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Mittwoch, 4. Oktober 2017

Gibt es die faschistische Fantasy? (Exkurs I)

 Teil 1 · Teil 2 · Teil 3 · Teil 4 · Zwischenstand

Bevor ich in Zukunft näher auf einzelne Werke und ihre Autor_innen eingehe, möchte ich noch einmal in übersichtlicher Weise die wichtigsten Institutionen und Akteure der NS-Literaturpolitik referieren.

Die Nazis nahmen zum einen eine Art Elitenaustausch vor. Das lässt sich an der Gleichschaltung der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste illustrieren. Zahlreiche Schriftsteller_innen von Weltrang, darunter Alfred Döblin, die Brüder Mann und Franz Werfel, wurden zum Austritt genötigt und ins Exil gezwungen. Ihre Werke gingen bei den berüchtigten Bücherverbrennungen im Frühjahr 1933 in Flammen auf. Die Sektion Dichtkunst wurde in Deutsche Akademie der Dichtung umbenannt. Die freigewordenen Plätze wurden mit Schriftsteller_innen besetzt aus dem völkischen Milieu besetzt, die sich zumeist am Ziel ihrer Träume sahen: Waren sie zuvor eher milieubedingt rezipiert wurden, durften sie sich in ihrer Eitelkeit nun einbilden, wohlverdiente Plätze auf dem Parnass der deutschen Literatur eingenommen zu haben. Natürlich revanchierten sie sich umgehend bei der NS-Führung, und zwar durch einen Akt der Schleimerei. Ein »Gelöbnis treuester Gefolgschaft« wurde abgefasst und von 88 Schriftsteller_innen unterschrieben. Daneben versuchten die Nazis, bedeutende Literat_innen durch Ehrungen und prestigeträchtige Ämter für sich zu gewinnen. Ein Gottfried Benn etwa ließ sich darauf bereitwillig ein. Gerhart Hauptmann wahrte dagegen eher Distanz.

Das Ziel der NS-Literaturpolitik lag in einer möglichst umfassenden Kontrolle sämtlicher Aspekte des Literaturbetriebs durch Staat und Partei. Dem Reichspropagandaministerium unter Joseph Goebbels unterstand die Reichskulturkammer, der eine Einzelkammer für Literatur angegliedert war. Dieser Reichsschrifttumskammer mussten sämtliche Personen angehören, die in irgendeiner Weise mit dem Schreiben, der Herstellung und dem Vertrieb von Büchern befasst waren. Eine Nichtmitgliedschaft in der Reichsschrifttumskammer kam einem Berufsverbot gleich. Auch darüber hinaus gab es umfassende Zensurmöglichkeiten. Das Reichspropagandaministerium unterhielt eine »Liste des unerwünschten und schädlichen Schrifttums«, die für die Öffentlichkeit nicht einsehbar war. Verboten werden konnten Einzelwerke ebenso wie das Gesamtwerk von unerwünschten Autor_innen. Ebenfalls eingeschränkt werden konnten Übersetzungen und der internationale Vertrieb von Büchern.

Neben dem Reichspropagandaministerium konnte auch die SS unter Heinrich Himmler Bücher verbieten lassen. Das war in der Präambel von Goebbels’ Zensurliste ausdrücklich festgelegt. Diese zusätzlichen Bücherverbote wurden vom SS-Reichssicherheitshauptamt ausgesprochen, dem der SD (als Geheimdienst) und die Gestapo (als politische Polizei) unterstanden.

Der erbitterte Konkurrent des Reichspropagandaministeriums war, wie verschiedentlich erwähnt, Alfred Rosenberg als »Beauftragter des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Erziehung der NSDAP«. Rosenbergs Amt war allerdings keine staatliche Behörde, sondern eine Dienststelle der Partei. Bücher verbieten konnte sie deshalb nicht. Rosenberg war es ein Dorn im Auge, das Goebbels relativ großzügig verfuhr, wenn Schriftsteller_innen sich nicht regimekritisch äußerten und sich in den Apparat seines Ministeriums einspannen ließen.* Er war der fixen Überzeugung, dass literarisches Können ›rassisch‹ bedingt sei. Diejenigen Autor_innen, die 1933 eine plötzliche Kehrtwende vollzogen oder sich in der Folge dem NS-Literaturbetrieb anpassten, konnten in Rosenbergs Augen nur Wölfe im Schafspelz sein, die dem deutschen Faschismus bei der erstbesten Gelegenheit in den Rücken fallen würden. Die BFÜ-Dienststelle unterhielt deshalb ein Amt für »Schrifttumspflege« unter der Leitung von Hans Hagemeyer. Dieses ordnete sämtliche Neuerscheinungen penibel danach, ob sie von der Partei zu fördern seien oder nicht. Außerdem gab sie die Zeitschrift Bücherkunde heraus, mit der die Lesegewohnheiten von Partei und Bevölkerung beeinflusst werden sollten.

Die Kompetenzen der BFÜ-Dienststelle überschnitten sich mit denen der Parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutze des nationalsozialistischen Schrifttums (PPK), die vom Chef der Führerkanzlei der NSDAP, Philipp Bouhler, geleitet wurde. Die PPK sollte sicherstellen, dass Autor_innen sich nicht ohne Genehmigung als offizielle Stimmen der NSDAP gerierten (etwas, das viele offenbar nur allzu gern taten). Dahinter steht die Tatsache, dass die NSDAP selbst ein einflussreicher ökonomischer Player im Bereich Literatur und Publizistik war. Sie unterhielt mit dem Eher Verlag einen parteieigenen Verlag mit angeschlossener Buchhandlung, der sich mit der Zeit zu einem gigantischen Medienunternehmen entwickelte. Als Verlagschef fungierte Max Amann, der Reichspresseleiter der NSDAP. Erfolgreichste Veröffentlichung bei Eher war natürlich Mein Kampf. Amann und Hitler verdienten sich mit Hilfe ihres hauseigenen Medienkartells dumm und dämlich. Der PPK kam insofern die Aufgabe zu, unerwünschte Konkurrenz auf dem Bücher- und Pressemarkt auszuschalten. Da das Amt Rosenberg für die inhaltliche Überwachung der nationalsozialistischen Literatur zuständig war, kam es immer wieder zu Rangeleien zwischen Bouhler und Rosenberg.

Es gab also nicht weniger als vier verschiedene Machtzentren im NS-Staat, die sich der Kontrolle des Literaturbetriebs verschrieben hatten: das Reichspropagandaministerium bzw. die Reichsschrifttumskammer unter Gobbels, die SS unter Himmler, Rosenbergs BFÜ-Dienststelle und die PPK unter Bouhler. Das ist typisch für die polykratische Struktur des Dritten Reiches, in der Behörden und Institutionen mit unklar begrenzten Zuständigkeiten miteinander konkurrierten und insofern von der persönlichen Gunst Hitlers abhängig waren.

Nun sind noch einige Worte darüber zu verlieren, wie die von der NS-Führung gewünschte und geförderte Literatur eigentlich aussah. Schriftsteller_innen, die das Wohlwollen von Staat und Partei genossen, wurden regelmäßig mit Pöstchen im Kulturbetrieb, Preisen und Ehrungen belohnt. Die Romane und Erzählungen, die sie schrieben, gehörten zumeist spezifischen Genres an: historische Romane, Familienromane, Kolonialromane, Kriegsromane und Bauernromane. Die Crux ist, dass diese Werke meist einer irrationalistischen Blut-und-Boden-Metaphysik verhaftet sind, von ihren Schöpfer_innen und der offiziellen Literaturpolitik aber als durch und durch realistisch angesehen wurden. Das ist nur konsequent. Wenn alles, was Menschen tun und lassen, ›rassisch‹ bedingt ist, dann gehen auch fiktionale Weltdarstellungen unmittelbar aus der Biologie ihrer Autor_innen hervor und können gar nicht anders als Abbildungen der Realität sein. Dass diese Realität eine wahnhafte ist, lässt sich aus der Binnenperspektive selbstverständlich nicht erkennen.

Phantastische Literatur konterkariert diese verquere Realismusauffassung. Ihre Autor_innen waren deshalb im Dritten Reich nicht eben wohlgelitten. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt gemeinhin als Hochzeit phantastischer Literatur in deutscher Sprache. Dafür stehen Namen wie Gustav Meyrink, Alfred Kubin oder Leo Perutz. Eine ganze Reihe von Vertreter_innen dieser Phantastik sympathisierte offen mit dem Nationalsozialimus: Hanns Heinz Ewers war Parteimitglied und schrieb Propagandaromane. Karl Hans Strobl war ebenfalls Parteigenosse. Franz Spunda gehörte dem NS-Lehrerbund an. Willy Seidel unterzeichnete das »Gelöbnis treuester Gefolgschaft«.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die NSDAP das Liebäugeln der Phantast_innen mit dem Faschismus keineswegs mit Gegenliebe beantwortete. Ihre Romane wurden von der Regimepresse oft als triebhaft, dekadent und sensationsgierig geschmäht. Unmittelbar nach der Machtübernahme stellte ein Berliner Bibliothekar in vorauseilendem Gehorsam eine schwarze Liste von Büchern zusammen, die dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund übergeben werden sollte, gleichsam zur Koordination der Bücherverbrennungen.** Bereits diese Liste enthält Verbotsforderungen gegen Alexander Moritz Frey, Gustav Meyrink, Hanns Heinz Ewers und Alexander Lernet-Holenia.

Nicht unamüsant ist der Fall Ewers. Fasziniert von Rausch und Erotik, sa er als literarische Vorbilder Hoffmann, Heine und Wilde an. Seine Weltanschauung bildete eine krude Mischung aus Philosemitismus und Deutschlandmystik. 1931 trat er in einem unverhohlen opportunistischen Akt der NSDAP bei und schrieb darauf die Propagandaromane Reiter in deutscher Nacht und Horst Wessel. Seine (ziemlich illusionäre) Hoffnung war, die Partei werde ihn im Fall der Machtübernahme zum hochrangigen Kulturfunktionär machen. 1934 dämmerte den Tugendwächtern des neuen Systems dann, was für einen zweifelhaften Propagandisten sie ihrem spießbürgerlichen Publikum zugemutet hatten. Ewers’ Bücher, mit Ausnahme der beiden Propagandaromane, wurden aus dem Verkehr gezogen; der Autor mit einem generellen Publikationsverbot belegt.

Letztlich gab es nur einen namhaften Vertreter der deutschsprachigen Phantastik, der vom Regime wirklich gefördert wurde. Der Österreicher Karl Hans Strobl war schon vor dem »Anschluss« ein begeisterter Nazi. Belohnt wurde er damit, dass er die Wiener Landesleitung der Reichschrifttumskammer übernehmen durfte. Ich vermute allerdings, dass die Förderung nichts mit der Phantastik zu tun hatte: Strobl war auch als Verfasser von typisch völkischen Kriegs- und Studentenromanen bekannt.

Die abschließende Frage ist, welches der verschiedenen Machtzentren der NS-Literaturpolitik einer faschistischen Mythopoeia am ehesten günstig war. Ich habe bereits gezeigt, dass Rosenberg mit seinem Mythus des 20. Jahrhunderts dafür kaum in Frage kommt. (In der Tat sah Rosenberg sich als Hüter des Realismus in der deutschen Literatur an. Wo er sich im Mythus konkret mit der Frage beschäftigt, welche Autoren eine Vorbildfunktion für die NS-Literatur haben könnten, nennt er folgerichtig Keller, Raabe und Meyer.) Mein nächster Post in dieser Reihe wird zeigen, dass eine eigenständige faschistische Mythopoeia sich am stärksten im Umfeld der SS entwickeln konnte.

* Das zeugt natürlich nicht von einer humanen Gesinnung, sondern davon, dass Goebbels den propagandistischen Wert von Schriftsteller_innen erkannte, die keine überzeugten Nazis waren. Goebbels war klar, dass es zu einer vollständigen kulturellen Einkapselung gekommen wäre, wenn ausschließlich die Überzeugten für andere Überzeugte geschrieben hätten. Genau das war aber Rosenbergs Ziel.
** Diese Liste kam allerdings nicht zum Einsatz. Die faschistischen Nachwuchsakademiker wussten auch so, welche Bücher sie abfackeln wollten. Als offizielles Zensurinstrument wurde dann die oben erwähnte Liste des Reichspropagandaministeriums geschaffen.

Mittwoch, 10. September 2014

E-Books sind P.o.P.

... wobei P.o.P. außer für Pop vor allem für Piss on Pity steht.

Beim Lesen eines Gesprächs zwischen Zoë Beck, Leander Wattig (finden E-Books knorke) und Roland Reuß (findet E-Books doof) ist mir eine beiläufige Bemerkung Wattigs ins Auge gefallen. Er sagt da über E-Books: »Man muss auch bestimmte Nutzungssituationen einbeziehen, etwa die größenverstellbare Anzeige von E-Readern.«

Das ist eine Sache, die mir bei der ganzen Diskussion, ob E-Books den kulturellen Bankrott oder eine Öffnung auf interessante neue Formen hin bedeuten, viel zu oft außen vor bleibt. Es gibt Menschen, für die sind aus einer Reihe von Gründen gedruckte Bücher schwerer zugänglich – Menschen mit Sehschwäche zum Beispiel. Das hat nicht unbedingt etwas mit Krankheit zu tun oder mit der oft vertretenen Vorstellung, dass manche Menschen eben Behinderungen haben und andere nicht. Phänomene wie Presbyopie, die sogenannte Altersweitsichtigkeit, zeigen, dass wir alle in vieler Hinsicht nur temporär nicht behindert werden, während in bestimmten Situationen unser Angewiesensein auf das Menschenrecht Barrierefreiheit steigt.

