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Freitag, 20. März 2015

Vielleicht doch ein Märchen

Leonie Swanns Dunkelsprung. Vielleicht kein Märchen liest sich prächtig. Urban Fantasy, die alle begeistern dürfte, die Jo Waltons Among Others mochten, und einlöst, was Stefan Bachmanns Die Seltsamen nur verspricht. Ein wenig habe ich mich sogar an John Crowley erinnert gefühlt. Anstelle von Schafen spielen diesmal übrigens Flöhe eine tragende Rolle.

Freitag, 1. Juni 2012

Rivers of London

Rivers of London kommt als Police Procedural mit Fantasy-Einschlag daher; eine Kombination, die mir bislang noch nicht begegnet ist. Und der Roman wird gepriesen von allen Seiten. Die Blurbs auf meiner Ausgabe kommen von Prominenz wie Diana Gabaldon, Peter F. Hamilton und Charlaine Harris. Statt darüber zu erschrecken, was für eine Art Buch von diesen drei höchst unterschiedlichen Autor_innen beworben wird, habe ich es einfach mal gelesen – Höhe der Zeit und so.

Peter Grant ist Constable im Metropolitan Police Service, also ein kleiner Bulle im Großraum London. Konfrontiert mit der Schreckensaussicht, nach dem Ende seiner Probezeit an den Schreibtisch versetzt zu werden, macht er sich keine allzugroßen Hoffnungen auf ein interessantes Leben mehr. Das ändert sich, als er zur Bewachung eines Tatorts beordert wird, an dem ihm ein Gespenst erscheint, welches den Tathergang beobachtet hat. Durch diese Begegnung ergibt sich für Grant eine nicht wenig überraschende Änderung in seiner eigentlich vorgezeichnet erscheinenden Karriere: Seine Vorgesetzten beschließen, ihn Inspector Nightingale zu unterstellen, dem letzten Zauberer im Dienst der Met. Grant soll zu seinem Nachfolger ausgebildet werden.

So viel zum Ausgangspunkt der Story. Nightingale ist – wie könnte es anders sein – ein technikferner Exzentriker, der die Innovationen (Computer! Internet!), die Grant in die magischen Ermittlungen des ungleichen Duos einzubringen versucht, mit Misstrauen beobachtet. An Arbeit besteht kein Mangel: Neben Vampirjagden und ähnlichen Alltagsaufträgen müssen gleich zwei komplexe Fälle mit übernatürlichem Einschlag gelöst werden. Da ist zum einen der unheimliche Killer, der in der Gestalt von Mr. Punch wahllos mordet und allein durch seine Gegenwart Menschen zu unerklärlichen Gewaltausbrüchen anstiftet. Und zeitgleich bricht auch noch ein Krieg zwischen Mama Thames und dem »Old Man of the River« aus, zwei um die Londoner Flüsse konkurrierenden Lokalgottheiten.

Klar ersichtlich ist Rivers of London Urban Fantasy im klassischen Sinne, keine mit Bodysuits und Karatetritten angereicherte Paranormal Romance. Es tritt jede Menge wiederbelebtes Personal aus der Geschichte der Londoner Halbwelt auf, dazu gibt es skurrile Magie-Erklärungen und an Neil Gaiman erinnernde Götterfiguren. Diese Szenerie (und es tut gut, so etwas nach langer Zeit wieder mal zwischen zwei Buchdeckeln zu finden) macht sich erstaunlich gut in Kombination mit den Police-Procedural-Elementen. In dieser Hinsicht ist Rivers of London lustig und interessant zu lesen.

Plottechnisch hapert es dagegen ein wenig. Zum Höhepunkt hin gerät die Handlung arg ins Straucheln, während sie doch eigentlich dynamischer und schneller werden sollte. Auch fragt man sich, welcher Teufel den Autor eigentlich geritten hat, die beiden Erzählstränge – den vom übernatürlichen Serienmörder und den von der Fehde der Flussgottheiten – in einen einzigen Roman zu packen. Andererseits wirkt genau das irgendwie auch wieder sympathisch, denn man kann sich sicher sein, dass zumindest kein kommerzielles Kalkül im Sinne von »aus eins mach zwei« dahintersteckt.

