Sonntag, 29. März 2020

The Eight Dragon Swords (1972)

Deutscher Titel: Die acht Drachenschwerter des gelben Teufels · Regie: Chin Sheng-en · Drehbuch: Chin Sheng-en · Kamera: Cheng Chieh · Schnitt: Sung Ming.

»Doktor« Hua Li Chun (Chiang Pin) ist ein Arzt ganz eigener Art. Der wandernde Kämpfer besiegt Schurken, wo er sie findet. Dann zwingt er sie, ihn so lange zu begleiten, bis er sie von ihrer Neigung zum Bösen »geheilt« hat.

Der Film beginnt damit, dass Li Chun erst einen Vergewaltiger, dann einen notorischen Falschspieler bezwingt. Beide müssen sich ihm wohl oder übel anschließen. Und Li Chun haut ihnen ordentlich auf die Finger, sobald sie versuchen, ihrem Hang zur sexuellen Gewalt bzw. zum Spielbetrug nachzugehen.

Li Chun ahnt jedoch nicht, dass die beiden Schurken dem gleichen Kampfkunst-Klan angehören. Sie schaffen es, dem Meister ihres Klans heimlich ein Signal zu senden. Prompt taucht der schwarz maskierte Meister auf und fordert Li Chun zum Duell. Der Verlierer muss dem Sieger einen Wunsch erfüllen, oder er ist des Todes.

Li Chun verliert den Zweikampf. Der Meister fordert von ihm, die Magische Feuerdrachenkugel zu stehlen. Dieses Kleinod ist ein Familienerbstück des alten Meisters Hua Shi Yin (Yen Chung), das noch aus der Han-Dynastie stammt. Es vermag, die Wirkung von Gift zu neutralisieren.

Von diesem Moment an ändert sich die Erzählweise des Films auf drastische Weise. Von der geradlinigen Abenteuergeschichte verwandelt er sich in eine Art Krimi mit Anleihen beim Whodunit und bei Poes berühmten »Purloined Letter«.

Li Chun begibt sich zum Haus Meister Huas. Dort befinden sich außerdem Hua Yu Mei (Violet Pan), die Tochter des Meisters, und ihr Cousin Feng Chun Chieh (Chen Hung-lieh). Der Cousin stellt Yu Mei nach. Er hofft, sie heiraten zu können und zum Erben der Feuerdrachenkugel zu werden. Darauf hat Yu Mei allerdings nicht die geringste Lust. Und der greise Meister Hua erklärt, es sei besser, die Kugel verschwinde mit ihm im Grab, als dass sie einem Menschen von schlechtem Charakter in die Hände fiele.

Yu Mei traut auch Li Chun nicht. Sie konfrontiert ihn immer wieder mit dem Verdacht, er wolle die Magische Feuerdrachenkugel für sich selber haben. Und die Identität des mysteriösen Meisters mit der schwarzen Maske, der ebenfalls hinter der Kugel her ist, ist noch immer ungeklärt. Am Ende sind alle Beteiligten im Haus der Huas versammelt ...

Eine Eigenheit von Eight Dragon Swords besteht darin, dass fast alle Figuren mit skurrilen Waffen kämpfen, die an Gadgets aus James-Bond-Filmen erinnern. Es treten auf, u.a.: Ein mit verborgenen Klingen ausgestatteter Regenschirm. Eine hölzerne Krücke, in der ein Stockdegen verborgen ist. Ein Speer, der zugleich ein Flammenwerfer ist. Li Chun selbst ist mit Dolchen bewaffnet, deren Klingen (wie bei einem Springmesser) aus den drachenförmigen Griffen hervorschnellen.

Letztere Waffen sind natürlich die »Drachenschwerter« aus dem Titel des in Taiwan entstandenen Streifens. Darüber hinaus wartet der Film mit zahlreichen phantasievollen Stunts in den Kampfszenen auf.

Sehenswert, besonders die zweite Hälfte mit ihrem »Rätselhafte Verbrechen in der Villa«-Thema.

Dienstag, 17. März 2020

The Close Encounter of the Vampire (1986)

Alternativtitel: The Close Encounter of Vampire · Regie: Yuen Woo-ping · Drehbuch: Yuen Clan · Musik: Tang Siu-lam · Kamera: Kuo Mu-sheng, Lam Chi-wing · Schnitt: Chen Bo-yan, Chen Po-yen.

In einem chinesischen Dorf muss ein daoistischer Priester alle 50 Jahre ein Bannritual vollziehen. Andernfalls stehen die Toten des Dorfes aus ihren Gräbern auf und gehen als Vampire umher. Da ist es natürlich nur eine Frage der Zeit, bis ein Priester das Ritual verbockt. So gesehen, so geschehen. Ein Mann und ein kleiner Junge wühlen sich aus der Friedhofserde und suchen die Leute heim.

