Samstag, 16. Januar 2021

Desert of Blood (2008)

Regie: Don Henry · Drehbuch: Don Henry · Musik: Dean Harada, Jason Moss · Kamera: Pablo Santiago · Schnitt: Matthew McArdle · Produktion: Encantado Films.

Ein Gringo-Tourist auf Schatzsuche (Josh Adamson) buddelt im mexikanischen Tecate versehentlich den Vampir Luis Diego aus. Der war vor 35 Jahren von Hochwürden Hernández (Flint Esquerra) unter die Erde gebannt worden. Er macht sich unverzüglich auf den Weg zu seiner alten Liebe Sarita (Yvonne Rawn), die aber in der Zwischenzeit um dreieinhalb Jahrzehnte gealtert ist und siech darnieder liegt.

Doch zu Luis’ Entzücken ist Saritas Nichte Maricela (Brenda Romero) aus L.A. gekommen, um ihre Tante zu pflegen. Luis fackelt nicht lange und wanzt sich an Mari ran.

Was folgt, ist mit narratologischen Begriffen wie histoire und discours nur sehr unzulänglich zu beschreiben – jedenfalls mir will es nicht gelingen. Vage meine ich die Umrisse der typischen Geschichte »Vampir sucht Erlösung durch die Liebe einer Frau« wahrzunehmen. Ansonsten verfügt dieser Film weder über eine Handlung noch über Figuren, die in irgendeiner Weise im Gedächtnis haften bleiben. 

Desert of Blood, wiewohl eine US-Produktion, richtet sich klar an ein Latin@-Publikum. Jedenfalls besteht der Cast größtenteils aus Latin@s, die Dialoge sind stellenweise in Spanisch (mit Untertiteln) gehalten, und Drehort ist der Originalschauplatz (Tecate in Baja California).

Ich muss gestehen, dass ich keine Ahnung habe, ob es in den USA eine Industrie gibt, die speziell solche Filme produziert. Wenn ja, hoffe ich, dass sie nicht alle so läppisch ausfallen wie Desert of Blood.

Donnerstag, 14. Januar 2021

The Return of Dracula (1958)

Alternativtitel: Curse of Dracula / The Fantastic Disappearing Man · Deutscher Titel: Draculas Blutnacht · Regie: Paul Landres · Drehbuch: Pat Fielder · Musik: Gerald Fried · Kamera: Jack McKenzie · Schnitt: Sherman Rose · Produktion: United Artists.

Nach The Vampire machte sich Paul Landres, als Regisseur eigentlich eher im Westerngenre beheimatet, unverzüglich an die Arbeit an einem zweiten Vampirfilm. Gedreht wurde mit dem gleichen Team und einem ähnlich mageren Budget wie beim Vorgänger. Aber diesmal sollte als untoter Protagonist der Prince of Cats persönlich auftreten.

Der Maler Bellac Gordal (Norbert Schiller) will aus seinem (ungenannten) osteuropäischen Land in die USA auswandern, um ein neues Leben zu beginnen. Zu Gordals Unglück wurde Dracula (Francis Lederer) soeben von einem Trupp Vampirjäger aus seiner Gruft vertrieben. Der Graf saugt Gordal aus und nimmt seine Identität an.

Angekommen im kalifornischen Städtchen Carleton, nistet Dracula sich bei Gordals Verwandten, der Familie Mayberry, ein. Gordals Cousine Rachel (Norma Eberhardt) freut sich besonders über den Besuch des vermeintlichen Malers. Sie hat selber eine künstlerische Ader, die sie jedoch nicht ausleben kann, da sie eine Ausbildung zur Krankenschwester macht.

Dracula ist indes an ganz anderen Adern interessiert. Rachels Patientin Jenny (Virginia Vincent) dient ihm als lebende Blutbank. Und natürlich hat er auch Rachel selbst als unfreiwillige Blutspenderin vorgemerkt.