In dieser Hinsicht bieten E-Reader einige Vorteile etwa gegenüber Großdruck-Ausgaben. Die sind meist unhandliche Ziegelsteine und zudem auf ein bestimmtes Lesepublikum zugeschnitten: In der Genreliteratur sucht man sie in der Regel vergeblich. Hinzu kommt, dass für Menschen mit Sehschwäche bestimmte Fonts besser zu erkennen sind als andere. Die Möglichkeit, auf dem Reader zwischen verschiedenen Schrifttypen zu wechseln, ist also ein weiterer Vorteil. Kurzum: Als technische Innovation bieten E-Books Möglichkeiten gesellschaftlicher Inklusion, die es vorher nicht gab.

Ansonsten verläuft die Diskussion zwischen Beck, Reuß und Wattig weitgehend in den üblichen Bahnen:
  • Wattig: E-Books ermöglichen neue literarische Formen. (Stimmt.)
  • Beck: E-Publishing ermöglicht die Veröffentlichung von Werken, die sonst nie jemand zu Gesicht bekommen hätte. (Stimmt auch.)
  • Reuß: E-Books bringen durch das verstärkte Feedback des Publikums die Gefahr mit sich, dass vermehrt stromlinienförmige, vor allem kommerziell interessante Bücher produziert werden. (Stimmt ebenfalls, gilt aber strukturell auch für den Printbereich.)
Am Ende lobt Wattig Amazon für seine »Wir veröffentlichen alles«-Politik, die die Verlage zur Innovation zwinge. Das mag zwar irgendwie zutreffen, aber insgesamt scheint mir der derzeitige Zustand mit DRM und Anbindung an bestimmte Shops und Formate ein klassisches Beispiel zu sein, wie Produktivkräfte (= Kreativität und Innovation) gehemmt werden durch Produktionsverhältnisse (= Konzerne entscheiden, was wir wie lesen dürfen). Zoë Beck meint, E-Publishing demokratisiere die Buchproduktion. Reuß antwortet, Demokratie sei allein in der Rezeption von Büchern angebracht. Aber ist das Problem nicht viel mehr, dass es auf beiden Seiten keine wirkliche Demokratie geben kann, solange an der Schnittstelle zwischen Produktion und Rezeption ein Akteur wie Amazon steht? Gerade deshalb sind technische Neuerungen à la E-Book interessant: Sie verändern die Beantwortungsmöglichkeiten der Frage, auf die alles ankommt: Wie können die Produktionsmittel in die Hände der Produzentinnen/Rezipienten gelangen?

Die Lösung liegt im Kommunismus, und P.o.P. ist ein Schritt auf dem Weg dorthin.

Freitag, 30. Mai 2014

Sigrid Löffler auf Literatursafari

Was nur macht es für deutschsprachige Literaturkritiker_innen so attraktiv, den Provinztrottel zu geben und sich dabei als Mittelpunkt der Welt zu fühlen? Ich verstehe es nicht und werde auch gar nicht erst versuchen, es zu verstehen. Einen Erklärungsversuch unternimmt der Romanist János Riesz.* Die Sachlage scheint mir klar zu sein: In der hiesigen Kritik herrscht eine weitgehende Ignoranz gegenüber postkolonialer Literatur. Riesz bringt ein aufschlussreiches Zitat aus einer Rezension, die Uwe Timm für die Zeit verfasste:
Das Buch, ein Roman von 351 Seiten, hat die besten Chancen, keine Leser und Leserinnen zu finden, und das, obwohl es voller Witz und Phantastik ist, spannend, informativ, kurzum ein ganz und gar ungewöhnliches Buch. Vor vier Monaten erschienen, ist es im deutschen Feuilleton bislang noch nicht besprochen worden. Woran liegt es, daß ein Roman derart unbeachtet bleibt? Die Antwort ist einfach: Der Autor ist Afrikaner. Der Roman spielt in Afrika, erzählt von Afrika.
Das Buch ist Die Nächte des großen Jägers von Ahmadou Kourouma, ein in der Tat höchst lesenswerter magisch-realistischer Diktatorenroman. Timm gehört zu den wenigen biodeutschen Schriftsteller_innen, die sich überhaupt ernsthaft mit dem Kolonialismus und seinen Folgen auseinandergesetzt haben, und ihm ist in seiner Einschätzung recht zu geben. Als Wole Soyinka 1986 den Literaturnobelpreis erhielt, lautete die patzige Reaktion eines deutschsprachigen Kritikers, das sei ja gut und schön, so lange er jetzt nicht gezwungen werde, Soyinkas Bücher zu lesen. Die Botschaft ist nicht schwer zu entziffern: Ein afrikanischer Autor, das kann ja keine richtige Literatur sein, sondern höchstens Dritte-Welt-Kitsch, der uns Kulturmenschen von naiven Multikulti-Aposteln aufgedrängt wird.

Nun hat mit Sigrid Löffler eine einflussreiche Kritikerin die postkoloniale Literatur entdeckt. In ihrem Buch Die neue Weltliteratur und ihre großen Erzähler verkündet sie, das Neue daran sei, »dass es sich um globale Literatur handelt, die Autoren aus Weltgegenden stammen, von denen man bisher gar nicht geahnt hatte, dass dort Literatur entstehen könnte«. So sagt es Löffler in einem Interview mit der taz. Sie sagt es wirklich. Geschenkt, dass sie von »Weltgegenden« faselt, die ihrer (sicherlich wohlinformierten) Ansicht nach »bisher zum Teil weder eine Literatur noch eine Literatursprache hatten«. Das entspricht nur dem stereotypen Bild, das viele Weiße von den Ländern des Südens haben: Die Menschen dort schreiben keine Bücher, weil sie viel zu sehr damit beschäftigt sind, arm (und im Grunde glücklich!) zu sein – und wenn von ihnen doch mal was veröffentlicht wird, dann sind es autobiographische Berichte über Genitalverstümmelung oder das Leben als Kindersoldat, die mit der Hilfe westlicher Journalist_innen für ein westliches Publikum verfasst werden.

Auffällig an Löfflers Aussage finde ich eher, dass sie die postkoloniale Literatur als »global« qualifiziert, weil sie aus jenen mysteriösen, bis vorgestern noch buchlosen »Weltgegenden« stamme. Glaubt sie etwa, dass die westliche Literatur, die in englischer oder französischer Sprache verfasst wird, nicht auf dem gesamten Globus gelesen wird? So dumm wird sie nun auch wieder nicht sein. Löfflers globale Literatur wird »von Migranten geschrieben, ist Migrationsliteratur«. Aber Henry James, Ezra Pound und T.S. Eliot, die es aus den USA nach Europa zog, würde sie wahrscheinlich nicht als Verfasser von »globaler« oder »Migrationsliteratur« bezeichnen. Die sind höchstens Weltliteratur, was wohl heißen soll: Ihre Heimat ist die Welt, nicht irgendwelche »Weltgegenden«. Wie ja westliche Schriftsteller_innen überhaupt nie Migrationsliteratur verfassen, sondern höchstens Reiseliteratur. Ein anderer US-Amerikaner, Paul Bowles, konnte 50 Jahre lang in Tanger leben und schreiben, ohne dass jemand auf die Idee gekommen wäre, ihn einen Migrationsliteraten zu nennen.

Ich weiß nicht, was ich zweifelhafter finden soll, die bisher gepflegte Ignoranz gegenüber postkolonialer Literatur oder Löfflers Versuch, sie zu rezipieren, indem man ihr das Etikett »globale Literatur« anklebt und als etwas ganz und gar neues darstellt. In der Folge will ich eine Aussagen aus dem Interview mit Löffler genauer betrachten:
Ich habe von jeher diese Literatur gelesen, von den frühen Werken von Naipaul, Rushdie oder Coetzee angefangen. Außereuropäische Literatur ist heute nicht mehr das Thema von Nischen- oder Spezialverlagen.
Wie bitte? Von jeher? Rushdie und Coetzee haben ihre ersten Werke Mitte der siebziger Jahre veröffentlicht. Die postkoloniale Literatur begann aber viel früher, noch während der Kolonialzeit. Wenn ich mich auf Afrika als Beispiel beschränke, dann waren vor allem die fünfziger und sechziger Jahre eine Zeit, in der zahlreiche Klassiker erschienen. Im Bereich der englischsprachigen Literatur wären vor allem Chinua Achebes Things Fall Apart (1958), Ngũgĩ wa Thiong’os The River Between (1965) und The Interpreters von Wole Soyinka (1965) zu nennen. Im frankophonen Bereich ging es noch etwas früher los: Camara Layes L’Enfant noir erschien 1953, Le pauvre Christ de Bomba von Mongo Beti 1956 und Ousmane Sembènes O pays, mon beau peuple 1957. Aber wahrscheinlich ist diese Literatur Löffler nicht »global« genug. Dann sollte sie sich vielleicht mit der – zu recht kritisierten, aber dennoch bedeutenden – afrikanisch-karibisch-französischen Literaturbewegung der Négritude auseinandersetzen, deren große Zeit in den dreißiger und vierziger Jahren lag.

Kurze Abschweifung, denn für das Fantasy-Publikum von besonderem Interesse ist ein Roman mit dem vielleicht großartigsten Titel der Literaturgeschichte, den ich zu dieser Gelegenheit ausdrücklich empfehlen möchte: The Palm-Wine Drinkard and His Dead Palm-Wine Tapster in the Deads’ Town von Amos Tutuola. Der Debütroman des nigerianischen Schriftstellers, den Michael Swanwick »one of the best writers of fantasy in world literature« nannte, erschien erstmals 1952. Sein Ich-Erzähler und Queste-Held verbringt seine Tage am liebsten damit, große Mengen Palmwein zu trinken. Als sein vielbeschäftigter Palmweinzapfer stirbt, macht er sich auf die Suche nach der Stadt der Toten, um den Verstorbenen wieder mit ins Land der Lebenden zu nehmen. Das Erscheinungsdatum von Tutuolas Roman macht ihn gewissermaßen zu einem afrikanischen Gegenstück des Lord of the Rings, und zwar eins, das keinen Pfifferling auf westliche Stil- und Erzählkonventionen gibt. Übrigens: Wenn Diskussionen, wie Tolkien-Fans sie führen, über die Darstellung der schwarzen Haradrim als brüllende, mit den Augen rollende Wilde an den Punkt gelangen, an dem wieder einmal behauptet wird, Tolkien hätte das zwangsläufig so machen müssen und umgekehrt hätte ein afrikanischer Autor die Weißen sicherlich ebenso verzeichnet, dann kann man getrost auf Tutuola verweisen. In The Palm-Wine Drinkard gibt es weit und breit keine uniform als blutrünstig und kriegsversessen dargestellten weißen Horden. Komisch aber auch.

Doch zurück zu Löffler:
Inzwischen halten es auch die großen Publikumsverlage für geboten, einen afrikanischen, asiatischen oder karibischen Autor im Programm zu haben. Und so schien mir der Moment jetzt richtig, einem deutschsprachigen Publikum eine Art Überblick über diese nach dem Zweiten Weltkrieg neu entstandene Literatur zu geben, die immer wichtiger wird.
Unzweifelhaft tut sich im Moment einiges. Postkoloniale Literatur erscheint in Deutschland nicht mehr exklusiv bei Suhrkamp und Peter Hammer. Taiye Selasi hat nicht nur mit Ghana Must Go, sondern auch mit ihrer Begriffsprägung Afropolitan Aufsehen erregt. Dieses Jahr ist seit längerer Zeit erstmals wieder ein Roman von Zadie Smith ins Deutsche übersetzt worden. Nnedi Okorafor und Helen Oyeyemi – zwei Fantasy-Autorinnen mit nigerianischen Wurzeln, die eine in den USA, die andere in Großbritannien lebend – genießen literarisches Ansehen auch außerhalb von Genregrenzen. Aber wäre es in dieser Situation nicht wichtig, darauf hinzuweisen, dass postkoloniale Literatur nicht erst gestern auf der Bildfläche erschienen ist, sondern eine Geschichte hat? Löffler sieht das nicht so:
Ich schreibe keine Literaturgeschichte. Ich versuche einen noch unbekannten literarischen Kontinent, der gerade auftaucht, vorläufig zu kartografieren.
Ein unbekannter Kontinent, schau an. Hat man sich ihr Unternehmen als literaturkritisches Äquivalent zu Stanleys Kongo-Expeditionen vorzustellen? Vergessen Sie auch in Zukunft nicht, Khaki-Anzug und Tropenhelm für ihre literarischen Reisen einzupacken, Frau Löffler! Es ist immer besser gut gerüstet zu sein, wenn man sich in unkartographiertes Gebiet begibt, um dort als überlegene Entdeckerin aufzutreten. Denn überlegen fühlt Löffler sich:
Mein Thema ist die postkoloniale Literatur und nicht die Literatur, die noch einmal den Kolonialismus ins Auge fasst. [...] Und dass diese Literatur noch nie in einem Kontext gesehen wurde, schien mir ein Manko, dem ich mit diesem Buch abhelfen wollte.
Eine echte Pionierin im postkolonialen Dschungel also, immer auf der Jagd nach literarischem Elfenbein. Aber wie will sie postkoloniale Literatur von »Literatur, die noch einmal den Kolonialismus ins Auge fasst« trennen? Kann man die Folgen des Kolonialismus thematisieren, indem man den Kolonialismus ignoriert? Beinhaltet das eine nicht notwendigerweise das andere? Anscheinend nicht, denn Löffler reduziert postkoloniale Literatur mehr oder weniger auf Werke, die Migrationserfahrungen thematisieren. Und selbst diese reduziert sie noch einmal auf Einwanderung in die ehemaligen kolonialen Mutterländer. Was bei Löffler weitgehend außen vor bleibt, ist die Süd-Süd-Migration, bei der es gerade nicht um eine Bewegung von der südlichen Peripherie in die nördlichen Zentren geht. Insbesondere die lateinamerikanische Literatur bietet dafür zahlreiche Beispiele – von Gabriel García Márquez, der seinen Lebensabend in Mexiko verbrachte, über Gioconda Belli, die wegen der Somoza-Diktatur Nicaragua verließ und (wie viele verfolgte Intellektuelle) in Costa Rica Zuflucht fand, bis hin zu Roberto Bolaño, dessen »Wanderungen quer durch den lateinamerikanischen Kontinent« von Löfflers Interviewer genannt werden.** Süd-Süd-Migration gibt es auch in Afrika, wie das Beispiel Nuruddin Farahs zeigt, der in Indien studierte und, nachdem er sein Heimatland Somalia in den Siebzigern verlassen hatte, u.a. in Nigeria, Gambia, im Sudan, in Uganda, Äthiopien und Südafrika lebte. Postkoloniale Literatur wird nicht erst dann bedeutend, wenn sie von den Erfahrungen ihrer Autor_innen mit Europa oder Nordamerika handelt.

