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Dienstag, 10. Dezember 2013

Merkwürdige Geschöpfe

Zwei Zitate von US-amerikanischen Fantasy-Autor_innen, die eine gewisse Diskrepanz zwischen der nordamerikanischen und der europäischen Tolkien-Rezeption offenbaren. Man beachte, dass Tolkien, als der Lord of the Rings erschien, in Großbritannien als Autor ohne Publikum galt:
Im Jahre 1965 planten mein Mann und ich, mit dem Zelt nach Europa und dem Mittleren Osten zu reisen und dort zu bleiben, solange unser Geld reichte. Es gelang mir, eine britische Hardcover-Ausgabe des ›Herrn der Ringe‹ zu erstehen und ich las sie auf unserer Überfahrt nach England. [...] Zehn Tage später legten wir in Southampton an, und ich war nicht im geringsten überrascht, daß alle Häuser wie Hobbithöhlen aussahen. Ich mußte mich zurückhalten – und ich schaffte es nur mit Mühe –, einen Gastwirt zu bitten, seine Schuhe auszuziehen, damit ich die Oberseite seiner Füße sehen und die darauf wachsenden Haare betrachten konnte.
Tolkien war ein höchst merkwürdiges Geschöpf, nämlich ein britischer christlicher Mystiker, und als solcher verfügte er über persönliche Anschauungen, die seine Kosmologie klar erkennbar beeinflusst haben, darunter der Glaube an den ewigen Konflikt zwischen den elementaren Kräften von Gut und Böse und die Auffassung, dass selbst die unschuldigsten und reinsten Menschen nicht gegen die Verlockungen dunkler Mächte gefeit sind. Gleichzeitig war jedoch klar, dass am Ende das Gute triumphieren würde. [...] Er schuf eine Welt, die sowohl fremdartig als auch vertraut wirkte. Das Auenland bedeutete ›Heimat‹. Selbst wenn der Leser weit entfernt von den grünen Wiesen der westlichen Grafschaften Englands lebte oder noch nie vom Ufer der Themse aus die Sonne hatte untergehen sehen, vermittelte das Auenland ihm ein Heimatgefühl.
Das erste Zitat ist von Jane Yolen (aus der Einleitung zu Martin H. Greenbergs Anthologie Die Erben des Rings), das zweite von Raymond E. Feist (aus dem von Karen Haber herausgegebenen Aufsatzband Tolkiens Zauber). Nach der darin vertretenen Auffassung ist es die natürlichste Sache der Welt, dass Europäer_innen Tolkien lesen, denn sie leben in Hobbithöhlen, und wenn sie mal geistlichen Beistand brauchen, finden sie sicherlich einen christlichen Mystiker, der im nächstgelegenen Wald in seiner Klause haust. Und wer zwischen Southampton und der Themse, gemütlich vor der Tür der Hobbithöhle sitzend, des Abends den Sonnenuntergang betrachtet, sieht bestimmt auch keinen Widerspruch zwischen dem Glauben an einen ewigen Kampf zwischen Gut und Böse und der Auffassung, dass am Ende das Gute triumphieren wird. Lieber noch ein paar Rauchringe blasen, statt sich über so etwas den Kopf zu zerbrechen.

