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Sonntag, 13. Juli 2014

Bealedoggle

Inhaltswarnung: Sexueller Missbrauch, Homophobie.

Der Fall MZB weist eine bislang wenig beachtete Facette auf, die ich Bealedoggle getauft habe: Es geht darum, dass der rechtsradikale Flügel des US-Fandoms die Missbrauchsvorwürfe gegen Bradley instrumentalisiert. Federführend ist dabei Theo Beale alias Vox Day. Der ist bekanntlich im vergangenen Jahr recht schmählich bei SFWA, der Vereinigung der SFF-Autor_innen in den USA, rausgeflogen. Nun sieht er offenbar die Gelegenheit zur Rache gekommen. SFWA scheint für Beale schon seit längerem ein rotes Tuch zu sein. 2012 veröffentlichte er einen Artikel in Black Gate, in dem er mit großer Geste ankündigte, bald mit Beweisen über massive Korruption in der Schriftsteller_innenvereinigung an die Öffentlichkeit zu treten. Die Beweise kamen natürlich nie, und Beales Artikel erregte allgemeine Heiterkeit. Auch jetzt wittert Beale wieder eine ungeheure Verschwörung in den Reihen der Organisation, deren aktive Mitgliederzahl sich gerade mal im dreistelligen Bereich bewegt. Er schreibt im Akkord Blogposts, in denen er SFWA beschuldigt, eine Tarnorganisation für einen Kinderhandelring zu sein (wer sich jetzt fragt, wie man auf so etwas kommen kann, kennt Vox Day noch nicht). Bemerkenswerterweise finden sich unter diesen Blogposts hunderte von zustimmenden Kommentaren, bis hin zu Phantasien darüber, Samuel R. Delany zu erschießen. Das liest sich dann zum Beispiel so:
These pedophile rings tend to run through unaccountable organizations with flimsy stated outcomes but a seemingly decent cover story. I’m not saying they [SFWA] are necessarily a long-time front organization for child trafficking, just that they are doing a lousy job of not looking like they could be.
Einige entwerfen schon konkrete Aktionspläne gegen diese Berufsorganisation, die sich einfach nicht genug Mühe gibt, nicht wie eine »long-time front organization for child trafficking« auszusehen:
There are three or four investigators I could think of to put onto this thing and really blow it wide open, and create a set of research documents that really makes things uncomfortable at the SFWA. Especially if you have the private archives at your disposal.
Nun ja. Beale und seine Fans sind Alu-Hüte, wie sie im Buch stehen. Wären ihnen nicht die Enthüllungen über MZB in den Schoß gefallen, würden sie sich die Zeit mit Anti-Impf-Propaganda und Diskussionen über kreationistische ›Wissenschaft‹ vertreiben. Man könnte das als besonders bizarren Auswuchs des an Absonderlichkeiten wahrlich nicht armen ideologischen Treibhauses abtun, in dem Beale und Konsorten leben, ginge es dabei nicht auch um einen der bedeutendsten Intellektuellen des SFF-Felds: Samuel R. Delany. Der Stein des Anstoßes ist ein Zitat von Delany, das der englischen Wikipedia-Artikel über die Pädosexuellen-Organisation NAMBLA folgendermaßen wiedergibt:
In extended interviews about his novel Hogg in 2004 he stated he supported a group like NAMBLA because “abuse is fostered by the secrecy itself and lack of social policing”. He expounded that “for thousands of years, relations we assume are abusive by definition (child marriages, slavery, child labor, etc.) were the social and legal norm, institutional and ubiquitous [..] behavior that we [today] find wholly unacceptable—flogging slaves, wife beating, and child beating (in the family, in the school, and at the factory)—was recommended by experts and clergymen as the most efficient and least disruptive way to maintain [social] order. All of these institutions changed, nevertheless, only when they were no longer economically feasible or beneficial to the greater society.
Zeichensetzung, Auslassungen etc. habe ich unverändert von Wikipedia übernommen. Das Zitat steht seit September 2010 in dieser Form im Artikel. Für Beale und einige andere reichte das aus, um Delany mit Breens und Bradleys sexuellen Übergriffen zu assoziieren. Grund genug, sich Delanys Verhältnis zu NAMBLA einmal genauer anzusehen. Zunächst ist festzustellen, dass an seiner Unterstützung für NAMBLA wenig Zweifel bestehen kann. In einem Gespräch mit Will Shetterly äußert er sich ausführlich dazu. Es scheint, als seien Delanys Ansichten über sexuelle Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen und Kindesmissbrauch vor allem von zwei Ausgangspunkten geprägt:
  1. Delany glaubt, dass konsensuelle sexuelle Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen grundsätzlich möglich sind.
  2. Er glaubt, dass es in jedem Fall besser ist, wenn sexuelle Beziehungen (egal welcher Art) legal und öffentlich ausgelebt, weil auf diese Weise eine Sozialkontrolle möglich sei, die Gewalt und Missbrauch effektiver verhindern könne, als die Illegalisierung bestimmter Beziehungsformen (in diesem Fall: zwischen Kindern und Erwachsenen) dies tut. Insbesondere betont er seine Ansicht, dass gegenwärtige Sexualstrafrechtsnormen Kindern eher schadeten als sie zu schützen.
So weit ich sehen kann, sind Delanys Positionierungen in diesem Gespräch kein Versuch, seine früheren Statements zu NAMBLA zu verharmlosen oder zu relativieren. Seine früheren, vor den gegenwärtigen Enthüllungen über Marion Zimmer Bradley getätigten Äußerungen stammen (mit Ausnahme des Wiki-Zitats) aus den neunziger Jahren. Sie stehen nicht im Widerspruch zu dem, was Delany jetzt sagt: Er habe in den Neunzigern die Publikationen von NAMBLA über eine Mailingliste kennengelernt, diese Schriften sehr geschätzt, aber seither nichts mehr von der Gruppe gehört. Shetterly hat das Interview auf seinem Blog veröffentlicht: »a conversation with Samuel R. Delany about NAMBLA, sexuality, and consent« (Inhaltswarnung für diesen Link: Auf Shetterlys Blog werden rassistische Ausdrücke verwendet).

