Dienstag, 30. Juni 2020

One-Armed Against Nine Killers (1976)

Alternativtitel: One-Armed Swordsman vs. Nine Killers · (Rassistischer) deutscher Titel: Der Foltergarten der gelben Schlange · Regie: Hsu Tseng-hung · Drehbuch: Yao Ching-kang · Musik: Huang Mao-shan · Kamera: Chiang Hong-hin, Li Shih-chieh · Schnitt: Kwok Ting-hung.

Wenn das Einarmigen-Subgenre des Wuxia-Films in Form von The One-Armed Swordsmen mit einem Knall zu Ende ging, dann spielt sich der gleiche Vorgang in One-Armed Against Nine Killers mit einem Wimmern ab. Beide Filme erschienen im gleichen Jahr, in beiden spielt (natürlich) Jimmy Wang Yu mit. Bei beiden Filmen war Wang nicht nur als Hauptdarsteller in den kreativen Prozess involviert. Aber während Swordsmen spannend und verrückt ist, ist Nine Killers ein durchsichtiger Versuch, noch ein paar Peseten mehr aus dem Einarmigen-Motiv herauszuschinden.

Der Film trägt seine gesamte Handlung im Titel: Der einarmige Liu (Jimmy Wang Yu) latscht durch die Gegend und eliminiert der Reihe nach die neun Mörder, die seine Familie umgebracht haben.

Sehr unangenehm ist, dass die meisten Kontrahent_innen Lius in irgendeiner Weise effeminiert oder abjekt dargestellt werden, was der Film mit der robusten Männlichkeit seines Protagonisten kontrastiert. Eine unfreiwillig komische Ausnahme bildet der Typ, der mit einem zwei Meter langen Riesenschwert auf Liu losgeht. Dazu fällt mir allerdings auch nur ein: Manchmal ist ein Phallussymbol eben nur ein Phallussymbol.

Wang agiert den ganzen Film hindurch bemerkenswert lustlos. Lediglich in der klimaktischen Kampfszene kommt er etwas in Fahrt. Das wiederum bringt nicht viel, denn die Kampfszenen des Films sind (in der englisch synchronisierten Fassung jedenfalls) zu großen Teilen der Zensur zum Opfer gefallen. Gekürzt wurden sie auf eine so dilettantische Weise, wie ich es selten gesehen habe.

Was soll ich sagen? Es ist schade um das Zelluloid, das für diesen Film verschwendet wurde.

Dienstag, 19. Mai 2020

Heroes Among Heroes (1993)

Alternativtitel: Fist of the Red Dragon · Regie: Yuen Woo-ping · Drehbuch: Lau Tai-muk u.a. · Musik: William Wu · Kamera: Ma Koon-wa, Stephen Poon · Schnitt: Kwok Ting-hung.

Wong Feihung (1847–1925) war ein legendärer kantonesischer Kampfkünstler. In den Geschichten, die über ihn erzählt werden, sind Sage und Historie untrennbar vermischt. Belegt ist aber dies: Schon sein Vater, Wong Keiying, war ein berühmter Kämpfer, der zu den Zehn Tigern von Kanton gehörte. Wong junior begleitete schon im Kindesalter seinen Vater, wenn dieser auf den Straßen und Plätzen seine Kampfkunst zur Schau stellte.

Als Erwachsener eröffnete Wong eine Klinik für traditionelle chinesische Medizin in einem Örtchen, das heute zur Stadt Guangzhou gehört. Zugleich unterrichtete er seine Kampfkunst. 1924 brannte Wongs Klinik nieder, als es zu Kämpfen zwischen der Händlervereinigung von Guangzhou und Guomindang-Truppen kam. Wong erholte sich nicht von diesem Schlag und starb im Jahr darauf.

Umfangreicher als diese dürren Fakten sind die zahlreichen Sagen, die sich um Wongs Person ranken. So soll er der Guerilla der Schwarzen Flaggen angehört haben, die in Vietnam gegen die französischen Eroberungszüge kämpfte. Eine der beliebtesten Geschichten über Wong erzählt, dass er von Bettler So, einem Freund seines Vaters, einen legendären Kampfstil gelernt haben soll.

So Chan, genannt Bettler So, war wie Wong senior einer der Zehn Tiger von Kanton.* Er war ein Meister des trunkenen Faustkampfs (in Kung-Fu-Filmen meist Drunken Style genannt). In diesem Stil werden die Bewegungen Betrunkener imitiert und für den Kampf genutzt. Die Sage machte daraus, dass die Praktizierenden des trunkenen Faustkampfs unablässig Wein trinken müssen, da sie im nüchternen Zustand kampfunfähig seien. Es heißt, Bettler So habe Wong Feihung im trunkenen Faustkampf unterrichtet.

