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Montag, 26. August 2013

Fools don’t claim that cats bark, but they talk about cats when everyone else is talking about dogs

Wie wir wissen, ist Theo Beale (alias Vox Day) mittlerweile bei den Science Fiction and Fantasy Writers of America (SFWA) rausgeflogen, nachdem er einen Twitter-Account der Organisation benutzt hat, um rassistische Ausfälle gegen N.K. Jemisin zu verbreiten. Jemisin hat ihre Reaktion auf Beales Rausschmiss auf ihrem Blog veröffentlicht (und auch bekannt gemacht, wie sie reagiert hätte, wäre Beale die SFWA-Mitgliedschaft nicht aberkannt worden). Die ganze Affäre könnte ein Anlass sein, darüber zu diskutieren, was genau das SFF-Fandom zu einem so anregenden Betätigungsfeld für Faschos wie Beale macht. Stattdessen gibt es jetzt ein ziemlich seltsames Nachspiel, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob ich es lächerlich oder gefährlich finden soll.

Will Shetterly ist ein Autor, dessen Werke ich schätze. Sein Roman Dogland zum Beispiel ist ausgesprochen empfehlenswert. Leider ist Shetterly aber nicht nur ein guter Schriftsteller, sondern auch eine nahezu perfekte Verkörperung des Dämlichen. Der Dämliche, wie Umberto Eco ihn in Das Foucaultsche Pendel definiert, ist ein »Träger eminent bürgerlicher Tugenden«. Er verrennt sich nicht in obskurantistischen Weltanschauungen, vielmehr misst er der Vernunft hohe Bedeutung bei. Das Problem des Dämlichen ist, dass er sich laufend vertut und es nicht mal bemerkt. Er verehrt die Vernunft, aber ihm fehlt jedes Gespür dafür, ob das, was er sagt, der Situation angemessen ist: »Der Dämliche sagt nicht, daß die Katze bellt, er spricht von Katzen, wenn die andern von Hunden reden.« Das ist in diesem Fall ganz wörtlich zu verstehen. Shetterly ist der Typ, der in eine Diskussion über rassistische Lynchjustiz hineinplatzt und davon zu reden beginnt, dass es auch Lynchmorde von Weißen an Weißen gab. Das ist faktisch richtig, aber das Problem mit dem Dämlichen ist ja auch nicht, dass er falsche Behauptungen aufstellen würde. Das Problem ist, dass es in einer Diskussion über rassistische Lynchjustiz vor allem um Rassismus geht, der Dämliche aber durch nichts davon zu überzeugen sein wird, dass er am Thema vorbeiredet. Schließlich treffen seine Aussagen zu und sind nicht zu widerlegen. Eine Aussage über Katzen wird nicht dadurch falsch, dass sie in einem Gespräch über Hunde fällt, deshalb fühlt der Dämliche sich im Recht und reagiert ausgesprochen erstaunt, wenn die anderen Gesprächsteilnehmer_innen ihm derailing vorwerfen.

Shetterly ist ein libertärer Sozialist, und er führt einen unermüdlichen Feldzug gegen alle, die sich in ihrem antirassistischen und antisexistischen Aktivismus auf Intersektionalitätstheorien berufen, und wirft ihnen unterschiedslos »Identitätspolitik« vor. Das Konzept der Intersektionalität wurde von der kritischen Rechtswissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw geprägt und von Theorieansätzen wie den Critical Legal Studies und der Critical Race Theory aufgegriffen. In diesem Kontext stellt Intersektionalität ein Konzept dar, mit dessen Hilfe Formen sich überlappender Diskriminierung sichtbar gemacht werden sollen. Um es anhand eines bekannten Beispiels zu erläutern: Eine Person bewirbt sich auf eine Stelle, für die sie gut qualifiziert ist. Ihre Bewerbung wird abgelehnt. Die Person fragt sich, ob es daran liegt, dass sie schwarz ist und weiße Mitbewerber_innen ihr vorgezogen wurden. Auf Nachfrage wird sie jedoch darauf hingewiesen, dass die gleiche Stelle bereits an einen schwarzen Bewerber vergeben wurde. Als nächstes fragt die Person sich vielleicht, ob sie übergangen wurde, weil sie eine Frau ist, wird jedoch mit dem Hinweis, dass die gleiche Stelle auch schon einmal von einer Frau besetzt wurde, erneut abgewimmelt. Es scheint keine Diskriminierung vorzuliegen, die auf den Zuschreibungen »Frau« oder »schwarz« beruht. Die Antwort der Intersektionalitätstheorie auf dieses Problem lautet, dass die Person aus dem Beispiel durch zwei sich überschneidende Diskriminierungsformen benachteiligt wurde – nicht allein wegen ihres Schwarzseins oder ihres Frauseins, sondern weil sie eine schwarze Frau ist.

Ich möchte an dieser Stelle kein Urteil über die Wirksamkeit der Intersektionalitätstheorie bei der Bekämpfung gesellschaftlicher Ungleichheiten abgeben. Schon gar nicht ist der vorherige Absatz eine  vollständige Darstellung der Theorieansätze, die sich mit dem Konzept Intersektionalität verknüpfen. Worauf es aber ankommt, ist, dass die Intersektionalitätstheorie bestimmte politische Strategien impliziert. Wenn es zutrifft, dass bestimmte soziale Gruppen von sich überschneidenden diskriminierenden Zuschreibungen betroffen sind, heißt das im Umkehrschluss, dass gegenteilige Zuschreibungen mit Privilegien verbunden sind: Weißsein und Mannsein bewahrt vor Diskriminierung und versetzt mit diesen Zuschreibungen versehene Personen deshalb automatisch in einen Zustand der Privilegiertheit. Will man die daraus resultierenden Ungleichheiten bekämpfen, dann kommt es darauf an, den Bevorzugten ihre Privilegien streitig zu machen und die Position der Benachteiligten ihnen gegenüber zu stärken. Es kommt gewissermaßen darauf an, in politischen Auseinandersetzungen lautstark die Differenzen zu betonen – zu betonen, dass die einen aufgrund ihres Weißseins und Mannseins privilegiert sind und die anderen aufgrund ihres Schwarzseins und Frauseins benachteiligt, und dass dieser Zustand untragbar ist.* Dieses Vorgehen zur Verschiebung der Machtverhältnisse ist es, dass Shetterly der Intersektionalitätstheorie vorwirft und als »identitätspolitisch« bezeichnet.