NAMBLA präsentiert auf der organisationseigenen Website ein Zitat Delanys:
I read the NAMBLA [Bulletin] fairly regularly and I think it is one of the most intelligent discussions of sexuality I’ve ever found. I think before you start judging what NAMBLA is about, expose yourself to it and see what it is really about. What the issues they are really talking about, and deal with what’s really there rather than this demonized notion of guys running about trying to screw little boys. I would have been so much happier as an adolescent if NAMBLA had been around when I was 9, 10, 11, 12, 13.
Kursivierungen, Ergänzungen etc. habe ich unverändert übernommen (verlinken will ich die Seite nicht). Allem Anschein nach handelt es sich um die Transkription einer mündlichen Aussage. Auffälligerweise ist das Akronym NAMBLA im Zitat nur bei der ersten Erwähnung kursiviert und damit eindeutig auf das Bulletin und nicht auf die Organisation insgesamt bezogen. Bei den weiteren Erwähnungen fehlt die Kursivierung, so dass der Eindruck entsteht, Delany spreche von der Organisation. Ich halte das für unwahrscheinlich. Der zweite Satz beginnt mit »I think before you start judging what NAMBLA is about ...«. Der dritte ist ein Neuansatz, der sich klar auf den zweiten Satz bezieht: »What the issues they are really talking about ...«. Das bedeutet, mit »NAMBLA« im zweiten Satz sind »the issues« gemeint, also die Ausgaben des Bulletins, und nicht die Organisation. Unklar ist, ob der letzte Satz auf die Gruppe oder auf ihre Publikationen referiert. Möglicherweise beides. NAMBLA gibt an, die Aussage stamme aus dem Jahr 1994. Delany bestätigt das im Interview mit Shetterly.

