Heute gibt es einen Post, der den Titel dieser Reihe konterkariert: The Castle of Iron von Fletcher Pratt und L. Sprague de Camp ist ein Buch, das ich eigentlich lieber nicht lesen möchte, bzw. einmal angefangen ungefähr nach der Hälfte abgebrochen habe. Da es aber einen Ruf als Klassiker hat, lohnt es sich meines Erachtens doch, einige Worte darüber zu verlieren.
The Castle of Iron ist der zweite Band von Pratts und Sprague de Camps Harold-Shea-Zyklus. Der erste Band, The Incompleat Enchanter, besteht aus zwei Erzählungen, die 1940 zunächst im Fantasy-Magazin Unknown erschienen, bevor sie im Jahr darauf als Buch gedruckt wurden. Im gleichen Jahr, 1941, erschien auch The Castle of Iron in Novellenlänge in Unknown. Für die Buchausgabe (erstmals 1950) erweiterten die beiden Autoren ihre Geschichte zum Roman. Mit Wall of Serpents erschien 1960 ein dritter Band über Harold Shea, der wiederum aus zwei Erzählungen besteht.
Das Konzept der Harold-Shea-Geschichten ist schnell erklärt. Shea ist ein hemdsärmeliger Psychologe aus den USA, der mit Hilfe »symbolischer Logik« ein »Syllogismobil« heraufbeschwören kann, das als eine Art Portal in sämtliche mythologischen und fiktionalen Welten fungiert. (Man kennt diese Vorstellung aus anderen Werken der US-amerikanischen Fantasy, u.a. von John Myers Myers und Robert A. Heinlein.) Mit seinen Kollegen Reed Chalmers, Walter Bayard und Vaclav Polacek erlebt Shea in diesen Welten alle möglichen und unmöglichen Abenteuer. Der erste Band spielt in der Welt der Eddas und der Faerie Queene, der zweite in der des Orlando Furioso (mit einem kurzen Abstecher nach Xanadu), der dritte in der irischen Mythologie und der Kalevala. Die Nomenklatur finde ich übrigens ziemlich unglücklich: Mir ist nicht klar, was das Ganze mit symbolischer Logik und mit Syllogismen zu tun haben soll.
Die Harold-Shea-Geschichten sind das Produkt einer spezifischen Entwicklung in der US-amerikanischen Fantasy. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hatte es auf der einen Seite Pulp-Übermenschen wie Tarzan, John Carter oder Conan den Cimmerier gegeben, auf der anderen Seite Geschichten à la Lovecraft, die von »mystical rhapsodies, crabbed lore, and deep dark dreads« (David Pringle) handeln. In den dreißiger und vor allem den vierziger Jahren verloren diese Geschichten (auch wenn sie nicht verschwanden) etwas von ihrem Appeal. Ich vermute, das Problem lag darin, dass die Pulp-Heroen quasi jedes Problem mit roher Kraft lösen konnten, während auf der anderen Seite die Lovecraftschen Protagonisten Abenteuer erlebten, die »never stories of triumph, [but] merely of surviving the confrontation« waren, wie Raymond E. Feist es einmal ausdrückte. Das kann man in der Tat als einen Mangel sehen. Vor dem Hintergrund der Great Depression und des Zweiten Weltkriegs kam ein Bedürfnis nach Heldinnen und Helden auf, die dem Übernatürlichen als Allerweltstypen entgegentreten und dank ihres sturen Rationalismus schnell merken, dass Magie auch nur eine etwas verquere Art von Ingenieurswissen ist. Dank dieser Erkenntnis sind kaugummikauende all-American boys dann auch schnell in der Lage, die Geschöpfe der Magie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. In der Tat gründete John W. Campbell sein Fantasy-Magazin Unknown (1939–43), um exakt diese Ideologie zu verbreiten.
Geschichten dieses Typs weisen in der Regel eine Schlagseite zum Klamauk auf. The Castle of Iron wird deshalb bis heute als ein Meisterwerk humoriger Fantasy gepriesen. Ich würde allerdings das genaue Gegenteil behaupten: Etwa zur gleichen Zeit mit der Harold-Shea-Reihe entstanden Werke wie die Geschichten James Thurbers oder Tolkiens Farmer Giles, die bis heute nichts von ihrem Witz verloren haben – weil sie auf einer ernsthaften Grundlage ruhen. Eine solche geht The Castle of Iron völlig ab. Das Buch liest sich wie eine Aneinanderreihung bierseliger Einen-hab-ich-noch-Schenkelklopfer, bei denen man höchstens vor Ungläubigkeit lacht.
Das heißt, wenn es nicht völlig in die Geschmacklosigkeit abdriftet. Ludovico Ariostos Orlando Furioso oder Rasender Roland (1516) ist bekanntlich eine Version der matière de France, d.h. es geht um den Kampf Kaiser Karls und seiner Paladine gegen spanische Muslime. So wird man in The Castle of Iron gleich zu Beginn informiert, dass Muslime Menschen mit »eigenartigen moralischen Maßstäben« und einer Vorliebe für Sodomie sind, und wenig später erklärt Shea auch, warum: »Nach allen bekannten Korrelationen müßten in einer vollkommenen Moslemgesellschaft, in der alle ehrenwerten Frauen eingeschlossen werden, abnormales Sexualverhaltensweisen die Regel sein.«* Besonders dümmlich wird es immer dann, wenn es um Sheas Kollegen Vaclav Polacek geht. Der ist Tscheche, trägt den Spitznamen »Votsy« und tätigt Ausrufe wie »Bei Sankt Wenzel!«. Teil der Handlung ist er nur deshalb, damit er sich in jeder Situation wie ein vollkommener Idiot verhalten kann. Seine Kollegen nennen ihn »the Rubber Czech« – ein Wortspiel mit einem rubber cheque oder geplatztem Scheck, das in der deutschen Übersetzung gnädigerweise verloren geht.
Kurz gesagt: In meinen Augen wäre es für ein Buch wie dieses ein Glücksfall, vergessen zu werden. Schon allein deshalb, weil es schade wäre, wenn das Gesamtwerk Fletcher Pratts hinter diesem schlechten Witz verschwinden würde.
* Ich zitiere die deutsche Übersetzung von Bernd W. Holzrichter. Das Original liegt mir derzeit leider nicht vor.
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Donnerstag, 28. September 2017
Dienstag, 6. Juni 2017
Lest alte Fantasy: The Frozen Deep
Die Franklin-Expedition ist ein moderner Mythos, der mich schon lang fasziniert. In der phantastischen Literatur hat er nicht erst seit Dan Simmons’ hochspannendem Roman The Terror (2007) Spuren hinterlassen. Schon 1856 schrieb Wilkie Collins (unter tatkräftiger Mithilfe seines Freundes Charles Dickens) das Theaterstück The Frozen Deep über eine fiktive Arktis-Expedition, in der das zeitgenössische Publikum ohne weitere Umstände die katastrophale Unternehmung Sir John Franklins erkennen konnte. Am 4. Juli 1857 wurde das Stück in London aufgeführt, wobei Dickens persönlich die Rolle des Antihelden übernahm. Unter den Gästen waren Königin Victoria, Prinzgemahl Albert, König Leopold von Belgien, der zukünftige Deutsche Kaiser Friedrich III. sowie William Makepace Thackeray und Hans Christian Andersen. Ein so prominentes Publikum ist nicht weiter überraschend, wenn man sich vor Augen hält, dass die Inszenierung von The Frozen Deep der Höhepunkt einer von Dickens orchestrierten Propaganda-Kampagne war.