Man ist versucht, an George R.R. Martin zu denken, der in Deutschland und Schottland von Burgruine zu Burgruine reist, und fühlt sich an die Romantiker Wackenroder und Tieck erinnert, die sich in den historischen Gassen Nürnbergs Träumereien über die Vergangenheit hingaben – nur träumten die beiden frühreifen Genies aus Berlin vor 200 Jahren, als die Grenzen zwischen Geschichtsbewusstsein und Fiktion noch etwas verschwommen waren, während Yolen, Feist und Martin heute leben und schreiben. Ich bin doch immer wieder ein bisschen überrascht darüber, wie oft US-amerikanische Fantasy-Autor_innen rein gar keine Hemmungen zeigen, ihre romantischen Vorstellungen auf Europa zu projizieren. Allerdings ist dies eine Haltung, die die phantastische Literatur der USA von Anfang an begleitete. Henry James schrieb in seiner Nathaniel-Hawthorne-Biographie über die Schwierigkeiten, die ein Autor erfahren musste, der in den USA im ›gotischen‹ Stil schreiben wollte und in seiner Umgebung nach Inspiration suchte:
No sovereign, no court, no personal loyalty, no aristocracy, no church, no clergy, no army, no diplomatic service, no country gentlemen, no palaces, no castles, nor manors, nor old country houses, nor parsonages, nor thatched cottages, nor ivied ruin; no cathedrals, nor abbeys, nor little Norman churches ...
In der US-amerikanischen Phantastik des 19. Jahrhunderts wurde immer wieder versucht, dieses Problem zu lösen und eigenständige Inspirationsquellen zu finden. Das ist auch durchaus gelungen, z.B. durch die Psychologisierung des Unheimlichen in den Kurzgeschichten Edgar Allan Poes – das berühmte Dictum über den Schrecken, der nicht aus Deutschland, sondern aus der Seele kommt. So ganz kam man von Europa aber nicht los. Poe selbst benutzte immer wieder typische Schauplätze, wie man sie aus der europäischen Schauerromantik kennt: Deutsche Adelsschlösser (»Metzengerstein«), das mittelalterliche London (»King Pest«) oder die Kanäle von Venedig (»The Assignation«). Mochte der Schrecken auch aus der Seele stammen, das Material, um ihn zur Darstellung zu bringen, holte man sich oft genug doch wieder aus Deutschland oder anderen europäischen Kontexten. Im Laufe der Zeit hat sich in den USA dann doch so etwas wie eine ›gotische‹ Topographie entwickelt, die von den brütenden Sümpfen und verfallenden Herrenhäusern des Südens bis zu den Hexenjagden in den alten Städten Neuenglands reicht. Aber es bleibt doch bemerkenswert, dass die vielleicht bekannteste auf Americana basierende Fantasy, American Gods, von dem Europäer Neil Gaiman geschrieben wurde.

Das Bild des pseudomittelalterlichen Europa, das die epische Fantasy der Post-Tolkien-Ära nach wie vor dominiert, scheint in seiner Wirkmächtigkeit ungebrochen zu sein. Doch wird es noch verwickelter, wenn man sich den ersten US-amerikanischen Fantasy-Mehrbänder, der nicht nur in Reaktion auf Tolkien geschrieben wurde, sondern auch mit einem explizit pseudoamerikanischen Setting aufwartet, genauer ansieht: The Dark Tower von Stephen King. Im Vorwort der überarbeiteten Fassung des Auftaktbandes The Gunslinger schreibt King erwartungsgemäß, dass ihn die Lektüre des Lord of the Rings zu einer eigenen epischen Fantasy angeregt hat, er aber schnell gemerkt habe, dass mit Tolkien über Hobbits und Elben alles gesagt sei. Überraschend wird es dann, als King auf die alternativen Inspirationsquelle zu sprechen kommt, die er sich gesucht habe: Sergio Leones Spaghettiwestern. Nicht etwa John Ford oder Sam Peckinpah – nein, italienische Schauspieler_innen, die in spanischen Landschaften den amerikanischen Westen imitieren, spenden die Bilder für einen der ersten großen US-Gegenentwürfe zu Tolkien. Wer gerne darüber schimpft, dass wir in Europa nur noch japanische Autos fahren und jeden Abend Filme aus Hollywood im Fernsehen laufen, kann den Einfluss des Italowesterns auf Stephen King als unseren ureigenen europäischen Kulturimperialismus ansehen. Er dürfte sogar weitaus erfolgreicher sein als der in umgekehrter Richtung verlaufende, denn während vermutlich niemand ernsthaft an die Authentizität des Dornröschen-Schlosses in Disneyland glaubt, gibt es sicherlich gar nicht so wenige Menschen, deren Vorstellung vom Wilden Westen von Clint Eastwood geprägt ist, der in den ariden Landschaften von Almería herumstiefelt, oder von Franco Nero, der einen Sarg durch eine Schlammgrube im Latium zerrt.