In seinen Publikationen äußert Delany sich an mindestens zwei Stellen wohlwollend über die Gruppe. Da ist zunächst eine beiläufige Bemerkung in Shorter Views (1999), und zwar in einem Zusammenhang, in dem es um Michel Foucaults monumentales Spätwerk Sexualität und Wahrheit geht:
It was a work that promised insights, if not inspiration, for feminists, for gay activists, and even for much harassed groups like NAMBLA (the North American Man-Boy-Love Association).*
Die zweite Stelle ist die von Wikipedia zitierte, die aus Conversations with Samuel R. Delany (2009) stammt. Sie stammt aus einem Interview von 2004. Liest man sie im Zusammenhang, wird deutlich, dass Wikipedia die Stoßrichtung von Delanys Argumentation verfehlt.** Ich gebe das Zitat hier in voller Länge, ohne inhaltliche Auslassungen wieder, wobei ich die von Wikipedia ausgelassenen Stellen fette (Kursivierungen im Original):
It may seem paradoxical [...] that generally speaking I think sexual relations between children and adults are likely to go wrong and that most of them are likely to be, start off as, or quickly become, abusive, that I also support a group like NAMBLA—which I do. But that’s because I feel one of the largest factors in the abuse is fostered by the secrecy itself and lack of social policing of the relationships. A little history helps:
For thousands of years, relations that today we assume are abusive by definition (child marriages, slavery, child labor, etc.) were the social and legal norm. They were institutional and ubiquitous. As well, behavior that we would find wholly unacceptable—flogging for slaves, wife beating in marriage, and child beating (in the family, in the school, and at the factory)—was regularly recommended by experts and clergymen as the most efficient and least disruptive way to maintain order and the necessary disciplined hierarchy for these institutions to function efficiently. More lenient ways were to be avoided, ran the general wisdom, because, while they might be attractive in the short run (as novels and melodramas welcomed more and more social types into the circle of compassion), in the long run they produced only further troubles.***
Es folgt ein längerer Bericht Delanys über die Erziehungsmethoden seines Großvaters, der als Sklave geboren wurde. Der letzte von Wikipedia zitierte Satz kommt erst danach:
All of these institutions changed, nevertheless, only when they were no longer economically feasible or beneficial to the greater society.†
Das ist jedoch nicht, worauf Delany eigentlich hinaus will. Seine Argumentation, die er mit einem Beispiel aus seiner Familiengeschichte untermauert, zielt eher darauf, dass Beziehungspraktiken weniger traumatisierend wirken, wenn sie Gegenstand eines öffentlichen Diskurses und dadurch sozial eingebettet sind. Delanys Großvater bestrafte seine Kinder, indem er sie mit Ruten schlug. Diese Prügel seien körperlich schmerzhaft, aber nicht psychisch traumatisierend gewesen, schließt Delany aus den Erzählungen seines Vaters (und der Geschwister seines Vaters). Als diskursiv eingebundene Praxis – »recommended by experts and clergymen« – seien sie sozialer Kontrolle unterworfen gewesen. Viel angsteinflößender sei es für die Kinder des Großvaters gewesen, wenn dieser einen spontanen Wutausbruch bekam – was aber anscheinend nur ein einziges Mal passierte. Damit will Delany sich selbstverständlich nicht für die Prügelstrafe aussprechen. Was er meint (oder besser: was er meiner Interpretation nach meint), lässt sich vielleicht durch einen Vergleich mit Initiationsriten erhellen. Diese sind oft mit Schmerzen und Isolation verbunden, lösen aber in der Regel keine lebenslangen Traumata aus, sondern stärken im Gegenteil das Gefühl der Zugehörigkeit: »Kulturelle Elemente wie Riten können gar nicht traumatisieren. Die Kultur führt solche Riten nämlich nicht gewaltsam – und das heißt für mich immer: sprachlos – durch, sondern doch in einem Diskurs, der ihre Bedeutung einbettet.«†† Sexuelle Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen, glaubt Delany, ließen sich in ähnlicher Weise – und damit (relativ) gewaltfrei – gestalten. Was im Fall kultureller Riten weitgehend zutrifft, gilt allerdings sehr viel weniger für asymmetrische, von einem Machtgefälle geprägte soziale Beziehungen wie die zwischen Vätern und ihren Kindern. Das Machtgefälle lässt sich durch diskursive Einbettung mildern, aber nicht abschaffen. Und ließe sich das extreme Machtgefälle, das in sexuellen Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen herrscht, überhaupt so weit mildern, dass es in irgendeiner Weise erträglich wäre? Wohl kaum.

Ein solches Vorhaben wäre auch abhängig davon, ob die Gesellschaft in der Lage ist, Diskurse zur Verfügung zu stellen, die die soziale Einbettung und Reglementierung ermöglichen. Beispiele, wie das aussehen könnte, sind immer schnell zur Hand: Das Modell der altgriechischen Päderastie ist bei der Pädophilenbewegung, die Organisationen wie NAMBLA hervorgebracht hat, besonders beliebt. Daran zeigt sich aber auch schon, dass solche Beispiele Augenwischerei sind. Päderastie, wie sie in der Antike zwischen Lehrern und Schülern herrschte, kennen wir aus dem Geschichtsunterricht. Es fehlt jeglicher Bezug zur Gegenwart. Die Vorstellung, dieses Modell könnte wieder zu einer gelebten gesellschaftlichen Realität werden, ist ziemlich grotesk. Angesichts dessen halte ich es bestenfalls für naiv, anzunehmen, pädophilen Lobbygruppen wie NAMBLA gehe es ernsthaft um das Wohl von Kindern und Jugendlichen.