Shetterly vertritt dagegen eine Position, die sich vereinfacht als »postrassistisch« beschreiben lässt. Er meint, die Kategorie »Rasse« sei dadurch, dass sie als gesellschaftliches Konstrukt entlarvt wurde, obsolet geworden. Sie ist in seinen Augen irrelevant, da sie unwahr ist, während es in Wirklichkeit darauf ankommt, ein möglichst hohes Maß an gesellschaftlicher Gleichheit zu etablieren, indem man von Differenzen absieht. Letzteres ist in meinen Augen der springende Punkt. Shetterly hat wiederholt die Ansicht geäußert, die Betonung der durch Rassismus hervorgerufenen Differenzen – egal, ob sie in kritischer oder in affirmativer Absicht erfolgt – spiele dem Rassismus in die Hände. Das ist eine plumpe Gleichsetzung von Rassismus und Antirassismus, der auf tautologischen Behauptungen wie »Rassismus entsteht, indem von Rassen gesprochen wird« beruht und gerade von Rechten gern als Argument gegen antirassistische Politik angeführt wird. Nicht, dass dies Shetterlys Absichten entspräche. Er vertritt vielmehr emphatisch die Ansicht, dass der Rassismus sich von selbst erledigen würde, wenn es zu einer Umverteilung von Reichtum käme. Rassismus ist für ihn vor allem ein Symptom ökonomischer Ungleichheit.

Ich persönlich bin durchaus der Überzeugung, dass wirkliche Gleichheit nur durch die Überwindung des Kapitalismus möglich ist. Ich glaube zwar anders als Shetterly nicht, dass Umverteilungspolitik gleichbedeutend mit der Überwindung des Kapitalismus ist, aber ich würde mir wünschen, dass es im Fandom mehr Menschen gäbe, die das Leben in einer auf Ausbeutung, Lohnarbeit und Konkurrenzzwang beruhenden Klassengesellschaft menschenunwürdig finden und für eine von diesen Zwängen befreite Gesellschaft eintreten. Mein Problem mit Shetterly liegt vor allem darin, dass sein Sozialismus vor allem aus einer Reihe von oft wiederholten, aber wenig aussagekräftigen Plattitüden wie »It’s time to share the wealth so no one will be economically dependent on anyone else.« besteht, die auch ein Sozialdemokrat im Wahlkampf von sich geben könnte.** Insbesondere der Zusammenhang zwischen Rassismus und Kapitalismus scheint mir bei Shetterly eher behauptet als theoretisch durchdacht zu sein. So richtig redselig wird Shetterly ohnehin nur dann, wenn er sich über Critical Race Theory, Intersektionalität und Antirassismus ereifern kann. Deren Vertreter_innen wirft er vor, nicht kapitalismuskritisch zu sein. Indem Shetterly auf das Fehlen einer kapitalismuskritischen Perspektive bei anderen hinweist, ohne in dieser Hinsicht selbst etwas vorweisen zu können, schwächt er seine (in diesem Fall auf einem berechtigten Einwand beruhende) Position unnötig.

Das alles wäre nicht weiter schlimm, sondern könnte eine interessante, fundierte Alternativen aufzeigende Diskussion sein. Ist es aber nicht, denn Shetterly, sofern man ihm nach seinen jüngsten Eskapaden noch einen guten Willen unterstellen will, steht sich vor allem selbst im Weg. Vor anderthalb Monaten veröffentlichte er einen Blogpost,*** in dem er seine Gleichsetzung von Rassismus und Antirassismus erneut vorbrachte und auf äußerst geschmacklose Weise konkretisierte. Theo Beale und N.K. Jemisin seien »similar in kind«, weil der eine ein Rassist ist und die andere eine Anhängerin der Critical Race Theory sei. Dabei ist nicht nur die Gleichsetzung der beiden Personen ungeheuerlich – zur Erinnerung: Beale ist der Faschist, der über Jemisin sagte, »savages« wie sie müssten zum Abschuss freigegeben werden –; Shetterly spekuliert außerdem mehr über Jemisins Ansichten, als dass er sie aus ihren konkreten Äußerungen belegen würde. Das Ergebnis ist vorhersehbar: Beales rechtsradikale Ansichten werden durch die Gleichsetzung aufgewertet und behandelt, als ob sie einer wohlwollenden Auseinandersetzung würdig seien. Beale und seine Kumpanen griffen die Möglichkeit, die ihnen da geboten wurde, gierig auf und fielen sofort bei Shetterly ein, um ihren Meinungsmüll zum Besten zu geben. Und natürlich führte Beale Shetterlys Post gegenüber der SFWA, die gerade darüber beriet, ihm die Mitgliedschaft zu entziehen, zu seiner Entlastung an.

Von Beale und seiner Fascho-Truppe einmal abgesehen, stieß Shetterlys Post auf wenig Zustimmung. Bemerkenswert, wenn auch nicht zu 100% zustimmungsfähig, finde ich vor allem die dezidierte Ablehnung durch Steven Brust. Aber anscheinend überblickt Shetterly die Folgen seiner Vorgehensweise nicht mal im Ansatz. Vor etwa einer Woche schrieb er einen weiteren Blogpost, in dem er erneut die Gleichwertigkeit von Beales und Jemisins Positionen behauptete. Wieder besteht seine Darstellung von Jemisins Ansichten weitgehend aus Unterstellungen, die diesmal auch noch als Suggestivfragen formuliert sind. Die kritischen Dialogversuche, die Shetterlys erster Post noch hervorrief, blieben weitgehend aus. Stattdessen führt Shetterly im Kommentarthread des zweiten Posts mehr oder weniger ein Selbstgespräch, das nur durch die rassistischen Ausführungen von vereinzelten Beale-Kumpeln, die des Spiels noch nicht müde geworden sind, unterbrochen wird.

Shetterly ist Ecos Dämlicher in Reinform: Antirassist_innen tauschen sich darüber aus, wie mit den Beales dieser Welt umgegangen werden kann. Shetterly tritt auf, um die Antirassist_innen zu belehren, dass ihre Ansichten verfehlt sind. Er tut dies auf eine Art und Weise, die Beales Fascho-Kumpels eine Plattform zur Verbreitung ihrer Weltanschauung bietet, wie sie sie wahrscheinlich schon lange nicht mehr zur Verfügung hatten. Und es ist noch nicht einmal so, dass Shetterly etwas dagegen hätte. Wenn andere über Rassismus reden, redet er über Meinungsfreiheit. Eine seiner Lieblingsüberzeugungen ist die, dass jeder Form von Meinungsäußerung überall eine Plattform geboten werden müsse, da alles andere eine Einschränkung der Meinungsfreiheit sei. Konkret bedeutet dies für Shetterly offenbar vor allem, für die Meinungsfreiheit von Faschist_innen einzutreten:
You want to tell me Vox Day and his posse are all kinds of bad, and I’m totally with you. But just as I supported the ACLU when they supported the right of Nazis to march, I support Vox Day and his posse’s right to be as creepy as they want to be. I do not know a single speech code that cannot backfire ...
Well, Shetterly, I know a strategy that can backfire, and it just did so spectacularly: Set up a stupid equation between fascist thought and anti-racism. Drive off all the right people you might want to discuss the ways and means to overcome racism with. Give a bunch of white supremacists a space to freely articulate their views on your blog. Honor them by acting as if the fascist filth they spread was worthy of debate. Celebrate your achievement by repeating the stupid equation. — Congratulations. You just made sure that for a lot of people, your blog is not a space where meaningful exchange about a society free of racism and inequality seems even remotely possible.