Hauptdarsteller Francis (eigentlich Franz) Lederer begann seine Karriere als Bühnenschauspieler in der Tschechoslowakei. Den Grafen spielt er als zugleich öligen und boshaften Verführer mit old-world-Charme. Leider kann der restliche Cast ihm nicht das Wasser reichen.

Auch sonst verschenkt der Film einiges an Potential. Rachels Wunsch, mit Hilfe der Kunst dem Kleinstadtmuff zu entfliehen, wird vom Drehbuch nicht wirklich ernst genommen. Er dient nur als Aufhänger, um Rachel als willkommene Beute für Dracula darzustellen. So bleiben die Rollen leider sehr klar verteilt: Rachel ist das Opfer. Immerhin ist es am Ende so, dass sie sich mehr oder weniger selbst rettet; das sei festgehalten. Aber ihr Charakter bleibt eindimensional. 

So ergibt die Performance Lederers einen ganz interessanten Film-Dracula abseits der ›großen‹ Darsteller wie Lugosi, Lee und Langella. Das allein vermag jedoch schwerlich den ganzen Film zu tragen, dem es dann, wenn Lederer nicht in der Szene ist, allzuoft an Atmosphäre und Spannung mangelt. 

Ein etwas überraschendes Handlungselement bilden die zu Anfang eingeführten Vampirjäger, die Dracula natürlich bis nach Kalifornien verfolgen. Diese wirken im Fortgang der Handlung immer mehr wie eine international agierende Geheimpolizei, die mit wenig Respekt für civil liberties auftritt. Angesichts der Tatsache, dass Landres’ Film sich große Mühe gibt, die USA als Land der Freiheiten hochleben zu lassen, kommt man mit dieser Darstellung (wohl unabsichtlich) den internationalen Machenschaften der CIA zu Zeiten des Kalten Krieges doch sehr nahe.

Eine interessante Anekdote zu Hauptdarsteller Lederer muss ich zum Schluss erwähnen: Franz Lederer war Jude. Während der Machtübernahme der Nazis hielt er sich anlässlich eines Theaterengagements in Los Angeles auf. Lederer beschloss kurzerhand, nicht nach Europa zurückzukehren. Diese Entscheidung rettete ihn vor den Nazis.

Nun schlüpfte Lederer nach The Return of Dracula 1971 noch einmal in die Rolle des transsylvanischen Grafen. In einer Episode von Rod Serlings Fernsehserie Night Gallery legen sich die Nazis mit dem von Lederer gespielten Dracula an – und ziehen natürlich den Kürzeren. Es war einer von Lederers letzten Auftritten.

Mittwoch, 6. Januar 2021

The Vampire (1957)

Alternativtitel: Mark of the Vampire · Deutscher Titel: Immer bei Anbruch der Nacht · Regie: Paul Landres · Drehbuch: Pat Fielder · Musik: Gerald Fried · Kamera: Jack MacKenzie · Schnitt: John Faure · Produktion: United Artists.

Mit seinem letzten Atemzug drückt der Wissenschaftler Dr. Campbell (Wood Romoff) Paul Beecher (John Beal) ein Fläschchen mit Pillen in die Hand. Beecher ist ein gutmütiger Kleinstadtarzt und alleinerziehender Vater, der nur ein Problem hat: Er leidet an Migräne. Das Unheil beginnt, als Beecher Campbells Pillen mit seinen Kopfschmerztabletten verwechselt und eine davon schluckt.

Beecher merkt schnell, dass die mysteriösen Pillen süchtig machen. Er findet heraus, woran der verstorbene Dr. Campbell in seinem Labor arbeitete: an Mitteln und Wegen, wie sich im modernen Menschen tierische Instinkte wecken ließen. Und das Ergebnis dieser Bemühungen sind Beechers Pillen, die Campbell aus dem Blut von Vampirfledermäusen herstellte – kein Wunder, dass Beecher plötzlich Blackouts hat und Sheriff Donnelly (Kenneth Tobey) Leichen mit Bissspuren am Hals findet ...