Zusammenfassend lässt sich also sagen: Delany hat sich in mindestens drei Fällen über NAMBLA geäußert, zweimal wohlwollend über die Organisation selbst und einmal recht begeistert über die Publikationen der Gruppe. Die letztere Äußerung erweckt den Eindruck, als sei sie mit Hilfe von typographischen Tricks so zurechtgebogen worden, dass sie sich wie eine Lobrede auf die Organisation selbst liest. Delany steht NAMBLA unstrittig positiv gegenüber, aber drei Erwähnungen sind angesichts seines umfangreichen Werks nicht viel. Es hat nicht den Anschein, als sei Delany ständig mit NAMBLA beschäftigt; ein hauptamtlicher Propagandist für die Gruppierung ist er definitiv nicht. Natürlich besteht die Möglichkeit, dass eine genauere Untersuchung von Delanys Veröffentlichungen und Interview-Aussagen eine nennenswerte Anzahl weiterer Erwähnungen NAMBLAs zu Tage fördert. Das wäre aber wahrscheinlich schon längst geschehen, wenn es solche Stellen gäbe. Alles in allem sehe ich keinen Grund, Delanys Stellungnahme in dem Interview mit Shetterly anzuzweifeln: dass er NAMBLA in den neunziger Jahren über die Publikationen der Gruppe kennengelernt hat, diese eine Zeit lang regelmäßig gelesen hat, sich aber seit ca. zwanzig Jahren nicht mehr mit ihr beschäftigt.

Ende 2013 verlieh SFWA Delany den Damon Knight Memorial Grand Master Award für sein Lebenswerk. Zusammen mit den jüngsten Enthüllungen über Marion Zimmer Bradley war das für Theo Beale ein willkommener Anlass, SFWA als »organization that celebrates child molesters and champions of child molestation« zu zeichnen, in der Delany die Rolle eines Gurus einnehme. Andere, wie das rechtskonservative Gemeinschaftsblog Mad Genius Club, stoßen ins gleiche Horn, indem sie Homosexualität mit Pädophilie in Verbindung bringen. Mittlerweile haben Beale und seine Fans begonnen, Namens- und Adresskarteien zu durchforsten, in denen wegen Kindesmissbrauchs Vorbestrafte aufgeführt sind, und gleichen sie mit dem SFWA-Mitgliederverzeichnis ab. Wie nicht selten, wenn es um sexualisierte Gewalt gegen Kinder geht, ist mancherseits mehr moral panic als Interesse an Aufklärung und Prävention zu verspüren. Besonders übel ist, dass die moral panic in diesem Fall auch noch eine spezifisch homophobe Komponente aufweist.

Jedoch offenbart diese bizarre Nebenentwicklung einer an sich sehr ernsten Angelegenheit mehr über Beale als über die, die er bekämpft. Genauer gesagt: Sie offenbart etwas über die Intelligenz von Beale und seiner Clique. Beale war nach eigenen Angaben vierzehn Jahre lang Mitglied von SFWA. Er kandidierte sogar für das Präsident_innenamt der Organisation, die ihm und seinen Fans zufolge so etwas wie die Dutroux-Bande des Fandoms ist. Nun ja. Man erlebt nicht alle Tage, wie jemand sich ins eigene Knie schießt und triumphierend verkündet, einen Volltreffer gelandet zu haben.

* Samuel R. Delany, Shorter Views: Queer Thoughts & the Politics of the Paraliterary, Wesleyan University Press 1999, S. 173. Das Werk, von dem Delany sich Einsichten versprach, ist natürlich das erwähnte von Foucault.
** Den Hinweis, dass es sich lohnen könnte, das Zitat aus dem Wikipedia-Artikel zu überprüfen, verdanke ich James A. Sullivan.
*** Carl Freedman (Hg.), Conversations with Samuel R. Delany, University Press of Mississippi 2009, S. 143.
† A.a.O., S. 144.
†† Jan Assmann im Gespräch mit Hannes Stein, Ist eine »Spiegel«-Titelgeschichte massiv antisemitisch? In: Die Welt, 13. Januar 2007.

Dienstag, 24. Juni 2014

Mad Genius Club & Bealedoggle

Inhaltswarnung: Kindesmissbrauch, sexualisierte Gewalt, Homophobie.