Yuen Woo-pings Filmographie ist eine Art Kompendium der Sagen und Legenden, die sich um die chinesischen Kampfkünste angesammelt haben. Die Figur des Bettler So fasziniert Yuen ganz besonders. Schon sein zweiter Film Sie nannten ihn Knochenbrecher (1978) widmete sich der Begegnung zwischen So und Wong.

Ganz wie Yuens weitere Frühwerke war Sie nannten ihn Knochenbrecher eine vom klassischen Slapstick-Humor beeinflusste Kung-Fu-Komödie. Darin ist Wong (Jackie Chan) ein jugendlicher Draufgänger, der von So (Simon Yuen, der Vater des Regisseurs) auf reichlich brutale Art diszipliniert wird.**

Fünfzehn Jahre später widmete sich Yuen in Heroes Among Heroes noch einmal dem gleichen Stoff, aber auf ganz andere Weise. Hier ist Meister Wong (Wang Jue) ein erwachsener Mann und So (Donnie Yen) ein Jugendlicher. Außerdem flicht Yuen die Handlung in einen historischen Hintergrund ein, nämlich die Ereignisse, die zum Ersten Opiumkrieg (1839–42) führten. Dabei schert Yuen sich nicht groß um die Chronologie, denn zu dieser Zeit war der historische Wong ja noch gar nicht geboren.

Die Handlung von Heroes Among Heroes setzt mit einer weiteren historischen Person ein: dem Beamten Lin Zexu (Pau Fong), der vom Daoguang-Kaiser beauftragt wird, gegen den illegalen Opiumhandel vorzugehen. Im 19. Jahrhundert verkaufte die British East India Company massenhaft Opium nach China. Dadurch flossen beträchtliche Mengen chinesisches Kapital in die Taschen der Company.

Im Film begibt sich Lin nach Guangzhou. Er bittet seinen Freund Wong, ihm im Kampf gegen das Opium beizustehen. Fortan unternehmen Wongs Schüler an der Seite von Lins Soldaten Razzien in Opiumhöhlen und durchsuchen westliche Handelsschiffe.

Es gibt aber einen, der mit ganz anderen Plänen in der Stadt eintrifft: Prinz Barac (Hung Yan-yan), der Bruder des Kaisers, will den Opiumhandel legalisieren und staatlich monopolisieren. Er verbündet sich ebenfalls mit einem Kampfkunst-Klan, dem Feuerlotus,*** um Lins Politik zu durchkreuzen.

So Chan als Protagonist ist ein junger Mann aus vermögender Familie. Er wächst bei seinem Vater (Ng Man-tat) und seiner Tante (Sheila Chan) auf. Heimlich gehört So der Bettlersekte an, deren Meister (Kwan Hoi-san) ein Ersatzvater für ihn ist.

Die Bettlersekte hält sich aus den Auseinandersetzungen ums Opium heraus, ist aber mit dem Feuerlotus verfeindet. Als So eine Schlägerei mit dem Feuerlotus provoziert, kommt es versehentlich zu einer Explosion. Zahlreiche Unbeteiligte werden verletzt, die Meister Wong in seiner Klinik behandeln lässt. Zornig fordert Wong von So, er möge die Verletzten um Entschuldigung bitten. So, der Inbegriff des hochmütigen jungen Kämpfers, verweigert das.

Mehr Erfolg bei So hat Prinzessin Yiteh (Fennie Yuen), einer Nichte Prinz Baracs. Die Prinzessin wuchs in Großbritannien auf. Seitdem trägt sie westliche Männerkleidung, gibt eine Zeitung heraus, engagiert sich gegen den Opiumhandel und für Frauenbildung.

Prinz Barac will verhindern, dass So sich dem Anti-Opium-Lager anschließt. Er wanzt sich an den Jungen heran und packt ihn bei seiner Eitelkeit: Nur Schwächlinge seien gegen Opium. Charakterstarke Menschen könnten dagegen so viel rauchen, wie sie wollen, ohne süchtig zu werden. Und So lässt sich verlocken und verfällt dem Opium ...

Yuen stellt So Chan in diesem Film als übermäßig selbstsicheren »jungen Meister« dar, der sich erst einmal seiner Grenzen bewusst werden muss, bevor er zum wahrhaft rechtschaffenen Helden wird. Meister Wong und der Meister der Bettlersekte treten dabei als seine Mentoren auf.

