Jin Yong ist in der chinesischsprachigen Welt der meistgelesene und meistverkaufte Autor des 20. Jahrhunderts. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass seine Bücher von Millionen gelesen werden. Selbst wer sie nicht liest, kennt in der Regel die Namen seiner bekanntesten Figuren. In der Tat sind einige von Jin Yongs Protagonist:innen so sehr Teil der alltäglichen Kommunikation geworden, dass in der Politik und den Medien regelmäßig Anspielungen auf sie gemacht werden.
Es wäre falsch zu sagen, Jin Yong sei »in China« ein Phänomen. In den diversen chinesischen Diaspora-Gemeinschaften ist sein Werk ebenso präsent wie in der Volksrepublik, in Hongkong und Taiwan. Dieser Allgegenwart in der Sinosphäre entspricht seine nahezu vollständige Unbekanntheit in der restlichen Welt. Das könnte sich nun ändern, denn Heyne hat für den Herbst den ersten Teil einer Übersetzung von Jin Yongs Hauptwerk Legends of the Condor Heroes angekündigt. Übersetzt von Karin Betz, die bereits Cixin Liu ins Deutsche übertragen hat, soll der Band Titel Die Legende der Adlerkrieger heißen.
In Großbritannien ist schon seit 2018 eine englische Übersetzung in Arbeit. Die ersten drei einer auf zwölf Bände angelegten Ausgabe sind bei MacLehose Press erschienen (der vierte Band soll im kommenden Jahr folgen). Zur Erläuterung: Legends of the Condor Heroes ist eine Trilogie, die aus den Romanen The Legend of the Condor Heroes, The Return of the Condor Heroes und The Heaven Sword and Dragon Saber besteht. Die drei Romane sind wiederum in je vier Bände aufgeteilt. Man wird sehen, wie weit der englische und der deutsche Verlag mit der Übersetzung der gesamten Trilogie kommen. (Bisherige Übersetzungen von Wuxia-Romanen in westliche Sprachen sind notorisch unvollständig.)
Jin Yong hieß eigentlich Louis Cha. Wie viele Autoren der beiden Wuxia-Blütezeiten im 20. Jahrhundert folgte er der klassischen chinesischen Tradition, seine Romane unter einem nom de plume zu veröffentlichen. Geboren wurde er 1924 im republikanischen China. Er stammte aus der Gelehrtenfamilie Zha, die schon in der frühen Qing-Dynastie einige namhafte Literaten hervorbrachte.
Jin Yongs Leben war davon geprägt, zwischen den Fronten zu stehen. Als Jugendlicher flog er von der Schule, weil er die autokratischen Tendenzen der Guomindang-Regierung kritisierte. Nach der Machtübernahme der Kommunistischen Partei Chinas wiederum wurde sein Vater in einer Säuberungsaktion ermordet. Jin Yong ging darauf nach Hongkong, wo er als Journalist arbeitete und nebenher Drehbücher für Filmstudios schrieb. 1959 gründete er gemeinsam mit einem Freund aus Schulzeiten die Tageszeitung Ming Pao, die heute noch erscheint.
Unterdessen hatte Jin Yong den Wuxia-Autor Liang Yusheng kennengelernt. Schon von Kindheit an hatte er gerne Wuxia gelesen. 1955 begann er, selber Romane im Genre zu schreiben. Die erschienen, wie damals üblich, als Fortsetzungsromane in Zeitungen. Sobald Jin Yong mit Ming Pao seine eigene Zeitung hatte, verfügte er über das ideale Publikationsmedium für seine Romane (ohne sich indes darauf zu beschränken).
Jin Yongs literarisches Werk belief sich schließlich auf 14 Romane und eine Erzählung. Diese schrieb er in einem Zeitraum von nur 15 Jahren. Das aber reichte aus, ihn zum Superstar des Genres zu machen. Jin Yong bildete gemeinsam mit Liang Yusheng und Gu Long die Speerspitze der »neuen Schule« des Wuxia-Romans, aber sein Ruhm überstrahlte schnell den seiner beiden Weggefährten.
