbiger. Dessen treuester Jünger wurde der Amateur-Astronom Philipp Fauth (1867–1941), der sich damit abmühte, Hörbigers unübertroffen wirres Gedankenspiel in eine einigermaßen übersichtliche Form zu bringen. Hörbigers Vorstellungen, die er durch Intuition gewonnen haben will, in ihren Grundzügen darzustellen, ist gar nicht so leicht. Ich will es trotzdem versuchen.

Hörbiger behauptete, das Universum bestehe aus den Grundstoffen Feuer und Eis. So sei das Universum denn auch durch den Zusammenprall einer gigantischen Eismasse mit einer ebensolchen Masse aus Feuer entstanden. Das Weltall sei kein leerer Raum, sondern mit winzigen Eispartikeln angefüllt, die bei dem ursprünglichen Zusammenstoß verstreut wurden (das ist Hörbigers Abwandlung der längst obsoleten Äthertheorie). Der Widerstand dieser Eispartikel bewirke, dass die Himmelskörper immer wieder in ihren Bahnen gehemmt würden und infolgedessen in die Umlaufbahnen anderer Himmelskörper gerieten. So war der Mond Hörbiger zufolge anfangs ein eigener Planet, den es in das Gravitationsfeld der Erde verschlug. Aber auch im Orbit seien die Bahnen von Himmelskörpern aufgrund der Eispartikel instabil, weshalb es immer wieder zu gewaltigen Zusammenstößen zwischen Himmelskörpern komme.

Hörbiger meinte, in der Erdgeschichte habe es schon eine ganze Anzahl solcher kosmischen Katastrophen gegeben, bei denen jedesmal große Mengen Feuer und Eis auf die Erdoberfläche geschleudert worden seien. In der Folge hätte sich jedesmal die Gestalt der Meere und Kontinente verändert. Antike Berichte über ferne, untergegangene Reiche wie Atlantis, Thule und Hyperborea nahm Hörbiger als Beweis dafür, dass es auf der Erde eine ganze Reihe vergessener Zivilisationen gegeben habe, die in den regelmäßig wiederkehrenden Kataklysmen zerstört worden seien.

Atlantis kommt also nicht nur bei Rosenberg vor, sondern auch in der WEL, allerdings gibt es bei Hörbiger und seinen Anhänger_innen noch einen zusätzlichen Twist: Der arische oder nordische Mensch sei nicht einfach auf evolutionärem Weg aus anderen Arten entstanden, sondern sein Protoplasma sei, eingefroren in kosmischen Eisbrocken, direkt aus dem Weltall auf die Erde gelangt. Er hat also nicht einfach nur eine Urheimat in Atlantis, sondern ist eine Art außerirdische Superspezies. Himmler gefiel diese Vorstellung (Berichten aus seinem Umfeld zufolge) ausnehmend gut.

Hörbigers Hauptwerk Glazial-Kosmogonie erschien erstmals 1912. Schnell bildeten sich WEL-Zirkel und -Vereine. Die Wissenschaft wies Hörbigers Spintisieren von Anfang an zurück. Die Beliebtheit der WEL führte aber dazu, dass schon in den zwanziger Jahren ausführliche Widerlegungen Hörbigers in Sachbuchform erschienen. Die Jüngerinnen und Jünger störten sich nicht an dem Widerspruch. Vielmehr verlegten sie sich darauf, naturwissenschaftliche Fakultäten zu stürmen und lautstark zu verlangen, die WEL solle in die Lehrpläne aufgenommen werden. Im Unterschied zu anderen Pseudowissenschaften wie der Rassenkunde und der Deutschen Physik gelangte die WEL aber nie zu einer akademischen Institutionalisierung.

Aber während die Universitäten sich gegen die WEL wehrten, rannte Hörbigers Gefolgschaft beim Reichsführer-SS offene Türen ein. Fauth, der Hörbiger-Jünger der ersten Stunde, erhielt 1938 eine eigene Abteilung für Astronomie im Deutschen Ahnenerbe, Himmlers halboffiziellem Forschungsinstitut für Menschenversuche und allerlei Pseudowissenschaften. Zusätzlich unterhielt das Ahnenerbe eine Abteilung für »Wetterkunde«, die mit meteorologischen Mitteln die Stichhaltigkeit der WEL beweisen sollte. Mit Beginn des Krieges schlief das Interesse an der WEL allerdings ein. Hörbigers kosmische Katastrophenvisionen ließen sich schließlich kaum militärisch verwerten.

Das heißt aber nicht, dass die WEL vollständig von der Bildfläche verschwand. Im Verlauf der dreißiger Jahre hatten verschiedene Welteisgläubige sich nämlich darauf verlegt, Hörbigers Gedankengut in Romanform zu verarbeiten. Schriftsteller wie der Geologe Batti Dohm (1897–1977) und der Möchtegern-Archäologe Edmund Kiss schrieben Welteisromane, die teils noch zu Kriegszeiten in Neuauflagen erschienen. Von der etablierten – auch regimetreuen – Literaturkritik wurden diese Werke teilweise eher naserümpfend angesehen. Anderen entlockte die WEL-Belletristik wahre Begeisterungsstürme:
»Edmund Kiß!« – Das war doch der Schriftsteller, der mir mit dem edlen Gehalt seiner Romane so unendlich viel gegeben hatte. Der damit die Einstellung vieler junger Menschen bestimmte und auch heute noch bei all jenen, die sich ihre Anständigkeit bewahrt haben, Saiten zum Klingen bringt! Ich konnte es kaum erwarten, bis die Reihe an mich kam, und ich zu ihm hinübergehen durfte. Zweifel packte mich, ob es sich nicht um eine zufällige Namensgleichheit handeln würde, oder dass ich mich verhört haben könnte. Doch es stimmte. Es war [...] Edmund Kiß, der SS-Obersturmbannführer, zeitweiliger Kommandant der Wachmannschaft des Führerhauptquartiers, der sich mit der Erforschung der Strandlinien von Tibesti in der Sahara und in den Hochkordilleren in Südamerika einen Namen gemacht hatte; Edmund Kiß, der Verfechter der Welteislehre des Wiener Gelehrten Hanns Hörbiger, der Sänger des untergegangenen Reiches Atlantis.
So die Erinnerungen eines Fans an eine Begegnung im Kriegsgefangenenlager 1946, die Joachim Körber hier zitiert.

(Und es geht weiter.)

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Gibt es die faschistische Fantasy? (Exkurs I)

 Teil 1 · Teil 2 · Teil 3 · Teil 4 · Zwischenstand

Bevor ich in Zukunft näher auf einzelne Werke und ihre Autor_innen eingehe, möchte ich noch einmal in übersichtlicher Weise die wichtigsten Institutionen und Akteure der NS-Literaturpolitik referieren.

Die Nazis nahmen zum einen eine Art Elitenaustausch vor. Das lässt sich an der Gleichschaltung der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste illustrieren. Zahlreiche Schriftsteller_innen von Weltrang, darunter Alfred Döblin, die Brüder Mann und Franz Werfel, wurden zum Austritt genötigt und ins Exil gezwungen. Ihre Werke gingen bei den berüchtigten Bücherverbrennungen im Frühjahr 1933 in Flammen auf. Die Sektion Dichtkunst wurde in Deutsche Akademie der Dichtung umbenannt. Die freigewordenen Plätze wurden mit Schriftsteller_innen besetzt aus dem völkischen Milieu besetzt, die sich zumeist am Ziel ihrer Träume sahen: Waren sie zuvor eher milieubedingt rezipiert wurden, durften sie sich in ihrer Eitelkeit nun einbilden, wohlverdiente Plätze auf dem Parnass der deutschen Literatur eingenommen zu haben. Natürlich revanchierten sie sich umgehend bei der NS-Führung, und zwar durch einen Akt der Schleimerei. Ein »Gelöbnis treuester Gefolgschaft« wurde abgefasst und von 88 Schriftsteller_innen unterschrieben. Daneben versuchten die Nazis, bedeutende Literat_innen durch Ehrungen und prestigeträchtige Ämter für sich zu gewinnen. Ein Gottfried Benn etwa ließ sich darauf bereitwillig ein. Gerhart Hauptmann wahrte dagegen eher Distanz.

Das Ziel der NS-Literaturpolitik lag in einer möglichst umfassenden Kontrolle sämtlicher Aspekte des Literaturbetriebs durch Staat und Partei. Dem Reichspropagandaministerium unter Joseph Goebbels unterstand die Reichskulturkammer, der eine Einzelkammer für Literatur angegliedert war. Dieser Reichsschrifttumskammer mussten sämtliche Personen angehören, die in irgendeiner Weise mit dem Schreiben, der Herstellung und dem Vertrieb von Büchern befasst waren. Eine Nichtmitgliedschaft in der Reichsschrifttumskammer kam einem Berufsverbot gleich. Auch darüber hinaus gab es umfassende Zensurmöglichkeiten. Das Reichspropagandaministerium unterhielt eine »Liste des unerwünschten und schädlichen Schrifttums«, die für die Öffentlichkeit nicht einsehbar war. Verboten werden konnten Einzelwerke ebenso wie das Gesamtwerk von unerwünschten Autor_innen. Ebenfalls eingeschränkt werden konnten Übersetzungen und der internationale Vertrieb von Büchern.

Neben dem Reichspropagandaministerium konnte auch die SS unter Heinrich Himmler Bücher verbieten lassen. Das war in der Präambel von Goebbels’ Zensurliste ausdrücklich festgelegt. Diese zusätzlichen Bücherverbote wurden vom SS-Reichssicherheitshauptamt ausgesprochen, dem der SD (als Geheimdienst) und die Gestapo (als politische Polizei) unterstanden.

Der erbitterte Konkurrent des Reichspropagandaministeriums war, wie verschiedentlich erwähnt, Alfred Rosenberg als »Beauftragter des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Erziehung der NSDAP«. Rosenbergs Amt war allerdings keine staatliche Behörde, sondern eine Dienststelle der Partei. Bücher verbieten konnte sie deshalb nicht. Rosenberg war es ein Dorn im Auge, das Goebbels relativ großzügig verfuhr, wenn Schriftsteller_innen sich nicht regimekritisch äußerten und sich in den Apparat seines Ministeriums einspannen ließen.* Er war der fixen Überzeugung, dass literarisches Können ›rassisch‹ bedingt sei. Diejenigen Autor_innen, die 1933 eine plötzliche Kehrtwende vollzogen oder sich in der Folge dem NS-Literaturbetrieb anpassten, konnten in Rosenbergs Augen nur Wölfe im Schafspelz sein, die dem deutschen Faschismus bei der erstbesten Gelegenheit in den Rücken fallen würden. Die BFÜ-Dienststelle unterhielt deshalb ein Amt für »Schrifttumspflege« unter der Leitung von Hans Hagemeyer. Dieses ordnete sämtliche Neuerscheinungen penibel danach, ob sie von der Partei zu fördern seien oder nicht. Außerdem gab sie die Zeitschrift Bücherkunde heraus, mit der die Lesegewohnheiten von Partei und Bevölkerung beeinflusst werden sollten.