So richtig verblüfft hat mich aber eher, dass Rivers of London seinen Protagonisten völlig ironiefrei als Verkörperung britischer Tugenden darstellt. Peter Grant hat eine schwarze Mutter und einen weißen Vater, aber das (post-)koloniale Gepäck, dass er aufgrund seiner Herkunft mit sich herumschleppt, ist ihm eigentlich nur lästig. Viel lieber als mit den Sorgen und Mentalitäten seiner Eltern möchte er sich mit »keeping the Queen’s peace« befassen, wie eine häufig im Roman gebrauchte Phrase lautet. Fast alles, was Grant tut oder lässt, wird als irgendwie typisch britisch herausgestellt. Polizeiarbeit in London, so lässt dieser Roman uns wissen, bedeutet eine Mischung aus hartem Durchgreifen gegen den »spirit of riot and rebellion« und sanfter Vermittlung zwischen nervigen Multikulti-Partikularinteressen. Was diese Botschaft angeht, wirkt Rivers of London völlig ernsthaft und deshalb auch ein wenig infantil.

Womit wir beim nächsten Stichwort wären. Peter Grant ist als Ich-Erzähler und Identifikationsfigur ... ziemlich kindisch. Zwar nicht so uncool wie der Junge aus der Schule, der immer nur Polizist spielen wollte, aber irgendwie doch ähnlich. Nicht so asexuell natürlich, aber entschieden pubertär. Dazu passt, dass man interessant und vielschichtig gezeichnete Frauenfiguren in Rivers of London vergeblich sucht. Fast alle auftretenden Frauen wirken wie lebensgroße, aber unechte Pappfiguren, die links und rechts an den Rändern der Handlung aufgestellt wurden. Man hätte sie überwiegend auch weglassen können, ohne sie auch nur zu vermissen. Da hoffe ich doch schwer, dass sich das in den weiteren Romanen um Constable Grant und Inspector Nightingale bessert. Sonst würde es mir nämlich am Ende noch zu kindisch werden, und das wäre irgendwie auch wieder schade.

Rivers of London von Ben Aaronovitch (392 Seiten im Taschenbuch) ist 2011 bei Gollancz erschienen.

Samstag, 3. März 2012

Kalix – Fluch der Werwölfe

Fluch der Werwölfe setzt mehr oder weniger dort ein, wo der Vorgängerband Werwölfin von London endete. Kalix, die an Anorexie leidende und autoaggressive Werwölfin, lebt weiterhin in einer WG mit den Student_innen Daniel und Moonglow. Als neu hinzugekommene Mitbewohnerin tritt Vex in den Vordergrund, die Adoptivnichte Malverias, der modeverrückten Königin der Feuergeister. Vex und Kalix besuchen eine Abendschule, um Lesen und Schreiben zu lernen und sich besser an die menschliche Gesellschaft anzupassen (und weil ihre Familien anderenfalls den Geldhahn abdrehen). Ebenfalls eine stärkere Rolle als im ersten Band spielt Kalix’ einzelgängerische Cousine Dominil (bekannt als drogensüchtige, lateinische Gedichte lesende Managerin der Werwölfinnenband Yum Yum Sugary Snacks), indem sie einen Privatkrieg gegen die Werwolfjäger der Avenaris-Gilde beginnt. Hinzu kommt ein paralleler Handlungsstrang um die Feuerkönigin Malveria, die zunehmend besessen ist von ihrem Fashion-Lifestyle und sich infolgedessen eines Putschversuchs und der Intrigen Kabachetkas, der Prinzessin eines benachbarten Reiches von Feuergeistern, erwehren muss.