Nach 1970 schrieb er keine neuen Geschichten mehr. Statt dessen überarbeitete er sein Werk zwei Mal und gab es jeweils in neuen Editionen (in Buchform) heraus. Mit der ersten Überarbeitung war er von 1970 bis 1980 beschäftigt, mit der zweiten von 1999 bis 2006. Unter Fans ist bis heute heiß umstritten, welche der drei Fassungen seiner Romane vorzuziehen sei. Für Jin Yong selbst hatten die Überarbeitungen aber einen ganz konkreten Anlass: In der ersten, der Zeitungsausgabe stammen einige Passagen seiner Romane von Ghostwriter:innen. Befand sich der Autor einmal im Ausland oder war anderweitig verhindert, ließen die Zeitungsredaktionen seine Geschichten einfach weiterlaufen. Mit den Überarbeitungen wollte Jin Yong die kreative Kontrolle über sein Werk zurückgewinnen.
Bemerkenswerterweise war Jin Yongs Werk sowohl in der Volksrepublik als auch in Taiwan jahrzehntelang verboten. Beide Regimes warfen dem Autor vor, dem jeweiligen Gegner nahezustehen. Gleichzeitig kursierten in beiden Ländern Raubdrucke im Untergrund. Erst 1979 (in Taiwan) bzw. 1980 (in der Volksrepublik) konnten offizielle Ausgaben erscheinen.
Seit den 1980er Jahren war Jin Yong berühmt genug, um sowohl an der Ausarbeitung der Hongkonger Verfassung (dem Basic Law) als auch am Vorbereitungskomitee zur Übergabe Hongkongs an die Volksrepublik China beteiligt zu sein. Auch dies lief aber nicht ohne Konflikte ab: Die Mitarbeit am Basic Law legte er nach der brutalen Niederschlagung der Tiananmen-Proteste 1989 nieder.
Im hohen Alter promovierte Jin Yong zwei Mal und erwarb einen Doktortitel in chinesischer Geschichte (2010) und einen in Literaturwissenschaft (2013). 2018 starb er im Alter von 94 Jahren in Hongkong.
Heute gibt es nicht nur ein Jin-Yong-Museum, auch die akademische Auseinandersetzung mit seinem Werk ist an chinesischen Universitäten fest verankert. Auszüge aus seinen Romanen erscheinen in Lesebüchern für den Schulunterricht. Diese Wirkung wird aber durch das Eigenleben, dass seine Condor Heroes angenommen haben, noch übertroffen.
Anlässlich der Übersetzungen ins Englische und Deutsche wird Jin Yong als »der Tolkien Chinas«, die Trilogie als »als chinesischer Herr der Ringe« angepriesen. Das ist ein nachvollziehbarer Vergleich, allerdings mit dem Problem, dass es sich fast schon um ein Understatement handelt. Aufgrund der (in China weit verbreiteten) nichtlizenzierten Ausgaben ist es schwer, die Verkaufszahlen der Condor Heroes einigermaßen genau anzugeben. Eine Schätzung beläuft sich aber auf 300 Millionen verkaufte Exemplare in der Originalsprache. Damit übertreffen sie die Verkaufszahlen des Lord of the Rings ziemlich genau um das Doppelte.
Und nicht nur das. Die Trilogie ist mehrfach fürs Kino verfilmt worden, u.a. von den Shaw Brothers. Wong Kar-wais Ashes of Time stellt ein inoffizielles Film-Prequel dar (sehr zum Unmut des Autors übrigens). Es gibt mindestens zehn Fernsehserien, die auf der Trilogie basieren, und eine Manhua-Serie mit 38 Bänden. Wer in der Sinosphäre die Bücher nicht gelesen hat, kennt die Verfilmungen oder die Comics.
Von daher ist es wohl verständlich, dass die Erwartungen an die englische Übersetzung von MacLehose Press gewaltig sind. Schließlich gibt es eine große sinoamerikanische und sinokanadische Diaspora, die die Trilogie oder ihre Adaptationen bereits kennt. Als sehr kontrovers hat sich bereits die Entscheidung Anna Holmwoods erwiesen, für den ersten englischen Band A Hero Born die chinesischen Namen der Figuren teilweise zu übersetzen.
Vergleichbare Reaktionen sind im deutschen Sprachraum, wo Jin Yong kaum bekannt ist, nicht zu erwarten. In der Tat hat die Ankündigung des Heyne Verlags hierzulande bislang kaum Reaktionen hervorgerufen. Um so gespannter bin ich, wie die ersten Rezensionen ausfallen werden. Hier hoffe ich zunächst, einen gewissen Eindruck davon vermittelt zu haben, was für ein literarisches Ereignis Jin Yong in der Sinosphäre darstellt.
