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Dienstag, 14. April 2009

Die Vampire

Weil ich gar nicht aufhören kann, Kim Newman und seine Vampire in den Himmel zu loben, und ich mich hier und öfter über den britischen Trash-Gott bereits mit unkritischen Lobhudeleien geäußert habe, folgt hier noch die förmliche Rezension.

Die Vampire ist, anders als vom Verlag angegeben, kein Roman, sondern eine Omnibus-Ausgabe der drei bisher erschienen Anno-Dracula-Romane:
  • Anno Dracula (1992)
  • The Bloody Red Baron (1995)
  • Dracula Cha Cha Cha (in den USA als Judgment of Tears erschienen) (1998)
Ob der im Hause Heyne ausgiebig gefrönten Neigung, auf so ziemlich alles — von der Storysammlung bis zur Omnibus-Edition — die Bezeichnung Roman anzuwenden, sich mit einem traumatischen Ereignis aus der Kindheit des zuständigen Verlagsmenschen erklären lässt, weiß ich nicht. Jedenfalls sind die beiden ersten Romane als Hardcover im Haffmans Verlag in deutscher Übersetzung erschienen; zu einer deutschen Ausgabe des abschließenden Bandes hat es anscheinend nicht mehr gereicht. Von Anno Dracula hat Heyne dann noch ein Taschenbuch nachgereicht, über das ich mit Newman bekannt wurde. Übersetzt wurden die beiden deutschen Ausgaben von Thomas Mohr.

Der in der Omnibus-Ausgabe erstmals auf Deutsch erhältliche dritte Roman hat dementsprechend mit Frank Böhmert einen anderen Übersetzer. Von geringen, nicht weiter störenden terminologischen Unterschieden einmal abgesehen, fügt seine Arbeit sich gut ins Bild ein. Da gibt’s wirklich nix zu meckern.

Auf den Inhalt der Romane muss ich mich wohl nicht  mehr eigens eingehen. Wer Newmans Trickkiste noch nicht kennt, möge sich überraschen lassen! Ansonsten bin ich ja bereits einige Gedanken dazu losgeworden, siehe oben.

Das Cover der neuen Ausgabe ist dagegen ziemlich abstoßend, was vor allem der traurigen Tatsache geschuldet ist, dass der Newman-Omnibus auf der Zwergetrolleorkselfen-Welle vermarktet wird. Nehmen wir’s als ästhetisch fragwürdige Erinnerung daran, dass Literatur unter kapitalistischen Bedingungen produziert und veröffentlicht wird.

Die Vampire von Kim Newman (1280 Seiten) ist 2009 bei Heyne erschienen. Die Übersetzungen sind von Thomas Mohr (Band 1 & 2) und Frank Böhmert (Band 3).

Dienstag, 24. März 2009

Über Alan Moore und Kim Newman

Die taz hat zwei interessante Artikel über Alan Moore gebracht, den Mann, der ewig Pech mit seinen Verfilmungen hat: Der eine beruht auf einem Telefoninterview, während der andere (von Georg Seeßlen) die Neuausgabe von From Hell zum Anlass hat. Seeßlens Interpretation des Ripper-Comics als Kommentar zum »Höllenfeuer der Moderne« ließ mich wieder einmal an die andere Bearbeitung des Ripper-Stoffs denken, die kürzlich neu erschienen ist: Kim Newmans Alternativweltroman Anno Dracula. Der Kutscher Netley, in Moores Graphic Novel ein Komplize des Rippers, ist einer der zahlreichen Charaktere, die Newman sich für sein gaslampenbeleuchtetes Allstar-Szenario ausgeborgt hat.

Seeßlen arbeitet den in From Hell dargestellten »Kurzschluss zwischen dem Über-Ich und dem Es« heraus, in dem die Interessen Königin Victorias mit denen des Rippers konvergieren: Der sadistische Mörder hilft mit, die Schwängerung eines Mädchens aus der Unterschicht durch Victorias Sohn Eduard blutig zu vertuschen. Für Seeßlen drückt sich hierin die Ambivalenz der Moderne und ihres Fortschritts aus, deren Mythologisierung – das sei eine weitere Aussage Moores – konsequenterweise nur wahnhafte Züge tragen könne.

