Posts mit dem Label Grim and Gritty werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Grim and Gritty werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 3. Mai 2012

Bakker’s Boys

Ich habe R. Scott Bakkers Krieg der Propheten ganz gern gelesen und fand die Trilogie im Gesamteindruck gut, aber nicht überragend. Was mich am meisten gestört hat, ist schnell gesagt: Im Unterschied zu Bakkers wiederholter Versicherung, ein »world-building nerd« zu sein, fand ich den Weltenbau von Krieg der Propheten eher schematisch und bemüht. Und die andere Sache ist Bakkers programmatischer Anspruch. Von Anfang an hat er zu verstehen gegeben, dass er Genreliteratur als ein geeignetes Vehikel sehe, um Aussagen über den Menschen, die Gesellschaft und den Rest der Welt zu treffen – ein »subversiver« Umgang mit dem Genre also. Dieser Anspruch erschien mir nach dem Lesen von Bakkers Trilogie wie angekündigt und nie eingeholt.

Bakkers programmatische Ansagen sind es auch, die den (oft unausgesprochenen) Hintergrund zu der anhaltenden Kontroverse um seine Bücher abgeben. Bakker sieht sich als Philosophen, hat auch einige Zeit lang ein Graduiertenstudium der Philosophie verfolgt und kommt oft auf das zu sprechen, was er als den philosophischen Subtext seiner Romane betrachtet. Ausformuliert scheint mir dieser Subtext jedoch nicht weit über eine Reihe eher banaler, auch fragwürdiger Statements über die menschliche Natur hinauszugehen: Bakker hält den Menschen für endlos manipulierbar und getrieben von evolutionär erworbenen Vorurteilen, die selten durchschaut, dafür aber um so häufiger rationalisiert werden. Evolutionspsychologie und Neurowissenschaften lieferten die Beweise dafür. Es sind anthropologische Plattitüden, die Bakker regelmäßig zur Begründung seiner eigenen Positionen angibt, als ob sie sich von selbst verstünden: »[W]e live in a universe so big that [...] we tend to economize by packing our terms with implicit judgements« oder »people abhor uncertainty almost as much as nature abhors vacuums« sind Beispiele für solche Mantras, wie sie in Bakkers Texten in fast beschwörender Regelmäßigkeit auftauchen. Die Grenze des Denkens, so lässt die zugrundeliegende Idee sich zusammenfassen, ist das menschliche Gehirn, und es ist zugleich auch die Grenze der Vernunft, denn es lässt sich mit naturwissenschaftlichen Mitteln erforschen und anhand der Ergebnisse manipulieren. Mit Philosophie, verstanden als kritisches Denken, welches die herrschaftlichen Voraussetzungen der Phänomene ans Licht zu bringen versucht, hat eine solche Auffassung allerdings nichts gemein. Bakkers Aussagen sind nicht unbedingt falsch, aber sie als Prämissen zu setzen, ist nicht kritisch, sondern schlicht reduktionistisch. Es handelt sich dabei nicht um Philosophie, sondern um biologistische Weltanschauung, wie sie derzeit gang und gäbe ist.