Die Kompetenzen der BFÜ-Dienststelle überschnitten sich mit denen der Parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutze des nationalsozialistischen Schrifttums (PPK), die vom Chef der Führerkanzlei der NSDAP, Philipp Bouhler, geleitet wurde. Die PPK sollte sicherstellen, dass Autor_innen sich nicht ohne Genehmigung als offizielle Stimmen der NSDAP gerierten (etwas, das viele offenbar nur allzu gern taten). Dahinter steht die Tatsache, dass die NSDAP selbst ein einflussreicher ökonomischer Player im Bereich Literatur und Publizistik war. Sie unterhielt mit dem Eher Verlag einen parteieigenen Verlag mit angeschlossener Buchhandlung, der sich mit der Zeit zu einem gigantischen Medienunternehmen entwickelte. Als Verlagschef fungierte Max Amann, der Reichspresseleiter der NSDAP. Erfolgreichste Veröffentlichung bei Eher war natürlich Mein Kampf. Amann und Hitler verdienten sich mit Hilfe ihres hauseigenen Medienkartells dumm und dämlich. Der PPK kam insofern die Aufgabe zu, unerwünschte Konkurrenz auf dem Bücher- und Pressemarkt auszuschalten. Da das Amt Rosenberg für die inhaltliche Überwachung der nationalsozialistischen Literatur zuständig war, kam es immer wieder zu Rangeleien zwischen Bouhler und Rosenberg.

Es gab also nicht weniger als vier verschiedene Machtzentren im NS-Staat, die sich der Kontrolle des Literaturbetriebs verschrieben hatten: das Reichspropagandaministerium bzw. die Reichsschrifttumskammer unter Gobbels, die SS unter Himmler, Rosenbergs BFÜ-Dienststelle und die PPK unter Bouhler. Das ist typisch für die polykratische Struktur des Dritten Reiches, in der Behörden und Institutionen mit unklar begrenzten Zuständigkeiten miteinander konkurrierten und insofern von der persönlichen Gunst Hitlers abhängig waren.

Nun sind noch einige Worte darüber zu verlieren, wie die von der NS-Führung gewünschte und geförderte Literatur eigentlich aussah. Schriftsteller_innen, die das Wohlwollen von Staat und Partei genossen, wurden regelmäßig mit Pöstchen im Kulturbetrieb, Preisen und Ehrungen belohnt. Die Romane und Erzählungen, die sie schrieben, gehörten zumeist spezifischen Genres an: historische Romane, Familienromane, Kolonialromane, Kriegsromane und Bauernromane. Die Crux ist, dass diese Werke meist einer irrationalistischen Blut-und-Boden-Metaphysik verhaftet sind, von ihren Schöpfer_innen und der offiziellen Literaturpolitik aber als durch und durch realistisch angesehen wurden. Das ist nur konsequent. Wenn alles, was Menschen tun und lassen, ›rassisch‹ bedingt ist, dann gehen auch fiktionale Weltdarstellungen unmittelbar aus der Biologie ihrer Autor_innen hervor und können gar nicht anders als Abbildungen der Realität sein. Dass diese Realität eine wahnhafte ist, lässt sich aus der Binnenperspektive selbstverständlich nicht erkennen.

Phantastische Literatur konterkariert diese verquere Realismusauffassung. Ihre Autor_innen waren deshalb im Dritten Reich nicht eben wohlgelitten. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt gemeinhin als Hochzeit phantastischer Literatur in deutscher Sprache. Dafür stehen Namen wie Gustav Meyrink, Alfred Kubin oder Leo Perutz. Eine ganze Reihe von Vertreter_innen dieser Phantastik sympathisierte offen mit dem Nationalsozialimus: Hanns Heinz Ewers war Parteimitglied und schrieb Propagandaromane. Karl Hans Strobl war ebenfalls Parteigenosse. Franz Spunda gehörte dem NS-Lehrerbund an. Willy Seidel unterzeichnete das »Gelöbnis treuester Gefolgschaft«.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die NSDAP das Liebäugeln der Phantast_innen mit dem Faschismus keineswegs mit Gegenliebe beantwortete. Ihre Romane wurden von der Regimepresse oft als triebhaft, dekadent und sensationsgierig geschmäht. Unmittelbar nach der Machtübernahme stellte ein Berliner Bibliothekar in vorauseilendem Gehorsam eine schwarze Liste von Büchern zusammen, die dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund übergeben werden sollte, gleichsam zur Koordination der Bücherverbrennungen.** Bereits diese Liste enthält Verbotsforderungen gegen Alexander Moritz Frey, Gustav Meyrink, Hanns Heinz Ewers und Alexander Lernet-Holenia.

Nicht unamüsant ist der Fall Ewers. Fasziniert von Rausch und Erotik, sa er als literarische Vorbilder Hoffmann, Heine und Wilde an. Seine Weltanschauung bildete eine krude Mischung aus Philosemitismus und Deutschlandmystik. 1931 trat er in einem unverhohlen opportunistischen Akt der NSDAP bei und schrieb darauf die Propagandaromane Reiter in deutscher Nacht und Horst Wessel. Seine (ziemlich illusionäre) Hoffnung war, die Partei werde ihn im Fall der Machtübernahme zum hochrangigen Kulturfunktionär machen. 1934 dämmerte den Tugendwächtern des neuen Systems dann, was für einen zweifelhaften Propagandisten sie ihrem spießbürgerlichen Publikum zugemutet hatten. Ewers’ Bücher, mit Ausnahme der beiden Propagandaromane, wurden aus dem Verkehr gezogen; der Autor mit einem generellen Publikationsverbot belegt.

Letztlich gab es nur einen namhaften Vertreter der deutschsprachigen Phantastik, der vom Regime wirklich gefördert wurde. Der Österreicher Karl Hans Strobl war schon vor dem »Anschluss« ein begeisterter Nazi. Belohnt wurde er damit, dass er die Wiener Landesleitung der Reichschrifttumskammer übernehmen durfte. Ich vermute allerdings, dass die Förderung nichts mit der Phantastik zu tun hatte: Strobl war auch als Verfasser von typisch völkischen Kriegs- und Studentenromanen bekannt.

Die abschließende Frage ist, welches der verschiedenen Machtzentren der NS-Literaturpolitik einer faschistischen Mythopoeia am ehesten günstig war. Ich habe bereits gezeigt, dass Rosenberg mit seinem Mythus des 20. Jahrhunderts dafür kaum in Frage kommt. (In der Tat sah Rosenberg sich als Hüter des Realismus in der deutschen Literatur an. Wo er sich im Mythus konkret mit der Frage beschäftigt, welche Autoren eine Vorbildfunktion für die NS-Literatur haben könnten, nennt er folgerichtig Keller, Raabe und Meyer.) Mein nächster Post in dieser Reihe wird zeigen, dass eine eigenständige faschistische Mythopoeia sich am stärksten im Umfeld der SS entwickeln konnte.

* Das zeugt natürlich nicht von einer humanen Gesinnung, sondern davon, dass Goebbels den propagandistischen Wert von Schriftsteller_innen erkannte, die keine überzeugten Nazis waren. Goebbels war klar, dass es zu einer vollständigen kulturellen Einkapselung gekommen wäre, wenn ausschließlich die Überzeugten für andere Überzeugte geschrieben hätten. Genau das war aber Rosenbergs Ziel.
** Diese Liste kam allerdings nicht zum Einsatz. Die faschistischen Nachwuchsakademiker wussten auch so, welche Bücher sie abfackeln wollten. Als offizielles Zensurinstrument wurde dann die oben erwähnte Liste des Reichspropagandaministeriums geschaffen.

Montag, 25. September 2017

Gibt es die faschistische Fantasy? (Zwischenstand)

Teil 1 · Teil 2 · Teil 3 · Teil 4

Es ist Zeit für eine kurze Rekapitulation. Die Frage ist immer noch, wie faschistische Fantasy aussehen und woher sie kommen könnte. Dabei habe ich die Bezeichnung Fantasy aus Gründen der Griffigkeit gewählt. Angemessener wäre es, von mythopoetischer Literatur zu sprechen.* Bisher habe ich mich vor allem mit den nationalsozialistischen Neo-Mythen sowie der völkischen und nazistischen Rezeption der germanischen Mythologie befasst. Das wird auch noch weitere Auseinandersetzung erfordern. Ich möchte aber von jetzt an den Argumentationsgang gelegentlich unterbrechen, um ich einzelnen Autor_innen und Werken zuzuwenden.

Bisher kamen folgende literarischen Strömungen, Traditionen und Einflüsse vor:

1. Märchen

Nur beiläufig erwähnt habe ich, dass in der Weimarer Republik eine äußerst lebendige Märchenszene existierte. Im Dritten Reich kam die Märchenproduktion fast zum Erliegen. Ihre Nachfolge wurde von einer »ideologischen Rezeption des Volksmärchens« angetreten, die in ihm »Zeugnisse nordischer Weltanschauung« entdecken wollte.** Einzelne nationalsozialistische Autoren, die dennoch eigene Märchen schrieben, waren Hans Friedrich Blunck, Hermann Stehr und Will Vesper. Diesen spezifisch völkischen Märchen wird noch Aufmerksamkeit zu schenken sein.

2. Heftromane

Im Dritten Reich gab es abenteuerlich-phantastische Heftromanserien. Als Beispiel habe ich Sun Koh, der Erbe von Atlantis von Paul Alfred Müller alias Lok Myler genannt. Es hat sich gezeigt, dass die angebliche Herkunft der arischen ›Rasse‹ aus Atlantis fast so etwas wie ein Glaubensartikel im Nationalsozialismus war. Zudem war Müller/Myler nur allzu gern bereit, seine Serie entsprechend der ideologischen Vorgaben des Regimes zu gestalten. Dennoch war die angeblich jugendschädigende Wirkung von Heftromanen fester Bestandteil der NS-Propaganda.

3. Die Welteislehre

Die Welteislehre (WEL) oder Glazialkosmogonie ist eine pseudowissenschaftliche Doktrin, die von dem österreichischen Ingenieur Hanns Hörbiger entwickelt wurde. Sie behauptet, das Universum sei aus Eis als Urstoff entstanden. Führende Repräsentanten des NS-Regimes, insbesondere Heinrich Himmler, förderten die Welteislehre nach Kräften. Auf Grundlage der WEL entstanden im Dritten Reich verschiedene phantastische Romane. Diese konnten sich als Wissenschaft im unterhaltsamen Gewand darstellen und wurden offenbar auch so rezipiert. Einen zentralen Autor aus der WEL-Bewegung habe ich bereits genannt: Edmund Kiss. Auf ihn und sein Werk möchte ich noch detaillierter eingehen.

(Es geht weiter.)

* In den 1930er Jahren entwickelten J. R. R. Tolkien und C. S. Lewis den Begriff Mythopoeia für die Art von Literatur, die heute Fantasy genannt wird.
** Mathias Meyer/Jens Tismar, Kunstmärchen (Sammlung Metzler 155), Stuttgart/Weimar ³1997, 150.

Montag, 21. August 2017

Gibt es die faschistische Fantasy? (Teil 4)

Im letzten Post dieser Reihe zählte ich verschiedene Neo-Mythologien auf, die zum ideologischen Grundbestand des Nationalsozialismus gehörten. Gemein war diesen Neo-Mythologien, dass sie »die uralte Herkunft und spirituelle Überlegenheit des ›Ariers‹« (Rüdiger Sünner) belegen sollten. Die Bezugnahme auf den Atlantismythos diente der Behauptung des hohen Alters der arischen ›Rasse‹, deren Urheimat Atlantis gewesen sein soll. Postuliert wurde eine prähistorische Hochzivilisation im Nordwesten, die selbst der ägyptischen und der mesopotamischen Zivilisation vorausgegangen sei. Die Welteislehre, eine pseudowissenschaftliche Theorie, die die Entstehung des Kosmos zu erklären behauptet, diente dazu, den arischen Menschen als eine Art höheres Wesen darzustellen, vom Himmel herabgestiegen wie die Engel.

