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Mittwoch, 8. April 2015

Hugo-Humor

Ich gehöre zu den Menschen, die gern über traurige Hundewelpen lachen, besonders über solche, die nicht stubenrein sind. Deshalb habe ich die spaßigsten Netzfunde über Sad Puppies, Hugogate etc. hier zusammengestellt.

Ich präsentiere zunächst das offizielle Blog von Sad Puppies Enterprises, Un-Ltd.! Eine Fundgrube nützlicher Informationen für alle Puppies und solche, die es werden wollen. Besondere Empfehlungen spreche ich aus für »What Weapons Are Permitted at Worldcon?« und das »Sad Puppies Quiz«, mit dem man ganz ohne weltanschauliche Schulung durch Vox Day oder John C. Wright testen kann, ob man eine Puppy-taugliche Ideologie hat.

John Scalzis eloquente Rekonstruktion, wie Brad R. Torgersen Kandidat_innen für Sad Puppies 3 geworben hat:
I’m feeling increasingly sorry for the nominees on the Hugo award ballot who showed up on either Puppy slate but who aren’t card-carrying Puppies themselves, since they are having to deal with an immense amount of splashback not of their own making. And to this you may say, well, but the Puppies maintain that everyone on their slate was notified, so they knew what they were getting into. But as it turns out, we know that at least some of the people on the Puppy slates weren’t contacted before the nominations came out [...].
Also, let me suggest that when Brad Torgersen (or whomever) went off notifying people of their presence on the slate, he probably did not lead with “Hi, would you like to be part of a slate of nominees whose organizers whine darkly and incessantly about the nefarious conspiracies of the evil social justice warriors to infiltrate all levels of science fiction, and which will also implictly tie you and your work to at least one completely bigoted shitmagnet of a human being?” Rather more likely he played up the “we’re trying to get stuff on the ballot we think is cool that doesn’t usually get on it” angle and downplayed, you know, that other stuff.
Charles Stross hat einiges Wissenswertes über Vox Days (kurz VD, alias Theo Beale) persönlichen Verlag Castalia House zusammengetragen:
castaliahouse.com is registered to:
Registrant Name: MARKKU KOPONEN
Registrant Organization: ALPENWOLF OY
of Kouvola, Finland.

alpenwolf.com is registered to:
Registrant Name: Theo Beale
Registrant Organization: Comtrol GmbH (comtrol.ch) of Oxfordshire, UK.
Kommentator #133, Steve Halter, weiß noch mehr:
I see that Comtrol GmbH is the UK branch of Comtrol Corporation. Comtrol is the company founded by VD’s father, Robert Beale—now in US federal prison for tax evasion.
The company management is now:
Board
Rebecca Summers-Beale – Owner
...
Bradford Beale – President
Management
Rebecca Summers-Beale – Owner
Bradford Beale – President
Rebecca Summers-Beale is VD’s mother and Bradford Beale is VD’s brother.
Wenn das nicht nach einem traditionsreichen Familienunternehmen aussieht. Etwas irritiert bin ich allerdings über den Doppelnamen von Theos Mutter. Was sind denn das für Sitten?

Alan Ziebarth hat den besten Sad-Puppies-Glühbirnenwitz:


Womit das Stichwort gefallen wäre. Warum reden die Puppies, insbesondere Vox Day, eigentlich pausenlos über Scalzi, Scalzi, Scalzi? Ganz einfach: Sie glauben, John Scalzi sei das geheime Oberhaupt, sozusagen der Adam Weishaupt einer weitgespannten Verschwörung, die die Berufsorganisation Science Fiction and Fantasy Writers of America (SFWA), den Verlag Tor Books und den Hugo Award umfasst. Unter größter Geheimhaltung haben die Eingeweihten, so die Puppies, jahrzehntelang das praktiziert, was die Puppies offen tun: Nominierungsempfehlungen en bloc aufgestellt, um sich gegenseitig Hugos zuzuschanzen und die Puppies von der begehrten Trophäe fernzuhalten. Man erkennt die dahinter stehende Argumentation: Die da haben’s zuerst gemacht, also ist es nicht so schlimm, wenn wir es jetzt auch machen.

