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Freitag, 2. Februar 2018

Der Vampirmythos: Definitionen und Eingrenzungen

Da ich mir gerade die erste Staffel von The Strain ansehe, hat mich die Lust gepackt, etwas über die Entwicklung der Vampirmythologie zu schreiben. Bekanntlich verfolgt Guillermo del Toro mit The Strain die Absicht, den Vampir der osteuropäischen Folklore zu rehabilitieren. Der ist zuallererst ein Monster, eine Pest aus dem Grab. Wird eine verstorbene Person zum Vampir, hat das schreckliche Folgen für die Hinterbliebenen aus der Familie und der Dorfgemeinschaft. Mit dem romantischen Vampir, wie wir ihn aus der Literatur von John William Polidori bis Anne Rice kennen, hat dieser ursprünglichere Vampir kaum etwas gemein.

Doch was ist ein Vampir? Während wir aufgrund der literarischen Tradition ein deutliches Bild vor Augen haben, wie ein Vampir aussieht und was er tut, ist es gar nicht so leicht zu sagen, wo eigentlich die Wurzeln des Vampirmythos liegen. Gelegentlich trifft man auf sehr weit ausufernde Vorstellungen von Vampirismus. So veröffentlichte der englische Geistliche Montague Summers 1928 sein Buch The Vampire: His Kith and Kin, in dem er angebliche Vampirsagen aus der ganzen Welt sammelte. Damit verfolgte Summers einen bestimmten Zweck: Er wollte seine Leser:innen von der tatsächlichen Existenz des Vampirismus überzeugen. Summers war ein Exzentriker, der u.a. die erste englische Übersetzung des Hexenhammers anfertigte und sich selbst als christlichen Monsterjäger, eine Art wahrgewordener Van Helsing, inszenierte. Da es weltweit Erzählungen über Vampire gebe, insinuierte Summers, müssen sie wohl tatsächlich existieren.

Von der Frage der Existenz einmal abgesehen, ist das Netz mit dieser Methode aber viel zu weit geworfen. Sicherlich wird man an ganz verschiedenen Orten und in ganz unterschiedlichen Kulturen Erzählgut über nächtliche Heimsuchungen durch Gespenster oder dämonische Wesen finden. Manchmal wird diesen Wesen auch zugeschrieben, dass sie Blut trinken, Menschenfleisch fressen oder ihren Opfern die Lebenskraft aussagen. Das allein konstituiert aber noch keinen Vampir. Der Verzehr von Blut oder Menschenfleisch (meist in rituellem Rahmen) wird auch Hexen oder den Angehörigen ketzerischer Gemeinschaften vorgeworfen, was diese aber nicht zu Vampir:innen macht.

Halten wir uns an das Wort des Vampirjägers Rybarenko in A. K. Tolstois Erzählung »Der Vampir«:
»Vampire«, erwiderte der Fremde kaltblütig. »Sie denken natürlich an allerlei romantische französische Geschichten, aber ich kann Sie versichern, daß wir es hier mit einer rein slawischen Erscheinung zu tun haben, wenn diese unheimlichen Wesen auch in ganz Europa, ja sogar in Asien zu finden sind. Das Wort selbst ist echt russisch und lautet ›Upyr‹. ›Vampir‹ haben erst die ungarischen Mönche daraus gemacht, die alles latinisieren mußten. Heute freilich macht man sich nur lächerlich, wenn man die richtige Form anwendet ...«

Vampire kommen nach der übereinstimmenden Auskunft der Klassiker des Genres, nicht nur A. K. Tolstois, sondern auch Lord Byrons, Sheridan le Fanus und Bram Stokers ursprünglich aus (Süd-)Osteuropa und Vorderasien, insbesondere aus Ungarn, Polen und den ehemaligen Gebieten des Osmanischen Reiches. Das ist der geographische Herkunftsort des historischen Vampirglaubens. Will man dem Vampirismus auf die Spur kommen, muss man ihn dort suchen.