Vordergründig geht es mir aber immer noch um die Frage, wie es die Nazis mit den alten German_innen hielten. Fest steht, dass einige NS-Chefs der deutschen Vorgeschichte eher Desinteresse entgegen brachten. Andere dagegen berauschten sich an der Vorstellung, im deutschen Boden könnten jahrtausendealte Kulturgüter schlummern, die mindestens die Gleichwertigkeit der German_innen mit den Mittelmeerzivilisationen beweisen würden. Ein Buchtitel zu diesem Thema spricht durchaus passend von Himmlers Germanenwahn. Stillschweigend vorausgesetzt wurde dabei, dass die alten German_innen tatsächlich die Vorfahren der heutigen Deutschen sind. Letztlich wurde so getan, als ob die Vorfahren der heute in Deutschland lebenden Menschen mindestens seit der Schlacht im Teutoburger Wald zwischen Rhein und Oder festgesessen hätten.

Für die NS-Wissenschaft warf das allerdings ein Problem auf. Die frühesten Erwähnungen von German_innen in römischen Texten stammen aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. Wie passt das mit dem angeblich prähistorischen Alter der arischen ›Rasse‹ zusammen, deren deutsche Dependance die German_innen sein sollten? Einen Lösungsversuch unternahm der Archäologe Gustaf Kossinna (1858–1931), der Gründer der Deutschen Gesellschaft für Vorgeschichte. Diese ließ sich 1933 gleichschalten und nannte sich in Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte um. Kossinna behauptete, eine archäologische Methode entwickelt zu haben, mit deren Hilfe die alten German_innen sich mindestens bis in die Bronzezeit zurückverfolgen ließen – wenn nicht noch weiter zurück. Die Nazis griffen Kossinnas Ansatz dankbar auf: Wenn man nur lang genug im Nebel der Vor- und Frühgeschichte herumtappte, ließ sich irgendwann auch ohne allzu große Schmerzen von Welteis und Atlantis fabulieren.

So erfanden sich die Nazis ihre eigenen German_innen, die um einiges älter waren als die, die der seriösen Historie bekannt sind. Beliebt waren Versuche, die steinzeitlichen Hünengräber und sogar die Anlage von Stonehenge als Beispiele germanischer Baukunst auszugeben. So etwa in dem unfrewillig komischen Propagandafilm Germanen gegen Pharaonen von 1939:



Kann man sagen, dass der Nationalsozialismus eine Art germanischer Rekonstruktionismus war, ein Revival germanischen Heidentums im 20. Jahrhundert? In dieser Allgemeinheit wäre das völlig unzutreffend. Einzelne Institutionen und Akteure innerhalb des NS-Herrschaftsgefüges trugen sich aber durchaus mit solchen Absichten. Das gilt insbesondere für Heinrich Himmler und die SS. Der Reichsführer-SS unterhielt mit dem Deutschen Ahnenerbe einen Forschungsverein, dessen Zweck u.a. darin bestand, sich mit »Germanenkunde« zu befassen. Der in Himmlers Umfeld blühende Obskurantismus führte allerdings dazu, dass aus Parteikreisen immer wieder der private Charakter des Ahnenerbes betont wurde. Man fürchtete, der Verein könne für eine offizielle Gliederung der NSDAP gehalten werden und diese in Verruf bringen.

Auffällig ist, wie in dieser »Germanenkunde« stets alles durcheinander geht: Das hohe Alter der germanischen Kultur ließ sich daran festmachen, dass die German_innen ja schließlich Stonehenge erbaut hatten. Die Fähigkeit dazu hatten sie, weil ihre Vorfahren direkt aus Atlantis kamen, was die German_innen zur reinsten Verkörperung der arischen oder nordischen ›Rasse‹ macht. Und wer immer noch nicht glaubt, welches hohe Wissen sie besaßen, kann doch in der Völuspá nachlesen, dass die Welt zur Zeit der Schöpfung aus Feuer und Eis bestand, was wiederum durch die Welteislehre glasklar bewiesen ist. So dient eine unsinnige Behauptung dazu, die nächste zu belegen. Ich vermute, dass es diese pseudowissenschaftliche Vorgehensweise war, die J. R. R. Tolkien veranlasste, die urgeschichtlichen Spekulationen einiger Nazis als »›Nordic‹ nonsense« zu bezeichnen.

Das leitet über zum Auftritt Carl Gustav Jungs (1875–1961). Der Begründer der Analytischen Psychologie hatte nicht nur einen profunden Einfluss auf die moderne Fantasy, sondern war auch seinerseits von H. Rider Haggards She inspiriert. 1936 veröffentlichte er seinen Aufsatz »Wotan. Sein Wiedererwachen im Dritten Reich«, der als unverhohlener Versuch gelesen werden kann, die Kulturpolitik der Nazis in seinem Sinne zu beeinflussen. Für Jung ist das germanische Erbe in den heutigen Deutschen höchst lebendig – sie wissen nur nichts davon. Im Mittelpunkt der Jungschen Psychologie steht bekanntlich die sogenannte Archetypenlehre. Archetypen sind nach Jung Symbole im kollektiven Unbewussten, die die Psyche von Individuen bestimmen, oftmals ohne dass diese etwas davon ahnen. Im Grunde ist Jungs Artikel ein Aufruf an die Nazis, die pseudowissenschaftliche, neo-mythologische Einkleidung ihrer Weltanschauung abzuwerfen und sich vorbehaltlos zu ihrer germanischen Seele zu bekennen.

Als den die NS-Politik prägenden Archetypen sieht Jung den germanischen Gott Wotan. Der sei durch die Christianisierung der German_innen nicht verschwunden, sondern nur ins kollektive Unbewusste verdrängt worden. Und wie alles Verdrängte kehrt Wotan im Dritten Reich mit um so größerer Gewalt wieder:
Daß aber in einem eigentlichen Kulturland, daß schon geraume Zeit jenseits des Mittelalters gewähnt wurde, ein alter Sturm- und Rauschgott, nämlich der längst im historischen Ruhestand befindliche Wotan, wieder, wie ein erstorbener Vulkan, zu neuer Tätigkeit erwachen könnte, das ist mehr als kurios; es ist geradezu pikant. [...] Der rastlose Wanderer Wotan, der Unruhestifter, der bald hier, dald dort Streit erregt oder zauberische Wirkung übt, war zuerst durch das Christentum in einen Teufel verwandelt worden und flackerte nur noch wie ein Irrlicht durch stürmische Nächte, als ein gespenstischer Jäger mit seinem Jagdgefolge, und auch dies nur in lokalen, immer mehr erlöschenden Traditionen. [...] Er ist ein Sturm- und Brausegott, ein Entfeßler der Leidenschaften und der Kampfbegier, und zudem ein übermächtiger Zauberer und Illusionskünstler, der in alle Geheimnisse okkulter Natur verwoben ist. [...] Man kann daher von einem Archetypus »Wotan« sprechen, der als autonomer seelischer Faktor kollektive Wirkungen erzeugt und dadurch ein Bild seiner eigenen Natur entwirft. Wotan hat seine eigentümliche Biologie, gesondert vom Wesen des einzelnen Menschen, der nur zeitweise vom unwiderstehlichen Einfluß dieser unbewußten Bedingung erfaßt wird. In den Ruhezeiten dagegen ist einem die Existenz des Archetypus Wotan so unbewußt wie eine latente Epilepsie. Hätten jene Deutschen, die 1914 schon erwachsen waren, gedacht, was sie 1935 sein würden? Solches aber sind die erstaunlichen Wirkungen des Windgottes, der weht, wo er will, und von dem man nie weiß, woher er kommt und wohin er geht, der alles ergreift, was ihm in den Weg kommt, und alles ergreift, was keinen Stand hat.*
Wie man sieht, verfügt Jung (anders als die Nazis) über wirkliche Sprachgewalt. Sein Artikel lässt sich als mythopoetische Programmschrift verstehen, die sich (anders als Rosenbergs Mythus) vorbehaltlos zu ihrem Charakter bekennt. Als Versuch, den Nationalsozialismus zu erklären, ist der »Wotan« aber höchst problematisch. Jungs Argumentation läuft darauf hinaus, die Deutschen von jeder Verantwortung für ihr Tun zu entlasten: »Wir Außenstehende beurteilen den gegenwärtigen Deutschen viel zu sehr als verantwortlich zu machenden Handelnden; es wäre vielleicht richtiger, ihn zum mindesten auch als Erleidenden zu betrachten.«** Wer von einem Archetypen ergriffen ist, meint Jung, kann nichts dafür, sondern befindet sich im Bann einer höheren Macht. Die Frage nach den sozialen, politischen und ideologischen Entstehungsbedingungen des Faschismus erübrigt sich dadurch.

Übrigens glaubt Jung auch, wenn der deutsche Faschismus sich nur wirklich auf den Wotan-Archetyp einließe, könne sie sich von einer massenmörderischen politischen Bewegung in eine Art dionysischen Kult verwandeln, der dann gewissermaßen als Ventil für die aufgewühlten Emotionen der deutschen Volksseele dienen werde:
Wenden wir unsere – zugegebenermaßen merkwürdige – Betrachtungsweise konsequent an, so müßten wir folgern, daß Wotan nicht nur seinen unruhvollen, gewalttätigen und stürmischen Charakter, sondern auch seine ganz andere, ekstatische und mantische Natur äußern müßte. Bestände dieser Schluß zu Recht, so wäre der Nationalsozialismus noch lange nicht das letzte Wort, sondern es wären in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten hintergründige Dinge zu erwarten, von denen wir uns jetzt allerdings noch schlecht eine Vorstellung machen können.***
Hätte Jung das mal einem Rosenberg erzählt, für den Ekstase und mantische Praktiken typische Erscheinungen des finsteren jüdisch-römisch-syrischen Geistes waren!

Ich weiß nicht, ob der durchschnittliche deutsche Kleinbürger 1935 wirklich so ergriffen war, wie Jung meint. Sonnte er sich nicht vielleicht eher in hämischer Selbstzufriedenheit darin, dass die Bolschewiken hinter Stacheldraht verschwanden, die entarteten Werke der »Asphaltliteraten« in Flammen aufgingen, die jüdische Nachbarsfamilie ihre Wohnung räumen musste und das öffentliche Leben wieder von Uniformgepränge und Hierarchien bestimmt war? Sozialpsychologisch gesehen muss der Nationalsozialismus vielleicht eher als die Entfesselung traditioneller deutscher Spießigkeit gesehen werden, nicht als das Erwachen eines uralten Archetypen. Es mag sein, dass der deutsche Faschismus von der Schweiz aus so magisch und transgressiv wirkte, wie Jung ihn beschreibt (Céline sah ihn von Frankreich aus ähnlich). Aus der Nähe betrachtet waren die Nazis wohl eher kleinlich, gierig, eitel und intrigant.