Allerdings gibt es nicht den geringsten Beweis dafür, dass ein solches jahrzehntelanges Bloc Voting unter der Ägide John Scalzis jemals stattgefunden hat. Ein Worldcon-Mitglied mit dem Nickname rcade hat beim Alpha-Puppy Larry Correia persönlich nachgefragt, welche Beweise für die Scalzilluminati-Verschwörung es gebe:
Correia admitted to me on his blog that he has zero evidence that any novel/novella/novelette category of the Hugos has been unfairly manipulated in the past 10 years. The “SJW victimization” story he and Brad Torgersen are peddling is just a myth to motivate people to part with $40 and vote for his bloc.
(40 US-Dollar kostet die Worldcon-Mitgliedschaft, die Stimmrecht für den Hugo verleiht.) Worauf ein Puppy-Sympathisant namens jamesthewanderer antwortet:


Die SJWs sind aber auch echt zu doof: Natürlich gibt es keine Beweise, sonst wäre es ja keine richtig geheime Verschwörung! Gerade das Fehlen der Beweise beweist, dass es eine Verschwörung gibt. Im Aufdecken solcher Verschwörungen haben es die Puppies zu einiger Meisterschaft gebracht:
  • 2012 schrieb Theo Beale in Black Gate einen Artikel mit dem Titel »SF/F Corruption: Part I«. Darin behauptete er, weibliche Mitglieder der SFWA schanzten sich gegenseitig Nebula Awards zu (ja, vor den Hugos waren die Nebulas dran) und schlössen männliche Autoren systematisch aus. Das erzeugte einiges Gelächter in den Kommentaren zum Artikel, worauf der gute Theo erwiderte:
    Zu diesem Zeitpunkt war ihm wohl noch nicht klar, dass eine Verschwörung nur dann authentisch ist, wenn es keine Beweise für sie gibt. Er scheint sich aber schnell berappelt zu haben, denn »SF/F Corruption: Part II« ist mitsamt den angekündigten Beweisen nie erschienen.
  • 2014 kündigte John C. Wright mit großem Getöse seine SFWA-Mitgliedschaft, und zwar aus folgendem Grund:
    Wright hat aus Beales Anfängerfehler gelernt, denn nachdem SFWA um Beweise für diese Behauptung bat, gab er die folgende wohlüberlegte Antwort:
    Several people, both publicly and privately, have asked me for the details of my claims, to name the events and persons involved. I politely but firmly decline to do so since some of the names are those I have worked with in the past and might work with in the future, men [sic!] whose work I read with pleasure and admiration, and I seek no public shame to visit them.
    Such is the courtesy which, at one time, one professional expected from another. I find it sad that I am required to explain it.
    And it would be ironic indeed if I failed to display the professionalism whose lack forms my main complaint.
    Was letztes Jahr galt, gilt natürlich auch heute noch. Es wäre schon extrem unprofessionell, wenn die Puppies jetzt noch irgendwelche Beweise für eine Verschwörung um Worldcon und Hugo Awards vorlegten, nachdem sie schon für die Verschwörung um SFWA und Nebula Awards keine hatten.

Dienstag, 7. April 2015

Hugogate

Frisch zurück aus dem Urlaub, habe ich ganz schön viel zu klicken und zu scrollen, um mich auf bezüglich der neuesten Fandom-Kontroverse auf den neuesten Stand zu bringen. Was ist da nur wieder los? Ich versuche mal, es aufzudröseln.

Anlass ist der diesjährige Nominierungsprozess für den Hugo Award. Dieser jährlich verliehene Preis gilt allgemein als eine der drei bedeutendsten Genreauszeichnungen – die beiden anderen sind der Nebula Award und der World Fantasy Award. Benannt ist er nach Hugo Gernsback, dem Erfinder der Science Fiction, und verliehen wird er auf der World Science Fiction Convention (Worldcon). Da der Hugo häufig mit dem Nebula verwechselt wird, ist es wichtig, die Unterschiede zwischen beiden Preisen herauszustellen: Der Nebula wird von den Science Fiction and Fantasy Writers of America (SFWA) verliehen. Der Hugo wird (wie gesagt) auf der Worldcon verliehen und ist ein Publikumspreis. Auch die Verwechslung mit einer anderen Kontroverse, die sich um einen Genrepreis rankte, ist zu vermeiden: Der World Fantasy Award ist als Büste H.P. Lovecrafts gestaltet, der Hugo hat dagegen die Form einer Raumrakete.