Es hätte mich erstaunt, wären die jüngsten Enthüllungen über Marion Zimmer Bradley im rechten Flügel des US-amerikanischen Fandoms nicht auf eine ganz bestimmte Art von Resonanz gestoßen. Auf der von konservativen Genre-Autor_innen betriebenen Website Mad Genius Club etwa erschien am 14. Juni ein Artikel, der unverblümt verkündete, was Deirdre Saoirsa Moen aufgedeckt habe, sei »the truth behind Marion Zimmer Bradley’s sexual openness«. Die Wahrheit hinter MZBs sexueller Neugierde? In meinem letzten Blogpost habe ich die Hintergründe ausführlich geschildert: MZB war mit Walter Breen verheiratet, der jahrzehntelang Kinder sexuell missbrauchte. MZB deckte und unterstützte Breens Taten, wie sie selbst zugeben musste. Neu hinzu kam jetzt, dass Bradleys und Breens Tochter, Moira Greyland, sich mit einer E-Mail an die Öffentlichkeit wandte, in der sie ihre Mutter bezichtigte, nicht nur Mitwisserin Breens, sondern selbst Täterin gewesen zu sein. Diese E-Mail wurde von der Autorin Deirdre Saoirsa Moen auf ihrem Blog veröffentlicht. Nun fallen mir zur Beschreibung dieser Angelegenheit alle möglichen Ausdrücke ein – aber »sexual openness« gehört definitiv nicht dazu.

Um es kurz zu machen: Der Artikel des Mad Genius Club ist schlicht und einfach von Homophobie motiviert. Marion Zimmer Bradley hatte in den fünfziger Jahren anscheinend Kontakte zu den Daughters of Bilitis, einer Gruppe lesbischer Aktivistinnen. Später erfand sie die Freien Amazonen von Darkover und gab damit lesbischen Fans einen Platz im Fandom, wie er zuvor nicht bestanden hatte.* Was in dem Artikel verklausuliert als sexuelle Offenheit beschrieben wird, meint nichts anderes als Homosexualität, und die »Wahrheit« dahinter ist folgerichtig die Neigung zum Kindesmissbrauch. Wer schwul oder lesbisch ist, soll uns das sagen, vergreift sich auch an kleinen Kindern. Heuchlerisch beteuert Cedar Sanderson, die Verfasserin des Artikels: »I know quite well that not all who are homosexual are also child abusers.« Aber viele, wenn nicht die meisten, sind es ihrer Ansicht nach eben doch.

Als Beispiel dafür pickt sie sich Samuel R. Delany heraus, der sich aus Sicht des Mad Genius Club gleich in mehrfacher Hinsicht zum Feindbild eignet: Delany ist nicht nur einer der angesehensten Autoren von Fantasy und SF überhaupt, sondern auch schwarz, bekennend schwul, Marxist und queerer Denker. Das Thema Sexualität, und insbesondere der sogenannten ›abweichenden‹ Formen sexuellen Begehrens, zieht sich wie ein roter Faden durch Delanys Werk. Er weist auf, dass die ›Abweichungen‹ von einer Normalität abweichen, die bestenfalls ein fragwürdiges Konstrukt ist. In einem Interview über seinen Roman Hogg sagt er: »I want the narrator to move into a more stable social condition: that’s how, as perverts, we grow up and mature in this society—moving from a socially untenable fantasy, such as Hogg’s actions represent for most of us, to a more socially tenable reality [...] Although the criminal aspect of Hogg’s activities is what makes those acts socially available, the narrator is beginning to learn that it is the acts themselves, and not their criminal aspects, which he fetishizes.«** Hogg, die Titelfigur des Romans, ist ein brutaler Psychopath, der seine Perversionen unter Anwendung von Zwang und Gewalt auslebt. Der namenlose Erzähler, von dem Delany in dem Zitat spricht, ist dabei Betroffener und Komplize zugleich. Während eines Zeitraums, in dem er von Hogg getrennt ist, lernt der Erzähler jedoch (andeutungsweise) andere Möglichkeiten kennen, wie sich Perversionen leben lassen – Möglichkeiten, die in Delanys Worten »gesellschaftlich tragbar«, nicht verbrecherisch sind. Der Perversion ist keine sexuelle Norm aufzulegen, sondern eine Norm des Sozialverhaltens. Gleichzeitig muss die Gesellschaft permissiv genug sein, um Perversion grundsätzlich zuzulassen. Ist sie dazu nicht bereit, nimmt sie in Kauf, dass die Perversion im Geheimen ausgelebt wird, was die Gefahr mit sich bringt, dass die Perversion mit den kriminellen Mitteln verwechselt wird, die angewendet werden, um den Fetisch heimlich ausleben zu können.

