Donnerstag, 26. April 2018

Gibt es die faschistische Fantasy? (Teil 6)

Teil 1 · Teil 2 · Teil 3 · Teil 4 · Zwischenstand · Exkurs I · Teil 5

»Dem Manne, der mir einen neuen Himmel und eine neue Erde gab« – mit diesen Worten widmet Edmund Kiss seinen Roman Das gläserne Meer dem großen Idol Hanns Hörbiger. Die Anspielung auf die Johannesoffenbarung (»Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde vergingen. Das Meer war nicht mehr.« – Offb 21,1) ist Programm. Der in der Offenbarung den neuen Himmel und die neue Erde bringt, ist der zum Endgericht wiedergekehrte Christus. Indem Kiss dies auf Hörbiger überträgt, schreibt er dem österreichischen Spintisierer messianische Qualitäten zu.

Aber Kiss machte sich noch weitere Gedanken über die Offenbarung. Anscheinend beschäftigte ihn die Aussage, dass mit der Heraufkunft des neuen Himmels und der neuen Erde das Meer verschwinden würde. Religionsgeschichtlich lässt sich das recht einfach erklären: Gemäß dem biblischen Weltbild (nach dem Schöpfungsbericht in Gen 1) ist die Welt in Himmel, Erde und Meer aufgeteilt. Im Himmel thront Gott, in der Mitte erhebt sich die Erde wie eine Insel aus dem umgebenden Meer. Das Meer gilt dabei als Heimstätte des Chaos, das die Wohnungen der Menschen bedroht. Dem Meer entsteigen Ungeheuer wie der Leviatan und die Tanninim. Wenn es in der Offenbarung heißt, dass nach dem Endgericht das Meer nicht mehr sein werde, dann ist gemeint, dass die Gefahr durch die Chaosmacht nicht mehr besteht.

Doch Kiss hatte anderes im Sinn, als er sich mit der Offenbarung beschäftigte. Zunächst nahm er sie nicht als Vision über das (noch ausstehende) Ende der Welt, sondern als Bericht über die ferne Vergangenheit. Die Offenbarung, meinte Kiss, erzählt von einer der zahlreichen kosmischen Katastrophen, die die Erde laut Hörbigers Welteislehre zu Urzeiten heimgesucht hätten. Sie berichtet nicht vom Ende der Welt, sondern ähnlich wie Platons Atlantismythos vom Untergang einer Welt.

In Kapital 4 der Offenbarung wird der Thron Gottes anschaulich beschrieben. In Vers 6 heißt es: »Vor dem Thron war eine Art gläsernes Meer, wie Kristall.« Kurz darauf, in Kapitel 6, kommt es zur Öffnung der sieben Siegel, die jeweils mit einer Katastrophe verbunden sind. Als das sechste Siegel geöffnet wird, »da entstand ein großes Beben, die Sonne wurde schwarz wie Ziegenhaarstoff, der ganze Mond wie Blut, die Sterne des Himmels fielen auf die Erde, wie ein Feigenbaum, von einem großen Wind erschüttert, seine Spätfeigen abwirft, der Himmel wurde gespalten, wie eine Buchrolle gerollt, und jeder Berg und jede Insel von ihren Orten fortbewegt.« (Offb 6,12–14)

Für Kiss war der Fall klar. Das gläserne Meer war ein von der Erde angezogener Himmelskörper, so genannt, weil er wie eine gigantische Kristallscheibe am Himmel stand. Er stieß mit der Erde zusammen und löste einen gewaltigen Kataklysmus aus. Und wenn im vorletzten Kapitel der Offenbarung gesagt wird, dass das Meer nicht mehr ist, dann bezieht sich das natürlich auf das gläserne Meer, das nach dem Einschlag auf der Erde selbstverständlich nicht mehr zu sehen ist. So beginnt Kiss’ Roman auf den Abessischen Inseln, die aufgrund des sich nähernden gläsernen Meeres zunehmend von Erdbeben heimgesucht werden. Was Kiss allerdings nicht verrät: Woher sollten die Menschen seiner Abessischen Inseln, die auf steinzeitlicher Kulturstufe leben, den Werkstoff Glas kennen?

Die Anhänger_innen der WEL stürzten sich mit Begeisterung auf mythologische Erzählungen von kosmischen Katastrophen. Stetig frustriert durch wissenschaftliche Entdeckungen, die mit ihrem Weltbild nicht kompatibel waren, suchten und fanden sie in der Mythologie Bestätigung. Die Offenbarung, die Sintflut, der Untergang von Atlantis, der losgelassene Fenriswolf – waren das nicht untrügliche Zeugnisse dafür, dass die Erde immer wieder allumfassenden Katastrophen ausgesetzt war? Aber wenn es auf der Erde untergegangene Zivilisationen gab, die von der herkömmlichen Geschichtsschreibung gar nicht erfasst wurden, dann mussten diese materielle Spuren hinterlassen haben.

Wie bereits erwähnt, gab es im Dritten Reich (wie auch davor schon) eine völkische Archäologie, die dazu neigte, den alten German_innen eine Hochkultur zuzuschreiben, die derjenigen Ägyptens mindestens ebenbürtig war. Sie arbeitete eng zusammen mit einer Volkskunde, die in (echten oder erfundenen) folkloristischen Bräuchen Überbleibsel uralter germanischer Spiritualität sehen wollte. Aus diesem Konglomerat entstand ein eigenes pseudowissenschaftliches Fach, das von einem seiner Protagonisten, Wilhelm Teudt (1860–1942), als »germanische Vorgeschichte« bezeichnet wurde. Himmler interessierte sich sehr für derartiges. Seine Schwärmerei für Fruchtbarkeitsrituale, die sich angeblich jahrtausendelang in deutschen Dörfern erhalten hätten, arteten mitunter in regelrechte Porno-Fantasien aus. Folgerichtig wurde die von Teudt gegründete Zeitschrift Germanien 1936 zu einem offiziellen Publikationsorgan des Ahnenerbes; Teudt selbst wurde als Leiter der Abteilung für »Germanenkunde« übernommen.

Der WEL kam diese Nachbardisziplin sehr gelegen. Wo die WEL aufhörte, mit dem Untergang von Atlantis etwa, konnte die »germanische Vorgeschichte« mit ihrer germanischen Hochkultur einsetzen.
Himmler interessierte sich für beides. Insbesondere die von der WEL gehegte Vorstellung, der nordische Mensch sei nicht auf der Erde entstanden, sondern als kosmisches Protoplasma aus dem Weltall gekommen, gefiel ihm außerordentlich. Überhaupt haftet dem Komplex Welteis–Germanien ein kreationistischer, antidarwinistischer Zug an. Schon Teudt war mit Polemiken gegen Darwin und Haeckel hervorgetreten. Vorbildhaft war die »germanische Vorgeschichte« für die WEL aber auch durch ihre archäologische Schlagseite. Wie Teudt, der sich obsessiv mit den Externsteinen bei Detmold befasste (natürlich sah er sie als germanisches Heiligtum an), war auch Kiss als Hobby-Archäologe tätig.

Von Beruf war Kiss eigentlich Architekt. Archäologie hat er aller Wahrscheinlichkeit nach nie studiert. Mitte der zwanziger Jahre begann er Romane zu veröffentlichen. Nachdem er einen Literaturpreis gewonnen hatte, finanzierte er sich mit dem Preisgeld eine Reise nach Südamerika. Dort interessierten ihn präkolumbianische Ruinen im bolivianischen Hochland, in denen er Zeugnisse »nordischer Baukunst« sah. Seine entsprechenden Theorien veröffentlichte er 1937 just in Teudts Zeitschrift Germanien, und im gleichen Jahr auch in Buchform. Allerdings fand Kiss’ Südamerikareise viel früher, in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre statt. Es fragt sich also, warum er mit der Veröffentlichung zehn Jahre wartete. Wartete er auf die Gelegenheit, in einem angemessenen Milieu publizieren zu können? Oder war er vielleicht während des Aufenthalts in Bolivien noch gar nicht auf die Idee mit der »nordischen Baukunst« in den Anden gekommen?