Die Ermittlung der Preisträger_innen erfolgt durch ein kompliziertes Procedere, das ich recht ausführlich beschreibe, weil sonst nicht recht verständlich sein wird, was genau passiert ist: Der Hugo wird in einer ganzen Reihe von Kategorien vergeben. In jeder Kategorie gibt es fünf Nominierungen, aus denen die Preisträger_innen ausgewählt werden. Nominierungsvorschläge können alle zahlenden Worldcon-Mitglieder einreichen (die Mitgliedschaft kostet 40 US-Dollar). Die fünf meistnominierten Werke, Personen oder Publikationsorgane (das ist je nach Kategorie unterschiedlich) kommen auf die endgültige Liste. Die Mitglieder können dann ein Ranking der Nominierungen vornehmen, wobei die Stimmen der auf der Worldcon tatsächlich anwesenden Mitglieder doppelt zählen,* und die in jeder Kategorie Höchstgerankten bekommen den Preis. Get it?

Das klingt nicht weiter aufregend. Aber es gibt ja die Sad Puppies, die nun schon im dritten Jahr zuverlässig dafür sorgen, dass die Hugo-Vergabe zu einem Popcorn-trächtigen Ereignis wird, und damit der Grund für diesen Blogpost sind. Die Sad Puppies sind eine Gruppe von Autor_innen aus dem rechtskonservativen bis -radikalen Spektrum, die irgendein Problem mit dem Hugo haben. Was für ein Problem, ist nicht ganz klar. Mal verkünden die Puppies, dass der Hugo auschließlich von Klimawandel-Kommies und genderqueeren Emanzen mit ihrer politisch-korrekten message fiction gewonnen werde, sei ein Skandal, denn dadurch werde das Ansehen des gesamten Fandoms beschädigt. Dann wieder heißt es, die Worldcon mitsamt ihrer Preisverleihung sei eine unbedeutende, versnobte Veranstaltung, die lediglich einen kleinen Teil des Fandoms repräsentiere und jedem aufrechten SFF-Fan egal sein könne. Nun ja. Vom Wahrheitsgehalt dieser Behauptungen abgesehen, erschließt sich einfach nicht, warum die Sad Puppies so ein Gewese um den Hugo machen, wenn sie ihn a) scheiße und b) unbedeutend finden. Wenn a) zutrifft, dann gewinnen die aus Sicht der Puppies falschen Leute den Preis. Aber wenn auch b) zutrifft, dann müsste es den Puppies im Grunde schnurz sein, dass der Hugo überhaupt an irgendwen verliehen wird. Entsprechend unklar sind ihre Ziele: Behaupten sie heute, dafür sorgen zu wollen, dass der Hugo endlich wieder den populären Geschmack repräsentiert (der nach Puppy-Überzeugung natürlich konservativ ist), erklären sie morgen, lediglich daran interessiert zu sein, das Wahlprocedere zu sabotieren, um der Worldcon und ihren Fans eins auszuwischen. Man merkt, es gibt gewisse Parallelen zwischen Puppies und Gamergatern. Letztere sind sich ja auch nicht ganz einig, ob sie lieber feministische Spielekritikerinnen trollen oder sich hehren Zielen (ethische Standards im Gaming-Journalismus!) verschreiben wollen.