Zum Glück kommt ein wandernder Vampirjäger vorbei, der gleich zum nächsten Bambushain eilt und sich spitze Pflöcke schneidet. Leider gehört der Hain zu einem buddhistischen Nonnenkloster. Eine ansässige Nonne hält den wackeren Vampirjäger für einen Spanner und verprügelt ihn erst mal kräftig.

Damit ist auch schon das Wichtigste über den Charakter des Vampirjägers gesagt. Durch eigenes Ungeschick oder die Dummheit der Leute gerät er immer wieder in Situationen, die mit blauen Flecken enden. Nicht gerade beste Voraussetzungen für die Jagd nach Untoten.

Ein zweiter Handlungsstrang dreht sich um eine erfolglose Schauspielschule. Deren Besitzer hat vier Waisenkinder aufgenommen, um sie die Schauspielkunst zu lehren. Aber der Besitzer widmet sich oft lieber dem Weinkrug als der Ausbildung seiner vernachlässigten Zöglinge.

Die Kinder stoßen auf den Vampirjungen und halten ihn für ein normales, lediglich etwas begriffsstutziges Kind. Sie geben ihm den Spitznamen Dummer Junge und verstecken ihn in der Schauspielschule. Natürlich versucht auch der Nachwuchsvampir, sich von Menschenblut zu nähren. Allerdings fehlt ihm die Erfahrung im Blutsaugen, und so geht die Sache – zum Glück für seine Umgebung – meist schief.

The Close Encounter of the Vampire ist ein typischer Schnellschuss, der nach dem Erfolg von Mr. Vampire flugs abgedreht und ins Kino gebracht wurde. Mitte der Achtziger hüpften die Jiangshi (chinesische Vampire) bekanntlich reihenweise über die Leinwand. The Close Encounter ist denn auch kein Film Yuen Woo-pings, den man unbedingt gesehen haben muss.

Dennoch sei allen, die die Filmografie Yuens möglichst vollständig kennen wollen, gesagt, dass The Close Encounter durchaus einige bemerkenswerte Elemente enthält. Der Vampir (gespielt von Ma Chin-ku) sieht mit seinem Make-up und seiner Mandarinkleidung prächtig aus. Und die Szene, in der ein an eine Säule gefesselter Vampirjäger gegen den Jiangshi kämpft, ist durchaus spannend und, wie man es von Yuen Woo-ping erwarten kann, hervorragend choreographiert.

Solche Höhepunkte gehen in der Handlung, die auf mitunter sehr zweifelhafte Weise komödiantisch ist, aber leider unter. Zweifelhaft in dem Sinne, dass man etwa einen Kinderdarsteller vor der Kamera eine Zigarette rauchen ließ, um ein paar Lacher zu erzeugen. So etwas war auch vor 35 Jahren nicht in Ordnung.

Donnerstag, 5. März 2020

The One-Armed Swordsmen (1976)

Regie: David Chiang, Jimmy Wang Yu · Drehbuch: Ku Long · Musik: Stanley Chow · Schnitt: Kwok Ting-hung.

Eine Räuberbande will ihre Beute aufteilen. Ihr Anführer, der mysteriöse Bruder Drache, hat seine eigenen Vorstellungen, was ›aufteilen‹ bedeutet, und bringt seine Spießgesellen kurzerhand um. Bevor er sich mit dem Raubgut davon machen kann, wird er von dem Polizisten Chin Chu Ying (Chang Yu) gestört. Im Zweikampf schlägt Bruder Drache dem Polizisten einen Arm ab. Gerettet wird Chin Chu Ying in letzter Minute von einem einarmigen Schwertkämpfer, der wie aus dem Nichts auftaucht und Bruder Drache ebenfalls einen Arm abschlägt.

Damit hat sich die lokale Einarmigen-Population um zwei erhöht (oder so hat es den Anschein ...). Denn Bruder Drache kann trotz seiner Verletzung entkommen. Da er stets eine Maske trägt, kennt niemand seine Identität. Chin Chu Ying wiederum kann seinem Retter kaum danken, da macht auch der sich schon wieder aus dem Staub.

Chin Chu Ying hängt seinen Beruf an den Nagel und beschäftigt sich fortan mit einem Handbuch für einarmige Schwertkunst. Doch er wird ermordet – natürlich von einem maskierten Einarmigen, was auch sonst? Der Täter flieht unerkannt und nimmt das Handbuch mit. Nur zweierlei ist über ihn bekannt: Er hat ein Muttermal an seiner verbleibenden Hand. Und Chin erklärt mit seinen letzten Worten, es sei nicht Bruder Drache gewesen.