Worum ging es? Ich zeichne hier nicht den genauen Verlauf der Franklin-Expedition nach, da sowohl die deutsche als auch die englische Wikipedia darüber informieren. Nur so viel: Ziel der Expedition, die 1845 mit den Schiffen Erebus und Terror (nomina sunt omina, im Mythos jedenfalls) aufbrach, war die Entdeckung der Nordwestpassage. Die Expedition verbrachte zwei Winter im arktischen Eis und musste feststellen, dass sie kein eisfreies Fahrwasser für die beiden Schiffe mehr bekommen würde. Die Lebensmittel wurden knapp. Nach dem Tod Sir John Franklins und anderer Expeditionsmitglieder versuchten die Überlebenden, Boote zu Schlitten umzubauen und zu Fuß auf das kanadische Festland zu gelangen. Wahrscheinlich hat keines der 129 Expeditionsmitglieder überlebt.
Für das Scheitern der Expedition gibt es vor allem zwei Gründe. Der eine ist die atemberaubende viktorianische Arroganz, mit der die Expedition geplant und vorbereitet wurde. Man ging einfach davon aus, dass die europäische Zivilisation sich auch in den unwegsamsten Weltgegenden als überlegen erweisen werde. Unter den teilnehmenden Offizieren waren nur drei, die Arktis-Erfahrungen besaßen: Sir John selbst, der zuvor Vermessungsexpeditionen an der kanadischen Nordküste befehligt hatte, Captain Francis Crozier, der die Terror kommandierte, und Lieutenant Graham Gore, der Erste Offizier der Erebus. Crozier kannte sich mit Abstand am besten in der Arktis aus. Sir John war 1845 schon seit über 20 Jahren nicht mehr in der Nordpolarregion gewesen, und bereits seine erste Expedition in Kanada war desaströs verlaufen. Aber Crozier war Ire, weshalb die britische Admiralität Sir John den Oberbefehl über das Unternehmen gab. In der Konsequenz bedeutete das auch, dass es keine Expeditionsteilnehmer gab, die Erfahrung mit der Jagd auf arktische Fauna hatten. Das hielt man nicht für nötig. Statt dessen schleppten die beiden Schiffe Konservennahrung für über 100 Personen mit. Die Konserven dürften spätestens nach dem ersten Jahr im Eis zum größten Teil vergammelt sein, da sie mit wenig funktionalen Bleilötungen verschlossen worden waren.* Einige weitere naheliegende Dinge, auf die bei der Vorbereitung und Durchführung der Expedition offenbar niemand kam:
Nachdem die Expedition aufgebrochen war, dauerte es einige Jahre, bevor man in England begann, sich Sorgen zu machen. Es war normal, dass Arktis-Expeditionen zwei oder drei Jahre unterwegs waren. Irgendwann begann man dann doch, Suchexpeditionen auszusenden, woraus sich schließlich die größte Rettungsmission des 19. Jahrhunderts entwickelte. Aber erst 1854 stieß John Rae, ein Angestellter der Handelsgesellschaft Hudson’s Bay Company, auf Hinweise über das Schicksal von Sir John und seinen Leuten. Rae hatte Gegenstände, die zu der Expedition gehörten, im Besitz von Inuit gesehen. Er begann, diese Gegenstände systematisch aufzukaufen und ihre Herkunft zu ermitteln. Inuit erzählten ihm, vor Jahren sei eine Gruppe weiße Männer zu Fuß nach Süden gezogen. Die Weißen seien später verhungert oder erfroren; bei ihren Leichen hätten die Inuit Behältnisse voller gekochtes Menschenfleisch gefunden.
Rae übermittelte diese schockierenden Erkenntnisse so schnell wie möglich der Admiralität. Er ging davon aus, die englische Öffentlichkeit werde die schreckliche Wahrheit der Unsicherheit vorziehen. Damit irrte er sich gewaltig. Die Öffentlichkeit wollte keine Geschichte über Scheitern, Tod und Kannibalismus. Der britische Anspruch auf Weltherrschaft gründete sich auf den Glauben an den Heroismus von Unternehmungen wie Sir Johns Versuch, die Nordwestpassage zu finden. Lady Jane Franklin versicherte, ihr verschollener Ehemann sei »clean, Christian and genteel« und werde niemals zulassen, dass seine Männer zu Kannibalen würden.** Der Öffentlichkeit fiel es nicht schwer, für Lady Jane und gegen Rae Partei zu ergreifen. Die Presse überschüttete Rae kübelweise mit Schmutz. Vor allem wurde ihm vorgeworfen, sich auf die Zeugnisse von Inuit verlassen zu haben, die doch unzivilisiert und von Natur aus nicht in der Lage seien, die Wahrheit zu sagen. Zudem war Rae Schotte, was bedeutete, dass er in englischen Augen selbst nur halb zivilisiert war.
Hier kommt Dickens ins Spiel. Er war ein Wortführer unter denjenigen, die auf Seiten Lady Janes die Ehre der Franklin-Expedition verteidigen wollten. Dabei hat der alte Charles sich – gelinde gesagt – nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Er veröffentlichte eine wahre Hetztirade gegen die Inuit, die grausam und verlogen seien und die hungernd umherirrenden Expeditionsmitglieder wahrscheinlich selber umgebracht hätten. Vor diesem Hintergrund regte Dickens seinen Freund Collins an, ein Stück über die Franklin-Expedition zu schreiben, dessen propagandistischer Erfolg (angesichts des blaublütigen Publikums) wohl außer Frage steht.
Wilkie Collins schrieb das Stück anschließend zu einer Novelle um (erhältlich auf Project Gutenberg) und veröffentlichte sie in Buchform. Ich vermute, dass er dabei nur wenige Details verändert hat. Zum Inhalt und seinen historischen Hintergründen: Die beiden Schiffe der Expedition wurden von Collins und Dickens auf die harmloseren Namen Wanderer und Sea-mew (Seemöwe) umgetauft. Ihre beiden Kommandanten tragen die nordisch bzw. angelsächsisch klingenden Namen Helding und Ebsworth und sind so als tadellose englische Helden gekennzeichnet, ohne jeden schottisch-irischen Makel. Während Ebsworth keine große Rolle spielt,*** ist die Person John Franklins gewissermaßen auf zwei Figuren aufgeteilt: Die eine ist Captain Helding, die andere sein Erster Offizier, Lieutenant William Crayford. Francis Crozier, der zweite Schiffskommandant der historischen Expedition, wird in der Figur des Frank Aldersley wiedergegeben, eines Leutnants auf der Sea-mew. Crayford und seine Frau Lucy (= Lady Jane) haben ein Mündel, die Waise Clara Burnham. Clara ist mit Lieutenant Aldersley verlobt. Ihr historisches Vorbild ist Sophia Cracroft, eine Nichte Sir Johns, die von Captain Crozier umworben wurde, seine Liebe allerdings nicht erwiderte. Eine Heirat zwischen den beiden wäre als nicht standesgemäß angesehen worden. Collins und Dickens umgehen dieses Problem, indem sie Clara Burnham zur Waisen machen.