Jungs Versuch enthält zudem einen Schönheitsfehler: Es gab im Dritten Reich keine politische Kraft, die sich ernsthaft an die Umsetzung einer erneuerten germanisch-heidnischen Religiosität gemacht hätte. Jung wendet sich mit seinem Artikel vor allem an die Deutsche Glaubensbewegung und ihren Führer Jakob Wilhelm Hauer (1881–1962). Der Religionswissenschaftler Hauer hatte diese Organisation ins Leben gerufen, um eine völkische Alternative zu den herkömmlichen christlichen Konfessionen zu schaffen.
Ich würde daher der Deutschen Glaubensbewegung raten, nicht mehr allzu prüde zu tun. Verständige werden sie nicht mit den plumpen Wotangläubigen verwechseln, die bloß einen Glauben affektieren. Es gibt Vertreter der Deutschen Glaubensbewegung, die intellektuell und menschlich durchaus in der Lage wären, nicht bloß zu glauben, sondern auch zu wissen, daß der Gott der Deutschen Wotan ist und nicht der universale Christengott.†
Anders als Jung es haben wollte, war dieser Deutsche Glaube keineswegs allein germanisch-heidnisch, sondern plünderte auch altpersische und altindische Religionsquellen aus, um eine »artgemäße« oder »arteigene« Religion zu konstruieren.†† Hier kommt wieder die Vorstellung der arischen oder nordischen ›Rasse‹ ins Spiel. Wie sich bereits bei Rosenberg gezeigt hat, glaubte man daran, dass die verschiedenen ›Rassen‹ neben körperlichen auch »seelisch-geistige« Eigenarten aufwiesen. Da war es nur natürlich, dass auch die religiösen Gefühle der Menschen ›rassisch‹ bedingt sein mussten.

Im Fall der Deutschen Glaubensbewegung kam dabei ein höchst moderner mystischer Pantheismus heraus, der nach Überzeugung seiner Vertreter_innen aber genau das war, woran der nordische Mensch schon immer geglaubt habe. Um einen Eindruck davon zu vermitteln, zitiere ich die neun Gebote, die Hauer für seinen Deutschen Glauben formulierte:
1. Ehre die Gottheit.
2. Ehre deine Vorfahren und Nachkommen.
3. Ehre die Großen deines Volkes.
4. Ehre Vater und Mutter.
5. Halte dich rein.
6. Sei treu deinem Volk.
7. Stiehl nicht.
8. Sei wahr.
9. Helfe den Edlen.
Das soll nun die Kampfbegier und die Leidenschaften entfesseln, die Geheimnisse okkulter Natur offenbaren? Ein Sammelsurium aus religiös verbrämtem Nationalismus, faschistischem Elitedenken und christlicher Ethik? Das ist keine »Begegnung mit einem ebenso lebendigen wie abgründigen Stammesgott«,††† sondern gepflegte Langeweile. Zwar durchkämmten Hauer und andere eifrig die alten Quellen, um aus ihnen ihre »arteigene Religion« zu begründen. Auch trafen sie durchaus einen Nerv, denn die NS-Behörden ermöglichten es den Anhänger_innen des arteigenen Glaubens, in offiziellen Unterlagen anstelle der christlichen Konfessionen die Religionszugehörigkeit »gottgläubig« zu führen. Von dieser Möglichkeit machten viele überzeugte Nazis Gebrauch, auch wenn sie mit der Deutschen Glaubensbewegung nichts zu tun hatten. Deren allzu konstruierte Theologie machte ihr allerdings schwer zu schaffen. 1933 gegründet, zerfiel die Bewegung schon 1936 in eine Vielzahl konkurrierender Splittergruppen, von denen die meisten schnell bedeutungslos wurden. Die »arteigene Religion« war letztlich nur ein weiterer Neo-Mythos, den einige Nazis als Steckenpferd betrieben und dazu benutzten, um echte, alte Mythen zu fleddern und sich ihrer eigenen Überlegenheit zu versichern.

(Bitte hier lang zum nächsten Post.)

* C. G. Jung, Wotan. Sein Wiedererwachen im Dritten Reich, in: Franz Alt (Hg.), Das C. G. Jung Lesebuch, Düsseldorf/Zürich ³2003, 205–220, hier 206.207.214.
** A.a.O., 219.
*** Ebd.
† A.a.O., 218f.
†† Anders als er glauben machen will, war Jung in dieser Sache keineswegs Außenstehender oder neutraler Ratgeber. Er stand mit Hauer in persönlichem Austausch und lud ihn zu Tagungen und Vorträgen ein.
††† A.a.O., 218.

Mittwoch, 16. August 2017

Gibt es die faschistische Fantasy? (Teil 3)

Der erste Teil dieser Reihe endete mit der Frage: Gibt es wirklich etwas, das den nordischen Geist edel macht, und die Aneignung der nordischen Mythologie durch die Nazis niederträchtig? Von entscheidender Bedeutung ist das deshalb, weil der ›nordische‹ Geist, oder genauer: Werke wie Beowulf, die Eddas, das Nibelungenlied, die Grimmschen Märchen und andere über Andrew Lang, William Morris, E. R. Eddison und J. R. R. Tolkien auf die moderne Fantasy eingewirkt haben wie kaum ein anderer Textcorpus. Und es hat sich im ersten Teil auch gezeigt, dass es gerade dieses ›nordische‹ Element ist, dass Fantasy für heutige Nazis anziehend macht. Spricht diese Affinität dafür, dass skandinavischen, englischen und deutschen Sagen und Märchen ein protofaschistischer Charakter zukommt? J. R. R. Tolkien und A. S. Byatt bestreiten das und sehen das ›nordische‹ Gehabe der Nazis als illegitime Aneignung an. Auch das könnte natürlich darauf hinauslaufen, dass ein Bewunderer des »noble northern spirit« wie Tolkien auf diese Weise lediglich seinen eigenen, vermeintlich besseren Nationalismus legitimieren will. Bevor ich dazu komme, möchte ich auf den Umgang der Nazis mit der germanischen Mythologie eingehen.*

Hatten die Nazis einen Germanenfimmel? Auf heutige Nazis trifft das zweifellos zu. In der Ikonographie der neonazistischen Szene wimmelt es nur so von Runen und Thorshämmern. Neo-heidnisch orientierte Nazis behaupten, eine Religion namens Odinismus zu praktizieren. Rechtsrock-Bands heißen Sleipnir, Ultima Thule oder Ragnaröck und schreiben unfreiwillig komische Stücke wie »Wotan strafe England«. Nimmt man analoge Äußerungen der Führungsriege des historischen Nationalsozialismus in den Blick, ergibt sich ein heterogenes Bild. Einige, wie Himmler, hatten zweifellos einen Germanenfimmel. Hitler dagegen ließ 1942 über die germanische Vergangenheit verlauten: »In einer Zeit, wo die andern schon Steinstraßen besaßen, hat unser Land Zeugnisse einer Kultur nicht aufzuweisen.«

Es ist eher ein Zerrbild als eine zutreffende Beschreibung, wenn man annimmt, die Nazis hätten allesamt in Vorstellungen einer mythischen germanischen Vorzeit geschwelgt. Natürlich versuchte die deutsche Archäologie sich beliebt zu machen, indem sie überall in der Provinz den Boden durchwühlte, um vielleicht doch noch zu beweisen, dass diesseits des Limes eine mit Rom und Griechenland vergleichbare Hochkultur geherrscht habe. Aber man verkennt den Faschismus, wenn man ihn für eine rein vergangenheitsorientierte Ideologie hält. Faschistische Regimes prahlten nicht nur mit der glorreichen Vergangenheit, sondern stets auch mit den Leistungen von Technik und Wissenschaft, die unter ihrer Ägide angeblich gewaltige Fortschritte machten. Der Zukunftsroman, eine deutsche Parallelentwicklung zur Science Fiction in den USA, war im Dritten Reich ein weitverbreitetes Genre. Goebbels sah es gern, wenn die Deutschen über die heroischen Kraftanstrengungen von Ingenieuren und Erfindern lasen.

Rätselhaft ist es schon: Hitler war bekanntlich ein glühender Wagner-Verehrer. Schon früh in seiner Karriere fand er Zugang zu dem Kreis, der sich um Wagners Witwe Cosima (1837–1930) und ihren Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain (der bereits im letzten Post als Rassenkundler aufgetreten ist) im Haus Wahnfried gebildet hatte. Dieser Kreis arbeitete kräftig daran, die antisemitischen Elemente in Wagners Werk herauszustellen, und hatte damit einigen Einfluss auf Hitler. Aber wenn dem so war, warum entstand dann im Dritten Reich kein einziges Werk, dass auch nur dem Versuch nach mit dem Ring des Nibelungen (oder auch Fritz Langs Film Die Nibelungen von 1924) vergleichbar wäre? Jedenfalls ist mir kein derartiger Versuch bekannt, ob in Literatur oder Film.

»Nibelungentreue« war ein Kampfbegriff des Nationalsozialismus. Nach der Schlacht von Stalingrad hielt Göring eine Rede, in der er die Situation der eingekesselten deutschen, italienischen, rumänischen und ungarischen Truppen mit den Nibelungen im brennenden Saal der Etzelburg gleichsetzte. Vielleicht hilft diese Bezugnahme auf germanische Mythologie bei der Lösung des Rätsels: Göring sprach propagandistisch. Das geht mit einer gewissen Austauschbarkeit des Inhalts einher. Wäre er kein deutscher, sondern französischer Faschistenführer gewesen, hätte er sich vielleicht auf Jeanne d’Arc statt auf die Nibelungen berufen. Tatsächlich war aus nationalsozialistischer Sicht Politik und Propaganda gleichzusetzen. Hitler konnte sich lange Zeit unter Politik nichts anderes vorstellen, als vor einer jubelnden Menschenmenge eine Rede zu halten. Das hatte weitreichende Folgen für das Kunstverständnis der Nazis. Die wuchtigen Skulpturen eines Arno Breker, die Monumentalarchitektur Speers, die Inszenierung der Reichsparteitage, die Lobgedichte auf Hitler – sie alle zielten unmittelbar auf eine propagandistische Wirkung ab. Wer wie der Faschismus eine »Ästhetisierung der Politik« (Walter Benjamin) betreibt, vermag damit Menschenmassen aufzuputschen, verliert aber allzu leicht den Sinn für den Unterschied von Propaganda und Kunst.

Folgerichtig war staatlich geförderte Literatur im Nationalsozialismus überwiegend Tendenzliteratur. Sie hatte die Verbundenheit mit Blut und Boden, die Aufopferung für die Volksgemeinschaft positiv darzustellen. Echte mythopoetische Literatur enthält aber immer ein Element des l’art pour l’art. »The prime motive was the desire of a tale-teller to try his hand at a really long story«, lautet Tolkiens lakonische Erklärung, warum er The Lord of the Rings geschrieben habe. Ein Rosenberg ätzte dagegen, es könne nicht angehen, dass ein Roman »aus artistischem Wohlgefallen heraus« geschrieben werde. Und die Zeitschrift Die Literatur tönte 1940, wer ein Buch schreibe, habe sich »unter den selbstverständlichen Leitgedanken des Dienstes, des Uniformtragens« zu stellen. Da nimmt es nicht wunder, wenn die lyrischen Ergüsse nationalsozialistischer Dichter_innnen mitunter so aussahen:
Deutsche Jugend, werde mir wieder blond,
Laß aus blauen Augen, vom Stahl durchsonnt
Inneren Feuers, den wahren Himmel leuchten!
Wieder auf zarter Wange in schöner Glut
Glühe das götterhafte Germanenblut,
Rein von den trüben Tropfen, die es durchseuchten!
Diese Verse stammen von Otto Hauser (1876–1944), dem Verfasser so unsterblicher Werke wie Atlantis. Der Untergang einer Welt. Epos der Rasse in 20 Gesängen (1920) und Der blonde Mensch (1921). Sie wurden 1934 in der Zeitschrift Rasse und Politik publiziert.