Spätestens zum Ende der zwanziger Jahre hin muss Kiss die WEL kennengelernt haben und schnell zum Gläubigen geworden sein. 1930 erschien Das gläserne Meer, 1933 dann sein erstes Sachbuch mit WEL-Thematik. Die WEL stattete ihn womöglich mit einer Erklärung bezüglich der Ruinen in den Anden aus: Wenn die Gestalt der Erde sich immer wieder auf kataklysmische Weise veränderte, dann könnte es doch einmal möglich gewesen sein, dass nordische Menschen nach Südamerika gelangten. Zu beweisen, wie sehr sich die Gestalt der Meere und Kontinente im Lauf der Erdgeschichte verändert hatte, wurde ihm zur fixen Idee. Und er fand einen Gönner, der ihm großzügig ermöglichte, dieser Idee nachzugehen: Kiss trat der SS bei und wurde in den persönlichen Stab Himmlers aufgenommen. Ab 1938 wurde seine Arbeit offiziell vom Ahnenerbe gefördert. Himmler versuchte sogar, Kiss’ Teilnahme an der deutschen Tibet-Expedition, die im gleichen Jahr in den Himalaya aufbrach, durchzusetzen. Der Expeditionsleiter Ernst Schäfer (1910–92) weigerte sich jedoch strikt, den WEL-Apologeten mit nach Tibet zu nehmen. Das entsprang keineswegs einer antifaschistischen Haltung. Schäfer war selbst SS-Mitglied und leitete die Expeditionsabteilung des Ahnenerbes. Gegen die Teilnahme des Rassenkundlers Bruno Beger (1911–2009) an seiner Expedition hatte er nichts. Schäfer fürchtete lediglich um das wissenschaftliche Ansehen seiner Expedition, wenn ein Adept der in Fachkreisen als Spinnerei bekannten WEL an ihr beteiligt würde.

Himmler hatte für Kiss prompt eine Entschädigung parat: Er übertrug ihm die Leitung einer Expedition nach Libyen, wo er den Verlauf von Küstenlinien erforschen sollte. Die Reise fand 1939 statt, und Kiss kehrte mit dem gewünschten Ergebnis zurück: Die Veränderungen im Küstenverlauf seien nicht zu erklären, ohne dass man die WEL zur Grundlage nehme. Himmler zeigte sich zufrieden und wollte Kiss mit einer Expedition nach Südamerika belohnen, wo er die Betrachtung seiner nordischen Baudenkmäler wieder aufnehmen sollte. Der Zweite Weltkrieg machte diesem Plan allerdings ein Ende. Kiss nahm als Offizier der Waffen-SS am Krieg teil. 1945 geriet er in Kriegsgefangenschaft, wurde aber schon nach zwei Jahren wieder entlassen und im anschließenden Entnazifizierungsverfahren als Mitläufer eingestuft. Danach verliert sich seine Spur.

Im Verlauf der 1930er war Kiss allerdings nicht nur als Forschungsreisender des Ahnenerbes äußerst aktiv gewesen. Auf Das gläserne Meer ließ er drei Fortsetzungen folgen: 1931 erschien Die letzte Königin von Atlantis, 1933 Frühling in Atlantis und 1937 Die Singschwäne von Thule. Die Romantetralogie weitete sich damit zu einer Art literarischen Kompendiums der WEL aus. Flankiert wurde sie von Sachbüchern, die nicht nur die »nordische« Architektur in Bolivien, sondern auch die Ursachen der Völkerwanderung auf Grundlage der WEL erklärten.

Es lohnt sich, an dieser Stelle einen Blick auf Kiss’ Debütroman Der Weg aus der Nacht (1926) zu werfen, gerade weil dieser noch nicht den Einfluss Hörbigers aufweist. Fritz, der Ich-Erzähler und zugleich eine Art Stand-in für Kiss, ist ein Veteran des Ersten Weltkriegs. Trotz einer Kriegswunde könnte es ihm eigentlich recht gutgehen, denn er ist Beamter und mit der Tochter eines preußischen Junkers verlobt. Sein Schwiegervater in spe ist drauf und dran, ihn zum Gutsverwalter einzusetzen. Aber Fritz hat viel zu jammern, denn: »Fliehen mochte ich vor dem häßlichen Parteigetriebe und der Politik, die in immer engeren Kreisen verkümmerten.« Diese Fluchtgedanken, des Mary-Sue-mäßigen Status zum Trotz, den Kiss seinem Alter ego andichtet, sind aufschlussreich.

Es ist darauf hingewiesen worden, dass Führer der Nazipartei wie Hitler, Göring und Röhm verkrachte Existenzen waren, unfähig, sich nach dem Ersten Weltkrieg ins bürgerliche Leben einzufinden. Kiss beschreibt seinen Protagonisten aber als bestens in die gute Gesellschaft integriert. Trotzdem ist er todunglücklich und entsetzt sich vor dem »häßlichen Parteigetriebe«. Das dürfte das Lebensgefühl des völkisch-nationalistischen Milieus in den zwanziger Jahren gut beschreiben. Eigentlich hatten diese Kreise ja allen Anlass, zufrieden zu sein: Der Pakt zwischen der Führung der Sozialdemokratie und der Reichswehr hatte sämtliche revolutionären Bestrebungen erstickt. Freikorps und Todesschwadronen machten ungehemmt Jagd auf Linke und wurden selbst für Morde nur milde bestraft. Weder war es zu einer grundlegenden Veränderung der Besitzverhältnisse, noch zu einem nennenswerten Statusverlust der alten Eliten gekommen. Aber anscheinend war für Menschen wie Kiss allein die Tatsache, in einer parlamentarischen Demokratie leben zu müssen, völlig unerträglich.

Der Clou von Kiss’ Roman ist: Fritz wurde im Krieg durch eine englische Kugel am Sehnerv verletzt und kann deshalb Gespenster sehen. Vor allem die deutschen Kriegstoten erscheinen ihm immer wieder. Sein bester Freund, ein gefallener Marineoffizier, wird ihm zum Führer durch die Geisterwelt. Er zeigt Fritz, warum die toten Soldaten keine Ruhe finden: Bevor Deutschland wieder zu neuer Größe findet, müssen die armen Gespenster Nacht für Nacht erneut die Weltkriegsschlachten durchkämpfen, in denen sie ihr Leben ließen. Der Höhepunkt des Romans besteht darin, dass Fritz Zeuge der von den Gefallenen aufgeführten Wiederholung der Skagerrakschlacht wird, in der sein Busenfreund mitsamt seinem Kanonenboot unterging.

Weil aber außer Fritz niemand sehen kann, was die toten Kameraden alles erleiden müssen, verzweifelt er zusehends. Sein gefallener Freund trägt ihm auf, einen Weg aus der Nacht zu finden, der die Kriegstoten erlöst und Deutschland zu neuem Morgenschein führt. Wie genau das passieren soll, hat der Roman übrigens noch gar nicht im Blick. Das Geschrei nach einer »nationalen Revolution«, das die diversen Fraktionen der Weimarer Rechten erhoben, spielt für die Handlung keine Rolle, die somit seltsam offen endet. Anscheinend wusste Kiss zu dieser Zeit noch nicht so recht, in welche Richtung der Marsch gehen sollte. Aufgrund seiner Demokratieverachtung und der Larmoyanz, mit der er Deutschland als das Opfer unter den Nationen darstellt, ist der Roman aber durchaus als protofaschistisch einzustufen. Und spätestens mit der Hinwendung zur WEL und zur SS dürfte Kiss seinen persönlichen Weg aus der Nacht der Demokratie ja gefunden haben.