Löffler interessiert das alles scheinbar nicht. Die lateinamerikanische Literatur ist ihr größtenteils schon deshalb egal, weil sie sich aus unerfindlichen Gründen auf »die globale Literatur aus Asien, aus Afrika und aus der Karibik« beschränken will, und diese dann nochmals zeitlich, räumlich und sprachlich eingrenzt, indem sie kurzerhand das Ende des britischen Empire zum Anfangspunkt der postkolonialen Literatur erklärt. Und sonst so? Wie geht Löffler mit Kritik an ihren Leerstellen und blinden Flecken um?
[D]ass nun jeder mit seinen Partikularkenntnissen daherkommt und sagt, warum kommt der chinesische Dichter Ping-Pong nicht vor, das habe ich fast erwartet. Das ist aber kleinlich und nörglerisch.
Nun ja, damit dürfte endgültig klar sein, dass Löffler weder von ihrem Einfühlungsvermögen noch von ihren Kenntnissen her qualifiziert ist, ein Buch zum Thema postkoloniale Literatur zu schreiben. Nicht, so lange sie das abstoßende Herrenmenschen- und Entdeckergehabe pflegt, das in diesem Interview zum Vorschein kommt. Aber gut. Falls Löffler demnächst nicht mehr mit »globaler Literatur«, sondern mit ihren Partikularkenntnissen über irgendwelche dichtenden Lieschen Müllers und Hans-Ottos aus Kartoffelland beeindrucken will, kann ich mir einfach achselzuckend denken, dass ich unter den deutschsprachigen Autor_innen ohnehin lieber solche mit Migrationserfahrungen lese. Wie zum Beispiel Thomas Mann, Walter Benjamin oder Jean Améry.

Ein Schmankerl zum Schluss:
Unterhaltungsliteratur [...] habe ich nicht aufgenommen.
Hätte sie mal tun sollen. Dann wäre sie vielleicht auf solche Klassiker der globalen Migrationsliteratur wie Alexandre Dumas und Adelbert von Chamisso gestoßen.

* János Riesz, Die »unterbrochene Lektion«. Deutsche Schwierigkeiten im Umgang mit afrikanischer Literatur, in: Susan Arndt (Hg.), AfrikaBilder. Studien zu Rassismus in Deutschland, Münster 2006, S. 162–174.
** Erwähnenswert ist auch der Kosmopolit Borges, der auf Spanisch schrieb, mit seinen Eltern Englisch sprach, die deutsche Literatur bewunderte und großes Vergnügen aus der Beschäftigung mit Angelsächsisch und Altnordisch zog (ja, ganz wie Tolkien), und dennoch fast sein ganzes Leben in Argentinien verbrachte.  

Samstag, 22. Februar 2014

Realismus und Literaturbetrieb

In Deutschland gibt es derzeit eine Literaturdebatte. Nein, keine Angst, es ist nicht schon wieder Martin Walser, der irgendwas Blödes gesagt hat. Es geht wirklich um Literatur, nicht nur darum, was irgendein Literat von sich gegeben hat. Florian Kessler hat in der Zeit geschrieben, dass die deutsche Gegenwartsliteratur von »Lehrerkindern und Ärztekindern und noch mehr Lehrerkindern und noch mehr Ärztekindern« produziert werde. Es handele sich um ein »dynastisches Familiending« und die dabei entstehenden Texte seien brav und konformistisch, weil sie von ihrer Entstehung in einem saturierten Milieu geprägt sind (dem Kessler selbst angehört, wie er betont). Den Selektionsprozess, der dazu führt, dass stets nur wieder Bücher aus diesem Eck veröffentlicht werden, führt Kessler auf die ökonomischen Bedingungen zurück, die den Literaturbetrieb strukturieren:
Obwohl insgesamt immer mehr Bücher publiziert werden, entscheidet eine immer kleinere Konstellation von Großagenten, Großverlagen und Großhändlern, welche dieser Bücher die Chance erhalten, zu deutlich sichtbaren Erfolgen hochgepusht zu werden. Wer heute als Autor erfolgreich sein will, der muss in diese Kreise eintreten. Mit innerhalb des vergangenen Jahrzehnts rapide gewachsener Wahrscheinlichkeit gehört er zu einer ganz bestimmten In-crowd aus publizierenden Prominenten und Buchmarktleuten, Journalisten und Betriebsnudeln. Er ist Teil eines informellen Geflechts, das sich vor allem dadurch definiert, dass die allermeisten Schreibenden niemals andocken können.
Wie die Zulassungsrituale zu diesem Geflecht verlaufen, wird von Kessler anschaulich geschildert anhand seiner Bewerbung für das Studium des Kreativen Schreibens in Hildesheim:
Als Bewerbungsmappe hatte ich wirre Liebesmonologe eingeschickt, denen ich zur Nobilitierung ein mir schleierhaftes Zitat des Philosophen Roland Barthes voranstellte [...] Die prüfenden Professoren in Raum J305 liebten mich für dieses Zitat und für meine Hornbrille und für mein kunsteuphorisches Auftreten vermutlich auch. Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil extemporierte über sein eigenes wildes Studium in den Siebzigern und seine Barthes-Lesenächte. Ich wiederum lachte viel und an den richtigen Stellen. »Willkommen in Hildesheim!«, rief Ortheil. 
Vorgänge wie dieser dürften allen Studierenden bekannt sein, die nicht zum dynastischen Betriebsgenudel gehören, sprich: kein akademisch gebildetes Elternhaus haben. Man wird der an den richtigen Stellen lachenden Ärztetöchter und Lehrerinnensöhne ansichtig, kommt sich neben ihnen unscheinbar und fehl am Platze vor und erkennt schließlich, dass man zwischen zwei Optionen zu wählen hat: Entweder man verweigert die Anpassung und arbeitet (sofern man überhaupt bis zum Ende des Studiums durchgehalten hat) mit Mitte Dreißig lustlos an einer Dissertation, lustlos betreut von einem sich nach der Emeritierung sehnenden Prof, sofern man nicht ohnehin die meiste Zeit mit Jobben beschäftigt ist, um die Miete fürs WG-Zimmer aufzubringen (während die Ärztetöchter und Lehrerinnensöhne ein eigenes Büro haben, in schicken Klamotten auf Tagungen herumstehen und eifrig netzwerkeln). Oder man macht sich daran, durch hartes Training den von Kessler beschriebenen Habitus zu erlernen und hofft, dass die kleinbürgerliche oder proletarische Herkunft für die lieben Kommiliton_innen irgendwann nicht mehr erkennbar ist. Wenn Kessler behauptet, dass dieser Anpassungsdruck gerade auch im Literaturbetrieb vorhanden ist, dann glaube ich ihm sofort. Aber es geht ihm nicht primär um die Nöte des akademischen Prekariats, sondern um die Folgen für die Literatur selbst, und da lautet Kesslers Urteil: Der Betrieb tut »alles Mögliche, bloß nicht ausgerechnet die Literatur mit abweichenden Stimmen und Erfahrungshintergründen anreichern«.

Kessler erhebt in seinem Text keine Forderungen, weshalb sofort die Feuilletonmühle anlief und zu ergründen versuchte, welche Konsequenzen denn nun zu befürchten seien. Marc Reichwein fragt sich zutiefst erschüttert in der Welt, was Kessler wollen könne: »Weniger Lehrer- und Ärztekinder zum Literaturstudium zulassen? Soll das Ausbildungs- und Stipendiensystem des deutschen Literaturbetriebs Sozialquoten einführen?« Dann erfahren wir, dass Kesslers Ausführungen schlimme Dinge, nämlich Sozialneid, Sozial-Outing und Sozialromantik enthalten. Zum Schluss erhebt Reichwein mahnend die Stimme: »Doch schreibende Milieus kann man nicht züchten. Eine Quotenregelung für Arbeiter und Werktätige hat auch im Bitterfelder Weg der DDR nie funktioniert.« In einem gesellschaftlichen Klima, in dem aus der Hamburger CDU Forderungen laut werden, linken Demonstrierenden das Studium zu verbieten, könnten DDR-Vergleiche ja durchaus Sinn machen. Hier aber nicht, denn niemand hat eine solche Quote, wie Reichwein sie fürchtet, verlangt. Tja, so ist die Welt. Ich warte darauf, dass sie die Abschaffung der Ampelmännchen fordert, denn die sind schließlich in der DDR erfunden worden. Weg mit der Sozialromantik an den Straßenkreuzungen!

In der Zeit selbst wurde zweimal auf Kessler geantwortet. Nora Bossong tadelt, dass er sich »keinen Millimeter von der ihm liebsten Ausdrucksform wegbewegt, dem bürgerlichen Roman nämlich« und empfiehlt eine Auseinandersetzung mit Gramscis Konzept der organischen Intellektuellen. Christoph Schröder dagegen ist richtig wütend: »DIE Literatur, die es ja als solche nicht gibt: Sie hat kein Problem, nicht im deutschsprachigen Raum, nicht heute. Das war vor zwanzig Jahren möglicherweise noch anders. Was Kessler an- und umtreibt, ist kein Literaturproblem.« Schröder treibt etwas anderes um: »Es gehört zum Schicksal der Literatur [...], dass in regelmäßigen Abständen Forderungen an sie herangetragen werden, wie sie denn nun zu sein und wohin sie zu gehen habe.« Ja, richtig. Das nennt man Literaturkritik. Schröder scheint sie ziemlich suspekt zu sein, aber immerhin kommt er zu dem Schluss, dass sie nicht schaden könne, weil die Literatur – trotz Kritik, man stelle sich vor! – schon einige Jahrtausende überlebt hat.* Etwas mehr Substanz hat Schröders Kommentar aber doch. Er will sagen, dass es sich in der deutschen Literatur »seit Langem mehr oder weniger ausgehandket und fertiggestrausst« hat. Und, möchte ich hinzufügen, ist nicht allein die Tatsache, dass wir gerade nicht über Walser reden, ein gutes Zeichen? Es mag schon sein, dass es heute besser ist als vor zwanzig Jahren. Ich bin froh über einen Autor wie den von Schröder »äußerst brillant« genannten Thomas von Steinaecker.

Aber ich zweifle, ob es angemessen ist, aus dem ›Früher war’s schlimmer!‹ zu folgern, dass heute alles super ist. In der Jungle World sind zwei Beiträge erschienen, die sich näher mit der Frage befassen, wie eine Literatur aussehen könnte, die sich nicht beschränkt auf »Coming-of-Age-Geschichten, immer wieder das Thema Nationalsozialismus, inzwischen ergänzt um die DDR-Sozialisation, dazu der ewige Dauerbrenner: die Familienchronik«. Diese Aufzählung von Enno Stahl bringt prägnant zum Ausdruck, warum es gerade heute doch ein Literaturproblem gibt, und für wen – für Leser_innen, die »für die Beurteilung von Literatur eigentlich zuständige Klientel«. Stahl macht klar, dass es nicht um einen Neuaufguss der »Literatur der Arbeitswelt« geht, aber durchaus um mehr Realismus: »Dazu braucht es tatsächliche, also glaubhafte Charaktere mit glaubhaften Biographien. Ihre soziale Herkunft sollte erkennbar sein: Wo kommen sie her, wie sind sie die geworden, die sie sind? Und natürlich auch: Was tun sie? [...] Die deutsche Gegenwartsliteratur wimmelt allerdings momentan nur so von Figuren, bei denen man gar nicht weiß, wovon sie überhaupt leben.« Das Problem sieht Stahl dabei weniger in der bildungsbürgerlichen Herkunft der Schreibenden, sondern eher darin, dass ihr Werk dieser Herkunft verhaftet bleibt, statt dagegen aufzubegehren.

