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Samstag, 6. August 2016

The Meek, it’s aliiive! (und ein bisschen The Nameless City)

Ich hatte vor einer Weile schonmal meinen Lieblings-Webcomic empfohlen: The Meek von Der-Shing Helmer* – damals stuk der Comic aber in einer jahrelangen Pause. Das hat sich erledigt, seit die Autorin und Künstlerin seit letztem Jahr über Patreon crowdgefundet wird. (Spannende Zeiten für Kreativlinge – N. K. Jemisin hat ja auch kürzlich ihren Hauptberuf durch Crowdfunding-Mäzenatentum ersetzt.) Da gerade dieser Tage erst gelesen, muss ich auch sagen, schon die bisher vollständigen Kapitel von The Meek übertreffen The Nameless City von Faith Erin Hicks – obwohl letzteres beworben wird mit dem Blurb “sharp observations about power and history” finden sich darin m.E. wenig tiefschürfende Darstellungen dieser Thematik. Da bringt The Meek quasi mehr auf weniger Seiten unter (ohne einen zu direkten Vergleich aufmachen zu wollen).

Jetzt ist es auch so weit, die ersten drei Kapitel als Printcomic herauszubringen – auch dies mittels Crowdfunding. Das Finanzierungsziel wurde schon in den ersten sieben Stunden erreicht, nächsten Januar gibt’s dann einen feinen, überarbeiteten (und voraussichtlich erweiterten) Comic als Hardcover.

Ich finde am Webcomic-Format schon lange faszinierend, dass sich hier kostenfreie Erstveröffentlichung und spätere ›Monetarisierung‹ nicht ausschließen.

* Auch ihren zweiten Webcomic, Mare Internum, near-future SciFi, Science-Fantasy, und Drama, finde ich sehr lesenswert.

Donnerstag, 9. April 2015

Awardverdächtiges beim verdächtigen Award

Eine Folge des Bloc Votings bei den Nominierungen zum diesjährigen Hugo Awards ist, dass eigentlich niemand den Preis mit ungetrübter Freude entgegennehmen können wird. Diejenigen, die nicht durch Bloc Voting für den Hugo nominiert wurden, müssen sich im Fall eines Sieges fragen, ob sie nur gewonnen haben, weil niemand die Sad/Rabid Puppies wählen will. Diejenigen, die ohne ihr Einverständnis per Bloc Voting nominiert wurden, steht jetzt nur noch die Möglichkeit offen, die Nominierung abzulehnen oder zum Wählen von »No Award« aufzurufen, wenn sie nicht als Opportunist_innen dastehen wollen.* Und die Puppies, falls denn einige von ihnen Preise bekommen sollten, wissen natürlich selber am besten, dass sie diese allein durch ihre Machenschaften bekommen haben.

Die Puppies versuchen sich mit der Behauptung zu rechtfertigen, es habe bei den Hugo-Wahlen schon früher regelmäßig Vorschlagslisten und darauf basierendes Bloc Voting gegeben. Dabei heißt es mal, diese früheren Vorschlagslisten seien ganz offen auf verschiedenen Blogs präsentiert worden (ganz wie die Listen der Puppies), dann wieder wird verbreitet, sie seien heimlich über Mailverteiler verbreitet worden, damit die Öffentlichkeit nichts mitbekommt. Was es bemerkenswerterweise nicht gibt, sind Links, Screenshots oder geleakte Dokumente, die die Existenz von früheren Vorschlagslisten belegen würden.**

Ich bin kein Worldcon-Besucher, aber mich ärgert die ganze Sache aus einem prinzipiellen Grund: Der Unterschied zwischen einem offenen Nominierungsprozess und dem Präzedenzfall, den die Puppies geschaffen haben, ist ein wenig wie der Unterschied zwischen Rätedemokratie und parlamentarischer Demokratie. Im ersten Fall haben alle die Möglichkeit, ihre individuellen Interessen und Vorlieben einzubringen. Im zweiten Fall gibt es nur die Wahlmöglichkeit zwischen verschiedenen Listen, die den Stimmberechtigten mehr oder minder fertig vorgesetzt werden. Das Ergebnis des Nominierungsprozesses zeigt, dass der Filtereffekt solcher Listen immens sein kann.

Matthew David Surridge, der ohne sein Wissen oder Einverständnis in der Kategorie »Best Fan Writer« auf den Vorschlagslisten der Puppies gelandet ist, ist den geraden Weg gegangen, hat seine Nominierung abgelehnt und eine ausführliche Begründung dazu verfasst. Ich finde, zu dieser Entscheidung kann man ihm nur gratulieren. Darüber hinaus ist Surridge aber auch ein fan writer, wie ich ihn mir wünsche: Belesen und mit großem Interesse nicht ausschließlich an den jährlichen Neuerscheinungen, sondern an der ganzen Tiefe und Breite der Fantasy. Ich erlaube mir deshalb, einige seiner Artikel zu empfehlen, die zwischen 2010 und 2014 in Black Gate erschienen sind:

* Es gibt mindestens einen Autor, der durch Bloc Voting nominiert wurde und gegenwärtig von Kommentarthread zu Kommentarthread eilt, mit einer halbherzigen Distanzierung von der Puppies-Aktion und gleichzeitig fordernd, da er nun einmal nominiert sei, könne man doch auch für ihn stimmen.
** Was natürlich nicht bedeutet, dass es gar keine Versuche gegeben hat, Preise wie den Hugo und den Nebula zu beeinflussen. Seit heute ist ein Blogpost von George R.R. Martin zu diesem Thema online.

Mittwoch, 11. März 2015

Fantasy für ekstatische Rechtschreibfanatiker_innen

Rachel Hartman empfiehlt auf tor.com »Five Theological Fantasies for Ecstatic Atheists«. Abgesehen davon, dass es sich um sehr interessante Buchtipps handelt, fällt mir an dieser Liste wieder mal eins auf: Warum sind es eigentlich exakt drei Fantasy-Autor_innen, deren Namen im englischen Sprachraum andauernd und immer wieder falsch geschrieben werden?
  • Samuel R. Delany → Delaney
  • N.K. Jemisin → Jemison
  • J.R.R. Tolkien → Tolkein
Gibt es irgendwelche linguistischen Erkenntnisse, die darauf Licht werfen könnten? Bei Jemisin könnte ich mir denken, dass es schlicht an der Häufigkeit von Namen liegt, die auf -son enden, aber sonst?