Es ist eine schwer erträgliche Lektüre, mehr pseudoreligiöse Botschaft und völkische Heilssucht als Literatur. Der Stil ist geradezu peinlich schlecht. Hier etwa die Verlobungsszene am Anfang:
»Weißt du denn, was ich will? Ist es dir klar, daß ich dich heiraten möchte?«
Sie wußte es.
»Wann bist du auf diesen Gedanken gekommen?« fragte sie.
Ich erklärte, ich könne das gar nicht mehr gar so genau angeben; vermutlich, seit sie aus Berlin zurückgekommen sei.
In diesem Aktenvermerkstil geht es knapp 200 Seiten lang weiter – seltsamerweise auch durch die tiefgründelnden Szenen hindurch, die von der Unerlöstheit der Kriegstoten handeln. Falls das Kiss’ Versuch sein sollte, komisch zu sein, ist es von ungewollter Komik jedenfalls nicht zu unterscheiden. Im Vergleich dazu lesen sich die späteren Welteisromane ungleich flüssiger und spannender. Die WEL eröffnete anscheinend Möglichkeiten des Fabulierens, die Kiss zuvor völlig abgegangen sind. So ist es nicht verwunderlich, dass gerade aus Hörbigerschen Kreisen heraus eine mythopoetische NS-Literatur entstehen konnte.

Montag, 16. April 2018

Gibt es die faschistische Fantasy? (Teil 5)

Teil 1 · Teil 2 · Teil 3 · Teil 4 · Zwischenstand · Exkurs I

Der Nationalsozialismus, und darin ist er anderen Faschismen vergleichbar, sah sich als eine mythopoetische Weltanschauung an. Er beanspruchte, sein Wissen und seine Legitimität aus alten Mythen zu beziehen und diese für die Gegenwart relevant zu machen. Am Beispiel Alfred Rosenbergs ließ sich das gut zeigen. Rosenberg postulierte einen ewigen Kampf zwischen dem Ariertum und ›Syrien‹ (womit er letztlich das Klischee vom Orient meint). Hinter dieser Behauptung steckt die Pseudowissenschaft der Rassenkunde, die die gesamte Weltgeschichte durch einen dauerhaften Konflikt zwischen arischen und semitischen Menschen geprägt sieht.

Für Rosenberg kam es darauf an, diesem angeblich alten Mythos Aktualität zu verleihen, aus ihm einen neuen Mythos zu machen, der den Menschen der Gegenwart eine umfassende Weltanschauung verleihen würde – eben einen Mythus des 20. Jahrhunderts, wie der Titel von Rosenbergs Hauptwerk lautete. Zu diesem Zweck spekuliert er ausführlich über das Wesen seiner Atlantiden: Sie hätten das Licht und die Sonne verehrt, eine strikt patriarchal strukturierte Gesellschaft und einen Drang zur Welteroberung gehabt. Es liegt auf der Hand, dass Rosenberg sich genau dies auch für die Deutschen des 20. Jahrhunderts wünscht. Auf der anderen Seite hätte der ›syrische‹ Osten finstere Magie und blutige Rituale betrieben, in matriarchaler Promiskuität gelebt und sich die Welt durch Handel und Betrug untertan gemacht. Und natürlich hat auch ›Syrien‹ seine gegenwärtigen Inkarnationen: die katholische Kirche, das Judentum, den Bolschewismus.

Rosenberg ist mit seinem Ziel gründlich gescheitert. Aus seinem Mythus des 20. Jahrhunderts entstand keine verbindliche Weltanschauung. Das Buch wurde im Dritten Reich massenhaft verkauft und ebenso selten gelesen. Die faschistische Ideologie ist viel zu vage und irrational, als dass sie sich in ein auch nur einigermaßen kohärentes System fügen ließe. Andere Nazis ließen Rosenbergs Nationalatlantismus deshalb links liegen und suchten sich andere Neo-Mythologien. Die einen beschäftigten sich mit der Welteislehre, andere versuchten sich an der Entwicklung einer »arteigenen Religion«. Wieder andere hielten all das für ausgemachten Quatsch und behaupteten, es käme allein auf den Erfolg an, der der »nationalen Bewegung« schon recht geben würde.

Ein Problem Rosenbergs war, dass er sich für einen unübertroffen genialen Denker hielt und – im Unterschied zu anderen NS-Größen, die gewiefte Intriganten waren – an einem ausgeprägten Mangel an Realitätssinn litt. Hätte er mit einem Fuß in der Wirklichkeit gestanden, wäre ihm vielleicht aufgegangen, dass seine Atlantisspekulationen keineswegs der Stoff intellektueller Großtaten, sondern Material für Pulp-Literatur waren. Atlantis ist uns heute vor allem aus den Pulp-Werken von Rosenbergs Zeitgenossen aus den USA, Edgar Rice Burroughs und Robert E. Howard, bekannt. Auch in den Heftromanen, dem deutschen Äquivalent zu den US-Pulps, ging es mitunter um Atlantis (wie bereits am Beispiel Lok Mylers erläutert). Konsequenterweise verfolgte Rosenberg Trivialliteratur jeglicher Art mit glühendem Hass, unterstellte ihr Verderbnis der Jugend und Amerikanisierung des Geistes.

Rosenberg ist somit ein Beispiel für einen Versuch faschistischer Mythopoeia, der aber an seinen inneren Widersprüchen erstickte. Dennoch hatte Rosenberg in den endlosen Machtkämpfen der NS-Kulturpolitik seine überzeugten Mitstreiter_innen und förderte durchaus auch Versuche, seine Vorstellungen literarisch umzusetzen. Dazu aber erst später mehr. Vorerst genügt es festzuhalten, dass Rosenberg weder in seinem Kampf gegen Heftromane (die allen Eindämmungsversuchen zum Trotz Massenlektüre blieben) wirklich erfolgreich war, noch die Entstehung einer eigenständig nationalsozialistischen Trivialliteratur etwas entgegensetzen konnte.

Der Frage, aus welchen Quellen bzw. literarischen Traditionen diese eigenständige NS-Fantasy entstehen konnte, will ich mich nun zuwenden. Verschiedene Stränge der Literaturgeschichte scheiden aus: Der Heftroman war zwar beliebt, aber offiziell verpönt. Andererseits gilt die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts als Hochzeit der deutschsprachigen Phantastik. Deren Autor_innen waren im Dritten Reich aber als sexbesessen und dekadent verschrien. Ihr Interesse an Magie und Erotismus entsprach zu sehr der Haltung, die ein Rosenberg als ›syrisch‹ verfluchte. Letztlich konnten nur wenige dieser Autor_innen sich erfolgreich in den NS-Kulturapparat integrieren. Auch auf diese Ausnahmen wird noch einzugehen sein.

Nun komme ich aber zum Punkt. Es gab ein Milieu im Dritten Reich, in dem eine eigenständige Art mythopoetischer Literatur gedeihen konnte. Dieses Milieu war die SS, und der Grund für das Gedeihen dieser Literatur war vor allem die Förderung der Welteislehre durch die SS. Heinrich Himmler pflegte als Reichsführer-SS eine Vorliebe für allerlei esoterische Theorien und Praktiken (was seiner Tätigkeit als Organisator der Massenvernichtung übrigens nicht im Weg stand). Begeisterte Himmler sich für irgendeine abwegige These, trug er ihrem Vertreter eine SS-Mitgliedschaft an und nahm ihn in seinen persönlichen Stab auf, der mit der Zeit zu einer Art Panoptikum des verqueren Denkens entwickelte.

Die Welteislehre (WEL) ist, wie bereits erwähnt, die Erfindung des österreichischen Ingenieurs Hanns Hörbiger. Dessen treuester Jünger wurde der Amateur-Astronom Philipp Fauth (1867–1941), der sich damit abmühte, Hörbigers unübertroffen wirres Gedankenspiel in eine einigermaßen übersichtliche Form zu bringen. Hörbigers Vorstellungen, die er durch Intuition gewonnen haben will, in ihren Grundzügen darzustellen, ist gar nicht so leicht. Ich will es trotzdem versuchen.