Jakob Hayner, der direkt auf Stahl antwortet, macht bei diesem einen unhistorischen Realismusbegriff aus. Als ästhetisches Prinzip des Realismus sieht er »die freie Entfaltung der Sinnlichkeit [...] jenseits von Regelpoetiken«, womit die Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts »für die ihm zugehörigen Künstler die Möglichkeit, sich frei zum Stoff zu verhalten«. Im 20. Jahrhundert habe sich das geändert: »[D]ie Bindung der Massen [war] zum Programm des Realismus geworden. Konservative und Nationalisten fassten den Realismus als Ausdruck des behaupteten jeweiligen Volkswesens auf. War Kunst nicht in diesem Sinne realistisch, galt sie als verkommen, gar als entartet.« Ein Vorgang, den Hayner – zumindest implizit – mit dem Übergang vom Wettbewerbs- zum Monopolkapitalismus in Verbindung bringt. Beruft man sich heute auf den Realismus, ist das für Hayner bestenfalls ein Missverständis. Stahl gegenüber trägt er sich allerdings gleich mit dem Verdacht, dass dessen Motiv »im Grunde die Missbilligung der literarischen Moderne« sei.

Es liegt auf der Hand, was an Hayners Argumentation nicht stimmt: Er ignoriert die Vieldeutigkeit des Realismusbegriffs. Ich sehe in Stahls Forderung nach Realismus jedenfalls keinen Aufruf, zur bürgerlichen Poetik des 19. oder zur Agitationsliteratur des frühen 20. Jahrhunderts zurückzukehren. Hayner meint trotzdem, ihn widerlegen zu können, indem er konstatiert: »Aufgrund der Funktionsweise der Gesellschaft ist der formale Realismus nicht in der Lage, die Realität der Gesellschaft zum Ausdruck zu bringen.« An sich stimmt das natürlich. Kafka, nicht Fontane, drückt die Realität aus, in der wir leben. Nur hat Stahl in seinem Beitrag gar nicht den formalen Realismus im Sinn, sondern stellt interessanterweise die Frage nach phantastischen Geschichten, »die uns symbolisch dem Verständnis der Wirklichkeit näher brächten – und natürlich auch der Kritik an ihr«. Als Vorbilder für die Literatur, die er im Sinn hat, nennt Stahl die Wiener Gruppe, Helmut Heißenbüttel, Wolfgang Koeppen und Arno Schmidt. Der Vorwurf, er missbillige die literarische Moderne, wirkt da reichlich gezwungen. Dennoch hat Hayners Beitrag als Aufforderung an Stahl, seinen Realismusbegriff zu präzisieren, einen gewissen Wert.

An Kessler kritisiert Hayner, er verwechsle Soziologie und Ästhetik, Genese und Geltung, wenn er eine kausale Verbindung zwischen der Klassenherkunft der Literati und ihrem Werk herstellt. Dem stimme ich teilweise zu, wie ja auch Stahl schon bemerkt hat, dass nicht die Klassenherkunft das Problem ist, sondern das Verhaftetsein in ihr. Allerdings irrt Hayner, wenn er meint, die Entstehungsbedingungen eines Werk seien vollständig abtrennbar von seiner ästhetischen Beurteilung. Das ›Bedeuten des Realen‹, das auch Hayner als Aufgabe der Literatur sieht, kann nur gelingen, wenn Literatur Erfahrungen zum Ausdruck bringt, bei denen es sich wiederum nur um die Erfahrungen der Menschen handeln kann, die Literatur produzieren und rezipieren. Alles andere wäre im wahrsten Sinne des Wortes bedeutungslos – beziehungsweise würde nur wieder in dem Versuch enden, »lammfromm den hehren Kunstzielen [zu] dienen« (und damit das Bestehende zu affirmieren), den Stahl zu Recht kritisiert. 

Am Ende steht bei mir eine Frage: Was hat es bloß mit dem Terminus »deutsche Gegenwartsliteratur« auf sich, der lesehungrige Menschen unweigerlich dazu bringt, sich aufstöhnend von den so bezeichneten Büchern abzuwenden? Wäre ich Schriftsteller, so ein richtiger zudem, der sich nicht in Genre-Niederungen aufhält, ich würde jeden Morgen ein Bittgebet aufsagen, dass mich niemand der »deutschen Gegenwartsliteratur« kommensurieren möge. Vielleicht wäre die Distanznahme von diesem abscheulichen Begriff ja der erste Schritt zu einer spannungsreicheren, wagemutigeren Literatur in deutscher Sprache.

* Seltsamerweise behauptet Wikipedia, dass Schröder selber Literaturkritiker sei. Der vierte Unterpunkt, das müsste er sein. Wieder mal zeigt sich, wie notorisch unzuverlässig dieses Enzyklopädieprojekt ist.

Sonntag, 22. September 2013

The Fall of Arth―

Nun ist also (inzwischen schon vor einer Weile) Tolkiens Arthus-Gedicht The Fall of Arthur erschienen, mit eher wenig Echo.

Was vielleicht damit erklärt werden kann dass das Gedicht nur 40 Seiten einnimmt, beziehungsweise 953 ganze und eine Halbzeile umfasst. Zum Vergleich: Die Legende von Sigurd und Gudrún hat, bei vergleichbarer Zählung, rund 2000 Zeilen.
Meiner Ansicht nach scheinen wir uns einem Punkt zu nähern, an dem es eigentlich nötig wäre, grundsätzlich darüber nachzudenken, ob kommerzielles Publizieren für Texte aus Tolkiens Nachlass noch das richtige¹ Modell ist. Können noch weitere Texte von Verlagen, die auf Wirtschaftlichkeit aus sind, veröffentlicht werden? Können sie übersetzt werden?² Eine der Alternativen scheint ebenso unattraktiv wie die Stagnation der Verkaufszahlen: Nicht-professionelle kostenpflichtige Veröffentlichung, wie sie mit Tolkiens kryptolinguistischen Texten in Vinyar Tengwar und Parma Eldalamberon praktiziert wird. Diese Publikationsschiene bedingt eine enorme Unzugänglichkeit dieser Texte – die ich nur ungern noch ausgeweitet sehen würde.
Alternativen? Nun ja, ich fühle mich utopisch, aber ich möchte doch erwähnt haben: Würde Christopher Tolkien (und wer auch immer ihm zur Seite stehen mag) seine exzellente herausgeberische Tätigkeit ohne Entlohnung fortsetzen, und würde/n eine oder mehrere der Tolkien-Gesellschaften die Kosten für die Aufbereitung des Manuskripts übernehmen, könnten zukünftige Veröffentlichungen möglicherweise open access als E-Book, und/oder zum Selbstkostenpreis als Print-on-Demand realisiert werden.
Es wäre bedauerlich, wenn die noch nicht bekannten Texte Tolkiens nur auf Grund des kapitalistischen Buchmarkts unveröffentlicht blieben oder ein Schattendasein fristen müssten.

Nun aber zum Text:

Ja, das Gedicht fängt vielversprechend an – und bricht ab bevor es ans Eingemachte geht. Ja, Christopher Tolkiens Kommentar ist gewohnt erhellend – aber allzuviel gibt es eben nicht zu kommentieren.

Inhaltlich gibt es zwei herausstechende Dinge in diesem Gedicht: Tolkiens Version von Guiniver, und dass er offenbar vorhatte, die Arthus-Erzählung an sein eigenes Legendarium anzuschließen.

Guiniver bekommt hier einen eigenen Charakter: egoistisch, opportunistisch, rücksichtslos. Auf den Punkt gebracht wird die Charakterisierung in Zeilen, die für den unfertigen Teil des Gedichts vorgesehen waren: “Guinevere grew grey in the grey shadow / all things losing who at all things grasped.” (S. 168) Allerdings wird noch eine interessante Ambivalenz hinzugefügt: Guiniver sei “golden / with gleaming limbs, // as fair and fell / as fay-woman / in the world walking / for the woe of men // no tear shedding.” (S. 27) Die Idee einer gefährlichen, rücksichtslosen aber schönen Frau mag nicht innovativ und nicht erfreulich sein, aber die starke Verbindung mit dem Elbentum, die Tolkien hier herstellt, ist überraschend. Sicher, die (für Sterbliche) gefährliche Schönheit alles Elbischen ist bei ihm ein durchgehendes Thema, aber sonst nirgends so negativ besetzt wie hier. Vielleicht ist das eine Anpassung an den höfischen Kontext?

Die Annäherung an das Legendarium ist im ganzen Gedicht spürbar, das Elbentum wird mehrfach erwähnt (wie in der Beschreibung Guinivers), aber explizit sollte es am Schluss des Gedichts werden:
Bekanntlich stirbt Artus nicht einfach, sondern wird an einen mystischen Ort verbracht – mit der Verheißung seiner Wiederkehr. In Tolkiens Notizen und Entwürfen zum Ende des Gedichts wird Avalon mit der elbischen Insel Tol Eressea identifiziert. Christopher Tolkien legt ausführlich dar, dass seiner Einschätzung nach mehr oder weniger zeitgleich mit der Entstehung des Fall of Arthur Tol Eressea zum ersten Mal der Beiname Avallone gegeben wird; ähnlich wie Númenor den Beinamen Atalante hat.
Damit nicht genug, Tolkien verwirft auch das dröge Ende für Lancelot als Mönch, und wollte ihn stattdessen in Parallelität zu Earendil in den Westen aufbrechen lassen, auf der Suche nach Artus.

War Tolkien der Ansicht, den in seinen Augen defizitären Arthus-Stoff nur durch eine Aneignung, durch das Eingliedern in den von ihm erdachten größeren mythischen Kontext interessant machen zu können?
Oder sitze ich (möglicherweise nicht alleine) einer falschen retrospektiven Vorstellung einer Einheitlichkeit und Abgeschlossenheit von Tolkiens Legendarium auf? Meine Annahme war, dass Tolkien die innere Plausibilität seines Legendariums, und seinen Anspruch auf eine autoritative Sekundärwelt, nicht kompromittieren würde – wie es etwa gewesen wäre, wenn die Anspielungen auf Túrin in der Legende von Sigurd und Gudrún weiter ausgebaut worden wären, eventuell wechelseitig. Dann wäre die Geschichte der Kinder Húrins nicht mehr eine Erzählung mit dem Anschein der Wahrheit, sondern nur noch ein Text, auf den sich ein allzu präsenter Autor mit quasi-postmodernem Augenzwinkern bezieht.
Ich muss wohl eingestehen, dass ich mein Bild revidieren muss. Die Selbstbezüge auf sein Legendarium sind in Tolkiens Werk Legion, besonders in seinen Kindergeschichten wie dem Hobbit oder Roverandom, aber auch The Notion Club Papers fühlt sich für mich wie ein allzu krasser Bruch mit der geschlossenen, mythisierenden Präsentation des Legendariums an.
Außerdem scheint es in der vermuteten, relativ dicht beieinander liegenden Entstehungszeit der Legende von Sigurd und Gudrún, des Fall of Arthur und des Hobbit eine Tendenz Tolkiens gewesen zu sein, ans Legendarium anzubinden – im Hobbit eher spielerisch bzw. zur Bereicherung des Hintergrunds, in den Gedichten motivisch: Sigurd wird zu einer Túrin-Figur, Lancelot wird zu einer Earendil-Figur. Eine erstaunliche, faszinierende Hybris!

Kunstvoll – fast möchte ich sagen: gewohnt kunstvoll – ist Tolkiens Verwendung von meteorologischen Ereignissen zum Stimmungsaufbau in The Fall of Arthur. Zur Eröffnung des Gedichts werden die Handlungsfäden verknüpft, indem jeder der zentralen Charaktere einen Sturm erlebt – Mordred und Lancelot werden hier besonders parallel-kontrastierend aufgebaut, während Arthus als entrückt angedeutet wird: “In the huge twilight // gleamed ghostly-pale, / on the ground rising // like elvish growths / in autumn grass // in some hollow of the hills / hid from mortals, // the tents of Arthur.” (S. 21)

Eindeutig erfüllt wird hier auch Tolkiens Charakterisierung englischer Stabreimdichtung im Kontrast zur nordischen Dichtung: »Im Altenglischen wurden Breite, Vollständigkeit, Reflexion, elegische Wirkung angestrebt. Die altnordische Dichtung strebt danach, […] einen Moment blitzartig zu beleuchten – und sie neigt zu Verknappung, zu wuchtiger sprachlicher Verdichtung […]« (Die Legende von Sigurd und Gudrún, S. 16). The Fall of Arthur und The Legend of Sigurd and Gudrún mögen im Gesamtwerk Tolkiens jeweils einen sehr ähnlichen Platz einnehmen, sie sind aber doch wundervoll voneinander abgesetzt in Stil und Sprache. Während Tolkien in seinen nordischen Gedichten seine archaisierende, auf den Erbwortschatz konzentrierte Sprache perfektioniert, zeigt er in der Arthus-Sage die französischen Einflüsse auch in der Wortwahl auf. The Legend of Sigurd and Gudrún wird so eine größere Altertümlichkeit verliehen, während The Fall of Arthur offen mit der höfischen, hochmittelalterlichen Welt verbunden wird.

