Montag, 7. September 2020

Die Frau in der Kutsche

Die vorliegende Geschichte wurde in den Ausführlichen Aufzeichnungen der Taiping-Ära überliefert, die während der Song-Dynastie angefertigt wurden. Und ausführlich waren sie in der Tat, denn sie enthielten in 500 Bänden über 7.000 Geschichten. Viele davon stammten nicht aus der Song-Dynastie, sondern waren erheblich älter. So ist auch diese Geschichte wieder in der Tang-Dynastie entstanden.

Wie gewohnt führt der Link direkt zur Geschichte, während unten ein paar Bemerkungen von mir folgen. Besser zuerst die Geschichte lesen, um sich nicht spoilern zu lassen!

»Die Frau in der Kutsche« aus der Sammlung Taiping Guangji.

Glossar:
  • Herrschaftsära: Chinesische Kaiser teilten die Jahre ihrer Herrschaft in verschiedene Perioden auf, die jeweils unter einem Regierungsmotto standen. Die Ära Kaiyuan des Kaisers Xuanzong dauerte von 713 bis 741.
  • Zhang: Längeneinheit, entspricht ca. 3,3 m.
  • Li: Längeneinheit, entspricht ca. 330 m.

Neben Held:innen wie Wei Zidong, die ganz vorbildlich auf Monsterjagd gehen und das Elixier der Unsterblichkeit vor bösen Geistern schützen, gibt es in der Jianghu selbstverständlich auch Leute, die dem Diebeshandwerk nachgehen – und zwar nicht nur zum Vergnügen, wie es die Protagonistin von »General Pang« tut. Diese Geschichte handelt von einer Bande, die auf höchst ausgeklügelte Weise einen Heist im Kaiserpalast ausführt.

Dazu kommt ihr der Naivling aus der Provinz, der über rudimentäre Qinggong-Fähigkeiten verfügt, wie gerufen. Der merkt nicht, dass er die Behörden auf eine falsche – seine – Fährte locken soll, bis es zu spät ist. Wie auch, wo die Diebe doch so überaus ordentlich, anständig und wohlerzogen sind, dass einer, der sein Leben lang nur die konfuzianischen Klassiker studiert hat, zutiefst beeindruckt sein muss. Immerhin ist die Chefin der Bande, die mysteriöse Frau aus der Kutsche, nicht ganz undankbar, wie sich am Ende zeigt.

Stichwort Qinggong. Auch an dieser Geschichte zeigt sich, wie wichtig die sagenumwobene Fähigkeit, sich mittels Qi schwebend leicht zu machen, von Anfang an für das Genre war. Heute begegnet man nicht selten dem herablassenden (und wirklich dämlichen) Ausdruck »Wire Fu« dafür – meist aus dem Mund von Leuten, die auch nicht davor zurückschrecken, von »Asia-Filmen« zu reden. Damit soll suggeriert werden, dass die filmische Darstellung von Qinggong mit Hilfe von Drähten »kein richtiges Kung Fu« sei. Aber was soll »richtiges Kung Fu« denn sein? Geschichten wie die hier vorgestellte zeigen, dass schon seit über 1.000 Jahren von Menschen, die schweben können, erzählt wird. Schauspieler:innen im Film schweben zu lassen, ist lediglich eine konsequente künstlerische Weiterentwicklung dieses Erzählstoffes.

Mittwoch, 19. August 2020

Wei Zidong

Die zweite klassische Wuxia-Geschichte, die ich vorstellen möchte, stammt aus der Geschichtensammlung Chuanqi des Pei Xing. Geschichten von wandernden Held:innen mit staunenswerten Fähigkeiten gibt es in der chinesischen Literatur schon seit frühester Zeit. Sie hatten zunächst meist die Form von Anekdoten, die in Werke der Geschichtsschreibung aufgenommen wurden. Erst in der kulturellen Blüte der Tang-Dynastie (618–907) kam eine erzählende Prosaform auf, die es erlaubte, solche Geschichten unter dem Lesepublikum auch selbständig zirkulieren zu lassen. Der Name dieser Form ist identisch mit dem von Pei Xings Sammlung: chuanqi, »Erzählungen von wundersamen Ereignissen«. Im Westen wird diese Form oft schlicht als Tang-Novelle bezeichnet – ihr Name entspricht ja auch Goethes berühmter Definition der Novelle als Erzählung von einer unerhörten Begebenheit.

Pei Xings Sammlung ist zum größten Teil nicht erhalten. Unter seinen überlieferten Geschichten sind aber einige der berühmtesten Wuxia-Erzählungen überhaupt, wie »Nie Yinniang« oder »Der Kunlun-Sklave«. Weniger bekannt ist die Geschichte von Wei Zidong, die ich hier wiedergebe.

Wuxia ist übrigens nicht das einzige Thema der chuanqi-Gattung. Weitere beliebte Sujets waren Liebesgeschichten, historische Ereignisse und Begegnungen mit Wesen aus der buddhistischen oder daoistischen Mythologie. Letzterer Einfluss ist auch in »Wei Zidong« vorhanden.

Hier geht es direkt zur Geschichte:

»Wei Zidong« aus dem Chuanqi des Pei Xing (Tang-Dynastie).