In Newmans Alternativgeschichte wird Graf Dracula nicht von Van Helsing & Co. getötet, sondern kann seinen Plan, die Welthauptstadt London zu erobern, in die Tat umsetzen. Er heiratet Königin Victoria und herrscht fortan als Prinzgemahl über das Empire. Nach seiner Vertreibung durch eine geschickt angelegte Intrige, in der wiederum Jack the Ripper eine Rolle spielt, flieht er nach Deutschland, wo er in Kürze zum Reichskanzler aufsteigt und die Hölle des Ersten Weltkriegs entfesselt. Newmans Dracula ist begeistert von Erfindungen und technisch-bürokratischen Kinkerlitzchen wie Luftschiffen und Eisenbahnfahrplänen. Schwärmerisch verherrlicht er die Industrialisierung und Kommodifizierung menschlicher Lebenswelten, nur um in entscheidenden Momenten bruchlos in die blutrünstigen Verhaltensweisen eines frühneuzeitlichen Kriegsherren zurückzufallen. Fortschrittsgläubigkeit und Barbarei gehen eine perfekte Symbiose ein. Im Laufe der Erzählung wird Dracula, der die ersten Konzentrationslager Europas einführt, zum typologischen Vorbild der großen Massenmörder des 20. Jahrhunderts, der Hitlers und Stalins. Und während die Romane des Anno-Dracula-Zyklus stets so aufgebaut sind, dass ein aus der Popkultur oder der Mythengeschichte der Moderne bekannter Serienkiller eine tragende Rolle spielt, so ist dieser doch stets nur eine vergleichsweise unbedeutende Spielfigur, ein Produkt der Verhältnisse, die dafür sorgen, dass ein Dracula an die Schalthebel der Macht gelangen kann.

Beide, Moore wie Newman, haben Kunstwerke geschaffen, die es vermögen, Spuren der »höllenproduzierenden Moderne« (Franz J. Hinkelammert) freizulegen. Es lohnt sich, diesen Spuren nachzugehen.

Mittwoch, 11. März 2009

Wird der Hype sich lohnen?

Häha, ich wollte schon immer mal einen Artikel mit einer Suggestivfrage als Titel schreiben ...

Diesen Monat ist unter dem Titel Die Vampire bei Heyne ein Sammelband mit den drei bereits fertiggestellten Romanen von Kim Newmans Anno-Dracula-Reihe erschienen: Anno Dracula (1992), The Bloody Red Baron (1995) und Dracula Cha Cha Cha (1998; in den USA Judgment of Tears betitelt). Letzterer ist meines Wissens in diesem Sammelband erstmals in deutscher Übersetzung erhältlich. Newmans verspielte Gaslight Romances seien hiermit ausdrücklich empfohlen. Wer schon immer genervt war von den schier endlosen, nach Mittelerde-Kreaturen benannten Romanserien, sollte jetzt über seinen Schatten springen und zugreifen.

Die Zwerge, Drachen und Trolle, die derzeit die Fantasy-Ecken der Buchläden blockieren, haben wir bekanntermaßen einem Herrn namens Stan Nicholls zu verdanken. Der warf um die Jahrtausendwende rum ein paar Romane auf den Markt, die sich nicht sonderlich gut verkauften, bis sein deutscher Verleger auf die Idee kam, die Dinger damit zu bewerben, dass sie gewissermaßen eine inoffizielle Fortsetzung des LotR seien. Und weil dies die Zeit war, in der Peter Jacksons Tolkien-Verfilmungen im Kino liefen, funktionierte der nicht sonderlich subtile Trick besser, als wohl irgendjemand erwartet hätte. Und die Folgen dieser Marketing-Strategie gehen uns momentan allen ziemlich auf die Nüsse.

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass der in Deutschland bislang sträflich missachtete Newman nun ausgerechnet auf der Welle dieser als Tolkien-Klone vermarkteten Papierschwemme etwas breitere Anerkennung gewinnen könnte. Die Aufmachung des Sammelbands ist jedenfalls zu 100% auf Kundenfang ausgerichtet: Auf dem Cover steckt diesmal keine Axt und auch kein Schwert im Boden, dafür aber ein angespitztes Kreuz. Zum Davonlaufen also. Aber wenn’s hilft ...

Wer weiß, vielleicht könnte ein Verkaufs-Boost auf dem deutschen Markt ja sogar die Prozesse etwas beschleunigen, die hoffentlich irgendwann mal zur Fertigstellung und Veröffentlichung des vierten, abschließenden Anno-Dracula-Bandes, Johnny Alucard, führen? Der ist seit 2000 angekündigt und lässt ganz schön auf sich warten.

Der gute JRRT, dessen Leiche momentan auf eine Weise gefleddert wird, dass sich wohl der Fürst der Ghule selbst angewidert davon abwenden würde, taucht übrigens im zweiten Anno-Dracula-Band als durchaus lebendiger Weltkriegssoldat auf und sehnt sich gehörig nach seiner Edith. Allen ErstleserInnen Newmans wünsche ich viel Spaß beim Herausfinden, wer sich außer JRRT sonst noch alles in den Nebeln Londons, den Schützengräben des Ersten Weltkriegs und auf den Plätzen Roms herumtreibt.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.