Meister Wan der Fuchs (Lo Lieh), der Bruder des Toten, verkündet, er werde den Mörder zu finden. Doch das ist nicht so leicht. Gleich zwei berühmte einarmige Schwertkämpfer sind in der Gegend unterwegs: Der rauhbeinige Fong Ping (Jimmy Wang Yu) hat einen Groll auf den Charmeur Li Hao (David Chiang), denn der hat eine On-and-off-Beziehung mit Fongs Schwester Ting Ling (Liu Meng-yan). Meister Wan der Fuchs verkleidet sich – was auch sonst – als einarmiger Schwertkämpfer, um an Fong und Li heranzukommen.

Wir erinnern uns: 1967 kam Chang Chehs One-Armed Swordsman in die Kinos (deutscher Titel: Das goldene Schwert des Königstigers). Der Film brachte den Shaw Brothers jede Menge Geld (und Chang Cheh den Spitznamen »der Eine-Million-Dollar-Regisseur«) ein und avancierte neben Come Drink with Me und Die Herberge zum Drachentor zu einem der drei kanonischen Klassiker des neuen Wuxia-Films der sechziger Jahre. Chang Cheh bescherte den Shaw Brothers mit Return of the One-Armed Swordsman (1969) und The New One-Armed Swordsman (1971) noch zwei Fortsetzungen, die gemeinsam die offizielle Trilogie um den einarmigen Schwertkämpfer bilden.

Eine weitaus durchschlagendere Wirkung hatten jedoch die zahllosen Imitationen, die der ursprüngliche Erfolgsfilm hervorrief. Etwa zehn Jahre lang hielt die Welle von Einarmigen-Filmen an. Zu den immer mehr werden einarmigen Schwertkämpfern gesellten sich bald einarmige Schwertkämpferinnen und einarmige Faustkämpfer (ganz zu schweigen von zweiarmigen Kämpfern, die nur so tun, als ob sie einarmig wären).

The One-Armed Swordsmen ist ein Spätprodukt dieses Trends, aber ein bemerkenswertes. Es handelt sich um eine gemeinsame Regiearbeit von Jimmy Wang Yu und David Chiang, die auch die Hauptrollen spielen. Dazu sind die beiden prädestiniert, waren sie doch die Stars von Chang Chehs ursprünglicher Trilogie. In diesem Film nun toben Wang und Chiang sich richtig aus und pfeifen auf sämtliche Beschränkungen, die die Plausibilität ihnen auferlegen würde. Als Drehort diente Taiwan.

Für einen Wang-Yu-Film ist die Handlung erstaunlich wenig actionlastig. Das liegt daran, dass der Film einem klassischen Whodunit-Plot folgt. Schließlich gilt es, jede Menge Rätsel zu lösen: Wer verbirgt sich hinter Bruder Draches Maske? Wer ist der Einarmige, der Chin zu Hilfe kam? Wer ist Chins Mörder? Und natürlich die Frage aller Fragen: Wie viele Einarmige kommen in diesem Film überhaupt vor?

Ohne letzteres spoilern zu wollen, möchte ich hier verraten: Es sind insgesamt nur (›nur‹) vier. Trotzdem finden sich im Netz zahlreiche Rezensionen, in denen von bis zu sieben Einarmigen die Rede ist. Das liegt daran, dass der Film erzählerisch ein überaus geschicktes Verwirrspiel darstellt. Es kommen Einarmige vor, die sich als Zweiarmige ausgeben, und Zweiarmige, die sich als Einarmige ausgeben. Und eine Schlüsselszene zeigt die Perspektive eines unzuverlässigen Erzählers. Ich selbst habe einige Zeit überlegen müssen, ob nicht doch drei oder fünf die richtige Antwort ist ...

Wenn ich sage, der Film ist vergleichsweise wenig actionlastig, heißt das natürlich nicht, dass es in den Kampfszenen nicht richtig zur Sache geht. Im Gegenteil, der Kontrast zwischen Wangs rohem Kampfstil und Chiangs Eleganz ist äußerst sehenswert. Und ist es nicht besonders zu würdigen, dass der finale Kampf gegen den endlich entlarvten Oberbösewicht ausgerechnet in einem Hühnerstall stattfindet? Ich finde schon.

Weitere Verrücktheiten, mit denen der Film aufwartet: Ein Gasthaus, in dem Fong und Li sich mit Reiswein zuprosten, wird unversehens von einer Horde Schwertkämpfer überfallen, deren Kostüme so aussehen, als seien sie der Requisitenkammer eines Barbaren-Trashfilms der Achtziger entnommen. Und als ob der Genremix aus Whodunit und Kung Fu nicht schon abgedreht genug wäre, ist die Filmmusik von Stanley Chow auch noch die nahezu perfekte Imitation eines Morricone-Soundtracks.