Der Buchschmuck fällt hier weniger üppig aus als in The Legend of Sigurd and Gudrún, nur eine einzelne Illustration wird mehrmals im Buch verwendet. Erfreulicherweise wurde sie wieder von Bill Sanderson erstellt, wie auch das Gesamtkonzept des Buches eine soweit gelungene Weiterführung des Vorgängers ist. Diskrepanzen sind die Papierwahl des Schutzumschlags (matt, nicht mehr hochglanz – eigentlich eine gute Entscheidung) und die Auswahl der Cover- und Innenillustration, die nicht mehr thematisch perfekt passt (aber optisch einwandfrei ist).

Jetzt unangenehm ins Auge gesprungen ist mir aber, dass durchgehend nicht-proportionale Ziffern verwendet werden – alle Zahlen mit 1 sind unangenehm auseinandergezogen. Auf Seite einundelfzig beispielsweise wird das besonders deutlich. Das würde ich einen ganz grundlegenden Patzer nennen.

Zuletzt seien noch Errata genannt:

Seite 33, Zeile 182: “hosemen” → “horsemen”
Seite 172: “this would be huge task” → “this would be a huge task”
Seite 229: “lighting” → “lightning” (oder “lighting [sic]”?)

The Fall of Arthur von J.R.R. Tolkien, 2013 erschienen bei HarperCollins. Herausgegeben von Christopher Tolkien.

¹nicht grundsätzlich, aber pragmatischerweise hier ausgeschlossen sei die Frage, ob komerzielles Publizieren an sich sinnvoll ist
²anscheinend ja

Donnerstag, 9. Mai 2013

Round-up

Ich mag keine Posts in eigener Sache, möchte diesem hier aber dennoch eine kurze Erklärung voranstellen: Ich bin den kompletten April über nicht zum Bloggen gekommen – nicht, weil ich die Lust daran verloren hätte, sondern weil ich von Angelegenheiten, die nichts oder nur sehr wenig mit phantastischer Literatur zu tun haben, stark in Anspruch genommen war. Damit ist es jetzt erst mal vorbei, und ich freue mich auf ein paar Tage Urlaub mit’m Fahrrad. Danach geht es hier hoffentlich weiter wie gehabt. Heute aber noch ein paar phantastikrelevante Bemerkungen zu Themen und Ereignissen, die mich in den vergangenen Wochen trotz allem Abgelenktsein beschäftigten.

Zunächst eine traurige Nachricht: Ray Harryhausen ist tot. Geht es um die Geschichte des Fantasyfilms, wird gerne behauptet, dieser habe um 1980 herum seinen Anfang genommen, etwa mit John Milius’ Conan the Barbarian oder Ralph Bakshis The Lord of the Rings und Fire and Ice. In den 90ern sei der Fantasyfilm weitgehend in der Versenkung verschwunden und dann durch Peter Jackson wiederbelebt worden. Damit wird Fantasy wieder einmal auf tolkieneske High Fantasy und howardeske Sword & Sorcery reduziert, was ich überhaupt nicht mag. In diesem konkreten Fall mag ich den Reduktionismus nicht, weil er die reichhaltige Tradition von Filmen der klassischen Hollywood-Ära, die Mythen, Questen und Monster zum Gegenstand haben, aus der Geschichte des Genres herausschreibt. Und niemandes Werk ist für diese Filmtradition von größerer Bedeutung als das des Stop-Motion-Künstlers und Produzenten Harryhausen, der vorgestern in London gestorben ist. Ich muss die Titel der Filme mit seinen berühmtesten Animationen nicht eigens aufzählen, und erlaube mir stattdessen folgenden Hinweis: Es sind nicht allein die Animationen, die den Charme dieser Werke ausmachen. Wenn Hera und Zeus in Jason and the Argonauts über die Fährnisse der Menschen plaudern wie ein Suburbia-Ehepaar über die letzte Folge seiner Lieblingssoap, dann ist das für mich Quelle von nicht enden wollendem Vergnügen.

Sodann habe ich die Freude, mein neues Blog vorzustellen: Arcana publicata. Diese Idee ist quasi aus einer Verlegenheit heraus entstanden. Ich fühle mich oft zwischen zwei Anliegen hin- und hergerissen. Einerseits glaube ich fest daran, dass es so etwas wie ein Recht auf Spinnerei gibt. Ohne exzentrische Weltsichten und fixe Ideen wäre das Leben langweiliger. Mit Menschen, die sich dem Glauben und der Hoffnung hingeben, in den Wäldern von Washington oder British Columbia eines Tages dem mächtigen Sasquatch zu begegnen, kann ich nur sympathisieren. Andererseits ist Obskurantismus jeder Art gefährlich, und allzuoft teilt er sich mit charmanten Spinnereien wie der, sich auf die Suche nach Bigfoot zu machen, das gleiche folkloristische Material. Die Lichter eines Ufos am nächtlichen Himmel haben etwas Faszinierendes. Der Glaube, dass in naher Zukunft eine außerirdische Flotte im Verbund mit Neuschwabenlandnazis auf der Erde landen wird, um sich des bedrohten Ariertums anzunehmen, ist dagegen im höchsten Maße abstoßend – und die Übergänge sind oft fließend. Die Frage, wie (oder ob überhaupt) exzentrische Auffassungen von faschistoidem Dunkelmännertum unterschieden werden können, treibt mich deshalb schon lange um. Befeuert wird sie immer wieder durch meine Phantastiklektüre, denn dass zwischen Phantastik, Pseudowissenschaften und Esoterik eine ständige gegenseitige Beeinflussung stattfindet, ist bekannt (einige Beispiele finden sich in meinem Blogpost »Dunkle Pilze«). Und da mir immer mal wieder Bücher aus dem Bereich der Esoterik, der Verschwörungstheorien und der Pseudowissenschaften in die Hände fallen, habe ich beschlossen, über meine diesbezüglichen Erfahrungen ein Blog zu führen.

Dabei ist meine Absicht, auf Arcana publicata in eher unregelmäßigen Abständen zu posten. Für eine systematische Auseinandersetzung mit dem Thema fehlt mir die Zeit, aber hin und wieder juckt es mich in den Fingern, und dann ist ein Blog ein gutes Ventil. Das Hermanstädter Gewässer wird also nicht, das möchte ich ausdrücklich betonen, zugunsten eines neuen Blogprojekts trockengelegt, sondern wie bisher weitergeführt.

Zum Schluss noch einige Bemerkungen zu einer Episode, die vergangenen Monat für leichte Unruhe in der Buchblogszene gesorgt hat. Rezensionsexemplare von Blanvalet und anderen Random-House-Verlagen kommen jetzt anscheinend mit einer Art Gebrauchsanweisung, die sich stellenweise ein klitzeklein wenig bevormundend liest. Da wundert es mich nicht, dass einige sich aufgeregt haben. Hätte mir auch passieren können. Mir scheint das Problem dieses Rezensionsbeipackzettels aber zu sein, dass er Dinge, die sich im Grunde von selbst verstehen, mit anderen vermischt, die durchaus als Zumutung empfunden werden können. So finde ich es nicht weiter kontrovers, wenn darauf bestanden wird, dass eine Rezension auf einem Blog oder einem YouTube-Kanal veröffentlicht werden sollte, während ein paar in die Bewertungsmaske einer Amazon-Buchseite getippte Zeilen nicht als ausreichend gelten. Ebensowenig muss darüber gestritten werden, dass der Verlag einen Beleglink zugeschickt bekommt und aus der Rezension zitieren darf. Geradezu hoch anzurechnen sind der Presseabteilung von Blanvalet & Co. die Hinweise, dass eine Rezension mehr sein sollte als ein umformulierter Klappentext bzw. dass von der Verlagsseite heruntergeladene Cover eingebunden werden können. Das eine zeigt, dass die Verlage nicht ausschließlich auf Werbung aus sind, das andere befreit Blogger_innen von Zweifeln an der Rechtlichkeit ihres Vorgehens.

Ganz anders verhält es sich in meinen Augen jedoch mit Vorgaben wie der, dass eine Rezension mit einem Link zu Amazon oder zur Verlagsseite versehen sein sollte. Dazu kann ich nur sagen: Wenn Leser_innen meines Blogs ein hier rezensiertes Buch online kaufen wollen, dann traue ich es ihnen zu, dass sie die Mittel und Wege dazu selber kennen. Und wenn sie lieber zum Buchladen an der Ecke oder in die nächstgelegene öffentliche Bibliothek gehen, dann werde ich sie mit Sicherheit nicht mit kommerziellen Links umzustimmen versuchen. Kurzum: Ich will, dass lesende Menschen sich Bücher auf die Art und Weise verschaffen, die ihnen selbst am besten passt. Ganz ähnlich sehe ich die Aufforderung, Rezensionen doppelt und dreifach zu posten. Warum sollte ich so etwas tun? Ich stelle mich ja auch nicht in die Fußgängerzone und verteile Printversionen meiner Buchbesprechungen.

Um es noch einmal zu betonen: Das Problem ist nicht, dass Verlage Rezensionen als Werbung ansehen. Das Problem beginnt da, wo Verlage dem Glauben verfallen, die Rezensent_innen müssten die Sache genauso sehen. Es täte allen Beteiligten gut, dies im Blick zu behalten.

Sonntag, 13. Januar 2013

Neue Medien

Holger M. Pohl hat seiner jüngsten Kolumne auf Fantasyguide.de die Aussage »Das gedruckte Buch ist tot!« vorangestellt, in einer ganz ähnlichen Weise, wie ich vor zweieinhalb Monaten vom »Ende der Buchblogs« gesprochen habe. Pohls Ausgangspunkt:
Es gibt so viele Dinge, die man gerne tot sagt. Oder tot redet. Doch sie erfreuen sich nach wie vor eines sehr umtriebigen Lebens und führen alles andere als ein Nischendasein, wie gerne mal kolportiert wird. Das Buch gehört dazu. 
Dem stimme ich zu. Ich fühle mich erinnert an Umberto Eco, der in Glossen und Interviews gerne die Anekdote erzählt, wie er mitten in der weitläufigen, geschäftigen Ausstellungshalle einer Buchmesse von einem Journalisten gefragt worden sei, was er zum Ende des Buches zu sagen habe. Das Buch, so Eco, sei eine Erfindung, die nicht weiter perfektioniert werden könne. Also gibt es auch nichts, was das Buch in seiner Bedeutung ersetzen kann. Mittlerweile ist man bei der Erkenntnis angelangt, dass Lesen am Computerbildschirm die Augen rötet und das Buch trotz reichlich vorhandener digitaler Texte seine Existenzberechtigung nicht verloren hat. Die Klage, dass die heutige Jugend ja nur noch vor dem Fernseher oder im Internet herumhänge, während sie früher (als alles besser war™) ihre Zeit mit der Lektüre von Schiller und Fontante verbracht habe, ist auch schon ziemlich abgestanden. So einfältig wie in Ecos Anekdote wird das Schicksal des Buches heute nur noch selten beschworen.

Aber wie die Geschichte, die von der Tragödie zur Farce übergeht, verlaufen auch kulturkritische Debatten: Sobald der elegische Ton der Verfallstheorie seine Wirkungslosigkeit offenbart, werden die Hemmungen abgelegt und der Vulgärdarwinismus tritt in den Diskurs ein. Es heißt nun nicht mehr, das Buch sei tot, sondern verschiedene Buchformate machten sich in einem gnadenlosen Konkurrenzkampf gegenseitig das Leben unsicher. Buchreport.de läutete kürzlich die »Totenglocken für das Taschenbuch«, wenn auch nur in Form eines Fragesatzes. E-Books und Paperbacks knabberten am Taschenbuchmarkt, so der Artikel in einer Zwischenüberschrift, obwohl gleich darauf zahlreiche Verlagsmenschen betonen, dass die Sache so wild gar nicht ist. Es wäre ja auch ziemlich respektlos, die Glocken bereits vor dem endgültigen Ableben zu läuten. Beziehungsweise, falls das Taschenbuch doch schon tot sein sollte, kann ich dazu nur sagen: Es schadet eventuell (sofern man kein Ghul oder Zombie ist) der eigenen Gesundheit, an einer Leiche zu knabbern.

Wie immer sich das Verhältnis zwischen Paperbacks und Taschenbüchern in Zukunft auch gestalten wird, die meisten Leser_innen wird es wahrscheinlich ohnehin nicht berühren, da den wenigsten unter ihnen der Unterschied, den der Buchmarkt zwischen PBs und TBs trifft, überhaupt bewusst sein dürfte. Bei E-Books sieht die Sache schon anders aus. Die haben immerhin eine sinnliche Qualität, die sie von gedruckten Büchern unterscheidet.