Donnerstag, 12. Juni 2014

SteglitzMind stellt Lake Hermanstadt vor

Gesine von Prittwitz hat mir für ihr Blog SteglitzMind einige Fragen gestellt. Das Gespräch ist seit gestern mittag online. Es ist Teil einer Interviewreihe mit Literaturblogger_innen, die 2012 begonnen wurde und Leuten wie mir ermöglicht, laut über unsere Motivation zum Lesen und Bloggen nachzudenken. Zu verdanken habe ich diese Gelegenheit Frank Böhmert. Am Ende jedes Interviews wird nämlich gefragt, welches Blog als nächstes vorgestellt werden soll, und Frank Böhmert hat sich doch glatt den Hermanstädter See gewünscht.

Samstag, 8. März 2014

Women in Horror and Fantasy

Nicht nur ist heute Internationaler Frauenkampftag, im Februar war auch Women in Horror Recognition Month.* Zu diesen Anlässen möchte ich einige Empfehlungen aussprechen:
  • Da ist zunächst die crowdfinanzierte Anthologie She Walks in Shadows, die erste Sammlung von lovecraftesken Horrorgeschichten, zu der ausschließlich Autorinnen beitragen. Als Herausgeberin wird Silvia Moreno-Garcia fungieren. Das Projekt hat sein Finanzierungsziel auf Indiegogo erreicht (Glückwunsch!), aber wer möchte, kann noch bis zum 13. März einen Beitrag zur Veröffentlichung der Anthologie leisten.
  • Ellen Datlow ist zweifellos die bedeutendste Herausgeberin von Horrorgeschichten. Im Interview mit dem Magazin Nightmare spricht sie über ihre Tätigkeit. Im Interview mit Book Riot geht es um ihre persönlichen Lesegewohnheiten und um empfehlenswerte Autorinnen. Ihre nächste Anthologie, die im April erscheint, heißt übrigens Lovecraft’s Monsters.
  • Die Dezember/Januar-Ausgabe des feministischen Magazins an.schläge wartet mit einem Themenspecial »Heimgesucht von Carrie, Carmilla und Co.« auf. Die sehr empfehlenswerten Artikel und Infoboxen widmen sich u.a. der Liebe zu Monstern und der Frage, warum die (fast ausschließlich männlichen) Killer der Slasherfilme ihr Unwesen stets in weißen Vororten treiben. Die Ausgabe ist im Buchhandel oder im Webshop von an.schläge erhältlich.
Zum Schluss noch zwei Buchtipps: Wer gern Streifzüge durch die Literaturgeschichte von phantastikschreibenden Frauen unternehmen möchte, ist mit dem Penguin Book of Classic Fantasy by Women und dem Penguin Book of Modern Fantasy by Women, beide herausgegeben von A. Susan Williams, bestens bedient. Der erste Band deckt den Zeitraum vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Zwischenkriegszeit ab, der zweite Band versammelt Geschichten ab 1941 und wartet zudem mit einer Einleitung von Joanna Russ auf. ›Fantasy‹ wird in beiden Anthologien als ziemlich weitgefasster Begriff verwendet, der z.B. auch Science Fiction einschließt.

* Als ich »women in horror month« vor ein paar Minuten bei einer nicht ganz unbekannten Suchmaschine eingegeben habe, bekam ich »women’s hormon cycle« als Suchbegriff vorgeschlagen. Liebe nicht ganz unbekannte Suchmaschine, so viel Reduktionismus tut weh.

Montag, 24. Februar 2014

Macho McHackenslay, P.D. Kickassgrrl und andere Autor_innen

Juliet E. McKenna schreibt in ihrem Blog:
With the upcoming fourth season of A Game of Thrones about to hit TV screens, you will soon see ‘If you like reading GRR Martin, why not try these authors?’ displays going up in bookshops. I will give a book of mine, of their choice, to the first person who can send me a photo of such a display that isn’t entirely composed of male authors. Because I’ve yet to see one. I have challenged staff in bookshops about this, to be told ‘women don’t write epic fantasy’. Ahem, with 15 novels published, I beg to differ. And we read it too.
Die Erfindung immer stärker ausdifferenzierter Subgenres wird mitunter für ein probates Mittel gehalten, um das Buch ans lesende Publikum (bzw. an das Publikumssegment, das man sich heranzüchten will) zu bringen. Damit verbindet man wohl die Hoffnung, Erfolge wiederholbar zu machen. Naomi Noviks Temeraire-Bücher bewirkten z.B., dass von Napoleonic Fantasy gesprochen wurde. In gewisser Hinsicht ist so etwas Etikettenschwindel, denn ein einzelnes inhaltliches Merkmal (in diesem Fall ein von der Zeit der Napoleonischen Kriege ausgehendes Setting) rechtfertigt nicht, von einem (Sub-)Genre zu sprechen. Man könnte genauso gut behaupten, Alexandre Dumas’ im 17. Jahrhundert spielende Romane bildeten ein eigenes Genre namens Sun King Romance. Solche ›Subgenres‹ haben keinen heuristischen Wert, sondern funktionieren letztlich einfach nur wie Blurbs und andere Werbemaßnahmen.

Aber auch da, wo sich auf sinnvolle Weise von Subgenres reden lässt, nervt die nach Genre-Gender-Korrelaten erfolgende Vermarktung ganz gehörig – zumal Menschen wie mich, die die Southern Vampire Mysteries ebenso wie A Song of Ice and Fire mögen. Da nimmt es sich vielversprechend aus, dass McKennas Post einige Menschen veranlasst, sich gezielt mit epischer Fantasy von Frauen auseinanderzusetzen:
  • Foz Meadows hat sich die Mühe gemacht, eine in dieser Hinsicht recht aufschlussreiche Promo-Broschüre für Buchläden abzufotografieren. Ergebnis: Unter den 113 aufgelisteten SFF-Autor_innen (ausschließlich Weiße) finden sich ganze neun Frauen. In der Sektion »Heroic, epic and high fantasy fiction« werden 20 Werke genannt, darunter drei von Frauen (Trudi Canavan, Gail Z. Martin und Karen Miller).
  • Auf The Wertzone werden acht Autorinnen vorgestellt, deren Werk bedeutende Impulse in die epische Fantasy eingebracht hat, darunter J.K. Rowling. Jep, Werthead betrachtet (ganz nach meinem Geschmack) Harry Potter als epische Fantasy und begründet das hier. Viele weitere Empfehlungen gibt es in den Kommentaren.
  • McKenna erwähnt in ihrem Blogpost »articles in The Guardian which repeatedly discuss epic fantasy without ever once mentioning a female author«. Alison Flood versucht es im Guardian vom letzten Freitag besser zu machen, beschränkt sich in ihren Empfehlungen allerdings nicht auf epische Fantasy.
  • Markus Mäurer listet in seinem Blog Translate or Die die von Frauen geschriebene epische Fantasy aus seinem Buchregal auf und nimmt sich vor, in den nächsten Monaten einige relevante Werke zu lesen und vorzustellen. Es geht los mit C.S. Friedmans Festung der Nacht.
Für Hinweise auf weitere Links zur Sache bin ich dankbar!