Sieht man sich nun die entsprechenden Überlieferungen und Berichte aus diesem Raum an, ist das verbindende Merkmal folgendes: Der Vampir (in der Tat handelt es sich in den Berichten typischerweise um Männer) ist eine verstorbene Person, die aus dem Grab zurückkehrt, also ein Revenant oder Wiedergänger. Revenants sind weder tot noch lebendig, sondern etwas dazwischen, sie sind untot. Als untote Menschen unterscheiden sich Vampire von Dämon:innen, die von vornherein übernatürliche Wesen sind. Sie unterscheiden sich auch von Gespenstern, die ja wirklich tot sind, bzw. als die unruhigen Seelen Verstorbener gedacht werden.

Vampire sind Revenants, allerdings sind nicht alle Revenants Vampire. Tatsächlich kommen Sagen über Revenants (ähnlich wie die oben erwähnten dämonologischen und Hexensagen) in verschiedensten kulturellen Kontexten vor. Die skandinavische Mythologie kennt z.B. die draugar. Das sind Menschen, die durch außergewöhnliche Willenskraft erreichen, dass ihre Seelen nach dem Tod im Körper verbleiben. Das Motiv für diesen Willensakt ist meist Gier. Der typische draugr ist eine aufgedunsene lebende Leiche, die in ihrem Grabhügel haust und darin Schätze sammelt. Um sich zu ernähren, fallen draugar über Hirten und ihre Herden her, zerfetzen sie und verschlingen ihr Fleisch. Sie können endgültig getötet werden, indem man ihre Körper verbrennt oder zerstückelt. Wer allerdings auf Schatzsuche einen Grabhügel betritt, der von einem draugr bewohnt wird, sollte sich in Acht nehmen, denn der draugr fällt den Eindringling in rasender Wut an und erwürgt ihn. Gelegentlich wird auch berichtet, dass draugar unbedarfte Eindringlinge durch unheilvollen psychischen Einfluss in den Wahnsinn treiben.

Wer dabei an die barrow-wights in The Lord of the Rings denkt, liegt ganz richtig. Tolkien ist hier definitiv von der nordischen Mythologie beeinflusst. Er kam wahrscheinlich auf die Bezeichnung, weil William Morris in seiner Übersetzung der Grettis saga das Wort draugr mit barrow wight wiedergab.

Zu den Revenants gehören auch die Zombies des Voodoo. Diese sind mittels Magie reanimierte Leichname. Der Zombie muss dem Hexenmeister, der ihn aus dem Grab gerufen hat, willenlos zu Diensten sein. Neben dem körperlichen Zombie gibt es auch eine körperlose Variante. Dabei bindet der Hexenmeister nicht den Körper, sondern den Geist eines verstorbenen Menschen an sich und bewahrt ihn etwa in einer Flasche auf. Beiden Phänomenen gemeinsam ist die Vorstellung, dass dem Zombie gewissermaßen die Hälfte seines Ichs fehlt: Der Zombie ist in einem Fall nur Körper ohne Geist, im anderen Fall nur Geist ohne Körper. Es ist dieser Zustand der Unvollständigkeit, die es dem Hexenmeister ermöglicht, den Zombie zu kontrollieren. 

Hier ist eine Anmerkung zum Zombie der gegenwärtigen Popkultur statthaft. Der trat bekanntlich zum ersten Mal 1968 in George A. Romeros Night of the Living Dead auf und wird deshalb mit Fug und Recht Romero-Zombie genannt. Allerdings bezeichnete Romero seine Kreaturen zunächst nicht als Zombies – erst im Drehbuch der Fortsetzung Dawn of the Dead fällt das Wort. Romero war von Richard Mathesons Vampirroman I Am Legend beeinflusst, in dem die Vampire keine einzelgängerischen Untoten sind, sondern sich in großen Gruppen bewegen. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass der Romero-Zombie gar keine Weiterentwicklung des Voodoo-Zombies ist, sondern des Vampirs. Jedoch begannen schon kurz nach dem Erscheinen von Night of the Living Dead die Fans wie die Filmkritik, die darin vorkommenden Kreaturen Zombies zu nennen. Einen Zusammenhang könnte man folgendermaßen konstruieren: Mit dem Voodoo-Zombie haben sie das Element der Willenlosigkeit gemein. Sie stehen zwar nicht unter dem Zwang eines Hexenmeisters, aber dafür unter dem ihrer unstillbaren Fressgier. Die zugrundeliegende Idee ist natürlich, dass die Romero-Zombies am untoten Leib verwesen, weshalb sie ihre kümmerliche Existenz nur durch die unablässige Zufuhr von Frischfleisch aufrecht erhalten können.