Shetterlys erster Post endet mit folgender Aussage:
This should be an easy message to understand: Respect everyone because we’re all equal. But it’s a message that threatens many people’s worldview. It’s no surprise that people like Jemisin and Beale haven’t gotten it yet.
Beale redet davon, Jemisin zu erschießen, weil sie schwarz ist. Shetterly redet davon, dass Jemisin Beale nicht respektiert. Und er glaubt allem Anschein nach, dass letzteres eine adäquate Reaktion auf ersteres ist. Ist das naiv, heuchlerisch oder dämlich? Da es sich um Shetterly handelt, tippe ich auf letzteres.

* Es ist nicht meine Absicht, durch Einengung meines Beispiels auf die Kategorien »Rasse« und Geschlecht zu sagen, diese seien die einzigen oder auch nur die wichtigsten Formen sozialer Ungleichheit. Ich halte aber auch nichts davon, möglichst viele Formen von Ungleichheit aufzuzählen und mit einem lapidaren »etcetera« zu beschließen, da dies die Illusion einer vollständigen Beschreibung von sozialer Ungleichheit erzeugt. Ich beschränke mich auf die Kategorien »Rasse« und Geschlecht, weil sie in Beales Angriffen auf Jemisin zum Tragen kommen.
** Shetterly hat einen Blogpost angekündigt, in dem er sein Verständnis von Sozialismus erläutern will. Ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen soll.
*** Trigger-Warnung: Shetterly verwendet in seinem Blog rassistische Ausdrücke.  

Sonntag, 13. Januar 2013

Neue Medien

Holger M. Pohl hat seiner jüngsten Kolumne auf Fantasyguide.de die Aussage »Das gedruckte Buch ist tot!« vorangestellt, in einer ganz ähnlichen Weise, wie ich vor zweieinhalb Monaten vom »Ende der Buchblogs« gesprochen habe. Pohls Ausgangspunkt:
Es gibt so viele Dinge, die man gerne tot sagt. Oder tot redet. Doch sie erfreuen sich nach wie vor eines sehr umtriebigen Lebens und führen alles andere als ein Nischendasein, wie gerne mal kolportiert wird. Das Buch gehört dazu. 
Dem stimme ich zu. Ich fühle mich erinnert an Umberto Eco, der in Glossen und Interviews gerne die Anekdote erzählt, wie er mitten in der weitläufigen, geschäftigen Ausstellungshalle einer Buchmesse von einem Journalisten gefragt worden sei, was er zum Ende des Buches zu sagen habe. Das Buch, so Eco, sei eine Erfindung, die nicht weiter perfektioniert werden könne. Also gibt es auch nichts, was das Buch in seiner Bedeutung ersetzen kann. Mittlerweile ist man bei der Erkenntnis angelangt, dass Lesen am Computerbildschirm die Augen rötet und das Buch trotz reichlich vorhandener digitaler Texte seine Existenzberechtigung nicht verloren hat. Die Klage, dass die heutige Jugend ja nur noch vor dem Fernseher oder im Internet herumhänge, während sie früher (als alles besser war™) ihre Zeit mit der Lektüre von Schiller und Fontante verbracht habe, ist auch schon ziemlich abgestanden. So einfältig wie in Ecos Anekdote wird das Schicksal des Buches heute nur noch selten beschworen.

Aber wie die Geschichte, die von der Tragödie zur Farce übergeht, verlaufen auch kulturkritische Debatten: Sobald der elegische Ton der Verfallstheorie seine Wirkungslosigkeit offenbart, werden die Hemmungen abgelegt und der Vulgärdarwinismus tritt in den Diskurs ein. Es heißt nun nicht mehr, das Buch sei tot, sondern verschiedene Buchformate machten sich in einem gnadenlosen Konkurrenzkampf gegenseitig das Leben unsicher. Buchreport.de läutete kürzlich die »Totenglocken für das Taschenbuch«, wenn auch nur in Form eines Fragesatzes. E-Books und Paperbacks knabberten am Taschenbuchmarkt, so der Artikel in einer Zwischenüberschrift, obwohl gleich darauf zahlreiche Verlagsmenschen betonen, dass die Sache so wild gar nicht ist. Es wäre ja auch ziemlich respektlos, die Glocken bereits vor dem endgültigen Ableben zu läuten. Beziehungsweise, falls das Taschenbuch doch schon tot sein sollte, kann ich dazu nur sagen: Es schadet eventuell (sofern man kein Ghul oder Zombie ist) der eigenen Gesundheit, an einer Leiche zu knabbern.

Wie immer sich das Verhältnis zwischen Paperbacks und Taschenbüchern in Zukunft auch gestalten wird, die meisten Leser_innen wird es wahrscheinlich ohnehin nicht berühren, da den wenigsten unter ihnen der Unterschied, den der Buchmarkt zwischen PBs und TBs trifft, überhaupt bewusst sein dürfte. Bei E-Books sieht die Sache schon anders aus. Die haben immerhin eine sinnliche Qualität, die sie von gedruckten Büchern unterscheidet.

Die Ausbreitung des E-Books legt deshalb Vergleiche mit der Entwicklung anderer Kunstformen und ihrer Speichermedien nahe. Pohl geht in seiner Kolumne auf solche Vergleiche ein und nennt als Beispiel u.a. die Ablösung der Schallplatte durch die CD. Diese mit dem zwischen gedruckten Büchern und E-Books herrschenden Verhältnis gleichzusetzen, sieht er als Irrtum an. Bei Vinyl und CD überwögen die Gemeinsamkeiten, bei Büchern aus Papier und E-Books die Unterschiede. Fazit:
E-Books werden das gedruckte Buch weder verdrängen noch beerdigen. Weil sie nicht miteinander zu vergleichen sind. Hätten manche nur gerne. Aber die vergleichen auch gerne Äpfel mit Birnen. Beides ist Obst. Die einen mögen das eine, die anderen das andere, manche mögen beides.
Auch hier stimme ich zu. Allerdings sehe ich den Schallplatte-CD-Vergleich mit etwas anderen Augen. Die CD hat die Schallplatte nämlich gar nicht abgelöst, zumindest nicht wirklich. Die Verbreitung der CD hat eher die besondere Schönheit der Schallplatte zur Geltung gebracht. Schallplattencover sehen wegen ihrer Größe toll aus. Die Schwere des Vinyls fühlt sich gut an, es macht Spaß, die Scheibe auf den Plattenspieler zu legen. Viele Menschen bevorzugen auch den Klang von Schallplatten gegenüber CDs. Kurz, Vinyl ist durch die Einführung der CD nicht ausgestorben, sondern eher zum geschätzten Sammelobjekt für Nerds und Aficionad@s geworden. Das Problem ist hier eher, dass man sich solche teuren Späße erst mal leisten können muss. Ebenso ist es mit schön gestalteten Buchausgaben.

