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Montag, 3. Juli 2017

Death to False Metal

Die Metal-Alben (und EPs), die ich Mitte/Ende der Neunziger wohl am regelmäßigsten gehört habe:

AC/DC

  • Ballbreaker (1995)

Ancient

  • Mad Grandiose Bloodfiends (1997)

Atrocity

  • Willenskraft (1996)
  • Werk 80 (1997)

Blind Guardian

  • The Forgotten Tales (1996)

Böhse Onkelz

  • Kneipenterroristen (1988)
  • Schwarz (1993)

Cradle of Filth

  • V Empire or Dark Faerytales in Phallustein (1996)
  • Dusk ... and Her Embrace (1996)
  • Cruelty and the Beast (1998)

Dio

  • The Last in Line (1984)

Grave Digger

  • Knights of the Cross (1998)

Grip Inc.

  • Nemesis (1997)

Helloween

  • The Time of the Oath  (1996)

In Extremo

  • Weckt die Toten! (1998)

Iron Maiden

  • Powerslave (1984)
  • Live After Death (1985)
  • Fear of the Dark (1992)
  • Best of the Beast (1996)

King Diamond

  • The Eye (1990)

Marilyn Manson

  • Antichrist Superstar (1996)

Moonspell

  • 2econd Skin (1997)

Satyricon

  • Megiddo: Mother North in the Dawn of a New Age (1996)

Sodom

  • Agent Orange (1989)

Soulfly

  • Soulfly (1998)

Als erstes fällt mir dabei auf, dass es sich größtenteils um Stile handelt, mit denen ich heute wenig oder sogar gar nichts anfangen kann: Hard Rock (AC/DC, Onkelz), US-Thrash Metal (Grip Inc.) und Dark/Black Metal (Ancient, Satyricon). Insgesamt sehe ich aber ein recht konsistentes Bild, insofern es sich fast ausschließlich um traditionelle Metal-Genres handelt, die in der zweiten Hälfte der Neunziger bereits wohletabliert waren. Die einzigen Abweichler sind Marilyn Manson und Soulfly – da habe ich mich wohl vom Hype anstecken lassen und sollte mich vor allen True Metalheads in Acht nehmen. Es war die Zeit, in der der Metal Hammer sich für einige Jahre in Hammer umbenannte und mit dem etwas verschämt kleingedruckten Untertitle New Rock & Metal zu verstehen gab, dass man sich verstärkt dem neu aufkommenden Konglomerat von Bands und Stilen widmen wollte, die unter dem Namen Nu Metal bekannt wurden und den Soundtrack für die asozialen Neunziger lieferten. Das heißt jetzt nicht, dass ich experimentellen Metal ablehne, wie einige Menschen, die sich auch nach Jahren noch nicht über das Aufkommen des Grunge beruhigen konnten. Aber in vielerlei Hinsicht war Nu Metal (würde ich heute sagen) mehr Hype als Experiment.

Ohnehin war ich damals aber vor allem in Black und Dark Metal verliebt. Das ist allerdings etwas, was ich heute kaum noch nachvollziehen kann, denn diese Bands nahmen sich allesamt fürchterlich ernst. Metal, würde ich mittlerweile sagen, muss vor allem Spaß machen. Aufgesetzte Misanthropie ist etwas, von dem man sich spätestens nach der Pubertät verabschieden sollte.

Außerdem verehrte ich Cradle of Filth abgöttisch und war natürlich stolzer Besitzer der als Sarg bzw. als keltisches Kreuz gestalteten Limited Editions von Dusk und Cruelty.

Onkelz-Fan war ich übrigens nie. Die Mischung aus Sentimentalität und Prolligkeit, die die Onkelz auszeichnet, sagte mir überhaupt nicht zu. Sie waren aber damals omnipräsent, so dass ich gar nicht umhin kam, sie zu hören (wenn ich auf dem Dorf nicht noch mehr zum Außenseiter werden wollte, als ich es ohnehin schon war). Die beiden in der Liste genannten Alben sind einfach die, deren Tracks mir heute noch am präsentesten sind. Für eine Nazi-Band hielt ich die Onkelz der neunziger Jahre übrigens nicht. Aber es war schon unübersehbar so, dass die Musik der Onkelz auch lange Jahre nach dem Abschied der Band aus dem Fascho-Skin-Milieu immer noch jeden Dorfnazi zu Tränen rührte. Das erkläre ich mir aber nicht damit, dass der Imagewechsel der Onkelz nur ein Täuschungsmanöver war, sondern eher damit, dass ihr ganzer Stil halt so etwas wie den Sound der hessischen Provinz verkörpert.

Montag, 21. September 2015

Puppies im Radio, auch zum Downloaden

Gestern abend gab es ein wenig Konfusion um die Radiosendung, für die ich interviewt wurde. Die Sendezeit war doch nicht 18–20 Uhr, sondern 19–21 Uhr. Das lag wohl daran, dass gestern auf Radio F.R.E.I. eine Sondersendung über Häuserkämpfe in Freiburg lief. Jedenfalls gibt es das Interview weiterhin zu hören, und zwar hier. Wer möchte, kann das Interview auch per CC-Lizenz weiterverwenden.

Vielen Dank noch mal an Juliane, die das möglich gemacht hat!

Sonntag, 20. September 2015

Kulturkampf – nicht nur um imaginäre Länder

Juliane von Radio F.R.E.I. hat mich zum Puppygate befragt. Das Interview wird heute abend in der Kultursendung F.R.E.I.stil (18–20 Uhr) per Livestream zu hören sein. Radio F.R.E.I. ist – der Name sagt es – ein freier, nichtkommerzieller Sender aus Erfurt (F.R.E.I. = Freies Radio Erfurt International) und 1990 als eines der ersten freien Radios der DDR entstanden. Juliane schreibt auf ihrem Blog Spinner*innen, was sie dazu bewogen hat, sich kritisch mit der Welpenplage in unserem Genre auseinanderzusetzen.

Mir hat die Sache großen Spaß gemacht. Ich war noch nie im Radio zu hören und bin gespannt auf die Sendung. Übrigens: Wer wissen möchte, warum ich in den letzten Monaten wenig bis gar nicht gebloggt habe, muss das Interview bis ganz zum Schluss anhören!

Dienstag, 10. Februar 2015

Portalquesten

»Quo vadis Phantastikportale?«, fragt sich Markus Mäurer von Translate or Die.* Gestern verkündete die Bibliotheka Phantastika – in meinen Augen das wichtigste deutschsprachige Portal für phantastische Literatur (sofern man von Seiten absieht, die auf SF fokussieren) –, dass sie derzeit auf Sparflamme läuft – und dass sich das auch so bald nicht ändern wird. Ähnlich sieht die Lage beim Fantasyguide aus. Heißt das, da zeichnet sich ein Trend ab?