Die Ausbreitung des E-Books legt deshalb Vergleiche mit der Entwicklung anderer Kunstformen und ihrer Speichermedien nahe. Pohl geht in seiner Kolumne auf solche Vergleiche ein und nennt als Beispiel u.a. die Ablösung der Schallplatte durch die CD. Diese mit dem zwischen gedruckten Büchern und E-Books herrschenden Verhältnis gleichzusetzen, sieht er als Irrtum an. Bei Vinyl und CD überwögen die Gemeinsamkeiten, bei Büchern aus Papier und E-Books die Unterschiede. Fazit:
E-Books werden das gedruckte Buch weder verdrängen noch beerdigen. Weil sie nicht miteinander zu vergleichen sind. Hätten manche nur gerne. Aber die vergleichen auch gerne Äpfel mit Birnen. Beides ist Obst. Die einen mögen das eine, die anderen das andere, manche mögen beides.
Auch hier stimme ich zu. Allerdings sehe ich den Schallplatte-CD-Vergleich mit etwas anderen Augen. Die CD hat die Schallplatte nämlich gar nicht abgelöst, zumindest nicht wirklich. Die Verbreitung der CD hat eher die besondere Schönheit der Schallplatte zur Geltung gebracht. Schallplattencover sehen wegen ihrer Größe toll aus. Die Schwere des Vinyls fühlt sich gut an, es macht Spaß, die Scheibe auf den Plattenspieler zu legen. Viele Menschen bevorzugen auch den Klang von Schallplatten gegenüber CDs. Kurz, Vinyl ist durch die Einführung der CD nicht ausgestorben, sondern eher zum geschätzten Sammelobjekt für Nerds und Aficionad@s geworden. Das Problem ist hier eher, dass man sich solche teuren Späße erst mal leisten können muss. Ebenso ist es mit schön gestalteten Buchausgaben.

Es gibt auch handfestere Gründe, warum manche Medien nicht aussterben, sondern in bestimmten Nischen überleben. Das Radio ist vom Fernsehen nicht völlig verdrängt worden, weil man bei manchen Tätigkeiten das Radio laufen lassen kann, aber nicht den Fernseher. Das betrifft vor allem bestimmte Formen der Lohnarbeit, die ohne Radioberieselung unerträglich langweilig wären.

Natürlich verhält es sich nicht bei allen Speichermedien so. Manche von ihnen sterben tatsächlich aus, weil sie einfach nicht mehr gebraucht werden. MCs waren nur so lange praktisch, wie man noch keine CDs brennen oder Musikdateien kopieren konnte. Man brauchte sie in der Vinylära, um unterwegs Musik hören zu können, mit dem Walkman. Später wurde das unnötig, denn man konnte erst mit einem Discman* und dann mit einem MP3-Player Musik auf der Straße und zuhause im gleichen Format hören. Ähnlich verhält es sich mit Videokassetten und DVDs. Durch letztere erspart man sich das nervige Vor- und Zurückspulen, und die Bildqualität ist viel besser. Ich sehe das nicht als eine Form von »Leistungsoptimierung« oder ähnlichem Unsinn, sondern als Hedonismus. Es mag Menschen geben, die ihren (für mich lebenswichtigen) Hedonismus irgendwo zwischen mittäglichem Stau in der Innenstadt und spätabendlichen E-Mail-Konversationen mit dem Chef verloren haben, aber das ändert nichts an dem größeren Genuss, den Speichermedien wie DVDs gegenüber den vorher vorhandenen bieten. MCs und Videokassetten werden schlichtweg nicht mehr gebraucht. Manchmal werden ihre Einzelbestandteile neuen unterhaltsamen Zwecken zugeführt. In der sogenannten Dritten Welt spannen Kinder gern die in der Sonne glitzernden Bänder alter Kassetten quer über die Straße, um weiße Tourist_innen zu erschrecken, die glauben, sie rasten mit dem Auto auf einen Stahldraht zu und ihr letztes Stündlein habe geschlagen.

Ich glaube, dass E-Books und gedruckte Bücher auf ganz ähnliche Weise nebeneinander bestehen können wie Schallplatten und CDs. Wenn dieser Vergleich hinkt, dann eher dahingehend, dass ich keine Anzeichen dafür entdecken kann, dass in absehbarer Zeit das gedruckte Buch wie das Vinyl nur noch in überschaubaren Gruppen von Liebhaber_innen Verbreitung finden wird. Im Gegenteil, das Verlangen nach papiernen Büchern scheint nach wir vor einer der verbreitetsten Fetische überhaupt zu sein.

* Ich finde es übrigens belustigend, dass kleine Geräte, die auf Knopfdruck funktionieren, als »Männer« bezeichnet wurden.

Montag, 29. Oktober 2012

Das Ende der Buchblogs

Es ist ominös. Vor ziemlich genau einem Jahr wurde angestrengt gemutmaßt, ob Rezensionsblogs gefährlich sind. Heute steht bereits die Frage im Raum, ob das Buchbloggen am Ende ist. Aufgeworfen wurde sie von verschiedenen Beiträgen, in denen Bloggerinnen über den massiven Stress klagen, dem sie sich durch das regelmäßige Füttern ihrer Seiten mit Rezensionen, Gewinnspielen, SUB-Listen aussetzen, aber auch über die bedrohliche Gestalt, die die explodierende Buchblogszene gelegentlich annehmen kann.

Ersteres wird exemplarisch von Jessi auf Books a Week geschildert: Nachdem sie aufgrund einer Handverletzung zeitweilig nur noch eingeschränkt bloggen konnte, stauten sich bei ihr nicht nur die unaufgefordert eingesandten Rezensionsexemplare, sondern auch Beschimpfungen durch Leser_innen, die an ein Blog offenbar Ansprüche ganz eigener Art stellen: »Deine Rezensionen sind ganz schön rarr geworden he.. hast wohl keinen Bock mehr oder was, weißt du was .. dann lass es doch. Liest eh keiner deinen Scheiß!« »Boar deine blöden Rezensionen kannst du dir sonst wohin schieben, ich will Neuzugänge sehen und Gewinnspiele.« Und die Bloggerin selbst: »Aus allen E-mails ging hervor das diese Personen meinen Blog mehrmals am Tag anklicken oder auf mein Facebookprofil gehen, nur um zu sehen ob sich hier was tut. Und tut sich nichts werden sie von Stunde zu Stunde gefrusteter – das ist ja schon fast wie Verfolgungswahn.«*

Vanessa von Nie ohne Buch berichtet dagegen von üblen Erfahrungen mit dem Bodensatz des Selfpublishings:
In den letzten Wochen und Monaten erreichten mich einige E-Mails, überwiegend von Menschen, die sich mir als Autor vorstellten und mir ihre Bücher/Ebooks zur Rezension überlassen wollten. Ob dies den Tatsachen entspricht und sie Autoren waren, kann ich nicht beurteilen. Nicht immer stellten sie sich namentlich vor, nicht immer bin ich mir sicher, ob sie mir ihre richtigen Namen nannten oder schlichtweg unter Pseudonymen auftraten, was ansich kein Problem ist. Vermutlich sind sie alle Autoren nach ihrem Empfinden, da jeder sich so nennen kann, ohne jemals eine Zeile geschrieben zu haben. 
Zeigte sie sich nicht bereit, die eingesandten Machwerke zu rezensieren, erhielt sie zahlreiche aggressive, sexistische oder anderweitig herabsetzende Antworten von sich benachteiligt wähnenden Hobbyschreiberlingen:
Nein, ich bin nicht sauer. Das wäre untertrieben. Für die zahlreichen Beleidigungen, Unterstellungen und “guten” Wünsche, die mich, meine Familie oder Menschen die mir nahestehen betreffen und die im Laufe der letzten Monate eingetrudelt sind, wäre “sauer” definitiv das falsche Wort. Es ist zutiefst verletztend und dem sind sich die Verfasser auch bewusst, da es nur diesen Zweck verfolgt. [...] Ich bin es leid, mich ständig zu fragen, was ich euch überhaupt getan habe, außer eure Bücher nicht zu mögen oder sie gar nicht erst lesen zu wollen. Ich bin es leid, mir die Nächte damit um die Ohren zu schlagen, weil ich keine Möglichkeit sehe, euch loszuwerden, wenn euch selbst bei sturer Ignoranz meinerseits über Wochen nicht langweilig wird.
Weit davon entfernt, alle Indie-Autor_innen über einen Kamm zu scheren, berichtet sie von einer Entwicklung, die durchaus System hat. Es ist kaum zu übersehen, dass Buchblogs überdurchschnittlich häufig von jungen Frauen betrieben werden, während aggressiv und aufdringlich beworbene Eigenpublikationen in der Regel von Männern stammen. Der sexistische Grundton, der sich durch viele der von Vanessa zitierten Hate-Mails zieht, spricht Bände. Es zeigt sich darin etwas, was eigentlich niemanden überraschen sollte: John Asht ist kein Einzelfall, er krakeelt nur besonders laut und ist mit einem enormen Sendungsbewusstsein ausgestattet. Offenbar gibt es eine nicht zu unterschätzende Zahl von Testosteronschleudern, die sich als Gottes Geschenk an die Frauen und Selfpublishing als legitime Ausdrucksform dieses Alphamännchen-Selbstbildes sehen.

Ich selbst kann nicht von solchen Erfahrungen berichten. Wenn ich Rezensionen von selbstpublizierten Büchern mit der Begründung ablehnte, zum Lesen der unüberschaubaren Menge dieser Veröffentlichungen keine Zeit zu haben, wurde dies bislang immer höflich akzeptiert. Auch hier mag die Geschlechterhierarchie, die mich als Mann bevorteilt, eine Rolle spielen, und sicherlich ist der Hermanstädter See als Blog auch einfach nicht bedeutend genug, um ein lohnenswertes Angriffsziel darzustellen.

Deutlich ist, wie stark sich das Reden über Literatur durch das Internet verändert hat. Man muss sich vor Augen führen, dass es noch gar nicht so lange her ist, als Buchläden die einzige Schnittstelle zwischen Leser_innen und dem Geschäft mit der Literatur waren. Dazu kamen höchstens noch aus dem Alltag herausgehobene Ereignisse wie Lesungen (nach denen man sich ehrfürchtig in die Schlange stellte, um sich das Buch signieren zu lassen) oder besuchsoffene Tage auf Buchmessen. Vernetzung fand nur in Genrekreisen statt, die Fanzines und Cons organisierten, nach außen hin aber häufig (teils berechtigt, teils durch Vorurteile befeuert) wie leicht skurrile, geschlossene Gesellschaften mit eigenen Codes und Gesetzen wirkten.

Heute ist das anders. Geschrieben, publiziert und gelesen wird öffentlich. Es gibt Foren wie das von Literaturschock, die sich ohne jede thematische Einschränkung einfach nur dem Austausch über Bücher widmen. Verlage betreiben Fanseiten wie piper-fantasy.de. Autor_innen, die nicht über eigene Blogs oder Social Networks für ihre Fans erreichbar sind, werden immer seltener. In obskuren Kleinverlagen erschienene Werke werden emsig in die Bibliographien von Wikipedia-Artikeln eingetragen, gelöscht und wieder von neuem eingetragen. Und man halte das nicht für ein reines Jugendphänomen. Auf Amazon.de gibt es Hobbyschreiberlinge im Pensionsalter, die ihre Tage damit zubringen, argwöhnisch die zu ihren BoD-Publikationen abgegebenen Bewertungen zu überwachen, um im Falle einer unliebsamen Meinungsäußerung zeitnah in Schimpftiraden ausbrechen zu können. Früher verstaubten solche Werke in den Regalen von Provinzbibliotheken, heute gibt es zahlreiche Mittel und Wege, ihnen im Netz Aufmerksamkeit zu verschaffen. Das ist an sich eine feine Sache, denn man stößt immer wieder mal auf Werke von Indie-Autor_innen, die man nicht mehr missen möchte. Es verwundert aber auch nicht, dass die neuen Verhältnisse regelmäßig kleine Ashts zum Vorschein bringen, denen solche glorreichen Möglichkeiten zu Kopfe steigen.

Die Grenze zwischen der gewerbsmäßigen Verbreitung und dem Konsum von Büchern verschwimmt dabei immer mehr. Das manchmal aggressive, manchmal von Selbstüberschätzung zeugende Gebaren einiger Indie-Autor_innen rührt daher, dass diese Leute ihre Werke in eigener Person herstellen, bewerben und verkaufen wollen. Und anders als den Zeugen Jehovas, die Klingeln putzen und artig um ein Gespräch bitten müssen, kann man den Hobbyschreiberlingen im öffentlichen Raum des Internets nicht einfach die Tür vor der Nase zuknallen. Die Vermischung von Werbung und Bewertung findet aber auch in ganz anderen Größenordnungen statt, und nicht nur beim Marktriesen Amazon: Verlagen muss es verlockend vorkommen, dass Buchblogs sich in der Regel direkt an ihre Peer-groups richten. Aus ihrer Perspektive sind Rezensionen auf Buchblogs kostengünstige Werbung, die gewissermaßen von der Zielgruppe selbst organisiert wird.

Buchblogs sind ein Medium ganz eigener Art. Die Betreiber_innen liefern sich Reading Challenges, posten regelmäßig Leselisten, veröffentlichen ihre Rezensionen simultan auf Amazon und verlosen gelesene Rezensionsexemplare. Bücher werden häufig querbeet besprochen, von Klassikern des Bildungskanons über Genreliteratur bis hin zu Ratgebern, die »positives Denken« lehren sollen, ist alles dabei. Es handelt sich gewissermaßen um eine beständige, öffentliche Dokumentation des eigenen Leseverhaltens, die damit rechnen kann, unter Gleichgesinnten auf beträchtliches (und manchmal unangenehmes, siehe oben) Interesse zu stoßen. Die Postingfrequenz ist hoch. Ganz allgemein fällt auf, dass Buchblogger_innen für ihr Hobby oft eine beträchtliche Energie aufwenden. Schnelligkeit und Flexibilität, die Dogmen der Leistungsgesellschaft, scheinen hier in extrem individualisierter Form auf, denn letztlich sind es allein die Blogger_innen selbst, die sich zu möglichst schnellem Lesen und häufigem Posten anstacheln. Beim Bloggen über Bücher gibt es keinen Druck, dem man sich nicht selbst ausgesetzt hat.