Dafür, dass The Vampire nur ein Fünziger-Jahre-B-Movie unter vielen ist, gehen die Meinungen über diesen Film erstaunlich weit auseinander. Fangoria erklärte ihn zu einem der besten Horrorfilme der fünfziger Jahre. Halliwell’s Film Guide sah dagegen einen »dummen Versuch« darin, den Vampirmythos mit den Mitteln der Science Fiction zu erklären.

Ich würde nun nicht behaupten, dass The Vampire ein guter Film ist. Dazu enthalten die Dialoge zu viel langwieriges pseudowissenschaftliches Gerede. Und die Maske, die John Beal in den Vampirszenen trägt, sieht eher wie eine Fango-Schlammpackung als wie ein Filmaccessoire aus. Man merkt dem Streifen einfach an, dass er innerhalb weniger Wochen entstanden ist.

Und doch ist The Vampire ein ungewöhnliches Werk. Bis dahin war der Vampirmythos in den USA vor allem mit den ikonischen Filmmonstern von Universal Pictures verbunden. Aber Universal selbst hatte seine Figuren für allerlei Blödeleien missbraucht und so dafür gesorgt, dass niemand sie mehr ernst nehmen konnte.

Das Team hinter Paul Landres fragte sich ganz einfach, wie ein zeitgemäßer Vampirfilm der fünfziger Jahre aussehen konnte, und kam auf die naheliegende Antwort: Die Menschen der Nachkriegszeit hatten allen Grund, gegenüber Laboratorien skeptisch zu sein, denn aus ihnen kamen Massenvernichtungswaffen und bewusstseinsverändernde Drogen. Es war die Zeit nicht nur der Atombombentests, sondern auch von CIA-Programmen wie MKUltra, bei dem einer großen Menge (oft unfreiwilliger) Proband:innen LSD verabreicht wurde, um zu erforschen, ob Gehirnwäsche möglich ist.

Folgerichtig war im Horrorkino der Fünfziger (neben der durch nukleare Strahlung mutierten Bestie) der mad scientist die Angstfigur par excellence. Und anders als der alte Victor Frankenstein wollen diese Wissenschaftler nicht Leben schaffen, sondern Leben vernichten. The Vampire spielt dieses Thema konsequent aus, indem sie den Vampir als unwissendes Opfer eines skrupellosen Experiments darstellt. Passend dazu verzichtet der Film nahezu komplett auf gothische Elemente.

Das Pech dieses Films war, dass zur gleichen Zeit Terence Fisher und Hammer Film Productions mit einer ganz anderen Idee aufwarteten: klassische Horrorstoffe in leuchtenden Farben zu fotografieren. In Fishers Filmen wie The Curse of Frankenstein (1957) und Dracula (1958) kehrte der Gothic Horror mit Macht zurück. Landres’ immerhin beachtlicher Versuch, dem Vampirmythos eine neue Richtung zu geben, geriet dagegen in Vergessenheit.

Montag, 7. September 2020

Die Frau in der Kutsche

Die vorliegende Geschichte wurde in den Ausführlichen Aufzeichnungen der Taiping-Ära überliefert, die während der Song-Dynastie angefertigt wurden. Und ausführlich waren sie in der Tat, denn sie enthielten in 500 Bänden über 7.000 Geschichten. Viele davon stammten nicht aus der Song-Dynastie, sondern waren erheblich älter. So ist auch diese Geschichte wieder in der Tang-Dynastie entstanden.

Wie gewohnt führt der Link direkt zur Geschichte, während unten ein paar Bemerkungen von mir folgen. Besser zuerst die Geschichte lesen, um sich nicht spoilern zu lassen!

»Die Frau in der Kutsche« aus der Sammlung Taiping Guangji.