Weiß ich nicht, muss ich sagen. Es gibt noch weitere Portale, vor allem fictionfantasy.de und, thematisch spezialisiert, Dystopische Literatur. Vielleicht geht es denen ähnlich wie BP und FG, vielleicht auch nicht. Mit Phantastikon ist gerade ein neues Portal aus der Taufe gehoben worden. Einen deutlichen Trend gibt es allerdings, wie auch das BP-Restteam feststellt: Bloggen. Schon länger existieren neben den großen Portalen Sites, deren Schwerpunkt ich als Newsblogs beschreiben würde: Darkstars Fantasy-News (seit 2008), Fantasyblogger (seit weiß-nicht-wann), Feenfeuer (seit 2009) und Phantastik-News (seit 2004), um nur einige zu nennen. Da bestand einige Jahre lang eine Art Arbeitsteilung. Die Portale brachten Rezensionen, Bibliographien und Autor_innenporträts oder stellten Diskussionsforen zur Verfügung. Die Newsblogs wiesen auf Neuerscheinungen hin und führten Interviews zu solchen.

Es war aber meines Erachtens nur eine Frage der Zeit, bis sich das ändern würde. Denn alle möglichen Dinge, und nicht nur aktuelle, lassen sich bloggen: Rezensionen, klar, aber auch Meinungen, Rants, persönliche Vorlieben und Netzfunde, aber auch vertiefende Artikel und unfertige Ideen. All das, ohne sich thematisch einschränken zu müssen. Und Diskussionen lassen sich ebenfalls per Blog führen. Insofern wundert mich überhaupt nicht, dass gerade aus dem Umfeld der großen Phantastikportale heraus zahlreiche Blogs entstanden sind. Allein im Fall der Bibliotheka Phantastika ergibt das eine beachtliche Aufzählung: Ardeija, Epi(b)log, Madame Books, Moyas Buchgewimmel und Notizen aus Anderswo. Auch ich wäre wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen, selber zu bloggen, wenn ich mich nicht einige Zeit in den Foren der Bibliotheka Phantastika bzw. von hdrf.de herumgetrieben hätte. Und jetzt plätschert das Hermanstädter Gewässer schon seit ganzen sechs Jahren vor sich hin (und wird hoffentlich noch lange Zeit Wellen schlagen)!

Andererseits halte ich so manches Portal alten Stils für eine unersetzliche Ressourcenquelle. Das BP-Team hat völlig recht, wenn es schreibt:
[D]ie BP – die ihren Namen nicht nur wegen des kultivierten Klanges trägt – [ist] tatsächlich eine Bibliothek. Im Real Life verschwinden Bücher inzwischen nach ein, zwei, drei Monaten aus der Wahrnehmung, bei uns ist Altes und Neues gleich viele Klicks entfernt. So eine Bibliothek kann Staub und Spinnweben ansetzen, und es ist vielleicht mal nicht viel los, aber man kann immer noch reingehen, den Staub runterpusten und Bücher entdecken.
Solche bewunderungswürdige Sammelarbeit lässt sich allein mit einem Blog einfach nicht stemmen.

* Keine Angst, das wird kein Sprachnörgelpost, wobei ich mir die Bemerkung nicht verkneifen kann, dass es in diesem Fall »Quo vaderis, Phantastikportale?« heißen müsste (hihi!).

Donnerstag, 28. August 2014

Ich bin nicht mehr es

Ich habe mich entschieden, meinen Nickname zu ändern. Im deutschsprachigen Fandom gibt es schon mindestens eine Person namens Anubis, die länger als ich diesen Namen gebraucht. Das führte mitunter zu Verwechslungen (Beweisstück A), und ich will niemandem die Verlegenheit zumuten, sich unschuldig für mein Geschreibsel rechtfertigen zu müssen.

Wenn ich mich also vorstellen darf: Murilegus rex, Diplomscholomant in Hermanstadt. Bitte fühlen Sie sich wie im Café, im Traum oder im Labyrinth, wenn auch nicht wie zu Hause.

Mittwoch, 9. Juli 2014

MZB-Update

Triggerwarnung: Kindesmissbrauch, sexualisierte Gewalt.

Im Fall Marion Zimmer Bradley gibt es einige Neuigkeiten und klärende Hinweise sowie eine (wie ich finde) kontroverse Angelegenheit, der ich mich in einem weiteren Blogpost widmen will.

Da ist zunächst Deborah J. Ross, eine Autorin aus dem Kreis um MZB, die heute die Darkover-Reihe fortführt. Als die Nachricht von den Missbrauchsvorwürfen gegen Bradley einschlug, verschickte sie einen Tweet, den ich bereits in meinem ersten Blogpost zum Thema zitiert habe: »Only half the story is being told. Please be careful about believing sensationalist rumors online.« Vor zwei Wochen hat Ross sich nun dafür entschuldigt: »I was wrong about the story, and I was wrong to say what I did. I am deeply sorry for the pain I caused.« Das verstehe ich als Eingeständnis, dass das, was Ross in ihrem Tweet geschrieben hatte, schlicht falsch war.* Trotzdem hätte mich interessiert, was genau sie eigentlich meinte, als sie sagte, nur die Hälfte der Geschichte werde erzählt. Aber sei’s drum, vielleicht handelte es sich einfach nur um eine abwehrende Floskel.

In meinem ersten Post schrieb ich:
In den siebziger Jahren gründete MZB die Künstler_innenkommune Greyhaven. Sie sammelt eine Gruppe von Autor_innen um sich, mit denen sie in quasi-familiärer Weise zusammenlebte. Darunter sind Paul Edwin Zimmer (MZBs Bruder), Diana L. Paxson (die nach MZBs Tod den Avalon-Zyklus fortsetzte) und Elisabeth Waters (MZBs langjährige Lebensgefährtin und Sekretärin, die heute ihren Nachlass verwaltet).
Dabei habe ich mich von dem deutschsprachigen Wikipedia-Artikel über MZB leiten lassen, in dem es heißt: »Mit ihren Schwägerinnen Diana L. Paxson und Tracy Blackstone und ihrem Bruder Paul Edwin Zimmer wohnte sie in dem Schriftstellerhaushalt Greyhaven, später bis zu ihrem Tod in ihrem Haus Greenwalls, beides in Berkeley (Kalifornien).« Paxson hat nun darauf hingewiesen, dass diese Angabe nicht ganz zutrifft:
In 1971 I and my family bought a large house in Berkeley which we called Greyhaven. In addition to me, my husband and our son, the family included Marion’s mother and Marion’s younger brother and his wife and daughter. Since my husband had been unofficially adopted into the Zimmer family, I thought of Marion as my sister-in-law.
In 1973 Marion’s family moved into a house about a mile away which they called Greenwalls. Marion and her family never lived at Greyhaven. They did come here regularly for holidays and Sunday afternoon tea. The confusion between the two households arose because in 1983 Marion edited an anthology featuring stories by many of the people who used to come to discuss their writing around the tea table, and called it Greyhaven, since that was where the discussions took place.
Über ihr Verhältnis zu Bradleys und Walter Breens Kindern schreibt Paxson:
After living elsewhere for a number of years, both of Marion’s younger children have now returned to the Bay Area. Moira’s brother is currently living with us at Greyhaven. Moira herself lives in the area, joins us for family parties, and leaves her youngest son here for play-dates with his cousins. We at Greyhaven have done our best to provide a loving and supportive family. Moira has given me permission to quote the following:
“I would like to clarify for the sake of those who read the anthology Greyhaven that although our large, extended family often COLLECTED at Greyhaven in the Berkeley Hills, my mother’s house has always been called “Greenwalls.” … My brother and I often stayed at Greyhaven after school in the early grades, because it was a short walk from school, but we did not live there. The concept of Greyhaven as an extended family/writer’s colony exists to this day, as we meet for afternoon tea on Sundays as the decades roll past. Please do not assign any responsibility for my mother or father’s bad actions to those who lived at Greyhaven: if Diana had known what my mother or father was doing, it is likely she would have been on the phone with the police even faster than I was.”
Gut zu wissen, dass Moira Greyland und ihr Bruder in ihrer Kindheit wenigstens zeitweilig einen sicheren Ort hatten. Gut auch, dass mit Paxson wenigstens eine Person aus MZBs innerem Kreis nicht in den Chor der Anfeindungen und der Schuldabwehr einstimmt, wie sie bereits seit der Veröffentlichung von Bradleys und Elisabeth Waters’ eidesstattlichen Aussagen durch Stephen Goldin zu hören sind. Gewusst haben will Paxson aber auch nichts.