Natürlich lässt sich nicht jede einzelne nationalsozialistische oder völkische Bezugnahme auf germanische Mythologie als Propaganda beschreiben. Der instrumentelle Charakter der Propaganda gibt aber den entscheidenden Hinweis: Die Nazis verwendeten die mythologischen Quellen auf instrumentelle Weise. Geht es zum Beispiel um die Eddas, fehlte oft jeder Hinweis auf den literaturgeschichtlichen Kontext (dass diese Werke in Island entstanden sind, dass sie aus dem Mittelalter stammen etc.). Sie galten als Schriften, denen man weltanschauliches Material entnehmen konnte. Dass etwa Snorri seine Edda nicht als System von Glaubensüberzeugungen schrieb, sondern als Poetik, interessierte dabei nicht. »Den völkischen Esoterikern der Jahrhundertwende war [...] nicht nach sensibler Mythen-Interpretation zumute, sondern sie wollten aus ihren Bildern zwingende Beweise für die uralte Herkunft und spirituelle Überlegenheit des ›Ariers‹ herauspressen.«** Dass die arische ›Rasse‹ uralt sei und geistig und körperlich allen anderen überlegen – das sind selbst schon mythische Konzepte, allerdings solche, die in der Moderne entstanden sind. Man spricht deshalb von Neo-Mythologien.

Typisch für Neo-Mythologien ist, dass sie sich für wissenschaftlich oder tatsachenorientiert ausgeben. Die Rassenkunde lässt sich als eine solche Neo-Mythologie beschreiben. Es gibt daneben aber auch noch weitere Neo-Mythologien, die die Nazis inspirierten:
  • die Glazialkosmogonie oder Welteislehre Hanns Hörbigers,
  • der sogenannte Nationalatlantismus,
  • der Mythos vom Weltjudentum, wie er vor allem in den Protokollen der Weisen von Zion zum Ausdruck kommt,
  • und die Vorstellung einer »arteigenen« Religion.
In der Praxis vermischten sich diese neo-mythischen Vorstellungen regelmäßig untereinander und mit solchen, die der Rassenkunde entnommen waren. Die Glazialkosmogonie wurde von dem österreichischen Ingenieur Hanns Hörbiger (1860–1931) entwickelt. Im Dritten Reich gab es einige Bemühungen, sie als ernstzunehmende physikalische Theorie an den Universitäten zu etablieren. Rüdiger Sünner fasst die Welteislehre folgendermaßen zusammen:
Wie am Anfang der »Edda« die Schöpfung aus dem Zusammenprall von Feuer und Eis geschildert wird, so glaubte Hörbiger, daß vor Urzeiten ein »Eisgigant« in eine »Riesen-Sternmutter« gerast sei. Das habe eine kosmische Explosion von ungeahnten Ausmaßen verursacht, ein Szenario, das in seiner Dramatik wohl so recht nach dem Geschmack mancher NS-Führer war. Aus dem umherwirbelnden glühenden Eisstaub hätten sich allmählich rotierende Wolken und Spiralen gebildet, aus denen nach Abkühlung die Planeten, Sonnen und Monde entstanden seien. Der Mensch habe sich nicht aus dem Affen entwickelt, sondern sei als lebensfähiges Protoplasma in Eisstücken auf die Erde heruntergekommen, als »göttliches Sperma«, welches der »Allvater Kosmos« in den Schoß von »Allmutter Erde« gesenkt habe, um daraus den »Homo europaeus« als »Haupt- und Endzweck der Schöpfung« entstehen zu lassen. Aus diesem Grund glaubte Hörbiger auch an die reale Existenz prähistorischer Hochkulturen, die zwar in Naturkatastrophen verschlungen worden seien, aber von denen noch vereinzelte Spuren existierten.***
Das leitet auch schon zum Nationalatlantismus über. Damit bezeichnet der Mythologe Pierre Vidal-Nacquet den Versuch, den Ursprung der eigenen Nation in Atlantis zu lokalisieren. Nun kann es als ausgemacht gelten, dass der Atlantismythos eine Erfindung Platons ist. Tatsächlich entwarf Platon damit eine Art politische Dystopie. Er zeichnete Atlantis als Gemeinwesen, das (ganz wie Tolkiens Númenor) aufgrund seines Hochmuts und seiner Dekadenz von den Göttern bestraft und in einer gewaltigen Flutkatastrophe vernichtet wird. Trotzdem häuften sich in der Neuzeit die Versuche, Atlantis als vorzeitliches Paradies darzustellen, dessen Erbe noch heute lebendig sei. Wo genau dieses Erbe angeblich zu finden ist, das hing von den jeweiligen politischen Absichten ab. Den Anfang machte der schwedische Naturforscher Olof Rudbeck (1630–1702), der zu einer Zeit, da Schweden zur europäischen Großmacht aufstieg, in seinem voluminösen Werk Atlantica sive Manheim unbedingt nachweisen wollte, dass Schweden ein Überrest von Atlantis sei. An der Stelle der alten Hauptstadt von Atlantis sei später Uppsala errichtet worden.

Wie bereits erwähnt vermutete Rosenberg Atlantis, allerdings ohne sich darauf festzulegen, im nördlichen Atlantik. Andere Nazis waren wesentlich spezifischer, wenn es um ihre Lieblingshypothesen zur Lage des sagenhaften Kontinents ging. Der Amateur-Archäologe Edmund Kiss (1886–1960) war sowohl ein Verfechter der Historizität von Atlantis als auch ein Anhänger der Welteislehre. Nach einem Südamerika-Aufenthalt veröffentlichte er 1937 in der Zeitschrift Germanien einen Artikel mit dem bizarren Titel »Nordische Baukunst in Bolivien«. Kiss war zu der Überzeugung gelangt, die Ruinen von Prä-Inka-Kulturen in der Umgebung des Titicaca-Sees stellten archäologische Spuren von Atlantis dar. Prompt stellte der SS-Forschungsverein Deutsches Ahnenerbe ihm Geld für eine Expedition nach Nordafrika zur Verfügung, durch die er seine Kombination der Welteislehre mit dem Atlantismythos weiter ausbauen sollte. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Kiss seine Ansichten in einer Romantetralogie niederlegte, die aus den Bänden Das gläserne Meer (1930), Die letzte Königin von Atlantis (1931), Frühling in Atlantis (1933) und Die Singschwäne von Thule (1937) besteht. Was der Möchtegern-Intellektuelle Rosenberg sich für seinen Mythus des 20. Jahrhunderts verbeten hatte, war einem Spintisierer und Abenteurer wie Kiss auf Basis der Welteislehre ohne weiteres möglich: Bausteine für phantastische Unterhaltungsliteratur zu sammeln. Harmloser wird es dadurch nicht: Kiss’ Ansichten waren vor allem im Umkreis der SS sehr beliebt. Zeitweilig durfte er sogar die Wachmannschaft des Führerhauptquartiers kommandieren.

Herrenrassen, Welteis und Atlantis. Das war es also, was im Dritten Reich als ernsthafte Geistesbeschäftigung galt – von den Protokollen der Weisen von Zion, deren Echtheit führende Nazis vertraten, ganz zu schweigen. Durch die Brille dieser pseudowissenschaftlichen Konzepte betrachteten die Nazis auch die germanischen Mythen, bzw. sie suchten in ihnen Bestätigungen für ihren Rassismus, ihre Atlantishypothesen und die Welteislehre. Nun gibt es aber mit C. G. Jung einen bedeutenden Denker, der eine Identität von altgermanischer Mythologie und nationalsozialistischer Weltanschauung behauptet. Dem möchte ich in einem weiteren Text nachgehen und dabei auch die Vorstellung einer »arteigenen Religion« betrachten.

* Das Unsinnswort ›nordisch‹ vermeide ich von jetzt an lieber. ›Germanisch‹ ist in jedem Fall die passendere Bezeichnung. Damit will ich nicht die Fiktion eines einheitlichen Germanentums fortschreiben. In der Antike war Germani einfach die lateinische Bezeichnung für die an den Flüssen Rhein, Elbe und Oder lebenden Stämme. Da es heute gebräuchlich ist, von germanischen Sprachen zu sprechen, lässt sich m.E. auch von germanischer Mythologie sprechen, wenn von Werken wie dem Beowulf, den Eddas und dem Nibelungenlied die Rede ist.
** Rüdiger Sünner, Schwarze Sonne. Entfesselung und Mißbrauch der Mythen in Nationalsozialismus und rechter Esoterik, Freiburg im Breisgau u.a. ²1999, 37f.
*** A.a.O., 45f.

Sonntag, 6. August 2017

Gibt es die faschistische Fantasy? (Teil 2)

Bevor ich mich an den Versuch mache, die Frage zu beantworten, mit der ich den ersten Teil dieser Reihe beendet habe, will ich mich noch einem anderen Problem zuwenden. Die Frage ist: Aus welchen Quellen könnte eine faschistische Fantasy, so es sie gibt, entstanden sein? Hier spielt das Konzept des taproot texts, wie John Clute es in der Encyclopedia of Fantasy definiert hat, eine wichtige Rolle. Bevor es Fantasy gab, gab es Texte, die übernatürliche und wunderbare Ereignisse schildern. Fantasy verwendet solche taproot texts häufig als Quelle. Die Arbeit der Fantasy beschreibt Clute als »transforming a traditional story containing supernatural elements into a work mediated through – and in a telling sense defined by – those elements«. So verfuhr Goethe mit der Faustsage, Wagner mit der Nibelungensage und den Gralsromanzen, Thomas Mann mit der Josephsgeschichte in der Bibel, T. H. White mit dem Morte Darthur und schließlich Tolkien mit dem Beowulf, der Edda und der Deutschen Mythologie. (Zahlreiche weitere Beispiele wären zu nennen.)

Für den taproot text des Nationalsozialismus halte ich die sogenannte Rassenkunde. Wie bereits ausgeführt, war diese keine Erfindung der Nazis, sondern galt bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als seriöse Wissenschaft. (Tatsächlich steht ihr wissenschaftlicher Wert aber auf einer Stufe mit Verschwörungstheorien und Berichten über Entführungen durch Außerirdische. Ich habe aus Recherchegründen sehr viel von dem Mist gelesen.) Besonders einflussreiche Veröffentlichungen aus dem Bereich dieser Pseudowissenschaft sind Joseph Arthur de Gobineaus Essai sur l’inégalité des races humaines (1853/55), Houston Stewart Chamberlains Grundlagen des 19. Jahrhunderts (1899), The Passing of the Great Race (1916) von Madison Grant, The Rising Tide of Color Against White World-Supremacy (1920) von Lothrop Stoddard, Hans F. K. Günthers Rassenkunde des deutschen Volkes (1922) und Julius Evolas Sintesi di dottrina della razza (1941). Man sieht, die Rassenkunde war eine durchaus internationale Angelegenheit: Gobineau war Franzose, Chamberlain gebürtiger Brite und Wahldeutscher, Grant und Stoddard waren US-Amerikaner, Günther war Deutscher und Evola Italiener. Man sieht außerdem an den Veröffentlichungsdaten, dass es zwischen 1918 und 1945 (also in der Epoche des Faschismus) eine gewisse Konjunktur solcher Werke gab. Insbesondere Chamberlain übte einen immensen Einfluss auf die zentralen Weltanschauungsschriften der Nazis aus, also auf Hitlers Mein Kampf (1925/26) und Rosenbergs Mythus des 20. Jahrhunderts (1930).