Glossar:
  • Herrschaftsära: Chinesische Kaiser teilten die Jahre ihrer Herrschaft in verschiedene Perioden auf, die jeweils unter einem Regierungsmotto standen. Die Ära Kaiyuan des Kaisers Xuanzong dauerte von 713 bis 741.
  • Zhang: Längeneinheit, entspricht ca. 3,3 m.
  • Li: Längeneinheit, entspricht ca. 330 m.

Neben Held:innen wie Wei Zidong, die ganz vorbildlich auf Monsterjagd gehen und das Elixier der Unsterblichkeit vor bösen Geistern schützen, gibt es in der Jianghu selbstverständlich auch Leute, die dem Diebeshandwerk nachgehen – und zwar nicht nur zum Vergnügen, wie es die Protagonistin von »General Pan« tut. Diese Geschichte handelt von einer Bande, die auf höchst ausgeklügelte Weise einen Heist im Kaiserpalast ausführt.

Dazu kommt ihr der Naivling aus der Provinz, der über rudimentäre Qinggong-Fähigkeiten verfügt, wie gerufen. Der merkt nicht, dass er die Behörden auf eine falsche – seine – Fährte locken soll, bis es zu spät ist. Wie auch, wo die Diebe doch so überaus ordentlich, anständig und wohlerzogen sind, dass einer, der sein Leben lang nur die konfuzianischen Klassiker studiert hat, zutiefst beeindruckt sein muss. Immerhin ist die Chefin der Bande, die mysteriöse Frau aus der Kutsche, nicht ganz undankbar, wie sich am Ende zeigt.

Stichwort Qinggong. Auch an dieser Geschichte zeigt sich, wie wichtig die sagenumwobene Fähigkeit, sich mittels Qi schwebend leicht zu machen, von Anfang an für das Genre war. Heute begegnet man nicht selten dem herablassenden (und wirklich dämlichen) Ausdruck »Wire Fu« dafür – meist aus dem Mund von Leuten, die auch nicht davor zurückschrecken, von »Asia-Filmen« zu reden. Damit soll suggeriert werden, dass die filmische Darstellung von Qinggong mit Hilfe von Drähten »kein richtiges Kung Fu« sei. Aber was soll »richtiges Kung Fu« denn sein? Geschichten wie die hier vorgestellte zeigen, dass schon seit über 1.000 Jahren von Menschen, die schweben können, erzählt wird. Schauspieler:innen im Film schweben zu lassen, ist lediglich eine konsequente künstlerische Weiterentwicklung dieses Erzählstoffes.

Mittwoch, 19. August 2020

Wei Zidong

Die zweite klassische Wuxia-Geschichte, die ich vorstellen möchte, stammt aus der Geschichtensammlung Chuanqi des Pei Xing. Geschichten von wandernden Held:innen mit staunenswerten Fähigkeiten gibt es in der chinesischen Literatur schon seit frühester Zeit. Sie hatten zunächst meist die Form von Anekdoten, die in Werke der Geschichtsschreibung aufgenommen wurden. Erst in der kulturellen Blüte der Tang-Dynastie (618–907) kam eine erzählende Prosaform auf, die es erlaubte, solche Geschichten unter dem Lesepublikum auch selbständig zirkulieren zu lassen. Der Name dieser Form ist identisch mit dem von Pei Xings Sammlung: chuanqi, »Erzählungen von wundersamen Ereignissen«. Im Westen wird diese Form oft schlicht als Tang-Novelle bezeichnet – ihr Name entspricht ja auch Goethes berühmter Definition der Novelle als Erzählung von einer unerhörten Begebenheit.

Pei Xings Sammlung ist zum größten Teil nicht erhalten. Unter seinen überlieferten Geschichten sind aber einige der berühmtesten Wuxia-Erzählungen überhaupt, wie »Nie Yinniang« oder »Der Kunlun-Sklave«. Weniger bekannt ist die Geschichte von Wei Zidong, die ich hier wiedergebe.