Der Marion Zimmer Bradley Literary Works Trust, der MZBs Nachlass verwaltet, hat sich mittlerweile zu Wort gemeldet. Und weiß natürlich ebenfalls von nichts. Gegenüber dem Guardian** sagte der Literaturagent Russell Galen, der den Trust vertritt:
Marion is deceased and we are not able to ask her about her side of the story, nor do we have any personal knowledge of the events that are being described. All we can say is that during the decades in which we worked with her, we found Marion to be a great friend and enormously kind person. She was much loved by many friends, especially in the literary community where she supported the careers of many writers at considerable personal expense. That’s just a statement of fact based on personal knowledge, and is not meant to be a response to these allegations ...
Das lasse ich mal kommentarlos so stehen. Gollancz, einer von MZBs Verlagen, kündigt an:
Allegations about Marion Zimmer Bradley have surfaced in the last couple of weeks, including a statement from her daughter, Moira Greyland, that she was sexually abused by her mother. Ms Bradley died in 1999 and therefore cannot answer these charges, nor are we in a position to comment on them; we are also mindful of the dangers of drawing a link between any writer’s personal life and their work. Further, we are aware that royalties from the sales of her work are mainly distributed between a range of charities, including Save the Children. We have considered carefully what response, if any, we – as publishers of her digital backlist – should make in this situation. We have decided that we will henceforth donate our income from sales of her Gateway e-books to Save the Children. We will be making no further comment on the matter.
* Oft genug bestehen Entschuldigungen von Personen des öffentlichen Lebens ja aus hirnerweichenden Formulierungen wie »Ich entschuldige mich, aber ich bleibe bei dem, was ich gesagt habe«.
** Leider verschweigt der Guardian-Artikel, dass es vor allem Stephen Goldins, Deirdre Saoirsa Moens und Natalie Luhrs’ Bemühungen waren, durch die der ganze Fall überhaupt publik wurde.

Freitag, 27. Juni 2014

How to not respond to unremittingly shite criticism

Als zertifizierter Gutmensch, vom Establishment bezahlt und von den linken Mainstream-Medien gehirngewaschen, habe ich natürlich große Freude an solcher Widerrede, die richtig mit ideologischem Schmackes daherkommt:
Die Kritik zu 1985 ist unglücklicherweise die Sichtweise eines Menschen, der vermutlich aus lauter politischer Korrektheit das “zeitgeistige” Anliegen Burgess’ völlig missverstanden hat – oder wollte. [...] Und nun zur politisch korrekten, und damit peinlichen, Kritik an Burgess’ Sicht auf den Islam ...
Allerdings muss ich sogleich meine Unerfahrenheit eingestehen. Es passiert leider ziemlich selten, dass einer meiner Rezensionen oder sonstigen Texte auf diese Weise begegnet wird. Ich frage mich also in bester Gutmenschentradition: Was tun?

Ich bin nicht der erste, der vor dieser Frage steht.
Die naheliegendste Antwort wäre wohl Fisking. Allein, ich halte nicht sonderlich viel von Fisking.* Die meisten Fiskings beschränken sich darauf, einem inkohärenten Rant mit einer Aufzählung der Fakten zu begegnen, die in dem Rant fehlen oder verzerrt widergegeben werden. Aber Fakten allein sagen halt nicht besonders viel aus. Mit ihnen lässt sich kein Beweis führen, wenn man nicht zuvor (innerhalb eines theoretischen Rahmens) eine Hypothese aufgestellt hat. Fehlt dieser Kontext, dient das Aufzählen von Fakten nur zur rhetorischen Verstärkung der jeweils vertretenen Position.

Aber vielleicht ist das gar keine schlechte Idee: Vergessen wir das mit den Fakten und bleiben beim Rhetorischen. Einen Spruch wie »Lesen hilft!« oder »Ungenügend. Der Nächste bitte!« loslassen? Das ist auch nicht wirklich befriedigend, und originell schon gar nicht. Ich gehe deshalb den bescheidensten aller Auswege und schließe mit einem Zitat von James Worrad, das ich unter einer seiner Satiren** gefunden habe und mir hiermit aneigne:
See, there’s this emerging cliche in SF blog comment rolls where a right wing guy comes on and says something that’s the wit equivalent of a Neanderthal trying to beat an Auroch’s skull in with a 12 inch rubber dildo and then the lefty-inclined blogger replies with something like ‘4/10, must try harder’ or some uninspired shit like that, basically replying to your comment in the style of a teacher or literary critic. The idea is it’s meant to be a ‘hilarious burn’. No doubt you must have encountered it.
Unfortunately your comment is so unremittingly shite in both concept and execution that I’d only have recourse to the above by-the-numbers and wholly unimaginative ‘satirical’ gambit. So I won’t.

* Am nächsten bin ich der Sache noch mit meinem Blogpost über Sigrid Löffler gekommen.
** Sehr erheiternd zu lesen übrigens.

Donnerstag, 19. Juni 2014

Kindheit in Avalon

Hinweis zum Inhalt: Kindesmissbrauch, sexualisierte Gewalt.

Am 3. Juni erschien auf Tor.com ein Artikel, der (anlässlich ihres Geburtstags) an Marion Zimmer Bradley erinnerte, die 1999 an den Folgen eines Herzanfalls verstarb. Der Artikel erwähnte, dass sie in zweiter Ehe mit dem Fandom-Aktivisten Walter Breen verheiratet war. Was er nicht erwähnte: Walter Breen wurde 1954 wegen sexueller Belästigung von Kindern verurteilt. 1964 veröffentlichte er sein Buch Greek Love, das Päderastie in einem positiven Licht darstellte. 1990 wurde er wegen Verdachts auf Kindesmissbrauch verhaftet. Er gestand und wurde zu einer Haftstrafe verurteilt. 1993 starb er im Gefängnis.