Houston Stewart Chamberlain (1855–1927) war mit Richard Wagners Tochter Eva (1867–1942) verheiratet. Aus wohlhabender britischer Familie stammend, entwickelte er schon früh eine zur Überidentifikation neigende Begeisterung für alles Deutsche (bzw. für das, was man in völkisch-rechtsradikalen Kreisen als deutsch ansah). Der Makel seiner nichtdeutschen Geburt machte aus Chamberlain gewissermaßen einen Vorläufer Akif Pirinçcis. In seinen Schriften neigte er dazu, bei jeder sich bietenden Gelegenheit in eine groteske Anglophobie zu verfallen. Die britische Öffentlichkeit verspottete Chamberlain als »den deutschen Philosophen«. Tatsächlich war er kein Philosoph, sondern hatte Botanik studiert, was ihn aber nicht davon abhielt, als dilettierender Experte für alles und nichts aufzutreten.

Ich will mich nun Alfred Rosenberg (1893–1946) zuwenden. Rosenberg war Leiter des Außenpolitischen Amtes der NSDAP und Reichsminister für die besetzten Ostgebiete. In diesen Funktionen betrieb er vor allem Kunstraub im großen Stil, war aber auch an der Vorbereitung und Durchführung der sogenannten »Endlösung« beteiligt. Eine Machtfülle, die mit derjenigen Bormanns, Goebbels’, Himmlers und (zeitweilig) Görings vergleichbar wäre, konnte Rosenberg nie auf seine Person vereinigen. Obwohl er ein frühes Mitglied der NSDAP war, gehörte er nach 1933 eher zur zweiten Garde der NS-Führungsriege, in der mitunter über Rosenbergs aufgesetzen Intellektualismus gehöhnt wurde. Rosenberg war neben seinen außenpolitischen Funktionen aber auch »Beauftragter des Führers für die Überwachung der gesamten weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP« (nur echt mit diesem Titel). Der damit verbundenen Dienststelle (um die pompöse öffizielle Bezeichnung zu vermeiden, ist in der Sekundärliteratur meist nur von der BFÜ-Dienststelle die Rede) unterlag nach dem Verständnis Rosenbergs die Kontrolle der gesamten NS-Kulturpolitik. Das kollidierte allerdings mit dem gleichgelagerten Anspruch der Reichskulturkammer, die wiederum dem Reichspropagandaministerium Joseph Goebbels’ unterstand. Die recht unterschiedlichen kulturpolitischen Vorstellungen Rosenbergs und Goebbels’, die ich hier schon einmal beschrieben habe, führten dazu, dass die beiden NS-Bonzen eine giftige Dauerfehde führten, in der meistens Goebbels die Oberhand behielt.* Rosenberg eignet sich aber deshalb besonders gut für die Behandlung des eingangs genannten Problems, weil er sich für ausersehen hielt, das kulturelle Leben im Sinne der Rassenkunde zu erneuern, und mit dem Mythus des 20. Jahrhunderts eine entsprechende Programmschrift verfasste.

Ich habe zu beschreiben versucht, dass in der Rassenkunde gewissermaßen eine horizontale und eine vertikale Achse zu unterscheiden sind. Auf beiden Achsen findet nach faschistischer Auffassung ein ewiger Kampf statt: Auf der horizontalen Achse kämpft die nordische Herrenrasse mit der jüdischen Anti-›Rasse‹ um die Weltherrschaft. Auf der vertikalen Achse kämpft am oberen Ende die Herrenrasse um ihren Bestand, da sie ständig davon bedroht ist, in den am unteren Ende der Achse drohenden Sumpf des Untermenschentums hineingesogen zu werden. Die Mittel in diesem Kampf sind auf der einen Achse die Selektion und Vernichtung des Judentums, auf der anderen Achse Eugenik und Rassenhygiene (d.h. vor allem das Verbot sogenannter Mischehen). Das Bild des Ariers und des Semiten, die auf der vertikalen Achse ihren ewigen Kampf ausfechten, ist dabei vor allem eine Verballhornung der sprachwissenschaftlichen Unterscheidung zwischen indoeuropäischen und semitischen Sprachen.** Ariertum und Semitentum werden in der Rassenkunde zu gegensätzlichen Prinzipien in einem kosmischen Kampf: Der Arier ist heroisch, idealistisch, großmütig und gedankenvoll. Der Semit ist krämerisch, materialistisch, nachtragend und spitzfindig.

Der Mythus des 20. Jahrhunderts greift dieses dichotomische Bild auf und entwickelt es weiter. Für Rosenberg sind ›Rassen‹ nicht nur biologische, sondern auch »seelisch-geistige« Gestalten. Für die intellektuellen »Gestaltenkämpfe«, in die Rosenberg sich eingebunden sah, brauche es deshalb eine neue Mythologie. Der Titel seines Buches ist deshalb ganz wörtlich zu nehmen, und Rosenberg versucht darin mit Feuereifer, diese neue Mythologie zu erschaffen. In ihr sieht Rosenberg nichts weniger als die Grundlage aller philosophischen, religiösen und künstlerischen Ausdrucksformen der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft. Die Figuren des Ariers und des Semiten formt Rosenberg zu einer mythischen Topographie um: Auf der einen Seite steht Atlantis. Rosenberg glaubte wohl tatsächlich an einen versunkenen Kontinent im Nordatlantik. Bei der Lokalisierung des legendären Inselreichs bleibt er aber eher vage, wohl deshalb, weil er den Spott der etablierten Wissenschaft fürchtete, sollte er sich auf allzu eindeutige geologische Spekulationen einlassen. Umso ausführlicher zeigt er sich dann über die kulturgeschichtliche Bedeutung von Atlantis informiert. Die Atlantiden seien begnadete Seeleute gewesen und hätten überall auf der Welt Kolonien gegründet, um die Völker am Licht ihrer Überlegenheit teilhaben zu lassen. Sie hätten die Sonne als göttlich verehrt und seien damit die direkte Inspiration für die Hochreligionen Ägyptens, Persiens und Indiens gewesen. Kurzum, aus Atlantis stammt alle Kultur.

Auf der Gegenseite steht Syrien. Damit meint Rosenberg weniger den geographischen Ort, als vielmehr ein Bündel von Assoziationen, wie es im Westen oft mit ›dem Orient‹ verbunden wird: üppige Sinnlichkeit, Dekadenz und Fanatismus. Statt sich der Sonne zuzuwenden, praktiziert Syrien finstere, magische Kulte in unterirdischen Gewölben. Dem aristokratischen Geist von Atlantis setzt Syrien seinen »demokratischen Tellurismus« entgegen. In Syrien herrschen die Frauen, die Sexualität und ganz allgemein die Ausschweifung. Mit voyeuristischer Lust am Detail malt Rosenberg die Orgien und blutrünstigen Rituale aus, die in allen Kulturen der Welt abgehalten werden, die unter den Einfluss Syriens gefallen sind. Der römische Katholizismus mit seiner Neigung zu Sinnlichkeit und Prachtentfaltung ist für Rosenberg eine moderne Verkörperung des syrischen Prinzips, so sehr, dass er ›römisch‹ und ›syrisch‹ geradezu austauschbar verwendet. Dennoch sieht sich Rosenberg als Christ, aber als Protestant, denn Luthers Auseinandersetzung mit dem Papsttum war in Wirklichkeit nur ein weiteres Kapitel des Kampfes zwischen dem lichten Atlantis und dem sumpfigen Syrien. Am reinsten zeigt sich das syrische Prinzip natürlich im Judentum, denn Juden fressen bekanntlich christliche Kinder.

Das wäre er also, der faschistische Mythos in der Variante von Rosenberg. Vergleicht man ihn mit anderen modernen Mythenmachern wie Blake, Wagner, Nietzsche, Bachofen, Frazer, Freud, oder sogar Jung und Ranke-Graves, fällt er ausgesprochen kläglich aus. Beim Lesen des Mythus des 20. Jahrhunderts kann man sich des beständigen Eindrucks nicht erwehren, hier lebe ein verklemmtes, autoritäres Individuum sein heimliches Begehren aus, indem es sämtliche verbotenen Wünsche in grotesker Form auf einen imaginären Feind projiziert. Interessant ist nun die Frage, welche Art von Literatur gemäß Rosenbergs Hoffnungen aus diesem Mythos entstehen sollte. Aus heutiger Sicht lässt sich das schnell beantworten: Was Rosenberg da über Atlantis und Syrien fabuliert, ließe sich gut zu einem Roman im Stil von Norman Spinrads Iron Dream verarbeiten. Denkbar wäre auch etwas in der Machart von Frank Millers und Lynn Varleys 300. Von Rosenbergs mythischer Topographie bis zu Millers Sparta und Persien ist es schließlich nicht weit.

In Rosenbergs Absicht hätte so etwas aber ganz und gar nicht gelegen. Er war der festen Überzeugung, die nationalsozialistische Herrschaft werde zu einem Aufblühen von Kunst und Kultur führen. In Wahrheit war natürlich das Gegenteil der Fall. Die Nazis trieben massenhaft Künstler_innen und Intellektuelle ins Exil oder in die Konzentrationslager. Die dadurch im Kulturbetrieb entstandenen Lücken wurden durch drittklassige völkische Schreiberlinge aufgefüllt. Eine beispiellose Verödung des kulturellen Lebens trat ein. Rosenberg war sich der literarischen Minderwertigkeit der völkischen Literaturproduktion peinlich bewusst. Sicherlich war ihm uneingestandenermaßen klar, dass die erhofften Blütezeit sich auch durch Proklamationen im Stil seines Mythus nicht herbeizwingen ließ. Also tat er das aus seiner Sicht nächstliegende: Er führte einen verbissenen Kampf gegen sogenannte Schundliteratur. Für den deutschen Herrenmenschen sei es nicht angemessen, mit trivialer Unterhaltung Zeit zu vertändeln. Es handelt sich um einen nur allzu durchsichtigen Reflex: Wenn das Gewünschte nicht eintritt, dann verbietet man wenigstens das Unerwünschte.

Dem Dilemma konnte Rosenberg dadurch nicht entgehen: Welche Art von Literatur hätte aus seinem Mythus denn auch entstehen sollen, wenn nicht phantastische Unterhaltungsliteratur? Aber hätte wer auch immer gewagt, einen entsprechenden Roman auf der Grundlage des Mythus zu schreiben, hätte das Rosenberg doch nur die intellektuelle Dürftigkeit seines Opus vor Augen geführt. Natürlich wurden im Dritten Reich phantastische Romane veröffentlicht, die ein völkisches Weltbild pflegten. Diese bedienten sich aber nicht des Rosenbergschen Mythus als Grundlage, sondern suchten sich andere Quellen. Besonderer Beliebtheit erfreute sich dabei die sogenannte Welteislehre Hanns Hörbigers (einen Einblick in das entsprechende Schrifttum gibt dieser Artikel von Joachim Körber). Auch die Ariosophie, ein von Guido von List und Jörg Lanz von Liebenfels entwickelter völkischer Okkultismus, wirkte auf zahlreiche phantastische Romane ein.

Letztlich bestand Rosenbergs Problem in seiner intellektuellen Eitelkeit. Es gehört zum psychologischen Profil der faschistischen Führerpersönlichkeit, die eigene Bedeutung zu überschätzen. In Rosenbergs Fall äußerte sich das so, dass er sich für einen großen Denker hielt, einen veritablen Nachfolger Kants, Goethes und Nietzsches. Während andere NS-Bonzen sich volksnah gaben, prahlte Rosenberg damit, schon als Jugendlicher täglich 13 Stunden in der Bibliothek verbracht zu haben, um die Klassiker der Philosophie zu studieren. Um so größer die Fallhöhe. Als er das Atlantismotiv aufgriff, glaubte Rosenberg wahrscheinlich, sich damit in die Nachfolge Platons zu stellen, und übersah völlig, dass Atlantis seit dem 19. Jahrhundert zum Stoff für phantastische Literatur geworden war. Erst 1920 war beispielsweise Pierre Benoits Roman L’Atlantide erschienen, der 1932 von Georg Wilhelm Pabst fürs deutsche Kino verfilmt wurde.

