Will Shetterly ist ein Autor, dessen Werke ich schätze. Sein Roman Dogland zum Beispiel ist ausgesprochen empfehlenswert. Leider ist Shetterly aber nicht nur ein guter Schriftsteller, sondern auch eine nahezu perfekte Verkörperung des Dämlichen. Der Dämliche, wie Umberto Eco ihn in Das Foucaultsche Pendel definiert, ist ein »Träger eminent bürgerlicher Tugenden«. Er verrennt sich nicht in obskurantistischen Weltanschauungen, vielmehr misst er der Vernunft hohe Bedeutung bei. Das Problem des Dämlichen ist, dass er sich laufend vertut und es nicht mal bemerkt. Er verehrt die Vernunft, aber ihm fehlt jedes Gespür dafür, ob das, was er sagt, der Situation angemessen ist: »Der Dämliche sagt nicht, daß die Katze bellt, er spricht von Katzen, wenn die andern von Hunden reden.« Das ist in diesem Fall ganz wörtlich zu verstehen. Shetterly ist der Typ, der in eine Diskussion über rassistische Lynchjustiz hineinplatzt und davon zu reden beginnt, dass es auch Lynchmorde von Weißen an Weißen gab. Das ist faktisch richtig, aber das Problem mit dem Dämlichen ist ja auch nicht, dass er falsche Behauptungen aufstellen würde. Das Problem ist, dass es in einer Diskussion über rassistische Lynchjustiz vor allem um Rassismus geht, der Dämliche aber durch nichts davon zu überzeugen sein wird, dass er am Thema vorbeiredet. Schließlich treffen seine Aussagen zu und sind nicht zu widerlegen. Eine Aussage über Katzen wird nicht dadurch falsch, dass sie in einem Gespräch über Hunde fällt, deshalb fühlt der Dämliche sich im Recht und reagiert ausgesprochen erstaunt, wenn die anderen Gesprächsteilnehmer_innen ihm derailing vorwerfen.
Shetterly ist ein libertärer Sozialist, und er führt einen unermüdlichen Feldzug gegen alle, die sich in ihrem antirassistischen und antisexistischen Aktivismus auf Intersektionalitätstheorien berufen, und wirft ihnen unterschiedslos »Identitätspolitik« vor. Das Konzept der Intersektionalität wurde von der kritischen Rechtswissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw geprägt und von Theorieansätzen wie den Critical Legal Studies und der Critical Race Theory aufgegriffen. In diesem Kontext stellt Intersektionalität ein Konzept dar, mit dessen Hilfe Formen sich überlappender Diskriminierung sichtbar gemacht werden sollen. Um es anhand eines bekannten Beispiels zu erläutern: Eine Person bewirbt sich auf eine Stelle, für die sie gut qualifiziert ist. Ihre Bewerbung wird abgelehnt. Die Person fragt sich, ob es daran liegt, dass sie schwarz ist und weiße Mitbewerber_innen ihr vorgezogen wurden. Auf Nachfrage wird sie jedoch darauf hingewiesen, dass die gleiche Stelle bereits an einen schwarzen Bewerber vergeben wurde. Als nächstes fragt die Person sich vielleicht, ob sie übergangen wurde, weil sie eine Frau ist, wird jedoch mit dem Hinweis, dass die gleiche Stelle auch schon einmal von einer Frau besetzt wurde, erneut abgewimmelt. Es scheint keine Diskriminierung vorzuliegen, die auf den Zuschreibungen »Frau« oder »schwarz« beruht. Die Antwort der Intersektionalitätstheorie auf dieses Problem lautet, dass die Person aus dem Beispiel durch zwei sich überschneidende Diskriminierungsformen benachteiligt wurde – nicht allein wegen ihres Schwarzseins oder ihres Frauseins, sondern weil sie eine schwarze Frau ist.
Ich möchte an dieser Stelle kein Urteil über die Wirksamkeit der Intersektionalitätstheorie bei der Bekämpfung gesellschaftlicher Ungleichheiten abgeben. Schon gar nicht ist der vorherige Absatz eine vollständige Darstellung der Theorieansätze, die sich mit dem Konzept Intersektionalität verknüpfen. Worauf es aber ankommt, ist, dass die Intersektionalitätstheorie bestimmte politische Strategien impliziert. Wenn es zutrifft, dass bestimmte soziale Gruppen von sich überschneidenden diskriminierenden Zuschreibungen betroffen sind, heißt das im Umkehrschluss, dass gegenteilige Zuschreibungen mit Privilegien verbunden sind: Weißsein und Mannsein bewahrt vor Diskriminierung und versetzt mit diesen Zuschreibungen versehene Personen deshalb automatisch in einen Zustand der Privilegiertheit. Will man die daraus resultierenden Ungleichheiten bekämpfen, dann kommt es darauf an, den Bevorzugten ihre Privilegien streitig zu machen und die Position der Benachteiligten ihnen gegenüber zu stärken. Es kommt gewissermaßen darauf an, in politischen Auseinandersetzungen lautstark die Differenzen zu betonen – zu betonen, dass die einen aufgrund ihres Weißseins und Mannseins privilegiert sind und die anderen aufgrund ihres Schwarzseins und Frauseins benachteiligt, und dass dieser Zustand untragbar ist.* Dieses Vorgehen zur Verschiebung der Machtverhältnisse ist es, dass Shetterly der Intersektionalitätstheorie vorwirft und als »identitätspolitisch« bezeichnet.