Es gibt auch handfestere Gründe, warum manche Medien nicht aussterben, sondern in bestimmten Nischen überleben. Das Radio ist vom Fernsehen nicht völlig verdrängt worden, weil man bei manchen Tätigkeiten das Radio laufen lassen kann, aber nicht den Fernseher. Das betrifft vor allem bestimmte Formen der Lohnarbeit, die ohne Radioberieselung unerträglich langweilig wären.

Natürlich verhält es sich nicht bei allen Speichermedien so. Manche von ihnen sterben tatsächlich aus, weil sie einfach nicht mehr gebraucht werden. MCs waren nur so lange praktisch, wie man noch keine CDs brennen oder Musikdateien kopieren konnte. Man brauchte sie in der Vinylära, um unterwegs Musik hören zu können, mit dem Walkman. Später wurde das unnötig, denn man konnte erst mit einem Discman* und dann mit einem MP3-Player Musik auf der Straße und zuhause im gleichen Format hören. Ähnlich verhält es sich mit Videokassetten und DVDs. Durch letztere erspart man sich das nervige Vor- und Zurückspulen, und die Bildqualität ist viel besser. Ich sehe das nicht als eine Form von »Leistungsoptimierung« oder ähnlichem Unsinn, sondern als Hedonismus. Es mag Menschen geben, die ihren (für mich lebenswichtigen) Hedonismus irgendwo zwischen mittäglichem Stau in der Innenstadt und spätabendlichen E-Mail-Konversationen mit dem Chef verloren haben, aber das ändert nichts an dem größeren Genuss, den Speichermedien wie DVDs gegenüber den vorher vorhandenen bieten. MCs und Videokassetten werden schlichtweg nicht mehr gebraucht. Manchmal werden ihre Einzelbestandteile neuen unterhaltsamen Zwecken zugeführt. In der sogenannten Dritten Welt spannen Kinder gern die in der Sonne glitzernden Bänder alter Kassetten quer über die Straße, um weiße Tourist_innen zu erschrecken, die glauben, sie rasten mit dem Auto auf einen Stahldraht zu und ihr letztes Stündlein habe geschlagen.

Ich glaube, dass E-Books und gedruckte Bücher auf ganz ähnliche Weise nebeneinander bestehen können wie Schallplatten und CDs. Wenn dieser Vergleich hinkt, dann eher dahingehend, dass ich keine Anzeichen dafür entdecken kann, dass in absehbarer Zeit das gedruckte Buch wie das Vinyl nur noch in überschaubaren Gruppen von Liebhaber_innen Verbreitung finden wird. Im Gegenteil, das Verlangen nach papiernen Büchern scheint nach wir vor einer der verbreitetsten Fetische überhaupt zu sein.

* Ich finde es übrigens belustigend, dass kleine Geräte, die auf Knopfdruck funktionieren, als »Männer« bezeichnet wurden.

Mittwoch, 14. März 2012

Der Friedhof in Prag

Das Figurenensemble von Umberto Ecos jüngstem Roman besteht, mit Ausnahme der fiktiven Hauptfigur Simone Simonini, vollständig aus historischen Personen. Dies ist allerdings, wie der Autor selbst sagt, cum grano salis zu verstehen, denn aus erzählerischen Gründen hat Eco mehrere historische Personen manchmal zu einer einzigen Romanfigur verschmolzen.

Zu Beginn des Romans ist Simonini ein alter, von Ressentiments zerfressener Mann, der als Urkundenfälscher in Paris lebt. Sein Hass auf alles, was er als anders wahrnimmt, wird nur übertroffen von der Völlerei, die seine einzige Befriedigung zu sein scheint – oder sein könnte, wenn er nicht an Gedächtnislücken litte und seine Wohnung mit einem geheimnisvollen Doppelgänger teilte, einem Abbé, der sich der Entdeckung durch Simonini immer wieder entzieht. In einem Café begegnet Simonini einem jungen jüdischen Arzt namens Froïde, der ihm empfiehlt, seine Erinnerungen, Träume und Ängste schriftlich aufzuzeichnen, um der Ursache der Bewusstseinsspaltung auf die Spur zu kommen. Simonini kommt diesem Rat nach, und seine Aufzeichnungen, ergänzt durch die Tagebucheinträge des Doppelgängers Dalla Piccola, enthalten den Großteil der Handlung des Buches. Nur gelegentlich werden sie unterbrochen von der Stimme des (stets durch Kapitälchen ausgezeichneten) auktorialen Erzählers, der ordnend und mit Erläuterungen in die von beiden Stimmen gesponnene Geschichte der modernen Paranoia eingreift. Der intradiegetischen Absicht der Figur Simonini ganz entgegengesetzt, entsteht so das Psychogramm eines autoritären Charakters im historischen Kontext, welches zugleich die Geschichte der antisemitischen Verschwörungstheorie und ihrer Folgen ist.

Simone Simonini wird als Enkel jenes Hauptmanns Simonini vorgestellt, welcher einen Brief an Napoleon schrieb, in dem er den Kaiser der Franzosen vor angeblichen jüdischen Machenschaften warnte.* Simonini der Ältere ist ein schwadronierender und geifernder Reaktionär, der seinen Enkel durch Jesuitenpatres im antimodernen Geist erziehen lässt. Simonini hasst seine klerikalen Lehrmeister, aber statt gegen sie aufzubegehren, ist er lediglich neidisch auf ihre Autorität und ihre Fähigkeit zur Manipulation. Nachdem er eine Gruppe revolutionär gesinnter Altersgenossen bei der Polizei denunziert hat, wird er – unfähig, eine bürgerliche Existenz aufzubauen – zum professionellen Fälscher, der im Auftrag verschiedener Geheimdienste eine beispiellose Karriere macht. Aufgrund dieser Tätigkeit erlebt er zahlreiche wichtige historische Ereignisse des 19. Jahrhunderts mit. Er wechselt oft die Seiten und versteht selten die wirklichen Absichten seiner Auftraggeber, interessiert sich auch nicht für sie. Wichtiger ist ihm, erfolgreich nach oben buckeln und nach unten treten zu können. Er fürchtet sich vor der Macht und nutzt Schwäche gnadenlos aus. Obwohl er in den verschiedensten politischen Zwistigkeiten eine entscheidende Rolle spielt, wird stets deutlich, dass Simonini im Grunde ein zutiefst unpolitischer Mensch ist. Er versteht die Politik nicht, weshalb sie ihm Angst macht, und er lässt sich auf die Ereignisse nur ein, wenn er sich einen Vorteil davon verspricht. Meist hält er es dabei mit der alten Ordnung, nicht weil er sie aus Überzeugung für die bessere hält, sondern weil Veränderungen ihn beklommen machen.