Aufschlussreich ist der Fall der äußerst erfolgreichen Heftromanreihe Sun Koh, der Erbe von Atlantis, die Paul Alfred Müller (1901–70) unter dem Pseudonym Lok Myler schrieb. Die Reihe brachte es im Dritten Reich auf 150 Hefte und drei Auflagen. Müller war 1933 der NSDAP beigetreten. Dennoch leitete die Prüfstelle für Schund- und Schmutzliteratur (hieß wirklich so!) des Reichsinnenministeriums 1934 ein (letztlich erfolgloses) Verbotsverfahren gegen die Reihe ein. Die Prüfstelle attestierte der Serie »Roheit der Gesinnung«, die »alle edleren Regungen des Herzens« ersticke, und bemängelte außerdem, dass zu wenige deutsche Figuren aufträten. Müller war zu weitgehenden Anpassungen bereit. Er ließ Nimba, den schwarzen Sidekick seines Helden Sun Koh, sterben und war einverstanden, dass Nimba aus den Titelbildern der Neuauflagen retuschiert wurde. Außerdem propagierte er in den Heften verstärkt deutsche Kolonialpolitik.

Gerade diese opportunistische Wendigkeit, der sich zahlreiche Unterhaltungsautor_innen befleißigten, war Rosenberg ein Dorn im Auge. In der Zeitschrift Bücherkunde, die von der BFÜ-Dienststelle herausgegeben wurde, ließ er zur Attacke blasen: Unterhaltungsliteratur sei eine »Gefahr für den Geist des Volkes«, da sie eine fiktive »Welt der Illusionen, des Glückshungers« präsentiere. Nach 1933 seien ihre Held_innen plötzlich »blond und nordisch« geworden, um gerade noch die Zensur umgehen zu können. Am Ende steht die Forderung: »Wir sind der Meinung, daß dieses Übel radikaler und unbarmherziger angefaßt werden muß, als es bisher geschehen ist.« Letztlich setzte sich aber weder Rosenberg noch irgendeine andere offizielle Stelle des NS-Staats mit dem Versuch durch, Heftromane und andere Formen von Unterhaltungsliteratur vollständig zu verbieten. Paul Alfred Müller hat seinen Erben von Atlantis sicherlich nicht bewusst auf der Grundlage von Rosenbergs Mythus konzipiert. Aber Rosenbergs ohnmächtige Wut lässt sich sehr gut damit erklären, dass eben alles andere als klar ist, worin denn eigentlich der Unterschied zwischen seinen eigenen Spekulationen über heroische Atlantiden und Pulp-Helden wie Sun Koh bestehen soll.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Der Mythus des 20. Jahrhunderts zwar durchaus eine Tradition faschistischer Fantasy hätte begründen können, die Prätentionen seines Autors dies aber unmöglich machten. Ich werde mich also weiter nach Möglichkeiten zu solcher Traditionsbildung umsehen.

* Ämterchaos und Kompetenzwirrwarr im Dritten Reich entsprangen einem politischen Kalkül Hitlers. Je weniger sich die NS-Funktionäre der Grenzen ihrer Zuständigkeitsbereiche sicher waren, desto mehr waren sie von der persönlichen Gunst des »Führers« abhängig.
** Es ist kein Zufall, dass die Rassenkunde ihr Vokabular vor allem aus der Sprachwissenschaft bezieht. Sprachliche Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen lassen sich schließlich empirisch feststellen, während die Unterschiede, die von der Rassenkunde konstatiert werden, weitgehend imaginär sind. Durch die terminologische Nähe zur Sprachwissenschaft versucht die Rassenkunde den Anschein von Wissenschaftlichkeit wahren. 

Dienstag, 3. Januar 2017

Gibt es die faschistische Fantasy?

Faschismusvorwürfe gegen die Fantasy sind alles andere als selten. Als mythopoetische Literatur malt Fantasy zahllose Schlachten der Mächte des Lichts gegen die Horden der Finsternis aus. Solcher Hell-Dunkel-Dualismus kann schon mal an faschistische Ideologeme erinnern. Und gelten nicht einige Mythomanen des 19. Jahrhunderts, wie Nietzsche und Wagner, als geistige Wegbereiter des deutschen Faschismus? Die wohl prominenteste Auseinandersetzung mit dieser Frage ist Norman Spinrads Roman-Essay The Iron Dream, der sich von der Frage leiten lässt, wie ein Pulp-Fantasy-Roman aussähe, dessen Verfasser Adolf Hitler heißt. Der schwerwiegendste Einwand gegen Spinrads Gedankenspiel ist, dass es solche Pulp-Fantasy im Dritten Reich nicht gab. Die NS-Kulturpolitik verhielt sich gegenüber Unterhaltungsliteratur aller Spielarten eher ambivalent (was verschiedene Heftroman-Autor_innen allerdings nicht von ideologischen Anpassungsversuchen abhielt). Gut, Fantasy als Genre-Kategorie gab es damals ohnehin nicht. Aber wenn man Fantasy als (post-)moderne Fortsetzung des Märchens versteht, ist eine Sache sehr auffällig: In der Weimarer Republik gab es eine äußerst lebendige und vielfältige Märchenproduktion, die in der NS-Zeit aber fast ganz zum Erliegen kam. Unter der Ägide der Nazis wurden nahezu ausschließlich Neuausgaben von Märchenklassikern wie den Grimms veröffentlicht, oft versehen mit völkischen Interpretationen. Kreative Neuentwicklungen gab es dagegen kaum.

Das ist durchaus erstaunlich, denn Tatsache ist ja, dass die Nazis nicht nur Wagner und die Grimms anhimmelten, sondern auch mit großem Eifer ihre eigene Mythopoiesis betrieben: Alfred Rosenberg fabulierte in seinem Mythus des 20. Jahrhunderts vom Ursprung der arischen Rasse im untergegangenen Atlantis, der SS-Esoteriker Otto Rahn ging in Südfrankreich auf Gralssuche, Heinrich Himmler hielt die Ura-Linda-Chronik (eine Fälschung des 19. Jahrhunderts) für ein authentisches Dokument germanischer Vorgeschichte, und an Forschungsinstituten des Dritten Reiches wurde die Space-Opera-mäßige Glazialkosmologie Hanns Hörbigers als Wissenschaft gelehrt. All diese mythologischen Spekulationen führten zum politischen Kunstverständnis der Nazis: Kunst sollte, so lautete ihre Auffassung, dieses mythische Weltbild darstellen und verbreiten. In der bildenden Kunst und in den Inszenierungen der Sonnenwendfeiern und Parteitage wurde das auch umgesetzt. Warum nicht in der erzählenden Literatur? Ein Grund dafür könnte sein, dass die führenden Nazis durchaus Sorge trugen, in den Augen der Welt nicht zu obskurantistisch zu erscheinen. Diejenigen NS-Bonzen, die allzu gern in Visionen einer mythischen Vorzeit schwelgten (wie Heinrich Himmler) mussten diese Vorlieben eher im Privaten pflegen, da sie sonst den Unmut Hitlers erregt hätten. Die Furcht davor, sich lächerlich zu machen, war ein beherrschendes Motiv in Hitlers Handeln.

Heutigen Nazis gehen solche Skrupel weitgehend ab. In den esoterischen und verschwörungstheoretischen Anteilen der rechten Szene herrscht ein mythologischer Wildwuchs sondergleichen. Zeit für einen Blick darauf, was die neuen Nazis über Fantasy denken. Eine unverzichtbare Quelle in dieser Hinsicht ist Metapedia, das Fascho-Wiki-Enzyklopädieprojekt. Deren Ansichten zur Fantasy lassen sich auf eine kurze Formel bringen: Tolkien gut, Rowling böse. An sich weiß Metapedia Fantasy zu schätzen – bis auf den Namen, der als Anglizismus abgelehnt und durch die umständliche Neuprägung »Fernweltenliteratur« ersetzt wird:
Fernweltenliteratur, oft auch als Fantasyliteratur bezeichnet, bezeichnet man eine im 20. Jahrhundert aufgekommene Literaturgattung, welche eine Untergattung der Phantastik darstellt und Motive der germanischen und keltischen Mythologie und Sagenwelt aufgegreift [sic]. Meist spielen die Handlungen in einer Parallelwelt, in welcher neben Menschen auch andere Wesen leben und der Entwicklungsstand etwa auf Höhe des sogenannten Heroischen Zeitalters oder des Mittelalters angesiedelt ist. Seltener dient aber auch die Vorgeschichte oder das frühe Altertum als Grundlage. Das wohl bedeutendste Werk der Fantasyliteratur, welches als Vorlage für viele weitere diente, ist »Der Herr der Ringe« des englischen Nordisten J. R. R. Tolkien.
Über Tolkien, den »Nordisten«, hat Metapedia dann einiges zu sagen:
Das Buch »Der Herr der Ringe« ist auch in nationalen und allgemein rechten Kreisen durchaus angesehen. Der Grund hierfür ist derselbe, weswegen es hin und wieder von linker Seite attackiert wird, nämlich der im Buch latent enthaltene, wenn auch auf die mythische Ebene verlagerte, Rassismus. So haben in der literarischen Welt Tolkiens die Vertreter der edlen Rasse (Elben) vorwiegend die Merkmale der nordischen Rasse, die Vertreter der abscheulichsten Rasse (Orks) hauptsächlich die Merkmale der negriden Rasse. Aber auch bei der in Mittelerde lebenden Menschengattung werden den allgemein helleren unter diesen – z.B. dem Volk von Rohan – weitgehend bessere Eigenschaften zugesprochen als den dunkleren Menschenvölkern, z.B. den unheimlichen Bewohnern des Haradwaith (Süderland). [...] Aufgrund der hohen Beliebtheit der Tolkien-Romane, werden diese Tatsachen von der veröffentlichten Meinung und den Einheitsmedien aber in der Regel totgeschwiegen.
Tolkien war also ein heimlicher Nazi, was aber von der jüdisch-marxistisch-freimaurerisch beherrschten Presse verheimlicht wird. Armer Trottel, der solches geschrieben hat.
Aufgrund der Tatsache, daß in dem Buch die Orks, die Vertreter des moralisch Schlechten, schwarze bzw. sehr dunkle Erscheinungen sind, während die Vertreter der edlen und moralisch höherstehenden Rassen entsprechend ihrer moralischen Stufe als immer hellere Erscheinungen dargestellt werden, gilt das Werk mittlerweile bei vielen Verfechtern der »multikulturellen« Ideologie [...], als nicht mehr »politisch korrekt« (»Vorwurf« des sogenannten »unterschwelligen Rassismus«), da der Leser durch die Lektüre evtl. Rückschlüsse und zutreffende Parallelen zur realen Welt ziehen könnte.
Da hat offenbar jemand die Taste mit den sogenannten Anführungszeichen entdeckt.

Auffällig ist hier, dass Metapedia sich einen typischen Feuilleton-Vorwurf gegen Tolkien zu eigen macht und ins Positive wendet. Im Zuge der Verfilmung des Lord of the Rings durch Peter Jackson erschien eine ganze Reihe von Kritiken, die den Filmen wie der Vorlage vorwarf, Gut und Böse anhand von rassifizierenden Merkmalen darzustellen: Die Guten seien bei Tolkien blond, hellhäutig und blauäugig, so heißt es oft.