Wuxia ist übrigens nicht das einzige Thema der chuanqi-Gattung. Weitere beliebte Sujets waren Liebesgeschichten, historische Ereignisse und Begegnungen mit Wesen aus der buddhistischen oder daoistischen Mythologie. Letzterer Einfluss ist auch in »Wei Zidong« vorhanden.

Hier geht es direkt zur Geschichte:

»Wei Zidong« aus dem Chuanqi des Pei Xing (Tang-Dynastie).

Glossar:
  • Herrschaftsära: Chinesische Kaiser teilten die Jahre ihrer Herrschaft in verschiedene Perioden auf, die jeweils unter einem Regierungsmotto standen. Die Ära Zhenyuan des Kaisers Dezong dauerte von 785 bis 805, die Ära Kaiyuan des Kaisers Xuanzong von 713 bis 741.
  • Yaksha: Natur- bzw. Wildnisgeister aus der buddhistischen Mythologie.
  • Khakkara: Stab eines buddhistischen Mönchs. Daran sind Ringe aus Zinn befestigt, die ein klirrendes Geräusch machen.
  • Zhou Chu: siehe unten.
  • Bu: Längeneinheit, entspricht ca. 1,6 m.
  • Fünfte Nachtwache: zwischen drei und fünf Uhr morgens.
  • Zhang: Längeneinheit, entspricht ca. 3,3 m.

Wie schon in »General Pan, der alte Detektiv und das Mädchen« fällt in dieser Geschichte das Bemühen um historische Einordnung auf. Ereignisse werden datiert, und zum Schluss wird zur Validierung des Erzählten darauf hingewiesen, dass die Schädel der beiden erlegten Ungeheuer noch erhalten sind.

Deutlich ist, dass es sich eigentlich um zwei Geschichten um den Protagonisten Wei Zidong handelt, die sich zudem auffällig unterscheiden. Die erste Geschichte ist der geradlinige Bericht einer Monsterjagd, die zweite ist dagegen fast schon parabelhaft. Auch beruhen sie auf unterschiedlichen spirituellen Grundlagen: Die Menschen vor Ungeheuern und ähnlichen Bedrohungen zu schützen, ist ein Ideal des Mahayana-Buddhismus. Das Anstreben von Unsterblichkeit spielt eine zentrale Rolle im Daoismus. Der Text zeigt, wie beide Traditionen koexistierten. Interessant auch die unterschiedliche Darstellung des religiösen Personals: Die buddhistischen Mönche leben im Kloster und beten, der Daoist braut alchimistische Tränke in einer Höhle.

Der Schlüssel zum Verständnis des Ganzen liegt meines Erachtens darin, dass Wei Zidong von Duan mit Zhou Chu verglichen wird. Das ist als Lob gemeint, denn Zhou Chu (eine historische Person) galt als exemplarische Gestalt. Aber der Fortgang der Erzählung zeigt, dass Wei Zidong wesentlich anders handelt als Zhou Chu.

Zhou Chu war ein berühmter General aus der Zeit der Sechs Dynastien. Im Neuen Bericht von den Geschichten der Welt des Liu Yiqing wird eine Sage über Zhou Chus Jugend erzählt. Als junger Mann sei Zhou Chu ein streitsüchtiger Schlägertyp gewesen. Die Menschen seines Heimatortes Yixing wurden damals von den Drei Plagen heimgesucht. Um Zhou Chu loszuwerden, forderten sie ihn auf, die Drei Plagen zu besiegen. Zhou Chu tötete die erste Plage, einen menschenfressenden Tiger. Er tötete die zweite Plage, einen Jiao-Drachen. Dann merkte er, dass er selbst die dritte Plage war. Zhou Chu suchte zwei konfuzianische Gelehrte auf, die ihn im rechten Weg unterwiesen. Darauf wurde er zum General und Beamten, der für seine unbeugsame Ehrlichkeit bekannt war.