Wie Vampire gehören draugar und Zombies zur Familie der Revenants oder Untoten, der aus dem Grab zurückgekehrten Verstorbenen (und es gibt sicherlich noch viele weitere Arten von Revenants). Im nächsten Post will ich auf die Spezifica des Vampirs eingehen, die ihn von anderen Untoten unterscheiden.

Donnerstag, 15. Juni 2017

Men Have Called Him Mad

As we all know, there is a kind of lazy pleasure in useless and out-of-the-way erudition.
— Jorge Luis Borges & Norman Thomas di Giovanni 

Zu Edgar Allan Poes vielen Talenten gehörte auch das Erfinden von Koranversen. So lautet die erste Strophe seines Gedichts »Israfel«:
In Heaven a spirit doth dwell
“Whose heart-strings are a lute;”
None sing so wildly well
As the angel Israfel,
And the giddy stars (so legends tell)
Ceasing their hymns, attend the spell
Of his voice, all mute.
Die zweite Zeile ist als Zitat gekennzeichnet und mit einer Fußnote versehen:
And the angel Israfel, whose heart-strings are a lute, and who has the sweetest voice of all God’s creatures.—Koran.
Damit wird das Zitat als ein Vers (oder Teil eines Verses) aus dem Koran ausgegeben. Allerdings wird im Koran nirgendwo ein Engel erwähnt, dessen Herzfasern eine Laute sind. Aber einfach nur um eine Erfindung Poes handelt es sich dabei auch nicht. Israfil ist neben Dschibril (Gabriel), Michail (Michael) und Israil (Azrael) einer der vier Erzengel im Islam. In der Sure Az-Zumar (der 39. Sure) wird der Tag der Auferstehung beschrieben:
68 Und geblasen wird in die Trompete,
so dass niederstürzt vom Donnerschlag getroffen,
wer in den Himmeln und auf der Erde,
außer denen, die Gott will.
Dann wird ein zweites Mal geblasen in die Trompete
und wahrlich, da stehen sie auf und schauen.
69 Und erstrahlen wird die Erde im Licht ihres Herrn
und vorgelegt wird die Schrift
und herbeigebracht werden die Propheten und Zeugen
und entschieden wird zwischen ihnen nach der Wahrheit
und ihnen wird nicht Übles getan.
In der späteren islamischen Theologie entwickelte sich die Vorstellung, die Trompete des Auferstehungstags werde von einem Erzengel Israfil geblasen. Namentlich erwähnt wird dieser im Koran aber, wie gesagt, nicht. Israfils schöne Stimme und sein Lautenherz sind vermutlich Hinzufügungen Poes. Ich muss gestehen, dass ich mir lange nicht ganz sicher war, ob Israfil nicht doch im Koran namentlich genannt wird. Bei einem anderen angeblichen Koranzitat, das in Poes Werk auftaucht, hatte ich dagegen gleich den Verdacht, dass damit etwas nicht stimmen kann. In einer Fußnote zur Erzählung »The Thousand-and-Second Tale of Scheherazade« heißt es:
“The earth is upheld by a cow of a blue color, having horns four hundred in number.”—Sale’s Koran.
»The Thousand-and-Second Tale of Scheherazade« ist eine Parodie auf Tausendundeine Nacht, und keine gelungene. In der Tat würde ich behaupten, dass diese Geschichte in Poes Werk (auf das ich sonst nichts kommen lasse) einen Tiefpunkt darstellt. Sie wird durch eine Herausgeberfiktion eingeleitet, derzufolge eine bislang unbekannte Episode aus Tausendundeiner Nacht aufgefunden wurde, in der Scheherazade eine achte Reise Sindbads beschreibt. Sindbad begegnet lauter Wundern, die zwar größtenteils real sind (z.B. Charles Babbages Differenzmaschine und ein Heißluftballon), der König aber für ganz und gar unglaubwürdig hält. Nur an einer Stelle, als Scheherazade erzählt, Sindbad sei der blauen Kuh mit vierhundert Hörnern ansichtig geworden, die die Erde auf ihrem Rücken trägt, bemerkt der König:
“That, now, I believe,” said the king, “because I have read something of the kind before, in a book.”
Die Implikation ist, dass der König im Koran davon gelesen hat. Die Übersetzung des Orientalisten George Sale erschien 1734 und war lange Zeit die wichtigste englische Koranübersetzung. Das Poe-Zitat enthält sie natürlich nicht. Während also Poes erstes erfundenes Koranzitat noch einen Anknüpfungspunkt im Text hat, ist das hier nicht mehr der Fall. Die Geschichte endet übrigens damit, dass der König, der schon überlegt hatte, Scheherazade das Leben zu schenken, sie doch noch hinrichtet, weil er glaubt, sie wolle ihm mit ihren Beschreibungen von Heißluftballons und Rechenmaschinen einen Bären aufbinden. Das kann als ironische Warnung des für seine literarischen hoaxes bekannten Poe an sich selbst verstanden werden, es mit der Publikumsveräppelung nicht zu weit zu treiben. Ich halte die Geschichte aber aus zwei Gründen für völlig misslungen: Zum einen basiert sie auf dem dümmlichen Klischee vom abergläubischen und ungebildeten islamischen Despoten. Sie erinnert an die nach wie vor tradierte, aber frei erfundene Anekdote, der Kalif Umar habe 642 die Zerstörung der Bibliothek von Alexandria befohlen, weil Bücher, die dem Koran widersprächen, schädlich seien, und Bücher, die dem Koran entsprächen, unnütz.*