Sonntag, 7. Juli 2013

Webcomics – 7 Empfehlungen

Der Phantastik-Leser an sich verfügt über die Geduld eines Engels, antrainiert durch Warten auf GRRM, Rothfuss et al. Und der Webcomic ist das perfekte Medium für die passionierte Warterin, übertrifft er doch spielend jeden Blog in seiner sporadischen Erscheinungsweise. Insofern hat die Welt nur auf meine Empfehlungen für [ph/f]antastische Webcomics gewartet!

Mit Aussicht auf Updates

Zwar reichen diese beiden Webcomics (bei weitem) nicht an die eiserne Regelmäßigkeit heran, mit der Sarah Ellerton The Phoenix Requiem produziert hat, aber andererseits gehören sie wohl zu denen, die nicht so schnell aufgegeben werden werden.

The Meek

Eine nudistische Jugendliche, ein paranoider Diktator, eine Revolver(anti)heldin – jede auf einer eigenen Mission, bisher noch über eine liebevoll ausgearbeitete Fantasy-Welt verstreut. Aber das Zusammentreffen der gegensätzlichen Charaktere scheint nur eine Frage der Zeit.
Wohl mit Abstand mein Lieblingscomic. Leider ist die Autorin und Künstlerin im Moment offenbar in einer Schaffenskrise, aber ich wünsche ihr alles erdenklich Gute! Sehr schön von der Autorin auf den Punkt gebracht: “The Meek {…} updates once a week, mostly! [edit: lies]”

By Moon Alone

Melanie und Daniel erfinden zusammen die Geschichte von Sola und Lune, Kindern mit immenser Macht, die ihre phantastische Welt beschützen sollen (u.a. unter Einsatz von Stimmgabel-Schwertern). Aber ist wirklich alles nur erfunden?
By Moon Alone verfolge ich seit einigen Jahren und bin immer noch gespannt wie sich die Geschichte weiter ent- oder verwickeln wird. Leider wird auch dieser Comic momentan nicht aktualisiert, aber hoffentlich ab August wird es wieder neue Seiten geben.

On Hiatus

Der unvermeidliche Alptraum jedes Webcomic-Lesenden – früher oder später gibt es wohl bei jedem Webcomic Produktionspausen. Nur zu gerne nehmen diese Pausen kein Ende, die Statusupdates werden eingestellt, und still und heimlich schläft das Projekt ein.

Cú Chulainn

Die (mehr oder weniger) heldenhaften Taten des irischen Kriegers Cú Chulainn in seiner Jugend …
Seit drei Jahren gibt es hierzu keine Neuigkeiten mehr, aber der Anfang war vielversprechend, und ist immer noch sehenswert. Handgeschriebene Sprechblasen sieht man auch nicht überall. Ein etwas ernsterer Stil hätte es meiner Ansicht nach schon sein dürfen, aber ich habe mich trotzdem eingewöhnt.

The Pale

Der Arzt Charlie nimmt ein Kind in Behandlung, das unter Panikattacken leidet. Sie erklärt ihm, wie er bewusst seine Träume betreten kann – und welche Gefahren dort auf ihn lauern.
Ein Comic der mit seinem Format die Möglichkeiten des digitalen, interaktiven Mediums nutzt: Die Szenen gehen rahmenlos ineinander über, man kann sich horizontal durch die Erzählung scrollen. Schon allein dafür einen Link wert. Auch Stil und Story sind nicht von Pappe. Aber seit 2011 herrscht hier Funkstille.

Abgeschlossen! Fertig! Vollständig!

Die wohl einfachste Möglichkeit, einen Webcomic vor dem Scheitern am Hiatus zu bewahren ist, ihn kurz zu halten. Das haben diese beiden Geschichten richtig gemacht:

Lotus Root Children

Die Protagonistin entwöhnt entführte Kinder in China von ihren früheren Bezugspersonen, damit sie an die Endkunden weiterverkauft werden können. Aber wie lange wird sie es noch aushalten die Kinder kommen und gehen zu sehen?
Geschichte und Geschichte-in-der-Geschichte sind hier wunderbar aufeinander abgestimmt. Der Stil, schwarzweiß mit einer Schmuckfarbe, analog gezeichnet, ist von einfacher Eleganz. Sehr empfehlenswert!

Dreamless

Als Elanor anfängt zu sprechen, spricht sie Japanisch – in einem englischsprachigen Haushalt. Und sie scheint Dinge zu sehen, die sonst niemand sieht. Für ihre Mutter, die glaubt, ihre psychische Krankheit an sie weitergegeben zu haben, ist das zu viel.
Der Autor hat sich zwischendurch aufgeführt und sämtliche Kommentare, die ihm gegen den Strich gingen nicht freigegeben. Die Geschichte ist trotzdem ganz nett.

Bonus


No Rest for the Wicked

Prinzessin November kann nicht schlafen, da sie verflucht ist. Sie macht sich auf die Suche nach dem Mond und freundet sich unterwegs mit Gestalten wie der axtschwingenden, lupophoben Red an.
Zwar das fantastilliardste Märchen-Mashup, aber nett ironisch verdreht (Perrault als Furry …). Und: wird aktualisiert!

Donnerstag, 9. Mai 2013

Round-up

Ich mag keine Posts in eigener Sache, möchte diesem hier aber dennoch eine kurze Erklärung voranstellen: Ich bin den kompletten April über nicht zum Bloggen gekommen – nicht, weil ich die Lust daran verloren hätte, sondern weil ich von Angelegenheiten, die nichts oder nur sehr wenig mit phantastischer Literatur zu tun haben, stark in Anspruch genommen war. Damit ist es jetzt erst mal vorbei, und ich freue mich auf ein paar Tage Urlaub mit’m Fahrrad. Danach geht es hier hoffentlich weiter wie gehabt. Heute aber noch ein paar phantastikrelevante Bemerkungen zu Themen und Ereignissen, die mich in den vergangenen Wochen trotz allem Abgelenktsein beschäftigten.