Bradley und Breen waren 26 Jahre lang, von 1964 bis 1990, miteinander verheiratet und hatten eine Tochter und einen Sohn. 1979 trennte sich das Paar, blieb aber weiterhin in engem Kontakt, auf persönlicher wie auf geschäftlicher Ebene. 1990, nach Breens Verhaftung, reichte Bradley die Scheidung ein. Wenn das alles wäre, gäbe es nicht unbedingt einen Grund, den Missbrauch, den Breen betrieb, in einem Gedenkartikel über MZB zu erwähnen. Es ist aber nicht alles. Bradley wusste von Breens Aktivitäten. Sie deckte ihn und unterstützte ihn darin, sexuelle Beziehungen vor allem mit Jungen zu pflegen. Sie war am Veröffentlichungsprozess von Greek Love beteiligt, und das Buch ist ihr gewidmet. Sie schrieb sogar eine Art Komplementärartikel dazu, »Feminine Equivalents of Greek Love in Modern Fiction«.

Zu Beginn der sechziger Jahre war Breen eine schillernde Figur im SFF-Fandom von Berkeley, wo auch MZB später lebte. Breen war in dieser Zeit dafür bekannt, sich sogar vor den Augen ihrer Eltern an Kindern zu vergreifen. 1963–64 kam es deshalb zu einer Kontroverse, die als »Breendoggle« bekannt wurde. Das Fandom von Berkeley zerstritt sich über Breen. Während einige dafür eintraten, ihn von Fan-Aktivitäten auszuschließen, sprachen andere von Rufmord oder waren der Ansicht, ein Ausschluss aus dem Fandom sei schlimmer als Breens Übergriffe und deshalb nicht gerechtfertigt. Wie ›schlimm‹ aber waren Breens Übergriffe? Bill Donaho (ein Fan, der sich bemühte, Breens Aktivitäten ein Ende zu setzen) verfasste ein Memorandum, »The Great Breen Boondoggle or All Berkeley Is Plunged into War«, in dem er die Akte von Kindesmissbrauch, die Breen beging, detailliert schilderte. Ich zitiere aus diesem Dokument nicht, sondern sage nur, dass die Lektüre mich fassungslos gemacht hat. (Für den Link spreche ich deshalb eine Triggerwarnung aus!)

Wenn ich sage, dass Walter Breen eine schillernde Figur war, so gilt das für seine gesamte Persönlichkeit. In seinem Äußeren kultivierte er eine Art Guru-Stil mit langem Bart und wallendem Haupthaar. Er trug bunte, über der Brust geöffnete Hemden und den Schlüsselanhänger seiner Studentenverbindung als Zipper am Jeansreißverschluss. (Ich muss zugeben, dass er mir allein schon deshalb wie ein ausgesprochen unangenehmer Mensch vorkommt). Breen galt als ausgeprochen intelligent und zugleich als jemand, der noch im Erwachsenenalter sehr kindliche Verhaltensweisen zeigte.* Er war eine Art Über-Nerd, bekannt nicht nur im Fandom, sondern auch als begabter Musiker und als Numismatiker (als solcher entwickelte er eine Systematik zur Katalogisierung von Münzen). Er glaubte an Reinkarnation und war überzeugt, ein früheres Leben auf Atlantis verbracht zu haben – ganz wie die Figuren aus MZBs Avalon-Romanen. Ein Besuch auf dem Glastonbury Tor (ein Ort, der allen Leser_innen von The Mists of Avalon bekannt sein dürfte) geriet ihm zum mystischen Erlebnis, mit Trancezuständen und Halluzinationen. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass viele Menschen sich von seiner Persönlichkeit in den Bann ziehen ließen. Breen stand im Ruf, eine Legende des Fandoms zu sein. Noch heute gibt es Menschen, die mit ehrfürchtiger Bewunderung von ihm sprechen. Sein jüngstes bekanntes Opfer war gerade einmal drei Jahre alt, als er es missbrauchte.

1964, als Bradley und Breen heirateten, war der »Breendoggle« noch im Gange. Breen fuhr fort, Kinder und Jugendliche zu missbrauchen. In den siebziger Jahren war MZB Mitgründerin der Künstler_innenkommune Greyhaven. Sie sammelte eine Gruppe von Autor_innen um sich, mit denen sie in quasi-familiärer Weise zusammenlebte.** Darunter sind Paul Edwin Zimmer (MZBs Bruder), Diana L. Paxson (die nach MZBs Tod den Avalon-Zyklus fortsetzte) und Elisabeth Waters (MZBs langjährige Lebensgefährtin und Sekretärin, die heute ihren Nachlass verwaltet). Nach der Trennung von MZB wohnte Breen weiterhin in einem Haus, das seiner Frau gehörte. Dort missbrauchte er seit 1985 ein Kind, das in diesem Jahr acht war. 1989 informierte Moira Greyland, Bradleys und Breens Tochter, wegen dieses Falles die Polizei. Breen wurde verhaftet und verurteilt, kam auf Bewährung frei, belästigte ein weiteres Kind und musste ins Gefängnis. 1997 wurden auch MZB und Elisabeth Waters angeklagt, als Mitwisserinnen Breens. Stephen Goldin, der Stiefvater eines der Kinder, die Breen missbraucht hatte, stellte die Aussagen, die MZB und Waters unter Eid tätigten, online. MZBs Versuche, sich zu verteidigen, sind haarsträubend. So behauptet sie einmal (laut Waters’ Aussage), Kinder an den Genitalien zu berühren, könne keine sexuelle Handlung sein, da Menschen vor der Pubertät keine erogenen Zonen hätten. Dann wieder sagt sie, sich selbst widersprechend, ein elfjähriger Junge sei in ihren Augen alt genug, um selbst zu entscheiden, ob er eine sexuelle Beziehung zu einem erwachsenen Mann eingehen wolle.