Hörbiger behauptete, das Universum bestehe aus den Grundstoffen Feuer und Eis. So sei das Universum denn auch durch den Zusammenprall einer gigantischen Eismasse mit einer ebensolchen Masse aus Feuer entstanden. Das Weltall sei kein leerer Raum, sondern mit winzigen Eispartikeln angefüllt, die bei dem ursprünglichen Zusammenstoß verstreut wurden (das ist Hörbigers Abwandlung der längst obsoleten Äthertheorie). Der Widerstand dieser Eispartikel bewirke, dass die Himmelskörper immer wieder in ihren Bahnen gehemmt würden und infolgedessen in die Umlaufbahnen anderer Himmelskörper gerieten. So war der Mond Hörbiger zufolge anfangs ein eigener Planet, den es in das Gravitationsfeld der Erde verschlug. Aber auch im Orbit seien die Bahnen von Himmelskörpern aufgrund der Eispartikel instabil, weshalb es immer wieder zu gewaltigen Zusammenstößen zwischen Himmelskörpern komme.

Hörbiger meinte, in der Erdgeschichte habe es schon eine ganze Anzahl solcher kosmischen Katastrophen gegeben, bei denen jedesmal große Mengen Feuer und Eis auf die Erdoberfläche geschleudert worden seien. In der Folge hätte sich jedesmal die Gestalt der Meere und Kontinente verändert. Antike Berichte über ferne, untergegangene Reiche wie Atlantis, Thule und Hyperborea nahm Hörbiger als Beweis dafür, dass es auf der Erde eine ganze Reihe vergessener Zivilisationen gegeben habe, die in den regelmäßig wiederkehrenden Kataklysmen zerstört worden seien.

Atlantis kommt also nicht nur bei Rosenberg vor, sondern auch in der WEL, allerdings gibt es bei Hörbiger und seinen Anhänger_innen noch einen zusätzlichen Twist: Der arische oder nordische Mensch sei nicht einfach auf evolutionärem Weg aus anderen Arten entstanden, sondern sein Protoplasma sei, eingefroren in kosmischen Eisbrocken, direkt aus dem Weltall auf die Erde gelangt. Er hat also nicht einfach nur eine Urheimat in Atlantis, sondern ist eine Art außerirdische Superspezies. Himmler gefiel diese Vorstellung (Berichten aus seinem Umfeld zufolge) ausnehmend gut.

Hörbigers Hauptwerk Glazial-Kosmogonie erschien erstmals 1912. Schnell bildeten sich WEL-Zirkel und -Vereine. Die Wissenschaft wies Hörbigers Spintisieren von Anfang an zurück. Die Beliebtheit der WEL führte aber dazu, dass schon in den zwanziger Jahren ausführliche Widerlegungen Hörbigers in Sachbuchform erschienen. Die Jüngerinnen und Jünger störten sich nicht an dem Widerspruch. Vielmehr verlegten sie sich darauf, naturwissenschaftliche Fakultäten zu stürmen und lautstark zu verlangen, die WEL solle in die Lehrpläne aufgenommen werden. Im Unterschied zu anderen Pseudowissenschaften wie der Rassenkunde und der Deutschen Physik gelangte die WEL aber nie zu einer akademischen Institutionalisierung.

Aber während die Universitäten sich gegen die WEL wehrten, rannte Hörbigers Gefolgschaft beim Reichsführer-SS offene Türen ein. Fauth, der Hörbiger-Jünger der ersten Stunde, erhielt 1938 eine eigene Abteilung für Astronomie im Deutschen Ahnenerbe, Himmlers halboffiziellem Forschungsinstitut für Menschenversuche und allerlei Pseudowissenschaften. Zusätzlich unterhielt das Ahnenerbe eine Abteilung für »Wetterkunde«, die mit meteorologischen Mitteln die Stichhaltigkeit der WEL beweisen sollte. Mit Beginn des Krieges schlief das Interesse an der WEL allerdings ein. Hörbigers kosmische Katastrophenvisionen ließen sich schließlich kaum militärisch verwerten.

Das heißt aber nicht, dass die WEL vollständig von der Bildfläche verschwand. Im Verlauf der dreißiger Jahre hatten verschiedene Welteisgläubige sich nämlich darauf verlegt, Hörbigers Gedankengut in Romanform zu verarbeiten. Schriftsteller wie der Geologe Batti Dohm (1897–1977) und der Möchtegern-Archäologe Edmund Kiss schrieben Welteisromane, die teils noch zu Kriegszeiten in Neuauflagen erschienen. Von der etablierten – auch regimetreuen – Literaturkritik wurden diese Werke teilweise eher naserümpfend angesehen. Anderen entlockte die WEL-Belletristik wahre Begeisterungsstürme:
»Edmund Kiß!« – Das war doch der Schriftsteller, der mir mit dem edlen Gehalt seiner Romane so unendlich viel gegeben hatte. Der damit die Einstellung vieler junger Menschen bestimmte und auch heute noch bei all jenen, die sich ihre Anständigkeit bewahrt haben, Saiten zum Klingen bringt! Ich konnte es kaum erwarten, bis die Reihe an mich kam, und ich zu ihm hinübergehen durfte. Zweifel packte mich, ob es sich nicht um eine zufällige Namensgleichheit handeln würde, oder dass ich mich verhört haben könnte. Doch es stimmte. Es war [...] Edmund Kiß, der SS-Obersturmbannführer, zeitweiliger Kommandant der Wachmannschaft des Führerhauptquartiers, der sich mit der Erforschung der Strandlinien von Tibesti in der Sahara und in den Hochkordilleren in Südamerika einen Namen gemacht hatte; Edmund Kiß, der Verfechter der Welteislehre des Wiener Gelehrten Hanns Hörbiger, der Sänger des untergegangenen Reiches Atlantis.
So die Erinnerungen eines Fans an eine Begegnung im Kriegsgefangenenlager 1946, die Joachim Körber hier zitiert.

(Und es geht weiter.)

Freitag, 2. Februar 2018

Der Vampirmythos: Definitionen und Eingrenzungen

Da ich mir gerade die erste Staffel von The Strain ansehe, hat mich die Lust gepackt, etwas über die Entwicklung der Vampirmythologie zu schreiben. Bekanntlich verfolgt Guillermo del Toro mit The Strain die Absicht, den Vampir der osteuropäischen Folklore zu rehabilitieren. Der ist zuallererst ein Monster, eine Pest aus dem Grab. Wird eine verstorbene Person zum Vampir, hat das schreckliche Folgen für die Hinterbliebenen aus der Familie und der Dorfgemeinschaft. Mit dem romantischen Vampir, wie wir ihn aus der Literatur von John William Polidori bis Anne Rice kennen, hat dieser ursprünglichere Vampir kaum etwas gemein.

Doch was ist ein Vampir? Während wir aufgrund der literarischen Tradition ein deutliches Bild vor Augen haben, wie ein Vampir aussieht und was er tut, ist es gar nicht so leicht zu sagen, wo eigentlich die Wurzeln des Vampirmythos liegen. Gelegentlich trifft man auf sehr weit ausufernde Vorstellungen von Vampirismus. So veröffentlichte der englische Geistliche Montague Summers 1928 sein Buch The Vampire: His Kith and Kin, in dem er angebliche Vampirsagen aus der ganzen Welt sammelte. Damit verfolgte Summers einen bestimmten Zweck: Er wollte seine Leser_innen von der tatsächlichen Existenz des Vampirismus überzeugen. Summers war ein Exzentriker, der u.a. die erste englische Übersetzung des Hexenhammers anfertigte und sich selbst als christlichen Monsterjäger, eine Art wahrgewordener Van Helsing, inszenierte. Da es weltweit Erzählungen über Vampire gebe, insinuierte Summers, müssen sie wohl tatsächlich existieren.

Von der Frage der Existenz einmal abgesehen, ist das Netz mit dieser Methode aber viel zu weit geworfen. Sicherlich wird man an ganz verschiedenen Orten und in ganz unterschiedlichen Kulturen Erzählgut über nächtliche Heimsuchungen durch Gespenster oder dämonische Wesen finden. Manchmal wird diesen Wesen auch zugeschrieben, dass sie Blut trinken, Menschenfleisch fressen oder ihren Opfern die Lebenskraft aussagen. Das allein konstituiert aber noch keinen Vampir. Der Verzehr von Blut oder Menschenfleisch (meist in rituellem Rahmen) wird auch Hexen oder den Angehörigen ketzerischer Gemeinschaften vorgeworfen, was diese aber nicht zu Vampir_innen macht.