Ich mag Yuen Woo-pings Filme aus der ersten Hälfte der neunziger Jahre (wie Tai Chi Master ‒ samt der losen Fortsetzung Tai Chi Boxer ‒ und Iron Monkey) sehr. Das trifft grundsätzlich auch auf Heroes Among Heroes zu. Allerdings hat dieser Film ein ziemliches Problem: Auch nachdem er sich Mitte der achtziger Jahre vom Genre der Kung-Fu-Komödie verabschiedete, baute Yuen gern komödiantische Elemente in seine Filme ein. Das ist mal mehr, mal weniger gelungen, in diesem Fall allerdings völlig misslungen.

Es sind Sos Vater und Tante, die als comic relief dienen sollen, aber mit jedem einzelnen Auftritt einfach nur an den Nerven kratzen. Leider sind sie auch kein bisschen in die restliche Handlung integriert, was die Irritation noch erhöht. Angesichts eines sonst sehenswerten Films ist das sehr schade.

Auf ganz andere Weise für Irritation mag ein Wendepunkt im Plot sorgen, den zu verraten sicherlich kein arger Spoiler ist: Natürlich schafft So es im Laufe des Films, seine Opiumsucht wieder los zu werden. Dies geschieht mit Hilfe des Meisters der Bettlersekte. Die eine oder der andere wird es reichlich problematisch finden, auf welche Weise der Meister seinen Zögling kuriert ‒ nämlich indem er ihm das Saufen beibringt.

Das wirkt auf den ersten Blick so, als würde eine Sucht durch die andere ersetzt. Im realen Leben wäre es natürlich auch so. Der Film übernimmt aber einfach nur die typische Darstellung von Alkoholkonsum, wie sie in der Wuxia-Mythologie üblich ist. Die sieht kurz gesagt so aus, dass es als heroisch gilt, möglichst große Mengen alkoholischer Getränke in sich hineinschütten zu können, ohne dadurch allzu betrunken zu werden. Wer viel verträgt, ist auch ein guter Kämpfer oder eine gute Kämpferin. Konsequenterweise kommen in Wuxia-Romanen und -Filmen (wie auch in Kung-Fu-Filmen) regelmäßig Figuren vor, die erst im Suff zur Höchstform auflaufen.

Im tatsächlichen Verlauf der Geschichte ging es für den Anti-Opium-Beauftragten Lin Zexu übrigens nicht gut aus. Großbritannien entfesselte den Ersten Opiumkrieg, der mit einer bitteren Niederlage für China endete. Das Reich der Mitte wurde gezwungen, fünf Handelshäfen an das Empire abzutreten. Das Geschäft mit dem Opium ging unvermindert weiter. Der Daoguang-Kaiser machte Lin zum Sündenbock und gab ihm die Schuld an dem Fiasko. Sein harter Kurs gegen den Opiumhandel, den der Kaiser zuvor selbst gebilligt hatte, habe den Krieg erst provoziert.

* Er ist das historische Vorbild aller Wuxia-Helden, die im Bettlergewand durch die Lande streifen.
** Die schiere Anzahl der gewalttätigen und autoritären Vaterfiguren in Yuens Filmen, dazu noch manchmal von Yuens Vater selbst gespielt, ist besorgniserregend. 
*** Der Feuerlotus-Klan steht hier für die historische Bewegung des Weißen Lotus.

Montag, 11. Mai 2020

Jin Yong auf Deutsch – und wer ist Jin Yong?

Jin Yong ist in der chinesischsprachigen Welt der meistgelesene und meistverkaufte Autor des 20. Jahrhunderts. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass seine Bücher von Millionen gelesen werden. Selbst wer sie nicht liest, kennt in der Regel die Namen seiner bekanntesten Figuren. In der Tat sind einige von Jin Yongs Protagonist_innen so sehr Teil der alltäglichen Kommunikation geworden, dass in der Politik und den Medien regelmäßig Anspielungen auf sie gemacht werden.

Es wäre falsch zu sagen, Jin Yong sei »in China« ein Phänomen. In den diversen chinesischen Diaspora-Gemeinschaften ist sein Werk ebenso präsent wie in der Volksrepublik, in Hongkong und Taiwan. Dieser Allgegenwart in der Sinosphäre entspricht seine nahezu vollständige Unbekanntheit in der restlichen Welt. Das könnte sich nun ändern, denn Heyne hat für den Herbst den ersten Teil einer Übersetzung von Jin Yongs Hauptwerk Legends of the Condor Heroes angekündigt. Übersetzt von Karin Betz, die bereits Cixin Liu ins Deutsche übertragen hat, soll der Band Titel Die Legende der Adlerkrieger heißen.