Glossar:
  • Herrschaftsära: Chinesische Kaiser teilten die Jahre ihrer Herrschaft in verschiedene Perioden auf, die jeweils unter einem Regierungsmotto standen. Die Ära Zhenyuan des Kaisers Dezong dauerte von 785 bis 805, die Ära Kaiyuan des Kaisers Xuanzong von 713 bis 741.
  • Yaksha: Natur- bzw. Wildnisgeister aus der buddhistischen Mythologie.
  • Khakkara: Stab eines buddhistischen Mönchs. Daran sind Ringe aus Zinn befestigt, die ein klirrendes Geräusch machen.
  • Zhou Chu: siehe unten.
  • Bu: Längeneinheit, entspricht ca. 1,6 m.
  • Fünfte Nachtwache: zwischen drei und fünf Uhr morgens.
  • Zhang: Längeneinheit, entspricht ca. 3,3 m.

Wie schon in »General Pang, der alte Detektiv und das Mädchen« fällt in dieser Geschichte das Bemühen um historische Einordnung auf. Ereignisse werden datiert, und zum Schluss wird zur Validierung des Erzählten darauf hingewiesen, dass die Schädel der beiden erlegten Ungeheuer noch erhalten sind.

Deutlich ist, dass es sich eigentlich um zwei Geschichten um den Protagonisten Wei Zidong handelt, die sich zudem auffällig unterscheiden. Die erste Geschichte ist der geradlinige Bericht einer Monsterjagd, die zweite ist dagegen fast schon parabelhaft. Auch beruhen sie auf unterschiedlichen spirituellen Grundlagen: Die Menschen vor Ungeheuern und ähnlichen Bedrohungen zu schützen, ist ein Ideal des Mahayana-Buddhismus. Das Anstreben von Unsterblichkeit spielt eine zentrale Rolle im Daoismus. Der Text zeigt, wie beide Traditionen koexistierten. Interessant auch die unterschiedliche Darstellung des religiösen Personals: Die buddhistischen Mönche leben im Kloster und beten, der Daoist braut alchimistische Tränke in einer Höhle.

Der Schlüssel zum Verständnis des Ganzen liegt meines Erachtens darin, dass Wei Zidong von Duan mit Zhou Chu verglichen wird. Das ist als Lob gemeint, denn Zhou Chu (eine historische Person) galt als exemplarische Gestalt. Aber der Fortgang der Erzählung zeigt, dass Wei Zidong wesentlich anders handelt als Zhou Chu.

Zhou Chu war ein berühmter General aus der Zeit der Sechs Dynastien. Im Neuen Bericht von den Geschichten der Welt des Liu Yiqing wird eine Sage über Zhou Chus Jugend erzählt. Als junger Mann sei Zhou Chu ein streitsüchtiger Schlägertyp gewesen. Die Menschen seines Heimatortes Yixing wurden damals von den Drei Plagen heimgesucht. Um Zhou Chu loszuwerden, forderten sie ihn auf, die Drei Plagen zu besiegen. Zhou Chu tötete die erste Plage, einen menschenfressenden Tiger. Er tötete die zweite Plage, einen Jiao-Drachen. Dann merkte er, dass er selbst die dritte Plage war. Zhou Chu suchte zwei konfuzianische Gelehrte auf, die ihn im rechten Weg unterwiesen. Darauf wurde er zum General und Beamten, der für seine unbeugsame Ehrlichkeit bekannt war.

Letzteres führt von der Sage zur Historie. Als Zhou Chu einmal sogar einen kaiserlichen Prinzen der Korruption anklagte, intrigierte dieser gegen ihn. Der Prinz erreichte, dass Zhou Chu den Befehl erhielt, mit nur 5.000 Soldaten ein einfallendes Barbarenheer aufzuhalten. In stoischem Gehorsam zog Zhou Chu gegen die 20.000 Mann starke feindliche Streitmacht und starb auf dem Schlachtfeld. Er wusste, dass man ihn beseitigen wollte, hielt die Pflicht zum Gehorsam aber für wichtiger.*

Indem die Erzählung Wei Zidong mit Zhou Chu vergleicht, vergleicht sie einen Wuxia-Helden mit einem regulären Helden. Zhou Chu fängt zwar als Monsterjäger an, macht dann aber eine im konfuzianischen Sinne vorbildliche Karriere als Staatsdiener. Noch heute steht sein Name sprichwörtlich für einen Menschen, der sein Leben völlig umkrempelt.

An derlei Dingen hat Wei Zidong nicht das geringste Interesse. Statt eine Karriere anzustreben, jagt er lieber dem Traum der Unsterblichkeit nach. Zwar hat auch er kein Problem, sein Leben aufs Spiel zu setzen. Aber er entscheidet selbst, wo und wann er das tut. Er handelt aus einem selbstbestimmten Altruismus.

Die Kritik des Konfuzianismus setzt sich fort im zweiten Teil der Erzählung. Wei Zidong durchschaut mühelos, dass die Schlange und die Frau mit der Lotosblüte Dämoninnen sind. Erst als er anfängt, selber in konfuzianischen Bahnen zu denken, scheitert er in seiner Aufgabe, das Elixier zu bewachen. Der dritte Dämon tritt als gebildeter Mann auf, der Gedichte rezitieren kann, und das ist leicht mit Tugendhaftigkeit im (neu-)konfuzianischen Sinn zu verwechseln.** Wei Zidong verhält sich ihm gegenüber unwillkürlich ehrerbietig – und verliert.