Simoninis Spezialität ist dabei, ganz wie zu Beginn seiner Laufbahn, die Denunziation. Er übt sie allerdings nicht mehr als Spitzel aus, sondern indem er auf fast schon industrielle Weise gefälschte Dokumente produziert, welche den Feind_innen seiner jeweiligen Auftraggeber reißerisch die schlimmsten Absichten und die wüstesten Sitten unterstellen. Im Hintergrund stehen dabei, so sehr das zeitweilige Feindbild auch wechseln mag, stets die Juden, die er von Kindheit an, darin seinem autoritären Großvater begierig nacheifernd, auf fanatische und zerstörerische Weise hasst und fürchtet. In dieser Hinsicht ist Simonini konsequent bis zum letzten. In den Protokollen der Weisen von Zion, zu derem fiktiven Verfasser der Roman ihn ernennt, dichtet er den Juden all das an, was er selber betreibt und seinen Charakter auszeichnet: Fälschung, Manipulation, Verrat, Bereicherung, Macht- und Geldgier, Rachsucht, Mord. Kurz, er projiziert all das, was ihn selber ausmacht, auf andere, und er hasst den imaginären Feind dafür um so mehr.

Im Hintergrund des in Der Friedhof in Prag gezeichneten Zeit- und Charakterbilds steht nicht allein die Psychoanalyse, sondern auch die klassischen Antisemitismustheorien von Sartre und Horkheimer/Adorno.** Durch die implizite Bezugnahme auf solche Theorien gelingt es Eco, den Antisemitismus in seiner ganzen Tragweite darzustellen, obwohl die Handlung des Romans im Jahre 1898 endet und die Nazis selbst also noch gar nicht darin vorkommen. Der Nazismus als Konsequenz des Antisemitismus ist jedoch durchaus präsent, sein zentrales Vorhaben, die Auslöschung der Judenheit, lässt Eco seine Charaktere bereits vorformulieren. Was immer man davon halten mag, dass Eco die Wirkungsgeschichte der Protokolle aus der Romanhandlung ausspart: Sein theoretischer Reflektionsrahmen ist mancher gegenwärtigen Debatte über Faschismus und Antisemitismus weit voraus.***

Es lohnt sich meines Erachtens, auf zwei zentrale Kritikpunkte einzugehen, die gegenüber Ecos Roman verschiedentlich geäußert wurden. Der erste betrifft die Frage, ob Simonini, immerhin der (schurkische) Held dieser Geschichte, bei der Leserin/beim Leser nicht Mitgefühl erregen könne, so dass die Wirkung des Romans entgegen allen guten Absichten darin bestünde, dass Verständnis für den Antisemitismus und seine Vertreter_innen geweckt würde. Diese legitime Befürchtung äußerte z.B. der Oberrabbiner von Rom (siehe auch hier). Für wichtig halte ich dabei den Hinweis, dass Simonini kein tragischer, sondern ein komischer Charakter ist. Es soll beim Lesen über ihn gelacht werden, nicht mit ihm. Das räumt aber das Problem nicht aus, ob nicht einerseits bei Simoninis Triumphen nicht doch mit ihm gelacht werden kann, und ob andererseits das Lachen über den Faschismus (in diesem Fall müsste es natürlich eher Protofaschismus heißen) nicht generell die Gefahr der Verharmlosung in sich birgt – eine offene Frage, seit sie von Chaplins Der große Diktator und Lubitschs Sein oder Nichtsein aufgeworfen wurde.

Der zweite Kritikpunkt betrifft die von Umberto Eco gewählte Gattung. Der Friedhof in Prag nimmt literarisch vor allem auf den Abenteuer- und Kolportageroman des 19. Jahrhunderts Bezug. In seiner Episodenhaftigkeit, den ständig neu auftretenden Verwirrrungen und anschließenden Entwirrungen ist er eine bewusste Imitation dieser Literaturform – nicht zufällig ist eine der im Roman auftretenden historischen Persönlichkeiten Alexandre Dumas der Ältere. Ebensowenig ein Zufall ist aber Ecos Entscheidung, einen klassischen Abenteuerroman kritisch neu zu erzählen. Sie geht vielmehr auf Ecos These zurück, wie er sie in den 1994 in Buchform erschienenen Harvard-Vorlesungen im Im Wald der Fiktionen erstmals ausführt, derzufolge die Protokolle und ihre Textvorläuferinnen maßgeblich von Spannungsromanen wie Dumas’ Joseph Balsamo und Eugène Sues Der ewige Jude beeinflusst sind, wenn sie nicht sogar offene Anleihen enthalten. Ecos erzählerisches Vorgehen lässt sich also so zusammenfassen, dass er eine politisch-hetzerische Rezeptionsweise der Unterhaltungsliteratur des 19. Jahrhunderts in politisch-aufklärerischer Absicht beschreibt, indem er sie in Form von Unterhaltungsliteratur nacherzählt. Dieses Vorgehen steht im Einklang mit Ecos Postulat, dass eine Metasprache zum Zwecke der kritischen Interpretation zwar notwendig sei, sich aber nicht allzu sehr vom interpretierten Gegenstand unterscheiden müsse.**** Hat man das durchschaut und weiß es zu würdigen, dann zielt der Vorwurf, Eco versuche eine Verschwörungstheorie zu entlarven, indem er sie durch eine verschwörerische Romanhandlung erkläre, ins Leere. Auch steht die Form der Darstellung, die die eigentliche Romanhandlung als eine Art historisches Psychogramm (mit Freud als Paten) erscheinen lässt, jedem Versuch entgegen, die Handlung für bare Münze zu nehmen. In meinen Augen ist Ecos Experiment gelungen.

Der Friedhof in Prag ist scharfsinnig und überaus lesenswert. Nach der enttäuschenden Essaysammlung Im Krebsgang voran, die als Ecos letzte große Buchveröffentlichung vor diesem Roman 2007 auf Deutsch erschien, freue ich mich darüber um so mehr. Vielleicht (da bin ich mir aber selbst nicht ganz sicher) ist es sogar Ecos bester Roman seit Das Foucaultsche Pendel. Im direkten Vergleich beider Romane, die ja durch ihre Thematik verbunden sind, liest Der Friedhof in Prag sich übrigens weitaus zugänglicher. Zwar erstreckt sich die Handlung über historische Entwicklungen wie das italienische Risorgimento und die Pariser Commune, über die ich nur rudimentäres Wissen habe, aber das tut der Lesbarkeit des Romans keinen Abbruch. Die Handlung ist zudem, gemessen an Ecos erzählerischen Vorlieben, außergewöhnlich geradlinig. Einziger Wermutstropfen: Das letzte Drittel des Romans ist arg zerfasert, weil Eco unbedingt noch den Taxil-Schwindel und die Dreyfus-Affäre mit hineinbringen musste, um die Allgegenwart des Verschwörungswahns im 19. Jahrhundert zu illustrieren.