In Großbritannien ist schon seit 2018 eine englische Übersetzung in Arbeit. Die ersten drei einer auf zwölf Bände angelegten Ausgabe sind bei MacLehose Press erschienen (der vierte Band soll im kommenden Jahr folgen). Zur Erläuterung: Legends of the Condor Heroes ist eine Trilogie, die aus den Romanen The Legend of the Condor Heroes, The Return of the Condor Heroes und The Heaven Sword and Dragon Saber besteht. Die drei Romane sind wiederum in je vier Bände aufgeteilt. Man wird sehen, wie weit der englische und der deutsche Verlag mit der Übersetzung der gesamten Trilogie kommen. (Bisherige Übersetzungen von Wuxia-Romanen in westliche Sprachen sind notorisch unvollständig.)

Jin Yong hieß eigentlich Louis Cha. Wie viele Autoren der beiden Wuxia-Blütezeiten im 20. Jahrhundert folgte er der klassischen chinesischen Tradition, seine Romane unter einem nom de plume zu veröffentlichen. Geboren wurde er 1924 im republikanischen China. Er stammte aus der Gelehrtenfamilie Zha, die schon in der frühen Qing-Dynastie einige namhafte Literaten hervorbrachte.

Jin Yongs Leben war davon geprägt, zwischen den Fronten zu stehen. Als Jugendlicher flog er von der Schule, weil er die autokratischen Tendenzen der Guomindang-Regierung kritisierte. Nach der Machtübernahme der Kommunistischen Partei Chinas wiederum wurde sein Vater in einer Säuberungsaktion ermordet. Jin Yong ging darauf nach Hongkong, wo er als Journalist arbeitete und nebenher Drehbücher für Filmstudios schrieb. 1959 gründete er gemeinsam mit einem Freund aus Schulzeiten die Tageszeitung Ming Pao, die heute noch erscheint.

Unterdessen hatte Jin Yong den Wuxia-Autor Liang Yusheng kennengelernt. Schon von Kindheit an hatte er gerne Wuxia gelesen. 1955 begann er, selber Romane im Genre zu schreiben. Die erschienen, wie damals üblich, als Fortsetzungsromane in Zeitungen. Sobald Jin Yong mit Ming Pao seine eigene Zeitung hatte, verfügte er über das ideale Publikationsmedium für seine Romane (ohne sich indes darauf zu beschränken).

Jin Yongs literarisches Werk belief sich schließlich auf 14 Romane und eine Erzählung. Diese schrieb er in einem Zeitraum von nur 15 Jahren. Das aber reichte aus, ihn zum Superstar des Genres zu machen. Jin Yong bildete gemeinsam mit Liang Yusheng und Gu Long die Speerspitze der »neuen Schule« des Wuxia-Romans, aber sein Ruhm überstrahlte schnell den seiner beiden Weggefährten.

Nach 1970 schrieb er keine neuen Geschichten mehr. Statt dessen überarbeitete er sein Werk zwei Mal und gab es jeweils in neuen Editionen (in Buchform) heraus. Mit der ersten Überarbeitung war er von 1970 bis 1980 beschäftigt, mit der zweiten von 1999 bis 2006. Unter Fans ist bis heute heiß umstritten, welche der drei Fassungen seiner Romane vorzuziehen sei. Für Jin Yong selbst hatten die Überarbeitungen aber einen ganz konkreten Anlass: In der ersten, der Zeitungsausgabe stammen einige Passagen seiner Romane von Ghostwriter_innen. Befand sich der Autor einmal im Ausland oder war anderweitig verhindert, ließen die Zeitungsredaktionen seine Geschichten einfach weiterlaufen. Mit den Überarbeitungen wollte Jin Yong die kreative Kontrolle über sein Werk zurückgewinnen.

Bemerkenswerterweise war Jin Yongs Werk sowohl in der Volksrepublik als auch in Taiwan jahrzehntelang verboten. Beide Regimes warfen dem Autor vor, dem jeweiligen Gegner nahezustehen. Gleichzeitig kursierten in beiden Ländern Raubdrucke im Untergrund. Erst 1979 (in Taiwan) bzw. 1980 (in der Volksrepublik) konnten offizielle Ausgaben erscheinen.

Seit den 1980er Jahren war Jin Yong berühmt genug, um sowohl an der Ausarbeitung der Hongkonger Verfassung (dem Basic Law) als auch am Vorbereitungskomitee zur Übergabe Hongkongs an die Volksrepublik China beteiligt zu sein. Auch dies lief aber nicht ohne Konflikte ab: Die Mitarbeit am Basic Law legte er nach der brutalen Niederschlagung der Tiananmen-Proteste 1989 nieder.

Im hohen Alter promovierte Jin Yong zwei Mal und erwarb einen Doktortitel in chinesischer Geschichte (2010) und einen in Literaturwissenschaft (2013). 2018 starb er im Alter von 94 Jahren in Hongkong.