Oder besser gesagt: Er erlangt (wahrscheinlich) nicht die Unsterblichkeit. Die Reste des Elixiers,*** die Wei Zidong und der Daoist vermischt mit Quellwasser trinken, verwandeln ihn immerhin in eine Art magisches Kind. Das mag mit einer besonderen Langlebigkeit einhergehen oder nicht, denn was aus Wei Zidong später wurde, lässt die Erzählung ja offen.

So kommt es, dass eine nicht einmal sonderlich lange Wuxia-Geschichte eine subversive Diskussion der Drei Lehren der chinesischen Philosophie – Buddhismus, Daoismus, und Konfuzianismus – enthält.

* Die Geschichte lässt sich in Richard Wilhelms Chinesischen Märchen nachlesen.
** Ich bin der Auffassung, dass die Erzählung sich nicht gegen Konfuzius selbst richtet. »Konfuzianismus« meint hier eher die Weltanschauung der (sehr klassenbewussten) chinesischen Gelehrten-Beamten. Diese hatte natürlich ihre Grundlage im Werk des Konfuzius, unterwarf es aber einer bedeutenden Reinterpretation.
** Elixier der Unsterblichkeit, Drachen-und-Tiger-Elixier sowie Goldener Trank sind Synonyme.

Dienstag, 4. August 2020

7 Assassins (2013)

Alternativtitel: Glory Days · Deutscher Titel: Seven Assassins – Iron Cloud’s Revenge · Regie: Hung Yan-yan · Drehbuch: Chun Tin-nam u.a. · Musik: Henry Lai · Kamera: Pakie Chan · Schnitt: Marco Mak.

Von diesem Film war ich zunächst gar nicht angetan und habe ihn abgebrochen. Wenige Tage später habe ich ihn noch einmal von Anfang bis Ende geschaut und hatte einen etwas positiveren Eindruck – der dann allerdings nicht lange vorhielt. Ich war selbst etwas verwundert, dass mir 7 Assassins nicht besser gefallen hat, denn eigentlich erzählt er eine Geschichte ganz nach meinem Geschmack: Ein kleines Häuflein von Revoluzzer:innen versteht es, sich mit List und Wagemut gegen eine Übermacht zur Wehr zu setzen.

Kurz vor der Revolution von 1911: Tie Yun (Felix Wong) transportiert mit einigen Genossen eine Ladung Gold durch die Wüste. Damit sollen die Aktivitäten der revolutionär-republikanischen Bewegung finanziert werden. Ein militaristischer Qing-Prinz (Ray Lui) beauftragt die Banditin Man Tianhong (Ni Hongjie) und ihre Räuber, das Gold zu stehlen. Der Überfall gelingt, und Tie Yun entkommt nur knapp mit Hilfe des Gouverneurs Zhuo (Ti Lung), der mit den Revolutionär:innen sympathisiert.

Zhuo schickt Tie Yun ins Goldene Tal. Dort liegt ein Dorf, in dem zahlreiche Überlebende früherer Aufstände Zuflucht gefunden haben. Der Dorfvorsteher Meister Miao (Eric Tsang), selbst ein Veteran der Boxer-Rebellion, stellt Neuankömmlingen nur eine Bedingung: dass sie ihre revolutionäre Vergangenheit hinter sich lassen.

Durch Tie Yuns Ankunft wird die Brüchigkeit dieses Arrangements deutlich. Der Prinz will das Gold nämlich unterschlagen, um damit moderne Waffen und Uniformen für seine Soldaten zu bezahlen. Damit ihm niemand auf die Schliche kommt, sollen weder Tie Yun noch die anderen Bewohner:innen des Goldenen Tals mit dem Leben davonkommen.

Meister Miao bleibt nichts anderes übrig, als sein Dorf verteidigungsbereit zu machen. Auch reaktiviert er, von Tie Yun aufgerüttelt, seine alten revolutionären Kontakte, um den Prinzen und seine Truppen direkt anzugreifen.

Der Filmtitel hat übrigens nicht sonderlich viel mit dem Inhalt zu tun, sondern ist als Anspielung auf The Magnificent Seven gedacht. Zahlreiche Szenen sind deutlich von Western-Ästhetik inspiriert.

7 Assassins ist als Ensemble-Film angelegt. So treten neben Ti Lung eine ganze Reihe weitere Legenden des Hongkong-Kinos als Charakterdarsteller:innen auf, u.a. Kara Hui, Chen Kuan-tai, Dick Wei und Bryan Leung. So etwas funktioniert natürlich nur, wenn man dem Cast entsprechend Raum zur Entfaltung lässt. Das geschieht hier leider nicht, da Eric Tsang sich auf geradezu penetrante Weise immer wieder in den Vordergrund drängt und den ganzen Ansatz des Films konterkariert.

Tsang hat bei 7 Assassins eine Doppelfunktion als Darsteller und Produzent. Regisseur Hung Yan-yan (oder Xiong Xinxin auf Mandarin) hat eine lange Karriere als Stuntman, Schauspieler und Kampfchoreograph vorzuweisen, ist aber auf dem Regiestuhl noch recht unerfahren. Ich werde den Eindruck nicht los, dass Tsang die Produktion auf eine Weise dominiert hat, die dem Film überhaupt nicht gut tut.*

Ausnahmen gibt es zwar auch. So ist Kara Huis Auftritt sehr schön anzusehen. Insgesamt ist der Film aber ein Durcheinander von kaum entwickelten Figuren und jede Menge pathosgeladenen Szenen mit Tsang.