Um es gleich zu sagen: Fluch der Werwölfe hat mich weniger stark angesprochen als Werwölfin von London. Plotmäßig ist der zweite Band entschieden schwächer. Es braucht ungefähr 100 Seiten, damit die neuen Handlungsstränge, die sich zuvor eher zögerlich ankündigen, richtig Fahrt aufnehmen. Das Hauptproblem ist aber, dass die zentrale Figur Kalix dringend eine Entwicklung durchmachen müsste. Man kann einfach nicht einen weiteren dicken Band allein von der Idee tragen lassen, die Werwölfin von London so unterhaltsam machte: Kalix, die als Werwölfin kampfwütig ohne Ende ist, ansonsten aber sämtliche Pubertätsprobleme an sich zieht und damit alle natürlichen und übernatürlichen Wesen, die ihr über den Weg laufen, massiv überfordert und durcheinander bringt. Die Idee ist witzig, kein Zweifel, und es macht den Eindruck, als habe Millar beim Schreiben von Fluch der Werwölfe permanent mit der Versuchung gekämpft, den ersten Band noch mal zu erzählen.

Dabei deutet sich im ersten Drittel des Buches durchaus an, dass Kalix’ Charakter sich verändern darf. Aber bevor diese Andeutungen sich so richtig entwickeln können, erliegt Millar der Versuchung und gibt der Handlung eine (meiner Meinung nach recht überflüssige) Wendung, die Kalix umgehend auf ihren typischen, aus dem ersten Band bekannten Teenagerinnenweltschmerz zurückfallen lässt. Und dabei bleibt es fast bis zum Ende des Buches – definitiv eine verpasste Gelegenheit und ein einfacher Lösungsversuch, der keine Lösung ist. Partiell wettgemacht wird Millars Versäumnis dadurch, dass er wenigstens nicht auch noch die Familienfehde im Werwolfclan, die im ersten Teil die Handlung antrieb, erneut aufrollt und ausschlachtet. Es gibt im Plot von Fluch der Werwölfe durchaus neue Dynamiken, und der Subplot um Malveria und Kabachetka dümpelt zwar mehr oder weniger neben der Haupthandlung her, ist aber zumindest neu und nicht ganz einfallslos.

Die besseren Ideen hat Millar sich jedoch für die Haupthandlung aufgehoben, oder besser: für die diejenigen Teile der Haupthandlung, die nicht direkt mit Kalix zu tun haben. Hier endlich zeigt Millar seinen ganzen Witz und seine Fabulierfreude. Das betrifft zum einen Vex, die sich auf überraschende Weise als vielseitigerer Charakter erweist, als ihre – oft genug die Grenze zum Nervtötenden überschreitende – comic-relief-Funktion im ersten Band hätte vermuten lassen. Zum anderen arbeitet Millar eine brillante Idee aus, indem er den neuen Charakter Albermarle einführt. Dieser ist ein archetypisch gezeichneter männlicher Nerd, der von zahlreichen Obsessionen getrieben wird, allen voran von seiner Rachsucht: Dominil – intelligent, sexy und werwolfmäßig monströs, wie sie ist, eine feuchte Nerdfantasie ersten Ranges – hat sich nicht, wie es von einer Nerdfantasie erwartet wird, dem dicklichen, pedantischen Comicfan einfach hingegeben, sondern ihm ganz nonchalant die kalte Schulter gezeigt. Für Albermarle ist das Kränkung genug, um der Werwölfin glühenden Hass zu schwören, der in seinem neurotischen Kern jedoch nichts anderes ist als verletzte Eitelkeit und kindische Wut. Albermarle wird zu Dominils Stalker, tritt der Avenaris-Gilde bei, nervt dort alle mit seinem bürokratischen Exaktheitswahn und versucht zugleich, die Organisation für sein psycho-nerdiges Lebensziel zu nutzen: Dominil die erlittene Kränkung heimzuzahlen.

Fast wäre es mir lieber, Millar hätte an Stelle eines Sequels ein Dominil-und-Albermarle-Spin-off geschrieben, um dieser ebenso aberwitzigen wie treffenden Geschichte mehr Raum zu geben. Es scheint mir doch schade zu sein, dass angesichts dessen, was möglich gewesen wäre, Fluch der Werwölfe letztlich nur eine mittelmäßige Fortsetzung mit einigen herausragenden Momenten geworden ist.