Heute gibt es nicht nur ein Jin-Yong-Museum, auch die akademische Auseinandersetzung mit seinem Werk ist an chinesischen Universitäten fest verankert. Auszüge aus seinen Romanen erscheinen in Lesebüchern für den Schulunterricht. Diese Wirkung wird aber durch das Eigenleben, dass seine Condor Heroes angenommen haben, noch übertroffen.

Anlässlich der Übersetzungen ins Englische und Deutsche wird Jin Yong als »der Tolkien Chinas«, die Trilogie als »als chinesischer Herr der Ringe« angepriesen. Das ist ein nachvollziehbarer Vergleich, allerdings mit dem Problem, dass es sich fast schon um ein Understatement handelt. Aufgrund der (in China weit verbreiteten) nichtlizenzierten Ausgaben ist es schwer, die Verkaufszahlen der Condor Heroes einigermaßen genau anzugeben. Eine Schätzung beläuft sich aber auf 300 Millionen verkaufte Exemplare in der Originalsprache. Damit übertreffen sie die Verkaufszahlen des Lord of the Rings ziemlich genau um das Doppelte.

Und nicht nur das. Die Trilogie ist mehrfach fürs Kino verfilmt worden, u.a. von den Shaw Brothers. Wong Kar-wais Ashes of Time stellt ein inoffizielles Film-Prequel dar (sehr zum Unmut des Autors übrigens). Es gibt mindestens zehn Fernsehserien, die auf der Trilogie basieren, und eine Manhua-Serie mit 38 Bänden. Wer in der Sinosphäre die Bücher nicht gelesen hat, kennt die Verfilmungen oder die Comics.

Von daher ist es wohl verständlich, dass die Erwartungen an die englische Übersetzung von MacLehose Press gewaltig sind. Schließlich gibt es eine große sinoamerikanische und sinokanadische Diaspora, die die Trilogie oder ihre Adaptationen bereits kennt. Als sehr kontrovers hat sich bereits die Entscheidung Anna Holmwoods erwiesen, für den ersten englischen Band A Hero Born die chinesischen Namen der Figuren teilweise zu übersetzen.

Vergleichbare Reaktionen sind im deutschen Sprachraum, wo Jin Yong kaum bekannt ist, nicht zu erwarten. In der Tat hat die Ankündigung des Heyne Verlags hierzulande bislang kaum Reaktionen hervorgerufen. Um so gespannter bin ich, wie die ersten Rezensionen ausfallen werden. Hier hoffe ich zunächst, einen gewissen Eindruck davon vermittelt zu haben, was für ein literarisches Ereignis Jin Yong in der Sinosphäre darstellt.

Und worum geht es in Legends of the Condor Heroes? Ich fürchte, das einigermaßen konzis darzustellen, würde den Rahmen sprengen.* Erwähnt sei nur: Im Mittelpunkt stehen zwei Schwurbrüder, die sich auf verschiedenen Seiten eines gewaltigen Konflikts wiederfinden. Die Handlung erstreckt sich über Generationen, und Dschingis Khan persönlich kommt auch vor.

* Wer meine Rezension von Little Dragon Maiden, einer Verfilmung von The Return of the Condor Heroes, gelesen hat, wird gemerkt haben, wie schwer es mir fiel, die Filmhandlung und ihren Hintergrund zusammenzufassen. Wer sich jetzt nicht für den ersten Roman der Condor Heroes spoilern lassen will, sollte die Filmrezension übrigens nicht noch mal lesen.

Dienstag, 5. Mai 2020

Iceman (2014)

Deutscher Titel: Iceman ‒ Der Krieger aus dem Eis ‧ Regie: Law Wing-cheung ‧ Drehbuch: Lam Fung, Shum Sek-yin, Mark Wu ‧ Musik: Christof Unterberger, Wong Ying-wah ‧ Kamera: Edmond Fung, Kenny Tse ‧ Schnitt: Alan Cheng, Matthew Hui, David M. Richardson.

Iceman wurde im Westen als Captain-America-Rip-off wahrgenommen: Der Protagonist überlebt Jahrhunderte eingefroren im Eis, und als er aufwacht, hat er »Superkräfte«. Aber die Ähnlichkeit täuscht. Die vermeintlichen Superkräfte entpuppen sich als Schwertkampf-, Akupressur- und Qinggong-Fähigkeiten, wie sie für Wuxia-Held_innen ganz normal sind. Der genrehistorische Hintergrund ist auch ein ganz anderer: 1989 kam es in Hongkong zu einem schnelllebigen Trend von Filmen, in denen Krieger aus der Vergangenheit ins gegenwärtige China zeitreisen. Einer davon war Der Krieger des Kaisers. Ein anderer war The Iceman Cometh von Clarence Fok. Iceman ist ein Remake dieses letzeren Films.

