Posts mit dem Label Bealedoggle werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Bealedoggle werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 13. Dezember 2016

Vox Day ist ein Nazi

Letzte Woche erschien auf Black Gate ein Beitrag von Foz Meadows (hier eine archivierte Version). Thema: »The relationship between fiction and politics«. Meadows erwähnt darin die Sad und Rabid Puppies und weist daraufhin, dass beide Gruppen von »an actual neo-Nazi« angeleitet worden seien – gemeint ist natürlich Theo Beale alias Vox Day. Dass Beales Kopf eine Art ideologische Kloake ist, in der sich Ideen der religiösen Rechten, der sogenannten ›Islamkritik‹, des Antifeminismus und Versatzstücke von Rassentheorien zu einer stinkenden Brühe vermischt haben, ist bekannt. Ebenso ist klar, was all diese Vorstellungen gemeinsam haben: Sie stammen von rechtsaußen.

In jüngster Zeit versucht Beale, sich als eine Art Sprecher der Alt-right zu profilieren, also jener heterogenen Strömung von US-Rechtsradikalen, die seit ihrer Unterstützung für Donald Trump auch international von sich reden macht. Die Alt-right ist einerseits aus dem Verrohungsprozess entstanden, den ein beträchtlicher Teil des konservativen und libertären Lagers (in den USA eigentlich Teil des ›normalen‹ politischen Spektrums) durchgemacht hat. Andererseits mischen bei der Alt-right aber auch offen neonazistische Gruppen und solche, die aus der White-Supremacy-Bewegung stammen, mit (auch der Ku Klux Klan hat bekanntlich zur Wahl Trumps aufgerufen). Innerhalb der Alt-right hat sich insbesondere das Online-Magazin The Daily Stormer hervorgetan, das von dem bekennenden Nazi Andrew Anglin herausgegeben wird.

Trotz dieses Schulterschlusses reagiert Beale auffallend dünnhäutig, wenn er mit neonazistischen Bestrebungen assoziiert wird. Als die Tor-Books-Mitarbeiterin Irene Gallo vor einiger Zeit die Sad und Rabid Puppies auf ihrem privaten Facebook-Profil als »two extreme right-wing to neo-nazi groups« charakterisierte, forderte Beale den Verlag allen Ernstes auf, seine Mitarbeiterin zu entlassen. Dem kam Tor Books natürlich nicht nach, aber Verleger Tom Doherty sah sich dennoch veranlasst, sich von Gallos Aussage zu distanzieren, womit er dem Gernegroß Beale unnötig weit entgegen kam. (Beale schwafelt seit Jahren davon, dass sein Kleinverlag Castalia House den etablierten englischsprachigen SFF-Verlagen wie Tor über kurz oder lang das Wasser abgraben werde. Wer sich nicht sicher ist, wie ernst diese Prahlerei zu nehmen ist, mag diesem Blogpost entnehmen, dass Castalias mit Abstand bekanntester Autor, John C. Wright, im vergangenen Herbst seine Stromrechnung nicht bezahlen konnte. Wright, zuvor als relativ erfolgreicher Autor bei Tor unter Vertrag, wechselte aus ideologischen Gründen zu Beales Mikroverlag. Wright ist selber ein klerikalfaschistischer Dampfplauderer, aber ich muss sagen, dass er mir jetzt, wo er die Folgen einer Liaison mit Theo Beale am eigenen Leib erfährt, fast schon leid tut.)

Schon in Bezug auf Gallo sprach Beale von libel, also Verleumdung. So auch jetzt wieder in seiner Reaktion auf Foz Meadows’ Artikel: Er habe sich an John O’Neill gewandt, den Herausgeber von Black Gate, der den verleumderischen Charakter von Meadows’ Text sicher schnell erkennen und von seiner Website entfernen werde. Nun wissen wir aber dank File 770, dass Beale O’Neill gegenüber ganz andere Bedenken äußerte: Beale lebt in Italien, und da es in der EU Gesetze gegen Nazis gebe, befürchte er rechtliche Konsequenzen, wenn er fälschlicherweise als Neonazi bezeichnet werde. O’Neill hat ihm diesen Unsinn offenbar abgekauft, denn auf der Seite von Black Gate sind mittlerweile nur noch die ersten beiden Absätze des Artikels zu lesen. Der komplette Text findet sich jetzt bei Amazing Stories, deren Herausgeber Steve Davidson anscheinend weniger leichtgläubig als O’Neill ist.

Zwar ist in der EU sicherlich noch niemand juristisch belangt worden, weil er im Internet als Neonazi bezeichnet wurde, aber interessant finde ich vor allem, dass Beale sich selber anscheinend nicht sicher ist, ob Polizei oder Staatsanwaltschaft ihn nicht doch für einen Neonazi halten könnten. Denn allen Krokodilstränen und Beschwerden über Verleumdung zum Trotz enthält Beales rechter Ideologie-Mix auch neonazistische Elemente. Sein 16-Punkte-Programm für die Alt-right, das in diversen Sprachen auf seinem Blog zu lesen ist, enthält mit Punkt 14 eine kaum veränderte Variante von David Lanes »Fourteen Words«:
We must secure the existence of our people and a future for white children. 
Lane entwarf diesen Slogan als eine Art Maxime, die die rassistische Grundüberzeugung der radikalen Rechten weltweit zusammenfassen soll. Bei Beale liest sich das dann so:
The Alt Right believes we must secure the existence of white people and a future for white children.
David Lane war einer der führenden Ideologen des Neonazismus in den USA. Er durchwanderte im Laufe seines Lebens das gesamte Organisationsspektrum der radikalen Rechten, indem er nacheinander Mitglied der John Birch Society, des Ku Klux Klan und der Aryan Nations war. Schließlich landete er bei der rechtsterroristischen Gruppe The Order, die 1984 den jüdischen Radiomoderator Alan Berg ermordete. Lane diente bei der Tat als Fluchtfahrer, wofür er eine hohe Haftstrafe erhielt. 2007 starb er im Gefängnis. Seine »Fourteen Words«, die in der Tat zu einem beliebten Slogan von Neonazis auch in Europa geworden sind, stellen überdeutlich eine Paraphrase des folgenden Absatzes aus Mein Kampf dar:
Für was wir zu kämpfen haben, ist die Sicherung des Bestehens und der Vermehrung unserer Rasse und unseres Volkes, die Ernährung seiner Kinder und Reinhaltung des Blutes, die Freiheit und Unabhängigkeit des Vaterlandes, auf daß unser Volk zur Erfülllung der auch ihm vom Schöpfer des Universums zugewiesenen Mission heranzureifen vermag.*
Meines Wissens hat Lane nie offen zugegeben, dass er die »Fourteen Words« aus Mein Kampf abgekupfert hat. Jedoch steht der Absatz in Band I, Kapitel 8 von Hitlers Weltanschauungsschrift, was der unter Neonazis beliebten Codezahl 18 (für AH = Adolf Hitler) entspricht. Lane war bekannt dafür, sich geradezu obsessiv mit solchen Zahlenspielchen zu beschäftigen. Zudem ist die Passage in Mein Kampf im Schriftbild hervorgehoben, also auch ohne intensive Lektüre leicht aufzufinden.

Kurz gefasst übernimmt Beale also den Slogan eines neonazistischen Mörders, der direkt aus Mein Kampf hergeleitet ist. Das hält ihn aber nicht davon ab, auf seinem Blog mit schriller Stimme zu erklären:
I am neither a neo-Nazi nor a National Socialist, I have never been a neo-Nazi or a National Socialist, I do not belong to, or subscribe to the tenets of, the German National Socialist Workers Party or any subsequent facsimile, and I do not appreciate the libelous attempts of Ms Meadows, to publicly and falsely assert that I am “an actual neo-Nazi”. 
Schon klar, dass er das nicht mag. Weil Beale aber ebenso menschenverachtend wie verlogen und feige ist, muss in aller Deutlichkeit erklärt werden: Teddy Beale, Vox Day, ist ein Nazi.

* Adolf Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition, Band I, hg. v. Christian Hartmann u.a., Berlin/München 2016, S. 575f.

Mittwoch, 22. April 2015

Gamergate/Hugogate

Den Puppies, ob traurig oder tollwütig, wird regelmäßig der Vorwurf gemacht, sie hätten die Gamergate-Bewegung aufgefordert, hordenweise ins SFF-Fandom einzufallen und die von den Puppies vorgeschlagenen Werke auf die Hugo-Nominationsliste zu hieven. Ganz unabhängig von der Frage, ob das zutrifft oder nicht, ist das eine spektakulär dumme Idee. Die Puppies nehmen für sich in Anspruch, eine populistische Bewegung gegründet zu haben, die dem ›elitären‹ Dünkel der Worldcon und des von den Worldcon-Mitgliedern vergebenen Preises ein Ende bereiten soll. Tatsächlich haben sie es geschafft, durch ihre Strategie der verbrannten Erde eine entgegengesetzte populistische Bewegung innerhalb des Fandoms entstehen zu lassen, die sich den Slogan »Gamergater und Hugo-Troller raus aus unserem Fandom!« auf die Fahnen geschrieben hat. Steven Brust bemerkte (und ich vermute, das kann als typische Reaktion auf die Puppy-Gamergate-Connection verstanden werden):
Seriously, I do not know of any other person or individual who went out and recruited a group–in this case, not by coincidence, a group of right-wing bigots–from outside the community to come in just for the purpose of driving other works off the ballot. That is over the line.
Aber noch ist zu klären, ob es wirklich zutrifft, dass die Puppies sich unter Gamergatern nach Verbündeten umgeschaut haben. Unbewiesene (und unbeweisbare) Behauptungen haben die Puppies in den letzten Wochen zur Genüge in die Welt gesetzt. Da braucht es nicht auch noch aus der Luft gegriffene Behauptungen über die Puppies.

Am naheliegendsten ist es, Vox Day zu verdächtigen. Der bezeichnet sich in der Tat als Mitgründer von Gamergate. Das mag seine Rolle zutreffend beschreiben oder auch Prahlerei sein (damit muss man bei VD immer rechnen), aber kein Zweifel besteht daran, dass er ein begeisterter Befürworter von Gamergate ist. Erst kürzlich erklärte er in typisch pathetischer Manier: »Science fiction fandom is not my family, #GamerGate is.« Kombiniert man dies mit den Tatsachen, dass Vox Day a) als Fantasy-Autor sagenhaft erfolglos ist, aber b) seine Rabid-Puppies-Fraktion beim Bloc Voting weitaus erfolgreicher war als der Hauptstrom der Sad Puppies um Larry Correia und Brad R. Torgersen – dann liegt die Vermutung nahe, dass massenhaft Gamergater und andere Kulturkrieger_innen Voxens Aufforderung gefolgt sind, seine Empfehlungsliste en bloc für den Hugo Award zu nominieren. Immerhin waren die Rabid Puppies mit ihrer Liste ungleich erfolgreicher als die Sad Puppies.

Gegenwärtig scheint den Wortführern der Sad Puppies (insbesondere Torgersen) zu dämmern, dass sie ihrem Ansehen massiven Schaden zugefügt haben, und sie versuchen auf nicht sonderlich überzeugende Weise, sich von Vox Day zu distanzieren. In dieser Situation wäre es Correia und Torgersen womöglich höchst willkommen, VD zu dem bösen Buben zu erklären, der allein den Gamergatern die Tore zum SFF-Fandom geöffnet hat. Jason Sanford meint allerdings, dass wir hier Zeug_innen eines »Guter Bulle, böser Bulle«-Spiels sind, und ich glaube, er hat recht. Torgersen und Correia mögen sich noch so gemäßigt geben und stetig behaupten, nur an ›unterhaltsamer‹ SF interessiert zu sein, aber besonders Correia treibt auch ganz andere Spielchen. Am 4. Februar rief er unter dem Titel »I Need Your Help (gathering links to SJW attacks in sci-fi for a news reporter« dazu auf, Beweise für einen angeblichen »anti-conservative bias« im Fandom zu sammeln:
I’ve been approached by a major media outlet gathering information about our little corner of the culture war. [...] They asked if I had links to blog posts, comments, etc.
I don’t keep track of most of what these people say about us. Honestly you can only get called a racist hate monger by so many crazy people before it just becomes background noise. So if you guys don’t mind, would you please post your favorites in the comments below.
Correias Fans überschlagen sich daraufhin fast vor Schadenfreude (»Should be a real career boost for the SFWA clod-hoppers.«), aber die Ausbeute ist nicht sonderlich groß. Der gute Larry daraufhin: »Anything will do.« Am 5. Februar erscheint dann der von Correia angekündigte Artikel, und das »major media outlet« stellt sich als die konservative Newssite Breitbart.com heraus. Anstelle der »many crazy people«, die Correia versprochen hatte, werden in dem Artikel nur John Scalzi, Mary Robinette Kowal, N.K. Jemisin und Jim C. Hines genannt – also die vier Namen allseits bekannten Namen, die die Puppies nur mit Schaum vor dem Maul aussprechen können (wobei ich sagen muss, dass mir schleierhaft ist, warum ausgerechnet diese vier zu den bevorzugten Hassobjekten der Welpenmeute geworden sind, ausgenommen Jemisin, in deren Fall es sich eindeutig um Rassismus handelt).