Der Friedhof in Prag von Umberto Eco (519 Seiten) erschien 2011 bei Hanser. Die Übersetzung aus dem Italienischen besorgte Burkhart Kroeber.

* Ob Hauptmann Simonini eine historische Person war, ist unklar. Der in seinem Namen verfasste Brief könnte einer Theorie zufolge auch eine Fälschung der französischen Geheimpolizei sein, die Napoleon gegen die Juden aufbringen wollte. Eco scheint den Briefschreiber für historisch zu halten (vgl. S. 513). Es wäre aber natürlich fast noch passender, wenn bereits das geschichtliche Urbild Simoninis eine Kunstfigur gewesen wäre.
** Der einzige Rezensent, der das bemerkt zu haben scheint, ist Jens Renner in der analyse & kritik (Nr. 566, 18. November 2011): »Tödliche Fälschung«.
*** Der Roman verschweigt übrigens nicht, dass es bereits im 19. Jahrhundert Antisemitismus auch von links gab.
**** Eco legt dies in dem Band Streit der Interpretationen (Philo-Verlag, Hamburg 2005) dar.

Dienstag, 4. Oktober 2011

Der Friedhof in Prag

In wenigen Tagen, am 8. Oktober, erscheint Umberto Ecos neuer Roman Il cimitero di Praga in deutscher Übersetzung, die wie gewohnt von Burkhart Kroeber stammt. Viel Aufsehen hat die Aussicht auf den neuen Eco-Schmöker, der die Entstehung der infamen Protokolle der Weisen von Zion zum Thema hat, in Deutschland nicht erregt. Dabei könnte es nach Erscheinen des Romans ähnlich kontrovers zugehen wie in Italien.

Dort hat der Osservatore Romano, das offizielle Blatt des Vatikan, Il cimitero di Praga gründlich verrissen. Das ist an sich nicht weiter verwunderlich. Eco ist in Italien als scharfer Kritiker der Klüngelei zwischen katholischem Klerus und konservativer Politik bekannt. Anwürfen von kirchlicher Seite ist er seit langem ausgesetzt, wahrscheinlich schon seit er sich als junger Intellektueller, im Zuge seiner Auseinandersetzung mit Thomas von Aquin, von der Kirche entfremdete. Ein dogmatischer Religionskritiker mit antiklerikalem Beißreflex ist Eco dennoch nicht geworden, wie sein respektvoller Dialog mit Carlo Maria Martini, dem aufgeschlossenen Kardinal von Mailand, zeigt.* Konservativ-katholische Kreise – auch im deutschen Sprachraum – interessiert das allerdings nicht sonderlich, und so fragt das Magazin Katholisches erwartungsvoll geifernd: »Ist Umberto Ecos neuer Roman ›Der Friedhof von Prag‹ antisemitisch?« Begründet wird die Suggestivfrage vor allem mit der Besprechung im Osservatore Romano, aus der aber ausgerechnet eine Passage zitiert wird, in der die Rezensentin Lucetta Scaraffia sich über die negative Darstellung kirchlicher Würdenträger im Roman entrüstet – womit auch schon klar sein dürfte, wo der Hund begraben liegt. Unter den großen deutschen Tageszeitungen übernahm – wenn ich die Sache richtig überblicke – bislang nur die Welt diese Sicht der Dinge. Und auch das ist wenig überraschend.

In Italien glaubt aber anscheinend niemand, der bei Verstand ist, Eco wolle im Ernst den Antisemitismus relativieren oder ihm sogar Vorschub leisten. Der Autor äußert sich seit langem kritisch zum Antisemitismus (z.B. hier im Magazin Cicero), auch seine Auseinandersetzung mit den Protokollen der Weisen von Zion dauert schon länger an.** Anfang des Jahres weilte Eco als Gast der Jerusalemer Buchmesse in Israel und erteilte zu dieser Gelegenheit Boykottforderungen gegen den jüdischen Staat eine scharfe Absage.***

Einige Besorgnis wurde von jüdischer Seite anlässlich der Veröffentlichung von Il cimitero di Praga dennoch geäußert. Der Oberrabinner von Rom, Riccardo di Segni, fragte sich, ob die ausführliche Darstellung antisemitischer Argumentationsweisen nicht potentiell gefährlich sei, auch wenn die Absicht dabei in der Entlarvung des Antisemitismus liege. Zudem veröffentlichte die jüdische Historikerin Anna Foa in den Pagine Hebraiche eine kritische Rezension, in der sie urteilte, der Roman wirke letztlich eher verwirrend als aufdeckend. Umberto Eco selbst beschreibt die Reaktionen der jüdischen Kritiker_innen in diesem Interview mit der Frankfurter Rundschau.****

Das nun sind im Grunde genau die richtigen Anfragen, die man an einen Roman mit dem erklärten Ziel, die Quellen des modernen Antisemtismus zu entmystifizieren, stellen muss. Bleibt zu hoffen, dass es nicht das Gekollere reaktionärer Kirchenfürsten und klerikaler Publizistik sein wird, welches die Debatte dominieren wird – sollte sich in Deutschland eine solche um den neuen Eco entspannen –, sondern die klugen Fragen.

* Das Gespräch zwischen Eco und Martini ist in dem Band Woran glaubt, wer nicht glaubt? (Zsolnay, Wien 1998) dokumentiert.
** Eco schrieb z.B. ein Vorwort zu Das Komplott von Will Eisner.

*** Westliche Schriftsteller_innen sehen sich immer wieder Druck von antizionistischer Seite ausgesetzt, keine israelischen Literaturpreise zu akzeptieren. In diesem Jahr betraf dies v.a. Ian McEwan, der trotz der Boykottforderungen den renommierten Jerusalem-Preis für Literatur entgegennahm.
**** Nebenbei äußert er darin seine treffende Meinung zum Ratzingerpapst: Dieser Mann ist kein großer Intellektueller, sondern ein grober Vereinfacher.

Samstag, 20. November 2010

Politische Intelligenz und Ecos Pendel

Trigger-Warnung: Ein Zitat enthält einen ausgeschriebenen rassistischen Ausdruck.

In seinem zweiten Roman Das Foucaultsche Pendel stellt Umberto Eco eine Typologie der menschlichen Intelligenz auf: Ecos Romanfigur Jacopo Belbo zufolge gibt es den Idioten, den Dämlichen, den Dummen und den Irren.* In der Empirie treten diese Typen natürlich fast nie in Reinform auf, normal ist vielmehr eine Mischung aus den verschiedenen Typen, die je nach Einzelfall unterschiedlich ausfallen kann. Es handelt sich also, weberianisch gesprochen, um Idealtypen.