Samstag, 22. Februar 2020

Die Schlacht der Warlords (2009)

Englischer Titel: The Robbers · Regie: Yang Shu-peng · Drehbuch: Yang Shu-peng · Musik: Hu Doudou · Kamera: Shu Chou · Schnitt: Lei Fang.

Der deutsche Filmtitel Die Schlacht der Warlords ist wirklich selten daneben. Weder tauchen in diesem Film irgendwelche Warlords auf, noch werden epische Schlachten geschlagen. Es handelt sich im Gegenteil um einen durch und durch antiheroischen Film.

Die beiden Räuber Xue Shisan (Hu Jun) und Chen Liu (Jiang Wu) treffen in einem Dorf mit dem sprechenden Namen Bitterer Bambushain ein. Als sie sich gerade daran machen, den Dorfbewohner Ma Qi (Sa Li) um seine Habseligkeiten zu erleichtern, taucht ein Trupp Soldaten auf. Als einer von ihnen versucht, Ma Qis Tochter Luo Niang (Wang Xiao) zu vergewaltigen, greifen die Räuber ein. Sie töten zwei der Soldaten und vertreiben die übrigen.

Allerdings haben sie nicht mit dem Dorfvorsteher (Lee Li-chun) gerechnet. Der ist ein unverbesserlicher Paragraphenreiter und Gernegroß, der behauptet, von einem Helden aus der Geschichte der Drei Reiche abzustammen. Er beharrt darauf, dass Shisan und Liu »nach den Tang-Gesetzen«* als Mörder der beiden Soldaten der Obrigkeit übergeben werden müssen und lässt sie von den Männern des Dorfes festsetzen. Kurz vor einem weiteren Angriff marodierender Soldaten können die beiden sich befreien, um das Dorf erneut zu verteidigen.

Liu möchte im Dorf bleiben, da er sich in Luo Niang verliebt hat. Damit ist Shisan wiederum gar nicht zufrieden, obwohl auch er ein Techtelmechtel hat, mit Ying Ge (Yu Xiao-lei), der schweigsamen Metzgerin des Dorfes. Aber sämtliche Unstimmigkeiten zwischen den beiden finden ein jähes Ende, als der Dorfvorsteher (der es immer noch nicht kapiert hat) heimlich das Dorf verlässt und eine größere Einheit Soldaten herbeiführt. Die kümmern sich nicht weiter um den Unterschied zwischen Dorfbevölkerung und Räubern, sondern beginnen unverzüglich, Häuser in Brand zu stecken und Menschen zu massakrieren.

Regisseur Yang Shu-peng (der interessanterweise Feuerwehrmann war, bevor er sich der Filmkunst zuwandte) legt hier eine Art Anti-Wuxia-Film vor. Wäre es in einer klassischen Wuxia-Geschichte unabdinglich für die Ehre der Helden, das Dorf vor Unrecht zu schützen, werden Shisan und Liu eher versehentlich zu Verteidigern der Entrechteten, (und wissen im Grunde selbst nicht genau, was sie wollen). Anders als die Soldaten werden sie zwar nicht als grausam und gewaltgeil dargestellt, aber die meiste Zeit handeln sie doch ziemlich amoralisch.

Die Männer des Dorfes lassen sich willenlos von ihrem Vorsteher manipulieren. Mit Verstand sind einzig die Frauen ausgestattet – wobei ich sagen muss, dass ich die Darstellung von Gewalt gegen Frauen, mit der der Film aufwartet, ziemlich abstoßend und überflüssig finde.

Ästhetisch ist Regisseur Yang deutlich von einigen Klassikern des japanischen Samurai-Kinos beeinflusst (die Ähnlichkeit zu den Sieben Samurai liegt auf der Hand). Das zeigt sich auch an den Kampfszenen, die alles andere als elegant, sondern blutig und dreckig sind.

Ich bin zwiegespalten. Einerseits ein (von gewissen Redundanzen in der Handlung abgesehen) sehenswerter Film, dessen antiheroische Perspektive auf das Genre man nicht einfach ignorieren kann. Andererseits ist mir die Botschaft doch zu plakativ, mit zu wenig Selbstreflexion rübergebracht.