Nun stellt sich bei Erscheinen des Artikels heraus, dass der gute Larry ein klein wenig gemogelt hat. Als einer der beiden Autoren bei Breitbart.com zeichnet nämlich Milo Yiannopoulos verantwortlich. Der ist aber keineswegs auf Correia zugekommen, ganz im Gegenteil: Correia hat Yiannopoulos seine Welpentruppe als die SFF-Parallelentwicklung zu Gamergate verkauft. Auf Twitter ließ sich beobachten, wie Correia mit Yiannopoulos Kontakt aufnahm:




Correia stellte die Puppies-Kampagnen also als eine Aktion vor, die ähnliche Taktiken wie Gamergate anwendet (Cybermobbing? Doxxing?), und weckte damit sofort das Interesse von Yiannopoulos alias @Nero. Aber wer ist dieser Typ überhaupt?

Milo Yiannopoulos ist ein britischer Journalist, der zum ersten Mal 2009 von sich reden machte, als er im Vorfeld der Proteste gegen den G20-Gipfel auf Twitter verkündete, er hoffe, die Polizei werde »die Scheiße aus diesen Wichsern rausprügeln« (»beat the shit out of those wankers«). Sein Wunsch ging in Erfüllung, denn am Rande der Proteste erschlug ein Polizist den herzkranken Passanten Ian Tomlinson. Yiannopoulos entschuldigte sich hastig für seinen Tweet und behauptete, er habe nicht gewusst, dass so etwas passieren könne. 2011 gründete Yiannopoulos mit The Kernel sein eigenes Online-Magazin. Im Jahr darauf gelangte an die Öffentlichkeit, dass Yiannopoulos verschiedenen Mitarbeiter_innen des Magazins tausende Pfund für ihre Beiträge schuldete. Einem Mitarbeiter, der seine Bezahlung einforderte, drohte Yiannopoulos mit Doxxing, wie der Guardian berichtete.

Für Gamer hatte Yiannopoulos anfänglich nicht besonders viel übrig. Auf Twitter sprach er einmal von »pungent beta male bollock-scratchers and twelve-year-olds«. Sein Herz für diejenigen, die er zuvor mit so viel Häme bedacht hatte, entdeckte er 2014, als die Gamergate-Kontroverse losbrach:
It’s easy to mock video gamers as dorky loners in yellowing underpants. Indeed, in previous columns, I’ve done it myself. [...] But, the more you learn about the latest scandal in the games industry, the more you start to sympathise with the frustrated male stereotype. Because an army of sociopathic feminist programmers and campaigners, abetted by achingly politically correct American tech bloggers, are terrorising the entire community ...
Wenn es darum geht, gegen Feministinnen vom Leder zu ziehen, schließt man als fescher jungkonservativer Journalist schon mal ein Bündnis mit übelriechenden, eierkratzenden Betamännchen in vergilbten Unterhosen. (Man kann sich in etwa vorstellen, was für ein Bild Yiannopoulos von seinem neuen Verbündeten Correia hat. Ich frage mich nicht zum ersten Mal, wie diese ganzen Deppen es eigentlich miteinander aushalten.) In der Folge entwickelte Yiannopoulos sich zu einem zentralen Protagonisten von Gamergate und berichtete intensiv über die Bewegung. Ende 2014 kündigte er an, ein Buch über Gamergate schreiben zu wollen.

Ich finde das alles in mehr als einer Hinsicht aufschlussreich:
  1. Larry Correia, dem Erfinder der Puppies-Kampagnen, geht es (allen großen Worten zum Trotz) nicht um den Zustand der SFF. Er sieht das Genre einfach als seine »little corner of the culture war«.
  2. Um seinen Kulturkrieg zu führen, ist er ebenso wie Vox Day bereit, Bündnisse mit Leuten einzugehen, die sich nicht oder nur wenig für SFF interessieren.
  3. Hugogate ist kein gewöhnlicher Streit unter Nerds, der schnell aufflammt und schnell nachlässt. Wir werden weiterhin mit den Puppies zu rechnen haben. Vielleicht unter anderem Namen, vielleicht werden sich die Inhalte des concern trollings verschoben haben. Warum? »They can’t understand why they’re losing.« – Laurie Penny

Freitag, 10. April 2015

Read the Comments

CN: Violent misogynistic threats and rape apologia quoted in screenshot.

Yesterday, the Guardian ran a piece about Puppygate. In the comment section, a discussion of the opinions of Mr Theodore Beale ensued.


 The Guardian moderator weighed in with some helpful advice.


Beatus qui procul illi canulo est.

Mittwoch, 8. April 2015

Hugo-Humor

Ich gehöre zu den Menschen, die gern über traurige Hundewelpen lachen, besonders über solche, die nicht stubenrein sind. Deshalb habe ich die spaßigsten Netzfunde über Sad Puppies, Hugogate etc. hier zusammengestellt.

Ich präsentiere zunächst das offizielle Blog von Sad Puppies Enterprises, Un-Ltd.! Eine Fundgrube nützlicher Informationen für alle Puppies und solche, die es werden wollen. Besondere Empfehlungen spreche ich aus für »What Weapons Are Permitted at Worldcon?« und das »Sad Puppies Quiz«, mit dem man ganz ohne weltanschauliche Schulung durch Vox Day oder John C. Wright testen kann, ob man eine Puppy-taugliche Ideologie hat.

John Scalzis eloquente Rekonstruktion, wie Brad R. Torgersen Kandidat_innen für Sad Puppies 3 geworben hat:
I’m feeling increasingly sorry for the nominees on the Hugo award ballot who showed up on either Puppy slate but who aren’t card-carrying Puppies themselves, since they are having to deal with an immense amount of splashback not of their own making. And to this you may say, well, but the Puppies maintain that everyone on their slate was notified, so they knew what they were getting into. But as it turns out, we know that at least some of the people on the Puppy slates weren’t contacted before the nominations came out [...].
Also, let me suggest that when Brad Torgersen (or whomever) went off notifying people of their presence on the slate, he probably did not lead with “Hi, would you like to be part of a slate of nominees whose organizers whine darkly and incessantly about the nefarious conspiracies of the evil social justice warriors to infiltrate all levels of science fiction, and which will also implictly tie you and your work to at least one completely bigoted shitmagnet of a human being?” Rather more likely he played up the “we’re trying to get stuff on the ballot we think is cool that doesn’t usually get on it” angle and downplayed, you know, that other stuff.
Charles Stross hat einiges Wissenswertes über Vox Days (kurz VD, alias Theo Beale) persönlichen Verlag Castalia House zusammengetragen:
castaliahouse.com is registered to:
Registrant Name: MARKKU KOPONEN
Registrant Organization: ALPENWOLF OY
of Kouvola, Finland.

alpenwolf.com is registered to:
Registrant Name: Theo Beale
Registrant Organization: Comtrol GmbH (comtrol.ch) of Oxfordshire, UK.
Kommentator #133, Steve Halter, weiß noch mehr:
I see that Comtrol GmbH is the UK branch of Comtrol Corporation. Comtrol is the company founded by VD’s father, Robert Beale—now in US federal prison for tax evasion.
The company management is now:
Board
Rebecca Summers-Beale – Owner
...
Bradford Beale – President
Management
Rebecca Summers-Beale – Owner
Bradford Beale – President
Rebecca Summers-Beale is VD’s mother and Bradford Beale is VD’s brother.
Wenn das nicht nach einem traditionsreichen Familienunternehmen aussieht. Etwas irritiert bin ich allerdings über den Doppelnamen von Theos Mutter. Was sind denn das für Sitten?

Alan Ziebarth hat den besten Sad-Puppies-Glühbirnenwitz:


Womit das Stichwort gefallen wäre. Warum reden die Puppies, insbesondere Vox Day, eigentlich pausenlos über Scalzi, Scalzi, Scalzi? Ganz einfach: Sie glauben, John Scalzi sei das geheime Oberhaupt, sozusagen der Adam Weishaupt einer weitgespannten Verschwörung, die die Berufsorganisation Science Fiction and Fantasy Writers of America (SFWA), den Verlag Tor Books und den Hugo Award umfasst. Unter größter Geheimhaltung haben die Eingeweihten, so die Puppies, jahrzehntelang das praktiziert, was die Puppies offen tun: Nominierungsempfehlungen en bloc aufgestellt, um sich gegenseitig Hugos zuzuschanzen und die Puppies von der begehrten Trophäe fernzuhalten. Man erkennt die dahinter stehende Argumentation: Die da haben’s zuerst gemacht, also ist es nicht so schlimm, wenn wir es jetzt auch machen.

Allerdings gibt es nicht den geringsten Beweis dafür, dass ein solches jahrzehntelanges Bloc Voting unter der Ägide John Scalzis jemals stattgefunden hat. Ein Worldcon-Mitglied mit dem Nickname rcade hat beim Alpha-Puppy Larry Correia persönlich nachgefragt, welche Beweise für die Scalzilluminati-Verschwörung es gebe:
Correia admitted to me on his blog that he has zero evidence that any novel/novella/novelette category of the Hugos has been unfairly manipulated in the past 10 years. The “SJW victimization” story he and Brad Torgersen are peddling is just a myth to motivate people to part with $40 and vote for his bloc.
(40 US-Dollar kostet die Worldcon-Mitgliedschaft, die Stimmrecht für den Hugo verleiht.) Worauf ein Puppy-Sympathisant namens jamesthewanderer antwortet:


Die SJWs sind aber auch echt zu doof: Natürlich gibt es keine Beweise, sonst wäre es ja keine richtig geheime Verschwörung! Gerade das Fehlen der Beweise beweist, dass es eine Verschwörung gibt. Im Aufdecken solcher Verschwörungen haben es die Puppies zu einiger Meisterschaft gebracht:
  • 2012 schrieb Theo Beale in Black Gate einen Artikel mit dem Titel »SF/F Corruption: Part I«. Darin behauptete er, weibliche Mitglieder der SFWA schanzten sich gegenseitig Nebula Awards zu (ja, vor den Hugos waren die Nebulas dran) und schlössen männliche Autoren systematisch aus. Das erzeugte einiges Gelächter in den Kommentaren zum Artikel, worauf der gute Theo erwiderte:
    Zu diesem Zeitpunkt war ihm wohl noch nicht klar, dass eine Verschwörung nur dann authentisch ist, wenn es keine Beweise für sie gibt. Er scheint sich aber schnell berappelt zu haben, denn »SF/F Corruption: Part II« ist mitsamt den angekündigten Beweisen nie erschienen.
  • 2014 kündigte John C. Wright mit großem Getöse seine SFWA-Mitgliedschaft, und zwar aus folgendem Grund:
    Wright hat aus Beales Anfängerfehler gelernt, denn nachdem SFWA um Beweise für diese Behauptung bat, gab er die folgende wohlüberlegte Antwort:
    Several people, both publicly and privately, have asked me for the details of my claims, to name the events and persons involved. I politely but firmly decline to do so since some of the names are those I have worked with in the past and might work with in the future, men [sic!] whose work I read with pleasure and admiration, and I seek no public shame to visit them.
    Such is the courtesy which, at one time, one professional expected from another. I find it sad that I am required to explain it.
    And it would be ironic indeed if I failed to display the professionalism whose lack forms my main complaint.
    Was letztes Jahr galt, gilt natürlich auch heute noch. Es wäre schon extrem unprofessionell, wenn die Puppies jetzt noch irgendwelche Beweise für eine Verschwörung um Worldcon und Hugo Awards vorlegten, nachdem sie schon für die Verschwörung um SFWA und Nebula Awards keine hatten.