Lucy Crayford und Clara Burnham könnten also hoffnungsfroh auf die Rückkehr ihres Gatten bzw. Verlobten warten, gäbe es da nicht zwei kleine Probleme. Das eine ist Richard Wardour, der überzeugt ist, er sei der Verlobte von Miss Clara. Zwar hat er ihr nie einen Antrag gemacht, aber da er und Clara miteinander aufgewachsen sind, glaubt er, ein natürliches Anrecht auf sie zu haben. Als Wardour, der ebenfalls Offizier der Royal Navy ist, von Claras und Franks Verlobung erfährt, schließt er sich in letzter Minute der Expedition an. Er will seinen Nebenbuhler unterwegs verschwinden lassen. Von diesem Moment an bangt Clara um das Leben ihres Geliebten. Und das zweite Problem: Clara stammt aus den schottischen Highlands und verfügt über das Zweite Gesicht.† Diese Gabe lässt sie immer wieder visionäre Eindrücke vom Verlauf der Expedition sehen, aber leider nur auf bruchstückhafte und daher missverständliche Weise. Clara neigt deshalb dazu, in Bezug auf die Expedition das Schlimmste zu erwarten und wird immer melancholischer.
Man beachte die Verschiebung, die Collins und Dickens hier vorgenommen haben: In der realen Geschichte ist es der Schotte John Rae, der die Nachricht vom schlimmen Ende der Expedition bringt. Diese Nachricht, obwohl niemand sie hören wollte, bestätigte sich, und widerwillig erkannte die Admiralität Rae die Hälfte des Preisgelds zu, das sie für Hinweise auf den Verbleib Sir Johns und seiner Mannschaften ausgeschrieben hatte. In Collins’ und Dickens’ Geschichte ist es Clara Burnhams ›schottische‹ Gabe, die falsche Nachricht vom schlimmen Ende der Expedition bringt. Indirekt wird damit gesagt, dass man sich auf einen abergläubischen Schotten, der finstere Geschichten von Tod und Kannibalismus im ewigen Eis erzählt, nicht verlassen sollte.
Und wie liest sich das? Leider nicht sehr gut. Man merkt der Novelle an, dass sie als Theaterstück konzipiert wurde. Die erhabene arktische Landschaft, aus der erst die Atmosphäre für solche Erzählungen entsteht, wird auf eine Art und Weise beschrieben, die stets nur an eine Theaterkulisse denken lässt – kein Vergleich mit den zu gleicher Zeit entstandenen Gemälden des sogenannten Arctic Sublime. Hier wurde eine echte Gelegenheit verpasst. Zudem hat mich die Anwesenheit eines Buffoon-Charakters irritiert, der für ein Bühnenstück angemessen sein mag, in einer Novelle aber völlig deplatziert wirkt. Die einzige wirklich interessante Figur ist Richard Wardour, der als düsterer, egomanischer Grübler und Einzelgänger ein typischer später gothic hero ist. Nein, lesenswert im Sinne guter Literatur (oder auch guter schlechter Literatur) ist das nicht. Geschrieben und inszeniert wurde The Frozen Deep einzig aus dem Grund, einige viktorianische Illusionen aufrecht zu erhalten.
Für lesenswert halte ich den Text trotzdem, aus historischen Gründen. Die englische abenteuerlich-phantastische Literatur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts spielt sich durchgehend vor dem Hintergrund des British Empire ab, und zwar so sehr, dass man sie geradezu unter als ›Fantasies of Empire‹ bezeichnen könnte. Ob sie nach König Salomos Diamanten suchen, auf südamerikanischen Tafelbergen Dinosaurier entdecken oder in der Hauptstadt des Weltreichs selbst Jagd auf einen wolllüstigen orientalischen Blutsauger machen – stets wird wie selbstverständlich vorausgesetzt, das die Welt den englischen Gentlemen gehört. H. Rider Haggard wie Arthur Conan Doyle, John Buchan und Bram Stoker, Sax Rohmer und Dennis Wheatley vermitteln gleichermaßen den Eindruck, Großbritannien hätte sich allein aus einer Mischung aus Langeweile und Großmut heraus ein Imperium unterworfen und ginge jetzt der halb lästigen, halb amüsanten Pflicht nach, die letzten Winkel des Riesenreichs zu besichtigen und zu befrieden. Mit Hilfe eines Begriffs von John Clute könnte man die Funktion des Empires für diese Texte als playground bezeichnen, also als »a set of related ideas or concepts which are open to the fantasy-creator to romp in«, wie es in der Encyclopedia of Fantasy heißt. Innerhalb dieses playgrounds bedeutet Großbritannien soviel wie Zivilisation, während verschiedene magische oder atavistische Gefahren für die Bedrohung des von der britischen Herrschaft ausgehenden Fortschritts stehen. Eine davon abweichende, ambivalentere Darstellung des Kolonialismus findet sich innerhalb dieser Gruppe von Autor_innen eigentlich nur bei Robert Louis Stevenson und Rudyard Kipling. Insbesondere Kipling beschreibt ebenso ungeschönt wie unbekümmert die Gier und Brutalität der kolonialen Parvenüs, lässt dabei aber niemals vergessen, dass er sie für durchaus selbstverständlich hält und keinesfalls ablehnt. (Man vergleiche die höchst unterschiedliche Behandlung des Lost-Race-Motivs bei H. Rider Haggard und in Kiplings »Man Who Would Be King«.)
Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung ist es dann doch sehr interessant zu sehen, wie durchsichtig und hilflos Collins’ und Dickens’ früher Versuch wirkt, den britischen Kolonialismus im abenteuerlich-phantastischen Medium zu verherrlichen. Die spätere imperiale Selbstsicherheit gegenüber den »new-caught, sullen peoples« geht The Frozen Deep noch weitgehend ab. Auf dem Andenken von Dickens, dessen großes Verdienst es doch war, das Leben der Armen und Ausgebeuteten als Thema der Literatur zu etablieren, bleiben Text und Kampagne zudem ein hässlicher Schandfleck.
Bildquelle: Wikimedia Commons
* Es wird angenommen, dass der ständige Kontakt mit Blei den Verzehr dieser Nahrung zu einer extrem gesundheitsschädlichen Sache machte. Möglicherweise sind einige Expeditionsteilnehmer an Bleivergiftung gestorben.
** Diese Haltung kann nur als willentliche Ignoranz betrachtet werden. Schon Sir Johns erste Expedition an der Nordküste Kanadas hatte mit dem Tod über der Hälfte der Teilnehmer geendet. Die Opfer waren teilweise von ihren Kameraden umgebracht und aufgefressen worden. Verständlich wird Lady Janes Haltung dann, wenn man bedenkt, dass sie wahrscheinlich die gesellschaftliche Isolation fürchtete, die unweigerlich folgen würde, wenn Sir Johns verlorene Expedition zum Skandal würde.