Auf Dauer ist dieser stets-nur-grimmige Blick auf die Welt und die Menschen (ganz wenige Szenen strahlen ein wenig Hoffnung aus) einfach nicht so meins. Falls Yang Shu-peng hier etwas mit dem, was Akira Kurosawa mit Yojimbo und Die sieben Samurai geschaffen hat, vergleichbares im Sinn hatte, ist es ihm jedenfalls nicht gelungen. Aber das wäre wahrscheinlich ohnehin ein zu hoher Anspruch.

* Der Film spielt in der Tang-Dynastie, die als Blütezeit der chinesischen Geschichte gilt. Der Film stellt sie bewusst als korrupt und niederträchtig dar.

Sonntag, 16. Februar 2020

League of Gods (2016)

Regie: Koan Hui · Drehbuch: Cherryyoko, Samson Sun · Musik: John Debney · Kamera: Arthur Wong.

Es ist das 11. Jahrhundert vor Christus. König Zhou von Shang (Tony Leung Ka-fai) bedroht ganz China mit Krieg. Er selbst ist von einem schwarzen Drachen besessen, während seine Lieblingskonkubine Daji (Fan Bingbing) eine unsterbliche Fuchsdämonin ist. Des Königs kriegerische Unternehmungen werden angeführt von General Shen Gong Bao (Louis Koo), der auf einem riesigen Panther reitet.

Ji Chang (Zu Feng), der Herzog von Zhou,* und sein Sohn Ji Fa (Andy On) stellen sich dem König, seiner Konkubine und seinem General entgegen. Ji Changs Ratgeber Jiang Ziya (Jet Li) schickt den jungen Leizhenzi (Jacky Heung) auf eine Queste. Er soll das Schwert des Lichts finden. Dieses Schwert vermag den Drachen, der von König Zhou Besitz ergriffen hat, zu besiegen, wenn es von einem Helden namens Goldener Drache geschwungen wird. Allerdings muss sich mit Hilfe des Schwertes erst noch herausstellen, wer Goldener Drache ist ...

Leizhenzi macht sich auf den Weg. Begleitet wird er von den beiden Göttern Ne Zha (Wen Zhang) und Erlang Shen (Huang Xiaoming). Leizhenzi selber ist ein Unsterblicher, letzter Überlebender eines geflügelten Himmelsvolks. Leizhenzis Leute waren einst von Shen Gong Bao, dem Kriegsherrn, angegriffen worden. Leizhenzi, noch ein Kind, konnte als einziger fliehen, musste aber mit ansehen, wie Shen Gong Bao seinem Vater die Flügel ausriss. Seitdem kann auch Leizhenzi nicht mehr fliegen. Aufgewachsen ist er am Hof Ji Changs, wo Prinz Ji Fa sein brüderlicher Freund wurde.

Um den Erfolg von Leizhenzis Queste zu verhindern, konstruiert Shen Gong Bao aus Holz ein lebensecht aussehendes künstliches Mädchen, Lan Die (Angelababy). Leizhenzi verliebt sich in Lan Die, die sich der Heldengruppe anschließt. Sie weiß nicht, dass Shen Gong Bao aus der Ferne Zugang zu ihren Gedächtnisinhalten hat.

League of Gods basiert auf dem Shenmo-Roman Die Investitur der Götter von Xu Zhonglin. Dieses Werk aus der Ming-Dynastie stand immer etwas im Schatten der Reise in den Westen, bietet aber tatsächlich einiges an Stoff für einen epischen Film, in dem Götter und Sterbliche sich die Bühne teilen. League of Gods ist denn auch eine bemerkenswert aufwändige Produktion, die mich allerdings zu keinem Augenblick wirklich packen konnte.

Hier und da wird deutlich, dass Kreativität in diesen Film geflossen ist. Die Kostüme von König Zhou und seiner dämonischen Gefährtin Daji zum Beispiel sind faszinierend anzuschauen. Leider überwiegt aber der Eindruck, dass Regisseur Hui und sein Team versucht haben, einen Hollywood-Blockbuster nachzuahmen.** Überdeutliches Vorbild von League of Gods ist das Marvel Cinematic Universe – bis hin zur Mid-Credits-Szene. Die Darstellung von Leizhenzi, Ne Zha und Erlang Shen etwa erinnert an ein typisches Superhelden-Team. Louis Koo als Kriegsherr, der lebende Maschinen bastelt und gegen die Helden losschickt, hat wiederum etwas von einem Superschurken.