Dienstag, 7. April 2015

Hugogate

Frisch zurück aus dem Urlaub, habe ich ganz schön viel zu klicken und zu scrollen, um mich auf bezüglich der neuesten Fandom-Kontroverse auf den neuesten Stand zu bringen. Was ist da nur wieder los? Ich versuche mal, es aufzudröseln.

Anlass ist der diesjährige Nominierungsprozess für den Hugo Award. Dieser jährlich verliehene Preis gilt allgemein als eine der drei bedeutendsten Genreauszeichnungen – die beiden anderen sind der Nebula Award und der World Fantasy Award. Benannt ist er nach Hugo Gernsback, dem Erfinder der Science Fiction, und verliehen wird er auf der World Science Fiction Convention (Worldcon). Da der Hugo häufig mit dem Nebula verwechselt wird, ist es wichtig, die Unterschiede zwischen beiden Preisen herauszustellen: Der Nebula wird von den Science Fiction and Fantasy Writers of America (SFWA) verliehen. Der Hugo wird (wie gesagt) auf der Worldcon verliehen und ist ein Publikumspreis. Auch die Verwechslung mit einer anderen Kontroverse, die sich um einen Genrepreis rankte, ist zu vermeiden: Der World Fantasy Award ist als Büste H.P. Lovecrafts gestaltet, der Hugo hat dagegen die Form einer Raumrakete.

Die Ermittlung der Preisträger_innen erfolgt durch ein kompliziertes Procedere, das ich recht ausführlich beschreibe, weil sonst nicht recht verständlich sein wird, was genau passiert ist: Der Hugo wird in einer ganzen Reihe von Kategorien vergeben. In jeder Kategorie gibt es fünf Nominierungen, aus denen die Preisträger_innen ausgewählt werden. Nominierungsvorschläge können alle zahlenden Worldcon-Mitglieder einreichen (die Mitgliedschaft kostet 40 US-Dollar). Die fünf meistnominierten Werke, Personen oder Publikationsorgane (das ist je nach Kategorie unterschiedlich) kommen auf die endgültige Liste. Die Mitglieder können dann ein Ranking der Nominierungen vornehmen, wobei die Stimmen der auf der Worldcon tatsächlich anwesenden Mitglieder doppelt zählen,* und die in jeder Kategorie Höchstgerankten bekommen den Preis. Get it?

Das klingt nicht weiter aufregend. Aber es gibt ja die Sad Puppies, die nun schon im dritten Jahr zuverlässig dafür sorgen, dass die Hugo-Vergabe zu einem Popcorn-trächtigen Ereignis wird, und damit der Grund für diesen Blogpost sind. Die Sad Puppies sind eine Gruppe von Autor_innen aus dem rechtskonservativen bis -radikalen Spektrum, die irgendein Problem mit dem Hugo haben. Was für ein Problem, ist nicht ganz klar. Mal verkünden die Puppies, dass der Hugo auschließlich von Klimawandel-Kommies und genderqueeren Emanzen mit ihrer politisch-korrekten message fiction gewonnen werde, sei ein Skandal, denn dadurch werde das Ansehen des gesamten Fandoms beschädigt. Dann wieder heißt es, die Worldcon mitsamt ihrer Preisverleihung sei eine unbedeutende, versnobte Veranstaltung, die lediglich einen kleinen Teil des Fandoms repräsentiere und jedem aufrechten SFF-Fan egal sein könne. Nun ja. Vom Wahrheitsgehalt dieser Behauptungen abgesehen, erschließt sich einfach nicht, warum die Sad Puppies so ein Gewese um den Hugo machen, wenn sie ihn a) scheiße und b) unbedeutend finden. Wenn a) zutrifft, dann gewinnen die aus Sicht der Puppies falschen Leute den Preis. Aber wenn auch b) zutrifft, dann müsste es den Puppies im Grunde schnurz sein, dass der Hugo überhaupt an irgendwen verliehen wird. Entsprechend unklar sind ihre Ziele: Behaupten sie heute, dafür sorgen zu wollen, dass der Hugo endlich wieder den populären Geschmack repräsentiert (der nach Puppy-Überzeugung natürlich konservativ ist), erklären sie morgen, lediglich daran interessiert zu sein, das Wahlprocedere zu sabotieren, um der Worldcon und ihren Fans eins auszuwischen. Man merkt, es gibt gewisse Parallelen zwischen Puppies und Gamergatern. Letztere sind sich ja auch nicht ganz einig, ob sie lieber feministische Spielekritikerinnen trollen oder sich hehren Zielen (ethische Standards im Gaming-Journalismus!) verschreiben wollen.

Eines lässt sich meiner Auffassung nach aus all dem wirren Gerede herausfiltern: Die Puppies glauben, die Tendenz der Hugos sei zu ›literary‹ und nicht ›entertaining‹ genug. Sie geben sich populistisch und behaupten, die Mehrheit der SFF-Fans interessiere sich nicht für formale Experimente oder politische Subtexte in ihrem bevorzugten Lesestoff, sondern wolle actionkrachende Geschichten, in denen Helden mit dicken Laserwaffen die Erde vor schleimigen Aliens retten (dass auch solche Geschichten einen politischen Subtext haben, weisen die Puppies natürlich entrüstet von sich – ihnen gehe es einfach nur um gute, altmodische Unterhaltung). Der gegenwärtige Wortführer der Puppies ist Brad R. Torgersen, der sich »explosions! And kick-ass laser battles!« wünscht, in der gegenwärtigen SFF aber nichts als »tedious ›message‹ fiction, depressing talk-talk stories about amoral people with severe ennui« zu erblicken vermag. Die Lösung für dieses Problem liegt auf der Hand: Torgersen und die anderen Puppies müssten die Art von SFF schreiben, die sie selbst gern lesen würden, und vielleicht einen Puppy Award ausschreiben, der ausschließlich an explosions- und laserlastige Werke vergeben wird. Wenn die Puppies recht haben und ihr Geschmack wirklich mit dem der Fan-Mehrheit identisch ist, dann müsste der Puppy Award innerhalb kürzester Zeit hohes Ansehen genießen und der Hugo Award in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.

Allerdings gibt es einen Umstand, den die Puppies in ihrem Weltbild nicht unterbringen können: Der Hugo ist nun einmal definitiv ein Publikumspreis. Wer ihn erhält, wird nicht von linksliberalen Akademiker_innen in irgendeinem Hinterhimmer ausgeklüngelt. Es liegt in den Händen von Fans. Selbstverständlich repräsentiert Worldcon nicht das gesamte Fandom (da sind all die SFF-Leser_innen davor, die sich weder für diese noch eine andere Con interessieren), aber ein Blick auf die Liste der vergangenen Preisträger_innen in der Kategorie »Best Novel« zeigt, dass das Worldcon-Publikum keineswegs eine Vorliebe für Abgehobenes hegt. Die überwiegende Mehrheit der Preisträger_innen besteht aus Genre-Größen wie Asimov, Bester, Bradbury, Bujold, Clarke, Leiber, Herbert und Pohl. Es sind zwar auch einige Namen darunter, deren Werk man als experimentell oder ›literary‹ bezeichnen könnte, wie Philip K. Dick, Ursula K. Le Guin, China Miéville oder Michael Chabon, aber stärker noch finden sich konservative Lieblinge wie Robert A. Heinlein, Larry Niven, Vernor Vinge und Orson Scott Card vertreten. Deutlich gestiegen ist im Laufe der Zeit der Anteil an Fantasy. Unter den Preisträger_innen der letzten beiden Jahrzehnte sind Neil Gaiman, Joanne K. Rowling, Susanna Clarke und Jo Walton. Da es keine Vorgaben gibt, welche Werke für den Hugo nominiert werden, liegt es im Ermessen der Fans, ob sie nur SF gelten lassen wollen oder auch Fantasy für preiswürdig halten. Anscheinend ist seit der Jahrtausendwende zunehmend letzteres der Fall.** Alles in allem würde ich sagen: Wenn man eine größere Zahl von zufällig ausgewählten Genre-Fans in einen Raum setzte und sie fragte, welche die bedeutendsten SFF-Romane der letzten 60 Jahre seien, würde wahrscheinlich eine Liste dabei herauskommen, die sich in weiten Teilen mit der »Best Novel«-Kategorie des Hugo deckt. Die Behauptung, der Hugo sei abgehoben und repräsentiere nur eine elitäre Minderheit des Fangeschmacks, ist definitiv heiße Luft.

Vielleicht lohnt es sich, einen Blick auf die Autor_innen zu werfen, die hinter den Sad Puppies stecken. Es handelt sich neben Torgersen hauptsächlich um Larry Correia, John C. Wright, Vox Day, Michael Z. Williamson, Sarah Hoyt, L. Jagi Lamplighter und Tom Kratman – eine verdächtig Hugo-freie Zone.*** Die Sad Puppies mögen außerordentlich überzeugt sein, dass sie (und sie allein) den Geschmack des SFF-Publikums repräsentieren, aber die Worldcon-Mitglieder sehen das anscheinend nicht so. Ich halte das für nicht weiter verwunderlich: Die Puppies schreiben hauptsächlich in den Bereichen Space Opera, Military SF und waffen-/actionlastige Urban Fantasy. Das sind Subgenres, die auf jeden Fall ein Publikum haben, aber wenn es nicht gerade um Kinofilme geht, ist der gegenwärtige Schwerpunkt des Genres (bzw. der beiden Genres Fantasy und SF) doch deutlich anders gelagert. In der Tat ließe sich die Frage stellen, ob es angesichts der stark diversifizierten und im Fall der Fantasy immer mehr mit dem Mainstream verschwimmenden SFF-Produktion überhaupt noch angebracht ist, von dem einen Schwerpunkt des Genres zu sprechen.

Die Sad Puppies wiederum haben nicht den geringsten Zweifel, wo der Schwerpunkt des Genres liegen sollte, nämlich bei ihnen. Da sich dieser reichlich verstiegene Anspruch aber nicht mit der Realität des Publikumspreises Hugo deckt, nehmen sie zu einer Verschwörungstheorie Zuflucht: Puppies wie Torgersen, Wright und Correia sind zwar außerordentlich erfolgreiche und universell beliebte Autoren, aber liberale Weichlinge und verbitterte Feministinnen ziehen bei den Hugo-Wahlen im Hintergrund die Strippen und sorgen dafür, dass die Puppies bei der Preisverleihung leer ausgehen. Das ist eine weitaus zufriedenstellendere Erklärung als etwa die, dass Torgersens Vorstellung, einzig und allein »explosions! And kick-ass laser battles!« machten unterhaltsame Geschichten aus, doch ein klitzeklein wenig pubertär ist (und um so peinlicher, da sie nicht von einem Vierzehnjährigen kommt). Was machen nun traurige Hündchen, die durch die Machenschaften des snobistischen SFF-Establishments um die Früchte ihres Erfolgs gebracht werden? Sie organisieren eine Kampagne.

In den letzten drei Jahren haben die Puppies jeweils eine Empfehlungsliste aufgestellt und bei ihren Fans massiv dafür geworben, diese Liste en bloc zu nominieren. 2013 erregte das noch wenig Aufsehen. 2014 nahm dann Larry Correia, mit Abstand der kommerziell erfolgreichste Puppy-Autor, die Sache in die Hand und sorgte für reichlich Kontroverse, indem er empfahl, ein Opera Vita Aeterna (sic!) betiteltes Machwerk von Vox Day in der Kategorie »Best Novelette« zu nominieren. Diese auf Konfrontation setzende Strategie sorgte dafür, dass die Sad-Puppies-Kampagne von größeren Teilen des Fandoms wahrgenommen wurde. Zu irgendwelchen Hugo-Gewinnen der Puppies führte sie nicht, aber angeblich geht das Interesse von Correia, Torgersen & Co. ja allein dahin, die Hugos zu sabotieren, weshalb sie zwar ununterbrochen von den Hugos reden, aber stets beteuern, dass sie gar kein Interesse daran haben, tatsächlich einen Hugo zu gewinnen. Offen bleibt, wie die Erklärungen der Puppies lauten werden, sollten sie sich dann doch mal durchsetzen und einen Preis erhalten.