*** Sein historisches Gegenstück ist Commander James Fitzjames, der Kommandant der Erebus.
† An dà sealladh oder das Zweite Gesicht bezeichnet die Fähigkeit, unfreiwillig zukünftige oder weit entfernt stattfindende Ereignisse ›sehen‹ zu können.
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| Frederic Edwin Church, The Icebergs (1861) |
Worum ging es? Ich zeichne hier nicht den genauen Verlauf der Franklin-Expedition nach, da sowohl die deutsche als auch die englische Wikipedia darüber informieren. Nur so viel: Ziel der Expedition, die 1845 mit den Schiffen Erebus und Terror (nomina sunt omina, im Mythos jedenfalls) aufbrach, war die Entdeckung der Nordwestpassage. Die Expedition verbrachte zwei Winter im arktischen Eis und musste feststellen, dass sie kein eisfreies Fahrwasser für die beiden Schiffe mehr bekommen würde. Die Lebensmittel wurden knapp. Nach dem Tod Sir John Franklins und anderer Expeditionsmitglieder versuchten die Überlebenden, Boote zu Schlitten umzubauen und zu Fuß auf das kanadische Festland zu gelangen. Wahrscheinlich hat keines der 129 Expeditionsmitglieder überlebt.
Für das Scheitern der Expedition gibt es vor allem zwei Gründe. Der eine ist die atemberaubende viktorianische Arroganz, mit der die Expedition geplant und vorbereitet wurde. Man ging einfach davon aus, dass die europäische Zivilisation sich auch in den unwegsamsten Weltgegenden als überlegen erweisen werde. Unter den teilnehmenden Offizieren waren nur drei, die Arktis-Erfahrungen besaßen: Sir John selbst, der zuvor Vermessungsexpeditionen an der kanadischen Nordküste befehligt hatte, Captain Francis Crozier, der die Terror kommandierte, und Lieutenant Graham Gore, der Erste Offizier der Erebus. Crozier kannte sich mit Abstand am besten in der Arktis aus. Sir John war 1845 schon seit über 20 Jahren nicht mehr in der Nordpolarregion gewesen, und bereits seine erste Expedition in Kanada war desaströs verlaufen. Aber Crozier war Ire, weshalb die britische Admiralität Sir John den Oberbefehl über das Unternehmen gab. In der Konsequenz bedeutete das auch, dass es keine Expeditionsteilnehmer gab, die Erfahrung mit der Jagd auf arktische Fauna hatten. Das hielt man nicht für nötig. Statt dessen schleppten die beiden Schiffe Konservennahrung für über 100 Personen mit. Die Konserven dürften spätestens nach dem ersten Jahr im Eis zum größten Teil vergammelt sein, da sie mit wenig funktionalen Bleilötungen verschlossen worden waren.* Einige weitere naheliegende Dinge, auf die bei der Vorbereitung und Durchführung der Expedition offenbar niemand kam:
- Die Schiffe hatten keine Schlitten an Bord. Als die Erebus und die Terror aufgegeben werden mussten, versuchten die Überlebenden, die Beiboote der Schiffe als Schlitten zu benutzen. Die schweren Boote über das Eis zu ziehen, muss für die halbverhungerten Mannschaften eine unglaubliche Strapaze gewesen sein.
- Es wurden keine Zwischenlager mit Nahrungsvorräten angelegt, zu denen man im Notfall hätte zurückkehren können.
- Die Expedition hinterließ kaum schriftliche Nachrichten über ihre Route, die eventuellen Rettungsmissionen die Suche erleichtert hätte. Nach dem schrecklichen Ende der Expedition wurde ein einziges ausführlicheres Schriftstück mit Nachrichten gefunden, dessen Text aber stellenweise so wirr ist, dass die Expeditionsmitglieder zum Zeitpunkt der Abfassung wahrscheinlich schon halb wahnsinnig vor Angst und Entbehrungen waren.
- Festes Eis bildet sich vor allem in Küstennähe.
- Treibeis bewegt sich von Norden kommend in südliche Richtung.
Nachdem die Expedition aufgebrochen war, dauerte es einige Jahre, bevor man in England begann, sich Sorgen zu machen. Es war normal, dass Arktis-Expeditionen zwei oder drei Jahre unterwegs waren. Irgendwann begann man dann doch, Suchexpeditionen auszusenden, woraus sich schließlich die größte Rettungsmission des 19. Jahrhunderts entwickelte. Aber erst 1854 stieß John Rae, ein Angestellter der Handelsgesellschaft Hudson’s Bay Company, auf Hinweise über das Schicksal von Sir John und seinen Leuten. Rae hatte Gegenstände, die zu der Expedition gehörten, im Besitz von Inuit gesehen. Er begann, diese Gegenstände systematisch aufzukaufen und ihre Herkunft zu ermitteln. Inuit erzählten ihm, vor Jahren sei eine Gruppe weiße Männer zu Fuß nach Süden gezogen. Die Weißen seien später verhungert oder erfroren; bei ihren Leichen hätten die Inuit Behältnisse voller gekochtes Menschenfleisch gefunden.
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| Edwin Henry Landseer, Man Proposes, God Disposes (1864) |
Rae übermittelte diese schockierenden Erkenntnisse so schnell wie möglich der Admiralität. Er ging davon aus, die englische Öffentlichkeit werde die schreckliche Wahrheit der Unsicherheit vorziehen. Damit irrte er sich gewaltig. Die Öffentlichkeit wollte keine Geschichte über Scheitern, Tod und Kannibalismus. Der britische Anspruch auf Weltherrschaft gründete sich auf den Glauben an den Heroismus von Unternehmungen wie Sir Johns Versuch, die Nordwestpassage zu finden. Lady Jane Franklin versicherte, ihr verschollener Ehemann sei »clean, Christian and genteel« und werde niemals zulassen, dass seine Männer zu Kannibalen würden.** Der Öffentlichkeit fiel es nicht schwer, für Lady Jane und gegen Rae Partei zu ergreifen. Die Presse überschüttete Rae kübelweise mit Schmutz. Vor allem wurde ihm vorgeworfen, sich auf die Zeugnisse von Inuit verlassen zu haben, die doch unzivilisiert und von Natur aus nicht in der Lage seien, die Wahrheit zu sagen. Zudem war Rae Schotte, was bedeutete, dass er in englischen Augen selbst nur halb zivilisiert war.
Hier kommt Dickens ins Spiel. Er war ein Wortführer unter denjenigen, die auf Seiten Lady Janes die Ehre der Franklin-Expedition verteidigen wollten. Dabei hat der alte Charles sich – gelinde gesagt – nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Er veröffentlichte eine wahre Hetztirade gegen die Inuit, die grausam und verlogen seien und die hungernd umherirrenden Expeditionsmitglieder wahrscheinlich selber umgebracht hätten. Vor diesem Hintergrund regte Dickens seinen Freund Collins an, ein Stück über die Franklin-Expedition zu schreiben, dessen propagandistischer Erfolg (angesichts des blaublütigen Publikums) wohl außer Frage steht.