Letzteres führt von der Sage zur Historie. Als Zhou Chu einmal sogar einen kaiserlichen Prinzen der Korruption anklagte, intrigierte dieser gegen ihn. Der Prinz erreichte, dass Zhou Chu den Befehl erhielt, mit nur 5.000 Soldaten ein einfallendes Barbarenheer aufzuhalten. In stoischem Gehorsam zog Zhou Chu gegen die 20.000 Mann starke feindliche Streitmacht und starb auf dem Schlachtfeld. Er wusste, dass man ihn beseitigen wollte, hielt die Pflicht zum Gehorsam aber für wichtiger.*

Indem die Erzählung Wei Zidong mit Zhou Chu vergleicht, vergleicht sie einen Wuxia-Helden mit einem regulären Helden. Zhou Chu fängt zwar als Monsterjäger an, macht dann aber eine im konfuzianischen Sinne vorbildliche Karriere als Staatsdiener. Noch heute steht sein Name sprichwörtlich für einen Menschen, der sein Leben völlig umkrempelt.

An derlei Dingen hat Wei Zidong nicht das geringste Interesse. Statt eine Karriere anzustreben, jagt er lieber dem Traum der Unsterblichkeit nach. Zwar hat auch er kein Problem damit, sein Leben aufs Spiel zu setzen. Aber er entscheidet selbst, wo und wann er das tut. Er handelt aus einem selbstbestimmten Altruismus.

Die Kritik des Konfuzianismus setzt sich fort im zweiten Teil der Erzählung. Wei Zidong durchschaut mühelos, dass die Schlange und die Frau mit der Lotosblüte Dämoninnen sind. Erst als er anfängt, selber in konfuzianischen Bahnen zu denken, scheitert er in seiner Aufgabe, das Elixier zu bewachen. Der dritte Dämon tritt als gebildeter Mann auf, der Gedichte rezitieren kann, und das ist leicht mit Tugendhaftigkeit im (neu-)konfuzianischen Sinn zu verwechseln.** Wei Zidong verhält sich ihm gegenüber unwillkürlich ehrerbietig – und verliert.

Oder besser gesagt: Er erlangt (wahrscheinlich) nicht die Unsterblichkeit. Die Reste des Elixiers,*** die Wei Zidong und der Daoist vermischt mit Quellwasser trinken, verwandeln ihn immerhin in eine Art magisches Kind. Das mag mit einer besonderen Langlebigkeit einhergehen oder nicht, denn was aus Wei Zidong später wurde, lässt die Erzählung ja offen.

So kommt es, dass eine nicht einmal sonderlich lange Wuxia-Geschichte eine subversive Diskussion der Drei Lehren der chinesischen Philosophie – Buddhismus, Daoismus, und Konfuzianismus – enthält.

* Die Geschichte lässt sich in Richard Wilhelms Chinesischen Märchen nachlesen.
** Ich bin der Auffassung, dass die Erzählung sich nicht gegen Konfuzius selbst richtet. »Konfuzianismus« meint hier eher die Weltanschauung der (sehr klassenbewussten) chinesischen Gelehrten-Beamten. Diese hatte natürlich ihre Grundlage im Werk des Konfuzius, unterwarf es aber einer bedeutenden Reinterpretation.
** Elixier der Unsterblichkeit, Drachen-und-Tiger-Elixier sowie Goldener Trank sind Synonyme.

Dienstag, 4. August 2020

7 Assassins (2013)

Alternativtitel: Glory Days · Deutscher Titel: Seven Assassins – Iron Cloud’s Revenge · Regie: Hung Yan-yan · Drehbuch: Chun Tin-nam u.a. · Musik: Henry Lai · Kamera: Pakie Chan · Schnitt: Marco Mak.

Von diesem Film war ich zunächst gar nicht angetan und habe ihn abgebrochen. Wenige Tage später habe ich ihn noch einmal von Anfang bis Ende geschaut und hatte einen etwas positiveren Eindruck – der dann allerdings nicht lange vorhielt. Ich war selbst etwas verwundert, dass mir 7 Assassins nicht besser gefallen hat, denn eigentlich erzählt er eine Geschichte ganz nach meinem Geschmack: Ein kleines Häuflein von Revoluzzer:innen versteht es, sich mit List und Wagemut gegen eine Übermacht zur Wehr zu setzen.