Schade. Ich wollte diesen Film wirklich mögen.

* Es gibt noch weitere Gründe, Eric Tsang unsympathisch zu finden. Er ist, kurz gesagt, so etwas wie der Harvey Weinstein von Hongkong.

Montag, 27. Juli 2020

General Pang, der alte Detektiv und das Mädchen

Noch unbekannter als moderne Wuxia-Romane sind außerhalb der Sinosphäre die klassischen Wuxia-Geschichten, wie sie in der Tang-Dynastie entstanden (und seither nie ganz verschwunden) sind. Für das Genre haben sie nach wie vor Bedeutung, denn hin und wieder entstehen Filme, die den Stoff solcher Geschichten als Ausgangsmaterial nehmen. Meinem Empfinden nach lesen sie sich auch sehr gut und sind keineswegs nur von historischem Interesse.

Ich will einiger dieser Geschichten sozusagen in deutschen Nacherzählungen hier einstellen. In den meisten Fällen dürften sie bisher nicht auf Deutsch erschienen sein. Ich sage bewusst Nacherzählung, denn leider sind mir die Originale sprachlich nicht zugänglich. Ich stütze mich also selber auf englische Übersetzungen der chinesischen Originaltexte. Sinolog:innen mögen mir verzeihen. Ich versuche jedenfalls, nichts hinzuzufügen oder wegzulassen – jedenfalls nicht mehr oder weniger, als das bei Nacherzählungen zwangsläufig passiert.

Den Anfang mache ich mit folgender Geschichte:

»General Pang, der alte Detektiv und das Mädchen« aus der Sammlung Jutanlu des Kang Pian (Tang-Dynastie).

Anschließend noch einige Anmerkungen von mir (die Geschichte aber bitte zuerst lesen, sonst Spoilergefahr!). Erklärungsbedürftige Wörter habe ich im Text mit einem Sternchen versehen:
  • Dharma-Stätte: ein buddhistisches Lehr- und Gebetshaus.
  • Zhang: Längeneinheit, entspricht ca. 3,3 m.
  • Kang: ein Ofenbett

Dieser Geschichte liegt ein wohlbekanntes Motiv aus Wuxia-Erzählungen zugrunde: die Heldin, die nicht erkannt werden möchte. Normalerweise sind Wuxia-Held:innen dem Ruhm überhaupt nicht abgeneigt. Oft suchen sie Zweikämpfe allein deshalb, um sich einen Namen zu machen. Es gibt aber auch das genaue Gegenteil: Held:innen, die um jeden Preis namenlos bleiben wollen. Die Gründe dafür können vielfältig sein. Oft handelt es sich um Personen, die vor politischer Verfolgung in die Jianghu geflohen sind. Manchmal entspricht die Anonymität aber auf einfach einer individuellen Vorliebe.

Letzteres scheint in dieser Geschichte der Fall zu sein. Die namenlose Heldin könnte sich mit Hilfe ihrer Qinggong-Fähigkeiten alle Schätze dieser Welt zusammenräubern, aber sie will es offenbar nicht. Nur manchmal klaut sie für sich und ihrer Mutter ein paar Leckereien aus der Palastküche. Wenn sie etwas Wertvolles stiehlt, dann nur zum Vergnügen und um es wieder zurückzugeben.

Was auffällt, ist die quasi-historische Rahmung der Geschichte. Die Erzählerin gibt zu Beginn ihre Wissenslücken zu (sie weiß nicht, wie General Pang wirklich heißt). Und am Ende nennt sie ihre Quelle: Ein Bürgermeister stellt Nachforschungen über Personen aus der Jianghu an, die unerkannt in der Hauptstadt leben. Er hat die Geschichte aus dem Mund zweier unmittelbar Beteiligter, Pang und Wang Chao, erfahren. Dass der Name der Heldin bis zum Ende nicht genannt wird, heißt wohl, dass der General und der Detektiv über ihre Identität Verschwiegenheit bewahrt haben.

Das aus zahlreichen Wuxia-Filmen bekannte Qinggong gibt es übrigens wirklich. Natürlich können Menschen, die Qinggong beherrschen, nicht wirklich schweben, weil, nun ja, die Schwerkraft existiert. Aber echtes Qinggong kann schon auch ganz beeindruckend aussehen, wie folgendes Video zeigt:

Dienstag, 30. Juni 2020

One-Armed Against Nine Killers (1976)

Alternativtitel: One-Armed Swordsman vs. Nine Killers · (Rassistischer) deutscher Titel: Der Foltergarten der gelben Schlange · Regie: Hsu Tseng-hung · Drehbuch: Yao Ching-kang · Musik: Huang Mao-shan · Kamera: Chiang Hong-hin, Li Shih-chieh · Schnitt: Kwok Ting-hung.

Wenn das Einarmigen-Subgenre des Wuxia-Films in Form von The One-Armed Swordsmen mit einem Knall zu Ende ging, dann spielt sich der gleiche Vorgang in One-Armed Against Nine Killers mit einem Wimmern ab. Beide Filme erschienen im gleichen Jahr, in beiden spielt (natürlich) Jimmy Wang Yu mit. Bei beiden Filmen war Wang nicht nur als Hauptdarsteller in den kreativen Prozess involviert.* Aber während Swordsmen spannend und verrückt ist, ist Nine Killers ein durchsichtiger Versuch, noch ein paar Peseten mehr aus dem Einarmigen-Motiv herauszuschinden.