Wilkie Collins schrieb das Stück anschließend zu einer Novelle um (erhältlich auf Project Gutenberg) und veröffentlichte sie in Buchform. Ich vermute, dass er dabei nur wenige Details verändert hat. Zum Inhalt und seinen historischen Hintergründen: Die beiden Schiffe der Expedition wurden von Collins und Dickens auf die harmloseren Namen Wanderer und Sea-mew (Seemöwe) umgetauft. Ihre beiden Kommandanten tragen die nordisch bzw. angelsächsisch klingenden Namen Helding und Ebsworth und sind so als tadellose englische Helden gekennzeichnet, ohne jeden schottisch-irischen Makel. Während Ebsworth keine große Rolle spielt,*** ist die Person John Franklins gewissermaßen auf zwei Figuren aufgeteilt: Die eine ist Captain Helding, die andere sein Erster Offizier, Lieutenant William Crayford. Francis Crozier, der zweite Schiffskommandant der historischen Expedition, wird in der Figur des Frank Aldersley wiedergegeben, eines Leutnants auf der Sea-mew. Crayford und seine Frau Lucy (= Lady Jane) haben ein Mündel, die Waise Clara Burnham. Clara ist mit Lieutenant Aldersley verlobt. Ihr historisches Vorbild ist Sophia Cracroft, eine Nichte Sir Johns, die von Captain Crozier umworben wurde, seine Liebe allerdings nicht erwiderte. Eine Heirat zwischen den beiden wäre als nicht standesgemäß angesehen worden. Collins und Dickens umgehen dieses Problem, indem sie Clara Burnham zur Waisen machen.
Lucy Crayford und Clara Burnham könnten also hoffnungsfroh auf die Rückkehr ihres Gatten bzw. Verlobten warten, gäbe es da nicht zwei kleine Probleme. Das eine ist Richard Wardour, der überzeugt ist, er sei der Verlobte von Miss Clara. Zwar hat er ihr nie einen Antrag gemacht, aber da er und Clara miteinander aufgewachsen sind, glaubt er, ein natürliches Anrecht auf sie zu haben. Als Wardour, der ebenfalls Offizier der Royal Navy ist, von Claras und Franks Verlobung erfährt, schließt er sich in letzter Minute der Expedition an. Er will seinen Nebenbuhler unterwegs verschwinden lassen. Von diesem Moment an bangt Clara um das Leben ihres Geliebten. Und das zweite Problem: Clara stammt aus den schottischen Highlands und verfügt über das Zweite Gesicht.† Diese Gabe lässt sie immer wieder visionäre Eindrücke vom Verlauf der Expedition sehen, aber leider nur auf bruchstückhafte und daher missverständliche Weise. Clara neigt deshalb dazu, in Bezug auf die Expedition das Schlimmste zu erwarten und wird immer melancholischer.
Man beachte die Verschiebung, die Collins und Dickens hier vorgenommen haben: In der realen Geschichte ist es der Schotte John Rae, der die Nachricht vom schlimmen Ende der Expedition bringt. Diese Nachricht, obwohl niemand sie hören wollte, bestätigte sich, und widerwillig erkannte die Admiralität Rae die Hälfte des Preisgelds zu, das sie für Hinweise auf den Verbleib Sir Johns und seiner Mannschaften ausgeschrieben hatte. In Collins’ und Dickens’ Geschichte ist es Clara Burnhams ›schottische‹ Gabe, die falsche Nachricht vom schlimmen Ende der Expedition bringt. Indirekt wird damit gesagt, dass man sich auf einen abergläubischen Schotten, der finstere Geschichten von Tod und Kannibalismus im ewigen Eis erzählt, nicht verlassen sollte.
Und wie liest sich das? Leider nicht sehr gut. Man merkt der Novelle an, dass sie als Theaterstück konzipiert wurde. Die erhabene arktische Landschaft, aus der erst die Atmosphäre für solche Erzählungen entsteht, wird auf eine Art und Weise beschrieben, die stets nur an eine Theaterkulisse denken lässt – kein Vergleich mit den zu gleicher Zeit entstandenen Gemälden des sogenannten Arctic Sublime. Hier wurde eine echte Gelegenheit verpasst. Zudem hat mich die Anwesenheit eines Buffoon-Charakters irritiert, der für ein Bühnenstück angemessen sein mag, in einer Novelle aber völlig deplatziert wirkt. Die einzige wirklich interessante Figur ist Richard Wardour, der als düsterer, egomanischer Grübler und Einzelgänger ein typischer später gothic hero ist. Nein, lesenswert im Sinne guter Literatur (oder auch guter schlechter Literatur) ist das nicht. Geschrieben und inszeniert wurde The Frozen Deep einzig aus dem Grund, einige viktorianische Illusionen aufrecht zu erhalten.
Für lesenswert halte ich den Text trotzdem, aus historischen Gründen. Die englische abenteuerlich-phantastische Literatur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts spielt sich durchgehend vor dem Hintergrund des British Empire ab, und zwar so sehr, dass man sie geradezu unter als ›Fantasies of Empire‹ bezeichnen könnte. Ob sie nach König Salomos Diamanten suchen, auf südamerikanischen Tafelbergen Dinosaurier entdecken oder in der Hauptstadt des Weltreichs selbst Jagd auf einen wolllüstigen orientalischen Blutsauger machen – stets wird wie selbstverständlich vorausgesetzt, das die Welt den englischen Gentlemen gehört. H. Rider Haggard wie Arthur Conan Doyle, John Buchan und Bram Stoker, Sax Rohmer und Dennis Wheatley vermitteln gleichermaßen den Eindruck, Großbritannien hätte sich allein aus einer Mischung aus Langeweile und Großmut heraus ein Imperium unterworfen und ginge jetzt der halb lästigen, halb amüsanten Pflicht nach, die letzten Winkel des Riesenreichs zu besichtigen und zu befrieden. Mit Hilfe eines Begriffs von John Clute könnte man die Funktion des Empires für diese Texte als playground bezeichnen, also als »a set of related ideas or concepts which are open to the fantasy-creator to romp in«, wie es in der Encyclopedia of Fantasy heißt. Innerhalb dieses playgrounds bedeutet Großbritannien soviel wie Zivilisation, während verschiedene magische oder atavistische Gefahren für die Bedrohung des von der britischen Herrschaft ausgehenden Fortschritts stehen. Eine davon abweichende, ambivalentere Darstellung des Kolonialismus findet sich innerhalb dieser Gruppe von Autor_innen eigentlich nur bei Robert Louis Stevenson und Rudyard Kipling. Insbesondere Kipling beschreibt ebenso ungeschönt wie unbekümmert die Gier und Brutalität der kolonialen Parvenüs, lässt dabei aber niemals vergessen, dass er sie für durchaus selbstverständlich hält und keinesfalls ablehnt. (Man vergleiche die höchst unterschiedliche Behandlung des Lost-Race-Motivs bei H. Rider Haggard und in Kiplings »Man Who Would Be King«.)
Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung ist es dann doch sehr interessant zu sehen, wie durchsichtig und hilflos Collins’ und Dickens’ früher Versuch wirkt, den britischen Kolonialismus im abenteuerlich-phantastischen Medium zu verherrlichen. Die spätere imperiale Selbstsicherheit gegenüber den »new-caught, sullen peoples« geht The Frozen Deep noch weitgehend ab. Auf dem Andenken von Dickens, dessen großes Verdienst es doch war, das Leben der Armen und Ausgebeuteten als Thema der Literatur zu etablieren, bleiben Text und Kampagne zudem ein hässlicher Schandfleck.