Halten wir uns an das Wort des Vampirjägers Rybarenko in A. K. Tolstois Erzählung »Der Vampir«:
»Vampire«, erwiderte der Fremde kaltblütig. »Sie denken natürlich an allerlei romantische französische Geschichten, aber ich kann Sie versichern, daß wir es hier mit einer rein slawischen Erscheinung zu tun haben, wenn diese unheimlichen Wesen auch in ganz Europa, ja sogar in Asien zu finden sind. Das Wort selbst ist echt russisch und lautet ›Upyr‹. ›Vampir‹ haben erst die ungarischen Mönche daraus gemacht, die alles latinisieren mußten. Heute freilich macht man sich nur lächerlich, wenn man die richtige Form anwendet ...«
Vampire kommen nach der übereinstimmenden Auskunft der Klassiker des Genres, nicht nur A. K. Tolstois, sondern auch Lord Byrons, Sheridan le Fanus und Bram Stokers ursprünglich aus (Süd-)Osteuropa und Vorderasien, insbesondere aus Ungarn, Rumänien und den ehemaligen Gebieten des Osmanischen Reiches. Das ist der geographische Herkunftsort des historischen Vampirglaubens. Will man dem Vampirismus auf die Spur kommen, muss man ihn dort suchen.

Sieht man sich nun die entsprechenden Überlieferungen und Berichte aus diesem Raum an, ist das verbindende Merkmal folgendes: Der Vampir (in der Tat handelt es sich in den Berichten typischerweise um Männer) ist eine verstorbene Person, die aus dem Grab zurückkehrt, also ein Revenant oder Wiedergänger. Revenants sind weder tot noch lebendig, sondern etwas dazwischen, sie sind untot. Als untote Menschen unterscheiden sich Vampire von Dämon_innen, die von vornherein übernatürliche Wesen sind. Sie unterscheiden sich auch von Gespenstern, die ja wirklich tot sind, bzw. als die unruhigen Seelen Verstorbener gedacht werden.

Vampire sind Revenants, allerdings sind nicht alle Revenants Vampire. Tatsächlich kommen Sagen über Revenants (ähnlich wie die oben erwähnten dämonologischen und Hexensagen) in verschiedensten kulturellen Kontexten vor. Die skandinavische Mythologie kennt z.B. die draugar. Das sind Menschen, die durch außergewöhnliche Willenskraft erreichen, dass ihre Seelen nach dem Tod im Körper verbleiben. Das Motiv für diesen Willensakt ist meist Gier. Der typische draugr ist eine aufgedunsene lebende Leiche, die in ihrem Grabhügel haust und darin Schätze sammelt. Um sich zu ernähren, fallen draugar über Hirten und ihre Herden her, zerfetzen sie und verschlingen ihr Fleisch. Sie können endgültig getötet werden, indem man ihre Körper verbrennt oder zerstückelt. Wer allerdings auf Schatzsuche einen Grabhügel betritt, der von einem draugr bewohnt wird, sollte sich in Acht nehmen, denn der draugr fällt den Eindringling in rasender Wut an und erwürgt ihn. Gelegentlich wird auch berichtet, dass draugar unbedarfte Eindringlinge durch unheilvollen psychischen Einfluss in den Wahnsinn treiben.

Wer dabei an die barrow-wights in The Lord of the Rings und die wights in A Song of Ice and Fire denkt, liegt ganz richtig. Tolkien und Martin sind hier definitiv von der nordischen Mythologie beeinflusst (wenn auch bei Martin das Motiv der Schätze in Grabhügeln wegfällt). Tolkien kam wahrscheinlich auf die Bezeichnung, weil William Morris in seiner Übersetzung der Grettis saga das Wort draugr mit barrow wight wiedergab.

Zu den Revenants gehören auch die Zombies des Voodoo. Diese sind mittels Magie reanimierte Leichname. Der Zombie muss dem Hexenmeister, der ihn aus dem Grab gerufen hat, willenlos zu Diensten sein. Neben dem körperlichen Zombie gibt es auch eine körperlose Variante. Dabei bindet der Hexenmeister nicht den Körper, sondern den Geist eines verstorbenen Menschen an sich und bewahrt ihn etwa in einer Flasche auf. Beiden Phänomenen gemeinsam ist die Vorstellung, dass dem Zombie gewissermaßen die Hälfte seines Ichs fehlt: Der Zombie ist in einem Fall nur Körper ohne Geist, im anderen Fall nur Geist ohne Körper. Es ist dieser Zustand der Unvollständigkeit, die es dem Hexenmeister ermöglicht, den Zombie zu kontrollieren.

Aus dem Voodoo-Zombie hat sich der Zombie der gegenwärtigen Popkultur entwickelt. Der trat bekanntlich zum ersten Mal 1968 in George A. Romeros Night of the Living Dead auf und wird deshalb mit Fug und Recht Romero-Zombie genannt. Dabei ist die Verbindung zum Voodoo gar nicht mal so offensichtlich. Romero bezeichnete seine Kreaturen zunächst nicht als Zombies – erst im Drehbuch der Fortsetzung Dawn of the Dead fällt das Wort. Romero war von Richard Mathesons Vampirroman I Am Legend beeinflusst, in dem die Vampire keine einzelgängerischen Untoten sind, sondern sich in großen Gruppen bewegen. Man könnte also behaupten, dass der Romero-Zombie gar keine Weiterentwicklung des Voodoo-Zombies ist, sondern des Vampirs. Aber schon kurz nach dem Erscheinen von Night of the Living Dead begannen die Fans wie die Filmkritik, die darin vorkommenden Kreaturen Zombies zu nennen. Das hat auch seinen sachlichen Grund: Mit dem Voodoo-Zombie haben sie das Element der Willenlosigkeit gemein. Sie stehen zwar nicht unter dem Zwang eines Hexenmeisters, aber dafür unter dem ihrer unstillbaren Fressgier. Die zugrundeliegende Idee ist natürlich, dass die Romero-Zombies am untoten Leib verwesen, weshalb sie ihre kümmerliche Existenz nur durch die unablässige Zufuhr von Frischfleisch aufrecht erhalten können.

Wie Vampire gehören draugar und Zombies zur Familie der Revenants oder Untoten, der aus dem Grab zurückgekehrten Verstorbenen (und es gibt sicherlich noch viele weitere Arten von Revenants). Im nächsten Post will ich auf die Spezifica des Vampirs eingehen, die ihn von anderen Untoten unterscheiden.

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Gibt es die faschistische Fantasy? (Exkurs I)

 Teil 1 · Teil 2 · Teil 3 · Teil 4 · Zwischenstand

Bevor ich in Zukunft näher auf einzelne Werke und ihre Autor_innen eingehe, möchte ich noch einmal in übersichtlicher Weise die wichtigsten Institutionen und Akteure der NS-Literaturpolitik referieren.

Die Nazis nahmen zum einen eine Art Elitenaustausch vor. Das lässt sich an der Gleichschaltung der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste illustrieren. Zahlreiche Schriftsteller_innen von Weltrang, darunter Alfred Döblin, die Brüder Mann und Franz Werfel, wurden zum Austritt genötigt und ins Exil gezwungen. Ihre Werke gingen bei den berüchtigten Bücherverbrennungen im Frühjahr 1933 in Flammen auf. Die Sektion Dichtkunst wurde in Deutsche Akademie der Dichtung umbenannt. Die freigewordenen Plätze wurden mit Schriftsteller_innen besetzt aus dem völkischen Milieu besetzt, die sich zumeist am Ziel ihrer Träume sahen: Waren sie zuvor eher milieubedingt rezipiert wurden, durften sie sich in ihrer Eitelkeit nun einbilden, wohlverdiente Plätze auf dem Parnass der deutschen Literatur eingenommen zu haben. Natürlich revanchierten sie sich umgehend bei der NS-Führung, und zwar durch einen Akt der Schleimerei. Ein »Gelöbnis treuester Gefolgschaft« wurde abgefasst und von 88 Schriftsteller_innen unterschrieben. Daneben versuchten die Nazis, bedeutende Literat_innen durch Ehrungen und prestigeträchtige Ämter für sich zu gewinnen. Ein Gottfried Benn etwa ließ sich darauf bereitwillig ein. Gerhart Hauptmann wahrte dagegen eher Distanz.