Zum anderen widerspricht sie der fundamentalen Regel für phantastische Erzählungen, die J. R. R. Tolkien in »On Fairy-stories« aufstellt: »There is one proviso: if there is any satire present in the tale, one thing must not be made fun of, the magic itself.« In Faërie ist sogar eine blaue Kuh mit vierhundert Hörnern möglich, die die Welt auf dem Rücken trägt – so wie in Faërie ja auch eine Schildkröte möglich ist, die vier Elefanten auf dem Rücken trägt, die wiederum die Welt tragen. In der »Thousand-and-Second Tale« kommt die blaue Kuh aber nur vor, um den König lächerlich aussehen zu lassen, und das wird ihr nicht gerecht.

Meine spontane Annahme war, dass Poe die blaue Kuh zwar nicht dem Koran entnommen, sie aber auch nicht selber erfunden hat. Gleichzeitig war ich mir sicher, noch nie an anderer Stelle von dieser Kuh gelesen zu haben. Bis ich zum ersten Mal im Book of Imaginary Beings von Jorge Luis Borges, Margarita Guerrero und Norman Thomas di Giovanni geblättert habe. Darin gibt es einen Eintrag über den Stier Kujata, der die Welt auf seinem Rücken trägt:
In Moslem cosmology, Kujata is a huge bull endowed with four thousand eyes, ears, nostrils, mouths and feet. [...] Kujata stands on the back of the fish Bahamut; on the bull’s back is a great rock of ruby, on the rock an angel, and on the angel rests our earth. Under the fish is a mighty sea, under the sea a vast abyss of air, under the air fire, and under the fire a serpent so great that were it not for fear of Allah, this creature might swallow up all creation.
Das wäre also des Rätsels Lösung. Kujata ist zwar nicht blau und hat auch keine vierhundert Hörner, sondern viertausend Augen, Ohren, Nüstern, Mäuler und Füße. Aber es ist doch unzweifelhaft das Wesen, das auch Poe im Sinn hatte. Nur: Was heißt hier muslimische Kosmologie? Offizielle islamische Theologie ist das nicht. Leider gibt das Book of Imaginary Beings keine Quelle an, aber wahrscheinlich haben die Autor_innen Kujata im Werk des Orientalisten Edward William Lane (1801–76) kennengelernt, den sie in ihrem Buch mehrfach erwähnen.

Lane fertigte eine Übersetzung von Tausendundeine Nacht an, wobei er als guter Viktorianer aber alle Stellen ausließ, die ihm anstößig vorkamen. Das Werk erschien 1840 in drei Bänden. Frühere englische Übersetzungen basierten oft nicht auf dem arabischen Text, sondern auf der französischen Übersetzung Antoine Gallands (1717). Insofern war Lanes Werk wegweisend.** Er erarbeitete zudem einen umfangreichen Kommentar zu Tausendundeiner Nacht. Darin zitiert er einen kosmologischen Bericht des arabischen Geographen Ibn al-Wardi aus dem 14. Jahrhundert, auf dem wiederum der Eintrag im Book of Imaginary Beings beruht.