Shen Gong Bao ist übrigens der eigentliche Antagonist des Films. Big Tony Leung als König Zhou steht eher im Hintergrund und hat wenig zu tun. Es mag sein, dass der König von Shang für das, was der Film anstrebt, eine zu ›chinesische‹ Figur ist. König Zhou ist im kulturellen Gedächtnis Chinas nämlich zum Archetyp des dekadenten, zu Grausamkeiten und protzigen Ausschweifungen neigenden Herrschers geworden. Ihm wird die Konstruktion eines »Weinsees und Fleischwaldes« zugeschrieben: Der König habe einen künstlichen See anlegen lassen, der mit Wein gefüllt wurde. Im See habe sich eine Insel mit künstlichen Bäumen befunden, an deren Zweigen Bratenstücke steckten. So konnte man mit Booten in dem See herumfahren und sich zugleich vollfressen und volllaufen lassen. Davon ist im Film leider nichts zu sehen.

Was die übrige Besetzung betrifft, können nur Fan Bingbing und Angelababy wirklich überzeugen. Jet Li, der hier den knotterigen alten Weisen mit Rauschebart gibt, ist noch ganz amüsant gegen den Strich gecastet. Sonst haben die Darstellungen mich eher kalt gelassen. Hauptdarsteller Jacky Heung hat eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit dem jungen Jet Li, aber leider ohne dessen Charisma.

Auch beim Creature Design bricht der Film gelegentlich aus dem Blockbuster-Korsett aus, etwa bei der Darstellung von Dajis Fuchsschwänzen, die am Ende eine gezähnte Öffnung haben, die an eine Vagina dentata erinnert. Das bleibt aber eher die Ausnahme. Die meiste Zeit wirkt League of Gods eher glattgebügelt und fad, als wolle man vermeiden, allzu irritierenden Genre-Elementen Raum zu geben.

Ich frage mich, was der Zweck eines solchen Films sein soll? Ein einheimisches Konkurrenzprodukt zum MCU erschaffen? Wie soll das funktionieren, wenn das Publikum außerhalb der Sinosphäre mit dem mythologischen Stoff überhaupt nicht vertraut ist? Seinem Ausgangsmaterial wird League of Gods so jedenfalls nicht gerecht.

* Es ist etwas verwirrend, dass sowohl der König von Shang als auch das Herzogtum Ji Changs den Namen Zhou tragen. Das entspricht aber den historischen Gegebenheiten.
** Der Vorwurf, dieser oder jene chinesische Film passe sich zu sehr westlichen Sehgewohnheiten an, wird natürlich ständig erhoben. Hier finde ich ihn allerdings zutreffend. 

Samstag, 15. Februar 2020

The Fatal Flying Guillotine (1977)

Deutscher Titel: 4 stahlharte Fäuste ‧ Regie: Raymond Lui ‧ Drehbuch: Raymond Lui, Sheng Yu-hsu ‧ Musik: Frankie Chan.

Der Mandschu-Fürst Hong Hee hat sich zum Kaiser von China ernannt. Nach der verlorenen Schlacht am Tigerfluss erlahmt der Widerstand der Han. Shen Mo Chao (Chen Sing) wurde in der Schlacht schwer verletzt. Er zieht sich in das Tal des Todes zurück, wo er seine Wunden mit Schlangengift behandelt. Fortan lebt er im Tal und kultiviert seinen Hass auf die siegreichen Mandschu und auf überhaupt alle, die ihn in seiner selbstgewählten Einsamkeit stören.

Und gestört wird er häufig. Shen Mo Chao ist nämlich der Erfinder der Todesglocke – einer fliegenden Waffe, die durch ein rotierendes Sägeblatt wie von einem Propeller angetrieben wird und Menschen auf große Entfernung zu köpfen vermag. Prinz Hong Chu, der vierte Sohn des neuen Kaisers, möchte diese Waffe nur zu gerne in seine Finger bekommen.

Der Film spielt im Jahr 1675. Hong Hee ist der persönliche Name Kangxis, des zweiten Kaisers der mandschurischen Qing-Dynastie. Hong Chu, der während seiner Verwicklung in diverse Nachfolge-Intrigen tatsächlich stets nur »der vierte Sohn« genannt wurde, ist Kangxis Nachfolger Yongzheng. Unter diesem seinen Herrschaftsnamen kennen wir den »vierten Sohn« bereits als Antagonisten der offiziellen Flying-Guillotine-Filme aus dem Hause Shaw Brothers.

Damit präsentiert The Fatal Flying Guillotine sich als inoffizielles Prequel, das ein wenig am Erfolg der Filme mitverdienen möchte. Jimmy Wang Yu hatte ein Jahr zuvor gezeigt, wie es geht, indem er mit Master of the Flying Guillotine ein Crossover mit seiner eigenen Figur, dem einarmigen Boxer, drehte. Dieser Film hat mit der Zeit Kultstatus erreicht, während The Fatal Flying Guillotine einen eher schlechten Ruf genießt. Unverdient, wie ich meine, denn Regisseur Raymond Lui arbeitete zwar mit sichtlich geringem Budget, fügt der Saga aber doch einige interessante Nuancen hinzu.