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| Caspar David Friedrich, Das Eismeer (1823/24) |
Bildquelle: Wikimedia Commons
* Es wird angenommen, dass der ständige Kontakt mit Blei den Verzehr dieser Nahrung zu einer extrem gesundheitsschädlichen Sache machte. Möglicherweise sind einige Expeditionsteilnehmer an Bleivergiftung gestorben.
** Diese Haltung kann nur als willentliche Ignoranz betrachtet werden. Schon Sir Johns erste Expedition an der Nordküste Kanadas hatte mit dem Tod über der Hälfte der Teilnehmer geendet. Die Opfer waren teilweise von ihren Kameraden umgebracht und aufgefressen worden. Verständlich wird Lady Janes Haltung dann, wenn man bedenkt, dass sie wahrscheinlich die gesellschaftliche Isolation fürchtete, die unweigerlich folgen würde, wenn Sir Johns verlorene Expedition zum Skandal würde.
*** Sein historisches Gegenstück ist Commander James Fitzjames, der Kommandant der Erebus.
† An dà sealladh oder das Zweite Gesicht bezeichnet die Fähigkeit, unfreiwillig zukünftige oder weit entfernt stattfindende Ereignisse ›sehen‹ zu können.
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Boz,
Der Gral des Nordens,
Lest alte Fantasy!
Dienstag, 8. Juli 2014
Lest alte Fantasy: Der Zauberlehrling
Anfang 2012, wenige Monate nach dem Auffliegen des NSU, schrieb Fritz J. Raddatz einen Artikel für die Literarische Welt, in dem er den ›tiefen Staat‹ der Deutschen anprangert, den es in der Weimarer Republik gab und heute in der Berliner Republik gibt:
Es ist kein Zufall, dass er sich in diesem Zusammenhang ablehnend über Benjamin auslässt. Denn es sind ja gerade die von Raddatz so gelobten linksliberalen, bürgerlichen Autor_innen, (deren künstlerische Strömung um 1930 herum die Neue Sachlichkeit darstellte), denen Benjamin »linke Melancholie« attestierte. Ihr literarischer Aktivismus habe »mehr von Blähungen als vom Umsturz«, höhnte Benjamin in einer Kästner-Rezension. Nun finde ich durchaus, dass Benjamins Kritik der Neuen Sachlichkeit zu pauschal ausgefallen ist. Ossietzky und andere taten alles in ihrer Macht stehende, und sie bezahlten dafür mit Isolation, Verfolgung und oft auch mit ihrem Leben. Aber es ist leider nur allzu wahr, dass die linksliberalen Intellektuellen sich gegen Ende der Weimarer Zeit in einer Art Schockstarre befanden und teilweise wie hypnotisiert waren von dem Grauen, das auf sie zu kam. Niemand hat ihr Dilemma passender in Worte gefasst als Erich Kästner, als er über Tucholsky schrieb, er habe »mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten« wollen.
Raddatz hat recht, wenn er Parallelen zwischen den rechten Todesschwadronen der 20er Jahre und dem NSU sieht. Er hat zehnmal recht, wenn er die Behauptung, die Weimarer Republik sei an ihren Intellektuellen zugrunde gegangen, als Geschichtsklitterei bezeichnet. Die bürgerliche Demokratie in Deutschland wurde durch reaktionäre Eliten und eine auf dem rechten Auge blinde Justiz zerstört, die schon 1930 den Parlamentarismus ausgehebelt und durch ein autoritäres, antidemokratisches Präsidialregime ersetzt hatten, so dass im Grunde die Nazis bereits herrschten, bevor sie die Macht übernommen hatten. Keine noch so engagierten Intellektuellen mit Schreibmaschinen hätten sie aufhalten können. Die Nazis an der Machtübernahme zu hindern, dazu hätte es nicht weniger, sondern mehr Ballonmützen-Wüteriche, mehr Rotfront gebraucht – solche allerdings, die sich nicht unrettbar in stalinistische Intrigen, erschütternd falsche Faschismusanalysen oder sozialdemokratische Halbherzigkeiten verstrickt hätten. Und solche gab es nicht, weshalb auch niemand die Katastrophe aufhielt.
Erich Kästner war einer der wenigen neusachlichen Schriftsteller, die nicht fliehen mussten oder den Tod im KZ erlitten. Er blieb während der Naziherrschaft in Deutschland, als »Kulturbolschewist« geschmäht und mit Publikationsverbot belegt. Er gehörte definitiv nicht zu denen (die »Ofenhocker des Unglücks«, wie Thomas Mann sie nannte), die ihr apolitisches Duckmäusertum nach ’45 mit dem Euphemismus der Inneren Emigration belegten und laut darüber jammerten, dass die Emigrant_innen es doch viel einfacher gehabt hätten als die im Lande Gebliebenen. Repressionen bekam Kästner in Form von Bücherverbrennung und Gestapo-Verhör leibhaftig zu spüren. Und doch kann man sagen, dass er zwischen ’33 und ’45 ganz im Sinne des NS-Machtapparats funktionierte. Er schrieb viel, veröffentlichte regelmäßig unter Pseudonym und lieferte Drehbücher für die Ufa-Blockbuster, die während des Krieges für Heile-Welt-Stimmung im zunehmend verzweifelten Herrenmenschenreich sorgen sollten.*
Es fällt manchmal schwer, sich vorzustellen, welche Lebensformen unter der deutschen Diktatur möglich waren. Was war Kästner – Verfemter oder Angepasster? Sicher scheint mir zu sein, dass er in einer Art eisiger, lebensfeindlicher Einsamkeit existierte. 1940 schrieb er zwei »Briefe an mich selber«, wobei er betonte, dass es sich nicht um eine literarische Fiktion handelte, sondern tatsächlich um versiegelte, frankierte und abgeschickte Briefe, die der Autor an sich selber schickte. Darin fragt sich Kästner, wie es kommen konnte, dass er sich selber fremd geworden sei. Seine Antwortversuche klingen eher beschwörend als überzeugt. Vollends unheimlich wird es im Fragment »Die Doppelgänger«, das mit einem Suizidversuch des Protagonisten Karl beginnt. Der wird in letzter Minute vom Selbstmord abgehalten, und zwar durch einen Engel, der Karl den Auftrag erteilt, sich auf die Suche nach seinem Doppelgänger zu machen (da bricht das Fragment auch schon ab). Neben der Einsamkeit scheint das Doppelgängermotiv in Kästners Versuchen, während der NS-Zeit Prosa für Erwachsene zu schreiben, beherrschend gewesen zu sein. Briefe, »Die Doppelgänger« und der unvollendete Roman Der Zauberlehrling erschienen 1969 bei Atrium in einem Band. So weit ich weiß, war es Kästners letzte Buchveröffentlichung, die noch zu seinen Lebzeiten erfolgte.