Zunächst eine traurige Nachricht: Ray Harryhausen ist tot. Geht es um die Geschichte des Fantasyfilms, wird gerne behauptet, dieser habe um 1980 herum seinen Anfang genommen, etwa mit John Milius’ Conan the Barbarian oder Ralph Bakshis The Lord of the Rings und Fire and Ice. In den 90ern sei der Fantasyfilm weitgehend in der Versenkung verschwunden und dann durch Peter Jackson wiederbelebt worden. Damit wird Fantasy wieder einmal auf tolkieneske High Fantasy und howardeske Sword & Sorcery reduziert, was ich überhaupt nicht mag. In diesem konkreten Fall mag ich den Reduktionismus nicht, weil er die reichhaltige Tradition von Filmen der klassischen Hollywood-Ära, die Mythen, Questen und Monster zum Gegenstand haben, aus der Geschichte des Genres herausschreibt. Und niemandes Werk ist für diese Filmtradition von größerer Bedeutung als das des Stop-Motion-Künstlers und Produzenten Harryhausen, der vorgestern in London gestorben ist. Ich muss die Titel der Filme mit seinen berühmtesten Animationen nicht eigens aufzählen, und erlaube mir stattdessen folgenden Hinweis: Es sind nicht allein die Animationen, die den Charme dieser Werke ausmachen. Wenn Hera und Zeus in Jason and the Argonauts über die Fährnisse der Menschen plaudern wie ein Suburbia-Ehepaar über die letzte Folge seiner Lieblingssoap, dann ist das für mich Quelle von nicht enden wollendem Vergnügen.

Sodann habe ich die Freude, mein neues Blog vorzustellen: Arcana publicata. Diese Idee ist quasi aus einer Verlegenheit heraus entstanden. Ich fühle mich oft zwischen zwei Anliegen hin- und hergerissen. Einerseits glaube ich fest daran, dass es so etwas wie ein Recht auf Spinnerei gibt. Ohne exzentrische Weltsichten und fixe Ideen wäre das Leben langweiliger. Mit Menschen, die sich dem Glauben und der Hoffnung hingeben, in den Wäldern von Washington oder British Columbia eines Tages dem mächtigen Sasquatch zu begegnen, kann ich nur sympathisieren. Andererseits ist Obskurantismus jeder Art gefährlich, und allzuoft teilt er sich mit charmanten Spinnereien wie der, sich auf die Suche nach Bigfoot zu machen, das gleiche folkloristische Material. Die Lichter eines Ufos am nächtlichen Himmel haben etwas Faszinierendes. Der Glaube, dass in naher Zukunft eine außerirdische Flotte im Verbund mit Neuschwabenlandnazis auf der Erde landen wird, um sich des bedrohten Ariertums anzunehmen, ist dagegen im höchsten Maße abstoßend – und die Übergänge sind oft fließend. Die Frage, wie (oder ob überhaupt) exzentrische Auffassungen von faschistoidem Dunkelmännertum unterschieden werden können, treibt mich deshalb schon lange um. Befeuert wird sie immer wieder durch meine Phantastiklektüre, denn dass zwischen Phantastik, Pseudowissenschaften und Esoterik eine ständige gegenseitige Beeinflussung stattfindet, ist bekannt (einige Beispiele finden sich in meinem Blogpost »Dunkle Pilze«). Und da mir immer mal wieder Bücher aus dem Bereich der Esoterik, der Verschwörungstheorien und der Pseudowissenschaften in die Hände fallen, habe ich beschlossen, über meine diesbezüglichen Erfahrungen ein Blog zu führen.

Dabei ist meine Absicht, auf Arcana publicata in eher unregelmäßigen Abständen zu posten. Für eine systematische Auseinandersetzung mit dem Thema fehlt mir die Zeit, aber hin und wieder juckt es mich in den Fingern, und dann ist ein Blog ein gutes Ventil. Das Hermanstädter Gewässer wird also nicht, das möchte ich ausdrücklich betonen, zugunsten eines neuen Blogprojekts trockengelegt, sondern wie bisher weitergeführt.

Zum Schluss noch einige Bemerkungen zu einer Episode, die vergangenen Monat für leichte Unruhe in der Buchblogszene gesorgt hat. Rezensionsexemplare von Blanvalet und anderen Random-House-Verlagen kommen jetzt anscheinend mit einer Art Gebrauchsanweisung, die sich stellenweise ein klitzeklein wenig bevormundend liest. Da wundert es mich nicht, dass einige sich aufgeregt haben. Hätte mir auch passieren können. Mir scheint das Problem dieses Rezensionsbeipackzettels aber zu sein, dass er Dinge, die sich im Grunde von selbst verstehen, mit anderen vermischt, die durchaus als Zumutung empfunden werden können. So finde ich es nicht weiter kontrovers, wenn darauf bestanden wird, dass eine Rezension auf einem Blog oder einem YouTube-Kanal veröffentlicht werden sollte, während ein paar in die Bewertungsmaske einer Amazon-Buchseite getippte Zeilen nicht als ausreichend gelten. Ebensowenig muss darüber gestritten werden, dass der Verlag einen Beleglink zugeschickt bekommt und aus der Rezension zitieren darf. Geradezu hoch anzurechnen sind der Presseabteilung von Blanvalet & Co. die Hinweise, dass eine Rezension mehr sein sollte als ein umformulierter Klappentext bzw. dass von der Verlagsseite heruntergeladene Cover eingebunden werden können. Das eine zeigt, dass die Verlage nicht ausschließlich auf Werbung aus sind, das andere befreit Blogger_innen von Zweifeln an der Rechtlichkeit ihres Vorgehens.

Ganz anders verhält es sich in meinen Augen jedoch mit Vorgaben wie der, dass eine Rezension mit einem Link zu Amazon oder zur Verlagsseite versehen sein sollte. Dazu kann ich nur sagen: Wenn Leser_innen meines Blogs ein hier rezensiertes Buch online kaufen wollen, dann traue ich es ihnen zu, dass sie die Mittel und Wege dazu selber kennen. Und wenn sie lieber zum Buchladen an der Ecke oder in die nächstgelegene öffentliche Bibliothek gehen, dann werde ich sie mit Sicherheit nicht mit kommerziellen Links umzustimmen versuchen. Kurzum: Ich will, dass lesende Menschen sich Bücher auf die Art und Weise verschaffen, die ihnen selbst am besten passt. Ganz ähnlich sehe ich die Aufforderung, Rezensionen doppelt und dreifach zu posten. Warum sollte ich so etwas tun? Ich stelle mich ja auch nicht in die Fußgängerzone und verteile Printversionen meiner Buchbesprechungen.