Das könnte dieses Jahr passieren, denn die penetrante Vorgehensweise der Puppies hat dazu geführt, dass die Liste der endgültigen Nominierungen, die vor ein paar Tagen bekannt gegeben wurde, mit Puppy-Empfehlungen geradezu überflutet ist. 60 von 85 Plätzen sind von den Puppies erobert worden, was zu teils absurden Ergebnissen führt: Drei der fünf Nominierungsplätze in der Kategorie »Best Novelette« sind mit Werken John C. Wrights besetzt. Anscheinend spielt bei den Puppies nicht nur die Liebe zu Explosionen und Laserwaffen eine Rolle, sondern auch ein gerüttelt Maß an Egozentrik. Natürlich bedeutet das noch nicht, dass die Puppies am Ende wirklich abräumen werden. Einzelne Werke können aus formalen Gründen ausgeschlossen werden (nominierbar sind nur englischsprachige Veröffentlichungen aus dem letzten Jahr), die Worldcon-Mitglieder können beim Ranking der Nominierungen in jeder Kategorie angeben, dass sie lieber keinen Award vergeben wollen – oder die Organisator_innen könnten entscheiden, dass dieses Jahr kein Preis verliehen wird. In meinen Augen wäre das sogar der allein würdige Weg, der jetzt zu gehen wäre.

Zur Genüge bewiesen, dass es ihnen nicht um literarische Qualität geht (nicht mal dann, wenn man Action als hauptsächlichen Qualitätsindikator ansieht), haben die Puppies letztes Jahr, als sie die Nominierung von Vox Day durchsetzten. Theo Beale alias Vox Day ist durch sein Blog Vox Popoli (sic!) und die Newssite WorldNetDaily.com eher als rechtsradikaler Provokateur denn als Autor bekannt. Da er aber nun einmal nominiert war, lasen viele Leute sein Opera Vita Aeterna und konnten sich selbst überzeugen, dass es mit Beales schriftstellerischem Talent nicht weiter her ist als mit seinen Lateinkenntnissen. Dennoch war den Puppies durch seine Person maximale Aufmerksamkeit garantiert. Beale gehörte einige Zeit zum Team von Black Gate, bis er dort einen Artikel veröffentlichte, in dem er behauptete, von einer feministischen Verschwörung (gar schröcklich!) in der SFWA, der Berufsorganisation der SFF-Autor_innen in den USA, Kenntnis erlangt zu haben. Die angekündigten Beweise für diese Kabale lieferte er nie, und seine Karriere bei Black Gate nahm ein abruptes Ende. Als nächstes machte er von sich reden, als er einen offiziellen Twitter-Account dazu missbrauchte, die schwarze Autorin N.K. Jemisin als »educated, but ignorant savage« zu bezeichnen. Nach einigem Hin und her beschloss SFWA Beales Rauswurf. Mittlerweile betreibt er einen Kleinverlag namens Castalia House, in dem neben seinen eigenen Werken auch solche von weiteren Puppy-Autoren wie Wright und Kratman erscheinen.

Auf der diesjährigen Empfehlungsliste der Puppies glänzt Vox Day durch Abwesenheit. Das scheint mir nur folgerichtig, denn nach der letztes Jahr generierten Aufmerksamkeit gibt es für die Puppies keine Notwendigkeit, erneut den Skandal zu suchen. Entsprechend hat Torgersen, der sich deutlich gemäßigter gibt, das Ruder von Correia übernommen. An der Sache ändert das nichts. Je nachdem, welcher der Absichtserklärungen der Puppies man Glauben schenkt, geht es ihnen darum, den Hugo zu sabotieren, was ein Schlag ins Gesicht für die Worldcon-Leute ist, deren Herzblut in diesem Preis steckt. Oder es geht ihnen darum, möglichst viele Preise einzusacken und damit andere Werke, die womöglich der Auszeichnung würdiger sind, von der Nominierungsliste zu verdrängen. Beale, der selbst nach Puppy-Standards kein sonderlich empfehlenswerter Autor sein dürfte, hat zur Entschädigung dieses Jahr gewissermaßen seine eigene Fraktion gründen dürfen. Die hat er Rabid Puppies getauft und unter ihrem Namen eine eigene Empfehlungsliste zusammengestellt, die größtenteils mit der Liste der Sad Puppies identisch ist – mit einer wenig überraschenden Ausnahme: Beale hat 67 Empfehlungen ausgesprochen. Etwa ein Fünftel davon ist in seinem eigenen Kleinverlag erschienen. In zwei Kategorien hat er der Einfachheit halber gleich sich selbst empfohlen.

Das vorläufige Ergebnis der Sad-Puppy-Kampagne ist, dass der diesjährige Hugo Award unheilbar kompromittiert ist. Jede Autorin, die nicht über die Kampagne auf die Nominierungsliste gelangt ist, müsste sich im Falle eines Sieges fragen, ob sie nur deshalb ausgezeichnet worden ist, weil die Worldcon-Mitglieder dem Puppy-Unsinn eine Absage erteilen wollen. Auf der anderen Seite haben sich einige Personen zu Wort gemeldet, die ohne ihr Wissen oder Einverständnis auf der Puppy-Empfehlungsliste gelandet sind, und wenig Lust verspüren, sich vor diesen Karren spannen zu lassen. Ich verweise auf Matthew David Surridge und Dave Creek. Andere Personen, die ohne ihr Einverständnis von den Puppies rekrutiert wurden, freuen sich über die Nominierung, haben aber durchaus gemischte Gefühle, wie etwa John O’Neill sie für Black Gate äußert. In meinen Augen hätte Black Gate einen Hugo verdient, aber ich finde O’Neills Position vorbildlich, wenn er schreibt:
I won’t be attending [Worldcon]. But if I were, I would vote “No Award” — including for Best Fanzine, the slot Black Gate is in. I would do the same regardless of who made this dubious “accomplishment.”
Wenn die Worldcon-Organisator_innen nicht beschließen, die Preisverleihung für dieses Jahr abzusagen, wird den Besucher_innen, die an der Integrität des Hugo interessiert sind, nichts anderes übrig bleiben, als O’Neills und Deirdre Saoirse Moens Vorschlag zu folgen und sämtliche durch die Sad Puppies erfolgten Nominierungen mit Missachtung zu strafen – auch wenn dann kaum noch etwas übrig bleibt.

* An dieser Stelle bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich das Regularium richtig verstanden habe. Etwaige Fehler gehen auf meine Kappe. Anscheinend habe ich mich hier tatsächlich getäuscht.

** Bis Anfang der Achtziger wurde ebenfalls auf der Worldcon der auf Fantasy fokussierte Gandalf Award verliehen, der aber zunehmend im Schatten des World Fantasy Award stand.
*** Eine gewisse Rolle bei den Puppies spielen außerdem Toni Weisskopf, die Verlegerin von Baen Books, und das Blog Mad Genius Club. Auch die konservative Website Breitbart.com unterstützt die Kampagne.

Sonntag, 13. Juli 2014

Bealedoggle

Inhaltswarnung: Sexueller Missbrauch, Homophobie.

Der Fall MZB weist eine bislang wenig beachtete Facette auf, die ich Bealedoggle getauft habe: Es geht darum, dass der rechtsradikale Flügel des US-Fandoms die Missbrauchsvorwürfe gegen Bradley instrumentalisiert. Federführend ist dabei Theo Beale alias Vox Day. Der ist bekanntlich im vergangenen Jahr recht schmählich bei SFWA, der Vereinigung der SFF-Autor_innen in den USA, rausgeflogen. Nun sieht er offenbar die Gelegenheit zur Rache gekommen. SFWA scheint für Beale schon seit längerem ein rotes Tuch zu sein. 2012 veröffentlichte er einen Artikel in Black Gate, in dem er mit großer Geste ankündigte, bald mit Beweisen über massive Korruption in der Schriftsteller_innenvereinigung an die Öffentlichkeit zu treten. Die Beweise kamen natürlich nie, und Beales Artikel erregte allgemeine Heiterkeit. Auch jetzt wittert Beale wieder eine ungeheure Verschwörung in den Reihen der Organisation, deren aktive Mitgliederzahl sich gerade mal im dreistelligen Bereich bewegt. Er schreibt im Akkord Blogposts, in denen er SFWA beschuldigt, eine Tarnorganisation für einen Kinderhandelring zu sein (wer sich jetzt fragt, wie man auf so etwas kommen kann, kennt Vox Day noch nicht). Bemerkenswerterweise finden sich unter diesen Blogposts hunderte von zustimmenden Kommentaren, bis hin zu Phantasien darüber, Samuel R. Delany zu erschießen. Das liest sich dann zum Beispiel so:
These pedophile rings tend to run through unaccountable organizations with flimsy stated outcomes but a seemingly decent cover story. I’m not saying they [SFWA] are necessarily a long-time front organization for child trafficking, just that they are doing a lousy job of not looking like they could be.
Einige entwerfen schon konkrete Aktionspläne gegen diese Berufsorganisation, die sich einfach nicht genug Mühe gibt, nicht wie eine »long-time front organization for child trafficking« auszusehen:
There are three or four investigators I could think of to put onto this thing and really blow it wide open, and create a set of research documents that really makes things uncomfortable at the SFWA. Especially if you have the private archives at your disposal.
Nun ja. Beale und seine Fans sind Alu-Hüte, wie sie im Buch stehen. Wären ihnen nicht die Enthüllungen über MZB in den Schoß gefallen, würden sie sich die Zeit mit Anti-Impf-Propaganda und Diskussionen über kreationistische ›Wissenschaft‹ vertreiben. Man könnte das als besonders bizarren Auswuchs des an Absonderlichkeiten wahrlich nicht armen ideologischen Treibhauses abtun, in dem Beale und Konsorten leben, ginge es dabei nicht auch um einen der bedeutendsten Intellektuellen des SFF-Felds: Samuel R. Delany. Der Stein des Anstoßes ist ein Zitat von Delany, das der englischen Wikipedia-Artikel über die Pädosexuellen-Organisation NAMBLA folgendermaßen wiedergibt:
In extended interviews about his novel Hogg in 2004 he stated he supported a group like NAMBLA because “abuse is fostered by the secrecy itself and lack of social policing”. He expounded that “for thousands of years, relations we assume are abusive by definition (child marriages, slavery, child labor, etc.) were the social and legal norm, institutional and ubiquitous [..] behavior that we [today] find wholly unacceptable—flogging slaves, wife beating, and child beating (in the family, in the school, and at the factory)—was recommended by experts and clergymen as the most efficient and least disruptive way to maintain [social] order. All of these institutions changed, nevertheless, only when they were no longer economically feasible or beneficial to the greater society.
Zeichensetzung, Auslassungen etc. habe ich unverändert von Wikipedia übernommen. Das Zitat steht seit September 2010 in dieser Form im Artikel. Für Beale und einige andere reichte das aus, um Delany mit Breens und Bradleys sexuellen Übergriffen zu assoziieren. Grund genug, sich Delanys Verhältnis zu NAMBLA einmal genauer anzusehen. Zunächst ist festzustellen, dass an seiner Unterstützung für NAMBLA wenig Zweifel bestehen kann. In einem Gespräch mit Will Shetterly äußert er sich ausführlich dazu. Es scheint, als seien Delanys Ansichten über sexuelle Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen und Kindesmissbrauch vor allem von zwei Ausgangspunkten geprägt:
  1. Delany glaubt, dass konsensuelle sexuelle Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen grundsätzlich möglich sind.
  2. Er glaubt, dass es in jedem Fall besser ist, wenn sexuelle Beziehungen (egal welcher Art) legal und öffentlich ausgelebt, weil auf diese Weise eine Sozialkontrolle möglich sei, die Gewalt und Missbrauch effektiver verhindern könne, als die Illegalisierung bestimmter Beziehungsformen (in diesem Fall: zwischen Kindern und Erwachsenen) dies tut. Insbesondere betont er seine Ansicht, dass gegenwärtige Sexualstrafrechtsnormen Kindern eher schadeten als sie zu schützen.
So weit ich sehen kann, sind Delanys Positionierungen in diesem Gespräch kein Versuch, seine früheren Statements zu NAMBLA zu verharmlosen oder zu relativieren. Seine früheren, vor den gegenwärtigen Enthüllungen über Marion Zimmer Bradley getätigten Äußerungen stammen (mit Ausnahme des Wiki-Zitats) aus den neunziger Jahren. Sie stehen nicht im Widerspruch zu dem, was Delany jetzt sagt: Er habe in den Neunzigern die Publikationen von NAMBLA über eine Mailingliste kennengelernt, diese Schriften sehr geschätzt, aber seither nichts mehr von der Gruppe gehört. Shetterly hat das Interview auf seinem Blog veröffentlicht: »a conversation with Samuel R. Delany about NAMBLA, sexuality, and consent« (Inhaltswarnung für diesen Link: Auf Shetterlys Blog werden rassistische Ausdrücke verwendet).