Breens Taten sind nur allzu gut dokumentiert. Als Anfang Juni der Artikel zu MZBs Ehren auf Tor.com erschien, reagierte Deirdre Saoirse Moen mit einem Blogpost, in dem sie einige besonders erschreckende Passagen aus Bradleys Aussage vor Gericht zitiert. Tor.com zog daraufhin den Artikel zurück.*** Eine Woche später erhielt Saoirsa Moen eine E-Mail von Bradleys und Breens Tochter, Moira Greyland, die sie mit Einverständnis der Absenderin veröffentlichte. Darin sagt Greyland:
It is a lot worse than that.
The first time she molested me, I was three. The last time, I was twelve, and able to walk away.
I put Walter in jail for molesting one boy. I had tried to intervene when I was 13 by telling Mother and Lisa [Waters], and they just moved him into his own apartment.
I had been living partially on couches since I was ten years old because of the out of control drugs, orgies, and constant flow of people in and out of our family “home.”
None of this should be news. Walter was a serial rapist with many, many, many victims (I named 22 to the cops) but Marion was far, far worse. She was cruel and violent, as well as completely out of her mind sexually. I am not her only victim, nor were her only victims girls.
I wish I had better news.
So erschreckend sich das anhört, es ist tatsächlich keine wirkliche Neuigkeit. Elisabeth Waters sagte an Eidesstatt aus, Moira habe ihr von dem Missbrauch durch ihre Mutter und eine Vergewaltigung durch ihren Vater erzählt. Sie sprach MZB darauf an, erhielt von ihr aber nur die oben erwähnte Aussage über die erogenen Zonen, die Kinder angeblich nicht hätten. Sie sprach auch Breen darauf an, der alles bestritt. Weiter unternahm sie nichts. Ihrer eigenen Auskunft nach erwähnte sie die Sache nie wieder. All das ist in den von Stephen Goldin zugänglich gemachten Dokumenten zu lesen.

Nun ist eine E-Mail kein Gerichtsurteil. MZB ist tot, und wenn sie nicht nur Mitwisserin, sondern auch Täterin war, wird sie niemals dafür bestraft werden. Ihre Aussage vor Gericht, die MZBs zutiefst problematisches Verhältnis zur Sexualität von Kindern offenbaren, zeigen deutlich, dass sie über keinerlei Verständnis für das Machtgefälle zwischen Kindern und Erwachsenen verfügte – oder vielleicht auch, dass sie das Machtgefälle sehr gut verstand und für Breens und ihre Zwecke auszunutzen wusste.

Erstaunlicherweise gibt es immer noch Personen, die MZB in dieser Sache in Schutz nehmen. Es scheint, als habe es sich ausgezahlt, dass sie als Bestseller-Autorin einen engen Kreis von Vertrauten um sich scharte. Schon 2000, nachdem Goldin MZBs Aussage öffentlich machte, formulierte Elisabeth Waters eine Gegendarstellung. Waters bezweifelt, dass Breen Kinder missbraucht habe, und streitet ab, dass Bradley davon gewusst haben könne. Und sie unterstellt Goldin und seiner Frau, die eigentlichen Schuldigen an den Missbrauchserfahrungen ihres Sohnes zu sein: »God only knows what the poor kid learned about sex from them.« Dieses Dokument wurde ebenfalls von Goldin veröffentlicht. Waters arbeitet für den Marion Zimmer Bradley Literary Works Trust, an den die posthumen Einkünfte aus MZBs Veröffentlichungen fließen. In dem biographischen Porträt auf den Seiten der Stiftung wird nicht einmal erwähnt, dass MZB mit Walter Breen verheiratet war. Deborah J. Ross, die MZBs Darkover-Reihe fortsetzte, schrieb zu den jüngsten Ereignissen auf Twitter: »Only half the story is being told. Please be careful about believing sensationalist rumors online.« Twitter-Formulierungen sollte man nicht auf die Goldwaage legen. Aber ich frage mich doch: Wenn das, was Goldin, Saoirsa Moen und Greyland aufgedeckt haben, die eine Hälfte der Geschichte ist – wie sieht dann erst die andere Hälfte aus?

Es gibt jetzt viele Überlegungen, wie mit MZBs Andenken, mit ihrem Werk umzugehen ist. Saoirsa Moen hat meinem Gefühl nach die treffendsten Gedanken dazu:
Many of us have been through some really dark times, and we have the pieces that spoke to our hearts that got us through those times. It genuinely gives me no joy to know that, for those whom MZB’s works were those pieces, I’ve dislodged that for them. [...] In addition to the lives she harmed, MZB’s works saved the lives of other people by speaking to them when other works and other people would not and/or did not. Truly. Rachel E. Holmen, who worked as an editor for Marion Zimmer Bradley’s Fantasy Magazine said about Marion:
When she visited cons, ten or twenty young women an hour would stop by with stories along the lines of “Your books saved my life.”
There are other writers being published now who may speak to those same hearts, but if MZB is still the author that would help them, then I think it’s important that her work be available to do so. This doesn’t diminish her very real (and very severe) failings.
Bevor Joanne K. Rowling auf der literarischen Bühne erschien, war MZB wahrscheinlich die bekannteste Autorin von Fantasy, zumindest außerhalb von Genrekreisen. Innerhalb des Genres liegt ihre Bedeutung vor allem in ihren Anthologien, die von Frauen geschriebener Sword and Sorcery größere Anerkennung verschafften. Das bleibt so, trotz aller Schuld, die sie auf sich geladen hat. Aber: Es ist momentan viel von »seperating the artist from the art« die Rede. Wir alle haben völlig zu recht gelernt, dass man Literatur nicht als Antwort auf die Frage »Was will uns der Autor damit sagen?« interpretieren kann. Aber (um ein einschlägiges Beispiel zu wählen) man kann auch nicht Lovecrafts Rassismus von seinem Werk trennen, denn dieser Rassismus findet in seinem Werk vielfältigen Ausdruck. Man kann Lovecraft weiterhin lesen und sein Werk bewundern, aber man kann angesichts von »The Horror at Red Hook« nicht so tun, als sei er kein Rassist gewesen. Ähnliches gilt in meinen Augen auch für MZB:
Ein kleines Mädchen, von Kopf bis Fuß blau bemalt, rannte mit einem großen Teller über die gepflügten Felder und besprengte die Erde mit dunklen Tropfen. Morgaine hörte ein gewaltiges Rufen, das sich hinter ihr erhob.
»Die Felder sind gesegnet! Gib uns Nahrung, Mutter!«
[...] Sie streckte die Arme aus und wußte, daß vor der Höhle im Licht der Fruchtbarkeitsfeuer Männer und Frauen, die vom schäumenden Strom des Lebens zueinander gezogen wurden, sich auf ihren Befehl vereinigten. Das kleine, blaubemalte Mädchen, das mit dem befruchtenden Blut über die Felder gelaufen war, wurde in die Arme eines alten sehnigen Jägers gelegt; Morgaine sah, wie sich die Kleine kurze Zeit wehrte, aufschrie und unter seinem Körper begraben wurde, während sich ihre Schenkel auftaten – bezwungen von der unwiderstehlichen Kraft der Natur. Morgaine sah es, ohne zu sehen. Sie schloß die Augen vor der blendenden Fackel und hörte die Schreie.
Das ist ein Ausschnitt aus einer Schlüsselszene in MZBs berühmtesten Roman Die Nebel von Avalon. Die Szene beschreibt ein Fruchtbarkeitsritual, dem Morgaine, die Heldin und Sympathieträgerin des Buches, als Priesterin vorsteht. Und sie beschreibt auf distanzierte, fast beiläufige Weise die Vergewaltigung eines Kindes, der die Heldin zusieht, ohne wirklich hinzusehen. Man ziehe daraus Schlüsse oder nicht. Wir wissen jetzt mit aller erschreckenden Klarheit, dass MZB nicht besser als die Heldin ihres Romans war. Wahrscheinlich hat sie Schlimmeres getan, als nur wegzusehen.

