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Samstag, 8. März 2014

Women in Horror and Fantasy

Nicht nur ist heute Internationaler Frauenkampftag, im Februar war auch Women in Horror Recognition Month.* Zu diesen Anlässen möchte ich einige Empfehlungen aussprechen:
  • Da ist zunächst die crowdfinanzierte Anthologie She Walks in Shadows, die erste Sammlung von lovecraftesken Horrorgeschichten, zu der ausschließlich Autorinnen beitragen. Als Herausgeberin wird Silvia Moreno-Garcia fungieren. Das Projekt hat sein Finanzierungsziel auf Indiegogo erreicht (Glückwunsch!), aber wer möchte, kann noch bis zum 13. März einen Beitrag zur Veröffentlichung der Anthologie leisten.
  • Ellen Datlow ist zweifellos die bedeutendste Herausgeberin von Horrorgeschichten. Im Interview mit dem Magazin Nightmare spricht sie über ihre Tätigkeit. Im Interview mit Book Riot geht es um ihre persönlichen Lesegewohnheiten und um empfehlenswerte Autorinnen. Ihre nächste Anthologie, die im April erscheint, heißt übrigens Lovecraft’s Monsters.
  • Die Dezember/Januar-Ausgabe des feministischen Magazins an.schläge wartet mit einem Themenspecial »Heimgesucht von Carrie, Carmilla und Co.« auf. Die sehr empfehlenswerten Artikel und Infoboxen widmen sich u.a. der Liebe zu Monstern und der Frage, warum die (fast ausschließlich männlichen) Killer der Slasherfilme ihr Unwesen stets in weißen Vororten treiben. Die Ausgabe ist im Buchhandel oder im Webshop von an.schläge erhältlich.
Zum Schluss noch zwei Buchtipps: Wer gern Streifzüge durch die Literaturgeschichte von phantastikschreibenden Frauen unternehmen möchte, ist mit dem Penguin Book of Classic Fantasy by Women und dem Penguin Book of Modern Fantasy by Women, beide herausgegeben von A. Susan Williams, bestens bedient. Der erste Band deckt den Zeitraum vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Zwischenkriegszeit ab, der zweite Band versammelt Geschichten ab 1941 und wartet zudem mit einer Einleitung von Joanna Russ auf. ›Fantasy‹ wird in beiden Anthologien als ziemlich weitgefasster Begriff verwendet, der z.B. auch Science Fiction einschließt.

* Als ich »women in horror month« vor ein paar Minuten bei einer nicht ganz unbekannten Suchmaschine eingegeben habe, bekam ich »women’s hormon cycle« als Suchbegriff vorgeschlagen. Liebe nicht ganz unbekannte Suchmaschine, so viel Reduktionismus tut weh.

Dienstag, 29. Mai 2012

Edmund Wilson über Cabell und Tolkien

Der wohl bekannteste Verächter des Lord of the Rings ist der US-amerikanische Literaturkritiker Edmund Wilson (1895–1972). Man könnte vielleicht sogar behaupten, dass Wilson, der zu seinen Lebzeiten einer der bedeutendsten Kritiker und Feuilletonisten der englischsprachigen Welt war, außerhalb literaturgeschichtlich interessierter Kreise überhaupt nur noch aufgrund seines Tolkien-Verrisses bekannt ist. Wilson ist der Erfinder einer bis heute gepflegten Unsitte (siehe Richard Morgan), nämlich der, den Lord of the Rings zu missbilligen, indem man ihn als Kinderbuch bezeichnet. Sein häufig zitierter Ausdruck lautete bekanntlich »juvenile trash«.

Wilson hatte übrigens mehr oder weniger die gesamte Fantasy gefressen. Lovecrafts Geschichten bezeichnete er als »hackwork« (Geschmiere, Nullachtfuffzehnarbeit); ihrem Autor bescheinigte er einen »lack of sound literary taste«. Auch Arthur Machen und Lord Dunsany kamen schlecht bei ihm weg. Dennoch kann man nicht sagen, dass Wilson es speziell auf die Fantasy abgesehen hatte: Er bekämpfte jegliche Literatur, die nicht seinen Auffassungen von Realismus entsprach, und legte sich im Zweifelsfall auch mit Größen wie Vladimir Nabokov und Anaïs Nin an. In der Auseinandersetzung mit letzterer erwies er sich zudem als maskulinistisches Großmaul, indem er ihr allen Ernstes anbot, er werde ihr beibringen, wie man schreibt.

Nun war ich bislang der (u.a. von Lin Carter – oder war es L. Sprague de Camp? – verbreiteten) Legende aufgesessen, Wilson habe unter den klassischen Autor_innen der modernen Fantasy eine Ausnahme gelten lassen, die nicht kindisch und talentfrei auftrete, sondern echte satirische Qualitäten aufweise: James Branch Cabell. Ein Blogpost von John Rateliff zeigt nun, dass es mit Wilsons Bewunderung für Cabell nicht weit her war. Obwohl Wilson Cabell später ausdrücklich lobte, bezeichnete er 1926 ihn und Dunsany als »provincial fops«, also als provinzielle Fatzkes. Und auch das Lob selbst fiel eher zurückhaltend aus, so dass Cabell in Wilsons Urteil eigentlich nur im direkten Vergleich mit dem verhassten Tolkien gut dasteht – sonst aber nicht.