Um es noch einmal zu betonen: Das Problem ist nicht, dass Verlage Rezensionen als Werbung ansehen. Das Problem beginnt da, wo Verlage dem Glauben verfallen, die Rezensent_innen müssten die Sache genauso sehen. Es täte allen Beteiligten gut, dies im Blick zu behalten.

Samstag, 20. Oktober 2012

Newspeak

I just came across this Mind Meld by SF Signal. It’s been online for two weeks and I primarily wanted to check out which readings Karen Lord would recommend in regard to the question »If you were creating the syllabus for a high school English Literature course, what SF/F stories do you think should be included?«—Lord’s debut novel Redemption in Indigo was given to me as a birthday present by my parents. I haven’t yet been able to read more than a few pages of it, but I have been very intrigued, and likewise now by Lord’s recommendations. I was also impressed that she was the only participant in the Mind Meld who asked the question (very appropriate for a literature class) what actually constitutes fantasy literature.

James Patrick Kelly, the Steward of Slipstream, also recommends some interesting stuff. On the other hand, I couldn’t help noticing that Bradley P. Beaulieu praises The Lions of Al-Rassan as »a story of two men who are at first on opposite sides of a brewing conflict«. That’s not quite true, because The Lions of Al-Rassan is a story of one woman and two men who are on opposing sides, and the plot is actually not about the two men struggling for the love of the woman, but about three people who are bound together by intellectual companionship and mutual interest.

Only when I started reading John C. Wright’s contribution I discovered that this Mind Meld was also good for a laugh. Wright begins by stating »The question is frankly a very difficult one. Let us analyze it...«, then, after giving his unwanted opinion about a wide range of topics, exclaims: »Ah! But there are three other purposes to education I have not mentioned.« And goes on to ramble for a dozen or two paragraphs more. Given the possibility that Wright, as a published author, actually writes novels like that (»Ah!«), I am now glad that I never read any of his fiction. I only knew that Wright is the kind of cardboard conservative who wants to come across as provocative but is merely whining, who desperately wants to be like G.K. Chesterton or Walter M. Miller (the great conservative fantasists who really had some interesting things to say), but fails because he lacks the shrewdness and the argumentative skills. In other words: I knew before that Wright’s opinions are an unwilling caricature, but now I am actually impressed, because seldom a writer has convinced me with such few lines (the other one being John Asht) that not only the content, but also the style of his writing is simply ludicrous.

But it gets even better. In the comment section, Wright says:
Ironically, the complaint against me here seems to be that what I say is so preposterous that I cannot be taken seriously, so I ought not be answered. But what is actually happening is that what I say cannot be answered (for that would require honest reason), and therefore dare not be taken seriously. [...] The problem is primarily linguistic. In Newspeak, there is no word for “honesty.” Ideas are judged on being either fashionable or not, current or not, politically useful or not.
Yes, he really says this. And he is almost right. I say almost, because it is of course not primarily a linguistic problem (as every English-speaking person with average intellect knows the meaning of the word ›honesty‹), but an ideological one. It is a rather simple process: Whenever someone says that his opinions are preposterous, Wright’s mind somehow renders this as »What I say cannot be answered, for that would require honest reason«. And I’m sure it also works the other way round. Whenever someone labels Wright’s opinions as »daring«, »rebellious«, »right, proper, normal and real«, »astonishing«, »manly« or »useful to civilization and civility« (I am merely quoting Wright’s vocabulary here), his mind will interprete the bootlicking as a display of »honest reason«.

I find this fascinating to witness. John C. Wright really can tell us something about Newspeak. After all, he is an ardent practitioner of it.

Sonntag, 29. Juli 2012

Projekt zur Rettung des Valashu-Epos

In der anglophonen Bücherwelt ist Crowdfunding ein beliebtes Mittel zur Veröffentlichung von Büchern, denen anderweitige Publikationswege versperrt sind. Erfolgreich angewandt wird es insbesondere zur Veröffentlichung von Anthologien, die sich notorisch schlecht verkaufen bzw. oft nur von Liebhaber_innen wahrgenommen werden.

In Deutschland versucht sich seit einigen Wochen Susanne Gerold als Pionierin auf diesem Gebiet. Gerold (Übersetzerin u.a. von Kate Elliott, Raymond Feist und Cinda Williams Chima) hat sich zum Ziel gesetzt, eine deutsche Fassung des Abschlussbandes von David Zindells Ea Cycle durch Crowdfunding zu ermöglichen. Unter dem Gesamttitel Das Valashu-Epos sind die ersten drei Bände (Der magische Stein, Der Herr der Lügen, Der verfluchte Wald) 2003–06 bei Blanvalet erschienen und verkauften sich mäßig. Zur Übersetzung des finalen Bandes The Diamond Warriors (HarperCollins 2007) kam es dann nicht mehr.

Susanne Gerold, die nicht nur die ersten drei Bände übersetzt hat, sondern auch ein großer Fan von Zindells Reihe ist, hat für ihr Projekt eigens eine Internetseite und ein Blog eingerichtet. Direkt zur Seite der Crowdfunding-Plattform Startnext, auf der man alle Infos erhält und das Übersetzungsvorhaben unterstützen kann, geht es hier. Ebenfalls von Interesse ist ein Interview zum Thema, das Gerold dem Blog von Madame Books gab.

Das Valashu-Epos wird von Gerold als »spirituelle Fantasy« bezeichnet. Es ist der New-Age-Charakter seines Werkes, der dafür verantwortlich ist, dass ich mich bislang nicht aufraffen konnte, Zeit auf Zindells Bücher zu verwenden. Gerolds Vorhaben finde ich dennoch unterstützenswert, ist doch offenkundig, mit wieviel Liebe und Beharrlichkeit sie ihr Projekt verfolgt. Es war China Miéville, der in einem völlig anderen Zusammenhang gesagt hat, Zeuge einer Liebesgeschichte zu sein, sei immer bewegend, »even if you’re not over-fond of one of the lovers«. Das ist nicht nur wahr, es beschreibt auch ziemlich gut meine Gefühle gegenüber diesem Projekt: So suspekt mir Zindells »spirituelle« Botschaften auch sein mögen – wie könnte es mich kalt lassen, wenn Gerold schreibt, sie habe an die 60 Bücher übersetzt, es habe sie aber »noch keines davon so sehr berührt« wie Zindells Zyklus, dessen abschließender Band »einen Platz in der Welt« verdient habe?