Für den Artikel des Mad Genius Club ist gerade dieses Interview der Stein des Anstoßes, denn es hat den Anschein, als äußere sich Delany darin lobend über eine Organisation namens NAMBLA. Der englische Wikipedia-Artikel über NAMBLA bringt ein entsprechendes Zitat Delanys.*** NAMBLA steht für North American Man/Boy Love Association. Der Name sagt alles: Es handelt sich um eine Organisation, die sich dafür einsetzt, dass Pädophilie als legitime Variante menschlicher Sexualität akzeptiert wird (dem Anschein nach war Walter Breen, MZBs Ehemann, ein Mitglied). Delany hat mehr als einmal positive Worte für NAMBLA gefunden. In seinem Buch Shorter Views spricht er z.B. beiläufig davon, dass NAMBLA eine Gruppierung sei, die einen ungerechtfertigt schlechten Ruf genieße.† Ich weiß nicht, warum Delany meint, sich für NAMBLA einsetzen zu müssen. Möglicherweise hat er sich zu der Ansicht verstiegen, dass sexuelle Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen auch gewaltfrei möglich seien. Vielleicht auch nicht. Ohne genauere Aussagen Delanys lässt sich darüber nur spekulieren. So oder so finde ich die Unterstützung einer Organisation wie NAMBLA inakzeptabel.

Noch inakzeptabler ist aber, was der Mad Genius Club daraus macht: Nicht nur, dass er Kindesmissbrauch als Folge von Homosexualität darstellt, der Artikel endet auch noch mit der Aufforderung »stop praising those who abuse and defile children«. Was im Falle Walter Breens ganz angebracht ist, ist bei Delany reine Diffamierung. Delany hat sich zustimmend über NAMBLA geäußert. Das ist verwerflich genug, lässt sich aber nur um den Preis einer grotesken Verharmlosung mit aktivem Kindesmissbrauch gleichsetzen. In die gleiche Kerbe schlägt Theo Beale alias Vox Day, der vor dem Aufstieg Larry Correias so etwas wie der Star unter den rechtsradikalen Großsprechern im US-Fandom war. Am 19. Juni veröffentlichte Beale einen (nicht allzu kohärenten) Text auf seinem Blog, in dem er sich darüber beklagt, dass das liberale Fandom »the deeds of perverts and molesters and rapists« bewusst ignoriere. Und warum ist das so? Na klar – »because they are evil. It is that simple.«

Es ist aber nicht so einfach. Bei dem, was der Mad Genius Club wie Beale da verkünden, handelt es sich um ein ebenso verbreitetes wie abgedroschenes Ideologem: It’s them queers and pinkos who want to have sex with our children. In den Diskursen der Rechten über Kindesmissbrauch bricht das Unheil stets von außen über die Gemeinschaft der braven Schäflein herein. Durch ihre Vorstellungswelt geistern effeminierte Männer, die Kinder im Auto mitnehmen, und finstere Vergewaltiger, die nachts im Gebüsch lauern. Mit der Realität hat das wenig zu tun. Fakt ist, dass die allermeisten Missbrauchsfälle sich innerhalb der Familie ereignen. Die Psychologin Monika Egli-Alge nennt für die Schweiz eine Rate von 84% Missbrauchsfällen im familiären Umfeld. Für Deutschland geht man davon aus, dass in 93% der Fälle die Täter_innen dem Kind bekannt sind. Mädchen sind zehn mal häufiger betroffen als Jungen, während es sich zu 90% um männliche Täter handelt. Das heißt: Die Täter_innen sind keine Fremden, und in den allermeisten Fällen sind sie nicht lesbisch oder schwul.