NAMBLA präsentiert auf der organisationseigenen Website ein Zitat Delanys:
I read the NAMBLA [Bulletin] fairly regularly and I think it is one of the most intelligent discussions of sexuality I’ve ever found. I think before you start judging what NAMBLA is about, expose yourself to it and see what it is really about. What the issues they are really talking about, and deal with what’s really there rather than this demonized notion of guys running about trying to screw little boys. I would have been so much happier as an adolescent if NAMBLA had been around when I was 9, 10, 11, 12, 13.
Kursivierungen, Ergänzungen etc. habe ich unverändert übernommen (verlinken will ich die Seite nicht). Allem Anschein nach handelt es sich um die Transkription einer mündlichen Aussage. Auffälligerweise ist das Akronym NAMBLA im Zitat nur bei der ersten Erwähnung kursiviert und damit eindeutig auf das Bulletin und nicht auf die Organisation insgesamt bezogen. Bei den weiteren Erwähnungen fehlt die Kursivierung, so dass der Eindruck entsteht, Delany spreche von der Organisation. Ich halte das für unwahrscheinlich. Der zweite Satz beginnt mit »I think before you start judging what NAMBLA is about ...«. Der dritte ist ein Neuansatz, der sich klar auf den zweiten Satz bezieht: »What the issues they are really talking about ...«. Das bedeutet, mit »NAMBLA« im zweiten Satz sind »the issues« gemeint, also die Ausgaben des Bulletins, und nicht die Organisation. Unklar ist, ob der letzte Satz auf die Gruppe oder auf ihre Publikationen referiert. Möglicherweise beides. NAMBLA gibt an, die Aussage stamme aus dem Jahr 1994. Delany bestätigt das im Interview mit Shetterly.

In seinen Publikationen äußert Delany sich an mindestens zwei Stellen wohlwollend über die Gruppe. Da ist zunächst eine beiläufige Bemerkung in Shorter Views (1999), und zwar in einem Zusammenhang, in dem es um Michel Foucaults monumentales Spätwerk Sexualität und Wahrheit geht:
It was a work that promised insights, if not inspiration, for feminists, for gay activists, and even for much harassed groups like NAMBLA (the North American Man-Boy-Love Association).*
Die zweite Stelle ist die von Wikipedia zitierte, die aus Conversations with Samuel R. Delany (2009) stammt. Sie stammt aus einem Interview von 2004. Liest man sie im Zusammenhang, wird deutlich, dass Wikipedia die Stoßrichtung von Delanys Argumentation verfehlt.** Ich gebe das Zitat hier in voller Länge, ohne inhaltliche Auslassungen wieder, wobei ich die von Wikipedia ausgelassenen Stellen fette (Kursivierungen im Original):
It may seem paradoxical [...] that generally speaking I think sexual relations between children and adults are likely to go wrong and that most of them are likely to be, start off as, or quickly become, abusive, that I also support a group like NAMBLA—which I do. But that’s because I feel one of the largest factors in the abuse is fostered by the secrecy itself and lack of social policing of the relationships. A little history helps:
For thousands of years, relations that today we assume are abusive by definition (child marriages, slavery, child labor, etc.) were the social and legal norm. They were institutional and ubiquitous. As well, behavior that we would find wholly unacceptable—flogging for slaves, wife beating in marriage, and child beating (in the family, in the school, and at the factory)—was regularly recommended by experts and clergymen as the most efficient and least disruptive way to maintain order and the necessary disciplined hierarchy for these institutions to function efficiently. More lenient ways were to be avoided, ran the general wisdom, because, while they might be attractive in the short run (as novels and melodramas welcomed more and more social types into the circle of compassion), in the long run they produced only further troubles.***
Es folgt ein längerer Bericht Delanys über die Erziehungsmethoden seines Großvaters, der als Sklave geboren wurde. Der letzte von Wikipedia zitierte Satz kommt erst danach:
All of these institutions changed, nevertheless, only when they were no longer economically feasible or beneficial to the greater society.†
Das ist jedoch nicht, worauf Delany eigentlich hinaus will. Seine Argumentation, die er mit einem Beispiel aus seiner Familiengeschichte untermauert, zielt eher darauf, dass Beziehungspraktiken weniger traumatisierend wirken, wenn sie Gegenstand eines öffentlichen Diskurses und dadurch sozial eingebettet sind. Delanys Großvater bestrafte seine Kinder, indem er sie mit Ruten schlug. Diese Prügel seien körperlich schmerzhaft, aber nicht psychisch traumatisierend gewesen, schließt Delany aus den Erzählungen seines Vaters (und der Geschwister seines Vaters). Als diskursiv eingebundene Praxis – »recommended by experts and clergymen« – seien sie sozialer Kontrolle unterworfen gewesen. Viel angsteinflößender sei es für die Kinder des Großvaters gewesen, wenn dieser einen spontanen Wutausbruch bekam – was aber anscheinend nur ein einziges Mal passierte. Damit will Delany sich selbstverständlich nicht für die Prügelstrafe aussprechen. Was er meint (oder besser: was er meiner Interpretation nach meint), lässt sich vielleicht durch einen Vergleich mit Initiationsriten erhellen. Diese sind oft mit Schmerzen und Isolation verbunden, lösen aber in der Regel keine lebenslangen Traumata aus, sondern stärken im Gegenteil das Gefühl der Zugehörigkeit: »Kulturelle Elemente wie Riten können gar nicht traumatisieren. Die Kultur führt solche Riten nämlich nicht gewaltsam – und das heißt für mich immer: sprachlos – durch, sondern doch in einem Diskurs, der ihre Bedeutung einbettet.«†† Sexuelle Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen, glaubt Delany, ließen sich in ähnlicher Weise – und damit (relativ) gewaltfrei – gestalten. Was im Fall kultureller Riten weitgehend zutrifft, gilt allerdings sehr viel weniger für asymmetrische, von einem Machtgefälle geprägte soziale Beziehungen wie die zwischen Vätern und ihren Kindern. Das Machtgefälle lässt sich durch diskursive Einbettung mildern, aber nicht abschaffen. Und ließe sich das extreme Machtgefälle, das in sexuellen Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen herrscht, überhaupt so weit mildern, dass es in irgendeiner Weise erträglich wäre? Wohl kaum.

Ein solches Vorhaben wäre auch abhängig davon, ob die Gesellschaft in der Lage ist, Diskurse zur Verfügung zu stellen, die die soziale Einbettung und Reglementierung ermöglichen. Beispiele, wie das aussehen könnte, sind immer schnell zur Hand: Das Modell der altgriechischen Päderastie ist bei der Pädophilenbewegung, die Organisationen wie NAMBLA hervorgebracht hat, besonders beliebt. Daran zeigt sich aber auch schon, dass solche Beispiele Augenwischerei sind. Päderastie, wie sie in der Antike zwischen Lehrern und Schülern herrschte, kennen wir aus dem Geschichtsunterricht. Es fehlt jeglicher Bezug zur Gegenwart. Die Vorstellung, dieses Modell könnte wieder zu einer gelebten gesellschaftlichen Realität werden, ist ziemlich grotesk. Angesichts dessen halte ich es bestenfalls für naiv, anzunehmen, pädophilen Lobbygruppen wie NAMBLA gehe es ernsthaft um das Wohl von Kindern und Jugendlichen.

Zusammenfassend lässt sich also sagen: Delany hat sich in mindestens drei Fällen über NAMBLA geäußert, zweimal wohlwollend über die Organisation selbst und einmal recht begeistert über die Publikationen der Gruppe. Die letztere Äußerung erweckt den Eindruck, als sei sie mit Hilfe von typographischen Tricks so zurechtgebogen worden, dass sie sich wie eine Lobrede auf die Organisation selbst liest. Delany steht NAMBLA unstrittig positiv gegenüber, aber drei Erwähnungen sind angesichts seines umfangreichen Werks nicht viel. Es hat nicht den Anschein, als sei Delany ständig mit NAMBLA beschäftigt; ein hauptamtlicher Propagandist für die Gruppierung ist er definitiv nicht. Natürlich besteht die Möglichkeit, dass eine genauere Untersuchung von Delanys Veröffentlichungen und Interview-Aussagen eine nennenswerte Anzahl weiterer Erwähnungen NAMBLAs zu Tage fördert. Das wäre aber wahrscheinlich schon längst geschehen, wenn es solche Stellen gäbe. Alles in allem sehe ich keinen Grund, Delanys Stellungnahme in dem Interview mit Shetterly anzuzweifeln: dass er NAMBLA in den neunziger Jahren über die Publikationen der Gruppe kennengelernt hat, diese eine Zeit lang regelmäßig gelesen hat, sich aber seit ca. zwanzig Jahren nicht mehr mit ihr beschäftigt.

Ende 2013 verlieh SFWA Delany den Damon Knight Memorial Grand Master Award für sein Lebenswerk. Zusammen mit den jüngsten Enthüllungen über Marion Zimmer Bradley war das für Theo Beale ein willkommener Anlass, SFWA als »organization that celebrates child molesters and champions of child molestation« zu zeichnen, in der Delany die Rolle eines Gurus einnehme. Andere, wie das rechtskonservative Gemeinschaftsblog Mad Genius Club, stoßen ins gleiche Horn, indem sie Homosexualität mit Pädophilie in Verbindung bringen. Mittlerweile haben Beale und seine Fans begonnen, Namens- und Adresskarteien zu durchforsten, in denen wegen Kindesmissbrauchs Vorbestrafte aufgeführt sind, und gleichen sie mit dem SFWA-Mitgliederverzeichnis ab. Wie nicht selten, wenn es um sexualisierte Gewalt gegen Kinder geht, ist mancherseits mehr moral panic als Interesse an Aufklärung und Prävention zu verspüren. Besonders übel ist, dass die moral panic in diesem Fall auch noch eine spezifisch homophobe Komponente aufweist.

Jedoch offenbart diese bizarre Nebenentwicklung einer an sich sehr ernsten Angelegenheit mehr über Beale als über die, die er bekämpft. Genauer gesagt: Sie offenbart etwas über die Intelligenz von Beale und seiner Clique. Beale war nach eigenen Angaben vierzehn Jahre lang Mitglied von SFWA. Er kandidierte sogar für das Präsident_innenamt der Organisation, die ihm und seinen Fans zufolge so etwas wie die Dutroux-Bande des Fandoms ist. Nun ja. Man erlebt nicht alle Tage, wie jemand sich ins eigene Knie schießt und triumphierend verkündet, einen Volltreffer gelandet zu haben.