Übrigens erwähnt Raymond E. Feist in dem eingangs zitierten Essay ganz nebenbei (als ob es nicht weiter bemerkenswert wäre), dass die Zwerge seiner Sekundärwelt Midkemia von »den hart arbeitenden schottischen Bergleuten, die sich im Westen Pennsylvanias niedergelassen haben« inspiriert seien. Merkwürdige Geschöpfe, diese Amis.

Samstag, 21. Juli 2012

Stephen King: Wind

The Wind Through the Keyhole, der Tie-in-Roman zum Dark-Tower-Zyklus, erscheint bei Heyne unter dem Titel Wind. Nun sind Ein-Wort-Titel bei den deutschen Übersetzungen von Stephen Kings Romanen gewissermaßen Programm. Ich schätze, das soll irgendwie geheimnisvoll und suggestiv wirken. Im Falle der Dark-Tower-Romane ist mir allerdings aufgefallen, dass das Ein-Wort-Prinzip nicht mit letzter Konsequenz angewendet wurde. Die Titel lauten im Original (ich folge hier der inneren Chronologie):
  • The Gunslinger
  • The Drawing of the Three
  • The Waste Lands
  • Wizard and Glass
  • The Wind Through the Keyhole
  • Wolves of the Calla
  • Song of Susannah
  • The Dark Tower
Das könnte man etwa folgendermaßen übersetzen, wollte man sich an den Originaltiteln und dem Inhalt der Bücher orientieren:
  • Der Revolvermann
  • Das Ziehen der Drei
  • Die Wüsten Lande
  • Der Zauberer und die Glaskugel
  • Der Wind durch das Schlüsselloch
  • Die Wölfe der Calla
  • Susannahs Lied
  • Der Dunkle Turm
Klingt stellenweise ziemlich holprig, nicht wahr? Die deutschen Titel lauten stattdessen so:
  • Schwarz
  • Drei
  • Tot
  • Glas
  • Wind
  • Wolfsmond
  • Susannah
  • Der Turm
Das ist verwirrend und folgt keiner inneren Logik. Wer würde den Leser_innen so etwas zumuten wollen? Eine gelungene, übersichtliche Titelgestaltung ohne überflüssigen Schnickschnack stelle ich mir eher so vor:
  • Schwarz
  • Drei
  • Tot
  • Glas
  • Wind
  • Wolf
  • Lied
  • Turm
Da weiß man wenigstens, dass man ein Stephen-King-Buch in den Händen hält. Ich hoffe sehr, dass der Verlag meine Vorschläge in zukünftigen Auflagen berücksichtigen wird.

Mittwoch, 20. Juni 2012

Die Reise beginnt

In meiner letzten Rezension zum Dark-Tower-Comic habe ich Unsinn geredet: Der sechste Band Die Reise beginnt wurde keineswegs von Richard Isanove gezeichnet, sondern von DC-Zeichner Sean Phillips (Ex-DC-Zeichner müsste ich korrekterweise wohl sagen). Wer meine Rezensiererei zu Der Dunkle Turm verfolgt hat, weiß, dass ich Jae Lees Stil gegenüber dem von Isanove bevorzuge und die ersten drei, von Lee gezeichneten Bände mir am meisten zusagen. Dass nun mit Sean Phillips ein dritter Zeichner zum Zuge kommt, ist dennoch kein Grund zur Traurigkeit. Phillips, bekannt für seinen Noir-Stil, ist weitaus eigenständiger als Isanove. In Die Reise beginnt sieht alles neu, interessant und anders aus. Die Darstellung von Rolands Lehrer Cort etwa erinnert mich an Yul Brynners Auftritt in Adios, Sabata, einem der irrwitzigsten und unterhaltsamsten Italo-Western.* Dass Roland auf dem Titelbild ein wenig wie Indiana Jones aussieht (glücklicherweise ohne Peitsche), ist dagegen wohl eher Zufall.