Die Fokussierung auf Organisationen wie NAMBLA, die Pädophilie als unproblematisch darstellen und sexuelle Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen entkriminalisieren wollen, ist auch nicht gerade hilfreich. Ihr Aktivismus ist abstoßend, kein Zweifel, doch tragen mit Schaum vor dem Mund vorgebrachte Lynchphantasien gegen Pädosexuelle nichts zum Kinderschutz bei. Beale behauptet, sexueller Missbrauch von Kindern werde von »sexual deviant[s]« begangen, und hält damit die Frage nach der Motivation von Täter_innen für beantwortet. Ein weiterer Versuch, Kindesmissbrauch mit Homosexualität in Verbindung zu bringen, und wiederum einer, der an der Realität vorbeigeht. Der Sexualforscher Volkmar Sigusch nimmt zehn verschiedene Tätertypen an. Nur bei einem davon ist Pädophilie bzw. Pädosexualität das treibende Motiv. Egli-Alge zufolge werden ›nur‹ 25–40% der Sexualdelikte an Kindern von Pädophilen verübt. Deshalb lässt sich ein effektiver Schutz von Kindern gegen sexuelle Übergriffe nicht erreichen, indem man allein bei dem Phänomen der Pädophilie ansetzt.

Was von Leuten wie Beale konsequent ignoriert wird, ist der Gewaltcharakter des sexuellen Missbrauchs. Die Täter_innen sind überwiegend Heterosexuelle, die nicht mal das Problem haben, sich zu Kindern sexuell hingezogen zu fühlen (wie es bei Pädosexuellen der Fall ist). Mangelhaft ist nicht ihre sexuelle Orientierung, sondern ihr Empathievermögen. Dass Beale selbst jegliches Verständnis für sexualisierte Gewalt fehlt, ist daran erkennbar, dass er sich allen Ernstes dafür ausspricht, Vergewaltigung in der Ehe solle legal sein.††

Geht es um die Thematisierung von Kindesmissbrauch durch Rechtsradikale (ob im Fandom oder in der Gesellschaft insgesamt), sind meines Erachtens vor allem zwei Dinge von Bedeutung:
  1. Wenn Rechtsradikale sich das Thema Kindesmissbrauch aneignen, handelt es sich um eine Instrumentalisierung. Die entsprechenden Diskurse sind meist stark auf die Täter_innen fixiert, wobei diese als ›außenstehend‹, ›anders‹ oder ›fremd‹ imaginiert werden, oft auf homophobe Weise. Häufig werden brutale Bestrafungswünsche artikuliert, die zum Schutz von Kindern nichts beitragen, sondern eher dazu führen, dass der Blick von dem Ort, an dem Missbrauch überwiegend stattfindet (der Familie), abgelenkt wird. Missbrauch zu erkennen wird dadurch schwieriger. Aus diesem Grund ist das, was Rechtsradikale über sexuellen Missbrauch zu sagen haben, nicht nur verfehlt, sondern aus der Sicht von Betroffenen auch gefährlich.
  2. Daraus folgt, dass Rechtsradikale keine Verbündeten sein können, wenn es um die Auseinandersetzung mit Missbrauch und Kinderschutz bzw. Kinderrechten geht – wie wortreich sie sich auch immer empören mögen. Rechten Diskursen oder Versuchen, sich das Thema anzueignen, begegnet man im Alltag immer wieder. Sie beschränken sich nicht auf NPD-Plakate zu Wahlkampfzeiten, die »Todesstrafe für Kinderschänder!« fordern. Wer mehr erfahren möchte: Argumentationshilfen und andere Gegenstrategien finden sich in zwei lesenswerten Broschüren der Amadeu-Antonio-Stiftung, »Was Sie über sexuellen Missbrauch wissen sollten« und »Instrumentalisierung des Themas sexueller Missbrauch durch Neonazis«.
* MZB als Pionierin der LGBTI-Bewegung zu feiern, ist dennoch nicht unproblematisch. Ihre persönliche Haltung zur Homosexualität war alles andere als konsistent, und die (aus meiner Sicht ja sehr erfreuliche) Entwicklung, dass vor allem lesbische Frauen sich mit den Freien Amazonen idenifizierten, scheint nicht unbedingt in der Absicht der Autorin gelegen zu haben.
** Carl Freedman (Hg.), Conversations with Samuel R. Delany, University Press of Mississippi 2009, S. 136.
*** Ich kann leider im Moment nicht überprüfen, ob Wikipedia korrekt zitiert, da die entsprechende Seite in der Vorschau von Google Books nicht vorhanden ist.
† Samuel R. Delany, Shorter Views: Queer Thoughts & the Politics of the Paraliterary, Wesleyan University Press 1999, S. 173.
†† Auf Skalpell und Katzenklaue ist vor zwei Jahren ein Artikel erschienen, der diese und andere Ansichten Beales mit Hilfe von Originalzitaten dokumentiert, die vor Misogynie, Rassismus und religiöser Borniertheit nur so triefen.