Das alles hat eine absurde Seite, zweifellos. Ich fühle mich gelegentlich an Walter Moers’ Buchhaim erinnert. Aber während die Bücherjäger der zamonischen Literaturmetropole hartgesottene Söldner sind, wirkt die Jagd nach Büchern, wie sie in der Blogszene praktiziert wird, auf geradezu irreale Weise spielerisch. Immer wieder werden Geschichten darüber kolportiert, dass heutzutage auf Messen Bücher nicht mehr abgegriffen werden, indem man sie unauffällig im eigens mitgebrachten Jutebeutel verschwinden lässt, sondern man sich einfach als Blogger_in ausgibt und nach Rezensionsexemplaren fragt. Zudem weiß niemand so genau, sicherlich auch die Verlage nicht, ob Rezensionsblogs tatsächlich einen nennenswerten Einfluss auf Verkaufszahlen haben. Und bedenkt man, dass Buchblogs immer noch ein recht neuartiges Hobby sind, dessen Zeitintensität sich vermutlich mit Schule und Studium weitaus besser vereinbaren lässt als mit Familie oder Vollzeitjob, so ist absehbar, dass sich unter den Blogger_innen in nicht allzu ferner Zukunft Ermüdungserscheinungen zeigen werden.

In einer »Ist das BuchBloggen am Ende?« betitelten Kolumne fragt sich Jürgen Eglseer von fictionfantasy.de, ob angesichts unseriös auftretender Rezensent_innen und der Flut selbstpublizierter Werke Buchblogs als Freizeitbeschäftigung nicht an ihre Grenze gestoßen sind. Für die absehbare Zukunft beantwortet Eglseer seine Frage negativ, in der sich anschließenden Diskussion wird jedoch immer wieder auf mögliche Ermüdungstendenzen hingewiesen. Marcel Bülles etwa weist darauf hin, dass es neu angelegten, von Einzelpersonen betriebenen Blogs zunehmend schwer fallen dürfte, neben einem etablierten Rezensionsportal mit umfassender Datenbank überhaupt noch aufzufallen.

Da ist zweifellos etwas dran. Nimmt man die deutschsprachige SF- und Fantasyszene im Internet als überschaubaren Ausschnitt, so lässt sich nicht übersehen, dass die Zahl der selbständigen Blogs, die sich auf das Besprechen von SFF-Neuerscheinungen konzentrieren, vergleichsweise gering ist. Diese Aufgabe wird zum größten Teil von Rezensionsportalen wie FantasyGuide, Bibliotheka Phantastika oder fictionfantasy.de übernommen. Es gibt einige Blogs (ich denke da zum Beispiel an Feenfeuer und das Fantasy-Weblog), die sich auf regelmäßige Hinweise, Interviews und Rezensionen zu Neuerscheinungen spezialisiert haben, und es würde wenig Sinn machen, wenn weitere Blogger_innen ihrem Beispiel folgen würden. Die genannten Beispiele (und einige weitere) machen ihre Sache gut, und sie nachzuahmen würde höchstens zu Redundanz führen.

Das heißt aber nicht, dass neben diesen keine weiteren Blogs Platz hätten. Im Gegenteil, ich bin der Meinung, dass die Möglichkeiten des Mediums erst zu einem geringen Teil ausgelotet sind. Der größte Vorteil des Mediums Blog liegt in meinen Augen in dem hohen Grad an Idiosynkrasie, den es ermöglicht – wenn man sich denn die entsprechende Mühe macht. In einem selbständigen, von einer oder einer kleinen Gruppe von Personen betriebenen Blog kann man schreiben, worüber man will. So eigentümlich und widersprüchlich meine Interessen sein mögen, in einem eigenen Blog kann ich mich ungehindert darüber auslassen. Blogs, die unverwechselbar und eigenständig in ihrer Perspektive, ihren ästhetischen Vorlieben und den behandelten Themen sind, kann es gar nicht genug geben. Vielleicht tragen die typischen Buchblogs mit ihren Leselisten, Challenges und fröhlichen Missachtungen von Genregrenzen, die mit der SFF-Community im Internet und ihren etablierten Strukturen nur bedingt etwas gemein haben, ja solches Potential in sich. Von der Liebe zum Lesen sind sie sichtlich motiviert. Ich fände es schade, wenn diese Form des Bloggens an den oben geschilderten Anwürfen und Schwierigkeiten eingehen würde. Eine Entwicklung müsste die Buchblogszene meiner Ansicht nach aber schon durchmachen: Weg vom Wettrezensieren von Neuerscheinungen, nach denen in ein paar Monaten kein Hahn mehr kräht, hin zur stilsicher-erratischen Eigentümlichkeit in der Auswahl der Lektüre. Gerade die spontane Wahllosigkeit der auf Buchblogs besprochenen Werke kann den Weg zu immer neuer Begeisterung für immer wieder andere Ecken und Winkel der Literatur weisen. Buchhaim ist noch nicht kartographiert, das eröffnet die Möglichkeit, schöne und gefährliche Orte zu entdecken.

* Schreibweise stets wie im Original.

Sonntag, 29. Juli 2012

Projekt zur Rettung des Valashu-Epos

In der anglophonen Bücherwelt ist Crowdfunding ein beliebtes Mittel zur Veröffentlichung von Büchern, denen anderweitige Publikationswege versperrt sind. Erfolgreich angewandt wird es insbesondere zur Veröffentlichung von Anthologien, die sich notorisch schlecht verkaufen bzw. oft nur von Liebhaber_innen wahrgenommen werden.

In Deutschland versucht sich seit einigen Wochen Susanne Gerold als Pionierin auf diesem Gebiet. Gerold (Übersetzerin u.a. von Kate Elliott, Raymond Feist und Cinda Williams Chima) hat sich zum Ziel gesetzt, eine deutsche Fassung des Abschlussbandes von David Zindells Ea Cycle durch Crowdfunding zu ermöglichen. Unter dem Gesamttitel Das Valashu-Epos sind die ersten drei Bände (Der magische Stein, Der Herr der Lügen, Der verfluchte Wald) 2003–06 bei Blanvalet erschienen und verkauften sich mäßig. Zur Übersetzung des finalen Bandes The Diamond Warriors (HarperCollins 2007) kam es dann nicht mehr.

Susanne Gerold, die nicht nur die ersten drei Bände übersetzt hat, sondern auch ein großer Fan von Zindells Reihe ist, hat für ihr Projekt eigens eine Internetseite und ein Blog eingerichtet. Direkt zur Seite der Crowdfunding-Plattform Startnext, auf der man alle Infos erhält und das Übersetzungsvorhaben unterstützen kann, geht es hier. Ebenfalls von Interesse ist ein Interview zum Thema, das Gerold dem Blog von Madame Books gab.

Das Valashu-Epos wird von Gerold als »spirituelle Fantasy« bezeichnet. Es ist der New-Age-Charakter seines Werkes, der dafür verantwortlich ist, dass ich mich bislang nicht aufraffen konnte, Zeit auf Zindells Bücher zu verwenden. Gerolds Vorhaben finde ich dennoch unterstützenswert, ist doch offenkundig, mit wieviel Liebe und Beharrlichkeit sie ihr Projekt verfolgt. Es war China Miéville, der in einem völlig anderen Zusammenhang gesagt hat, Zeuge einer Liebesgeschichte zu sein, sei immer bewegend, »even if you’re not over-fond of one of the lovers«. Das ist nicht nur wahr, es beschreibt auch ziemlich gut meine Gefühle gegenüber diesem Projekt: So suspekt mir Zindells »spirituelle« Botschaften auch sein mögen – wie könnte es mich kalt lassen, wenn Gerold schreibt, sie habe an die 60 Bücher übersetzt, es habe sie aber »noch keines davon so sehr berührt« wie Zindells Zyklus, dessen abschließender Band »einen Platz in der Welt« verdient habe?

Das Projekt richtet sich in erster Linie an Leser_innen, die bereits von Zindell begeistert sind, oder aber an solche, die Zindell noch nicht kennen, im Valashu-Epos aber ihre Leseinteressen wiedergespiegelt sehen. Interessant ist es aber auch einfach für Leute wie mich, die ein Liebhaberprojekt wie dieses für unterstützenswert halten. Wessen Interesse geweckt ist, die oder der möge sich auf den verlinkten Seiten umschauen.

Samstag, 21. Juli 2012

Stephen King: Wind

The Wind Through the Keyhole, der Tie-in-Roman zum Dark-Tower-Zyklus, erscheint bei Heyne unter dem Titel Wind. Nun sind Ein-Wort-Titel bei den deutschen Übersetzungen von Stephen Kings Romanen gewissermaßen Programm. Ich schätze, das soll irgendwie geheimnisvoll und suggestiv wirken. Im Falle der Dark-Tower-Romane ist mir allerdings aufgefallen, dass das Ein-Wort-Prinzip nicht mit letzter Konsequenz angewendet wurde. Die Titel lauten im Original (ich folge hier der inneren Chronologie):
  • The Gunslinger
  • The Drawing of the Three
  • The Waste Lands
  • Wizard and Glass
  • The Wind Through the Keyhole
  • Wolves of the Calla
  • Song of Susannah
  • The Dark Tower
Das könnte man etwa folgendermaßen übersetzen, wollte man sich an den Originaltiteln und dem Inhalt der Bücher orientieren:
  • Der Revolvermann
  • Das Ziehen der Drei
  • Die Wüsten Lande
  • Der Zauberer und die Glaskugel
  • Der Wind durch das Schlüsselloch
  • Die Wölfe der Calla
  • Susannahs Lied
  • Der Dunkle Turm
Klingt stellenweise ziemlich holprig, nicht wahr? Die deutschen Titel lauten stattdessen so:
  • Schwarz
  • Drei
  • Tot
  • Glas
  • Wind
  • Wolfsmond
  • Susannah
  • Der Turm
Das ist verwirrend und folgt keiner inneren Logik. Wer würde den Leser_innen so etwas zumuten wollen? Eine gelungene, übersichtliche Titelgestaltung ohne überflüssigen Schnickschnack stelle ich mir eher so vor:
  • Schwarz
  • Drei
  • Tot
  • Glas
  • Wind
  • Wolf
  • Lied
  • Turm
Da weiß man wenigstens, dass man ein Stephen-King-Buch in den Händen hält. Ich hoffe sehr, dass der Verlag meine Vorschläge in zukünftigen Auflagen berücksichtigen wird.

Montag, 16. April 2012

Rezensionswesen

Das hier, ein umfangreicher Artikel der Berliner Zeitung über Amazon-Kundenrezensionen, hätte ein recht interessanter und informativer Bericht über das Bewertungswesen bei Amazon werden können.* Leider wird im gesamten Text so dermaßen auf die Tränendrüse gedrückt, dass es kaum zu ertragen ist. Immerhin wird deutlich, dass das in der Amazon-Community vielfach zum Ausdruck kommende Mob-Bewusstsein von der Geschäftsführung sehr wahrscheinlich als verkaufsfördernd angesehen wird. Es fehlt allerdings der Hinweis darauf, in welchen Bereichen das Abfeiern von idolisierten Autoren und die Buhrufe gegen unliebsame Kritikerinnen besonders unappetitliche Züge annehmen: Eso-Heilsbringer, positivistische Pfaffenfresser, miefig-traditionalistische Klerikale, antisemitische Verschwörungstheoretiker und sämtliche Spielarten von Pseudowissenschaft können sich sicher sein, dass ihre obskuren Publikationen auf Amazon von einer treu ergebenen Fan-Base bejubelt werden. Wer eine negative Bewertung in einer dieser Weltanschauungsnischen abgeben will, sollte eine gewisse Dickfelligkeit mitbringen und sich auf Beschimpfungen gefasst machen. Interessant ist die Erkenntnis, die man dabei machen kann, aber allemal: Die aufgezählten Milieus, die sich untereinander spinnefeind sind, gleichen sich in ihren Ressentiments wie ein Ei dem anderen.

Recht deutlich wird der Artikel, wenn es darum geht, dass negative Bewertungen bei Amazon grundsätzlich unerwünscht sind, während in positiven Rezensionen praktisch alles drinstehen darf, was nur irgendwie verkaufsfördernd ist. In extremen Fällen gilt das auch für die Leugnung des Holocaust, wie sie in Bewertungen zu verschwörungstheoretischen Büchern von einem unter dem Nick Dipl.-Ing. D.I.S. auftretenden Amazon-User regelmäßig veröffentlicht wird. Der braune Kamerad heißt eigentlich Dennis Schulz und verbreitet auch auf YouTube** und MyVideo (hier unter dem Nick Resurrector21) rechtsradikale und verschwörungstheoretische Inhalte. Bemerkenswert ist, dass er von Amazon.de allem Anschein nach bislang völlig unbehelligt gelassen wurde, auch dann, wenn es um strafrechtlich relevante Aussagen ging. Allzu offensichtlichen Geschichtsrevisionismus in seinen Rezensionen entschärfte er nur deshalb, weil andere User_innen mit Strafanzeige drohten.