Storymäßig lehnt der Band sich stark an The Gunslinger an, den ersten Teil von Stephen Kings Romanreihe. Es gibt eine Rahmenhandlung, die während Rolands Aufenthalt bei dem einsiedlerischen Maisfarmer Brown spielt, also zu dem Zeitpunkt, zu dem auch die Handlung von The Gunslinger einsetzt. Roland erzählt Brown von den Ereignissen unmittelbar nach der katastrophalen Schlacht von Jericho Hill, welche die eigentliche Story von Die Reise beginnt bilden. Dabei gibt es am Anfang noch etwas Durcheinander, weil einige Plot-Probleme, die der vorhergehende fünfte Band aufgeworfen hat, dringend der Reparatur bedürfen. Vor allem betrifft dies das allzu unspektakuläre Ende einer wichtigen Nebenfigur. Ich kann nicht behaupten, dass dieser Reparaturversuch sonderlich gelungen wäre. Er zeugt eher von dem Bemühen, einen Anschluss an die vorherigen Bände zu finden und die Handlung danach endlich fortsetzen zu können. Was zuvor vermurkst wurde, wird also auch hier nicht unbedingt besser, aber immerhin kann es nach einer Weile mit Rolands Geschichte weitergehen. Erzählt werden Rolands Erlebnisse in der Stadt Kingstown, die unter den Folgen des Krieges zwischen den Revolvermännern und John Farson leidet. Genutzt wird diese Episode, um zahlreiche Motive vorwegzunehmen, die in den chronologisch später angesiedelten Romanen eine Rolle spielen.

War ich zu Anfang nicht gerade glücklich, hat mich die Geschichte von Die Reise beginnt am Ende dann doch überzeugt. Sie stellt eine gelungene Überleitung zu dem Handlungsbogen dar, der sich in The Gunslinger und der Prequel-Geschichte »The Little Sisters of Eluria« eröffnet. Darüber hinaus stellt Sean Phillips’ Stil, wie bereits erwähnt, eine echte Bereicherung dar.

Die Reise beginnt von Stephen King (Idee), Robin Furth (Story), Peter David (Skript), Sean Phillips (Zeichnungen) und Richard Isanove (Kolorierungen) ist 2012 bei Heyne erschienen. Die Übersetzung stammt von Oliver Hoffmann.

* Unterhaltsam nicht zuletzt deswegen, weil darin jede Menge blonde und blauäugige Österreicher mit komischen Namen wie »Oberst Schimmel« von mexikanischen Freischärlern vertrimmt werden (der Film spielt während der Episode des österreichischen Kaisertums in Mexiko).

Dienstag, 5. Juni 2012

Die Schlacht am Jericho Hill

Der fünfte Band des Dark-Tower-Comics wurde wieder von Jae Lee gezeichnet, was ich begrüßenswert finde. Lees Stil ist es vor allem, der den besonderen Reiz der Reihe für mich ausgemacht hat. Dass für den Vorgängerband Der Untergang Gileads Lees Kollege Richard Isanove, zuvor für die Kolorierung zuständig, zum Zeichenstift gegriffen hat, war zwar eine interessante Abwechslung, aber nicht unbedingt eine Verbesserung. Insbesondere gefiehl mir Isanoves Version der eigens für die Graphic Novel entworfenen Figur Aileen Ritter weit weniger gut.

Zur Story: Nachdem Gilead, der Sitz der Revolvermänner, in Verrat und Verzweiflung untergegangen ist, versuchen Roland und seine wenigen überlebenden Gefährt_innen, eine Widerstandsfront gegen John Farson und Marten Broadcloak zu errichten, den blutrünstigen Warlord und den intriganten Hofzauberer, die gemeinsam den Untergang der relativ geordneten, feudalen Welt von Rolands Elterngeneration bewerkstelligt haben. Wer Stephen Kings Romanzyklus gelesen hat, weiß, dass dieser Versuch zum Scheitern verurteilt ist und in einer tragischen letzten Schlacht mündet, die dazu führt, dass Roland in Zukunft allein eine Welt durchwandert, die nur noch in ihren Ruinen der Welt ähnelt, in der er aufgewachsen ist.