Freitag, 13. April 2012

Neue Delany-Ausgabe bei Golkonda

Wenn ich an deutschen Übersetzungen etwas hasse, dann die Angewohnheit, englische Substantive, die in der Form maskulin sind, aber auf beide akzeptierten Geschlechter angewandt werden, ohne Berücksichtigung des Kontextes auch im Deutschen in der maskulinen Form wiederzugeben, obwohl für den Bedarfsfall eine korrekte feminine Form vorläge. Sagt in einem englischen Text eine Frau einen Satz wie »I am a teacher« und heißt es dann in der Übersetzung denkfaul »Ich bin Lehrer«, dann kriege ich Lust, das Buch an die Wand zu schmeißen. Denn abgesehen davon, dass es korrekterweise »Ich bin Lehrerin« heißt und sich an dieser Stelle niemand damit herausreden kann, Frauen seien in der maskulinen Form »mitgemeint«, wirkt eine solche Übersetzungsweise unter Umständen sogar sinnentstellend. Das ist mir soeben wieder mal vor Augen geführt worden, und zwar in einer deutschen Ausgabe von Samuel R. Delanys Tales of Nevèrÿon, die ich vor kurzem antiquarisch gekauft habe.

Den Geschichten aus Nimmerya ist ein Zitat von Gayatri Chakravorty Spivak vorangestellt, der bekannten postkolonialen Theoretikerin. Es stammt aus dem Vorwort, das Spivak zu ihrer englischen Übersetzung von Jacques Derridas Hauptwerk De la grammatologie verfasst hat und lautet im Original so:
[T]he notion that the setting up of unitary opposites is an instrument and a consequence of “making equal,” and the dissolving of opposites is the philosopher’s gesture against that will to power which would mystify her very self. (p. XXVIII)
In der Übersetzung des Delany-Buches von Annette Charpentier ist das Zitat folgendermaßen wiedergegeben:
So entsteht der Gedanke, daß das Aufstellen von gleichartigen Oppositionen ein Instrument und eine Konsequenz der »Gleichmacherei« ist und die Auflösung von Gegensätzen die Geste des Philosophen gegen jene [sic!] Willen zur Macht darstellt, der sie selber in ihrem Kern mystifiziert.
Was ist passiert? Der abschließende Relativsatz ist in der Übersetzung aus zwei Gründen völlig unverständlich geraten. Zunächst ist unklar, worauf sich das Relativpronomen bezieht. Das liegt aber einfach daran, dass es im Text versehentlich »jene Willen zur Macht« heißt, wo eigentlich »jenen Willen zur Macht« stehen müsste. Wahrscheinlich ein einfacher Flüchtigkeitsfehler – so etwas kommt vor und ist leicht zu beheben. Dann aber wird es wirklich rätselhaft: Wer ist »sie«, die vom Willen zur Macht mystifiziert wird? Die Antwort erschließt sich, wenn man beachtet, dass Spivak in ihrem Vorwort exemplarisch von »der Philosophin« spricht und sich stets an »die Leserin« wendet, was im Original aber nur an den femininen Personalpronomen zu erkennen ist. Eine Übersetzung des Zitats müsste also eher so lauten:
[D]er Gedanke, dass das Aufstellen von einheitlichen Gegensätzen ein Instrument und eine Konsequenz der »Gleichmacherei« ist und das Auflösen von Gegensätzen die Geste der Philosophin gegen jenen Willen zur Macht darstellt, der sie selbst vor ein Rätsel stellen würde.
Alles klar? Das Problem lässt sich auflösen, indem man von dem sinnlosen Widerstand gegen feminine Wortendungen ablässt. Ist übersetzungsmäßig gar nicht so schwer, und bei den komplexen Gedankengängen Spivaks sollte man sich die Sache doch nicht zusätzlich komplizieren.

Angesichts rezenter Übersetzungsdiskussionen passt dieser Beitrag zeitlich ja ganz gut ins Bild, hinaus wollte ich zum Schluss allerdings noch auf etwas anderes: Im Golkonda-Verlag erscheint eine überarbeitete Neuausgabe von Delanys Nimmèrÿa-Geschichten, und zwar mit Panorama-Cover. Da darf man doch hoffen, dass die Neuausgabe zum Anlass genommen wurde, solche Verdrehtheiten wie die oben beschriebene zu beseitigen. So könnte ein Autor zu neuen Ehren kommen, der in der Ahnengalerie der Sword’n’Sorcery leider oft übersehen wird.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.