Das Verhalten von Amazon.de entbehrt nicht einer gewissen Konsequenz. Positive Bewertungen sind für den Konzern Gratiswerbung, das ist bei normaler Literatur nicht anders als bei Fascho-Hetzschriften. Die Kundenrezensionen sind direkt in den Verkaufskreislauf eingebunden und Teil des Tauschverhältnisses, das die Kund_innen mit dem Buchhandelsgiganten eingehen. Der Artikel lässt deshalb einen Göttinger Literaturprofessor fordern, Amazon müsse transparent werden: Weil die User_innen in das Unternehmen eingebunden seien, dürfe Amazon seine Geschäftspolitik nicht als Privatsache behandeln und müsse glaubhaft darlegen, wie gegen den Missbrauch der Rezensionsfunktion vorgegangen werden kann.

Ich finde es fast schon verständlich, wenn Amazon zu solchen Forderungen nur mit den Achseln zuckt. Der Konzern unterliegt wie jedes Unternehmen dem Verwertungszwang und kann in den Bedürfnissen von User_innen, die nicht unmittelbar mit dem Verwertungsprozess zusammenhängen, daher nichts anderes als eine Nebensache sehen. Durch ihre Einbindung sind die Kundenrezensionen nicht mehr in erster Linie Kritik,*** sondern Werbung, und dass die nicht immer schön ist, sondern oft rücksichtslos und ziemlich hässlich, wissen wir alle. Auch die wirren rechtsradikalen Auslassungen des Dipl.-Ing. D.I.S. sind in all ihrer menschenverachtenden Qualität Werbung, die zum Kauf ebenso wirrer rechtsradikaler Bücher anregen soll.

Zu dieser naheliegenden Einsicht hätte auch der Artikel in der Berliner Zeitung gelangen können. Indem er das Problem als Schmerzensgeschichte eines von Amazon enttäuschten Top-Rezensenten emotionalisiert und individualisiert, liest er sich allerdings ziemlich unerträglich.

* Drauf gestoßen über einen Thread im Literaturschock-Forum.
** Der YouTube-Kanal ist mittlerweile nicht mehr zugänglich. Das erklärt sich der braune Dipl.-Ing. mit der jüdischen Weltverschwörung (»JewTube«).
*** Kritik hier im umgangssprachlichen Sinne als Bewertung anhand von Maßstäben der Schönheit oder der Nützlichkeit verstanden.

Samstag, 31. März 2012

Priest, Rant, Clarke Award

Keine Ahnung, ob alle bereits alles gesagt haben, was sie zu Christopher Priests Rant gegen die diesjährige Shortlist des Arthur C. Clarke Awards sagen wollen. Aber da momentan ja ganz gern über den Sinn und Unsinn von Genrepreisen diskutiert wird, gibt es an dieser Stelle schon mal eine kleine Link-Rundschau:
  • Christopher Priest findet, dass einige der auf der Shortlist versammelten Romane (insbesondere die von Charles Stross und China Miéville, der den Clarke Award routinemäßig gewinnt) darauf nichts zu suchen haben, während andere, die auf der Liste stehen sollten (z.B. Lavie Tidhars Osama), dort nicht zu finden sind: »Hull 0, Scunthorpe 3«. Er schlägt vor, die Preisverleihung für dieses Jahr auszusetzen und die Jury zu feuern. Er betont außerdem, dass sein Rant nicht dadurch veranlasst sei, dass sein eigener Roman nicht für die Shortlist ausgewählt wurde.
  • Damien G. Walter verkündet, er wolle Priests Vorpreschen psychologisch ergründen (»Understanding Christopher Priest«), was in diesem Fall schlicht heißt: Er unterstellt Priest Neid. Priest sei früher neidisch auf den erfolgreicheren Kollegen J.G. Ballard gewesen, nur um mittlerweile auf die gesamte Riege der gegenwärtigen SF-Autor_innen neidisch zu sein. So!
  • John Scalzi sieht das nicht ganz so aufgeregt und findet stattdessen, Priest solle in die Jury des Clarke Awards zwangsversetzt werden: »Christopher Priest Shouts at Clouds«.
  • Das OF Blog ist der Meinung, »strong, snark dissension« habe einen rechtmäßigen Ort in Genrediskussionen und plädiert deshalb dafür, man solle Priest gewähren lassen. Er empfiehlt, einfach die Titel auf der Shortlist (mit Ausnahme von Charles »Internet Puppy« Stross) zu lesen und dann die Diskussion fortzusetzen.
  • Pat’s Fantasy Hotlist postet, wie immer, nur einen Blurb und zwei oder drei Sätze mit Ausrufezeichen ringsherum: »Kaboum! Holy shit! Christopher Priest goes all out! What the fuck?« Ja, Pat, ist ja gut. Danke. Was? Nein, schon in Ordnung. Weiter im Text.
  • Catherynne M. Valente ist nicht einverstanden mit Priest, findet seinen Beitrag aber lesenswert. Dann sagt sie das, worauf die debattierenden Herren von selber wohl nicht kommen würden: »[L]et’s be honest, I couldn’t get away with it. If I posted that shit? I’d never hear the end of what a bitch I am.«
  • Jeff VanderMeer widmet der Diskussion einen seiner Evil-Monkey-Dialoge, obwohl er (behauptet er) lieber arbeiten würde. Glaube ich ihm nicht. Ansonsten stimmt er Priest punktuell zu und würdigt ausdrücklich die Beiträge von Valente und Scalzi: »Evil Monkey, Christopher Priest, and the Arthur C. Clarke Awards«.
  • Das Blog des Fandom Observer kommentiert die Affäre nicht weiter, grenzt Priests Vorstoß aber wohlwollend gegenüber Michael K. Iwoleits nach hinten losgegangener Attacke gegen den Deutschen Science-Fiction-Preis im letzten Jahr ab: »Christopher Priest: ›Schmeißt die Jury raus!‹«.
  • E-Book-Autorin Cora Buhlert muss über Priests Auslassungen zur gegenwärtigen Hard SF grinsen und steuert einen Haufen weiterer Links mit Wortmeldungen zur Debatte bei: »The Latest Genre Dust-up«
  • John Scalzi schreibt einen »Quick Follow-up« (ebenfalls mit weiteren Links zur Sache), indem er sich noch mal stärker von Damien G. Walters Küchenpsychologie distanziert. Interessant, weil Priest sich hier selber an der Kommentardiskussion beteiligt. 
  • Cora Buhlert hat noch mehr Links: »More Christopher Priest versus the Clarke Awards«. Außerdem weist sie interessanterweise darauf hin, dass Deutschland »a tradition of snarky and sometimes downright rude literary critics« habe und greift Valentes Hinweis auf, dass Männer in solchen Literaturdebatten viel grobianistischer auftreten dürfen als Frauen – man vergleiche nur mal, was mit Marcel Reich-Ranicki passiert ist, als er das Fernsehen bashte (er durfte erklären, was er meint), und was mit Elke Heidenreich (sie wurde gefeuert). Lesenswerter Post. 
  • Jim C. Hines ist der erste, der seinen Post auf kompromisslos parteiliche Weise betitelt: »In Defense of Christopher Priest«. Ganz nebenbei erklärt er, warum es eigentlich ganz nachvollziehbar ist, dass der Clarke Award ständig von China Miéville gewonnen wird – er ist einfach sexy: »Imagine those poor judges, trying so hard to select books based on merit, all the while imagining Mieville’s smoldering good looks…«
  •  Einen deutschsprachigen Diskussionsthread zum Thema gibt es in diesem Forum
So weit erst mal. Man weise mich darauf hin, wenn ich etwas Interessantes übersehen habe. Ach ja, hier noch der Link zum T-Shirt. Keine Nerd-Debatte ohne Merchandising-Artikel.

Montag, 19. März 2012

Der Seraph

Auf der Leipziger Buchmesse wurde der Seraph-Preis an Christian von Aster verliehen, der für seinen Roman Der letzte Schattenschnitzer ausgezeichnet wurde. Der Tagesspiegel berichtete darüber in einer Art und Weise, die viele Fantasyleser_innen aufhorchen und Gunda Bartels’ Artikel »Eine Welt ist nicht genug« in den einschlägigen Foren und Facebookseiten die Runde machen ließ. In der Tat heben Bartels’ Worte sich wohltuend ab vom eintönigen Lamento über Weltflucht und Kulturverlust, welches die Berichterstattung über Fantasy prägt, und ihr Artikel rückt Elke Heidenreichs diesbezügliche Positionierung aus dem letzten Jahr in ein dezidiert kritisches Licht.

Die Aufmerksamkeit, die der Tagesspiegel-Artikel erhält, zeigt jedoch auch, wie sehr Fantasy und ihre Liebhaber_innen sich noch immer in der Defensive bewegen. Es scheint nach wie vor notwendig zu sein, ostentativ auf die Tugenden des Genres hinzuweisen, um das Genre insgesamt besser dastehen zu lassen. Eine ähnliche Problematik offenbart sich am Anlass des Artikels selbst, am neugeschaffenen Seraph-Preis. Der wird in diesem Jahr erstmalig vergeben, und zwar von der eigens gegründeten Phantastischen Akademie e.V. Dieser »Verein zur Förderung der phantastischen Literatur in Deutschland«, so die Selbstbeschreibung, ist im Umfeld der Literaturagentur Schmidt & Abrahams und des Verlags Feder & Schwert entstanden. Mit dem Preis erhofft man sich nicht nur, einen Beitrag zur Nachwuchsförderung zu leisten (es gibt neben dem Hauptpreis eine dotierte Rubrik »Bestes Debüt«), es wird explizit auch darauf gesetzt, durch die Preisverleihung auf einer renommierten Buchmesse das Image phantastischer Literatur zu verbessern. Die Jury ist zu zwei Dritteln mit Lektorinnen und Verlagsmitarbeitern besetzt. So vermag es kaum zu überraschen, dass der Preis an bei Klett-Cotta erschienenen Letzten Schattenschnitzer ging; Hobbit-Presse-Lektor Stephan Askani steht in der Liste der Jurymitglieder an erster Stelle. Über Sinn und Unsinn des Seraph wurde daher nicht wenig diskutiert. Literaturpreise als Form des Selbstmarketing zu gebrauchen, ist traditionellerweise vor allem im SF-Bereich eine häufig geübte Praxis.

Dennoch finde ich die Vorgehensweise der Phantastischen Akademie nicht weiter schlimm. Das anspruchsvollere Segment der Genre-Fantasy hat im deutschsprachigen Raum – siehe oben – nach wie vor keine Lobby. Sollten Verein und Preis es in Zukunft vermehrt schaffen, die Öffentlichkeit auf grenzüberschreitende und kreative Ausprägungen der deutschsprachigen Fantasy hinzuweisen, hätten sie ihren Daseinszweck erfüllt. Die Voraussetzung wäre natürlich, dass die Jury sich auch wirklich auf dieses Segment konzentriert. In diesem Jahr hat sie das meines Erachtens getan, zumindest in Ansätzen, wie die Nominierungslisten zeigen – Christian von Aster, Marcus Hammerschmitt, Boris Koch und Tobias O. Meißner zum Beispiel zählen nicht zu den immergleichen Autor_innen, die bei einem Publikumspreis wie dem Deutschen Phantastik-Preis (DPP) quasi als Selbstläufer die oberen Ränge dominieren.* Wenn die Seraph-Jury bei diesem Kurs bleibt, kann es ihr gelingen, eine Nische zu besetzen und auf die anderen Gesichter der Fantasy hinzuweisen, die hinter Bestsellerstapeln und Publikumsvoten oft zu Unrecht verborgen bleiben. Nur eines sollte der Trägerverein schleunigst ändern, bevor es zu spät ist: Der Name »Phantastische Akademie« impliziert ein wissenschaftlich-akademisch ausgerichtetes Tätigkeitsfeld, von dem in der Selbstbeschreibung des Vereins aber weit und breit nichts zu erkennen ist. Eine Namensänderung wäre das geeignete Mittel, um Vorwürfen von Etikettenschwindel entgegenzutreten.

Neben dem Letzten Schattenschnitzer wurde übrigens Nina Maria Marewskis Die Moldau im Schrank in der Kategorie »Bestes Debüt« mit dem Seraph ausgezeichnet, ein Buch, welches auch für einen ganz anders gelagerten Preis, nämlich den »Kuriosesten Buchtitel des Jahres«, nominiert war.**

Update

Eine leicht überarbeitete (und daher etwas längere) Fassung dieses Posts ist in der April-Ausgabe des Fandom Observer erschienen, die hier kostenlos heruntergeladen werden kann (PDF-Format). Mein Beitrag findet sich auf S. 8. Daneben gibt es Berichte von der Leipziger Buchmesse und vieles mehr. Besonders hervorzuheben ist die Rezension von John Carter, die gewissermaßen als Kontrapunkt zu meinem Beitrag mit dem Satz »Fantasy ist im Grunde ihres Herzens albern« beginnt.

* Mit einer Ausnahme: In der DPP-Kategorie »Bestes deutschsprachiges Romandebüt« tummeln sich regelmäßig interessante Titel.
** Dieser Preis ging dann allerdings an  eines dieser Venusfrauen-und-Einparkmänner-Machwerke: Frauen verstehen in 60 Minuten von einer gewissen Angela Troni. In der Begründung heißt es, das Buch könne glatt von Mario Barth unter einem Pseudonym verfasst worden sein. Angela Troni gibt es jedoch wirklich, sie versteht den Mario-Barth-Vergleich offenbar als Auszeichnung, und wahrscheinlich ist das alles auch haargenau so gemeint. Ächz.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.