Nicht verleugnen lässt sich, dass es in Die Schlacht am Jericho Hill plotmäßig ein wenig hapert. Das mag einerseits daran liegen, dass der Band allein kaum über einen Spannungsbogen verfügt, sondern eher eine Art Coda zum dritten und vierten Band darstellt. Und andererseits gilt: Plotterin Robin Furth und Skripter Peter David hätten sich schon etwas mehr einfallen lassen müssen, um eine Geschichte, deren unmittelbaren Ausgang man bereits aus den Romanen kennt, interessant zu machen. Enttäuschend ist wiederum, dass die in Verrat aufwändig eingeführte Aileen bereits in Der Untergang Gileads weitgehend von der Bildfläche verschwindet, während sich nun endgültig offenbart, dass Furth und David mit der an sich interessanten Figur nicht viel anzufangen wussten – oder durften?

So ist Die Schlacht am Jericho Hill leider nicht viel mehr als eine Möglichkeit, von Jae Lees einzigartiger Visualisierung der morbiden Welt Rolands Abschied zu nehmen. Der sechste Band, den ich noch nicht gelesen habe, wurde wieder von Richard Isanove gezeichnet und nimmt die erzählerische Überleitung zu der Haupthandlung der Romanreihe in Angriff. Mal sehen, ob das noch was wird.

Jae Lee hat Die Schlacht am Jericho Hill gezeichnet. Richard Isanove hat sie koloriert. Robin Furth hat sich die Story ausgedacht und Peter David hat sie geskriptet. Stephen King hat seinen Namen auf die Titelseite setzen lassen. Erschienen ist der Band bei Heyne. Übersetzt hat Wulf Bergner.

Mittwoch, 18. Januar 2012

Marketing The Wind Through the Keyhole

Stephen Kings neuer Dark-Tower-Roman, chronologisch gesehen ein Tie-in zwischen Wizard and Glass und Wolves of the Calla, erscheint bekanntlich am 24. April. Zwecks Fanbespaßung wurde sich nun für die britische, bei Hodder & Stoughton erscheinende Ausgabe folgendes ausgedacht: Über diese Facebook-Seite kann man sein Porträtfoto hochladen, welches dann, sofern man Glück hat und nicht irgendwelchen undurchsichtigen Auswahlmechanismen zum Opfer fällt (schlechter Teint? Unscharfe Aufnahme? Geschlecht nicht eindeutig erkennbar?), für ein Mosaikbild verwendet wird, das den Schutzumschlag der Hodder-Ausgabe zieren wird.

Ich muss gestehen, mir gefällt das seit Dezember auf Kings Website bestaunbare Covermotiv für die US-amerikanische, bei Scribner erscheinende Ausgabe so gut, dass mich die Facebook-Foto-Geschichte eher die Augenbrauen hochziehen lässt. Was erwartet man sich von der Teilnahme an einer solchen Aktion? Fünfzehn Pixel Ruhm? Komische Vorstellung. Aber Stephen King rechnet bekanntlich mit bizarren Fans.

Freitag, 9. September 2011

Der Dunkle Turm – Verrat

Wir erinnern uns: In Der lange Heimweg, dem zweiten Band der Graphic Novel zu Stephen Kings Dunklem Turm, wird Rolands, Alains und Cuthberts gefahrvolle Flucht aus Mejis gezeigt. Im dritten Band, Verrat betitelt, beginnt nun ein neuer Spannungsbogen. Der Handlungsort ist nun Gilead, der Sitz von Rolands Vater Steven Deschain, wo es zu allerlei Intrigen und Verwicklungen kommt, während John Farson, der geschworene Feind Steven Deschains und seiner Revolvermänner, seine Banden mordend und brandschatzend durchs Land ziehen lässt, um schließlich Gilead selbst in den Würgegriff zu nehmen.