Shetterly vertritt dagegen eine Position, die sich vereinfacht als »postrassistisch« beschreiben lässt. Er meint, die Kategorie »Rasse« sei dadurch, dass sie als gesellschaftliches Konstrukt entlarvt wurde, obsolet geworden. Sie ist in seinen Augen irrelevant, da sie unwahr ist, während es in Wirklichkeit darauf ankommt, ein möglichst hohes Maß an gesellschaftlicher Gleichheit zu etablieren, indem man von Differenzen absieht. Letzteres ist in meinen Augen der springende Punkt. Shetterly hat wiederholt die Ansicht geäußert, die Betonung der durch Rassismus hervorgerufenen Differenzen – egal, ob sie in kritischer oder in affirmativer Absicht erfolgt – spiele dem Rassismus in die Hände. Das ist eine plumpe Gleichsetzung von Rassismus und Antirassismus, der auf tautologischen Behauptungen wie »Rassismus entsteht, indem von Rassen gesprochen wird« beruht und gerade von Rechten gern als Argument gegen antirassistische Politik angeführt wird. Nicht, dass dies Shetterlys Absichten entspräche. Er vertritt vielmehr emphatisch die Ansicht, dass der Rassismus sich von selbst erledigen würde, wenn es zu einer Umverteilung von Reichtum käme. Rassismus ist für ihn vor allem ein Symptom ökonomischer Ungleichheit.
Ich persönlich bin durchaus der Überzeugung, dass wirkliche Gleichheit nur durch die Überwindung des Kapitalismus möglich ist. Ich glaube zwar anders als Shetterly nicht, dass Umverteilungspolitik gleichbedeutend mit der Überwindung des Kapitalismus ist, aber ich würde mir wünschen, dass es im Fandom mehr Menschen gäbe, die das Leben in einer auf Ausbeutung, Lohnarbeit und Konkurrenzzwang beruhenden Klassengesellschaft menschenunwürdig finden und für eine von diesen Zwängen befreite Gesellschaft eintreten. Mein Problem mit Shetterly liegt vor allem darin, dass sein Sozialismus vor allem aus einer Reihe von oft wiederholten, aber wenig aussagekräftigen Plattitüden wie »It’s time to share the wealth so no one will be economically dependent on anyone else.« besteht, die auch ein Sozialdemokrat im Wahlkampf von sich geben könnte.** Insbesondere der Zusammenhang zwischen Rassismus und Kapitalismus scheint mir bei Shetterly eher behauptet als theoretisch durchdacht zu sein. So richtig redselig wird Shetterly ohnehin nur dann, wenn er sich über Critical Race Theory, Intersektionalität und Antirassismus ereifern kann. Deren Vertreter_innen wirft er vor, nicht kapitalismuskritisch zu sein. Indem Shetterly auf das Fehlen einer kapitalismuskritischen Perspektive bei anderen hinweist, ohne in dieser Hinsicht selbst etwas vorweisen zu können, schwächt er seine (in diesem Fall auf einem berechtigten Einwand beruhende) Position unnötig.
Das alles wäre nicht weiter schlimm, sondern könnte eine interessante, fundierte Alternativen aufzeigende Diskussion sein. Ist es aber nicht, denn Shetterly, sofern man ihm nach seinen jüngsten Eskapaden noch einen guten Willen unterstellen will, steht sich vor allem selbst im Weg. Vor anderthalb Monaten veröffentlichte er einen Blogpost,*** in dem er seine Gleichsetzung von Rassismus und Antirassismus erneut vorbrachte und auf äußerst geschmacklose Weise konkretisierte. Theo Beale und N.K. Jemisin seien »similar in kind«, weil der eine ein Rassist ist und die andere eine Anhängerin der Critical Race Theory sei. Dabei ist nicht nur die Gleichsetzung der beiden Personen ungeheuerlich – zur Erinnerung: Beale ist der Faschist, der über Jemisin sagte, »savages« wie sie müssten zum Abschuss freigegeben werden –; Shetterly spekuliert außerdem mehr über Jemisins Ansichten, als dass er sie aus ihren konkreten Äußerungen belegen würde. Das Ergebnis ist vorhersehbar: Beales rechtsradikale Ansichten werden durch die Gleichsetzung aufgewertet und behandelt, als ob sie einer wohlwollenden Auseinandersetzung würdig seien. Beale und seine Kumpanen griffen die Möglichkeit, die ihnen da geboten wurde, gierig auf und fielen sofort bei Shetterly ein, um ihren Meinungsmüll zum Besten zu geben. Und natürlich führte Beale Shetterlys Post gegenüber der SFWA, die gerade darüber beriet, ihm die Mitgliedschaft zu entziehen, zu seiner Entlastung an.