* Mit dem Hinweis auf sein ›kindliches‹ Verhalten will ich nicht seine Taten beschönigen – etwa nach dem Motto »Boys will be boys«. Vielmehr vermute ich, dass Breen diesen Zug seiner Persönlichkeit absichtlich stark zum Tragen brachte, um leichter Kontakt zu Kindern aufnehmen zu können.
** Siehe zu dem durchgestrichenen Satzteil meinen Follow-up-Post.
*** Saoirsa Moen äußerte zunächst Freude über die Entscheidung von Tor.com, sagte aber später, sie hätte es bevorzugt, wenn Tor.com den Artikel hätte überarbeiten lassen.

Donnerstag, 12. Juni 2014

SteglitzMind stellt Lake Hermanstadt vor

Gesine von Prittwitz hat mir für ihr Blog SteglitzMind einige Fragen gestellt. Das Gespräch ist seit gestern mittag online. Es ist Teil einer Interviewreihe mit Literaturblogger_innen, die 2012 begonnen wurde und Leuten wie mir ermöglicht, laut über unsere Motivation zum Lesen und Bloggen nachzudenken. Zu verdanken habe ich diese Gelegenheit Frank Böhmert. Am Ende jedes Interviews wird nämlich gefragt, welches Blog als nächstes vorgestellt werden soll, und Frank Böhmert hat sich doch glatt den Hermanstädter See gewünscht.

Donnerstag, 13. März 2014

Sibyllinisch, dieses Onanieverbot

Ich finde es empörend, wie mit Sibylle Lewitscharoff umgegangen wird. Schließlich hat sie nur gesagt, was sie dachte, und das wird man ja wohl dürfen. Lewitscharoff, das dürfte mittlerweile klar sein, ist Opfer eines Missverständnisses. Und dennoch wird weiter auf ihr rumgehackt, statt dass es ihr einfach mal jemand erklärt.

Lewitscharoff ist Fundamentalistin, wird gesagt. Das ist ein Begriff, der häufig in einer sehr vagen und allgemeinen Weise gebraucht wird, um besonders konservative Anhänger_innen einer jeglichen Religion zu bezeichnen. Historisch gesehen ist der Fundamentalismus jedoch eine Strömung innerhalb des protestantischen Christentums. Die so verstandenen Fundamentalist_innen glauben an eine wörtliche Auslegung der Bibel und daran, dass sich die staatliche Gesetzgebung an dieser Auslegung zu orientieren habe. Lewitscharoff sagte in ihrer Dresdner Rede: »Früher habe ich mich über das drastische biblische Onanieverbot gern lustig gemacht, inzwischen erscheint es mir geradezu als weise.« Im FAZ-Interview vom 6. März verteidigte sie diese Aussage mit den Worten, »dass manchmal bestimmte Dinge, die in der Bibel vorhergesagt sind, in dem Moment, in dem sie zu einer so katastrophalen Entwicklung führen können, plötzlich eine ganze andere Dimension bekommen«. Sie glaubt also, dass das »biblische Onanieverbot« nicht einfach so, sondern in weiser Voraussicht erlassen wurde. Zu biblischen Zeiten gab es etwas so Teuflisches wie künstliche Befruchtung noch nicht, aber Gott hat die Fortschritte der Reproduktionsmedizin vorausgesehen und deshalb präventiv Maßnahmen ergriffen. Zwar betont Lewitscharoff im Interview sehr, niemandem das Onanieren verbieten zu wollen, aber das nimmt ihr zu Recht niemand ab. Die Onanie ist ihr suspekt, weil auf diesem Wege Samen gespendet werden kann, der anschließend zur Zeugung von Kindern qua künstlicher Befruchtung verwendet wird. Diese Möglichkeit findet sie nicht nur »absolut widerwärtig«, wie sie in der Rede sagte, sondern auch katastrophal, wie das Interview präzisiert. Wer künstliche Befruchtung für eine Katastrophe hält, muss auch was dagegen tun. Männliche Onanie gehört konsequenterweise verboten. Lewitscharoff wird also durchaus zutreffend als Fundamentalistin charakterisiert.

Allerdings ist es mit der wörtlichen Auslegung der Bibel so eine Sache. Im Grunde ist es nämlich unmöglich, Erzähltexte zu verstehen, indem man sie wörtlich nimmt. Ich zitiere als Beispiel die ersten Sätze von Wolfgang Koeppens Tauben im Gras: »Flieger waren über der Stadt, unheilkündende Vögel. Der Lärm der Motoren war Donner, war Hagel, war Sturm. Sturm, Hagel und Donner, täglich und nächtlich, Anflug und Abflug, Übungen des Todes, ein hohles Getöse, ein Beben, ein Erinnern in den Ruinen.« Wenn das jemand ›wörtlich‹ verstehen möchte, kann ich nur sagen: Viel Vergnügen. Eine aufschlussreiche Lektüre wird das nicht. Aber Fundamentalist_innen sind meistens nicht so dumm, wie sie aussehen, und wenden sofort ein: Das ist natürlich nicht gemeint mit wörtlicher Auslegung. Auch in der Bibel sind literarische Stilmittel wie Metaphern und Personifikationen zu finden. Wenn Jesus sagt »Ich bin der Weg«, dann ist damit nicht gemeint, er sei ein Feldweg oder eine Schotterstraße. Wichtig ist, den Inhalt der Bibel wörtlich zu verstehen. Nur: Was ist Stilmittel, was ist Inhalt? Im Zweifel sind der Kulanz der Fundamentalist_innen, was symbolische Rede angeht, ziemlich enge Grenzen gesetzt. Heißt es etwa beim Propheten »Wölfin und Lamm werden einträchtig weiden, der Löwe wird wie das Rind Stroh fressen« (Jesaja 65,25), dann kann das laut fundamentalistischer Auslegung durchaus bedeuten, dass Gott dereinst mit einem Fingerschnipsen dafür sorgen wird, dass Wölfin und Löwe mit einem herbivoren Verdauungstrakt ausgestattet werden (während prosaischer gesinnte Menschen zumeist annehmen, der Prophet habe mit diesem Vers einfach nur seiner Hoffnung auf ein Zusammenleben ohne Gewalt Ausdruck verleihen wollen).