Aber damit ist das Problem noch nicht gelöst. Lanes Kommentar zu Tausendundeiner Nacht wurde nämlich erst 1883 unter dem Titel Arabian Society in the Middle Ages: Studies from the Thousand and One Nights aus dem Nachlass herausgegeben. Poe kann ihn also nicht gelesen haben. Lanes Tausendundeine-Nacht-Übersetzung mag er gekannt und für seine »Thousand-and-Second Tale« verwendet haben, die 1845 in einer Zeitschrift erschien. Aber woher wusste Poe von der Kuh oder dem Stier mit der Welt auf dem Rücken? War vielleicht schon Lanes Übersetzung mit Anmerkungen versehen, die darauf hindeuteten, oder wird das mythologische Wesen sogar in Tausendundeine Nacht selbst erwähnt? Ab hier weiß ich nicht mehr weiter.

Anzumerken ist außerdem, dass Lane außerdem eine Auswahlübersetzung des Korans anfertigte, die 1843 als Selections from the Kur-án erschien. Auch die kann Poe gekannt haben. Mehr noch: Er mag sich beim Abfassen seiner Geschichte erinnert haben, dass Lane sowohl an Tausendundeiner Nacht als auch am Koran arbeitete, mag deshalb die Information über Kujata dem Koran untergeschoben haben, und zudem Lanes Übersetzung mit der sehr viel bekannteren Übersetzung Sales verwechselt haben – wenn er nicht mit voller Absicht ein bibliographisches Verwirrspiel trieb. Aber das bleibt Spekulation, so lange nicht nachgewiesen ist, dass Poes Quelle Lane war.***

Zum Schluss darf der Hinweis nicht fehlen, dass der Fisch Bahamut, auf dessen Rücken Kujata steht, natürlich das Ungetüm Behemot aus der hebräischen Bibel ist. In Kapitel 40 des Buches Hiob beschreibt Gott verschiedene urzeitliche Monster, die er geschaffen hat:
15 Sieh doch den Behemot, den ich geschaffen habe mit dir
– Gras frisst er wie das Rind –,
16 sieh doch seine Kraft in seinen Lenden
und seine Stärke in den Muskeln seines Bauches!
17 Er reckt seinen Schwanz wie eine Zeder,
die Sehnen seiner Schenkel sind verflochten.
18 Seine Knochen sind Röhren von Erz,
seine Gebeine wie Stangen von Eisen.
19 Er ist der Anfang der Wege Gottes,
wer ihn gemacht hat, reichte ihm sein Schwert.
25 Kannst du den Leviatan an der Angel heranziehen
und mit dem Seil seine Zunge niederhalten?
26 Legst du ihm ein Binsenseil um die Nase,
durchstichst du mit einem Haken seine Kinnlade?
27 Bittet er dich immer wieder um Gnade
oder spricht er zu dir zarte Worte?
[...]
32 Leg nur deine Hand an ihn,
denk an Kampf – das tust du nicht noch einmal!
Der Behemot wird manchmal mit dem Flusspferd oder dem Elefant identifiziert, der Leviatan mit einem Krokodil oder einem Wal. Aber das geht natürlich an der Sache völlig vorbei, ebenso wie wenn behauptet wird, Drachen seien eigentlich Dinosaurier.

* Die Anekdote gehört zu einem Komplex sich hartnäckig am Leben haltender europäischer Legenden über die Zeit der islamischen Expansion, zu der auch die Vorstellung gehört, Karl Martell habe durch seinen Sieg in der Schlacht von Tours und Poitiers (732) im letzten Augenblick die Eroberung Europas durch Muslime verhindert. Noch in den 1970ern nannte sich in Frankreich eine faschistische Terrororganisation, die durch Bombenanschläge vier Menschen ermordete, »Gruppe Karl Martell«.
** Eine vollstänige, nicht bowdlerisierte Übersetzung ins Englische erschien allerdings erst 1885 mit Richard Francis Burtons Book of the Thousand Nights and a Night.
*** Ich habe für diesen Post keine Poe-Sekundärliteratur gesichtet und kann deshalb nicht sagen, ob es darin Weiterführendes gibt.