Der Idiot ist, kurz gesagt, der Mensch, der sehenden Auges gegen die geschlossene Glastür rennt. Das ist verzeihlich und kann uns allen mal passieren. Der Dämliche aber ist Belbo zufolge ein »Träger eminent bürgerlicher Tugenden«. Er verrennt sich weniger, als dass er sich vertut:
»Der Dämliche sagt nicht, daß die Katze bellt, er spricht von Katzen, wenn die andern von Hunden reden.«
»Der Dämliche ist Joachim Murat, der die Parade abnimmt und einen hochdekorierten Offizier aus Martinique erblickt. ›Vous êtes nègre?‹ fragt er ihn. ›Oui mon général‹, antwortet der Offizier. Und Murat: ›Bravo, bravo, continuez!‹«
Der Dämliche argumentiert nicht falsch, vielmehr verfehlt das, was er sagt, immer das Thema. Seine Argumentation verläuft schräg zu dem, worum es geht. Der Dumme dagegen vertut sich nicht im Benehmen, sondern im Denken. Belbo nennt Anselm von Canterbury als Beispiel, der meinte, weil er sich die Existenz Gottes vorstellen könne, müsse Gott auch tatsächlich existieren. Auch der Irre vertut sich im Denken, aber auf andere Weise: Der Irre ist derjenige, der hinter Koinzidenzen stets eine Absicht, einen geheimen Plan vermutet — also niemand anderes als der allseits bekannte Verschwörungstheoretiker.

Das Foucaultsche Pendel beschäftigt sich in der Folge vor allem mit dem vierten Typus, dem Irren. Mich interessiert aus aktuellem Anlass aber eher der zweite Typus, der Dämliche. Belbo bezeichnet ihn ihm Roman als aussterbende Gattung. Mir kommt es momentan so vor, als erlebten wir die Wiederkehr des Dämlichen, allerdings in mutierter Gestalt. Der klassische, vom Aussterben bedrohte Dämliche wusste nämlich nicht, was er tat, und wurde im Idealfall gerade dadurch zum brillanten Entertainer.** Der neu auf der Bildfläche erschienene Dämliche weiß dagegen sehr wohl, was er tut. Er verhält sich mit Absicht und aus politischen Gründen dämlich. Er redet nicht aus Versehen oder Gewohnheit am Thema vorbei, sondern um diskursiv Tatsachen zu schaffen und die Verhältnisse ideologisch zu verschleiern.

Dämlich verhält sich Ursula von der Leyen, wenn sie auf dem Talkshow-Sessel (während vorgeblich über die empörend niedrigen Hartz-IV-Sätze gesprochen werden soll) nicht aufhören will, mit leicht weinerlichem Unterton von den »kleinen Einkommen, den Friseurinnen in unserem Lande« zu reden. Als dämlich ist zu bezeichnen, wie Norbert Röttgen gegen die Anti-Castor-Proteste im Wendland nichts anderes vorzubringen wusste, als in Gebetsmühlenmanier zu wiederholden, der Widerstand sei unangemessen, da in Deutschland angefallener Atommüll schließlich wieder nach Deutschland zurückgeholt werden müsse. Röttgen weiß so gut wie jeder andere Mensch, der nicht völlig dem Typus des Idioten entspricht, dass es nicht Ziel der Proteste ist, deutschen Atommüll in Frankreich vor sich hinstrahlen zu lassen. Dennoch wiederholt er unentwegt seine dämliche Behauptung und hat damit Erfolg, denn ein anderes Verhalten erwartet von einem Bundesumweltminister offenbar niemand. Ausgesprochen dämlich ist auch die jüngste Forderung aus Unionskreisen: nun, in Zeiten akuter Terrorgefahr, müsse die Vorratsdatenspeicherung beschleunigt und am besten widerspruchsfrei eingeführt werden — dabei musste sogar die Staatsschutz-Postille Die Welt zugeben, dass die Vorratsdatenspeicherung wenig bis gar nichts mit (tatsächlicher oder wahltaktischer) Terrorbekämpfung zu tun hat.

Einen eindrücklichen Blick hinter die Kulissen der intentionalen Dämlichkeit ermöglicht übrigens ein versehentlich aufgenommenes Gespräch*** zwischen dem fundamentalistischen US-Fernsehprediger Pat Robertson und seinen Spin Doctors. Diese rieten Robertson (der 1988 die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Republikanischen Partei anstrebte), an Bürger_innen, die kritische Anfragen stellen, einfach gezielt vorbeizureden. Gemein haben alle genannten Beispiele, dass sie gerade keinen offen herbeigeführten Themawechsel darstellen, sondern vielmehr die Diskussion nach und nach in die Schräge gleiten lassen, bis eine kritische Auseinandersetzung über das jeweilige Thema kaum mehr möglich ist und jeder diesbezügliche Versuch nur noch abrutschen kann.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass uns gegenwärtig eine massive Welle dieses hegemonialen an-der-Sache-Vorbeiredens – eben der politischen Dämlichkeit – überflutet. Es ist klar, dass es sich um eine Strategie handelt, die die Zivilgesellschaft verwirren und antihegemoniale Diskurse verunmöglichen soll. Wie dagegen Widerstand zu leisten ist, bleibt für mich vorläufig eine offene Frage. Auch ist unklar, ob irgendwann durch die ständig wiederholte Praxis der rhetorischen Dämlichkeit die Schraube einfach überdreht wird. Ab wann ist die taktische nicht mehr von der ungewollten Dämlichkeit zu unterscheiden? Ich weiß es nicht.

Festhalten möchte ich aber, dass an der Typologie diskursiver Intelligenz, wie Das Foucaultsche Pendel sie vornimmt, sich meines Erachtens hervorragend zeigen lässt, wie der phantastischen Literatur entnommene Anregungen zur kritischen Wirklichkeitserfassung dienen können. Und dass es nicht schaden kann, wieder mal Eco zu lesen. Der gilt zwar gemeinhin als Musterbeispiel politischer Unübersichtlichkeit in der Postmoderne, weil er es zurückgewiesen hat, als Linker eingeordnet zu werden – aber da liegt der Fehler wohl eher bei denjenigen, die Eco unbedingt für einen Linken halten wollten, als bei ihm selbst.