Der Film trägt seine gesamte Handlung im Titel: Der einarmige Liu (Jimmy Wang Yu) latscht durch die Gegend und eliminiert der Reihe nach die neun Mörder, die seine Familie umgebracht haben.

Sehr unangenehm ist, dass die meisten Kontrahent:innen Lius als in irgendeiner Weise effeminiert oder abjekt dargestellt werden, was der Film mit der robusten Männlichkeit seines Protagonisten kontrastiert. Eine unfreiwillig komische Ausnahme bildet der Typ, der mit einem zwei Meter langen Riesenschwert auf Liu losgeht. Dazu fällt mir allerdings auch nur ein: Manchmal ist ein Phallussymbol eben nur ein Phallussymbol.

Wang agiert den ganzen Film hindurch bemerkenswert lustlos. Lediglich in der klimaktischen Kampfszene kommt er etwas in Fahrt. Das wiederum bringt nicht viel, denn die Kampfszenen des Films sind (in der englisch synchronisierten Fassung jedenfalls) zu großen Teilen der Zensur zum Opfer gefallen. Gekürzt wurden sie auf eine so dilettantische Weise, wie ich es selten gesehen habe.

Was soll ich sagen? Es ist schade um das Zelluloid, das für diesen Film verschwendet wurde.

* Bei One-Armed Swordsmen führte er gemeinsam mit Co-Hauptdarsteller David Chiang Regie; bei Nine Killers war er Produzent.

Dienstag, 19. Mai 2020

Heroes Among Heroes (1993)

Alternativtitel: Fist of the Red Dragon · Regie: Yuen Woo-ping · Drehbuch: Lau Tai-muk u.a. · Musik: William Wu · Kamera: Ma Koon-wa, Stephen Poon · Schnitt: Kwok Ting-hung.

Wong Feihung (1847–1925) war ein legendärer kantonesischer Kampfkünstler. In den Geschichten, die über ihn erzählt werden, sind Sage und Historie untrennbar vermischt. Belegt ist aber dies: Schon sein Vater, Wong Keiying, war ein berühmter Kämpfer, der zu den Zehn Tigern von Kanton gehörte. Wong junior begleitete schon im Kindesalter seinen Vater, wenn dieser auf den Straßen und Plätzen seine Kampfkunst zur Schau stellte.

Als Erwachsener eröffnete Wong eine Klinik für traditionelle chinesische Medizin in einem Örtchen, das heute zur Stadt Guangzhou gehört. Zugleich unterrichtete er seine Kampfkunst. 1924 brannte Wongs Klinik nieder, als es zu Kämpfen zwischen der Händlervereinigung von Guangzhou und Guomindang-Truppen kam. Wong erholte sich nicht von diesem Schlag und starb im Jahr darauf.

Umfangreicher als diese dürren Fakten sind die zahlreichen Sagen, die sich um Wongs Person ranken. So soll er der Guerilla der Schwarzen Flaggen angehört haben, die in Vietnam gegen die französischen Eroberungszüge kämpfte. Eine der beliebtesten Geschichten über Wong erzählt, dass er von Bettler So, einem Freund seines Vaters, einen legendären Kampfstil gelernt haben soll.

So Chan, genannt Bettler So, war wie Wong senior einer der Zehn Tiger von Kanton.* Er war ein Meister des trunkenen Faustkampfs (in Kung-Fu-Filmen meist Drunken Style genannt). In diesem Stil werden die Bewegungen Betrunkener imitiert und für den Kampf genutzt. Die Sage machte daraus, dass die Praktizierenden des trunkenen Faustkampfs unablässig Wein trinken müssen, da sie im nüchternen Zustand kampfunfähig seien. Es heißt, Bettler So habe Wong Feihung im trunkenen Faustkampf unterrichtet.

Yuen Woo-pings Filmographie ist eine Art Kompendium der Sagen und Legenden, die sich um die chinesischen Kampfkünste angesammelt haben. Die Figur des Bettler So fasziniert Yuen ganz besonders. Schon sein zweiter Film Sie nannten ihn Knochenbrecher (1978) widmete sich der Begegnung zwischen So und Wong.

Ganz wie Yuens weitere Frühwerke war Sie nannten ihn Knochenbrecher eine vom klassischen Slapstick-Humor beeinflusste Kung-Fu-Komödie. Darin ist Wong (Jackie Chan) ein jugendlicher Draufgänger, der von So (Simon Yuen, der Vater des Regisseurs) auf reichlich brutale Art diszipliniert wird.**

Fünfzehn Jahre später widmete sich Yuen in Heroes Among Heroes noch einmal dem gleichen Stoff, aber auf ganz andere Weise. Hier ist Meister Wong (Wang Jue) ein erwachsener Mann und So (Donnie Yen) ein Jugendlicher. Außerdem flicht Yuen die Handlung in einen historischen Hintergrund ein, nämlich die Ereignisse, die zum Ersten Opiumkrieg (1839–42) führten. Dabei schert Yuen sich nicht groß um die Chronologie, denn zu dieser Zeit war der historische Wong ja noch gar nicht geboren.