Die Kontroverse um Bakkers Bücher ist auch ein gutes Beispiel dafür, was passieren kann, wenn diese Weltanschauung in einem gesellschaftlichen Konflikt zur Meinung konkretisiert wird. Der häufigste Vorwurf an Bakker lautet, seine Figuren agierten nach klischeehaft gezeichneten Geschlechterrollenmustern, aus denen es scheinber keinen Ausweg gebe: Männer sind aggressiv, Frauen fügen sich. Bakker erwidert darauf in der Regel, er greife in voller Absicht gängige Klischees auf, nur um dem Leser hinterher mit um so größerer Deutlichkeit vor Augen zu führen, wie sehr diese stereotypen Darstellungen von seinen eigenen kognitiven Vorurteilen geprägt seien. An dieser Stelle könnte Bakker sich nun bequem zurücklehnen und auf den Standpunkt zurückziehen, dass seine künftigen Bücher erklären werden, warum die bereits erschienen so problematisch erscheinen. Tut er aber nicht. Stattdessen beißt er sich an jeder Kritik, die zu seinem Werk geäußert wird, regelrecht fest und veröffentlicht ausschweifende Blogposts, die letztlich aber doch nur in immer wieder neuer Form wiederholen, was ich im vorigen Absatz dargestellt habe. Das könnte man für schlichtweg langweilig halten (ist es auch, wenn man es liest), hätte Bakker die Sache nicht bis zu einem Punkt getrieben, an dem einer ganzen Reihe von Leuten die Kinnlade runtergeklappt ist: Auf seinem Blog erklärte er, dass er sich seine Leser stets als männlich vorstelle und versuche, ihre Erwartungen auf eine Art und Weise zu bedienen, die sich am Ende als provokant und verstörend erweisen werde. Diese Erwartungen zu bedienen sei notwendig, weil Männer aufgrund ihres evolutionär erworbenen Erbes (so Bakker wörtlich) »seem to track women according to automatic estimates of their ›rapability‹«. Seine biologistischen Überzeugungen bringen Bakker allen Ernstes dazu, die Vergewaltigung von Frauen zum Naturzustand zu erklären. Und seine Absicht dabei, so behauptet er unbeirrt, sei subversiver Natur: Es gelte, Männer auf ihre intrinsisch gewalttätige Sexualität aufmerksam zu machen. Warum? Weil es die Wahrheit sei. Auf den Gedanken, dass er mit seinen stets im Tonfall heiligen Ernstes vorgetragenen Überzeugungen genau dem Phänomen, das er vorgeblich problematisieren will, erst eine außerordentlich bequeme Rechtfertigung liefert, nämlich indem er es zur »wirklich wahren« Naturtatsache macht, ist er bislang nicht gekommen. Noch nie habe er ein ernstzunehmendes Argument gehört, dass seine Ansichten in Zweifel ziehe.

Das ist bemerkenswert, denn es sind vor allem feministische Blogs, die Bakker auf die Unzulänglichkeit seiner Ansichten über sexuelle Gewalt hinweisen. So zum Beispiel Foz Meadows:
Feminism believes that the world can and will get better for women: in fact, it exists to make this happen! Feminism has a higher opinion of men than you do, because it doesn’t countenance the biological inevitability of male violence; rather, it acknowledges that, as some cultures and individuals believe this (falsely) to be so, it ends up being promoted, excused and deferred to beyond all reason.
Wie der sexualisierten Gewalt, die von Männern ausgeht, konkret Einhalt geboten werden kann, darüber schweigt Bakker sich bislang aus. Der feministischen Kritik entgegnet er, seine Methode, auf sexualisierte Gewalt aufmerksam zu machen, werde sich als wirkungsvoller erweisen als die Kämpfe und Kampagnen derjenigen, die diese Gewalt aus eigenem Erleiden kennen. Doch bleibt rätselhaft, was seine Darstellung dieser Gewalt denn nun »subversiv« machen soll, wenn sie doch eingestandenermaßen den Erwartungen eines männlichen Publikums entspricht. Bislang kündigt Bakker in einem reichlich hochgestochenen Vergleich lediglich an, er werde es Nabokov gleichtun. Wird die Messlatte dermaßen hoch angelegt, dann liegt der Verdacht nicht fern, dass es wohl bei der Ankündigung bleiben wird.

Schien es zunächst lediglich, als habe Bakker sich irgendwo zwischen Anspruch und Wirklichkeit seiner literarisch-weltanschaulichen Ideen verirrt, so wird am Beispiel seiner Aussagen zu sexualisierter Gewalt deutlich, dass männliche Schriftsteller bei einem solchen Thema besser täten, wenn sie auf die dazu berufenen Stimmen hörten, statt alles besser wissen zu wollen und sich mit vulgär-biologistischen Weisheiten zu profilieren. Bakkers bisheriges Auftreten gibt diesbezüglich jedoch wenig Anlass zur Hoffnung. Im Gegenteil, mit jedem neuen Blogpost, mit jedem weiteren Debattenbeitrag wirkt er arroganter und unbelehrbarer. Hat man sich erst mal selbst von der Scheinplausibilität biologistischer Argumente überzeugt, dann fällt es auch um so leichter, so scheint es, sich von kritischem Denken und empathischer Kommunikation zu verabschieden.