Der Zauberlehrling spielt hauptsächlich im verschneiten Davos, in dem allerdings kein Welttheater im Sanatorium mehr gespielt wird, sondern eher ein phantastisch-komisches Verwirrspiel. In einem von Wintersport, Tourismus und Parties geprägten Ort treffen ein Scharlatan, ein entthronter Gott, eine junge Schriftstellerin und verschiedene enttäuschte Liebende aufeinander. Im Mittelpunkt steht der junge Kunstgelehrte Mintzlaff, der auf dem Weg nach Davos auf einen Reisenden trifft, der über die Fähigkeit des Gedankenlesens und andere mysteriöse Kräfte verfügt. Baron Lamotte, wie der Fremde sich vorstellt, geht mit Mintzlaff einen Pakt ein: Er wird Mintzlaff erst in Ruhe lassen, wenn er seinen, des Barons, wahren Namen herausfindet. Lamotte (den wahren Namen verrate ich hier natürlich nicht) ist also eine Mischung aus Mephisto und Rumpelstilzchen – und doch keins von beiden. Eines jedenfalls stellt er unmissverständlich klar: »Kommen Sie mir jedoch nicht mit der Gattung ›Übermensch‹! Ich bin kein Mensch, kein Un- und kein Übermensch. Behalten Sie das tunlichst im Auge!«
Auch Mintzlaff ist kein faustischer Tatmensch. Er ist sich seiner selbst zutiefst unsicher und leidet eher passiv, statt die Initiative zu ergreifen. Der Pakt mit dem Baron schreckt ihn aus seiner falschen Ruhe auf. Lamotte blickt ihm in die verstörte Seele:
Der Zauberlehrling hätte der Roman der Inneren Emigration werden können, wie Fabian der Roman der späten Weimarer Republik war. Es erscheint mir durchaus angemessen, dass Kästner dazu die Form der phantastischen Erzählung wählte, wie er für Fabian die Form des realistischen Stadtromans wählte. Was sich zwischen ’33 und ’45 in Deutschland ereignete, übersteigt die Ausdrucksmöglichkeiten des formalen Realismus.** Vielleicht musste Kästner damit scheitern, wie zuvor die Neue Sachlichkeit in ihrer Verteidigung der bürgerlichen Republik gescheitert war. Dennoch: Es gilt, den phantastischen Erzähler Kästner wiederzuentdecken.
P.S.: Ich will in Zukunft noch mehr »Lest alte Fantasy!«-Posts schreiben. Meist wird es um Werke gehen, die herkömmlicherweise nicht als Fantasy bezeichnet werden – weil sie zu alt oder zu hochliterarisch sind. Aber von solchen Skrupeln werde ich mich natürlich nicht beeinflussen lassen.
* Unter anderem arbeitete er am Drehbuch von Münchhausen (1943) mit, dem ultimativen deutschen Fantasyfilm der NS-Ära.
** Auch Ernst Jünger, selber Faschist, stellte die NS-Zeit in der Form eines phantastischen Romans dar: Auf den Marmorklippen (1939).
Es ist der Hass, den Heinrich Heine zeitlebens erfuhr; es ist der Hass, mit dem blutrünstige Offiziere Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordeten, den Publizisten Maximilian Harden halbtot schlugen; es ist der Hass, mit dem von Rittergutsbesitzern finanzierte Horden mordend durchs Land zogen, von einer Justiz unbehelligt die kriminelle Vereinigung »Organisation Consul« gründen und betreiben konnten; es ist eben jener Hass, mit dem anno 2011 Mordbuben – wieder von staatlichen Organen unbehelligt, geduldet, wenn nicht gar unterstützt – sich »Zwickauer Zelle« nennen durften, Brettspiele bastelnd, auf denen Juden ins KZ geschickt werden ...Was Raddatz umtreibt, ist die Frage nach der Rolle der Intellektuellen in diesem mörderischen deutschen Schlamassel. Was haben sie dem faschistischen Hass entgegenzusetzen? Zornig bezeichnet Raddatz es als »Geschichtsklitterer-Quark«, wenn behauptet wird (wie Klaus Harpprecht und Golo Mann es getan haben), dass die demokratische Intelligenz der Weimarer Republik versagt habe. Und er holt zu einem Gegenschlag aus, dessen Stoßrichtung an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt: Es seien allein die marxistischen Intellektuellen gewesen, die dem Aufstieg des Nazismus verwirrt oder sprachlos entgegen gesehen hätten. Walter Benjamins »Fehlurteile [würden] ein Glossar füllen«, und Bert Brecht habe sich in dieser Zeit, in der so viel auf dem Spiel stand, lediglich dafür interessiert, Texte von Hegel, Marx und Lenin zu diskutieren. Der Gruppe der »Ballonmützen-Wüteriche«, der »Rot-Front-Kämpfer in verschwitzter Arbeiterbluse« stellt Raddatz als leuchtendes Beispiel die bürgerlichen Linken gegenüber. Diese allein hätten früh ihre Stimme erhoben und unermüdlich vor dem kommenden Unheil gewarnt. Kästner, Tucholsky & Co. sind in Raddatz’ Augen die vorbildlichen engagierten Intellektuellen, deren Stimmen man »analytisch, warnend, manchmal gar prophetisch hören sollte«.
Es ist kein Zufall, dass er sich in diesem Zusammenhang ablehnend über Benjamin auslässt. Denn es sind ja gerade die von Raddatz so gelobten linksliberalen, bürgerlichen Autor_innen, (deren künstlerische Strömung um 1930 herum die Neue Sachlichkeit darstellte), denen Benjamin »linke Melancholie« attestierte. Ihr literarischer Aktivismus habe »mehr von Blähungen als vom Umsturz«, höhnte Benjamin in einer Kästner-Rezension. Nun finde ich durchaus, dass Benjamins Kritik der Neuen Sachlichkeit zu pauschal ausgefallen ist. Ossietzky und andere taten alles in ihrer Macht stehende, und sie bezahlten dafür mit Isolation, Verfolgung und oft auch mit ihrem Leben. Aber es ist leider nur allzu wahr, dass die linksliberalen Intellektuellen sich gegen Ende der Weimarer Zeit in einer Art Schockstarre befanden und teilweise wie hypnotisiert waren von dem Grauen, das auf sie zu kam. Niemand hat ihr Dilemma passender in Worte gefasst als Erich Kästner, als er über Tucholsky schrieb, er habe »mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten« wollen.
Raddatz hat recht, wenn er Parallelen zwischen den rechten Todesschwadronen der 20er Jahre und dem NSU sieht. Er hat zehnmal recht, wenn er die Behauptung, die Weimarer Republik sei an ihren Intellektuellen zugrunde gegangen, als Geschichtsklitterei bezeichnet. Die bürgerliche Demokratie in Deutschland wurde durch reaktionäre Eliten und eine auf dem rechten Auge blinde Justiz zerstört, die schon 1930 den Parlamentarismus ausgehebelt und durch ein autoritäres, antidemokratisches Präsidialregime ersetzt hatten, so dass im Grunde die Nazis bereits herrschten, bevor sie die Macht übernommen hatten. Keine noch so engagierten Intellektuellen mit Schreibmaschinen hätten sie aufhalten können. Die Nazis an der Machtübernahme zu hindern, dazu hätte es nicht weniger, sondern mehr Ballonmützen-Wüteriche, mehr Rotfront gebraucht – solche allerdings, die sich nicht unrettbar in stalinistische Intrigen, erschütternd falsche Faschismusanalysen oder sozialdemokratische Halbherzigkeiten verstrickt hätten. Und solche gab es nicht, weshalb auch niemand die Katastrophe aufhielt.