Eines lässt sich meiner Auffassung nach aus all dem wirren Gerede herausfiltern: Die Puppies glauben, die Tendenz der Hugos sei zu ›literary‹ und nicht ›entertaining‹ genug. Sie geben sich populistisch und behaupten, die Mehrheit der SFF-Fans interessiere sich nicht für formale Experimente oder politische Subtexte in ihrem bevorzugten Lesestoff, sondern wolle actionkrachende Geschichten, in denen Helden mit dicken Laserwaffen die Erde vor schleimigen Aliens retten (dass auch solche Geschichten einen politischen Subtext haben, weisen die Puppies natürlich entrüstet von sich – ihnen gehe es einfach nur um gute, altmodische Unterhaltung). Der gegenwärtige Wortführer der Puppies ist Brad R. Torgersen, der sich »explosions! And kick-ass laser battles!« wünscht, in der gegenwärtigen SFF aber nichts als »tedious ›message‹ fiction, depressing talk-talk stories about amoral people with severe ennui« zu erblicken vermag. Die Lösung für dieses Problem liegt auf der Hand: Torgersen und die anderen Puppies müssten die Art von SFF schreiben, die sie selbst gern lesen würden, und vielleicht einen Puppy Award ausschreiben, der ausschließlich an explosions- und laserlastige Werke vergeben wird. Wenn die Puppies recht haben und ihr Geschmack wirklich mit dem der Fan-Mehrheit identisch ist, dann müsste der Puppy Award innerhalb kürzester Zeit hohes Ansehen genießen und der Hugo Award in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.

Allerdings gibt es einen Umstand, den die Puppies in ihrem Weltbild nicht unterbringen können: Der Hugo ist nun einmal definitiv ein Publikumspreis. Wer ihn erhält, wird nicht von linksliberalen Akademiker_innen in irgendeinem Hinterhimmer ausgeklüngelt. Es liegt in den Händen von Fans. Selbstverständlich repräsentiert Worldcon nicht das gesamte Fandom (da sind all die SFF-Leser_innen davor, die sich weder für diese noch eine andere Con interessieren), aber ein Blick auf die Liste der vergangenen Preisträger_innen in der Kategorie »Best Novel« zeigt, dass das Worldcon-Publikum keineswegs eine Vorliebe für Abgehobenes hegt. Die überwiegende Mehrheit der Preisträger_innen besteht aus Genre-Größen wie Asimov, Bester, Bradbury, Bujold, Clarke, Leiber, Herbert und Pohl. Es sind zwar auch einige Namen darunter, deren Werk man als experimentell oder ›literary‹ bezeichnen könnte, wie Philip K. Dick, Ursula K. Le Guin, China Miéville oder Michael Chabon, aber stärker noch finden sich konservative Lieblinge wie Robert A. Heinlein, Larry Niven, Vernor Vinge und Orson Scott Card vertreten. Deutlich gestiegen ist im Laufe der Zeit der Anteil an Fantasy. Unter den Preisträger_innen der letzten beiden Jahrzehnte sind Neil Gaiman, Joanne K. Rowling, Susanna Clarke und Jo Walton. Da es keine Vorgaben gibt, welche Werke für den Hugo nominiert werden, liegt es im Ermessen der Fans, ob sie nur SF gelten lassen wollen oder auch Fantasy für preiswürdig halten. Anscheinend ist seit der Jahrtausendwende zunehmend letzteres der Fall.** Alles in allem würde ich sagen: Wenn man eine größere Zahl von zufällig ausgewählten Genre-Fans in einen Raum setzte und sie fragte, welche die bedeutendsten SFF-Romane der letzten 60 Jahre seien, würde wahrscheinlich eine Liste dabei herauskommen, die sich in weiten Teilen mit der »Best Novel«-Kategorie des Hugo deckt. Die Behauptung, der Hugo sei abgehoben und repräsentiere nur eine elitäre Minderheit des Fangeschmacks, ist definitiv heiße Luft.

Vielleicht lohnt es sich, einen Blick auf die Autor_innen zu werfen, die hinter den Sad Puppies stecken. Es handelt sich neben Torgersen hauptsächlich um Larry Correia, John C. Wright, Vox Day, Michael Z. Williamson, Sarah Hoyt, L. Jagi Lamplighter und Tom Kratman – eine verdächtig Hugo-freie Zone.*** Die Sad Puppies mögen außerordentlich überzeugt sein, dass sie (und sie allein) den Geschmack des SFF-Publikums repräsentieren, aber die Worldcon-Mitglieder sehen das anscheinend nicht so. Ich halte das für nicht weiter verwunderlich: Die Puppies schreiben hauptsächlich in den Bereichen Space Opera, Military SF und waffen-/actionlastige Urban Fantasy. Das sind Subgenres, die auf jeden Fall ein Publikum haben, aber wenn es nicht gerade um Kinofilme geht, ist der gegenwärtige Schwerpunkt des Genres (bzw. der beiden Genres Fantasy und SF) doch deutlich anders gelagert. In der Tat ließe sich die Frage stellen, ob es angesichts der stark diversifizierten und im Fall der Fantasy immer mehr mit dem Mainstream verschwimmenden SFF-Produktion überhaupt noch angebracht ist, von dem einen Schwerpunkt des Genres zu sprechen.