* Samuel R. Delany, Shorter Views: Queer Thoughts & the Politics of the Paraliterary, Wesleyan University Press 1999, S. 173. Das Werk, von dem Delany sich Einsichten versprach, ist natürlich das erwähnte von Foucault.
** Den Hinweis, dass es sich lohnen könnte, das Zitat aus dem Wikipedia-Artikel zu überprüfen, verdanke ich James A. Sullivan.
*** Carl Freedman (Hg.), Conversations with Samuel R. Delany, University Press of Mississippi 2009, S. 143.
† A.a.O., S. 144.
†† Jan Assmann im Gespräch mit Hannes Stein, Ist eine »Spiegel«-Titelgeschichte massiv antisemitisch? In: Die Welt, 13. Januar 2007.

Dienstag, 24. Juni 2014

Mad Genius Club & Bealedoggle

Inhaltswarnung: Kindesmissbrauch, sexualisierte Gewalt, Homophobie.

Es hätte mich erstaunt, wären die jüngsten Enthüllungen über Marion Zimmer Bradley im rechten Flügel des US-amerikanischen Fandoms nicht auf eine ganz bestimmte Art von Resonanz gestoßen. Auf der von konservativen Genre-Autor_innen betriebenen Website Mad Genius Club etwa erschien am 14. Juni ein Artikel, der unverblümt verkündete, was Deirdre Saoirsa Moen aufgedeckt habe, sei »the truth behind Marion Zimmer Bradley’s sexual openness«. Die Wahrheit hinter MZBs sexueller Neugierde? In meinem letzten Blogpost habe ich die Hintergründe ausführlich geschildert: MZB war mit Walter Breen verheiratet, der jahrzehntelang Kinder sexuell missbrauchte. MZB deckte und unterstützte Breens Taten, wie sie selbst zugeben musste. Neu hinzu kam jetzt, dass Bradleys und Breens Tochter, Moira Greyland, sich mit einer E-Mail an die Öffentlichkeit wandte, in der sie ihre Mutter bezichtigte, nicht nur Mitwisserin Breens, sondern selbst Täterin gewesen zu sein. Diese E-Mail wurde von der Autorin Deirdre Saoirsa Moen auf ihrem Blog veröffentlicht. Nun fallen mir zur Beschreibung dieser Angelegenheit alle möglichen Ausdrücke ein – aber »sexual openness« gehört definitiv nicht dazu.

Um es kurz zu machen: Der Artikel des Mad Genius Club ist schlicht und einfach von Homophobie motiviert. Marion Zimmer Bradley hatte in den fünfziger Jahren anscheinend Kontakte zu den Daughters of Bilitis, einer Gruppe lesbischer Aktivistinnen. Später erfand sie die Freien Amazonen von Darkover und gab damit lesbischen Fans einen Platz im Fandom, wie er zuvor nicht bestanden hatte.* Was in dem Artikel verklausuliert als sexuelle Offenheit beschrieben wird, meint nichts anderes als Homosexualität, und die »Wahrheit« dahinter ist folgerichtig die Neigung zum Kindesmissbrauch. Wer schwul oder lesbisch ist, soll uns das sagen, vergreift sich auch an kleinen Kindern. Heuchlerisch beteuert Cedar Sanderson, die Verfasserin des Artikels: »I know quite well that not all who are homosexual are also child abusers.« Aber viele, wenn nicht die meisten, sind es ihrer Ansicht nach eben doch.

Als Beispiel dafür pickt sie sich Samuel R. Delany heraus, der sich aus Sicht des Mad Genius Club gleich in mehrfacher Hinsicht zum Feindbild eignet: Delany ist nicht nur einer der angesehensten Autoren von Fantasy und SF überhaupt, sondern auch schwarz, bekennend schwul, Marxist und queerer Denker. Das Thema Sexualität, und insbesondere der sogenannten ›abweichenden‹ Formen sexuellen Begehrens, zieht sich wie ein roter Faden durch Delanys Werk. Er weist auf, dass die ›Abweichungen‹ von einer Normalität abweichen, die bestenfalls ein fragwürdiges Konstrukt ist. In einem Interview über seinen Roman Hogg sagt er: »I want the narrator to move into a more stable social condition: that’s how, as perverts, we grow up and mature in this society—moving from a socially untenable fantasy, such as Hogg’s actions represent for most of us, to a more socially tenable reality [...] Although the criminal aspect of Hogg’s activities is what makes those acts socially available, the narrator is beginning to learn that it is the acts themselves, and not their criminal aspects, which he fetishizes.«** Hogg, die Titelfigur des Romans, ist ein brutaler Psychopath, der seine Perversionen unter Anwendung von Zwang und Gewalt auslebt. Der namenlose Erzähler, von dem Delany in dem Zitat spricht, ist dabei Betroffener und Komplize zugleich. Während eines Zeitraums, in dem er von Hogg getrennt ist, lernt der Erzähler jedoch (andeutungsweise) andere Möglichkeiten kennen, wie sich Perversionen leben lassen – Möglichkeiten, die in Delanys Worten »gesellschaftlich tragbar«, nicht verbrecherisch sind. Der Perversion ist keine sexuelle Norm aufzulegen, sondern eine Norm des Sozialverhaltens. Gleichzeitig muss die Gesellschaft permissiv genug sein, um Perversion grundsätzlich zuzulassen. Ist sie dazu nicht bereit, nimmt sie in Kauf, dass die Perversion im Geheimen ausgelebt wird, was die Gefahr mit sich bringt, dass die Perversion mit den kriminellen Mitteln verwechselt wird, die angewendet werden, um den Fetisch heimlich ausleben zu können.

Für den Artikel des Mad Genius Club ist gerade dieses Interview der Stein des Anstoßes, denn es hat den Anschein, als äußere sich Delany darin lobend über eine Organisation namens NAMBLA. Der englische Wikipedia-Artikel über NAMBLA bringt ein entsprechendes Zitat Delanys.*** NAMBLA steht für North American Man/Boy Love Association. Der Name sagt alles: Es handelt sich um eine Organisation, die sich dafür einsetzt, dass Pädophilie als legitime Variante menschlicher Sexualität akzeptiert wird (dem Anschein nach war Walter Breen, MZBs Ehemann, ein Mitglied). Delany hat mehr als einmal positive Worte für NAMBLA gefunden. In seinem Buch Shorter Views spricht er z.B. beiläufig davon, dass NAMBLA eine Gruppierung sei, die einen ungerechtfertigt schlechten Ruf genieße.† Ich weiß nicht, warum Delany meint, sich für NAMBLA einsetzen zu müssen. Möglicherweise hat er sich zu der Ansicht verstiegen, dass sexuelle Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen auch gewaltfrei möglich seien. Vielleicht auch nicht. Ohne genauere Aussagen Delanys lässt sich darüber nur spekulieren. So oder so finde ich die Unterstützung einer Organisation wie NAMBLA inakzeptabel.

Noch inakzeptabler ist aber, was der Mad Genius Club daraus macht: Nicht nur, dass er Kindesmissbrauch als Folge von Homosexualität darstellt, der Artikel endet auch noch mit der Aufforderung »stop praising those who abuse and defile children«. Was im Falle Walter Breens ganz angebracht ist, ist bei Delany reine Diffamierung. Delany hat sich zustimmend über NAMBLA geäußert. Das ist verwerflich genug, lässt sich aber nur um den Preis einer grotesken Verharmlosung mit aktivem Kindesmissbrauch gleichsetzen. In die gleiche Kerbe schlägt Theo Beale alias Vox Day, der vor dem Aufstieg Larry Correias so etwas wie der Star unter den rechtsradikalen Großsprechern im US-Fandom war. Am 19. Juni veröffentlichte Beale einen (nicht allzu kohärenten) Text auf seinem Blog, in dem er sich darüber beklagt, dass das liberale Fandom »the deeds of perverts and molesters and rapists« bewusst ignoriere. Und warum ist das so? Na klar – »because they are evil. It is that simple.«

Es ist aber nicht so einfach. Bei dem, was der Mad Genius Club wie Beale da verkünden, handelt es sich um ein ebenso verbreitetes wie abgedroschenes Ideologem: It’s them queers and pinkos who want to have sex with our children. In den Diskursen der Rechten über Kindesmissbrauch bricht das Unheil stets von außen über die Gemeinschaft der braven Schäflein herein. Durch ihre Vorstellungswelt geistern effeminierte Männer, die Kinder im Auto mitnehmen, und finstere Vergewaltiger, die nachts im Gebüsch lauern. Mit der Realität hat das wenig zu tun. Fakt ist, dass die allermeisten Missbrauchsfälle sich innerhalb der Familie ereignen. Die Psychologin Monika Egli-Alge nennt für die Schweiz eine Rate von 84% Missbrauchsfällen im familiären Umfeld. Für Deutschland geht man davon aus, dass in 93% der Fälle die Täter_innen dem Kind bekannt sind. Mädchen sind zehn mal häufiger betroffen als Jungen, während es sich zu 90% um männliche Täter handelt. Das heißt: Die Täter_innen sind keine Fremden, und in den allermeisten Fällen sind sie nicht lesbisch oder schwul.

Die Fokussierung auf Organisationen wie NAMBLA, die Pädophilie als unproblematisch darstellen und sexuelle Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen entkriminalisieren wollen, ist auch nicht gerade hilfreich. Ihr Aktivismus ist abstoßend, kein Zweifel, doch tragen mit Schaum vor dem Mund vorgebrachte Lynchphantasien gegen Pädosexuelle nichts zum Kinderschutz bei. Beale behauptet, sexueller Missbrauch von Kindern werde von »sexual deviant[s]« begangen, und hält damit die Frage nach der Motivation von Täter_innen für beantwortet. Ein weiterer Versuch, Kindesmissbrauch mit Homosexualität in Verbindung zu bringen, und wiederum einer, der an der Realität vorbeigeht. Der Sexualforscher Volkmar Sigusch nimmt zehn verschiedene Tätertypen an. Nur bei einem davon ist Pädophilie bzw. Pädosexualität das treibende Motiv. Egli-Alge zufolge werden ›nur‹ 25–40% der Sexualdelikte an Kindern von Pädophilen verübt. Deshalb lässt sich ein effektiver Schutz von Kindern gegen sexuelle Übergriffe nicht erreichen, indem man allein bei dem Phänomen der Pädophilie ansetzt.

Was von Leuten wie Beale konsequent ignoriert wird, ist der Gewaltcharakter des sexuellen Missbrauchs. Die Täter_innen sind überwiegend Heterosexuelle, die nicht mal das Problem haben, sich zu Kindern sexuell hingezogen zu fühlen (wie es bei Pädosexuellen der Fall ist). Mangelhaft ist nicht ihre sexuelle Orientierung, sondern ihr Empathievermögen. Dass Beale selbst jegliches Verständnis für sexualisierte Gewalt fehlt, ist daran erkennbar, dass er sich allen Ernstes dafür ausspricht, Vergewaltigung in der Ehe solle legal sein.††

Geht es um die Thematisierung von Kindesmissbrauch durch Rechtsradikale (ob im Fandom oder in der Gesellschaft insgesamt), sind meines Erachtens vor allem zwei Dinge von Bedeutung:
  1. Wenn Rechtsradikale sich das Thema Kindesmissbrauch aneignen, handelt es sich um eine Instrumentalisierung. Die entsprechenden Diskurse sind meist stark auf die Täter_innen fixiert, wobei diese als ›außenstehend‹, ›anders‹ oder ›fremd‹ imaginiert werden, oft auf homophobe Weise. Häufig werden brutale Bestrafungswünsche artikuliert, die zum Schutz von Kindern nichts beitragen, sondern eher dazu führen, dass der Blick von dem Ort, an dem Missbrauch überwiegend stattfindet (der Familie), abgelenkt wird. Missbrauch zu erkennen wird dadurch schwieriger. Aus diesem Grund ist das, was Rechtsradikale über sexuellen Missbrauch zu sagen haben, nicht nur verfehlt, sondern aus der Sicht von Betroffenen auch gefährlich.
  2. Daraus folgt, dass Rechtsradikale keine Verbündeten sein können, wenn es um die Auseinandersetzung mit Missbrauch und Kinderschutz bzw. Kinderrechten geht – wie wortreich sie sich auch immer empören mögen. Rechten Diskursen oder Versuchen, sich das Thema anzueignen, begegnet man im Alltag immer wieder. Sie beschränken sich nicht auf NPD-Plakate zu Wahlkampfzeiten, die »Todesstrafe für Kinderschänder!« fordern. Wer mehr erfahren möchte: Argumentationshilfen und andere Gegenstrategien finden sich in zwei lesenswerten Broschüren der Amadeu-Antonio-Stiftung, »Was Sie über sexuellen Missbrauch wissen sollten« und »Instrumentalisierung des Themas sexueller Missbrauch durch Neonazis«.
* MZB als Pionierin der LGBTI-Bewegung zu feiern, ist dennoch nicht unproblematisch. Ihre persönliche Haltung zur Homosexualität war alles andere als konsistent, und die (aus meiner Sicht ja sehr erfreuliche) Entwicklung, dass vor allem lesbische Frauen sich mit den Freien Amazonen idenifizierten, scheint nicht unbedingt in der Absicht der Autorin gelegen zu haben.
** Carl Freedman (Hg.), Conversations with Samuel R. Delany, University Press of Mississippi 2009, S. 136.
*** Ich kann leider im Moment nicht überprüfen, ob Wikipedia korrekt zitiert, da die entsprechende Seite in der Vorschau von Google Books nicht vorhanden ist.
† Samuel R. Delany, Shorter Views: Queer Thoughts & the Politics of the Paraliterary, Wesleyan University Press 1999, S. 173.
†† Auf Skalpell und Katzenklaue ist vor zwei Jahren ein Artikel erschienen, der diese und andere Ansichten Beales mit Hilfe von Originalzitaten dokumentiert, die vor Misogynie, Rassismus und religiöser Borniertheit nur so triefen.