Kurze Bemerkung zum Schluss: Millar löst einige Handlungselemente nicht auf oder belässt sie bis zum Schluss im Unklaren. Steht da etwa noch ein dritter Band aus? Nach Fluch der Werwölfe weiß ich leider nicht, ob das eine gute Idee ist.

Kalix – Fluch der Werwölfe von Martin Millar (745 Seiten) ist 2010 bei Fischer erschienen. Die Übersetzung aus dem Englischen besorgte Eva Kemper.

Sonntag, 8. Mai 2011

Kalix – Werwölfin von London

Martin Millars Die Elfen von New York – das Buch, dass anscheinend dazu verdammt ist, in Deutschland stets mit potthässlichen Covern zu erscheinen – hat mir vor ein paar Jahren ganz gut gefallen. Ich mochte insbesondere die moralische Botschaft des schmalen Romans, die vor allem darin bestand, vor zu viel Arbeit, da ungesund und lustmindernd,  eindrücklich zu warnen. Dazu passt perfekt die Einstellung des Autors, der fröhlich zu verkünden pflegt, dass er sich ganz gut vorstellen könnte, sein Leben mit Faulenzen zu verbringen, wenn es nicht leider Geld zu verdienen gälte. In jedem Fall aber eine höchst löbliche Attitüde, die so manchem schriftstellernden Workaholic im SFF-Bereich nahezulegen wäre.*

Aus diesen Gründen habe ich Kalix – Werwölfin von London erfreut aus der Ramschecke eines Buchladens gefischt, und ich wurde nicht enttäuscht:  Die Geschichte von Kalix ist unterhaltsamste Chick Lit, gewürzt mit derbem Sarkasmus. Die zugrundeliegende Idee ist dabei eigentlich recht einfach. Anstelle die alte Kiste von der Lykanthropie als Pubertätsmetapher zu bemühen,** schreibt Millar einfach einen Roman über eine im Wortsinne pubertierende Werwölfin.

Kalix MacRinnalch ist eine junge, zu Essstörungen neigende Werwölfin aus gutem Hause. Nach einem Zerwürfnis mit ihrem Vater, dem Fürsten der Werwölfe, ist sie auf dem heimatlichen Schloss in Schottland nicht mehr willkommen. Von ihrem Clan geächtet, lebt sie obdachlos und drogensüchtig in London. Ihre ältere Schwester Thrix, die sich als erfolgreiche Modedesignerin in der Stadt niedergelassen hat, wird Kalix nur widerwillig unterstützt. Die Situation eskaliert, als der alte Fürst der Werwölfe stirbt und Thrix’ und Kalix’ Brüder sich um die Nachfolge streiten: Sarapen ist ein hartgesottener Werwolf-Traditionalist, der schon deshalb die Herrscherwürde für sich beansprucht, weil er der Erstgeborene ist. Sein jüngerer Bruder Markus, ein heimlicher Crossdresser, gibt sich zwar als Modernisierer, ist aber nicht weniger gewissenlos. Die Fürstenwitwe Verasa bevorzugt ihren jüngeren Sohn. Fürstenmutter Dulupina jedoch macht ihre Enkelin Kalix für den Tod des Fürsten verantwortlich und kündigt ihre Unterstützung desjenigen Kandidaten an, der ihr Kalix’ Kopf bringt.