Das Projekt richtet sich in erster Linie an Leser_innen, die bereits von Zindell begeistert sind, oder aber an solche, die Zindell noch nicht kennen, im Valashu-Epos aber ihre Leseinteressen wiedergespiegelt sehen. Interessant ist es aber auch einfach für Leute wie mich, die ein Liebhaberprojekt wie dieses für unterstützenswert halten. Wessen Interesse geweckt ist, die oder der möge sich auf den verlinkten Seiten umschauen.

Donnerstag, 12. Juli 2012

Das Gesetz des Vaters

J’étais dans le bureau de mon père, à Oxford. Il entrait et se mettait à chercher quelque chose avec une grande anxiété. Alors je réalisais avec horreur qu’il s’agissait du Silmarillion, et j’étais terrifié à l’idée qu’il découvre ce que j’avais fait.
Ich war im Arbeitszimmer meines Vaters in Oxford. Er trat ein und begann sehr unruhig nach etwas zu suchen. Da wurde mir mit Schrecken klar, dass es sich um das Silmarillion handelte, und voller Entsetzen stellte ich mir vor, dass er herausfinden könnte, was ich getan hatte.
So Christopher Tolkien in dem Interview, das er gemeinsam mit seiner Frau Baillie der französischen Tageszeitung Le Monde gab, über einen Traum, den er während der Arbeiten zur Veröffentlichung des Silmarillion hatte. Jetzt wüsste ich gern, wie man den Namen Ödipus (Οἰδίπους, ›geschwollener Fuß‹) ins Quenya oder Sindarin übersetzen könnte …

Dienstag, 26. Juni 2012

N.K. Jemisin über Magie

Zeit, auf N.K. Jemisins Blogpost »But, but, but—WHY does magic have to make sense?« hinzuweisen. Es geht darin  grob gesagt um die Frage, warum Magie in der Fantasy häufig in Form von »Magiesystemen« präsentiert und damit nicht nur ihrer numinosen Aura entkleidet wird, sondern mitunter auch zu dem erzählerischen Ergebnis führt, dass menschliche Probleme (»people-problems«, wie Jemisin schreibt) durch Magie gelöst werden. Jemisin nennt Le Guin und Tolkien als Beispiele für Magie mit »all-over-the-place weirdness« und sieht D&D als die Ursache der Dominanz von systematisierter, regelförmiger Magie an, die Le Guins und Tolkiens Herangehensweise ablöste:
Here’s what I think happened between Tolkien/Le Guin and now: Dungeons and Dragons. D&D has a lot to answer for re the modern fantasy audience (and I say this as a fan of D&D). I blame D&D for systematizing so many things that don’t need to be or shouldn’t be systematized: fantastic racism, real racism, gender essentialism—hell, let’s just say all the “isms”—career choice, morality. Yes, yes, D&D has gotten better over the years, and yes all these things happened in the genre (in spades) before D&D, but remember boys ‘n’ girls et al: systems are remarkably effective at reinforcing stupid thinking.
In den Kommentaren zu Jemisins Post haben sich u.a. Autor_innen wie Mary Robinette Kowal, Ellen Kushner, Ken Scholes, Terri Windling und Jane Yolen zu Wort gemeldet. Besonders interessant finde ich Windlings genrehistorische Anmerkungen:
Back then, Ellen Kushner and I were editorial assistants (successively) to the Ace Books SF editor Jim Baen, who was proudly promoting what he called “fantasy with rivets,” written by SF writers like Larry Niven. He left the more numinous kinds of fantasy (the “girly stuff”—his words, not mine) to lowly assistants like me and Ellen—in other words, it was published at the bottom of the list, where it didn’t get the same kind of money or publicity attention. (Le Guin’s Earthsea books and their ilk, meanwhile, were published as children’s fiction—in those pre-Harry Potter days when fantasy for children and teens was marginalized in terms of sales, respect, and adult reader recognition.)
Niven, der olle Reagan-Boy, hat Fantasy geschrieben? Wusste ich bislang gar nicht. Nun lese ich in der englischsprachigen Wikipedia, dass Niven (teilweise mit seinem Co-Autor Jerry Pournelle) einen ganzen Zyklus veröffentlicht hat, der auf seiner Novelle The Magic Goes Away basiert und sich als Fantasy-Version der Ölkrise lesen lässt. Magie ist darin (sagt zumindest Wikipedia) als nicht-erneuerbare Ressource konzipiert. Das gibt der Diskussion in meinen Augen – weit über die Frotzeleien gegen D&D hinaus – eine bemerkenswerte Richtung, die ich gerne weiterverfolgen würde. Gibt es noch weitere Beispiele für Fantasy, in der Magie als knappe, umkämpfte Ressource dargestellt wird?

Montag, 19. März 2012

Der Seraph

Auf der Leipziger Buchmesse wurde der Seraph-Preis an Christian von Aster verliehen, der für seinen Roman Der letzte Schattenschnitzer ausgezeichnet wurde. Der Tagesspiegel berichtete darüber in einer Art und Weise, die viele Fantasyleser_innen aufhorchen und Gunda Bartels’ Artikel »Eine Welt ist nicht genug« in den einschlägigen Foren und Facebookseiten die Runde machen ließ. In der Tat heben Bartels’ Worte sich wohltuend ab vom eintönigen Lamento über Weltflucht und Kulturverlust, welches die Berichterstattung über Fantasy prägt, und ihr Artikel rückt Elke Heidenreichs diesbezügliche Positionierung aus dem letzten Jahr in ein dezidiert kritisches Licht.