Erich Kästner war einer der wenigen neusachlichen Schriftsteller, die nicht fliehen mussten oder den Tod im KZ erlitten. Er blieb während der Naziherrschaft in Deutschland, als »Kulturbolschewist« geschmäht und mit Publikationsverbot belegt. Er gehörte definitiv nicht zu denen (die »Ofenhocker des Unglücks«, wie Thomas Mann sie nannte), die ihr apolitisches Duckmäusertum nach ’45 mit dem Euphemismus der Inneren Emigration belegten und laut darüber jammerten, dass die Emigrant_innen es doch viel einfacher gehabt hätten als die im Lande Gebliebenen. Repressionen bekam Kästner in Form von Bücherverbrennung und Gestapo-Verhör leibhaftig zu spüren. Und doch kann man sagen, dass er zwischen ’33 und ’45 ganz im Sinne des NS-Machtapparats funktionierte. Er schrieb viel, veröffentlichte regelmäßig unter Pseudonym und lieferte Drehbücher für die Ufa-Blockbuster, die während des Krieges für Heile-Welt-Stimmung im zunehmend verzweifelten Herrenmenschenreich sorgen sollten.*
Es fällt manchmal schwer, sich vorzustellen, welche Lebensformen unter der deutschen Diktatur möglich waren. Was war Kästner – Verfemter oder Angepasster? Sicher scheint mir zu sein, dass er in einer Art eisiger, lebensfeindlicher Einsamkeit existierte. 1940 schrieb er zwei »Briefe an mich selber«, wobei er betonte, dass es sich nicht um eine literarische Fiktion handelte, sondern tatsächlich um versiegelte, frankierte und abgeschickte Briefe, die der Autor an sich selber schickte. Darin fragt sich Kästner, wie es kommen konnte, dass er sich selber fremd geworden sei. Seine Antwortversuche klingen eher beschwörend als überzeugt. Vollends unheimlich wird es im Fragment »Die Doppelgänger«, das mit einem Suizidversuch des Protagonisten Karl beginnt. Der wird in letzter Minute vom Selbstmord abgehalten, und zwar durch einen Engel, der Karl den Auftrag erteilt, sich auf die Suche nach seinem Doppelgänger zu machen (da bricht das Fragment auch schon ab). Neben der Einsamkeit scheint das Doppelgängermotiv in Kästners Versuchen, während der NS-Zeit Prosa für Erwachsene zu schreiben, beherrschend gewesen zu sein. Briefe, »Die Doppelgänger« und der unvollendete Roman Der Zauberlehrling erschienen 1969 bei Atrium in einem Band. So weit ich weiß, war es Kästners letzte Buchveröffentlichung, die noch zu seinen Lebzeiten erfolgte.
Der Zauberlehrling spielt hauptsächlich im verschneiten Davos, in dem allerdings kein Welttheater im Sanatorium mehr gespielt wird, sondern eher ein phantastisch-komisches Verwirrspiel. In einem von Wintersport, Tourismus und Parties geprägten Ort treffen ein Scharlatan, ein entthronter Gott, eine junge Schriftstellerin und verschiedene enttäuschte Liebende aufeinander. Im Mittelpunkt steht der junge Kunstgelehrte Mintzlaff, der auf dem Weg nach Davos auf einen Reisenden trifft, der über die Fähigkeit des Gedankenlesens und andere mysteriöse Kräfte verfügt. Baron Lamotte, wie der Fremde sich vorstellt, geht mit Mintzlaff einen Pakt ein: Er wird Mintzlaff erst in Ruhe lassen, wenn er seinen, des Barons, wahren Namen herausfindet. Lamotte (den wahren Namen verrate ich hier natürlich nicht) ist also eine Mischung aus Mephisto und Rumpelstilzchen – und doch keins von beiden. Eines jedenfalls stellt er unmissverständlich klar: »Kommen Sie mir jedoch nicht mit der Gattung ›Übermensch‹! Ich bin kein Mensch, kein Un- und kein Übermensch. Behalten Sie das tunlichst im Auge!«
Auch Mintzlaff ist kein faustischer Tatmensch. Er ist sich seiner selbst zutiefst unsicher und leidet eher passiv, statt die Initiative zu ergreifen. Der Pakt mit dem Baron schreckt ihn aus seiner falschen Ruhe auf. Lamotte blickt ihm in die verstörte Seele:
»Sie haben die letzten zehn Jahre Ihres bisherigen Lebens sorgfältig darauf verwendet, Ihr wahres Wesen zugrunde zu richten.« Die Stimme des Barons klang ernst. »Ihre Energie ist bewundernswert. Sie wollten sich erziehen. Und Sie haben sich erzogen! Sie waren einmal ein empfindsamer Mensch und konnten lieben. Wenn anderen Leid widerfuhr, litten Sie mit ihnen. Sie halfen, ob man sie gerufen hatte oder nicht. Sie hatten keine Angst, sich selber zu verlieren. Damals hatten Sie noch Gefühl im Leibe und spürten, daß man nicht ärmer wird, wenn man sich verschenkt.«Der so gar nicht faustische Pakt mit Lamotte ist genau das, was der in seiner Menschlichkeit beschädigte Mintzlaff braucht. In diesem Pakt geht es nicht darum, die Seele aufs Spiel zu setzen. Mintzlaff hat seine Seele bereits verloren, und nun erhält er die Chance, sie zurückzugewinnen. Ob Kästner in seinem Leben jemals eine solche Chance sah?
Der Zauberlehrling hätte der Roman der Inneren Emigration werden können, wie Fabian der Roman der späten Weimarer Republik war. Es erscheint mir durchaus angemessen, dass Kästner dazu die Form der phantastischen Erzählung wählte, wie er für Fabian die Form des realistischen Stadtromans wählte. Was sich zwischen ’33 und ’45 in Deutschland ereignete, übersteigt die Ausdrucksmöglichkeiten des formalen Realismus.** Vielleicht musste Kästner damit scheitern, wie zuvor die Neue Sachlichkeit in ihrer Verteidigung der bürgerlichen Republik gescheitert war. Dennoch: Es gilt, den phantastischen Erzähler Kästner wiederzuentdecken.
P.S.: Ich will in Zukunft noch mehr »Lest alte Fantasy!«-Posts schreiben. Meist wird es um Werke gehen, die herkömmlicherweise nicht als Fantasy bezeichnet werden – weil sie zu alt oder zu hochliterarisch sind. Aber von solchen Skrupeln werde ich mich natürlich nicht beeinflussen lassen.
* Unter anderem arbeitete er am Drehbuch von Münchhausen (1943) mit, dem ultimativen deutschen Fantasyfilm der NS-Ära.
** Auch Ernst Jünger, selber Faschist, stellte die NS-Zeit in der Form eines phantastischen Romans dar: Auf den Marmorklippen (1939).
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Foto-Disclaimer
Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.