All denjenigen Autor_innen, die Fantasy schreiben, aber sich gegen die Tolkien-Tradition positionieren, um dem allgemeinen Verdikt zu entgehen, sollten bedenken, dass ein solches Vorgehen nicht unbedingt erfolgversprechend sein muss: Im Zweifel werdet ihr dann doch wieder in einen Topf geworfen.

Freitag, 16. Dezember 2011

Lovecrafts Grab

Nnedi Okorafor denkt darüber nach, wie sie damit umgehen soll, dass der World Fantasy Award, den sie in der Kategorie  »Bester Roman« gewonnen hat, ihr in Form einer Lovecraft-Büste überreicht wurde. Lovecraft war bekanntlich ein überzeugter Rassist und Antisemit. Und jemand, der durch sein eigenes literarisches Schaffen wie durch seine Netzwerker-Tätigkeit die Entstehung von SFF als eigenes Genre entscheidend geprägt hat.

Nun liegt das Problem, wie ich es sehe, nicht nur in Lovecrafts Weltanschauung. Über die wird viel gesprochen, und indem ihr menschenverachtender Charakter herausgestellt wird, findet gleichzeitig eine Art Entlastungsvorgang statt: Es ist nur allzu leicht, über Lovecrafts Rassismus zu reden und ihn gleichzeitig damit zu entschuldigen, dass Lovecraft »socially inept« gewesen sei. Gern wird dabei auch übersehen, dass Rassismus und Eurozentrismus in nahezu der gesamten frühen Fantasy gang und gäbe waren: Lange vor der US-amerikanischen Pulp-Fantasy bejubelten Rudyard Kipling, Arthur Conan Doyle und H. Rider Haggard in ihren Lost-Race-Geschichten den europäischen Kolonialismus und Imperialismus.* Vor diesem Hintergrund macht es wenig Sinn, sich Lovecraft als singulären Rassisten herauszupicken, wenn eigentlich die Geschichte des gesamten Genres kritisch bearbeitet werden müsste. Lovecraft mag seine Ansichten expliziter geäußert haben als andere, eine Ausnahme war er deshalb noch lange nicht.

Dennoch macht es natürlich Sinn, wenn eine schwarze, postkoloniale Autorin wie Nnedi Okorafor und ein marxistischer Schriftsteller wie China Miéville darüber nachdenken, wie sie mit dem Ikonenstatus des »Einsiedlers von Providence« subversiv umgehen können. Was bleibt ihnen auch anderes übrig, wenn eine Person wie Lovecraft im Jahre 2011, da von sechs nominierten Romanen für den World Fantasy Award drei von Schwarzen, vier von Frauen und zwei von Schriftstellerinnen mit einem postkolonialen Hintergrund geschrieben wurden, noch immer das gesamte Genre repräsentieren soll?

Zu verlinken ist nicht nur Okorafors Blogpost (in dem Miévilles Position zitiert wird) mit den dazugehörigen Kommentaren, sondern auch diese Diskussion auf Facebook. Außerdem wird auf den Seiten des World SF Blog debattiert. Silvia Garcia-Moreno bloggte ebenfalls zum Thema und Scott Edelman weist auf seinen älteren, aber thematisch verwandten Post hin.

Link-Update

Auf dem Blog Skalpell und Katzenklaue ist unter dem Titel »Der Gentleman von Providence und seine Ängste« eine zweiteilige Analyse von Lovecrafts Rassismus zu lesen: Teil 1, Teil 2.

* Auch ohne sich in der Leben-Lovecrafts-Forschung sonderlich auszukennen, kann man heutzutage wissen, dass Lovecraft keineswegs so menschenscheu und sozial unfähig war, wie die Sage dieses Schriftstellers es aussehen lassen will.
** Schon George Orwell musste in einem Essay über Kipling bemerken, dass über dessen Verherrlichung des Kolonialismus geredet wurde, um sie im gleichen Atemzug zu verharmlosen: Wenn Kipling drakonische Strafen, die die britischen Kolonialherren über die indischen Subalternen verhängten, in allen grausigen Details schilderte, habe er das quasi als neutraler Beobachter getan, oder aber als Kind seiner Zeit. Orwell betont zu Recht, dass es einigermaßen absurd ist, dem »Barden des Imperialismus« ausgerechnet in dieser Sache eine neutral beobachtende Position zu unterstellen.

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Iä!

Über Mark Charan Newtons Blog habe ich soeben diese interessante Seite mit Cthulhu-Illustrationen und -Artwork aufgestöbert. Man beachte die hybride Beeinflussung des Stoffes durch Godzilla- und King-Kong-Traditionen und die unterschiedlichen Versionen, die Cthulhu auf dem Uncle-Sam-Poster zeigen. Am besten gefällt mir persönlich aber dieses Bild von Cyril Van Der Haegen.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.