Die Handlung von Heroes Among Heroes setzt mit einer weiteren historischen Person ein: dem Beamten Lin Zexu (Pau Fong), der vom Daoguang-Kaiser beauftragt wird, gegen den illegalen Opiumhandel vorzugehen. Im 19. Jahrhundert verkaufte die British East India Company massenhaft Opium nach China. Dadurch flossen beträchtliche Mengen chinesisches Kapital in die Taschen der Company.

Im Film begibt sich Lin nach Guangzhou. Er bittet seinen Freund Wong, ihm im Kampf gegen das Opium beizustehen. Fortan unternehmen Wongs Schüler an der Seite von Lins Soldaten Razzien in Opiumhöhlen und durchsuchen westliche Handelsschiffe.

Es gibt aber einen, der mit ganz anderen Plänen in der Stadt eintrifft: Prinz Barac (Hung Yan-yan), der Bruder des Kaisers, will den Opiumhandel legalisieren und staatlich monopolisieren. Er verbündet sich ebenfalls mit einem Kampfkunst-Klan, dem Feuerlotus,*** um Lins Politik zu durchkreuzen.

So Chan als Protagonist ist ein junger Mann aus vermögender Familie. Er wächst bei seinem Vater (Ng Man-tat) und seiner Tante (Sheila Chan) auf. Heimlich gehört So der Bettlersekte an, deren Meister (Kwan Hoi-san) ein Ersatzvater für ihn ist.

Die Bettlersekte hält sich aus den Auseinandersetzungen ums Opium heraus, ist aber mit dem Feuerlotus verfeindet. Als So eine Schlägerei mit dem Feuerlotus provoziert, kommt es versehentlich zu einer Explosion. Zahlreiche Unbeteiligte werden verletzt, die Meister Wong in seiner Klinik behandeln lässt. Zornig fordert Wong von So, er möge die Verletzten um Entschuldigung bitten. So, der Inbegriff des hochmütigen jungen Kämpfers, verweigert das.

Mehr Erfolg bei So hat Prinzessin Yiteh (Fennie Yuen), einer Nichte Prinz Baracs. Die Prinzessin wuchs in Großbritannien auf. Seitdem trägt sie westliche Männerkleidung, gibt eine Zeitung heraus, engagiert sich gegen den Opiumhandel und für Frauenbildung.

Prinz Barac will verhindern, dass So sich dem Anti-Opium-Lager anschließt. Er wanzt sich an den Jungen heran und packt ihn bei seiner Eitelkeit: Nur Schwächlinge seien gegen Opium. Charakterstarke Menschen könnten dagegen so viel rauchen, wie sie wollen, ohne süchtig zu werden. Und So lässt sich verlocken und verfällt dem Opium ...

Yuen stellt So Chan in diesem Film als übermäßig selbstsicheren »jungen Meister« dar, der sich erst einmal seiner Grenzen bewusst werden muss, bevor er zum wahrhaft rechtschaffenen Helden wird. Meister Wong und der Meister der Bettlersekte treten dabei als seine Mentoren auf.

Ich mag Yuen Woo-pings Filme aus der ersten Hälfte der neunziger Jahre (wie Tai Chi Master ‒ samt der losen Fortsetzung Tai Chi Boxer ‒ und Iron Monkey) sehr. Das trifft grundsätzlich auch auf Heroes Among Heroes zu. Allerdings hat dieser Film ein ziemliches Problem: Auch nachdem er sich Mitte der achtziger Jahre vom Genre der Kung-Fu-Komödie verabschiedete, baute Yuen gern komödiantische Elemente in seine Filme ein. Das ist mal mehr, mal weniger gelungen, in diesem Fall allerdings völlig misslungen.

Es sind Sos Vater und Tante, die als comic relief dienen sollen, aber mit jedem einzelnen Auftritt einfach nur an den Nerven kratzen. Leider sind sie auch kein bisschen in die restliche Handlung integriert, was die Irritation noch erhöht. Angesichts eines sonst sehenswerten Films ist das sehr schade.

Auf ganz andere Weise für Irritation mag ein Wendepunkt im Plot sorgen, den zu verraten sicherlich kein arger Spoiler ist: Natürlich schafft So es im Laufe des Films, seine Opiumsucht wieder los zu werden. Dies geschieht mit Hilfe des Meisters der Bettlersekte. Die eine oder der andere wird es reichlich problematisch finden, auf welche Weise der Meister seinen Zögling kuriert ‒ nämlich indem er ihm das Saufen beibringt.

Das wirkt auf den ersten Blick so, als würde eine Sucht durch die andere ersetzt. Im realen Leben wäre es natürlich auch so. Der Film übernimmt aber einfach nur die typische Darstellung von Alkoholkonsum, wie es im Genre üblich ist. Die sieht kurz gesagt so aus, dass es als heroisch gilt, möglichst große Mengen alkoholischer Getränke in sich hineinschütten zu können, ohne dadurch allzu betrunken zu werden. Wer viel verträgt, ist auch ein guter Kämpfer oder eine gute Kämpferin. Konsequenterweise kommen in Wuxia-Romanen und -Filmen (wie auch in Kung-Fu-Filmen) regelmäßig Figuren vor, die erst im Suff zur Höchstform auflaufen.