Das Ziel der NS-Literaturpolitik lag in einer möglichst umfassenden Kontrolle sämtlicher Aspekte des Literaturbetriebs durch Staat und Partei. Dem Reichspropagandaministerium unter Joseph Goebbels unterstand die Reichskulturkammer, der eine Einzelkammer für Literatur angegliedert war. Dieser Reichsschrifttumskammer mussten sämtliche Personen angehören, die in irgendeiner Weise mit dem Schreiben, der Herstellung und dem Vertrieb von Büchern befasst waren. Eine Nichtmitgliedschaft in der Reichsschrifttumskammer kam einem Berufsverbot gleich. Auch darüber hinaus gab es umfassende Zensurmöglichkeiten. Das Reichspropagandaministerium unterhielt eine »Liste des unerwünschten und schädlichen Schrifttums«, die für die Öffentlichkeit nicht einsehbar war. Verboten werden konnten Einzelwerke ebenso wie das Gesamtwerk von unerwünschten Autor_innen. Ebenfalls eingeschränkt werden konnten Übersetzungen und der internationale Vertrieb von Büchern.

Neben dem Reichspropagandaministerium konnte auch die SS unter Heinrich Himmler Bücher verbieten lassen. Das war in der Präambel von Goebbels’ Zensurliste ausdrücklich festgelegt. Diese zusätzlichen Bücherverbote wurden vom SS-Reichssicherheitshauptamt ausgesprochen, dem der SD (als Geheimdienst) und die Gestapo (als politische Polizei) unterstanden.

Der erbitterte Konkurrent des Reichspropagandaministeriums war, wie verschiedentlich erwähnt, Alfred Rosenberg als »Beauftragter des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Erziehung der NSDAP«. Rosenbergs Amt war allerdings keine staatliche Behörde, sondern eine Dienststelle der Partei. Bücher verbieten konnte sie deshalb nicht. Rosenberg war es ein Dorn im Auge, das Goebbels relativ großzügig verfuhr, wenn Schriftsteller_innen sich nicht regimekritisch äußerten und sich in den Apparat seines Ministeriums einspannen ließen.* Er war der fixen Überzeugung, dass literarisches Können ›rassisch‹ bedingt sei. Diejenigen Autor_innen, die 1933 eine plötzliche Kehrtwende vollzogen oder sich in der Folge dem NS-Literaturbetrieb anpassten, konnten in Rosenbergs Augen nur Wölfe im Schafspelz sein, die dem deutschen Faschismus bei der erstbesten Gelegenheit in den Rücken fallen würden. Die BFÜ-Dienststelle unterhielt deshalb ein Amt für »Schrifttumspflege« unter der Leitung von Hans Hagemeyer. Dieses ordnete sämtliche Neuerscheinungen penibel danach, ob sie von der Partei zu fördern seien oder nicht. Außerdem gab sie die Zeitschrift Bücherkunde heraus, mit der die Lesegewohnheiten von Partei und Bevölkerung beeinflusst werden sollten.

Die Kompetenzen der BFÜ-Dienststelle überschnitten sich mit denen der Parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutze des nationalsozialistischen Schrifttums (PPK), die vom Chef der Führerkanzlei der NSDAP, Philipp Bouhler, geleitet wurde. Die PPK sollte sicherstellen, dass Autor_innen sich nicht ohne Genehmigung als offizielle Stimmen der NSDAP gerierten (etwas, das viele offenbar nur allzu gern taten). Dahinter steht die Tatsache, dass die NSDAP selbst ein einflussreicher ökonomischer Player im Bereich Literatur und Publizistik war. Sie unterhielt mit dem Eher Verlag einen parteieigenen Verlag mit angeschlossener Buchhandlung, der sich mit der Zeit zu einem gigantischen Medienunternehmen entwickelte. Als Verlagschef fungierte Max Amann, der Reichspresseleiter der NSDAP. Erfolgreichste Veröffentlichung bei Eher war natürlich Mein Kampf. Amann und Hitler verdienten sich mit Hilfe ihres hauseigenen Medienkartells dumm und dämlich. Der PPK kam insofern die Aufgabe zu, unerwünschte Konkurrenz auf dem Bücher- und Pressemarkt auszuschalten. Da das Amt Rosenberg für die inhaltliche Überwachung der nationalsozialistischen Literatur zuständig war, kam es immer wieder zu Rangeleien zwischen Bouhler und Rosenberg.

Es gab also nicht weniger als vier verschiedene Machtzentren im NS-Staat, die sich der Kontrolle des Literaturbetriebs verschrieben hatten: das Reichspropagandaministerium bzw. die Reichsschrifttumskammer unter Gobbels, die SS unter Himmler, Rosenbergs BFÜ-Dienststelle und die PPK unter Bouhler. Das ist typisch für die polykratische Struktur des Dritten Reiches, in der Behörden und Institutionen mit unklar begrenzten Zuständigkeiten miteinander konkurrierten und insofern von der persönlichen Gunst Hitlers abhängig waren.

Nun sind noch einige Worte darüber zu verlieren, wie die von der NS-Führung gewünschte und geförderte Literatur eigentlich aussah. Schriftsteller_innen, die das Wohlwollen von Staat und Partei genossen, wurden regelmäßig mit Pöstchen im Kulturbetrieb, Preisen und Ehrungen belohnt. Die Romane und Erzählungen, die sie schrieben, gehörten zumeist spezifischen Genres an: historische Romane, Familienromane, Kolonialromane, Kriegsromane und Bauernromane. Die Crux ist, dass diese Werke meist einer irrationalistischen Blut-und-Boden-Metaphysik verhaftet sind, von ihren Schöpfer_innen und der offiziellen Literaturpolitik aber als durch und durch realistisch angesehen wurden. Das ist nur konsequent. Wenn alles, was Menschen tun und lassen, ›rassisch‹ bedingt ist, dann gehen auch fiktionale Weltdarstellungen unmittelbar aus der Biologie ihrer Autor_innen hervor und können gar nicht anders als Abbildungen der Realität sein. Dass diese Realität eine wahnhafte ist, lässt sich aus der Binnenperspektive selbstverständlich nicht erkennen.

Phantastische Literatur konterkariert diese verquere Realismusauffassung. Ihre Autor_innen waren deshalb im Dritten Reich nicht eben wohlgelitten. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt gemeinhin als Hochzeit phantastischer Literatur in deutscher Sprache. Dafür stehen Namen wie Gustav Meyrink, Alfred Kubin oder Leo Perutz. Eine ganze Reihe von Vertreter_innen dieser Phantastik sympathisierte offen mit dem Nationalsozialimus: Hanns Heinz Ewers war Parteimitglied und schrieb Propagandaromane. Karl Hans Strobl war ebenfalls Parteigenosse. Franz Spunda gehörte dem NS-Lehrerbund an. Willy Seidel unterzeichnete das »Gelöbnis treuester Gefolgschaft«.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die NSDAP das Liebäugeln der Phantast_innen mit dem Faschismus keineswegs mit Gegenliebe beantwortete. Ihre Romane wurden von der Regimepresse oft als triebhaft, dekadent und sensationsgierig geschmäht. Unmittelbar nach der Machtübernahme stellte ein Berliner Bibliothekar in vorauseilendem Gehorsam eine schwarze Liste von Büchern zusammen, die dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund übergeben werden sollte, gleichsam zur Koordination der Bücherverbrennungen.** Bereits diese Liste enthält Verbotsforderungen gegen Alexander Moritz Frey, Gustav Meyrink, Hanns Heinz Ewers und Alexander Lernet-Holenia.