Die Aufmerksamkeit, die der Tagesspiegel-Artikel erhält, zeigt jedoch auch, wie sehr Fantasy und ihre Liebhaber_innen sich noch immer in der Defensive bewegen. Es scheint nach wie vor notwendig zu sein, ostentativ auf die Tugenden des Genres hinzuweisen, um das Genre insgesamt besser dastehen zu lassen. Eine ähnliche Problematik offenbart sich am Anlass des Artikels selbst, am neugeschaffenen Seraph-Preis. Der wird in diesem Jahr erstmalig vergeben, und zwar von der eigens gegründeten Phantastischen Akademie e.V. Dieser »Verein zur Förderung der phantastischen Literatur in Deutschland«, so die Selbstbeschreibung, ist im Umfeld der Literaturagentur Schmidt & Abrahams und des Verlags Feder & Schwert entstanden. Mit dem Preis erhofft man sich nicht nur, einen Beitrag zur Nachwuchsförderung zu leisten (es gibt neben dem Hauptpreis eine dotierte Rubrik »Bestes Debüt«), es wird explizit auch darauf gesetzt, durch die Preisverleihung auf einer renommierten Buchmesse das Image phantastischer Literatur zu verbessern. Die Jury ist zu zwei Dritteln mit Lektorinnen und Verlagsmitarbeitern besetzt. So vermag es kaum zu überraschen, dass der Preis an bei Klett-Cotta erschienenen Letzten Schattenschnitzer ging; Hobbit-Presse-Lektor Stephan Askani steht in der Liste der Jurymitglieder an erster Stelle. Über Sinn und Unsinn des Seraph wurde daher nicht wenig diskutiert. Literaturpreise als Form des Selbstmarketing zu gebrauchen, ist traditionellerweise vor allem im SF-Bereich eine häufig geübte Praxis.

Dennoch finde ich die Vorgehensweise der Phantastischen Akademie nicht weiter schlimm. Das anspruchsvollere Segment der Genre-Fantasy hat im deutschsprachigen Raum – siehe oben – nach wie vor keine Lobby. Sollten Verein und Preis es in Zukunft vermehrt schaffen, die Öffentlichkeit auf grenzüberschreitende und kreative Ausprägungen der deutschsprachigen Fantasy hinzuweisen, hätten sie ihren Daseinszweck erfüllt. Die Voraussetzung wäre natürlich, dass die Jury sich auch wirklich auf dieses Segment konzentriert. In diesem Jahr hat sie das meines Erachtens getan, zumindest in Ansätzen, wie die Nominierungslisten zeigen – Christian von Aster, Marcus Hammerschmitt, Boris Koch und Tobias O. Meißner zum Beispiel zählen nicht zu den immergleichen Autor_innen, die bei einem Publikumspreis wie dem Deutschen Phantastik-Preis (DPP) quasi als Selbstläufer die oberen Ränge dominieren.* Wenn die Seraph-Jury bei diesem Kurs bleibt, kann es ihr gelingen, eine Nische zu besetzen und auf die anderen Gesichter der Fantasy hinzuweisen, die hinter Bestsellerstapeln und Publikumsvoten oft zu Unrecht verborgen bleiben. Nur eines sollte der Trägerverein schleunigst ändern, bevor es zu spät ist: Der Name »Phantastische Akademie« impliziert ein wissenschaftlich-akademisch ausgerichtetes Tätigkeitsfeld, von dem in der Selbstbeschreibung des Vereins aber weit und breit nichts zu erkennen ist. Eine Namensänderung wäre das geeignete Mittel, um Vorwürfen von Etikettenschwindel entgegenzutreten.

Neben dem Letzten Schattenschnitzer wurde übrigens Nina Maria Marewskis Die Moldau im Schrank in der Kategorie »Bestes Debüt« mit dem Seraph ausgezeichnet, ein Buch, welches auch für einen ganz anders gelagerten Preis, nämlich den »Kuriosesten Buchtitel des Jahres«, nominiert war.**

Update

Eine leicht überarbeitete (und daher etwas längere) Fassung dieses Posts ist in der April-Ausgabe des Fandom Observer erschienen, die hier kostenlos heruntergeladen werden kann (PDF-Format). Mein Beitrag findet sich auf S. 8. Daneben gibt es Berichte von der Leipziger Buchmesse und vieles mehr. Besonders hervorzuheben ist die Rezension von John Carter, die gewissermaßen als Kontrapunkt zu meinem Beitrag mit dem Satz »Fantasy ist im Grunde ihres Herzens albern« beginnt.

* Mit einer Ausnahme: In der DPP-Kategorie »Bestes deutschsprachiges Romandebüt« tummeln sich regelmäßig interessante Titel.
** Dieser Preis ging dann allerdings an  eines dieser Venusfrauen-und-Einparkmänner-Machwerke: Frauen verstehen in 60 Minuten von einer gewissen Angela Troni. In der Begründung heißt es, das Buch könne glatt von Mario Barth unter einem Pseudonym verfasst worden sein. Angela Troni gibt es jedoch wirklich, sie versteht den Mario-Barth-Vergleich offenbar als Auszeichnung, und wahrscheinlich ist das alles auch haargenau so gemeint. Ächz.

Samstag, 7. Januar 2012

Nobeltolkien

Da gerade geleakt wurde, dass Tolkien 1961 auf der Liste der Literaturnobelpreiskandidat_innen stand, könnte sich eine interessante Auseinandersetzung zu den literarischen Qualitäten von Tolkiens Werk und ihrer Einordnung in die Literatur des 20. Jahrhunderts ergeben. Der OF Blog hat sich bereits geäußert und plant weitere Posts zum Thema. Auch John Rateliff, Herausgeber der History of the Hobbit, hat etwas dazu zu sagen. Der Guardian veranstaltet sogar eine Umfrage mit obligatorisch-falscher Namensschreibweise »Is JRR Tolkein’s prose Nobel prize-winning material?«, die noch einen Tag lang läuft. Also nix wie hin und geklickt!

Der Hintergrund: Das Nobelkomitee, das über die Preisvergabe entscheidet, hält seine Nominiertenlisten 50 Jahre unter Verschluss. Mit Ablauf des Jahres 2011 ist deshalb Einsicht in die Liste der 1961 Nominierten möglich. Darauf stehen neben Tolkien u.a. Tania Blixen (alias Isak Dinesen alias Karen Blixen), Lawrence Durrell, E.M. Forster, Graham Greene und Alberto Moravia. Eine illustre Gesellschaft also. Vorgeschlagen wurde Tolkien von seinem Freund C.S. Lewis, der als Literaturprofessor nominierungsberechtigt war. Interessant ist nun die Begründung, warum JRRT vom Komitee abgelehnt wurde: Tolkien, so das damalige Jurymitglied Anders Österling, »has not in any way measured up to storytelling of the highest quality«. Da kann man noch von Glück reden, denn wenigstens ist es JRRTs erzählerisches Können, das in Frage gestellt wurde. Zwei weitere Nominierte mussten sich damit zufrieden geben, aufgrund ihres hohen Alters übergangen zu werden,* während an Lawrence Durrell sogar bemängelt wurde, er sei auf monomanische Weise von erotischen Problemen besessen. Ans Licht gebracht wurde die Information von dem Journalisten Andreas Ekström, der sie recht beiläufig in der Tageszeitung Sydsvenskan veröffentlichte und die Nominierung Graham Greenes anscheinend für weitaus bemerkenswerter hält.