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Grim and Gritty: Squealing Piggies

Debatte über die Darstellung (sexualisierter) Gewalt in der Grim-and-Gritty-Fantasy. Anlass war ein Post auf Requires Only That You Hate über Joe Abercrombies Last Argument of Kings. Daraufhin entwickelte sich eine eklige Diskussion im Forum von Westeros.org.* Larry vom OF Blog, der die Diskussion durch einen Link unabsichtlich auslöste, hat einen eigenen Post zum Thema geschrieben. Einen thematischen Zusammenhang gibt es auch mit Liz Bourkes Rezension von Mark Lawrence’ Prince of Thorns und Leo Cristeas Apologie von Lawrence’ Roman. Auf Requires Only That You Hate gibt es hier und hier Entgegnungen auf die Forumsdiskussion und Cristeas Post.

Die entscheidende Frage für mich: Was geht eigentlich in all den Hirnen vor, die meinen, ausnamslos jeden Aspekt der Literatur, die sie gern lesen, zu bejubeln und bedingungslos zu verteidigen? Anders formuliert: Warum sind bloß so beträchtlich viele Fantasy-Leser_innen Fanboys im schlimmsten Sinne des Wortes, die jede kritische Betrachtung ihrer Wichslektüre** für einen inakzeptablen Angriff halten? Einfach mal innehalten und denken: Kritik ist kein Fremdwort für »Find ich irgendwie doof«. Kritik im hier relevanten Kontext heißt, einen Gegenstand (in diesem Fall Bücher) nach zuvor ausgewählten Kriterien zu überprüfen. Und ein solches Kriterium kann z.B. die Frage sein, was eigentlich die Gewaltdarstellung in all den Werken macht, die in den letzten Jahren die Diskussion über Fantasy bestimmt haben.

Problem: Ich glaube, dass immer noch weitgehend unklar ist, was die Gewalt in den Grim-and-Gritty-Fantasies eigentlich soll. Es gibt Genres, in denen Gewaltdarstellung einer mehr oder weniger deutlich erkennbaren Symbol- oder Verweisfunktion folgt. Im Splatterfilm ist die Gewalt Parodie, im klassischen Ami-Horror ist sie Metapher für all das, was Jugendliche durchmachen – in der Familie, im Umgang mit der Sexualität und in der Hölle auf Erden, der Schule. Das ist anders in den typischen Fantasies der letzten Jahre. Geht es um den Sinn ihrer Gewaltdarstellung, herrscht weitgehende Ratlosigkeit. Parodistisch ist sie erkennbar nicht, denn die splattertypische Überdrehtheit fehlt völlig. Und wenn sie metaphorisch zu verstehen sein soll, verschiebt das die Frage nur, ohne sie zu beantworten, so lange niemand zu sagen vermag, was denn der Sinn der Metapher sein soll.

Oft wird gesagt, die massive Darstellung von Metzeleien und sexualisierter Gewalt sei ein Realismuseffekt. Seltsamerweise wird das vor allem von Leuten postuliert, die selber aller nach Wahrscheinlichkeit noch nie vergewaltigt wurden und in ihrem Alltag auch nicht gerade Gefahr laufen, von marodierenden Bewaffneten zu Tode gefoltert zu werden. Also was, zum Geier, ist dann das Realistische daran? Denn man kann wohl getrost voraussetzen, dass das Prädikat »realistisch« hier im Sinne von »der Wirklichkeit entsprechend« verwendet wird. Wenn man aber auf dem Realismusprädikat für die zahlreichen Gewalt- und Vergewaltigungsszenen, welche die Fantasy nun schon seit einiger Zeit prägen, besteht und sie als notwendig verteidigt – tja, dann muss man als weißer Mittelklasse-Fanboy, der sich in seiner Freizeit an finsteren, blutigen und chauvinistischen Beschreibungen von Dingen ergötzt, die ihm selbst nie widerfahren werden, aushalten, wenn Menschen, die sich potentiell oder tatsächlich in einer ganz anderen Lage befinden, einem völlig zu recht ans Bein pinkeln. Der weiße Mittelklasse-Fanboy vergisst nämlich allzuleicht, dass auch andere Menschen Fantasy lesen und diskutieren, darunter solche, die eigene Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht haben, oder auch solche, die aus verschiedenen Gründen Empathie eher für diejenigen empfinden, welche die Gewalt abkriegen, und nicht mit denjenigen, welche die Gewalt ausüben.