Nicht unamüsant ist der Fall Ewers. Fasziniert von Rausch und Erotik, sa er als literarische Vorbilder Hoffmann, Heine und Wilde an. Seine Weltanschauung bildete eine krude Mischung aus Philosemitismus und Deutschlandmystik. 1931 trat er in einem unverhohlen opportunistischen Akt der NSDAP bei und schrieb darauf die Propagandaromane Reiter in deutscher Nacht und Horst Wessel. Seine (ziemlich illusionäre) Hoffnung war, die Partei werde ihn im Fall der Machtübernahme zum hochrangigen Kulturfunktionär machen. 1934 dämmerte den Tugendwächtern des neuen Systems dann, was für einen zweifelhaften Propagandisten sie ihrem spießbürgerlichen Publikum zugemutet hatten. Ewers’ Bücher, mit Ausnahme der beiden Propagandaromane, wurden aus dem Verkehr gezogen; der Autor mit einem generellen Publikationsverbot belegt.

Letztlich gab es nur einen namhaften Vertreter der deutschsprachigen Phantastik, der vom Regime wirklich gefördert wurde. Der Österreicher Karl Hans Strobl war schon vor dem »Anschluss« ein begeisterter Nazi. Belohnt wurde er damit, dass er die Wiener Landesleitung der Reichschrifttumskammer übernehmen durfte. Ich vermute allerdings, dass die Förderung nichts mit der Phantastik zu tun hatte: Strobl war auch als Verfasser von typisch völkischen Kriegs- und Studentenromanen bekannt.

Die abschließende Frage ist, welches der verschiedenen Machtzentren der NS-Literaturpolitik einer faschistischen Mythopoeia am ehesten günstig war. Ich habe bereits gezeigt, dass Rosenberg mit seinem Mythus des 20. Jahrhunderts dafür kaum in Frage kommt. (In der Tat sah Rosenberg sich als Hüter des Realismus in der deutschen Literatur an. Wo er sich im Mythus konkret mit der Frage beschäftigt, welche Autoren eine Vorbildfunktion für die NS-Literatur haben könnten, nennt er folgerichtig Keller, Raabe und Meyer.) Mein nächster Post in dieser Reihe wird zeigen, dass eine eigenständige faschistische Mythopoeia sich am stärksten im Umfeld der SS entwickeln konnte.

* Das zeugt natürlich nicht von einer humanen Gesinnung, sondern davon, dass Goebbels den propagandistischen Wert von Schriftsteller_innen erkannte, die keine überzeugten Nazis waren. Goebbels war klar, dass es zu einer vollständigen kulturellen Einkapselung gekommen wäre, wenn ausschließlich die Überzeugten für andere Überzeugte geschrieben hätten. Genau das war aber Rosenbergs Ziel.
** Diese Liste kam allerdings nicht zum Einsatz. Die faschistischen Nachwuchsakademiker wussten auch so, welche Bücher sie abfackeln wollten. Als offizielles Zensurinstrument wurde dann die oben erwähnte Liste des Reichspropagandaministeriums geschaffen.

Donnerstag, 28. September 2017

Lest alte Fantasy: The Castle of Iron

Heute gibt es einen Post, der den Titel dieser Reihe konterkariert: The Castle of Iron von Fletcher Pratt und L. Sprague de Camp ist ein Buch, das ich eigentlich lieber nicht lesen möchte, bzw. einmal angefangen ungefähr nach der Hälfte abgebrochen habe. Da es aber einen Ruf als Klassiker hat, lohnt es sich meines Erachtens doch, einige Worte darüber zu verlieren.

The Castle of Iron ist der zweite Band von Pratts und Sprague de Camps Harold-Shea-Zyklus. Der erste Band, The Incompleat Enchanter, besteht aus zwei Erzählungen, die 1940 zunächst im Fantasy-Magazin Unknown erschienen, bevor sie im Jahr darauf als Buch gedruckt wurden. Im gleichen Jahr, 1941, erschien auch The Castle of Iron in Novellenlänge in Unknown. Für die Buchausgabe (erstmals 1950) erweiterten die beiden Autoren ihre Geschichte zum Roman. Mit Wall of Serpents erschien 1960 ein dritter Band über Harold Shea, der wiederum aus zwei Erzählungen besteht.

Das Konzept der Harold-Shea-Geschichten ist schnell erklärt. Shea ist ein hemdsärmeliger Psychologe aus den USA, der mit Hilfe »symbolischer Logik« ein »Syllogismobil« heraufbeschwören kann, das als eine Art Portal in sämtliche mythologischen und fiktionalen Welten fungiert. (Man kennt diese Vorstellung aus anderen Werken der US-amerikanischen Fantasy, u.a. von John Myers Myers und Robert A. Heinlein.) Mit seinen Kollegen Reed Chalmers, Walter Bayard und Vaclav Polacek erlebt Shea in diesen Welten alle möglichen und unmöglichen Abenteuer. Der erste Band spielt in der Welt der Eddas und der Faerie Queene, der zweite in der des Orlando Furioso (mit einem kurzen Abstecher nach Xanadu), der dritte in der irischen Mythologie und der Kalevala. Die Nomenklatur finde ich übrigens ziemlich unglücklich: Mir ist nicht klar, was das Ganze mit symbolischer Logik und mit Syllogismen zu tun haben soll.

Die Harold-Shea-Geschichten sind das Produkt einer spezifischen Entwicklung in der US-amerikanischen Fantasy. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hatte es auf der einen Seite Pulp-Übermenschen wie Tarzan, John Carter oder Conan den Cimmerier gegeben, auf der anderen Seite Geschichten à la Lovecraft, die von »mystical rhapsodies, crabbed lore, and deep dark dreads« (David Pringle) handeln. In den dreißiger und vor allem den vierziger Jahren verloren diese Geschichten (auch wenn sie nicht verschwanden) etwas von ihrem Appeal. Ich vermute, das Problem lag darin, dass die Pulp-Heroen quasi jedes Problem mit roher Kraft lösen konnten, während auf der anderen Seite die Lovecraftschen Protagonisten Abenteuer erlebten, die »never stories of triumph, [but] merely of surviving the confrontation« waren, wie Raymond E. Feist es einmal ausdrückte. Das kann man in der Tat als einen Mangel sehen. Vor dem Hintergrund der Great Depression und des Zweiten Weltkriegs kam ein Bedürfnis nach Heldinnen und Helden auf, die dem Übernatürlichen als Allerweltstypen entgegentreten und dank ihres sturen Rationalismus schnell merken, dass Magie auch nur eine etwas verquere Art von Ingenieurswissen ist. Dank dieser Erkenntnis sind kaugummikauende all-American boys dann auch schnell in der Lage, die Geschöpfe der Magie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. In der Tat gründete John W. Campbell sein Fantasy-Magazin Unknown (1939–43), um exakt diese Ideologie zu verbreiten.

Geschichten dieses Typs weisen in der Regel eine Schlagseite zum Klamauk auf. The Castle of Iron wird deshalb bis heute als ein Meisterwerk humoriger Fantasy gepriesen. Ich würde allerdings das genaue Gegenteil behaupten: Etwa zur gleichen Zeit mit der Harold-Shea-Reihe entstanden Werke wie die Geschichten James Thurbers oder Tolkiens Farmer Giles, die bis heute nichts von ihrem Witz verloren haben – weil sie auf einer ernsthaften Grundlage ruhen. Eine solche geht The Castle of Iron völlig ab. Das Buch liest sich wie eine Aneinanderreihung bierseliger Einen-hab-ich-noch-Schenkelklopfer, bei denen man höchstens vor Ungläubigkeit lacht.

Das heißt, wenn es nicht völlig in die Geschmacklosigkeit abdriftet. Ludovico Ariostos Orlando Furioso oder Rasender Roland (1516) ist bekanntlich eine Version der matière de France, d.h. es geht um den Kampf Kaiser Karls und seiner Paladine gegen spanische Muslime. So wird man in The Castle of Iron gleich zu Beginn informiert, dass Muslime Menschen mit »eigenartigen moralischen Maßstäben« und einer Vorliebe für Sodomie sind, und wenig später erklärt Shea auch, warum: »Nach allen bekannten Korrelationen müßten in einer vollkommenen Moslemgesellschaft, in der alle ehrenwerten Frauen eingeschlossen werden, abnormales Sexualverhaltensweisen die Regel sein.«* Besonders dümmlich wird es immer dann, wenn es um Sheas Kollegen Vaclav Polacek geht. Der ist Tscheche, trägt den Spitznamen »Votsy« und tätigt Ausrufe wie »Bei Sankt Wenzel!«. Teil der Handlung ist er nur deshalb, damit er sich in jeder Situation wie ein vollkommener Idiot verhalten kann. Seine Kollegen nennen ihn »the Rubber Czech« – ein Wortspiel mit einem rubber cheque oder geplatztem Scheck, das in der deutschen Übersetzung gnädigerweise verloren geht.