Shen Mo Chaos Sohn Shen Piao (Carter Wong) kennt seinen Vater nicht. Seiner Mutter ist er aber (gemäß der konfuzianischen Tugend der kindlichen Pietät) treu ergeben. Als sie schwer erkrankt, macht er sich auf den Weg ins Shaolin-Kloster. Die Mönche haben in ihrer Bibliothek ein Buch, in dem Therapien für scheinbar unheilbare Krankheiten aufgezeichnet sind.

Um das Buch einsehen zu dürfen, hat Shen Piao aber drei Prüfungen zu bestehen: Er muss allein und unbewaffnet zunächst gegen eine Übermacht von Schwertkämpfern, dann gegen eine Übermacht von Stockkämpfern, und schließlich gegen einen Shaolin-Meister im Zweikampf antreten. (Warum die Mönche ihr medizinisches Wissen nicht einfach so teilen, verrät der Film nicht. Wahrscheinlich, weil sie sich dann keine unterhaltsamen Kampfkunst-Prüfungen mehr ausdenken könnten.)

Shen Piao trickst ein wenig. Er trägt einen Gürtel aus hölzernen Gliedern, der sich ähnlich einem Nunchaku verwenden lässt, und einen Körperpanzer, der vor Akupressur-Attacken schützt. Aber da er seine Gegner auf äußerst virtuose Weise verprügelt, sehen die Mönche nachsichtig lächelnd über die kleine Schummelei hinweg und händigen ihm das Buch aus.

Auf dem Heimweg wird Shen Piao aus dem Hinterhalt überfallen. Der maskierte Angreifer tauscht das Buch gegen eine Fälschung aus, und Shen Piaos Mutter stirbt qualvoll. Zornig und trauernd sucht er erneut das Kloster auf. Dort stellt sich heraus, das der Buchdieb kein anderer als Cao Wei ist, der Shaolin-Meister, dem Shen Piao sich im Zweikampf zu stellen hatte. Cao Wei ist ein Mandschu und Spion des »vierten Sohnes«.

Das Buch hat der abtrünnige Meister gestohlen, um es dem Kaisersohn zu bringen. Der plant, das Buch Shen Mo Chao als Geschenk zu überreichen (damit er nicht mehr auf die Eigentherapie mit Schlangengift angewiesen ist), sofern dieser bereit ist, in Hong Chus Dienste zu treten. Mit Hilfe der Todesglocke will der »vierte Sohn« die Macht an sich reißen. Abgesandte Hong Chus sind bereits unterwegs zum Tal des Todes.

Sogleich macht sich eine Gruppe von Shaolin-Kämpfern ebenfalls auf zum Tal, um den Schergen des Kaisersohnes zuvorzukommen. Immer noch nicht ahnend, dass es um seinen Vater geht, schließt Shen Piao sich ihnen an.

Es wird niemanden überraschen, dass die ganze Handlung auf einen tödlichen Zweikampf zwischen Vater und Sohn zuläuft. Auch der Erzählbogen dahin ist von unterhaltsamen Kampfszenen geprägt. Carter Wong ist für die Rolle des stoischen Helden wie geschaffen. Chen Sing als mieser alter Giftgreis, der in seinem Tal hockt und einen Kopf nach dem anderen rollen lässt, gibt wiederum einen formidablen, campy Schurken ab.

Der Film schließt damit, dass die berüchtigte Todesglocke tatsächlich an den Kaiserhof gebracht wird, wo aber niemand mit ihr umzugehen vermag. So fügt sich das inoffizielle Prequel mit geschickter Ironie in die Saga ein. Man kann sich gut vorstellen, dass Kaiser Yongzheng während seines Aufstiegs mit einer fliegenden Waffe (der Todesglocke) in Berührung kam, die in ihm die fixe Idee reifen ließ, selber über eine vergleichbare Waffe (die fliegende Guillotine) zu verfügen. Lässt man sich auf die Skurrilität der Ausgangsidee ein (was unabdingbare Voraussetzung ist, um diese Filme überhaupt ansehen zu können), ist das alles durchaus amüsant.

Notwendig ist eine Bemerkung zur deutschen Synchronfassung. Wer immer die verbrochen hat, vermochte offenbar auf Rassismus nicht zu verzichten. Nach der Eröffnungsszene wird eine Texttafel eingeblendet, auf der es heißt: »Asiens Karate Killer schlagen zu ‒ GELB, BRUTAL und UNERBITTLICH«. Auf so einen Scheiß muss man erst mal kommen, möchte man meinen, aber leider sind solche Sprüche für die deutsche Rezeption chinesischer Martial-Arts-Filme in den siebziger und achtziger Jahren typisch. Und dass man sich nicht die Mühe machte, chinesische und japanische Kampfkunst zu unterscheiden, ist eine Dreingabe an Ignoranz.