Eine zu nahe Anlehnung an das Marvel Cinematic Universe ist (anders als bei League of Gods) nicht das Problem dieses Films. Das Problem ist, dass Iceman ein einziges Schlamassel darstellt.

Der Ming-Offizier He Ying (Donnie Yen) hat den Auftrag, eine Zeitmaschine von Indien nach China zu bringen. Sie ist ein Geschenk indischer Mönche an den Kaiser. An einem Gebirgspass stellen sich ihm Soldaten in den Weg, darunter He Yings Schwurbrüder Sao (Wang Baoqiang) und Niehu (Yu Kang). He Ying erfährt, dass er als Verräter verhaftet werden soll. Da er aber weiß, dass er verleumdet wurde, nimmt er den Kampf mit seinen Schwurbrüdern auf. Der Gefechtslärm löst eine Schneelawine aus und begräbt die drei Krieger unter sich.

Schnitt ins heutige Hongkong. Die drei Krieger haben tiefgefroren die Jahrhunderte überlebt. Ein Lastwagen, der sie heimlich außer Landes bringen soll, hat einen Unfall, und He Ying, Sao und Niehu erwachen aus ihrem eisigen Schlaf. He Ying verschlägt es zu der Sexarbeiterin Mei (Eva Huang) und ihrem gay best friend Slender (Mark Wu). May muss für die Kosten des Altersheims aufkommen, in dem ihre Mutter untergebracht ist. Da hilft es, dass He Ying die Taschen voller Gold hat.

Sao und Niehu schließen sich einer Straßengang an. Sie suchen fieberhaft nach He Ying, den sie immer noch für einen Verräter halten. Und dann ist da noch Cheung (Simon Yam), der stellvertretende Commissioner der Hongkonger Polizei, der aus ganz eigenen Motiven hinter den drei Eismännern her ist. Und wo ist eigentlich die Zeitmaschine geblieben?

Die Arbeit an Iceman litt an einem explodierenden Budget. Vorgesehen waren Produktionskosten in Höhe von 100 Millionen Hongkong-Dollar. Am Ende verschlang der Film die doppelte Summe. Die klimaktische Actionszene von Iceman spielt auf der Tsing-Ma-Brücke in Hongkong. Das Filmteam erhielt dort allerdings keine Dreherlaubnis. Statt auf einen anderen Drehort auszuweichen, entschloss man sich für einen gigantischen Studio-Nachbau der Brücke, der allein 50 Millionen Hongkong-Dollar verschlang.

Der Plot steckt so voller Löcher, dass man sich denken kann: Das Drehbuch wurde zig Mal umgeschrieben, um den stetig steigenden Kosten entgegen zu kommen. Auch die Kampfszenen, obwohl von Donnie Yen selber choreographiert, machen wenig Spaß. Sie leiden daran, dass 3D-Technik in denkbar einfallsloser Weise eingesetzt wird. Ich weiß halt auch nicht, wer permanent auf die Kamera zufliegende Gegenstände braucht.*

Schauspielerisch geben Donnie Yen und Eva Huang sich alle Mühe, den Film zu retten. Was soll ich sagen? Es ist vergebens.

Iceman und sein Sequel Iceman: The Time Traveler (lief 2018 an) wurden Rücken an Rücken gedreht. So kommt es, dass der erste Film zu allem Überdruss am Ende auch noch wie eine überlange Einleitung zur Handlung des zweiten Films wirkt.

* Wobei ich generell der Ansicht bin, dass 3D in Wuxia-Filmen nichts zu suchen hat.

Mittwoch, 15. April 2020

Exorcist Master (1992)

Regie: Wu Ma · Drehbuch: Cheng Man-wah, Chiu Lo-kong · Musik: Huang Chi-yuan · Kamera: Che Chang-gin, Chun Chung-yin, James Wu · Schnitt: Chow Tak-yeung, Liu Wo-hau, Wong Jing-cheung.

Irgendwo im republikanischen China: Im Turm einer katholischen Kirche schlägt der Blitz ein. Das Kreuz fällt vom Dachknauf und durchbohrt den Priester. Der, ein englischer Missionar, verwandelt sich darauf in einen (westlichen) Vampir.

Dem ortsansässigen Daoisten (Lam Ching-ying) ist es ganz recht, dass die Kirche zur Ruine zerfällt. Nicht nur argwöhnt er, dass es darin spukt. Er steht auch generell jeder Tendenz zur Verwestlichung mit unerbittlichem Groll gegenüber. Aber nach 20 Jahren will der Franziskanerpater Wu (Wu Ma) die Kirche wieder eröffnen.