Im tatsächlichen Verlauf der Geschichte ging es für den Anti-Opium-Beauftragten Lin Zexu übrigens nicht gut aus. Großbritannien entfesselte den Ersten Opiumkrieg, der mit einer bitteren Niederlage für China endete. Das Reich der Mitte wurde gezwungen, fünf Häfen für den Opiumhandel zu öffnen und Hongkong an das Empire abzutreten. Das Geschäft mit dem Opium ging also unvermindert weiter. Der Daoguang-Kaiser machte Lin zum Sündenbock und gab ihm die Schuld an dem Fiasko. Sein harter Kurs gegen den Opiumhandel, den der Kaiser zuvor selbst gebilligt hatte, habe den Krieg erst provoziert.

* Er ist das historische Vorbild aller Wuxia-Helden, die im Bettlergewand durch die Lande streifen.
** Die schiere Anzahl der gewalttätigen und autoritären Vaterfiguren in Yuens Filmen, dazu noch manchmal von Yuens Vater selbst gespielt, ist besorgniserregend. 
*** Der Feuerlotus-Klan steht hier für die historische Bewegung des Weißen Lotus.

Montag, 11. Mai 2020

Jin Yong auf Deutsch – und wer ist Jin Yong?

Jin Yong ist in der chinesischsprachigen Welt der meistgelesene und meistverkaufte Autor des 20. Jahrhunderts. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass seine Bücher von Millionen gelesen werden. Selbst wer sie nicht liest, kennt in der Regel die Namen seiner bekanntesten Figuren. In der Tat sind einige von Jin Yongs Protagonist:innen so sehr Teil der alltäglichen Kommunikation geworden, dass in der Politik und den Medien regelmäßig Anspielungen auf sie gemacht werden.

Es wäre falsch zu sagen, Jin Yong sei »in China« ein Phänomen. In den diversen chinesischen Diaspora-Gemeinschaften ist sein Werk ebenso präsent wie in der Volksrepublik, in Hongkong und Taiwan. Dieser Allgegenwart in der Sinosphäre entspricht seine nahezu vollständige Unbekanntheit in der restlichen Welt. Das könnte sich nun ändern, denn Heyne hat für den Herbst den ersten Teil einer Übersetzung von Jin Yongs Hauptwerk Legends of the Condor Heroes angekündigt. Übersetzt von Karin Betz, die bereits Cixin Liu ins Deutsche übertragen hat, soll der Band Titel Die Legende der Adlerkrieger heißen.

In Großbritannien ist schon seit 2018 eine englische Übersetzung in Arbeit. Die ersten drei einer auf zwölf Bände angelegten Ausgabe sind bei MacLehose Press erschienen (der vierte Band soll im kommenden Jahr folgen). Zur Erläuterung: Legends of the Condor Heroes ist eine Trilogie, die aus den Romanen The Legend of the Condor Heroes, The Return of the Condor Heroes und The Heaven Sword and Dragon Saber besteht. Die drei Romane sind wiederum in je vier Bände aufgeteilt. Man wird sehen, wie weit der englische und der deutsche Verlag mit der Übersetzung der gesamten Trilogie kommen. (Bisherige Übersetzungen von Wuxia-Romanen in westliche Sprachen sind notorisch unvollständig.)

Jin Yong hieß eigentlich Louis Cha. Wie viele Autoren der beiden Wuxia-Blütezeiten im 20. Jahrhundert folgte er der klassischen chinesischen Tradition, seine Romane unter einem nom de plume zu veröffentlichen. Geboren wurde er 1924 im republikanischen China. Er stammte aus der Gelehrtenfamilie Zha, die schon in der frühen Qing-Dynastie einige namhafte Literaten hervorbrachte.

Jin Yongs Leben war davon geprägt, zwischen den Fronten zu stehen. Als Jugendlicher flog er von der Schule, weil er die autokratischen Tendenzen der Guomindang-Regierung kritisierte. Nach der Machtübernahme der Kommunistischen Partei Chinas wiederum wurde sein Vater in einer Säuberungsaktion ermordet. Jin Yong ging darauf nach Hongkong, wo er als Journalist arbeitete und nebenher Drehbücher für Filmstudios schrieb. 1959 gründete er gemeinsam mit einem Freund aus Schulzeiten die Tageszeitung Ming Pao, die heute noch erscheint.

Unterdessen hatte Jin Yong den Wuxia-Autor Liang Yusheng kennengelernt. Schon von Kindheit an hatte er gerne Wuxia gelesen. 1955 begann er, selber Romane im Genre zu schreiben. Die erschienen, wie damals üblich, als Fortsetzungsromane in Zeitungen. Sobald Jin Yong mit Ming Pao seine eigene Zeitung hatte, verfügte er über das ideale Publikationsmedium für seine Romane (ohne sich indes darauf zu beschränken).

Jin Yongs literarisches Werk belief sich schließlich auf 14 Romane und eine Erzählung. Diese schrieb er in einem Zeitraum von nur 15 Jahren. Das aber reichte aus, ihn zum Superstar des Genres zu machen. Jin Yong bildete gemeinsam mit Liang Yusheng und Gu Long die Speerspitze der »neuen Schule« des Wuxia-Romans, aber sein Ruhm überstrahlte schnell den seiner beiden Weggefährten.