Ganz unbegründet ist das nicht. People of Colour kommen im Lord of the Rings, in Gestalt der Haradrim, nur als Feinde vor. Auch trifft es zu, dass Tolkien gelegentlich die Farbe der Haare zur Codierung von Figuren gebraucht. So besteht eine klare Hierarchie unter den drei Elbenvölkern: Die Vanyar sind blond und stehen den Valar (den Engeln) am nächsten. Die Noldor und Teleri sind dagegen überwiegend dunkelhaarig. Innerhalb der königlichen Familie der Noldor wird der Kontrast besonders augenfällig. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratet König Finwe eine Vanya. Finwes Sohn aus erster Ehe, der aufrührerische Feanor, hat schwarze Haare, seine Söhne aus zweiter Ehe, Fingolfin und Finarfin, sind blond. Der Konflikt zwischen den finsteren Söhnen Feanors und den hellen Nachkommen Fingolfins und Finarfins prägt das gesamte Silmarillion. Unsinn bleibt die von Metapedia betriebene Tolkien-Aneignung dennoch. Weder sind Elben und Orks ›Rassen‹, noch tragen die einen ›nordische‹ und die anderen ›negride‹ Merkmale. Da war der rassistische Wunsch der Vater des Gedankens. Aber was hat diese komische Terminologie überhaupt zu bedeuten?

Die nazistische Rassenlehre stellt sich die Menschheit als eine Hierarchie von ›Rassen‹ vor. Sie teilt die Menschen zunächst in drei ›Großrassen‹ ein: die europide (oder kaukasische), die negride und die mongolide ›Großrasse‹. Die sollen im Großen und Ganzen den Bewohner_innen Europas (mit Russland und Vorderasien), des subsaharischen Afrika und Ostasiens entsprechen. Innerhalb der europiden ›Großrasse‹ gibt es noch einmal ein System von Abstufungen: An der Spitze steht die nordische oder arische ›Rasse‹ (gelegentlich auch als teutonisch bezeichnet). Der nordische Mensch soll groß, blond, hellhäutig und blauäugig sein – eben der Bilderbuch-Arier des Nationalsozialismus. Einigermaßen akzeptabel sind gleich darunter noch die westische und die dinarische ›Rasse‹. Die Angehörigen der westischen (auch keltischen oder mediterranen) ›Rasse‹ werden als braunäugig und -häutig, schwarzhaarig, klein und lebhaft vorgestellt. Dinarische Menschen sollen groß, derb, braunhaarig und adlernasig sein. Deutlich darunter kommt die ostische (oder alpine) ›Rasse‹ mit folgenden Merkmalen zu stehen: rundgesichtig, klein, plump und träge. Es ist leicht zu erkennen, dass es sich bei diesen ›Rassen‹ lediglich um Klischees von Menschen handelt: der Stereotyp des hünenhaften Wikingers, der Stereotyp des emotionalen Südeuropäers, der Stereotyp des stolzen Balkanbewohners, der besonders üble Stereotyp des russischen Untermenschen.

Die europide ›Rasse‹ ist zur Weltherrschaft ausersehen, hat aber darauf zu achten, dass das nordische Element in ihr stark bleibt, da sie sonst degeneriert und dem steten Ansturm der negriden und mongoliden Horden nichts mehr entgegen zu setzen hat. Das ist tatsächlich die Begründung für den Vernichtungskrieg des Deutschen Reiches gegen die Sowjetunion: Die überwiegend ›ostische‹ Bevölkerung der UdSSR müsse durch ›nordische‹ deutsche Siedler_innen ersetzt werden. Ganz außerhalb der gewöhnlichen Hierarchie stehen Jüdinnen und Juden. Sie bilden keine eigene ›Rasse‹, sondern stellen aufgrund ihrer Zerstreuung über die gesamte Welt ein unentwirrbares ›Rassengemisch‹ dar, dem nazistischen Reinheitswahn zum Hohn geradezu eine Anti-›Rasse‹. Daher gelten sie als besonders gefährlich und müssen ausgerottet werden. Das alles ist komplett idiotisch, kein Zweifel. Die hinter den verschiedenen ›Rassen‹ stehenden stereotypen Menschenbilder haben die Nazis jedoch nicht erfunden, sondern lediglich aufgegriffen und zu mörderischer Konsequenz getrieben. Die sogenannte Rassenkunde galt schon lange vor den Nazis als seriöse Wissenschaft, die etwa in den USA mit großem Eifer betrieben wurde und dort zweitweilig sogar die Einwanderungsgesetzgebung bestimmte.

Und Tolkien? Dem kann man sicherlich vorwerfen, dass er das Äußere seiner Figuren zur Gut-Böse-Codierung benutzt. Dass er seine Figuren aber bewusst nach rassenkundlichen Auffassungen gestaltet habe, wie Metapedia behauptet, ist im wahrsten Sinne des Wortes an den Haaren herbeigezogen. Leider haben die Verfilmungen einiges dazu beigetragen, der Behauptung, das Gute komme bei Tolkien stets blond und blauäugig daher, Futter zu geben. Im Roman haben nämlich weder Legolas, noch Boromir und Faramir blonde Haare, sondern sind alle drei schwarzhaarig. Von den Hobbits heißt es bei Tolkien, sie seien überwiegend braunhaarig, während die Filme Sam und Merry blond sein lassen. Anders als bei den Elben, die anderweltliche Wesen sind, sagt die Haarfarbe bei den Menschen im Lord of the Rings nichts über ihren moralischen Charakter aus. Auch wird in dieser Hinsicht schwerlich irgendetwas »totgeschwiegen«. Vielmehr ist zu vermuten, dass durch die Jackson-Verfilmungen die Vorstellung von den heroischen Blondschöpfen bei Tolkien beträchtlich verstärkt wurde. Wenn auf Metapedia begeistert erklärt wird, in ihren »rassischen Einteilungen und Bewertungen« seien die Verfilmungen »weitgehend werktreu und ehrlich«, so ist das nicht nur durch die rassistische Brille gesehen, sondern verrät auch einiges an Unkenntnis, was die literarische Vorlage angeht. Dennoch ist natürlich kritisch anzumerken, dass es Aspekte in Tolkiens Werk gibt, die dieser rassifizierenden Sichtweise Anknüpfungspunkte geben.

Über J. K. Rowling kann Metapedia sich dagegen kaum genug ereifern. Wie bei Tolkien sind es auch im Fall von Harry Potter in erster Linie die Verfilmungen, an denen das Nazi-Wiki sich abarbeitet, da sie, so heißt es, »in ihrer Multikulturalität eine dem jüdischen und liberalistischen Zeitgeist entsprechende Rassenvermischung sowie ›multikulturelle‹ Gesellschaft in Szene setzen und zudem die Erkenntnisse der Rassenkunde verdrehen, indem sie die Angehörigen der nordischen Rasse häufig als die moralisch Bösartigen, die Angehörigen nichtgermanischer Rassen sowie Mischlinge als moralisch höherstehend darstellen«. So etwas geht natürlich gar nicht. Aber es kommt noch ärger:
Nach der Machtergeifung der Todesser wird ein Terrorregime aufgebaut das sogar von der Autorin zugegeben Parallelen zur nationalsozialistischen »Diktatur« haben soll. Es ist deshalb fragwürdig ob solche politische Propaganda in einem als Kinderbuch gedachten Romanreihe etwas zu suchen hat. Die Frage nach der Reinhaltung des Blutes in den Romanen stellt ein Abbild der in der Realität vorhandenen Frage nach der Bewahrung der Rassen dar. Wie in der weißen Welt von offiziellen Stellen der Wunsch zur Erhaltung der europiden Großrasse als negativ gebrandmarkt ist und stattdessen Vermischung propagiert wird, soll auch dem Leser der Harry-Potter-Romane vermittelt werden, daß Abstammung eine untergeordnete Rolle spielt und Reinheit grundsätzlich abzulehnen ist.
»Politische Propaganda« in der Fantasy wird von Metapedia also abgelehnt, wenn sie antifaschistisch ist. Zugleich wird aber keine Mühe gescheut, Tolkien als »Nordisten« propagandistisch zu vereinnahmen. Tolkien selbst bezeichnete indessen den »Nordismus« der Nazis als »›Nordic‹ nonsense«:
I have spent most of my life [...] studying Germanic matters (in the general sense that includes England and Scandinavia). [...] I suppose I know better than most what is the truth about this ›Nordic‹ nonsense. Anyway, I have in this War a burning private grudge – which would probably make me a better soldier at 49 than I was at 22: against that ruddy little ignoramus Hitler (for the odd thing about demonic inspiration and impetus is that it in no way enhances the purely intellectual stature: it chiefly affects the mere will). Ruining, perverting, misapplying, and making for ever accursed, that noble northern spirit, a supreme contribution to Europe, which I have ever loved, and tried to present in its true light. (Letters 45)
Es ist eigentlich noch zu wenig gesagt, wenn Metapedia bemerkt, die moderne Fantasy greife auf germanische Mythologie zurück – jedenfalls ist es in Bezug auf Tolkien zu wenig gesagt. Mit Tom Shippey lässt sich Tolkiens Werk geradezu als Versuch verstehen, eine nur noch fragmentarisch vorhandene germanische Mythologie zu rekonstruieren. In dieser Hinsicht steht Tolkiens Werk in einer Linie mit Jacob Grimm, Viktor Rydberg und Richard Wagner. Im 20. Jahrhundert, das von zwei deutschen Weltkriegen geprägt wurde, erhielt ein solches Vorhaben aber zwangsläufig eine besondere politische Note: Deutschland sah sich als wahre Verkörperung des nordisch-germanischen Geistes, und scheute sich zugleich nicht, germanische Länder wie England, Holland, Dänemark und Norwegen anzugreifen und zu besetzen. In Nordeuropa erregte dieses Vorgehen nicht nur bei Tolkien Abscheu und Verachtung. Die germanische Identität, die das Deutsche Reich sich zusprach, wurde als kultureller Diebstahl empfunden. Niemand drückt das besser aus als A. S. Byatt in ihrer autobiographischen Fantasy Ragnarok: The End of the Gods. Byatt beschreibt, wie ihr jüngeres Ich (»the thin child«) während des 2. Weltkriegs einen Band über nordische Mythologie entdeckt und erstmals mit dem in Berührung kommt, was Tolkien den »noble northern spirit« nennt:
She read the introduction, about the retrieval of ›the old Germanic world, with its secrets and wonders ...‹ She was puzzled by the idea of the Germans. She had dreams that there were Germans under her bed, who, having cast her parents into a green pit in a dark wood, were sawing down the legs of her bed to reach her and destroy her. Who were these old Germans, as opposed to the ones overhead, now dealing death out of the night sky? The book also said that these stories belonged to ›Nordic‹ peoples, Norwegians, Danes, and Icelanders. The thin child was, in England, a northerner. The family came from land invaded and settled by Vikings. These were her stories.
Aus Sicht des Kindes Byatt wie des Familienvaters Tolkien verkörpern gerade nicht die den »noble northern spirit«, die in Dänemark und Norwegen einmarschieren und England mit Bombenteppichen überziehen, sondern diejenigen, die angesichts dieser Brutalität ausharren und gegen sie ankämpfen. Dass ein Organ wie Metapedia das nicht kapiert, ist nicht verwunderlich. Aber gibt es wirklich etwas, das den nordischen Geist edel macht, und die Aneignung der nordischen Mythologie durch die Nazis niederträchtig?

(Hier geht’s zur Fortsetzung.)

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.