Roland ist durch die Ereignisse in Mejis und ihre Nachwirkungen zu einem düster vor sich hin brütenden Jugendlichen geworden, voller Hass auf die Feinde Gileads und gleichzeitig fasziniert von ihren Machenschaften. Seine Freunde Alain und Cuthbert werden seit ihrer Rückkehr von den anderen Revolvermann-Zöglingen aus Neid gemieden. Rolands Mutter, Gabrielle Deschain, ist weiterhin Wachs in den Händen von Gileads verräterischem Hofzauberer Marten. So weit die altbekannten Charaktere. Neu eingeführt wird Aileen Ritter, eine Nichte des rüpeligen Revolvermann-Ausbilders Cort. Die androgyne Schönheit wurde von ihrem Onkel ausgebildet und ist eine hervorragende Schützin. Cort wollte dem elternlosen Mädchen damit die Möglichkeit geben, sich in der großen, bösen Welt notfalls selbst verteidigen zu können. Aileen sieht die Sache etwas anders. Sie will sich nicht mit der ihr beschiedenen Frauenrolle zufrieden geben und ein Revolvermann werden. Ihre Ausbildung durch Cort sieht sie als ersten Schritt in diese Richtung.

Stärker als je zuvor wird in Verrat deutlich, wie unglaublich patriarchal die Welt des Dunklen Turms ist. Die Revolvermänner von Gilead sind ja nichts anderes als ein Ritterorden mit dem Auftrag, die Schwachen zu beschützen. Und die Schwachen sind anscheinend vor allem Frauen, die sich diesen Schutz gefallen zu lassen haben. Entsprechend nimmt sich das Gros der Frauengestalten aus Kings Zyklus auch eher klischeehaft und traditionell aus: Gabrielle Deschain ist das schwache, verführbare Weib par excellence. Rolands Geliebte Susan Delgado ist dermaßen ätherisch und anbetungswürdig, dass ihr im Grunde gar nichts anderes übrig bleibt, als einen frühen und unschuldigen Tod zu sterben. Die Hexe Rhea ist archetypisch alt, vertrocknet und neiderfüllt. Wirklich interessante weibliche Figuren sind im Grunde nur Susannah Dean und Coral Thorin. Da kommt ein Charakter wie Aileen Ritter gerade recht, und ich hoffe sehr, dass sie in den weiteren Bänden nicht zur Randfigur degradiert wird.

Das Team hinter Verrat ist das gleiche wie bei den beiden Vorgängerbänden. Und wie schon in Der lange Heimweg gibt es auch im vorliegenden Band jede Menge Nerd-Infos als Anhang zur Geschichte. Diesmal über Frauenrollen in Mittwelt und den Oriza-Kult (bekannt aus Wolves of the Calla, dem fünften Band der Romanreihe), über die Kleinen Schwestern von der Rose, über die Manni sowie über Giftmorde und Rätselwettbewerbe in Mittwelt. Das kann man mögen, muss man aber nicht. Ich finde die kurzen Texte mal mehr, mal weniger interessant. Aber letztlich sind es ja die bunten Bildchen und die Story, auf die es hier ankommt. Und die wissen nach wie vor zu überzeugen.

Verrat von Stephen King (Idee), Robin Furth (Story), Peter David (Skript), Jae Lee & Richard Isanove (Zeichnungen) ist 2010 bei Heyne erschienen. Die Übersetzung besorgte Wulf Bergner.

Dienstag, 30. August 2011

Der lange Heimweg

Der zweite Band (bzw. die zweite Miniserie) des Dark-Tower-Comics setzt unmittelbar dort ein, wo der erste Band Der Dunkle Turm aufhörte. Geschildert wird die gefahrenreiche Flucht von Rolands Gefährten Alain und Cuthbert, die den bewusstlosen Roland zurück nach Gilead, die Hauptstadt von Mittwelt, bringen.