So ist das also mit der wörtlichen Auslegung: Die Bibel wird als eine Ansammlung von Fakten gelesen. Wenn es im Buch Genesis heißt, Gott habe die Welt in sechs Tagen geschaffen und am siebten geruht, dann ist das eine Tatsache und lässt sich nicht etwa damit erklären, dass die Zahl Sieben symbolisch für Vollendung steht. Und wenn Wölfin und Löwe kein Gras, sondern Fleisch fressen, dann liegt das nur daran, dass die Zeit für die Bewahrheitung dieser biblischen Aussage noch nicht gekommen ist. Zum rechten Zeitpunkt wird Gott schon bewirken, dass Wölfin und Löwe auf vegetarische Ernährung umsteigen. Ähnlich verhält es sich mit den ethischen Aussagen der Bibel. Das Onanieverbot ist Gott nicht ohne Grund schon vor langer Zeit in den Sinn gekommen. Er wusste einfach damals schon, dass im 20. Jahrhundert mad scientists etwas so Perverses wie die künstliche Befruchtung erfinden würden.

Aber da fängt auch schon das Missverständnis an. Ich studiere Theologie und kenne daher die Bibel recht gut. Das Problem ist: Es gibt kein Onanieverbot in der Bibel. Das Alte Testament enthält drei große Gesetzessammlungen, namentlich das Bundesbuch in Exodus 20,22–23,33, das Heiligkeitsgesetz in Leviticus 17–26 und das Buch Deuteronomium. Daneben gibt es die berühmten Zehn Gebote, die in zwei voneinander abweichenden Fassungen – in Exodus 20,2–17 und Deuteronomium 5,6–21 – überliefert sind. Die Zehn Gebote verbieten Ehebruch (Exodus 20,14 bzw. Deuteronomium 5,18).* Im Bundesbuch wird Sex mit Tieren verboten (Exodus 22,18). Im Heiligkeitsgesetz, in Leviticus 18 und 20, wird Inzest, Analsex unter Männern, Sex während der Menstruation und abermals Ehebruch und Sex mit Tieren verboten. Onanie wird nicht erwähnt. Und ich würde es zwar nicht beschwören wollen, aber ich bin mir doch ziemlich sicher, dass auch außerhalb der Gesetzessammlungen nirgendwo in der Bibel von Masturbation die Rede ist. Selbstbefriedigung wird schlicht und einfach nicht erwähnt. Kennt die Fundamentalistin Lewitscharoff am Ende die Bibel nicht?

Ganz so verhält es sich nicht. Wenn Lewitscharoff von einem biblischen Onanieverbot spricht, spielt sie damit wahrscheinlich auf die Geschichte von Onan (Genesis 38) an, nach dem die Onanie schließlich benannt ist. Ich gebe mal die Essentials der Handlung wieder: Juda, der Stammvater eines der zwölf Stämme Israels, und seine Frau Schua haben drei Söhne namens Er, Onan und Schela. Er, der Erstgeborene, heiratet eine Frau namens Tamar, doch er stirbt, bevor Tamar schwanger wird. Der Familienchef Juda bestimmt daraufhin, dass der zweitgeborene Sohn Onan mit Tamar Nachwuchs zeugen soll, damit sie nicht kinderlos bleibt. Onan praktiziert jedoch Coitus interruptus mit Tamar. Zur Strafe lässt Gott auch Onan sterben.

Es kommt nicht selten vor, dass die fundamentalistische Bibelauslegung in ihr vermeintliches Gegenteil umschlägt. Anstelle von ›wörtlicher‹ Interpretation hat man dann plötzlich ein völlig willkürliches Hineinlesen aller möglichen Bedeutungen in den Text. Klar ist, dass es sich bei der Geschichte von Tamar und Onan um eine simple cautionary tale handelt: Onan stirbt, weil er unmoralisch gehandelt hat. Aber angekreidet wird ihm nicht Masturbation, sondern dass er außerhalb von Tamars Vagina ejakuliert: »Und wenn er dann zur Frau seines Bruders kam, ließ er ihn [den Samen] auf der Erde verkommen, um nur ja keinen Samen zu spenden für seinen Bruder. Was er da tat, war böse in den Augen Adonajs und so ließ Adonaj auch ihn sterben.« (Genesis 38,9f.) Liest man die Geschichte als Onanieverbot, ergibt sie keinen Sinn. Liest man sie als Verbot von Samenspende, ergibt sie erst recht keinen Sinn. Das heißt aber nicht, dass sie sinnlos wäre. Um die Geschichte zu verstehen, muss man mit einer Eigenheit der gesellschaftlichen Organisation im alten Israel vertraut sein.

Man lebte in Sippen und Stämmen zusammen. Die Zugehörigkeit zu Sippe und Stamm war patrilinear geregelt, d.h. man gehörte zu der Sippe, zu der auch der Vater gehört hatte. Ging es um den Erhalt der Sippe und des Stammes, kam also alles darauf an, die väterliche Linie fortzuführen. Dieses System versetzte kinderlose Witwen wie Tamar in eine ziemlich heikle Position. Sie hatten nichts zum Erhalt der väterlichen Linie beigetragen und deshalb ihre soziale Rolle nicht ausgefüllt. Oft blieb kinderlosen Witwen nichts anderes übrig, als zu betteln. Um das Problem zu lösen, wurde die in der Geschichte beschriebene Regelung eingeführt: Starb ein Mann und ließ eine Frau kinderlos zurück, dann war der Bruder des Verstorbenen verpflichtet, mit seiner Schwägerin ein Kind zu zeugen. Der dadurch entstandene Nachwuchs galt offiziell als das Kind des Verstorbenen, seine Linie wurde fortgesetzt und die Mutter entsprach ihrer gesellschaftlichen Rolle. Onan drückt sich davor, Tamar zu schwängern, weil er dann ein Kind zu versorgen hätte, das rein rechtlich gesehen nicht mal seins wäre, sondern das seines verstorbenen Bruders. Die Geschichte soll wahrscheinlich eine Ermahnung für Männer sein, die so egoistisch dachten wie Onan und ihren Schwägerinnen ihr gutes Recht vorenthielten.

Allgemein lässt sich von der biblischen Ethik sagen: Geht es um Fortpflanzung, ist jedes Mittel recht. Sara ist unfruchtbar und schlägt deshalb ihrem Mann Abraham vor, mit seiner Sklavin Hagar ein Kind zu zeugen. Als Lot mit seinen zwei Töchtern aus dem zerstörten Sodom in die Wildnis flieht, machen sich die beiden Sorgen, dass keine Männer für sie da sein könnten. Nachts füllen sie Lot mit Wein ab, haben Sex mit ihm und werden so zu Stammmüttern von Moab und Ammon, zwei Nachbarstaaten Israels. Kurzum, die Bibel fordert reproductive freedom um jeden Preis. Wären künstliche Befruchtungsmethoden in alttestamentlicher Zeit bereits vorhanden gewesen, hätte Gott Onan wahrscheinlich sterben lassen, weil er die Samenspende für die In-vitro-Fertilisation verweigerte.