Die Sad Puppies wiederum haben nicht den geringsten Zweifel, wo der Schwerpunkt des Genres liegen sollte, nämlich bei ihnen. Da sich dieser reichlich verstiegene Anspruch aber nicht mit der Realität des Publikumspreises Hugo deckt, nehmen sie zu einer Verschwörungstheorie Zuflucht: Puppies wie Torgersen, Wright und Correia sind zwar außerordentlich erfolgreiche und universell beliebte Autoren, aber liberale Weichlinge und verbitterte Feministinnen ziehen bei den Hugo-Wahlen im Hintergrund die Strippen und sorgen dafür, dass die Puppies bei der Preisverleihung leer ausgehen. Das ist eine weitaus zufriedenstellendere Erklärung als etwa die, dass Torgersens Vorstellung, einzig und allein »explosions! And kick-ass laser battles!« machten unterhaltsame Geschichten aus, doch ein klitzeklein wenig pubertär ist (und um so peinlicher, da sie nicht von einem Vierzehnjährigen kommt). Was machen nun traurige Hündchen, die durch die Machenschaften des snobistischen SFF-Establishments um die Früchte ihres Erfolgs gebracht werden? Sie organisieren eine Kampagne.

In den letzten drei Jahren haben die Puppies jeweils eine Empfehlungsliste aufgestellt und bei ihren Fans massiv dafür geworben, diese Liste en bloc zu nominieren. 2013 erregte das noch wenig Aufsehen. 2014 nahm dann Larry Correia, mit Abstand der kommerziell erfolgreichste Puppy-Autor, die Sache in die Hand und sorgte für reichlich Kontroverse, indem er empfahl, ein Opera Vita Aeterna (sic!) betiteltes Machwerk von Vox Day in der Kategorie »Best Novelette« zu nominieren. Diese auf Konfrontation setzende Strategie sorgte dafür, dass die Sad-Puppies-Kampagne von größeren Teilen des Fandoms wahrgenommen wurde. Zu irgendwelchen Hugo-Gewinnen der Puppies führte sie nicht, aber angeblich geht das Interesse von Correia, Torgersen & Co. ja allein dahin, die Hugos zu sabotieren, weshalb sie zwar ununterbrochen von den Hugos reden, aber stets beteuern, dass sie gar kein Interesse daran haben, tatsächlich einen Hugo zu gewinnen. Offen bleibt, wie die Erklärungen der Puppies lauten werden, sollten sie sich dann doch mal durchsetzen und einen Preis erhalten.

Das könnte dieses Jahr passieren, denn die penetrante Vorgehensweise der Puppies hat dazu geführt, dass die Liste der endgültigen Nominierungen, die vor ein paar Tagen bekannt gegeben wurde, mit Puppy-Empfehlungen geradezu überflutet ist. 60 von 85 Plätzen sind von den Puppies erobert worden, was zu teils absurden Ergebnissen führt: Drei der fünf Nominierungsplätze in der Kategorie »Best Novelette« sind mit Werken John C. Wrights besetzt. Anscheinend spielt bei den Puppies nicht nur die Liebe zu Explosionen und Laserwaffen eine Rolle, sondern auch ein gerüttelt Maß an Egozentrik. Natürlich bedeutet das noch nicht, dass die Puppies am Ende wirklich abräumen werden. Einzelne Werke können aus formalen Gründen ausgeschlossen werden (nominierbar sind nur englischsprachige Veröffentlichungen aus dem letzten Jahr), die Worldcon-Mitglieder können beim Ranking der Nominierungen in jeder Kategorie angeben, dass sie lieber keinen Award vergeben wollen – oder die Organisator_innen könnten entscheiden, dass dieses Jahr kein Preis verliehen wird. In meinen Augen wäre das sogar der allein würdige Weg, der jetzt zu gehen wäre.