Nach 1970 schrieb er keine neuen Geschichten mehr. Statt dessen überarbeitete er sein Werk zwei Mal und gab es jeweils in neuen Editionen (in Buchform) heraus. Mit der ersten Überarbeitung war er von 1970 bis 1980 beschäftigt, mit der zweiten von 1999 bis 2006. Unter Fans ist bis heute heiß umstritten, welche der drei Fassungen seiner Romane vorzuziehen sei. Für Jin Yong selbst hatten die Überarbeitungen aber einen ganz konkreten Anlass: In der ersten, der Zeitungsausgabe stammen einige Passagen seiner Romane von Ghostwriter:innen. Befand sich der Autor einmal im Ausland oder war anderweitig verhindert, ließen die Zeitungsredaktionen seine Geschichten einfach weiterlaufen. Mit den Überarbeitungen wollte Jin Yong die kreative Kontrolle über sein Werk zurückgewinnen.

Bemerkenswerterweise war Jin Yongs Werk sowohl in der Volksrepublik als auch in Taiwan jahrzehntelang verboten. Beide Regimes warfen dem Autor vor, dem jeweiligen Gegner nahezustehen. Gleichzeitig kursierten in beiden Ländern Raubdrucke im Untergrund. Erst 1979 (in Taiwan) bzw. 1980 (in der Volksrepublik) konnten offizielle Ausgaben erscheinen.

Seit den 1980er Jahren war Jin Yong berühmt genug, um sowohl an der Ausarbeitung der Hongkonger Verfassung (dem Basic Law) als auch am Vorbereitungskomitee zur Übergabe Hongkongs an die Volksrepublik China beteiligt zu sein. Auch dies lief aber nicht ohne Konflikte ab: Die Mitarbeit am Basic Law legte er nach der brutalen Niederschlagung der Tiananmen-Proteste 1989 nieder.

Im hohen Alter promovierte Jin Yong zwei Mal und erwarb einen Doktortitel in chinesischer Geschichte (2010) und einen in Literaturwissenschaft (2013). 2018 starb er im Alter von 94 Jahren in Hongkong.

Heute gibt es nicht nur ein Jin-Yong-Museum, auch die akademische Auseinandersetzung mit seinem Werk ist an chinesischen Universitäten fest verankert. Auszüge aus seinen Romanen erscheinen in Lesebüchern für den Schulunterricht. Diese Wirkung wird aber durch das Eigenleben, dass seine Condor Heroes angenommen haben, noch übertroffen.

Anlässlich der Übersetzungen ins Englische und Deutsche wird Jin Yong als »der Tolkien Chinas«, die Trilogie als »als chinesischer Herr der Ringe« angepriesen. Das ist ein nachvollziehbarer Vergleich, allerdings mit dem Problem, dass es sich fast schon um ein Understatement handelt. Aufgrund der (in China weit verbreiteten) nichtlizenzierten Ausgaben ist es schwer, die Verkaufszahlen der Condor Heroes einigermaßen genau anzugeben. Eine Schätzung beläuft sich aber auf 300 Millionen verkaufte Exemplare in der Originalsprache. Damit übertreffen sie die Verkaufszahlen des Lord of the Rings ziemlich genau um das Doppelte.

Und nicht nur das. Die Trilogie ist mehrfach fürs Kino verfilmt worden, u.a. von den Shaw Brothers. Wong Kar-wais Ashes of Time stellt ein inoffizielles Film-Prequel dar (sehr zum Unmut des Autors übrigens). Es gibt mindestens zehn Fernsehserien, die auf der Trilogie basieren, und eine Manhua-Serie mit 38 Bänden. Wer in der Sinosphäre die Bücher nicht gelesen hat, kennt die Verfilmungen oder die Comics.

Von daher ist es wohl verständlich, dass die Erwartungen an die englische Übersetzung von MacLehose Press gewaltig sind. Schließlich gibt es eine große sinoamerikanische und sinokanadische Diaspora, die die Trilogie oder ihre Adaptationen bereits kennt. Als sehr kontrovers hat sich bereits die Entscheidung Anna Holmwoods erwiesen, für den ersten englischen Band A Hero Born die chinesischen Namen der Figuren teilweise zu übersetzen.

Vergleichbare Reaktionen sind im deutschen Sprachraum, wo Jin Yong kaum bekannt ist, nicht zu erwarten. In der Tat hat die Ankündigung des Heyne Verlags hierzulande bislang kaum Reaktionen hervorgerufen. Um so gespannter bin ich, wie die ersten Rezensionen ausfallen werden. Hier hoffe ich zunächst, einen gewissen Eindruck davon vermittelt zu haben, was für ein literarisches Ereignis Jin Yong in der Sinosphäre darstellt.

Und worum geht es in Legends of the Condor Heroes? Ich fürchte, das einigermaßen konzis darzustellen, würde den Rahmen sprengen.* Erwähnt sei nur: Im Mittelpunkt stehen zwei Schwurbrüder, die sich auf verschiedenen Seiten eines gewaltigen Konflikts wiederfinden. Die Handlung erstreckt sich über Generationen, und Dschingis Khan persönlich kommt auch vor.

* Wer meine Rezension von Little Dragon Maiden, einer Verfilmung von The Return of the Condor Heroes, gelesen hat, wird gemerkt haben, wie schwer es mir fiel, die Filmhandlung und ihren Hintergrund zusammenzufassen. Wer sich jetzt nicht für den ersten Roman der Condor Heroes spoilern lassen will, sollte die Filmrezension übrigens nicht noch mal lesen.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.