Ich hoffe deutlich gemacht zu haben, dass Lewitscharoff einem tragischen Irrtum aufgesessen ist. Die vermeintlich so bibelfeste Fundamentalistin hat das Buch Genesis schlichtweg falsch verstanden. Auf das Hier und Heute übertragen, lautet die biblische Botschaft: Recht auf Fortpflanzung für alle, und zwar sofort! Her mit den Reagenzgläsern! Falls Lewitscharoff in Zukunft noch einmal Reden über Reproduktionsmedizin halten will, dann wäre sie gut beraten, vorher die Schrift genau zu studieren. Andernfalls sollte sie besser ihre eigene Religion gründen, die sich meinetwegen auf das Evangelium nach Sibylle beruft, aber bitte nicht mehr auf die Bibel. 

* Ehebruch bedeutet in diesem Fall, dass Männer nicht mit Frauen Sex haben sollen, die anderen Männern ›gehören‹. Man merkt diesen Verboten schon an, dass sie in ausgesprochen patriarchalen Zeiten entstanden sind.

Dienstag, 31. Dezember 2013

Dienstag, 14. Februar 2012

Ach übrigens

Der Hermanstädter See hat jetzt eine Facebook-Seite. Dort wird von nun an auf neue Blogposts hingewiesen. Wer ein Profil bei Fratzenbuch hat, kann das kommentieren und durch Anklicken des Like-Buttons Freude und Zustimmung bekunden. Oder durch Nichtanklicken Missbilligung ausdrücken.

Freitag, 3. Februar 2012

Trolle

Gestern in der Frankfurter Rundschau:
Das Trollen scheint bei den Konservativen (siehe Ansgar Heveling)  zur liebsten Freizeitbeschäftigung zu werden. Warum auch nicht? Wer Unsinn verbreitet hat, tut gut daran im Nachhinein zu behaupten, er oder sie habe provozieren wollen.
Hier der Link zum Artikel über Erika Steinbach. Die Ereignisse der letzten Wochen sprechen in der Tat dafür, dass Trolling nicht länger nur ein in Diskussionsforen gepflegtes Hobby ist, sondern als Kommunikationsform in viel weiteren Kreisen genutzt wird. Trolling ist aber weiterhin davon gekennzeichnet, dass ausschließlich Bullshit verbreitet wird. Es zeichnet sich nicht ab, dass Trolling je zu einer Kommunikationsform werden könnte, die in der Lage ist, auch maßgebliche Inhalte zu transportieren. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn wer etwas zu sagen hat, aber aus verschiedenen Gründen kein Gehör findet, kann schließlich immer noch gezieltes Flaming betreiben, das zwar polemisch ist, jedoch auch einen Sachbezug aufweisen kann. Um intelligent zu provozieren, ist Flaming also nach wie vor das Mittel der Wahl. Zum Troll wird dagegen notgedrungen, wer etwas zu sagen haben will, ohne zu wissen, was es denn überhaupt zu sagen gäbe. Das ist nicht unbedingt nur eine negative Entwicklung: Je mehr das Trolling sich verbreitet, desto wahrscheinlicher wird es, dass Leute einfach gleich die Entscheidung treffen, zum Troll werden, statt wie bisher den Umweg über Politik und Publizistik zu nehmen.

 Quelle: Wikipedia

Dienstag, 24. Januar 2012

Für eine neue SF-Religion

Welche Bedeutung hatte aber die Annahme des christlichen Glaubens für die Länder Lateinamerikas und der Karibik? Es bedeutete für sie, Christus kennenzulernen und anzunehmen, Christus, den unbekannten Gott, den ihre Vorfahren, ohne es zu wissen, in ihren reichen religiösen Traditionen suchten. Christus war der Erlöser, nach dem sie sich im Stillen sehnten.
Ansprache Benedikts XVI.
zur Eröffnung der V. Generalversammlung
der Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik

Über das Posthumane kann man eigentlich vom gegenwärtigen Standpunkt nicht schreiben. Genauso wenig, wie man über Gott schreiben kann. [...] Die Situation ist vergleichbar mit dem historischen Aufeinandertreffen von Weißen und Indianern. Die Indianer waren nicht fähig, auf die neuen Gesetzmäßigkeiten in Gestalt der Eroberer einzugehen; so wurden sie von der Entwicklung überrollt und marginalisiert.
Wolfgang Neuhaus,
Am Vorabend der Singularität. Notizen zur »posthumanen« Science Fiction*

* In: Sascha Mamczak/Wolfang Jeschke (Hgg.), Das Science-Fiction-Jahr 2009, München 2009, S. 488–505.

Mittwoch, 24. August 2011

Jorge Luis Google

Google ehrt heute Jorge Luis Borges, der an diesem 24. August seinen zweiundelfzigsten Geburtstag gefeiert hätte, mit einem eigens gestalteten Logo. Wie auch immer man zu dem argentinischen Meister stehen mag, ob man ihn wegen seiner scharfsinnig-visionären Essays und Kurzgeschichten vergöttert oder wegen seiner politischen Irrwege verdammt – der große Phantast hat es schwerlich verdient, post mortem zum Werbegimmick eines phantasieresistenten Online-Dienstleisters zu werden. Was kommt als nächstes? Millionen supporten auf Facebook, dass der Dalai Lama den Literaturnobelpreis erhält? YouPorn vergibt alljährlich den Thor-Kunkel-Preis an besonders treue User? PI-News lässt Botho Strauß markenrechtlich schützen, um den anschwellenden Bockssänger fortan als Maskottchen verwenden zu können?

Samstag, 25. Dezember 2010

Das transsylvanische Gewässer wünscht allen Leserinnen und Lesern fröhliche Weihnachten und ein gutes neues Jahr!

Donnerstag, 21. Oktober 2010

Die unerträgliche Leitkultur diesseits des Rheins

»In Sachen Integrationsdebatte spreche ich mich ausdrücklich für die Zuwanderung möglichst vieler Franzosen aus. Schlecht für unsere Leitkultur, super für unsere öffentliche Streitkultur.«
 Das ist ein Wort.

Montag, 18. Oktober 2010

Jemisin’s Rant

In Deutschland herrscht ja gerade wieder mal so ein herbstliches Klima, in dem Leute, denen man das Denken wahrlich nicht erst verbieten muss, gegen angebliche Denkverbote protestieren. In der Regel läuft das so ab, dass über Political Correctness gewettert wird. Warum der Anti-PC-Mob so drauf ist, wie er ist, erklärt N.K. Jemisin:
Most often I see it [anti-PC whining] coming from older people who resent suddenly having to respect groups they were encouraged to show open contempt for back in the days of their youth. But I’ve seen this attitude among younger people too, so it’s not strictly an artifact of lost historical privilege. It even comes in new interations these days, like Christians who whine about Muslims wanting to be protected from hate crimes, perish the thought, and Americans annoyed that immigrants demand respect for their religion…
Definitiv einer der klügsten Blog-Einträge, die ich in den letzten Monaten gelesen habe, und in der Stoßrichtung nicht nur auf die USA zutreffend. Jemisin spricht mir aus der Seele, denn wenige Dinge kotzen mich momentan so sehr an wie das weitverbreitete Gejammer über PC.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.