Zur Genüge bewiesen, dass es ihnen nicht um literarische Qualität geht (nicht mal dann, wenn man Action als hauptsächlichen Qualitätsindikator ansieht), haben die Puppies letztes Jahr, als sie die Nominierung von Vox Day durchsetzten. Theo Beale alias Vox Day ist durch sein Blog Vox Popoli (sic!) und die Newssite WorldNetDaily.com eher als rechtsradikaler Provokateur denn als Autor bekannt. Da er aber nun einmal nominiert war, lasen viele Leute sein Opera Vita Aeterna und konnten sich selbst überzeugen, dass es mit Beales schriftstellerischem Talent nicht weiter her ist als mit seinen Lateinkenntnissen. Dennoch war den Puppies durch seine Person maximale Aufmerksamkeit garantiert. Beale gehörte einige Zeit zum Team von Black Gate, bis er dort einen Artikel veröffentlichte, in dem er behauptete, von einer feministischen Verschwörung (gar schröcklich!) in der SFWA, der Berufsorganisation der SFF-Autor_innen in den USA, Kenntnis erlangt zu haben. Die angekündigten Beweise für diese Kabale lieferte er nie, und seine Karriere bei Black Gate nahm ein abruptes Ende. Als nächstes machte er von sich reden, als er einen offiziellen Twitter-Account dazu missbrauchte, die schwarze Autorin N.K. Jemisin als »educated, but ignorant savage« zu bezeichnen. Nach einigem Hin und her beschloss SFWA Beales Rauswurf. Mittlerweile betreibt er einen Kleinverlag namens Castalia House, in dem neben seinen eigenen Werken auch solche von weiteren Puppy-Autoren wie Wright und Kratman erscheinen.

Auf der diesjährigen Empfehlungsliste der Puppies glänzt Vox Day durch Abwesenheit. Das scheint mir nur folgerichtig, denn nach der letztes Jahr generierten Aufmerksamkeit gibt es für die Puppies keine Notwendigkeit, erneut den Skandal zu suchen. Entsprechend hat Torgersen, der sich deutlich gemäßigter gibt, das Ruder von Correia übernommen. An der Sache ändert das nichts. Je nachdem, welcher der Absichtserklärungen der Puppies man Glauben schenkt, geht es ihnen darum, den Hugo zu sabotieren, was ein Schlag ins Gesicht für die Worldcon-Leute ist, deren Herzblut in diesem Preis steckt. Oder es geht ihnen darum, möglichst viele Preise einzusacken und damit andere Werke, die womöglich der Auszeichnung würdiger sind, von der Nominierungsliste zu verdrängen. Beale, der selbst nach Puppy-Standards kein sonderlich empfehlenswerter Autor sein dürfte, hat zur Entschädigung dieses Jahr gewissermaßen seine eigene Fraktion gründen dürfen. Die hat er Rabid Puppies getauft und unter ihrem Namen eine eigene Empfehlungsliste zusammengestellt, die größtenteils mit der Liste der Sad Puppies identisch ist – mit einer wenig überraschenden Ausnahme: Beale hat 67 Empfehlungen ausgesprochen. Etwa ein Fünftel davon ist in seinem eigenen Kleinverlag erschienen. In zwei Kategorien hat er der Einfachheit halber gleich sich selbst empfohlen.