Kurz gesagt: In meinen Augen wäre es für ein Buch wie dieses ein Glücksfall, vergessen zu werden. Schon allein deshalb, weil es schade wäre, wenn das Gesamtwerk Fletcher Pratts hinter diesem schlechten Witz verschwinden würde.

* Ich zitiere die deutsche Übersetzung von Bernd W. Holzrichter. Das Original liegt mir derzeit leider nicht vor.

Montag, 25. September 2017

Gibt es die faschistische Fantasy? (Zwischenstand)

Teil 1 · Teil 2 · Teil 3 · Teil 4

Es ist Zeit für eine kurze Rekapitulation. Die Frage ist immer noch, wie faschistische Fantasy aussehen und woher sie kommen könnte. Dabei habe ich die Bezeichnung Fantasy aus Gründen der Griffigkeit gewählt. Angemessener wäre es, von mythopoetischer Literatur zu sprechen.* Bisher habe ich mich vor allem mit den nationalsozialistischen Neo-Mythen sowie der völkischen und nazistischen Rezeption der germanischen Mythologie befasst. Das wird auch noch weitere Auseinandersetzung erfordern. Ich möchte aber von jetzt an den Argumentationsgang gelegentlich unterbrechen, um ich einzelnen Autor_innen und Werken zuzuwenden.

Bisher kamen folgende literarischen Strömungen, Traditionen und Einflüsse vor:

1. Märchen

Nur beiläufig erwähnt habe ich, dass in der Weimarer Republik eine äußerst lebendige Märchenszene existierte. Im Dritten Reich kam die Märchenproduktion fast zum Erliegen. Ihre Nachfolge wurde von einer »ideologischen Rezeption des Volksmärchens« angetreten, die in ihm »Zeugnisse nordischer Weltanschauung« entdecken wollte.** Einzelne nationalsozialistische Autoren, die dennoch eigene Märchen schrieben, waren Hans Friedrich Blunck, Hermann Stehr und Will Vesper. Diesen spezifisch völkischen Märchen wird noch Aufmerksamkeit zu schenken sein.

2. Heftromane

Im Dritten Reich gab es abenteuerlich-phantastische Heftromanserien. Als Beispiel habe ich Sun Koh, der Erbe von Atlantis von Paul Alfred Müller alias Lok Myler genannt. Es hat sich gezeigt, dass die angebliche Herkunft der arischen ›Rasse‹ aus Atlantis fast so etwas wie ein Glaubensartikel im Nationalsozialismus war. Zudem war Müller/Myler nur allzu gern bereit, seine Serie entsprechend der ideologischen Vorgaben des Regimes zu gestalten. Dennoch war die angeblich jugendschädigende Wirkung von Heftromanen fester Bestandteil der NS-Propaganda.

3. Die Welteislehre

Die Welteislehre (WEL) oder Glazialkosmogonie ist eine pseudowissenschaftliche Doktrin, die von dem österreichischen Ingenieur Hanns Hörbiger entwickelt wurde. Sie behauptet, das Universum sei aus Eis als Urstoff entstanden. Führende Repräsentanten des NS-Regimes, insbesondere Heinrich Himmler, förderten die Welteislehre nach Kräften. Auf Grundlage der WEL entstanden im Dritten Reich verschiedene phantastische Romane. Diese konnten sich als Wissenschaft im unterhaltsamen Gewand darstellen und wurden offenbar auch so rezipiert. Einen zentralen Autor aus der WEL-Bewegung habe ich bereits genannt: Edmund Kiss. Auf ihn und sein Werk möchte ich noch detaillierter eingehen.

(Es geht weiter.)

* In den 1930er Jahren entwickelten J. R. R. Tolkien und C. S. Lewis den Begriff Mythopoeia für die Art von Literatur, die heute Fantasy genannt wird.
** Mathias Meyer/Jens Tismar, Kunstmärchen (Sammlung Metzler 155), Stuttgart/Weimar ³1997, 150.

Freitag, 8. September 2017

Modern Fairy Tales: John Ruskin

Einen Moment Aufmerksamkeit bitte für meine Reihe über das Oxford Book of Modern Fairy Tales. Im letzten Eintrag ging es um Nathaniel Hawthorne. Nun einige Worte über The King of the Golden River or The Black Brothers von John Ruskin.

Ruskin schrieb dieses Märchen 1841 für die damals zwölfjährige Effie Gray, die Ruskin später heiratete. In Buchform veröffentlicht wurde es erst 1851. The King of the Golden River stellt mich an dieser Stelle vor ein Problem: Es wäre viel (sehr viel) darüber zu sagen, was hier nicht möglich ist, ohne den Rahmen zu sprengen. Ich beschränke ich deshalb, anders als in den vorhergehenden Einträgen, auf ein paar allgemeine Hinweise und gebe keinen Interpretationsversuch von Ruskins Text. Zu John Ruskins Leben und Werk, sozialgeschichtlich eingebettet, empfehle ich den zweiten Teil der auf Skalpell und Katzenklaue erschienenen Artikelreihe über den romantischen Antikapitalismus.

Mein Vorgehen rechtfertige ich zudem damit, dass The King of the Golden River eines der Werke ist, das man am besten zunächst einfach liest, wenn man es in die Geschichte des modernen Kunstmärchens und der Fantasy einordnen möchte. Die Bezüge springen ins Auge, deshalb gebe ich nur einige thesenhafte Hinweise:
  1. The King of the Golden River ist, viel mehr als die meisten anderen Kunstmärchen, vom Vorbild der Brüder Grimm geprägt. Es lässt sich als Versuch lesen, dem Ton des folk-haften, den die Grimmschen Märchen in die Literatur eingebracht haben, so nahe wie möglich zu kommen.
  2. Ruskin selbst verfasste später ein Vorwort zu einer englischen Ausgabe der Grimmschen Märchen, in dem er eine distanzierte Haltung zum Kunstmärchen einnimmt, das nie wirklich an das ›echte‹ Märchen herankommen könne. Indem er selbst zunächst ein Kunstmärchen verfasste, konterkarierte Ruskin also seine eigene Haltung.
  3. Mit vielen heutigen Märchenforscher_innen gehe ich davon aus, dass die strikte Unterscheidung zwischen Volks- und Kunstmärchen nicht aufrecht erhalten werden kann. Es gibt immer eine Überlieferung auf der einen Seite, den Beitrag kreativer Individuen (ob man sie namentlich kennt oder nicht) auf der anderen Seite.
  4. Ruskin war aber einer richtigen Sache auf der Spur. Kunstmärchen wirken schnell gekünstelt, wenn sie sich ignorant gegenüber der Folklore verhalten. Das Kunstmärchen wie die Fantasy leben davon, dass sie ihre Schlösser aus echten Steinen bauen, wie Daniel Kehlmann es einmal auf den Punkt brachte.
  5. Von besonderem Interesse für die nachfolgende Geschichte der Fantasy ist, dass in The King of the Golden River mit South West Wind, Esquire eine Gestalt auftaucht, die bereits (gerade in ihren Umgangsformen) an die exzentrischen Mentorenfiguren Tolkiens wie Gandalf und Bombadil erinnert – übernatürliche Helfer, die stets Rat wissen, aber auch ihre eigenen verborgenen Pläne wirken.
Und eine persönliche Anmerkung zum Schluss: Zwerge! In The King of the Golden River tritt ein Zwerg auf. Ich bin ein kleiner Zwergenfan.

Hier findet man The King of the Golden River im Project Gutenberg. Nächstes Mal geht es weiter mit Frances Browne.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.