Kurz vor der Revolution von 1911: Tie Yun (Felix Wong) transportiert mit einigen Genossen eine Ladung Gold durch die Wüste. Damit sollen die Aktivitäten der revolutionär-republikanischen Bewegung finanziert werden. Ein militaristischer Qing-Prinz (Ray Lui) beauftragt die Banditin Man Tianhong (Ni Hongjie) und ihre Räuber, das Gold zu stehlen. Der Überfall gelingt, und Tie Yun entkommt nur knapp mit Hilfe des Gouverneurs Zhuo (Ti Lung), der mit den Revolutionär:innen sympathisiert.

Zhuo schickt Tie Yun ins Goldene Tal. Dort liegt ein Dorf, in dem zahlreiche Überlebende früherer Aufstände Zuflucht gefunden haben. Der Dorfvorsteher Meister Miao (Eric Tsang), selbst ein Veteran der Boxer-Rebellion, stellt Neuankömmlingen nur eine Bedingung: dass sie ihre revolutionäre Vergangenheit hinter sich lassen.

Durch Tie Yuns Ankunft wird die Brüchigkeit dieses Arrangements deutlich. Der Prinz will das Gold nämlich unterschlagen, um damit moderne Waffen und Uniformen für seine Soldaten zu bezahlen. Damit ihm niemand auf die Schliche kommt, sollen weder Tie Yun noch die anderen Bewohner:innen des Goldenen Tals mit dem Leben davonkommen.

Meister Miao bleibt nichts anderes übrig, als sein Dorf verteidigungsbereit zu machen. Auch reaktiviert er, von Tie Yun aufgerüttelt, seine alten revolutionären Kontakte, um den Prinzen und seine Truppen direkt anzugreifen.

Der Filmtitel hat übrigens nicht sonderlich viel mit dem Inhalt zu tun, sondern ist als Anspielung auf The Magnificent Seven gedacht. Zahlreiche Szenen sind deutlich von Western-Ästhetik inspiriert.

7 Assassins ist als Ensemble-Film angelegt. So treten neben Ti Lung eine ganze Reihe weitere Legenden des Hongkong-Kinos als Charakterdarsteller:innen auf, u.a. Kara Hui, Chen Kuan-tai, Dick Wei und Bryan Leung. So etwas funktioniert natürlich nur, wenn man dem Cast entsprechend Raum zur Entfaltung lässt. Das geschieht hier leider nicht, da Eric Tsang sich auf geradezu penetrante Weise immer wieder in den Vordergrund drängt und den ganzen Ansatz des Films konterkariert.

Tsang hat bei 7 Assassins eine Doppelfunktion als Darsteller und Produzent. Regisseur Hung Yan-yan (oder Xiong Xinxin auf Mandarin) hat eine lange Karriere als Stuntman, Schauspieler und Kampfchoreograph vorzuweisen, ist aber auf dem Regiestuhl noch recht unerfahren. Ich werde den Eindruck nicht los, dass Tsang die Produktion auf eine Weise dominiert hat, die dem Film überhaupt nicht gut tut.*

Ausnahmen gibt es zwar auch. So ist Kara Huis Auftritt sehr schön anzusehen. Insgesamt ist der Film aber ein Durcheinander von kaum entwickelten Figuren und jede Menge pathosgeladenen Szenen mit Tsang.

Schade. Ich wollte diesen Film wirklich mögen.

* Es gibt noch weitere Gründe, Eric Tsang unsympathisch zu finden. Er ist, kurz gesagt, so etwas wie der Harvey Weinstein von Hongkong.