Montag, 27. Januar 2020

The Knight of Shadows: Betweeen Yin and Yang (2019)

Regie: Yan Jia (als Vash) · Drehbuch: Liu Boham · Musik: Zhai Jinyan, Zhao Zhao · Kamera: Choi Yeong-hwan · Schnitt: Wong Hoi.

Der Jackie-Fanclub ist nicht amüsiert. »The most lousy Jackie Chan movie«, »incredibly horrible«, »cannot see any positive aspect«, heißt es in den Bewertungen auf IMDb. Ich weiß nicht, woran es liegt. Vielleicht gibt es immer noch Leute, die auf die drölfzigste Buddy-Cop-Komödie mit Jackie Chan warten? Der schlechteste Film, den er je gemacht hat (und er hat in seiner langen Karriere ja nicht wenig Zelluloidmüll fabriziert), ist The Knight of Shadows wirklich nicht. Würde ich den Film empfehlen? Das allerdings auch nicht.

Da die Dämonen es auf der Erde allzu arg treiben, sendet der Himmel den unsterblichen Gelehrten Pu Songling (Jackie Chan), der mit seinem Yin-und-Yang-Pinsel die Dämonen in ein Buch zu bannen vermag. Da Meister Pu ein vergleichsweise sanftmütiger Dämonenjäger ist, hat er nichts dagegen, sich mit gutartigen Wesen aus der Geisterwelt anzufreunden. Gleich vier knuddelige, hochgradig alberne CGI-Dämonen fungieren als seine Sidekicks auf der Jagd nach gefährlicheren Wesen.

Pu Songling ist eine historische Person. Der Schriftsteller der Qing-Dynastie veröffentlichte die wohl bekannteste Sammlung chinesischer Erzählungen des Übernatürlichen, die Seltsamen Geschichten aus dem Liao-Studierzimmer. Martin Buber übersetzte eine Auswahl dieser Geschichten ins Deutsche, und Jorge Luis Borges nahm einige von ihnen in seine Bibliothek von Babel auf. Dem Wuxia-Kino haben die Seltsamen Geschichten immer wieder zur Inspiration gedient: Filme wie Ein Hauch von Zen, A Chinese Ghost Story und Painted Skin beruhen auf Stoffen, die sich in Pu Songlings Sammlung finden.

Die Idee ist also, dass Pu Songling nicht nur übernatürliche Geschichten für sein Buch sammelt, sondern tatsächlich übernatürlichen Wesen begegnet und sie in sein Buch bannt (wo sie gewissermaßen zu Geschichten werden). Die Haupthandlung des Films besteht folgerichtig darin, wie eine dieser Geschichten entsteht, und zwar Pu Songlings bekannteste überhaupt: die vom schönen Gespenstermädchen Nie Xiaoqian, das in einem verlassenen Tempel in der Stadt Jinhua spukt. Die Geschichte, auf der schon der frühe Shaw-Brothers-Streifen The Enchanting Shadow sowie A Chinese Ghost Story (samt Remake) basieren.

Dass es sich um die erneute Verfilmung eines klassischen Stoffs handelt, ist nicht das Problem von The Knight of Shadows. Beliebte Geschichten immer wieder neu umzusetzen, gehört zum chinesischen Kino dazu (im Westen wundert sich ja auch niemand, wenn Grimmsche Märchen eine Vielzahl an Verfilmungen erfahren). Das Problem ist, dass der Film es nicht schafft, die Geschichte von Nie Xiaoqian (Elane Zhong) und ihrem sterblichen Geliebten Ning Caichen (Ethan Juan) auf gescheite Weise zu erzählen. The Knight of Shadows versucht, dem Stoff einen revisionistischen Twist zu verleihen, ohne sich allerdings die nötige Zeit dafür zu lassen, das erzählerisch vorzubereiten.

Denn da ist der gute Jackie davor. Der blüht sichtlich auf in seiner Rolle als pinselschwingender Geisterjäger. Die clowneske Seite seines Talents kommt gut zum Tragen, lässt aber leider nicht viel Raum für weiteres. Besser wäre es gewesen, sich weniger komplexes Quellenmaterial aus dem Fundus des Liao-Studierzimmers auszusuchen. Nie Xiaoqians Geschichte wird The Knight of Shadows einfach nicht gerecht. Weniger (d.h. einfach nur ein geradliniger Flick mit Jackie Chan als knuffigem Dämonenjäger) wäre hier mehr gewesen.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.