Damit ist der Familienkrieg voll im Gang und wird im Laufe der Ereignisse immer blutrünstiger. In Nebenrollen treten u.a auf: eine gemütliche, etwas verpeilte Studi-WG in London, diverse Cousinen und Cousins aus dem MacRinnalch-Clan, eine Gilde von Werwolfjägern sowie die modeverrückte Königin der Feuergeister Malveria. Die Handlung ist durchweg rasant und kurzweilig, der Humor passt und viel Tiefgang erwartet man bei dem Genre ohnehin nicht. Allein die divenhafte Malveria ist meinem Empfinden nach ziemlich nervig. Als comic relief ist sie jedenfalls reichlich überflüssig, denn der Roman ist an sich unterhaltsam genug. Die Werwolfjäger spielen zwar eine kontinuierliche Rolle im Plot, bleiben aber eher im Hintergrund, so dass sie absehbarerweise in der Fortsetzung Kalix – Fluch der Werwölfe (2010) stärker im Mittelpunkt stehen werden. Ich habe durchaus Lust, mir den zweiten Band auch noch reinzuziehen, hege aber die Befürchtung, dass neben der Jägergilde auch die nervige Malveria darin an prominenter Stelle auftreten wird. Wer neugierig auf Kalix – Werwölfin von London ist, aber anders als ich nicht unbedingt Lust auf eine Fortsetzung hat, kann übrigens bedenkenlos zugreifen, da die Handlung am Ende nicht viel offenlässt.

Martin Millars Kalix – Werwölfin von London (752 Seiten) erschien 2009 bei Fischer. Die Übersetzung besorgte Eva Kemper.

* Selbstverständlich handelt es sich um eine Attitüde, die mit der Realität meist nicht mithalten kann, da Vielschreiberei in der Regel ökonomische Gründe hat.
** Womit ich nicht sagen will, dass diese immer schlecht sein muss. Ich empfehle diesbezüglich Suzy McKee Charnas’ Story »Titten«, abgedruckt in der von Lisa Tuttle herausgegebenen feministischen Horror-Anthologie Hexenmond.

Montag, 2. Mai 2011

Kraken

China Miévilles Kraken ist weniger die Geschichte eines Monsters, als vielmehr die Geschichte von Menschen, die mit Monstern machen, was sie wollen – und meistens machen sie sie zu Göttern. Hier einige Andeutungen zur Handlung des Buches:

Billy Harrow macht Führungen in einem Londoner Naturkundemuseum, dem Darwin Centre. Größte Attraktion – nun ja, oberflächlich (!) betrachtet die einzige – ist ein präparierter Riesenkalmar (Architheutis dux). Das beeindruckende Biest verschwindet eines Tages spurlos. Billy, der den Diebstahl entdeckt hat, wird von einer Polizeibehörde in die Mangel genommen, die für übernatürliche und okkulte Fälle zuständig ist. Er erfährt, dass es in London eine Church of God Kraken gibt, die den verschwundenen Kopffüßer als Gott verehrt. Von da an verschwindet Billy mit Haut und Haaren im brodelnden Magie-Untergrund der Metropole. Schmerzhaft bekommt er am eigenen Leibe zu spüren, dass Tattoo, der Chef eines okkulten Verbrechersyndikats, mit allen Mitteln nach der präparierten Gottheit sucht; und plötzlich scheinen alle hinter dem Tintenfisch her zu sein. Nicht nur die Kirche, sondern auch die Okkult-Bullen und der Orden der Londonmancers (der sich eigentlich völlig neutral der thaumaturgischen Pflege des Stadtkörpers und der Orakelschau der Londoner Eingeweide widmet – ja, das ist durchaus wörtlich zu verstehen) ahnen, dass der Kopffüßer ein Ende (έσχατον) über die Stadt bringt, sein Verschwinden das Vorspiel zur Apokalypse ist. Ähm, richtig, ein Ende unter mehreren möglichen. Wir leben bekanntlich in einer pluralistischen Gesellschaft, und in einer solchen kann es durchaus konfligierende Vorstellungen vom Ende der Zeiten geben …

Miéville ist vielleicht einer der beeindruckendsten Schriftsteller der letzten zehn Jahre. Für mich wird dies in folgender Weise besonders deutlich: Es gibt Autor_innen, die alle zwei Jahre ein gutes Buch abliefern. Man liest die Neuerscheinungen dieser Autor_innen nicht unbedingt sofort, weil man weiß, was man an ihnen hat. Ihre Bücher kann man sich für den geeigneten Lesemoment aufsparen, wenn man Lust und Muße hat. Andere Autor_innen sind dagegen immer wieder für eine Überraschung gut. Man neigt mitunter dazu, ihre Bücher fasziniert anzulesen, um sie eine Weile beiseitezulegen und später mal wieder darin zu blättern. Anders Miéville. Ein Buch von ihm wird man keinesfalls mit dem Werk einer anderen Person verwechseln. Man verschlingt es und hat das Gefühl, es noch viele Male lesen zu wollen.