Der Bürgermeister (Teddy Yip) redet den Anwohner_innen ein, mit dem Katholizismus werde der Fortschritt im Ort einziehen. Dabei haben er und sein aalglatter Sohnemann David (Yang Tzu-yu) etwas ganz anderes im Sinn: Sie wollen im großen Stil Opium schmuggeln und die Kirche heimlich als Depot benutzen.

Aber weder der naive Pater Wu noch das gerissene Vater-und-Sohn-Syndikat haben mit dem blutsaugenden Bewohner des alten Gemäuers gerechnet. Da muss der Daoist her, der allerdings in ziemliche Bedrängnis gerät. Keins der traditionellen Mittel gegen chinesische Vampire (Hundeblut, Amulette, Pfirsichholzschwert) hilft gegen den katholischen Untoten ...

Exorcist Master erschien zu einer Zeit, als die von Mr. Vampire (1985) etablierte Formel »Daoist schlägt sich mit Vampiren herum« längst abgenutzt war. Lam Ching-ying in seiner bekannten Rolle als Daoist mit zusammengewachsenen Augenbrauen muss für allerhand schlappe Witze herhalten. Nicht mal eindrucksvolle Kampfszenen gönnt man ihm. Die werden weitgehend Collin Chou überlassen, der den Schüler des Daoisten gibt.

Auch Wu Ma, hier als Regisseur wie als Darsteller vertreten, spielt den Franziskanerpater nicht gerade überzeugend. Allerdings, das muss bemerkt werden, steht er im Mittelpunkt der einzigen wirklich witzigen Szene des Films: Der würdige Pater wird vom Bürgermeister zu einem Abendessen mit den örtlichen Notabeln eingeladen und merkt partout nicht, dass es sich um die Bordellchefin, den Casinobesitzer und den Wirt der Opiumhöhle handelt.

Seinem Namen erweist der Film übrigens Ehre, indem er den Vampir einen Franziskanerbruder mit grüner Erbsensuppe vollkotzen lässt. Das war es dann aber auch schon wieder, was sehenswerte Momente betrifft.

Sonntag, 29. März 2020

The Eight Dragon Swords (1972)

(Rassistischer) deutscher Titel: Die acht Drachenschwerter des gelben Teufels · Regie: Chin Sheng-en · Drehbuch: Chin Sheng-en · Kamera: Cheng Chieh · Schnitt: Sung Ming.

»Doktor« Hua Lichun (Chiang Pin) ist ein Arzt ganz eigener Art. Der wandernde Kämpfer besiegt Schurken, wo er sie findet. Dann zwingt er sie, ihn so lange zu begleiten, bis er sie von ihrer Neigung zum Bösen »geheilt« hat.

Der Film beginnt damit, dass Lichun erst einen Vergewaltiger, dann einen notorischen Falschspieler bezwingt. Beide müssen sich ihm wohl oder übel anschließen. Und Lichun haut ihnen ordentlich auf die Finger, sobald sie versuchen, ihrem Hang zur sexuellen Gewalt bzw. zum Spielbetrug nachzugehen.

Lichun ahnt jedoch nicht, dass die beiden Schurken dem gleichen Kampfkunst-Klan angehören. Sie schaffen es, dem Meister ihres Klans heimlich ein Signal zu senden. Prompt taucht der schwarz maskierte Meister auf und fordert Lichun zum Duell. Der Verlierer muss dem Sieger einen Wunsch erfüllen, oder er ist des Todes.

Lichun verliert den Zweikampf. Der Meister fordert von ihm, die Magische Feuerdrachenperle zu stehlen. Dieses Kleinod ist ein Familienerbstück des alten Meisters Hua Shiyin (Yen Chung), das noch aus der Han-Dynastie stammt. Es vermag, die Wirkung von Gift zu neutralisieren.

Von diesem Moment an ändert sich die Erzählweise des Films auf drastische Weise. Von der geradlinigen Abenteuergeschichte verwandelt er sich in eine Art Krimi mit Anleihen beim Whodunit und bei Poes berühmten »Purloined Letter«.

Lichun begibt sich zum Haus Meister Huas. Dort befinden sich außerdem Hua Yumei (Violet Pan), die Tochter des Meisters, und ihr Cousin Feng (Chen Hung-lieh). Der Cousin stellt Yumei nach. Er hofft, sie heiraten zu können und zum Erben der Feuerdrachenperle zu werden. Darauf hat Yumei allerdings nicht die geringste Lust. Und der greise Meister Hua erklärt, es sei besser, die Perle verschwinde mit ihm im Grab, als dass sie einem Menschen von schlechtem Charakter in die Hände fiele.

Yumei traut auch Lichun nicht. Sie konfrontiert ihn immer wieder mit dem Verdacht, er wolle die Magische Feuerdrachenperle für sich selber haben. Und die Identität des mysteriösen Meisters mit der schwarzen Maske, der ebenfalls hinter der Perle her ist, ist noch immer ungeklärt. Am Ende sind alle Beteiligten im Haus der Huas versammelt ...