* Ich bitte um Nachsicht, dass ich an dieser Stelle die maskuline Form verwende. Ich bin allerdings der Meinung, dass es in der öffentlichen Zurschaustellung von Idiotie, Dämlichkeit, Dummheit und Irrsinn eine gewisse männliche Dominanz gibt, die die exklusive Schreibweise vielleicht rechtfertigt. Etymologisch ist das Wort ›dämlich‹ angeblich nicht mit ›Dame‹ verwandt. Unproblematisch wird es dadurch natürlich nicht, denn sexistisch empfunden werden kann es trotzdem. Wenn ich das Wort hier verwende, folge ich der deutschen Übersetzung von Ecos Roman durch Burkhart Kroeber, die im Blogpost zitiert wird.
** Als Beispiel kommt mir gerade der exzentrische Vampir in A.K. Tolstois gleichnamiger Erzählung aus dem Jahre 1841 in den Sinn, der in Gesellschaft stets im unpassendsten Moment Schnupftabak mit Steinklee anbietet.
*** Robertson lässt dabei eine homophobe Bemerkung los. Wer darauf verzichten möchte, sich das anzutun, sollte dem Link also nicht folgen.

Donnerstag, 12. März 2009

Es geht rund ...

... in den vernetzten Kreisen, in denen epische Fantasy geschrieben, gelesen und kritisiert wird. Am 19. Februar veröffentlichte George R.R. Martin in seinem Not a Blog einen "To My Detractors" betitelten Eintrag als Reaktion auf die zahlreichen Hate-Mails und unfreundlichen Internetdiskussionen, die sich auf seinen – sich immer länger hinziehenden und stetig weiter ausdehnenden – Song of Ice and Fire beziehen. Den unmittelbaren Anlass dazu bot ein Posting GRRMs vom gleichen Tag, mit dem er seine Verspätungen zum wiederholten Male erklären wollte. Dieser Erklärungsversuch brachte die Suppe anscheinend dermaßen zum Kochen, dass Martin sich genötigt fühlte, die aufgebrachte Meute persönlich anzusprechen. Erwähnt werden muss natürlich auch, dass Martin einen Haufen Support bekam, für den er sich umgehend bedankte.

Vorangegangen war dieser Kontroverse ein Artikel von Shawn Speakman auf Suvudu "In Defense of George R.R. Martin" vom 26. Januar, der als Interpretationsversuch von Martins Schreib- und Veröffentlichungsschwierigkeiten gesehen werden kann (man verzeihe mir, dass ich nun schon zum wiederholten Male auf diesen Artikel hinweise). Und bereits am 14. Januar wurde auf The Cimmerian versucht zu ergründen, welchen Einfluss Martin denn nun eigentlich auf die rezente Entwicklung des Genres hatte.

An sich ist es nicht weiter verwunderlich, dass dieses Thema jetzt, zu Beginn des Jahres, auf den Tisch kommt, denn bekanntlich heißt Jahresbeginn in der Regel, dass wieder zwölf Monate ohne einen neuen ASoIaF-Band vergangen sind. Wobei ich, nebenbei bemerkt, immer noch nicht verstehe, wie man seine Zeit, ob vernetzt oder nicht, scheinbar ausschließlich mit dem Warten auf ein einziges (!) Buch verbringen kann. Eine Bringschuld des Autors gegenüber seiner Leserschaft gibt es in meinen Augen nicht (das wäre ja tödlich fürs Talent), und lange Pausen zwischen Reihen-Veröffentlichungsterminen gelassen hinzunehmen, erspart Enttäuschungen. Aber ich denke, es steckt noch ein wenig mehr dahinter, und Guy Gavriel Kay ist dem auf der Spur.

In einem Artikel in der Online-Ausgabe der kanadischen Zeitung The Globe and Mail weist Kay darauf hin, dass wir keineswegs an einer vom Himmel gefallenen Seuche leiden, die infizierte Autoren dazu bringt, mit Veröffentlichungsterminen zu schludern und ihre Fans zu beschimpfen (neben George R.R. Martin sah sich auch Patrick Rothfuss jüngst diesem Verdacht ausgesetzt), sondern dass wir mit dem bloggenden Autoren, der fest in die kommunikativen Strukturen des Internets eingebunden ist, einfach eine völlig neue Situation vor uns haben, was die Interaktion zwischen AutorInnen und LeserInnen angeht. Da haben wir den Fall der Autorin, die sich durch Amazon-Kundenrezensionen ungerecht behandelt fühlte und deshalb ihre Fan-Base aufforderte, eigene Reviews auf Amazon zu schreiben und negatives Feedback für allzu kritische Rezis abzugeben. Da sind die Fans von Stephenie Meyer, die nach Stephen Kings kritischen Interview-Äußerungen gegenüber ihrem Idol drohten, King mit Hate-Mails zu überschütten. Und da sind eben die zahlreichen Diskussionen über George R.R. Martin, in denen ohne jede Scham darüber debattiert wird, ob sein Gesundheitszustand und seine privatesten Gewohnheiten es zulassen, dass er ASoIaF beendet. Guy Kay bringt diese Exempel allesamt an. Als weitere Beispiele, wie auch Autoren aktiv in solche Diskurse eintreten, können vielleicht Richard Morgan und jener Sachbuchautor gelten, der zunächst sein eigenes Buch bei Amazon selbst mit der Höchstbewertung rezensiert und dann sämtliche kritischen Kundenbewertungen mit wüsten Beschimpfungen kommentiert. Diese Vereinnahmung von Lesern durch Autoren, und von Autoren durch Leser, ist das eigentlich Neue.

Ich fühle mich dabei ein wenig an Umberto Ecos Spekulationen über den Eintritt in ein neues Mittelalter erinnert, der mit der 68er-Bewegung begonnen habe. Eco beschreibt diese Sehnsucht nach dem neuen Mittelalter als die Suche nach einer gemeinsamen Sprache, einem überindividuellen, alle Menschen verbindenden Prinzip des Ausdrucks. Bisher hat kein philosophischer oder gesellschaftlicher Diskurs es geschafft, die Rolle dieser Sprache, in der alles auf allen verständliche Weise sagbar ist, einzunehmen (obwohl es im 20. Jahrhundert an den entsprechenden Versuchen wahrlich nicht gemangelt hat). Ein Medium, in dem dies möglich wäre, haben wir aber bereits: das Internet, den Raum grenzenloser Kommunikation, den nicht zufällig der Prophet unserer Postmoderne, Jorge Luis Borges, in seinen Schriften vorweggenommen hat. In Zeiten des Internets ist ein Roman eben nicht mehr nur individueller sprachlicher Ausdruck seines Autors, sondern aller Menschen, die ihn gelesen haben und sich durch das Medium universaler Kommunikation berechtigt fühlen, an diesem sprachlichen Ausdruck teilzuhaben und ihn mitzubestimmen. Dass dabei dem Autor mitunter ein fester Platz zugewiesen wird, eine Rolle, die ihn einengt und ihm nicht gefällt, kann nicht ausbleiben. Einen solchen festen Platz hatten auch die Menschen in der universal sprachfähigen mittelalterlichen Gesellschaft, von der Leibeigenen bis zum Feudalherren. Wehe dem, der seinem zugewiesenen Platz nicht gerecht wurde!

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.