Das vorläufige Ergebnis der Sad-Puppy-Kampagne ist, dass der diesjährige Hugo Award unheilbar kompromittiert ist. Jede Autorin, die nicht über die Kampagne auf die Nominierungsliste gelangt ist, müsste sich im Falle eines Sieges fragen, ob sie nur deshalb ausgezeichnet worden ist, weil die Worldcon-Mitglieder dem Puppy-Unsinn eine Absage erteilen wollen. Auf der anderen Seite haben sich einige Personen zu Wort gemeldet, die ohne ihr Wissen oder Einverständnis auf der Puppy-Empfehlungsliste gelandet sind, und wenig Lust verspüren, sich vor diesen Karren spannen zu lassen. Ich verweise auf Matthew David Surridge und Dave Creek. Andere Personen, die ohne ihr Einverständnis von den Puppies rekrutiert wurden, freuen sich über die Nominierung, haben aber durchaus gemischte Gefühle, wie etwa John O’Neill sie für Black Gate äußert. In meinen Augen hätte Black Gate einen Hugo verdient, aber ich finde O’Neills Position vorbildlich, wenn er schreibt:
I won’t be attending [Worldcon]. But if I were, I would vote “No Award” — including for Best Fanzine, the slot Black Gate is in. I would do the same regardless of who made this dubious “accomplishment.”
Wenn die Worldcon-Organisator_innen nicht beschließen, die Preisverleihung für dieses Jahr abzusagen, wird den Besucher_innen, die an der Integrität des Hugo interessiert sind, nichts anderes übrig bleiben, als O’Neills und Deirdre Saoirse Moens Vorschlag zu folgen und sämtliche durch die Sad Puppies erfolgten Nominierungen mit Missachtung zu strafen – auch wenn dann kaum noch etwas übrig bleibt.

* An dieser Stelle bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich das Regularium richtig verstanden habe. Etwaige Fehler gehen auf meine Kappe. Anscheinend habe ich mich hier tatsächlich getäuscht.

** Bis Anfang der Achtziger wurde ebenfalls auf der Worldcon der auf Fantasy fokussierte Gandalf Award verliehen, der aber zunehmend im Schatten des World Fantasy Award stand.
*** Eine gewisse Rolle bei den Puppies spielen außerdem Toni Weisskopf, die Verlegerin von Baen Books, und das Blog Mad Genius Club. Auch die konservative Website Breitbart.com unterstützt die Kampagne.

Donnerstag, 18. September 2014

Pimp my Wright


Seltsame Orte gibt es, seltsame Gehirne.
– Thomas Mann
Oh, shit ...

In meinem Artikel über den sogenannten culture war schrieb ich zuversichtlich:
Es sind die Reaktionäre, denen die Felle davonschwimmen. [...] Je verbreiteter die Erkenntnis, dass man sich mit Stammtisch-Gepolter und sozialdarwinistischer Parolendrescherei die Karriere versauen kann, desto mehr werden sich zwar nicht die Einstellungen, aber der Ton und die Lautstärke mäßigen. Als warnendes Beispiel könnte John C. Wright dienen, der mal als vielversprechender Autor, sogar als Genie galt, es in der Folge aber geschafft hat, sich konsequent den Ruf eines Spinners mit pompöser Rhetorik und paranoider Weltanschauung zu erarbeiten – und höchstwahrscheinlich nie wieder aus der Nische herauskommen wird, in die er sich selbst begeben hat.
Allerdings kannte ich da John C. Wrights Masterplan noch nicht, den er vor zwei Tagen unter dem mannhaften Titel »Victory« proklamierte. Ich zitiere die maßgeblichen Stellen aus dem Fünf-Punkte-Programm:
A reader named VunderGuy asks how we Christians and our allies among all men of goodwill shall win the Culture Wars? [...]
I submit that victory shall be ours by using the same methods we used to overthrow the Roman Empire and replace paganism with Christianity.
First, we must pray. We must live differently from the pagans around us, according to standards of higher discipline, displaying more fidelity in marriage, eschewing divorce, assisting the poor and downtrodden, and living lives so holy that even the devils are amazed.
Second, by being willing to suffer public scorn, loss of prestige, position, and fortune for Christ.
Third, by being open, vocal, coordinated, and relentless in our efforts. Fourth, by staying on message and never giving an inch.
Fifth and last, by showing the imagination of man that no one can live in the craven airless cesspool of the mental environment of political correctness, but that men flourish and grow strong and brave, not to mention more sexually appealing, in the walled gardens of the Church and the battlefields of life.
Es scheint, als sei Wright nicht damit zufrieden, wie andere Angehörige der Neuen Rechten, Antonio Gramsci zu exzerpieren. Er geht gleich auf den großen Erzfeind, den Fürsten der Finsternis Karl Marx zurück, dessen 11. Feuerbachthese bekanntlich vermerkt, dass die Philosoph_innen die Welt nur verschieden  interpretirt haben, es aber darauf ankommt, sie zu  verändern. Wright, der sich als »practicing philosopher« bezeichnet, hat sich nun ermannt, mit Hilfe von Gebet und Sex-Appeal die Welt zu verändern. Auf den Schlachtfeldern des Lebens wird er den Allmächtigen mit solcher Inbrust um Testosteron anflehen, dass selbst die Teufel ins Staunen geraten. Alle Voraussetzungen für einen siegreichen Kampf sind gegeben, denn wie man sieht, ist Wright schon jetzt mit einem tadellosen Krawattenknoten, einem mondänen Alpha-Lächeln und reichlich Gesichtsbehaarung versehen:

Bildquelle: Wikipedia

Samstag, 20. Oktober 2012

Newspeak

I just came across this Mind Meld by SF Signal. It’s been online for two weeks and I primarily wanted to check out which readings Karen Lord would recommend in regard to the question »If you were creating the syllabus for a high school English Literature course, what SF/F stories do you think should be included?«—Lord’s debut novel Redemption in Indigo was given to me as a birthday present by my parents. I haven’t yet been able to read more than a few pages of it, but I have been very intrigued, and likewise now by Lord’s recommendations. I was also impressed that she was the only participant in the Mind Meld who asked the question (very appropriate for a literature class) what actually constitutes fantasy literature.

James Patrick Kelly, the Steward of Slipstream, also recommends some interesting stuff. On the other hand, I couldn’t help noticing that Bradley P. Beaulieu praises The Lions of Al-Rassan as »a story of two men who are at first on opposite sides of a brewing conflict«. That’s not quite true, because The Lions of Al-Rassan is a story of one woman and two men who are on opposing sides, and the plot is actually not about the two men struggling for the love of the woman, but about three people who are bound together by intellectual companionship and mutual interest.

Only when I started reading John C. Wright’s contribution I discovered that this Mind Meld was also good for a laugh. Wright begins by stating »The question is frankly a very difficult one. Let us analyze it...«, then, after giving his unwanted opinion about a wide range of topics, exclaims: »Ah! But there are three other purposes to education I have not mentioned.« And goes on to ramble for a dozen or two paragraphs more. Given the possibility that Wright, as a published author, actually writes novels like that (»Ah!«), I am now glad that I never read any of his fiction. I only knew that Wright is the kind of cardboard conservative who wants to come across as provocative but is merely whining, who desperately wants to be like G.K. Chesterton or Walter M. Miller (the great conservative fantasists who really had some interesting things to say), but fails because he lacks the shrewdness and the argumentative skills. In other words: I knew before that Wright’s opinions are an unwilling caricature, but now I am actually impressed, because seldom a writer has convinced me with such few lines (the other one being John Asht) that not only the content, but also the style of his writing is simply ludicrous.

But it gets even better. In the comment section, Wright says:
Ironically, the complaint against me here seems to be that what I say is so preposterous that I cannot be taken seriously, so I ought not be answered. But what is actually happening is that what I say cannot be answered (for that would require honest reason), and therefore dare not be taken seriously. [...] The problem is primarily linguistic. In Newspeak, there is no word for “honesty.” Ideas are judged on being either fashionable or not, current or not, politically useful or not.
Yes, he really says this. And he is almost right. I say almost, because it is of course not primarily a linguistic problem (as every English-speaking person with average intellect knows the meaning of the word ›honesty‹), but an ideological one. It is a rather simple process: Whenever someone says that his opinions are preposterous, Wright’s mind somehow renders this as »What I say cannot be answered, for that would require honest reason«. And I’m sure it also works the other way round. Whenever someone labels Wright’s opinions as »daring«, »rebellious«, »right, proper, normal and real«, »astonishing«, »manly« or »useful to civilization and civility« (I am merely quoting Wright’s vocabulary here), his mind will interprete the bootlicking as a display of »honest reason«.

I find this fascinating to witness. John C. Wright really can tell us something about Newspeak. After all, he is an ardent practitioner of it.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.