Von Beale und seiner Fascho-Truppe einmal abgesehen, stieß Shetterlys Post auf wenig Zustimmung. Bemerkenswert, wenn auch nicht zu 100% zustimmungsfähig, finde ich vor allem die dezidierte Ablehnung durch Steven Brust. Aber anscheinend überblickt Shetterly die Folgen seiner Vorgehensweise nicht mal im Ansatz. Vor etwa einer Woche schrieb er einen weiteren Blogpost, in dem er erneut die Gleichwertigkeit von Beales und Jemisins Positionen behauptete. Wieder besteht seine Darstellung von Jemisins Ansichten weitgehend aus Unterstellungen, die diesmal auch noch als Suggestivfragen formuliert sind. Die kritischen Dialogversuche, die Shetterlys erster Post noch hervorrief, blieben weitgehend aus. Stattdessen führt Shetterly im Kommentarthread des zweiten Posts mehr oder weniger ein Selbstgespräch, das nur durch die rassistischen Ausführungen von vereinzelten Beale-Kumpeln, die des Spiels noch nicht müde geworden sind, unterbrochen wird.
Shetterly ist Ecos Dämlicher in Reinform: Antirassist_innen tauschen sich darüber aus, wie mit den Beales dieser Welt umgegangen werden kann. Shetterly tritt auf, um die Antirassist_innen zu belehren, dass ihre Ansichten verfehlt sind. Er tut dies auf eine Art und Weise, die Beales Fascho-Kumpels eine Plattform zur Verbreitung ihrer Weltanschauung bietet, wie sie sie wahrscheinlich schon lange nicht mehr zur Verfügung hatten. Und es ist noch nicht einmal so, dass Shetterly etwas dagegen hätte. Wenn andere über Rassismus reden, redet er über Meinungsfreiheit. Eine seiner Lieblingsüberzeugungen ist die, dass jeder Form von Meinungsäußerung überall eine Plattform geboten werden müsse, da alles andere eine Einschränkung der Meinungsfreiheit sei. Konkret bedeutet dies für Shetterly offenbar vor allem, für die Meinungsfreiheit von Faschist_innen einzutreten:
You want to tell me Vox Day and his posse are all kinds of bad, and I’m totally with you. But just as I supported the ACLU when they supported the right of Nazis to march, I support Vox Day and his posse’s right to be as creepy as they want to be. I do not know a single speech code that cannot backfire ...
Well, Shetterly, I know a strategy that can backfire, and it just did so spectacularly: Set up a stupid equation between fascist thought and anti-racism. Drive off all the right people you might want to discuss the ways and means to overcome racism with. Give a bunch of white supremacists a space to freely articulate their views on your blog. Honor them by acting as if the fascist filth they spread was worthy of debate. Celebrate your achievement by repeating the stupid equation. — Congratulations. You just made sure that for a lot of people, your blog is not a space where meaningful exchange about a society free of racism and inequality seems even remotely possible.
Shetterlys erster Post endet mit folgender Aussage:
This should be an easy message to understand: Respect everyone because we’re all equal. But it’s a message that threatens many people’s worldview. It’s no surprise that people like Jemisin and Beale haven’t gotten it yet.Beale redet davon, Jemisin zu erschießen, weil sie schwarz ist. Shetterly redet davon, dass Jemisin Beale nicht respektiert. Und er glaubt allem Anschein nach, dass letzteres eine adäquate Reaktion auf ersteres ist. Ist das naiv, heuchlerisch oder dämlich? Da es sich um Shetterly handelt, tippe ich auf letzteres.
* Es ist nicht meine Absicht, durch Einengung meines Beispiels auf die Kategorien »Rasse« und Geschlecht zu sagen, diese seien die einzigen oder auch nur die wichtigsten Formen sozialer Ungleichheit. Ich halte aber auch nichts davon, möglichst viele Formen von Ungleichheit aufzuzählen und mit einem lapidaren »etcetera« zu beschließen, da dies die Illusion einer vollständigen Beschreibung von sozialer Ungleichheit erzeugt. Ich beschränke mich auf die Kategorien »Rasse« und Geschlecht, weil sie in Beales Angriffen auf Jemisin zum Tragen kommen.
** Shetterly hat einen Blogpost angekündigt, in dem er sein Verständnis von Sozialismus erläutern will. Ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen soll.
*** Trigger-Warnung: Shetterly verwendet in seinem Blog rassistische Ausdrücke.