Mittwoch, 6. August 2014

Rumpelstilzchen oder ...?

Hab ich eigentlich schon mal erwähnt, dass ich Listen mag? Hier ist jedenfalls eine Liste mit regionalen Namensvarianten der bekannten Märchenfigur, die bei den Grimms Rumpelstilzchen heißt. Darunter sind weibliche und männliche, afroamerikanische und weiße Rumpelstilzchen:
  • Rumpenstünzchen
  • Purzinigele
  • Kruzimugeli
  • Springhunderl
  • Ziliguckerl
  • Friemel Friemel Frumpenstiel
  • Stragagerl
  • Furzkacherl
  • Tilletanzerl
  • Hans Öfeli-Chächeli
  • Zistel im Körbel
  • Kugerl
  • Waldkügele
  • Felix
  • Frau Wipp
  • Nägendümer
  • Hahnenkickerle
  • Spitzbartele
  • Winterkölbl
  • Hopfenhütl
  • Popelmann
  • Gebhart
  • Horle-Horle-Wip
  • Hoppetinchen
  • Rumpetrum
  • Holzrührlein Bonneführlein
  • Verlefränzchen
  • Zirkzirk
  • Hipche
  • Ekke Nekkepenn
  • Knirrficker
  • Swaart Hex
  • Vater Fink
  • Tarandandò
  • Zorobubu
  • Ligna di scupa
  • Vippentur
  • Pimpelicurius
  • Titteliture
  • Titiläs
  • Tuura
  • Tuttirituli
  • Gilitrutt
  • Bimpeltud
  • Trillevip
  • Pisk-i-Aske
  • Rion
  • Repelsteeltje
  • Kwispeltotje
  • Pier Wier Wetz
  • Tabutoe Tambutoe
  • Yantencanabemorimacacucentellaes
  • Tom Tit Tot
  • Terrytop
  • Trwytyn Tratyn
  • Gwarwynathrot
  • Sili go Dwt
  • Even Trot
  • Trit-a-Trot
  • Wallolty Trot
  • Whuppity Stoorie
  • Peerie Fool
  • Tyngl-Tangl
  • Łacia
  • Ciacia
  • Łup-cup-cup
  • Kinkach Martinko
  • Vargalusko
Doch damit nicht genug. Es folgt eine Liste von Rumpelstilzchen ausschließlich aus dem französisch-baskisch-bretonischen Raum:
  • Troguenolgotife
  • Mirkikerir
  • Mirlikovir
  • Mirloret
  • Cacholet
  • Brigolet
  • Vircocolire
  • Ricdin Ricdon
  • Dick-et-Don
  • Rindon
  • Le Sotré
  • Fanfinion
  • Furti-Furton
  • Capucheret
  • Terlemtaine
  • Ricabert-Ricabon
  • Racabé-Racabon
  • Racavin-Racavon
  • Rigausounait
  • Rigabot
  • Virlouvet
  • Titi la houppe
  • Rodomont
  • Jébédick le Ribet
  • Rigaut Séné
  • Grignon
  • Frelon
  • Rigonville
  • Mimi Pinson
  • Ropiquet
  • Racapet
  • Ricouquet
  • Ricouquin
  • Ripopé
  • Marie Kirikitoun
 Wie gut, dass wir wissen, wie die alle heißen. Irgendwelche Favorit_innen?

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Die Grimms und die Märchen

Die Allgegenwärtigkeit der Brüder Grimm habe ich in diesem Jahr schon mehrfach genutzt, um auf der Facebook-Seite des Hermanstädter Sees auf Artikel und Essays über die beiden Märchensammler aufmerksam zu machen. Klar, dass ich mich bei der Fülle an Material darauf beschränkt habe, auf solches hinzuweisen, das mir in irgendeiner Form interessant oder bemerkenswert erscheint. Stichwort Allgegenwärtigkeit – warum interessiert man sich gerade jetzt, zum Jahresende 2012, so sehr für die Brüder? Unter denjenigen, die gerade versuchen, den Grimms neben Weihnachtsterror, Weltuntergang und der angekündigten Hohlbein-Doku-Soap ein wenig mediale Aufmerksamkeit zu verschaffen, scheint leichte Uneinigkeit zu herrschen: Während das Goethe-Institut ein »Grimm-Jahr 2012« ausrief, kündigt die Regierung des Landes Hessen ein »Grimm-Jahr 2013« an. Die Universität Marburg, an der die Brüder studierten, versucht es mit einem Kompromiss und spricht vom »Grimm-Jahr 2012/13«.