Basierte der erste Band auf den im Roman Wizard and Glass im Rückblick erzählten Ereignissen, so stammt die Story von Der lange Heimweg komplett aus der Feder von Robin Furth. Auch sonst ist das Team identisch mit dem des Vorgängerbandes: Peter David skriptet, Jae Lee und Richard Isanove zeichnen. Da gibt’s nix zu meckern: Inhaltsmäßig bietet der Band die schöne Möglichkeit, Rolands Kumpel Bert und Alain etwas näher und nicht nur in Statistenrollen kennenzulernen. Und optisch wissen mich Lees düstere Bilder, die ich seltsamerweise als statisch und filmreif-dynamisch zugleich empfinde, schwer zu begeistern.

Quasi als Anhang enthält der Band drei von Robin Furth verfasste Texte. »Willkommen im Dogan« ist eine Episode aus dem Leben von Rolands mythischem Vorfahren Arthur Eld. Mit ihrem aufgesetzten Märchenton wirkt die kurze Erzählung eher ungewollt komisch als sagenhaft. Für Dark-Tower-Fans ist sie dennoch von Interesse: Furth verfasste bekanntlich den Companion zu Kings Zyklus, und  »Willkommen im Dogan« bestätigt die Vermutung, dass sie vornehmlich damit beschäftigt ist, Kings mit den letzten Romanbänden zunehmend wirrer und verwickelter werdende Mythologie mit einer narrativen Struktur zu versehen. So wird hier einiges nachvollziehbar, was King in den Romanen auf widersprüchliche Weise ausführt oder nur andeutet. Die beiden folgenden Texte, »Die Mutanten von Mittwelt« und »Die Anrufung der Wächter« sind in erster Linie companionmäßiger Nerdstuff, der von Richard Isanove hübsch illustriert wurde. Außerdem gibt es Hintergrundinformationen über das böse Firmenimperium North Central Positronics, über Dogans und das Schloss des Scharlachroten Königs, des evil overlord aus dem Dark-Tower-Multiversum; eine nette Karte von Endwelt; sowie kurze Nachworte von Robin Furth und Peter David.

Das Schlusswort des Skripters ist besonders amüsant: Fan-Kritik an seinen Dialogen will David mit der Bemerkung abschmettern, er schreibe doch genau wie Stephen King, und wenn die Fans ihm Mecker gäben, meckerten sie in Wirklichkeit am Meister selbst rum. So gibt’s also zum Schluss sogar noch was zu lachen. Das steigert die Vorfreude auf Band III.

Der lange Heimweg von Stephen King (Idee), Robin Furth (Story), Peter David (Skript), Jae Lee & Richard Isanove (Zeichnungen) ist 2009 bei Heyne erschienen. Die Übersetzung besorgte Wulf Bergner.

Mittwoch, 20. Juli 2011

The Dark Tower VIII

Steht zwar schon seit März auf Stephen Kings Website, aber ich dachte, ich fasse mal ein paar Informationen auf handliche Weise zusammen:

Im Frühjahr 2012 soll ein achter Dark-Tower-Band erscheinen. Der Titel lautet The Wind Through the Keyhole. Bei Donald M. Grant ist zunächst eine limitierte Auflage mit Illustrationen von Jae Lee* angekündigt (und noch einiges mehr an limitiertem Schnickschnack). Die Ausgabe für Normalsterbliche soll Anfang April 2012 bei Scribner erscheinen.

Die ursprüngliche Idee (so der Stand im März 2009) war anscheinend eine Kurzgeschichte oder eine Reihe miteinander verbundener Kurzgeschichten, die sich schließlich zu einem Roman auswuchsen. Sprach King zunächst (im November 2009) davon, der neue Band sei eher lose mit der Handlung von The Dark Tower verknüpft – Roland und Cuthbert sollten einen Werwolf jagen –, ist nun der letzte Stand, dass es sich um einen Tie-in zwischen Wizard and Glass und Wolves of the Calla handeln soll. Einzelheiten zur Story entnimmt man am besten der Ankündigung auf Kings Seite.