Ich will nicht verhehlen, dass ich selber auch keine richtige Antwort darauf habe, was die Gewalt in der Grim-and-Gritty-Fantasy denn nun wirklich soll. Ich bin geneigt anzunehmen, dass sie Teil des programmatischen disillusionment sind, welches die Gruppe der Grim-and-Gritty-Autor_innen sich auf die Fahnen geschrieben hat: Die Auflösung vermeintlich genretypischer Konventionen wie strikte Gut-Böse-Dichotomie, generischer Handlungsverlauf mit abschließender Rettung der Welt etc. Sollte dem so sein, dann liegt dennoch auf der Hand, dass eine für diesen Zweck vorgenommene Betonung von Gewalt auch degenerieren kann. In der Tat ist das schon geschehen. Richard Morgan etwa verkauft die Inhalte des Grim-and-Gritty-Programms gern als Ausdruck von neuerlangter Reife und generellem »Erwachsensein« des Genres, und wirft denjenigen, die einen kritischeren Zugang vertreten, folgerichtig vor, sie seien kindisch.*** Damit beweist er im Grunde nur, dass er selbst geistig und emotional nicht über das Niveau eines Zwölfjährigen hinausgekommen ist (warum sonst sollte er dermaßen darauf insistieren, wie groß er schon ist), aber sein Vorgehen verfehlt seine Wirkung nicht. Es lässt sich heutzutage nicht selten beobachten, dass in der klassischen High-Fantasy-Tradition stehende Werke unter weitgehender Missachtung der Genre-Geschichte in die Jugendbuchschublade gesteckt werden. Erschienen die großen Werke der post-tolkienischen High Fantasy, wie Patricia A. McKillips Riddle-Master, Guy Gavriel Kays Fionavar Tapestry oder meinetwegen auch Terry Brooks’ Sword of Shannara, im Hier und Heute, würden sie dann auch im YA-Segment katalogisiert? Würde Richard Morgan beim Wort genommen, dann wäre die Antwort klar: Wenn darin nicht ausdauernd geflucht, gemetzelt und vergewaltigt wird, ist’s nur für Kinder. 

Es lässt sich nicht leugnen, dass ein Genre, welches ausgerechnet die plastische Darstellung von Gewalt und sexuellem Missbrauch für den Ausdruck emotionaler und intellektueller Reife par excellence hielte, ein ernsthaftes Problem hätte. Mein Eindruck ist aber, dass die Grim-and-Gritty-Fantasy mit Martin, Erikson und Bakker ihren Höhepunkt im Grunde schon hinter sich hat. Ihre Breitenwirkung hat sie mit Game of Thrones vom Romanzyklus an ein anderes Medium abgegeben. Morgans peinliche Auslassungen über Reife und Erwachsensein und Schrott wie Mark Lawrence’ Prince of Thorns sind dagegen Degenerationserscheinungen eines im Rückzug begriffenen Trends, in denen die Gewaltdarstellung vom disillusionment zum Selbstzweck geworden ist. Das wird die Fanboys natürlich auch in Zukunft nicht davon abhalten, auf jegliche Kritik mit empörtem Quieken zu reagieren (im Gegenteil). Sollen sie halt. Ich bin eher gespannt darauf, welche Fantasy nach der Grim-and-Gritty-Welle geschrieben wird, auch wenn wohl nicht damit zu rechnen ist, dass epische Sekundärwelt-Fantasy so bald wieder eine ähnliche Breitenwirkung entfalten wird, wie sie das gegenwärtig noch tut.

* Und zwar wirklich eklig. Der Thread enthält eine Menge – gewollte oder ungewollte – Verharmlosung von sexualisierter Gewalt. Kann man sich also überlegen, ob man sich so was wirklich geben will.
** Damit meine ich nicht, dass das Grim-and-Gritty-Zeug zu nichts anderem taugt als zur Wichsvorlage, sondern eher, dass die in Frage stehenden Bücher von ihren glühenden Fans häufig zu einer solchen reduziert werden.
*** So schon in seiner Attacke gegen Tolkien im Jahre 2009, und auch in der jetzigen Diskussion.