Fakt ist: Der erste Band der Kinder- und Hausmärchen erschien erstmals vor genau 200 Jahren, am 20. Dezember 2012, und wenn auch der größte Teil der Auflage erst im Frühjahr 2013 gedruckt wurde, nehme ich dieses Datum einfach mal als Anlass, heute diesen Blogpost zu veröffentlichen. Faszinierend finde ich an den Grimmschen Märchen vor allem die Unzahl an Nacherzählungen und revisionistischen Neufassungen, die es zu ihnen gibt (nicht zuletzt auf diesem Blog). Keiner anderen Märchensammlung des deutschen Sprachraums war eine vergleichbar breite Rezeption beschieden. Johann Karl August Musäus’ Volksmärchen der Deutschen etwa kennt heute praktisch niemand mehr. Sie sind in einem im Vergleich zur lakonischen Düsternis der Grimms locker-satirischen Ton geschrieben und richteten sich deshalb vielleicht viel stärker an das zeitgenössische Publikum als an die Nachwelt. Dabei ist mir aufgefallen, dass solche Nacherzählungen im anglophonen Bereich sehr viel verbreiteter zu sein scheinen als in Deutschland. Hierzulande ist gerade Karen Duves Grrrimm erschienen, während es in englischer Sprache nicht nur Angela Carters schon klassische Sammlung The Bloody Chamber (1979) gibt, sondern auch Jim C. Hines’ Prinzessinnenromane (Rezensionen der ersten zwei Bände hier und hier), die über den Disney-Umweg grimmsche Motive aufgreifen, und Bücher wie Gregory Maguires Mirror Mirror, das es mir im Moment schwer angetan hat. Maguire lässt in der Rolle der bösen Stiefmutter Lucrezia Borgia auftreten. Letzten Monat erst ist ein Band Fairy Tales from the Brothers Grimm: A New English Version von Philip Pullman herausgekommen. Diese und viele weitere Märchenrevisionen und -neuerzählungen, die sich nicht immer an den Grimms, sondern manchmal auch an Andersen und Perrault orientieren, führen Aishwarya S. zu der These, die Möglichkeiten für originelle Neuerzählungen klassischer Märchen seien mittlerweile erschöpft.

Insbesondere im Filmbereich bin ich nicht ganz abgeneigt, dieser These zuzustimmen. Vergleicht man gegenwärtige Märchenfilme wie Red Riding Hood und Snow White and the Huntsman mit Meisterwerken wie Neil Jordans und Angela Carters The Company of Wolves oder Michael Cohns Snow White: A Tale of Terror, kann man über so viel Rückschritt nur entgeistert den Kopf schütteln: Die neuen Filme sind alles mögliche, nur nicht originell. Aber eigentlich möchte ich nicht den Pessimisten spielen. 2009 hat Neil Jordan mit Ondine einen wundervollen Film vorgestellt, der zeigt, dass es eben doch geht.

Was nun das erzählte, aufgeschriebene und gelesene Märchen angeht, glaube ich ganz und gar nicht, dass die literarischen Möglichkeiten, die seine Stofffülle bietet, jemals erschöpft sein werden. Die gleichen Märchen werden neu erzählt werden – mal besser, mal schlechter. Sie werden umgedeutet werden und dadurch wie neu aussehen. Es werden auch gänzlich neue Märchen auftauchen, und einige alte in Vergessenheit geraten. Die Schönheit und Schrecklichkeit der Märchen, von der Tolkien in »On Fairy-Stories« spricht, wird bleiben. Ich wage zu hoffen, dass die Märchen auch dann nicht überflüssig sein werden, sollte einmal jener unwahrscheinliche aber überlebensnotwendige Zustand im menschlichen Miteinander eintreten, in dem die Schönheit real geworden und der Schrecken gebannt ist. Und bis dahin gilt es ohnehin, die Märchen (Grimms und andere) immer wieder neu zu erzählen.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.