Montag, 26. August 2013

Fools don’t claim that cats bark, but they talk about cats when everyone else is talking about dogs

Wie wir wissen, ist Theo Beale (alias Vox Day) mittlerweile bei den Science Fiction and Fantasy Writers of America (SFWA) rausgeflogen, nachdem er einen Twitter-Account der Organisation benutzt hat, um rassistische Ausfälle gegen N.K. Jemisin zu verbreiten. Jemisin hat ihre Reaktion auf Beales Rausschmiss auf ihrem Blog veröffentlicht (und auch bekannt gemacht, wie sie reagiert hätte, wäre Beale die SFWA-Mitgliedschaft nicht aberkannt worden). Die ganze Affäre könnte ein Anlass sein, darüber zu diskutieren, was genau das SFF-Fandom zu einem so anregenden Betätigungsfeld für Faschos wie Beale macht. Stattdessen gibt es jetzt ein ziemlich seltsames Nachspiel, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob ich es lächerlich oder gefährlich finden soll.

Will Shetterly ist ein Autor, dessen Werke ich schätze. Sein Roman Dogland zum Beispiel ist ausgesprochen empfehlenswert. Leider ist Shetterly aber nicht nur ein guter Schriftsteller, sondern auch eine nahezu perfekte Verkörperung des Dämlichen. Der Dämliche, wie Umberto Eco ihn in Das Foucaultsche Pendel definiert, ist ein »Träger eminent bürgerlicher Tugenden«. Er verrennt sich nicht in obskurantistischen Weltanschauungen, vielmehr misst er der Vernunft hohe Bedeutung bei. Das Problem des Dämlichen ist, dass er sich laufend vertut und es nicht mal bemerkt. Er verehrt die Vernunft, aber ihm fehlt jedes Gespür dafür, ob das, was er sagt, der Situation angemessen ist: »Der Dämliche sagt nicht, daß die Katze bellt, er spricht von Katzen, wenn die andern von Hunden reden.« Das ist in diesem Fall ganz wörtlich zu verstehen. Shetterly ist der Typ, der in eine Diskussion über rassistische Lynchjustiz hineinplatzt und davon zu reden beginnt, dass es auch Lynchmorde von Weißen an Weißen gab. Das ist faktisch richtig, aber das Problem mit dem Dämlichen ist ja auch nicht, dass er falsche Behauptungen aufstellen würde. Das Problem ist, dass es in einer Diskussion über rassistische Lynchjustiz vor allem um Rassismus geht, der Dämliche aber durch nichts davon zu überzeugen sein wird, dass er am Thema vorbeiredet. Schließlich treffen seine Aussagen zu und sind nicht zu widerlegen. Eine Aussage über Katzen wird nicht dadurch falsch, dass sie in einem Gespräch über Hunde fällt, deshalb fühlt der Dämliche sich im Recht und reagiert ausgesprochen erstaunt, wenn die anderen Gesprächsteilnehmer_innen ihm derailing vorwerfen.

Shetterly ist ein libertärer Sozialist, und er führt einen unermüdlichen Feldzug gegen alle, die sich in ihrem antirassistischen und antisexistischen Aktivismus auf Intersektionalitätstheorien berufen, und wirft ihnen unterschiedslos »Identitätspolitik« vor. Das Konzept der Intersektionalität wurde von der kritischen Rechtswissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw geprägt und von Theorieansätzen wie den Critical Legal Studies und der Critical Race Theory aufgegriffen. In diesem Kontext stellt Intersektionalität ein Konzept dar, mit dessen Hilfe Formen sich überlappender Diskriminierung sichtbar gemacht werden sollen. Um es anhand eines bekannten Beispiels zu erläutern: Eine Person bewirbt sich auf eine Stelle, für die sie gut qualifiziert ist. Ihre Bewerbung wird abgelehnt. Die Person fragt sich, ob es daran liegt, dass sie schwarz ist und weiße Mitbewerber_innen ihr vorgezogen wurden. Auf Nachfrage wird sie jedoch darauf hingewiesen, dass die gleiche Stelle bereits an einen schwarzen Bewerber vergeben wurde. Als nächstes fragt die Person sich vielleicht, ob sie übergangen wurde, weil sie eine Frau ist, wird jedoch mit dem Hinweis, dass die gleiche Stelle auch schon einmal von einer Frau besetzt wurde, erneut abgewimmelt. Es scheint keine Diskriminierung vorzuliegen, die auf den Zuschreibungen »Frau« oder »schwarz« beruht. Die Antwort der Intersektionalitätstheorie auf dieses Problem lautet, dass die Person aus dem Beispiel durch zwei sich überschneidende Diskriminierungsformen benachteiligt wurde – nicht allein wegen ihres Schwarzseins oder ihres Frauseins, sondern weil sie eine schwarze Frau ist.

Ich möchte an dieser Stelle kein Urteil über die Wirksamkeit der Intersektionalitätstheorie bei der Bekämpfung gesellschaftlicher Ungleichheiten abgeben. Schon gar nicht ist der vorherige Absatz eine  vollständige Darstellung der Theorieansätze, die sich mit dem Konzept Intersektionalität verknüpfen. Worauf es aber ankommt, ist, dass die Intersektionalitätstheorie bestimmte politische Strategien impliziert. Wenn es zutrifft, dass bestimmte soziale Gruppen von sich überschneidenden diskriminierenden Zuschreibungen betroffen sind, heißt das im Umkehrschluss, dass gegenteilige Zuschreibungen mit Privilegien verbunden sind: Weißsein und Mannsein bewahrt vor Diskriminierung und versetzt mit diesen Zuschreibungen versehene Personen deshalb automatisch in einen Zustand der Privilegiertheit. Will man die daraus resultierenden Ungleichheiten bekämpfen, dann kommt es darauf an, den Bevorzugten ihre Privilegien streitig zu machen und die Position der Benachteiligten ihnen gegenüber zu stärken. Es kommt gewissermaßen darauf an, in politischen Auseinandersetzungen lautstark die Differenzen zu betonen – zu betonen, dass die einen aufgrund ihres Weißseins und Mannseins privilegiert sind und die anderen aufgrund ihres Schwarzseins und Frauseins benachteiligt, und dass dieser Zustand untragbar ist.* Dieses Vorgehen zur Verschiebung der Machtverhältnisse ist es, dass Shetterly der Intersektionalitätstheorie vorwirft und als »identitätspolitisch« bezeichnet.

Shetterly vertritt dagegen eine Position, die sich vereinfacht als »postrassistisch« beschreiben lässt. Er meint, die Kategorie »Rasse« sei dadurch, dass sie als gesellschaftliches Konstrukt entlarvt wurde, obsolet geworden. Sie ist in seinen Augen irrelevant, da sie unwahr ist, während es in Wirklichkeit darauf ankommt, ein möglichst hohes Maß an gesellschaftlicher Gleichheit zu etablieren, indem man von Differenzen absieht. Letzteres ist in meinen Augen der springende Punkt. Shetterly hat wiederholt die Ansicht geäußert, die Betonung der durch Rassismus hervorgerufenen Differenzen – egal, ob sie in kritischer oder in affirmativer Absicht erfolgt – spiele dem Rassismus in die Hände. Das ist eine plumpe Gleichsetzung von Rassismus und Antirassismus, der auf tautologischen Behauptungen wie »Rassismus entsteht, indem von Rassen gesprochen wird« beruht und gerade von Rechten gern als Argument gegen antirassistische Politik angeführt wird. Nicht, dass dies Shetterlys Absichten entspräche. Er vertritt vielmehr emphatisch die Ansicht, dass der Rassismus sich von selbst erledigen würde, wenn es zu einer Umverteilung von Reichtum käme. Rassismus ist für ihn vor allem ein Symptom ökonomischer Ungleichheit.

Ich persönlich bin durchaus der Überzeugung, dass wirkliche Gleichheit nur durch die Überwindung des Kapitalismus möglich ist. Ich glaube zwar anders als Shetterly nicht, dass Umverteilungspolitik gleichbedeutend mit der Überwindung des Kapitalismus ist, aber ich würde mir wünschen, dass es im Fandom mehr Menschen gäbe, die das Leben in einer auf Ausbeutung, Lohnarbeit und Konkurrenzzwang beruhenden Klassengesellschaft menschenunwürdig finden und für eine von diesen Zwängen befreite Gesellschaft eintreten. Mein Problem mit Shetterly liegt vor allem darin, dass sein Sozialismus vor allem aus einer Reihe von oft wiederholten, aber wenig aussagekräftigen Plattitüden wie »It’s time to share the wealth so no one will be economically dependent on anyone else.« besteht, die auch ein Sozialdemokrat im Wahlkampf von sich geben könnte.** Insbesondere der Zusammenhang zwischen Rassismus und Kapitalismus scheint mir bei Shetterly eher behauptet als theoretisch durchdacht zu sein. So richtig redselig wird Shetterly ohnehin nur dann, wenn er sich über Critical Race Theory, Intersektionalität und Antirassismus ereifern kann. Deren Vertreter_innen wirft er vor, nicht kapitalismuskritisch zu sein. Indem Shetterly auf das Fehlen einer kapitalismuskritischen Perspektive bei anderen hinweist, ohne in dieser Hinsicht selbst etwas vorweisen zu können, schwächt er seine (in diesem Fall auf einem berechtigten Einwand beruhende) Position unnötig.

Das alles wäre nicht weiter schlimm, sondern könnte eine interessante, fundierte Alternativen aufzeigende Diskussion sein. Ist es aber nicht, denn Shetterly, sofern man ihm nach seinen jüngsten Eskapaden noch einen guten Willen unterstellen will, steht sich vor allem selbst im Weg. Vor anderthalb Monaten veröffentlichte er einen Blogpost,*** in dem er seine Gleichsetzung von Rassismus und Antirassismus erneut vorbrachte und auf äußerst geschmacklose Weise konkretisierte. Theo Beale und N.K. Jemisin seien »similar in kind«, weil der eine ein Rassist ist und die andere eine Anhängerin der Critical Race Theory sei. Dabei ist nicht nur die Gleichsetzung der beiden Personen ungeheuerlich – zur Erinnerung: Beale ist der Faschist, der über Jemisin sagte, »savages« wie sie müssten zum Abschuss freigegeben werden –; Shetterly spekuliert außerdem mehr über Jemisins Ansichten, als dass er sie aus ihren konkreten Äußerungen belegen würde. Das Ergebnis ist vorhersehbar: Beales rechtsradikale Ansichten werden durch die Gleichsetzung aufgewertet und behandelt, als ob sie einer wohlwollenden Auseinandersetzung würdig seien. Beale und seine Kumpanen griffen die Möglichkeit, die ihnen da geboten wurde, gierig auf und fielen sofort bei Shetterly ein, um ihren Meinungsmüll zum Besten zu geben. Und natürlich führte Beale Shetterlys Post gegenüber der SFWA, die gerade darüber beriet, ihm die Mitgliedschaft zu entziehen, zu seiner Entlastung an.