Donnerstag, 14. Juli 2011

Dunk & Egg in einem Band

George R.R. Martin hat in einem Interview angekündigt, seine Westeros-Novellen über Dunk & Egg – drei davon geschrieben, eine geplant – in einem Band zu veröffentlichen:
I just signed a contract with Bantam to do a collection of my Dunk & Egg novellas, which take place in Westeros a hundred years before. We’re going to do a collection of the first four of those (three of which are already written). The fourth one I have yet to write, and that one will appear in the anthology “Dangerous Women,” which I’m editing with Gardner Dozois. And then after “Dangerous Women” it will be reprinted in this collection. And there will be more Dunk & Eggs. Four does not tell the entire story. I want to take these two characters through their entire lives and that will probably require, I don’t know, eight, nine, ten, twelve novellas. 
Da die Bedeutung der Geschichten um Ser Duncan und seinen Knappen für die Handlung von A Song of Ice and Fire immer offenkundiger wird, dürfte das eine spannende Angelegenheit werden – vor allem, wenn tatsächlich weitere Bände erscheinen und es am Ende ganze 8–12 Novellen werden. Da die vierte, noch ungeschriebene Geschichte zunächst in einer Anthologie erscheinen soll, kann es mit dem Novellenband allerdings noch ein Weilchen dauern. Spürsinnige Vermutungen über Erscheinungsdaten werden in The Wertzone angestellt. Dabei eröffnet sich natürlich die interessante Frage, welche Rückschlüsse auf ein mögliches Erscheinungsdatum von The Winds of Winter, dem sechsten ASoIaF-Band, dies zulässt.

Montag, 14. Juni 2010

Mehr T als easer

George R.R. Martin hat einen Teaser zur Game-of-Thrones-Fernsehserie, die 2011 kommen soll, auf seinen Keinohrhasen ... äh, sein Nicht-Blog gestellt. Mir sind Fernsehserien ja sowas von Latte, aber ich dachte, ich weise mal darauf hin.

Nun ja. Ein Ersatz für ein druckfrisches Exemplar von A Dance with Dragons ist das wohl nicht.

Ach, hm: Hier und hier kann über die Serie diskutiert werden.

Dienstag, 12. Mai 2009

Fuck … even Tolkien’s gone grim & gritty now!

Vor sieben Tagen und Nächten erschien The Legend of Sigurd and Gudrún von J.R.R. Tolkien, zur Bestätigung der Tendenz, dass dessen posthumer literarischer Output höher ist als zu seinen Lebzeiten. Das Buch enthält zwei Gedichte (Völsungakviða en nýja »Das neue Völsungenlied« und Guðrúnarkviða en nýja »Das neue Gudrúnslied«) Tolkiens, basierend auf den eddischen Sagen von Sigurd dem Drachentöter, verfasst im altisländischen alliterierenden Versmaß. Die Geschichte von Sigurd, Brynhild und Gudrún lässt sich größtenteils auch anderenorts nachlesen (nicht zuletzt im Nibelungenlied), doch Tolkiens Absicht war es, das unvollständige Quellenmaterial, das schon mit Ruinen verglichen wurde, zu ordnen, zu ergänzen und in einer Fassung aus einer Feder zu vereinen.
Der Aberwitz dieses Unternehmens wird noch gesteigert dadurch, dass es funktioniert: Dass wir heute wieder eine zusammenhängende Geschichte lesen können, die die letzten Jahrhunderte in Trümmern lag. Aber bei Tolkien muss mit solchen Aberwitzigkeiten gerechnet werden – war er es doch, der die heute quasi-standardmäßig verwendeten Pluralformen elves und dwarves (re-)etabliert hat.

Und noch eine Tendenz scheint sich auf Sigurd & Gudrún auszuwirken (natürlich nur scheinbar; Christopher Tolkien vermutet die Entstehung der Gedichte in den frühen 1930er Jahren): Die grim & gritty-Fantasy:
Als Atli der Hunnenkönig die Brüder seiner Frau Gudrún tötet, obwohl diese ihn um ihrer gemeinsamen Söhne Erp und Eitill Willen um Gnade für ihre Brüder gebeten hatte, folgt die Rache auf dem Fuße:

Gudrún:
‘Hail, O Hun-king, | hear me speaking:
My brethren are slain | that I begged of thee.
Erp and Eitill | dost thou ask to look on?
Ask no longer – | their end hath come!