Und worum geht es in Legends of the Condor Heroes? Ich fürchte, das einigermaßen konzis darzustellen, würde den Rahmen sprengen.* Erwähnt sei nur: Im Mittelpunkt stehen zwei Schwurbrüder, die sich auf verschiedenen Seiten eines gewaltigen Konflikts wiederfinden. Die Handlung erstreckt sich über Generationen, und Dschingis Khan persönlich kommt auch vor.
* Wer meine Rezension von Little Dragon Maiden, einer Verfilmung von The Return of the Condor Heroes, gelesen hat, wird gemerkt haben, wie schwer es mir fiel, die Filmhandlung und ihren Hintergrund zusammenzufassen. Wer sich jetzt nicht für den ersten Roman der Condor Heroes spoilern lassen will, sollte die Filmrezension übrigens nicht noch mal lesen.
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Montag, 11. Mai 2020
Sonntag, 23. Dezember 2012
Warten auf Guille
I hate structure. I’m completely anti-structural in terms of believing in institutions. I hate them. I hate any institutionalised social, religious, or economic holding.
Über die Wartezeit hinweg geholfen hat mir vor allem Don’t Be Afraid of the Dark aus dem Jahre 2011.* Bei diesem Film hat zwar nicht del Toro selbst, sondern der Comic-Illustrator Troy Nixey Regie geführt, aber der Meister verfasste das Drehbuch und produzierte. Auch sonst trägt Don’t Be Afraid del Toros Handschrift, sei es in seiner Atmosphäre, die gelegentlich an El laberinto del fauno erinnert, sei es in der Aufnahme von Ideen, die man bereits aus anderen Werken del Toros kennt. So ernsthaft und bewegend wie El laberinto ist Don’t Be Afraid zwar nicht, aber eine schöne Hommage an die Schauerliteratur des frühen 20. Jahrhunderts (Blackwood, Machen und Lovecraft), die wieder einmal del Toros intelligente und detailverliebte Nerdigkeit aufblitzen lässt, ist der Film auf jeden Fall.
Und ich habe mir den Spaß gemacht, als Weihnachtsgeschenk für alle del Toro bewundernden Hermanstadt-Leser_innen einmal eine möglichst umfassende Aufstellung der angekündigten, halbfertigen und links liegengelassenen Projekte des Meisters anzufertigen.
I.
Zunächst das Ding, das einigermaßen in trockenen Tüchern ist:- Pacific Rim ist als Hommage an japanische Monsterfilme zu verstehen. Dementsprechend geht es um städteverwüstende Riesenviecher, die mit Menschen in gigantischen mechanischen Kampfanzügen im Clinch liegen. Del Toro zufolge soll der Film vor allem eins sein: groß. Zu erwarten ist möglicherweise ein actionlastiger Streifen im Stil von Peter Jacksons King Kong, also eine geliebte filmische Kindheitserinnerung, die der Regisseur mit Hilfe aktueller CGI-Technik neu erstehen lässt. Da Jacksons Film allerdings nicht viel mehr als Reminiszenz ist, während man von del Toro ungleich vielschichtigere Filme gewohnt ist, fragt sich natürlich, ob noch mehr in Pacific Rim stecken wird, oder ob der Regisseur sich einfach nur austoben will (etwa so, wie er es mit Blade II getan hat). Zu letzterer Vermutung würde passen, dass del Toros Augenmerk stark auf dem Design des Films liegt, das von dem Goya-Gemälde El coloso** inspiriert sein soll. Del Toro betont, dass das inflationäre Motion-Capture-Verfahren nicht zur Anwendung kommen wird. Die Monster sollen sich offenbar gerade nicht wie Menschen bewegen.
Das Drehbuch stammt von Travis Beacham (Clash of the Titans), für die Effekte wurde das Team von Industrial Light & Magic an Bord geholt, das auch für Pirates of the Caribbean verantwortlich zeichnet. Der Soundtrack wird von Ramin Djawadi (Game of Thrones) beigesteuert. Ursprünglich war Tom Cruise für eine Rolle in Pacific Rim vorgesehen, wurde aber durch Idris Elba ersetzt. Da die ursprünglich für Cruise vorgesehene Figur im Film eine klassische Anfeuerungsrede hält, ist das wohl als Glücksfall zu betrachten. Es gibt Rollen, in denen man den Möchtegern-Goebbels der Scientology-Kirche einfach nicht sehen will.