Eine Eigenheit von Eight Dragon Swords besteht darin, dass fast alle Figuren mit skurrilen Waffen kämpfen, die an Gadgets aus James-Bond-Filmen erinnern. Es treten auf, u.a.: Ein mit verborgenen Klingen ausgestatteter Regenschirm. Eine hölzerne Krücke, in der ein Stockdegen verborgen ist. Ein Speer, der zugleich ein Flammenwerfer ist. Lichun selbst ist mit Dolchen bewaffnet, deren Klingen (wie bei einem Springmesser) aus den drachenförmigen Griffen hervorschnellen.

Letztere Waffen sind natürlich die »Drachenschwerter« aus dem Titel des in Taiwan entstandenen Streifens. Darüber hinaus wartet der Film in den Kampfszenen mit phantasievollen Stunts auf.

Sehenswert, besonders die zweite Hälfte mit ihrem »Rätselhafte Verbrechen in der Villa«-Thema.

Dienstag, 17. März 2020

The Close Encounter of the Vampire (1986)

Alternativtitel: The Close Encounter of Vampire · Regie: Yuen Woo-ping · Drehbuch: Yuen Clan · Musik: Tang Siu-lam · Kamera: Kuo Mu-sheng, Lam Chi-wing · Schnitt: Chen Bo-yan, Chen Po-yen.

In einem chinesischen Dorf muss ein daoistischer Priester alle 50 Jahre ein Bannritual vollziehen. Andernfalls stehen die Toten des Dorfes aus ihren Gräbern auf und gehen als Vampire umher. Da ist es natürlich nur eine Frage der Zeit, bis ein Priester das Ritual verbockt. So gesehen, so geschehen. Ein Mann und ein kleiner Junge wühlen sich aus der Friedhofserde und suchen die Leute heim.

Zum Glück kommt ein wandernder Vampirjäger vorbei, der gleich zum nächsten Bambushain eilt und sich spitze Pflöcke schneidet. Leider gehört der Hain zu einem buddhistischen Nonnenkloster. Eine ansässige Nonne hält den wackeren Vampirjäger für einen Spanner und verprügelt ihn erst mal kräftig.

Damit ist auch schon das Wichtigste über den Charakter des Vampirjägers gesagt. Durch eigenes Ungeschick oder die Dummheit der Leute gerät er immer wieder in Situationen, die mit blauen Flecken enden. Nicht gerade beste Voraussetzungen für die Jagd nach Untoten.

Ein zweiter Handlungsstrang dreht sich um eine erfolglose Schauspielschule. Deren Besitzer hat vier Waisenkinder aufgenommen, um sie die Schauspielkunst zu lehren. Aber der Chef widmet sich oft lieber dem Weinkrug als der Ausbildung seiner vernachlässigten Zöglinge.

Die Kinder stoßen auf den Vampirjungen und halten ihn für ein normales, lediglich etwas begriffsstutziges Kind. Sie geben ihm den Spitznamen Dummer Junge und verstecken ihn in der Schauspielschule. Natürlich versucht auch der Nachwuchsvampir, sich von Menschenblut zu nähren. Allerdings fehlt ihm die Erfahrung im Blutsaugen, und so geht die Sache – zum Glück für seine Umgebung – meist schief.

The Close Encounter of the Vampire ist ein typischer Schnellschuss, der nach dem Erfolg von Mr. Vampire flugs abgedreht und ins Kino gebracht wurde. Mitte der Achtziger hüpften die Jiangshi (chinesische Vampire) bekanntlich reihenweise über die Leinwand. The Close Encounter ist denn auch kein Film Yuen Woo-pings, den man unbedingt gesehen haben muss.

Dennoch sei allen, die die Filmografie Yuens möglichst vollständig kennen wollen, gesagt, dass The Close Encounter durchaus einige bemerkenswerte Elemente enthält. Der Vampir (gespielt von Ma Chin-ku) sieht mit seinem Make-up und seiner Mandarinkleidung prächtig aus. Und die Szene, in der ein an eine Säule gefesselter Vampirjäger gegen den Jiangshi kämpft, ist durchaus spannend und, wie man es von Yuen Woo-ping erwarten kann, hervorragend choreographiert.

Solche Höhepunkte gehen in der Handlung, die auf mitunter sehr zweifelhafte Weise komödiantisch ist, aber leider unter. Zweifelhaft in dem Sinne, dass man etwa einen Kinderdarsteller vor der Kamera eine Zigarette rauchen ließ, um ein paar Lacher zu erzeugen. So etwas war auch vor 35 Jahren nicht in Ordnung.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.