Their hearts thou tastest | with honey mingled,
their blood was blent | in the bowls I gave;
those bowls their skulls | bound with silver,
their bones thy hounds | have burst with teeth.’


Sowieso scheint Ódin der einzige zu sein, der die Geschichte überlebt. Alle anderen bringen sich gegenseitig oder selbst um, aus Rache, Liebe oder Gier. Eine schöne Darstellung des edlen nordischen Geistes.

Sehr viel mehr brauche ich nicht berichten über den neuen Tolkien, denn Tom Shippey (hier im Times Literary Supplement) und John Garth (dort in The Times) haben bereits so manches kluge Wort über den ›neuen Tolkien‹ verloren.

Diesen bleibt nicht mehr viel hinzuzufügen – zwei Hinweise zum Inhalt seien allerdings erlaubt:
  1. Die Gedichte sind nicht durchgehend unverständlich – im Gegenteil, man mag hier oder dort über eine seltsame Wendung stolpern oder eine Zeile nicht verstehen – aber das ist die Ausnahme. Der Großteil des Textes liest sich angenehm flüssig.
    Inhaltlich erscheinen die Gedichte beim ersten Lesen teilweise undurchschaubar. Dem schafft Christopher Tolkien mit seinen exzellenten Kommentaren Abhilfe, so dass man sich zügig in die Gedankenwelt der Verfasser (sowohl der alten wie auch des neuen) einlesen kann.
  2. Die Gedichte sind nicht lang. Das Buch bringt es zwar auf 377 Seiten, von denen die Gedichte aber gerade mal ungefähr die Hälfte ausmachen – gesetzt mit so viel Weißraum, dass ausreichend Platz bleibt für persönliche Notizen. Auch inklusive der erhellenden Kommentare, Einleitungen und Anhänge kostete mich die Lektüre nicht länger als zwei Tage.
Ansonsten ist das Buch ansprechend und anspruchsvoll gestaltet. Die Illustrationen von Bill Sanderson, basierend auf den geschnitzten Türpfosten einer Kirche aus dem 12. Jahrhundert, fügen sich schön in das Buch ein, und ähneln – als Nachschöpfung alter Vorlagen – Tolkiens Gedichten. Warum allerdings die Darstellung von Regins Tod – im Gegensatz zu den anderen Illustrationen – aus der Erzählreihenfolge tanzt, bleibt wohl ein Geheimnis der Herstellungsabteilung von HarperCollins. Dafür ist das Frontispiz – die Reproduktion einer Manuskriptseite aus dem Guðrúnarkviða en nýja – eine nette Aufwertung und eine Erinnerung daran, dass Tolkiens Handschrift nicht immer unleserlich war.
Mit milder Verwunderung betrachte ich, dass die Überschriften der Abschnitte des Buches auf jeweils zwei aufeinanderfolgenden Seiten exakt wiederholt werden – dafür, meine ich, hätte mit etwas Kreativität eine elegantere Lösung gefunden werden. Ebenso verwundert bin ich darüber, dass in den Kommentaren, Vor- und Nachwörtern grazile Vignetten zur Einteilung in Abschnitte verwendet werden, in den Gedichten dann aber billig wirkende Asteriske ausreichen müssen. Vielleicht hat HarperCollins die Zeiten des Bleisatz nicht ganz überwunden und rechnet noch mit begrenzten Kontingenten einzelner Lettern.
Auch sonst fallen einige Satzfehler ins Auge, besonders fehlen hier und dort Anführungszeichen. Schade. Denn diese Makel haben nichts verloren in einem so gelungenen Gesamtkunstwerk aus genialer epischer Poesie und gebündeltem, zugänglich präsentierten Fachwissen.

Donnerstag, 19. Februar 2009

Fantasy noir … oder eher Blackout?

Richard Morgan hat einen rant gegen Tolkien vom Stapel gelassen, der tatsächlich eine ungenügend verkleidete – und reichlich plumpe – Werbeaktion für Morgans The Steel Remains ist. Krachten in den Anti-Tolkien-Polemiken Michael Moorcocks (»Epic Pooh«) und China Miévilles Weltanschauungen aufeinander, haben wir mit Morgans Essay »The Real Fantastic Stuff« das Marktgeschrei eines Händlers vorliegen. Der kurze Text läuft in seiner Gesamtheit darauf hinaus, dass Morgan mit zweifelhaften Argumenten seinen Roman anpreist.