Von Beale und seiner Fascho-Truppe einmal abgesehen, stieß Shetterlys Post auf wenig Zustimmung. Bemerkenswert, wenn auch nicht zu 100% zustimmungsfähig, finde ich vor allem die dezidierte Ablehnung durch Steven Brust. Aber anscheinend überblickt Shetterly die Folgen seiner Vorgehensweise nicht mal im Ansatz. Vor etwa einer Woche schrieb er einen weiteren Blogpost, in dem er erneut die Gleichwertigkeit von Beales und Jemisins Positionen behauptete. Wieder besteht seine Darstellung von Jemisins Ansichten weitgehend aus Unterstellungen, die diesmal auch noch als Suggestivfragen formuliert sind. Die kritischen Dialogversuche, die Shetterlys erster Post noch hervorrief, blieben weitgehend aus. Stattdessen führt Shetterly im Kommentarthread des zweiten Posts mehr oder weniger ein Selbstgespräch, das nur durch die rassistischen Ausführungen von vereinzelten Beale-Kumpeln, die des Spiels noch nicht müde geworden sind, unterbrochen wird.

Shetterly ist Ecos Dämlicher in Reinform: Antirassist_innen tauschen sich darüber aus, wie mit den Beales dieser Welt umgegangen werden kann. Shetterly tritt auf, um die Antirassist_innen zu belehren, dass ihre Ansichten verfehlt sind. Er tut dies auf eine Art und Weise, die Beales Fascho-Kumpels eine Plattform zur Verbreitung ihrer Weltanschauung bietet, wie sie sie wahrscheinlich schon lange nicht mehr zur Verfügung hatten. Und es ist noch nicht einmal so, dass Shetterly etwas dagegen hätte. Wenn andere über Rassismus reden, redet er über Meinungsfreiheit. Eine seiner Lieblingsüberzeugungen ist die, dass jeder Form von Meinungsäußerung überall eine Plattform geboten werden müsse, da alles andere eine Einschränkung der Meinungsfreiheit sei. Konkret bedeutet dies für Shetterly offenbar vor allem, für die Meinungsfreiheit von Faschist_innen einzutreten:
You want to tell me Vox Day and his posse are all kinds of bad, and I’m totally with you. But just as I supported the ACLU when they supported the right of Nazis to march, I support Vox Day and his posse’s right to be as creepy as they want to be. I do not know a single speech code that cannot backfire ...
Well, Shetterly, I know a strategy that can backfire, and it just did so spectacularly: Set up a stupid equation between fascist thought and anti-racism. Drive off all the right people you might want to discuss the ways and means to overcome racism with. Give a bunch of white supremacists a space to freely articulate their views on your blog. Honor them by acting as if the fascist filth they spread was worthy of debate. Celebrate your achievement by repeating the stupid equation. — Congratulations. You just made sure that for a lot of people, your blog is not a space where meaningful exchange about a society free of racism and inequality seems even remotely possible.

Shetterlys erster Post endet mit folgender Aussage:
This should be an easy message to understand: Respect everyone because we’re all equal. But it’s a message that threatens many people’s worldview. It’s no surprise that people like Jemisin and Beale haven’t gotten it yet.
Beale redet davon, Jemisin zu erschießen, weil sie schwarz ist. Shetterly redet davon, dass Jemisin Beale nicht respektiert. Und er glaubt allem Anschein nach, dass letzteres eine adäquate Reaktion auf ersteres ist. Ist das naiv, heuchlerisch oder dämlich? Da es sich um Shetterly handelt, tippe ich auf letzteres.

* Es ist nicht meine Absicht, durch Einengung meines Beispiels auf die Kategorien »Rasse« und Geschlecht zu sagen, diese seien die einzigen oder auch nur die wichtigsten Formen sozialer Ungleichheit. Ich halte aber auch nichts davon, möglichst viele Formen von Ungleichheit aufzuzählen und mit einem lapidaren »etcetera« zu beschließen, da dies die Illusion einer vollständigen Beschreibung von sozialer Ungleichheit erzeugt. Ich beschränke mich auf die Kategorien »Rasse« und Geschlecht, weil sie in Beales Angriffen auf Jemisin zum Tragen kommen.
** Shetterly hat einen Blogpost angekündigt, in dem er sein Verständnis von Sozialismus erläutern will. Ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen soll.
*** Trigger-Warnung: Shetterly verwendet in seinem Blog rassistische Ausdrücke.  

Freitag, 14. Juni 2013

Fresse, Theo

Das US-Fandom hat jetzt seinen eigenen John Asht. Oder, je nachdem, seinen eigenen Akif Pirinçci. Wie es dazu kam: N.K. Jemisin hat kürzlich auf dem Continuum (der Continuum?), einer australischen Con, zu der sie als Ehrengast geladen war, eine Rede gehalten. Darin sprach sie, neben anderen Dingen, die Kandidatur Theo Beales in den Präsidentschaftswahlen der SFWA (der Vereinigung von SF- und Fantasy-Autor_innen in in den USA) an, und bezeichnete Beale als »misogynist, racist, anti-Semite, and a few other flavors of asshole«. Das ist eine ziemlich akkurate Beschreibung, wie sich durch einen kurzen Blick in Beales Blogs bestätigen lässt. Beale zeigte sich jedoch überaus empört – wie Rechte es immer tun, wenn man sie und ihre Ansichten als rechts einordnet – und verfasste eine rassistische Invektive gegen Jemisin, die er anschließend über einen Twitter-Account der SFWA verschickte. Screenshots von Beales Gekeife bringt Amal El-Mohtar auf ihrem Blog (»posted with warnings for truly vicious racism and misogyny«). 

Wer Beale und den faschistischen Dreck, den er am laufenden Band von sich gibt, nur einigermaßen kennt, wird davon nicht überrascht sein. Beale tritt auch unter dem Pseudonym Vox Day auf (ich vermute, er will das wie einen Scherz aussehen lassen, meint es im Grunde aber ernst). Er beschreibt seine politischen und religiösen Ansichten als libertär und evangelikal. Seine fixe Idee scheint zu sein, dass Intelligenz an »Rasse« gekoppelt ist, dass also verschiedene »Rassen« existierten, die mit unterschiedlichen Intelligenzgraden ausgestattet seien. Das ist bemerkenswert, denn Rassismus kommt heutzutage häufig in einem kulturalistischen Gewand daher, als Rassismus ohne »Rassen«. Es schwadroniert sich schließlich hervorragend über unterschiedliche Kulturen, die nicht zueinander passen, über Konflikte zwischen »westlichen« Werten und solchen, die angeblich Deutschlands Abschaffung befördern. Ganz anders Beale. Sein Rassismus liest sich so, als sei er einem 150 Jahre alten Pamphlet zur Beförderung des kolonialen Gedankens entsprungen. Man sollte halt nicht vergessen: Nicht jeder intellektuelle Fascho macht heute einen auf modern und offene Gesellschaft. Es gibt auch noch welche von der alten, stinkenden Sorte, die sich kein freiheitliches Parfüm über den ewiggestrigen Schweiß kippen.

Wie Asht sieht Beale sich als einsamen Kämpfer gegen eine allmächtige Mafia. Wo Asht eine »Rezi-Mafia« am Werk sieht, fühlt Beale sich herausgefordert, die SFWA aus dem Würgegriff der liberalen Intelligenzija zu befreien. Gegen John Scalzi, SFWA-Präsident von 2010 bis 2013, führt er seit längerer Zeit einen immer fanatischere Züge annehmenden Kleinkrieg, bei dem kaum noch zu erkennen ist (oder nie zu erkennen war?), was Beale Scalzi eigentlich vorwirft. Scalzi hat sich deshalb vor einigen Monaten entschieden, immer dann, wenn Beale in herabsetzender Absicht seinen Namen erwähnt, fünf Dollar an Organisationen zu spenden, die sich gegen Homophobie oder Rassismus engagieren, und wendet diese Praxis auch auf die gegenwärtige Situation an, wie seinem Blog zu entnehmen ist.

Mit Asht hat Beale auch gemein, dass er ein Autor ist, dessen Bücher nicht gelesen werden – eher Internetphänomen als Schriftsteller ist. Beales Bekanntheit rührt vor allem aus seiner Tätigkeit für die ultrarechte Newssite WND.com, seiner Beteiligung am Blog des SFF-Magazins Black Gate, seinen Dauerfehden mit Scalzi und anderen, seiner generellen Großmäuligkeit und seiner Beliebtheit in evangelikalen Kreisen. Für letztere hat er das Sachbuch The Irrational Atheist verfasst, mit dem er beansprucht, eine fundierte Kritik der »neuen Atheist_innen« (Richard Dawkins, Christopher Hitchens und andere) geleistet zu haben. Nirgendwo wird deutlicher als hier, wie sehr Beale seine eigene Bedeutung überschätzt. Denn während ich etwa die Ausführungen Dawkins’ höchstens zum Seufzen finde (und mich frage, ob der Typ eigentlich schon mal was von Kant, Feuerbach oder Freud gehört hat), ist bei Beale nach wenigen Seiten klar, dass er schlichtweg nicht in der Lage ist, ein kohärentes Argument zu formulieren. Die religiöse Rechte, die das Buch abfeiert (ob sie es tatsächlich auch liest, weiß ich nicht), stört das nicht. Beale ist dumm wie ein Backstein, aber nicht so dumm, um nicht erkannt zu haben, dass er immer noch die Möglichkeit hat, andere Dummköpfe zu beeindrucken.

Auf seinem Blog präsentiert Beale eine kurze Liste von »standout SF authors«. Ein wahres Panoptikum von Gestalten, die aus einer Parallelwelt bizarrer Ideologien entsprungen zu sein scheinen: Orson Scott Card, der seit Jahren für seine homophoben Ausfälle bekannt ist (hier nur ein Beispiel). John C. Wright, der Sprachvirtuose, der sich als »practicing philosopher« ausgibt und das als Rechtfertigung sieht, solche Sätze zu schreiben: »It behooves us to begin by identifying those axioms tacitly assumed by everyone, even by those who claim to refute them.« It behooves you, na klar ... Could you please shut up? Tom Kratman, der sich als politischer Flüchtling bezeichnet, weil sein Heimatstaat Massachussetts kommunistisch unterwandert worden sei. Der die US Army verlassen haben will, weil er nicht politisch korrekt genug für sie sei. Der in seinem mit John Ringo verfassten Roman Watch on the Rhine über die Wiederauferstehung der Waffen-SS deliriert. Und viele, blödsinnige, paranoid-rechtsradikale Sachen mehr von sich gibt.

Doch so sehr Beales Autorenriege wie eine unfreiwillige Parodie der Tea-Party-Bewegung (die ihrerseits schon so etwas wie eine unfreiwillige Parodie ist) wirken mag, es bleibt festzustellen: Isoliert sind diese Figuren im US-Fandom nicht. Card und Wright galten zumindest früher mal als reputable Autoren. Von Beale würde das wohl niemand behaupten, der einigermaßen bei Trost ist, aber seine Mitwirkung bei Black Gate und andere Fandom-Aktivitäten zeigen zur Genüge, dass es Menschen gibt, die bereit sind, sich mit ihm abzugeben. Als SFWA-Präsidentschaftskandidat erhielt er immerhin 10 % der Stimmen. Insofern ist Beale vielleicht doch mehr Pirinçci als Asht, denn statt wie letzterer einfach unbeirrt weiterzumachen, wird ihm wohl gedämmert sein, dass er es als Autor nicht mehr weit bringen wird. Akif Pirinçci mag sich als Schriftsteller auf einem höheren Niveau bewegt haben, aber auch seine Karriere stagniert seit Jahren. Wenn man mit dem entsprechenden Charakter ausgestattet ist, mag es in so einer Situation aussichtsreich erscheinen, seinen Schwerpunkt vom Bücherschreiben aufs Hetzen zu verlagern.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.