Montag, 27. Juli 2020

General Pan, der alte Detektiv und das Mädchen

Noch unbekannter als moderne Wuxia-Romane sind außerhalb der Sinosphäre die klassischen Wuxia-Geschichten, wie sie in der Tang-Dynastie entstanden (und seither nie ganz verschwunden) sind. Für das Genre haben sie nach wie vor Bedeutung, denn hin und wieder entstehen Filme, die den Stoff solcher Geschichten als Ausgangsmaterial nehmen. Meinem Empfinden nach lesen sie sich auch sehr gut und sind keineswegs nur von historischem Interesse.

Ich will einiger dieser Geschichten sozusagen in deutschen Nacherzählungen hier einstellen. In den meisten Fällen dürften sie bisher nicht auf Deutsch erschienen sein. Ich sage bewusst Nacherzählung, denn leider sind mir die Originale sprachlich nicht zugänglich. Ich stütze mich also selber auf englische Übersetzungen der chinesischen Originaltexte. Sinolog:innen mögen mir verzeihen. Ich versuche jedenfalls, nichts hinzuzufügen oder wegzulassen – jedenfalls nicht mehr oder weniger, als das bei Nacherzählungen zwangsläufig passiert.

Den Anfang mache ich mit folgender Geschichte:

»General Pan, der alte Detektiv und das Mädchen« aus der Sammlung Jutanlu des Kang Pian (Tang-Dynastie).

Anschließend noch einige Anmerkungen von mir (die Geschichte aber bitte zuerst lesen, sonst Spoilergefahr!). Erklärungsbedürftige Wörter habe ich im Text mit einem Sternchen versehen:
  • Dharma-Stätte: ein buddhistisches Lehr- und Gebetshaus.
  • Zhang: Längeneinheit, entspricht ca. 3,3 m.
  • Kang: ein Ofenbett

Dieser Geschichte liegt ein wohlbekanntes Motiv aus Wuxia-Erzählungen zugrunde: die Heldin, die nicht erkannt werden möchte. Normalerweise sind Wuxia-Held:innen dem Ruhm überhaupt nicht abgeneigt. Oft suchen sie Zweikämpfe allein deshalb, um sich einen Namen zu machen. Es gibt aber auch das genaue Gegenteil: Held:innen, die um jeden Preis namenlos bleiben wollen. Die Gründe dafür können vielfältig sein. Oft handelt es sich um Personen, die vor politischer Verfolgung in die Jianghu geflohen sind. Manchmal entspricht die Anonymität aber auf einfach einer individuellen Vorliebe.

Letzteres scheint in dieser Geschichte der Fall zu sein. Die namenlose Heldin könnte sich mit Hilfe ihrer Qinggong-Fähigkeiten alle Schätze dieser Welt zusammenräubern, aber sie will es offenbar nicht. Nur manchmal klaut sie für sich und ihrer Mutter ein paar Leckereien aus der Palastküche. Wenn sie etwas Wertvolles stiehlt, dann nur zum Vergnügen und um es wieder zurückzugeben.

Was auffällt, ist die quasi-historische Rahmung der Geschichte. Die Erzählerin gibt zu Beginn ihre Wissenslücken zu (sie weiß nicht, wie General Pan wirklich heißt). Und am Ende nennt sie ihre Quelle: Ein Bürgermeister stellt Nachforschungen über Personen aus der Jianghu an, die unerkannt in der Hauptstadt leben. Er hat die Geschichte aus dem Mund zweier unmittelbar Beteiligter, Pan und Wang Chao, erfahren. Dass der Name der Heldin bis zum Ende nicht genannt wird, heißt wohl, dass der General und der Detektiv über ihre Identität Verschwiegenheit bewahrt haben.

Das aus zahlreichen Wuxia-Filmen bekannte Qinggong gibt es übrigens wirklich. Natürlich können Menschen, die Qinggong beherrschen, nicht wirklich schweben, weil, nun ja, die Schwerkraft existiert. Aber echtes Qinggong kann schon auch ganz beeindruckend aussehen, wie folgendes Video zeigt:

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.