Übrigens: Den Preis erhielt der jugoslawische Schriftsteller Ivo Andrić.

* Dieses Vorurteil zumindest scheint das Nobelkomitee mittlerweile abgelegt zu haben, denn der Literaturnobelpreis der letzten Jahre, der mich am meisten gefreut hat, ging 2007 an die damals 87-jährige Doris Lessing.

Donnerstag, 17. November 2011

»A Literary Genre Dominated by Nostalgia for Medieval England«

Laura Miller hat mit N.K. Jemisin und David Anthony Durham über afroamerikanische Fantasy gesprochen und einen Artikel darüber auf Salon.com veröffentlicht: »If Tolkien Were Black«. Lesenswert, besonders auch die Kommentare. Jemisin hat den Artikel auf ihrem Blog noch einmal ergänzt, worauf weitere interessante Kommentare eintrafen. Und dann gibt es noch (ebenfalls auf Jemisins Blog) eine Spin-off-Diskussion über die Notwendigkeit (?) von Held_innen in der Fantasy, angeregt durch eine Bemerkung von Foz Meadows.

Laura Miller, die diesen Stein ins Rollen brachte, ist übrigens die Autorin von  The Magician’s Book, in dem sie ihre kritische Liebe zu C.S. Lewis’ Chronicles of Narnia beschreibt. In ihrem Buch findet sich eine wundervolle Aussage, die mich sofort neugierig werden lässt: »When I finally came back to Narnia, I found that for me, it had not lost its power or beauty, or at least not entirely. [...] What I am not, however, is a Christian; for all the countless times I have re-read Lewis’ books, they have never succeeded in converting me.« Lesen, aber sich nicht bekehren lassen – ob das auch ein möglicher Umgang mit dem weitreichenden Eurozentrismus der Fantasy ist? Auf jeden Fall ist es kein hinreichender Umgang, denn dann würde man sich den Genuss von – um nur einige Beispiele zu nennen – Nnedi Okorafor, Liliana Bodoc oder Nisi Shawl versagen.

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Iä!

Über Mark Charan Newtons Blog habe ich soeben diese interessante Seite mit Cthulhu-Illustrationen und -Artwork aufgestöbert. Man beachte die hybride Beeinflussung des Stoffes durch Godzilla- und King-Kong-Traditionen und die unterschiedlichen Versionen, die Cthulhu auf dem Uncle-Sam-Poster zeigen. Am besten gefällt mir persönlich aber dieses Bild von Cyril Van Der Haegen.

Freitag, 21. Oktober 2011

Boualem Sansal im Interview

Es geht in meinen Romanen immer um Identität und Freiheit. Diese zwei Begriffe sind für mich Synonyme. Aber es gibt häufig den Irrtum, dass sich die Identität im Ursprung finden lässt. Dabei ist gerade das Gegenteil wahr: Identität ist ein Endpunkt. Wenn man auf dem Territorium danach sucht, dann hat das nichts mit Identität zu tun. Die Identität befindet sich in der Zukunft, man geht darauf zu. Die eigene Identität kann man nicht »wiederfinden«, man weiß ja ohnehin, woher man kommt, dazu braucht man höchstens ein paar Dokumente. Nein, was an der Identität beängstigend ist, ist, wohin man geht: Was wird man sein?
Interview mit Boualem Sansal in der letztwöchigen Jungle World (Nr. 41, 13. Oktober 2011).

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Acacia III: Karte muss sein!

Gestern erschien The Sacred Band, der dritte und abschließende Teil von David Anthony Durhams Acacia. Zum feierlichen Anlass hat Durham die im Band enthaltene Karte auf seine Website gestellt. Mir läuft bei dem Anblick ja das Wasser im Mund zusammen. Fast bereue ich, mich entschieden zu haben, auf die deutsche Übersetzung zu warten.* Die in diesem Herbst mit Boualem Sansal, Walter Moers und Umberto Eco besonders ergiebige Bücherernte ist wohl das einzige, was mich momentan davon abhält, stante pede ein Exemplar von The Sacred Band zu bestellen ...

* Dieser Entschluss sollte eine Belohnung für den deutschen Verlag sein, der sich entschiedenen hat, diese vom Gros der heute erscheinenden epischen Fantasies so verschiedene Trilogie herauszubringen. Was für eine unvorsichtige Selbstverpflichtung ...

Sonntag, 28. August 2011

Steinaecker über Spiegelman

Thomas von Steinaecker, Autor der flashigen Kolonialfantasy Schutzgebiet, hat fürs Springer-Feigenblatt Die Welt eine lesenswerte Rezension zu Art Spiegelmans 9/11-Comic Im Schatten keiner Türme verfasst.

Verlagsseite

Sonntag, 8. Mai 2011

Narnia postkolonial

Eine glänzende Hommage an die jüngst verstorbene Diana Wynne Jones: Auf Shweta Narayans Blog wird Jones’ Tough Guide to Fantasyland fortgeschrieben, und zwar aus postkolonialer/rassismuskritischer Perspektive: »Tough Guide to Fantasyland’s Exotic Locales«

Man nehme als Beispiel diese Variante des bösen Imperiums, das fanatische Kalifat:
Fanatic Caliphate: Identifiable by desert settings, male Natives in Long Robes and Turbans (or Headdresses), and Veiled or hidden female Natives. Food will be Spicy. Harsh Punishments will include cutting off body parts, public flagellation, and slavery. Female Tourists be warned: female Natives will chide your Independence here, and male Natives will harass you. Everyone will sneer at monogamy. Patriarchy and Polygyny are aspects of the same unshakeable Oppression here (unlike Fantasyland proper, where Patriarchy can be challenged and isn't constantly reinforced).
Meine erste Assoziation ist ja C.S. Lewis’ Wüstenreich Kalormen aus den Chronicles of Narnia, auf den die zitierte Beschreibung passt wie der Arsch auf’n Eimer. Gestoßen bin ich auf das sehr lesenswerte Vorhaben via N.K. Jemisin, die mir aus der Seele spricht, wenn sie bemerkt, dass Narayans Post samt Kommentaren angesichts von Diana Wynne Jones’ Tod bei allem scharfsinnigen Witz auch traurig macht. Dennoch – oder gerade deshalb – eine schöne und kreative Art, Jones’ Angedenken zu ehren.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.