Ich bin mir nicht ganz sicher, was ich davon halten soll. Die ersten vier Dark-Tower-Bände gehören in meinen Augen zu den schon klassischen epischen Fantasies; kreativer wurde selten mit den von Tolkien gesetzten Standards umgegangen. Die drei folgenden Bände, die King nach seinem tragischen Autounfall im Jahre 1999 verfasste, stellen für mich (wie für viele andere) dagegen einen krassen Absturz dar. Stellt sich also die berechtigte Frage, ob The Wind Through the Keyhole nur einen Versuch darstellt, die Kuh erneut zu melken, und die ebenso wirren wie uninspirierten mythopoietischen Ausführungen der letzten Bände fortsetzt. Irgendwie hörte sich die ursprüngliche Plot-Idee aus dem November ’09 ja vielversprechender an: Eine Geschichte, die ähnlich detailverliebt in die Welt Roland Deschains eintaucht wie Wizard and Glass hätte ich mir durchaus gefallen lassen.

* Jae Lee hat die ersten drei Bände des sehr gelungenen Dark-Tower-Comics gezeichnet.

Samstag, 11. April 2009

Neues vom Dunklen Turm

Soeben bin ich darauf aufmerksam gemacht worden, dass der zweite Band der Graphic Novel frei nach Stephen King bereits bei Heyne erschienen ist, in diesem Monat nämlich. Der deutsche Titel von The Long Road Home lautet Der lange Heimweg. Team (inklusive Übersetzer) und Verlag sind die gleichen wie beim ersten Band.

Anubis tickt manchmal eben, wie verschiedentlich schon bemerkt, etwas langsamer. In diesem Sinne: Dank an Herrn Rottenecker für den freundlichen Hinweis.

Freitag, 10. April 2009

Der Dunkle Turm – Graphic Novel

Obwohl sein Name dick und fett auf dem Cover prangt, hat Stephen King selbst nur die Idee zu diesem ersten Band einer auf seinem Meta-Epos The Dark Tower basierenden Graphic Novel geliefert. Geplottet wurde das Ding von Robin Furth, ihres Zeichens Assistentin im Hause King und Autorin des offiziellen Companions zu The Dark Tower. Optimale Voraussetzungen also, dass der Comic schön dicht am Romanzyklus bleibt, obwohl sich die Mitwirkung des Autors schätzungsweise auf ein Minimum beschränken dürfte.

Marvel-Zeichner Jae Lee hat genau die richtige Bildsprache gefunden, um Roland Deschains weird west Gestalt zu verleihen. Mir gefällt insbesondere der Look von Gilead als monumentaler Ruinenstadt. Bei der Lektüre der Romane habe ich mir ja nie so recht vorstellen können, wie der Sitz von Kings revolverschwingenden Gralsrittern denn nun aussieht. Lee, der übrigens eine Dracula-Ausgabe illustrierte, hat mich genialisch belehrt.

Zwecks Verwirrungsvermeidung noch ein paar Worte: Bei dem Ding, das hier unter dem Namen Der Dunkle Turm – Graphic Novel rezensiert wird, handelt es sich um The Gunslinger Born (2007), den ersten Teil einer Reihe, von der im Original bereits zwei weitere Teile unter den Titeln The Long Road Home und Treachery (beide 2008) erschienen sind. Ob die Entscheidung, den Reihentitel für einen einzelnen Band zu verwursten, intelligent ist, sei dahingestellt. Jedenfalls kann Heyne ruhig mehr von dem Zeug veröffentlichen. Inhaltlich entspricht The Gunslinger Born in etwa Rolands Jugenderinnerungen in Wizard and Glass, dem vierten Dark-Tower-Roman. Der Comic erzählt die Handlung also, anders als die Romane, chronologisch.

Der Dunkle Turm – Graphic Novel von Stephen King (Idee), Robin Furth (Story), Peter David (Skript), Jae Lee (Zeichnungen) und Richard Isanove (Kolorierungen) ist 2008 bei Heyne erschienen. Die Übersetzung stammt von Wulf Bergner.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.