Morgans These: So ziemlich das einzig interessante, menschliche und reale im LotR ist das Gespräch zwischen den Ork-Offizieren Gorbag und Schagrat auf dem Weg zum Turm von Cirith Ungol (Morgan gibt als Ort des Gesprächs fälschlicherweise den Turm selbst an, wie ich in meiner hier übernommenen Rolle als Tolkien-geek kritisch anmerken möchte). Dem ist insoweit zuzustimmen, als dass diese Szene tatsächlich eine der intensivsten im gesamten LotR ist. Jedoch, wenn Morgan vom Inhalt des Ork-Dialogs ausgehend schlussfolgert, die Szene sei von JRRTs Weltkriegserfahrungen inspiriert – spätestens dann hapert es an Nachvollziehbarkeit. Denn eigentlich ist unschwer zu erkennen, dass Tolkien die beiden Ork-Hauptmänner als reine Söldner- und Bandenführernaturen gezeichnet hat. Gorbag und Schagrat sind alles andere als »disenchanted«, wie Morgan interpretiert. Sie treten nach unten und buckeln nach oben, sind sadistisch und auf Beute aus. Sie verhalten sich in etwa so, wie kleinliche Bösewichter in Abenteuerromanen des 19. Jahrhunderts aufzutreten pflegten. Dass Morgan derartig gezeichnete Charaktere für realistisch hält, sagt recht viel über seine Realitätswahrnehmung aus, aber nichts über den LotR selbst.

Interessant ist nun Morgans weitere Einschätzung der Gesprächsthemen Gorbags und Schagrats. Diesen sei zu entnehmen, dass die beiden Offiziere einen »rough good humour« und »some significant loyalty to the soldiers they command« besäßen – während sie sich tatsächlich darüber lustig machen, dass die Riesenspinne Kankra einen ihrer unachtsamen Untergebenen verspeisen will –, sie wollen laut Morgan, dass der Krieg eher heute als morgen vorbei ist – was schlecht damit zusammenpasst, dass sie sich Sorgen machen, nach Ende der Kampfhandlungen nicht mehr nach Lust und Laune plündern zu können –, und so geht es weiter. Morgan scheint an dem Landsknechtgehabe Gefallen finden zu können, indem er es missversteht und verklärt. Gorbag sei ein »hard-bitten survivor«, der die »messy human realities of a Great War [...] from ground level« sieht. Er habe eine Attitüde, die beinahe als noir zu bezeichnen sei. Autsch. Und damit soll es genug sein.

Man muss Tolkiens epochemachendes Werk nicht mögen, um Morgans Polemik als die Luftblase zu erkennen, die sie ist. Vage ist noch ein wenig die Rede von »archetypical idea(s)«, die Tolkien gehabt habe – Morgan entgehen die ethischen Fragen, die der LotR aufwirft, indem er sie jungianisch verpsychologisiert –, um schließlich (damit zum Eingemachten kommend) seinen eigenen Roman mit dem Hinweis zu loben, dass es kein Kinderbuch wie der LotR, sondern für Erwachsene geschrieben sei. Was eigentlich nur zeigt, dass er zweierlei nicht verstanden hat: Erstens ist der LotR kein Kinderbuch – und zweitens kritisiert man einen Roman nicht, indem man ihn als Kinderbuch bezeichnet.

Montag, 16. Februar 2009

Warten auf George

Hier steht eine sympathische Verteidigungsrede für George R.R. Martins hartnäckig ausbleibenden vierten Band von A Song of Ice and Fire. Eher etwas für LeserInnen, die die Hoffnung auf A Dance with Dragons noch nicht aufgegeben haben. Alle anderen werden bei der Lektüre wohl eher wieder das große Wutschnauben gekriegt haben ...

Was ich, nebenbei bemerkt, nicht ganz verstehe. Das übermäßige Wertschätzen abgeschlossener bei gleichzeitigem Verfluchen unfertiger oder mit-dem-Ende-auf-sich-warten-lassender Zyklen ist mir eher fremd. Ich lese zum Beispiel ein Fragment von einem Autor wie Robert E. Howard tausendfach lieber als ein Conan-Pastiche von Lin Carter oder L. Sprague de Camp. Same goes for a bunch of other authors.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.