Kraken ist erklärtermaßen eine Hommage an Nerd-Kultur(en), und Miéville verarbeitet darin Ideen, die normalerweise höchstens noch für einen beiläufigen Witz taugen: die Sonderabteilung der Polizei, die sich mit übernatürlichen Kriminalfällen befasst. Der Star-Trek-Fanartikel, mit dem man plötzlich ›in echt‹ Leute umnieten kann. Nicht witzig? Lies mal Kraken, dann reden wir weiter. Geht man über solche nerdigen Gedankenblitze und Hoffnungsschimmer hinaus, entwickelt dieser Roman Miévilles eine ob ihres Scharfsinns beeindruckende Tiefendimension. Dass diese Geschichte in einer wahnwitzigen dialektischen Einheit aus Stil und Plot, Form und Inhalt, Theologie und materialistischer Wissenschaft erzählt wird, bringt Miévilles kluge Gedanken über Erfahrungen des Heiligen, über den Klassenkampf und was beide miteinander zu tun haben erst richtig zum Vorschein.* Theologisch gesehen seit langem die einfallsreichste und anregendste Verarbeitung des Themas Religion, die mir in der Fantasy untergekommen ist. Besser noch als Pullmans diesbezüglicher Versuch, würde ich behaupten. Und dass dieser hier von einem Marxisten stammt, bringt gleich doppelt Spaß. Gerade deshalb für mich ein Roman, den man nicht einmal, sondern viele Male genießen kann.

Zwei Dinge, die mir aufgefallen sind, habe ich noch nicht untergebracht, will sie aber nicht unerwähnt lassen:
  • Miéville hat finsterste Schurkengestalten geschaffen. Wenn man mit nuancierten, tragischen Bösewichtern übersättigt ist, sollte man sich dieses Buch vornehmen und Goss & Subby aus vollstem Herzen hassen lernen.
  • In einer Hinsicht hat ist Kraken nahezu ein Wunder zu nennen: Ich bin der Überzeugung, dass es gewöhnlicherweise nur eine definitive Geschichte zu einer bestimmten Idee gibt – Ausnahmen sind gerade deshalb sehr begehrt bei mir. Der Normalfall sieht aber eher so aus: Nach Harry Potter habe ich eigentlich keine Lust mehr, weitere Zauberschulen literarisch zu erkunden.** Und warum sollte ich mich mit weiteren Romanen über Verschwörungstheorien und Okkultismus abmühen, wenn ich Das Foucaultsche Pendel gelesen habe. Ähnliches könnte auch in diesem Fall gelten, denn mit Neverwhere hat Neil Gaiman bekanntlich eines seiner besten Bücher geschrieben und die Idee, dass sich im Londoner Untergrund Monster und Magie tummeln, rundum gelungen umgesetzt. Und gerade deshalb spricht es für sich, dass Miévilles Kraken, obgleich auf einem ganz ähnlichen Konzept beruhend, kein bisschen langweilig, vorhersehbar oder schon-mal-dagewesen ist.
Fazit: Miéville schafft es, gleichermaßen sich selbst und andere zu übertreffen. Damit lege ich Kraken allen ans Herz, die’s noch nicht gelesen haben, und wünsche allen anderen viel Vorfreude auf Embassytown!

Kraken: An Anatomy (509 Seiten) ist 2010 bei Del Rey erschienen.

* Die hier gelobte Klugheit hindert Miéville leider nicht daran, sich in anderer Hinsicht mit Überzeugung zum absoluten Deppen zu machen. Das betrifft in meinen Augen hauptsächlich seine Boykottaufrufe gegen Israel.
** Ersichtlich aus meinem misslungenen Leseversuch von Jenny Nimmos erstem Charlie-Bone-Buch.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.