Del Toro wollte den Film ursprünglich nur produzieren, nicht Regie führen. Diese Information lässt Raum für die Vermutung, dass del Toro sich vor allem deshalb entschieden hat, auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen, weil es seine beiden Großprojekte der letzten Jahre, The Hobbit und At the Mountains of Madness, sich als Sackgassen erwiesen haben. Dazu passt del Toros Äußerung, Pacific Rim sei ihm wie ein »großes, dickes, obszönes Weihnachtsgeschenk« in den Schoß gefallen, zu einem Zeitpunkt, als er es dringend brauchte.
Gab es anfänglich Gerüchte, del Toros Projekt sei ein Reboot der japanischen Godzilla-Reihe,*** ist mittlerweile klar, dass Pacific Rim weder ein Remake noch ein Reboot irgendwelcher bisheriger Riesenmonsterfilme ist, sondern ein eigenständiges Werk. Das ist zu begrüßen, hat doch Roland Emmerich mit seinem 1998er Godzilla eindrücklich demonstriert, dass solche Remakes nicht unbedingt eine gute Idee sind. Dennoch wäre ich nicht böse, wenn del Toro sich vielleicht ein klein wenig vom ersten Godzilla aus dem Jahre 1954† beeinflussen ließe, der eine beeindruckend-düstere Atmosphäre aufweist und mit den Gummianzug-Schlachten späterer Riesenmonsterfilme wenig gemein hat.
II.
Nun zu den Projekten, die wohl das stärkste Medienecho hervorgerufen haben: Universal Pictures versucht seit einigen Jahren, auf alle möglichen und unmöglichen Arten und Weisen seine klassischen Horrorfilme aus den dreißiger Jahren neu aufzulegen.†† Del Toro sollte bei vier Universal-Filmen Regie führen, die teils mit diesem Vorhaben zusammenhängen: Ein neuer Frankenstein-Film, Neuverfilmungen von Dr. Jekyll and Mr. Hyde und Slaughterhouse-Five sowie eine Verfilmung von Dan Simmons’ Roman Drood. Mittlerweile sieht es eher so aus, als wolle del Toro nur bei dem Frankenstein-Film Regie führen und sich an den anderen Projekten, so sie denn zustande kommen, eher als Produzent beteiligen.- Von Universal leider gestoppt wurde eine Verfilmung von At the Mountains of Madness. Del Toro schrieb gemeinsam mit Matthew Robbins (der bereits bei Mimic und Don’t Be Afraid of the Dark sein Co-Autor war) ein Drehbuch zu Lovecrafts Novelle, das er zunächst Warner Bros. anbot, die das Projekt mangels einer Liebesgeschichte und eines Happy Ends aber nicht finanzieren wollten. Del Toro wandte sich daraufhin an Universal Pictures, die das Projekt zu seinem ersten großen Film seit Hellboy II hätten machen können, wären sie nur bereit gewesen, ihm grünes Licht zu geben. Da del Toro am 30. April schrieb, At the Mountains of Madness sei für längere Zeit auf Eis gelegt, um Ridley Scotts Prometheus keine Konkurrenz zu machen, ist es möglich, dass das Drehbuch nach dem Veto von Universal Pictures auch noch 20th Century Fox angeboten wurde und dort ebenfalls scheiterte. Wäre der Film zustande gekommen, hätte James Cameron als Produzent fungiert und Tom Cruise möglicherweise die Hauptrolle übernommen. S.T. Joshi, der führende Lovecraft-Experte, war als Berater angefragt. Da del Toro das Projekt auch ein persönliches Anliegen ist, bleibt zu hoffen, dass er irgendwann einflussreich (oder auch einfach nur reich) genug sein wird, um den Film doch noch zu realisieren. Momentan sieht es aber eher düster aus.
- Ebenfalls ein persönliches Anliegen scheint dem Regisseur der geplante Frankenstein-Film zu sein. Del Toro ist ein großer Fan von Boris Karloff und bezeichnet Bride of Frankenstein (1935) als seinen Lieblingsfilm. Als Hauptdarsteller ist Doug Jones eingeplant. Der Film lehnt sich möglicherweise an Frank Darabonts Drehbuch an, auf dem bereits Kenneth Branaghs 1994er Verfilmung beruht – jedenfalls hat del Toro Darabonts Werk seine Bewunderung ausgesprochen. Eine neue Frankenstein-Version, die direkt mit Branaghs vielkritisiertem Film vergleichbar wäre, hätte natürlich ihren Reiz. Andererseits hat del Toro verschiedene Andeutungen gemacht, die auf eine eigenständigere Interpretation hoffen lassen. So sagte er, Mary Shelleys Roman weise Aspekte auf, die in keiner der bisherigen Verfilmungen zum Tragen gekommen seien. Möglicherweise meint er damit das Motiv des von seinem Schöpfer verlassenen Geschöpfes:
To me, Frankenstein represents the essential human question: ‘Why did my creator throw me here, unprotected, unguided, unaided and lost?’
Außerdem sagte del Toro, dass er für seinen Film gern Elemente aus Frankenstein und Bride of Frankenstein kombinieren würde, und nennt die Illustrationen von Bernie Wrightson als Inspirationsquelle. In der Tat wünscht er sich, Wrightson als Creature Designer gewinnen zu können. Leider besteht die Gefahr, dass auch dieses Projekt aufs Abstellgleis gerät, da Neil Burger gerade für Universal Pictures und Image Entertainment an einem Remake von Bride of Frankenstein arbeitet. Auch hier könnte also del Toros Film aufgrund von Konkurrenzgefahr ins Hintertreffen geraten. Der Regisseur hat bereits verschiedentlich angekündigt, dass sein Frankenstein-Film in jedem Fall noch einige Jahre auf sich warten lassen wird. - Auch die Verfilmung von Dan Simmons’ Drood stand kurzzeitig als das nächste große Regieprojekt del Toros zur Debatte. Der Roman handelt von Charles Dickens’ Arbeit an seinem letzten, nicht fertig gestellten Werk The Mystery of Edwin Drood und wird aus der Perspektive von Dickens’ Kollege Wilkie Collins erzählt, der als unzuverlässiger Erzähler auftritt. Mittlerweile scheint jedoch festzustehen, dass del Toro bei einer Verfilmung produzieren, aber nicht Regie führen würde. Ähnliches gilt für die geplante Neuverfilmung von Kurt Vonneguts SF-Roman Slaughterhouse-Five. Del Toro hat angekündigt, sich bei der Arbeit an letzterem Film eher an der literarischen Vorlage als an der 1970er Verfilmung orientieren zu wollen.
- Ausführlicher äußerte del Toro sich zur geplanten Neuverfilmung von Robert Louis Stevensons Dr. Jekyll and Mr. Hyde. Der Film, so er unter del Toros Ägide realisiert wird, werde keine modernisierte Fassung sein, sondern im viktorianischen Zeitalter spielen. Besonders interessiert scheint der Regisseur am Motiv der Sucht zu sein, das er gegenüber dem üblicherweise mit dem Stoff assoziierten Motiv des unterdrückten Begehrens gern stärker akzentuieren würde.
- Zeitweilig war del Toro mit einem weiteren Projekt für Universal beschäftigt: einem neuen Film über den Vampirjäger Van Helsing aus Bram Stokers Dracula. Über den gab es bereits 2004 einen grauenhaft schlechten Film von Stephen Sommers. Del Toros Version, so wurde betont, sollte zwar ebenfalls ein actionlastiger Horrorfilm werden, aber weder ein Sequel noch ein Remake sein. Sicherlich lehnt man sich mit der Annahme, dass die einzige Erfolgsaussicht für einen solchen Film darin besteht, sich möglichst glaubwürdig von Sommers’ Machwerk zu distanzieren, nicht allzuweit aus dem Fenster. Zwar wollte die Gerüchteküche auch in diesem Film das nächste große Regieprojekt del Toros sehen, aber der Meister scheint sich mittlerweile aus der Sache zurückgezogen zu haben. Weg vom Fenster ist das Projekt allerdings noch nicht, denn Tom Cruise hält sich die Option offen, das Ding zu produzieren und möglicherweise die Hauptrolle zu übernehmen. Wie dem auch sei – wenn der Film irgendwann mal fertig ist, wird man wahrscheinlich erleichtert sein, dass del Toro nicht mehr daran beteiligt war.
- Kein Studioprojekt, sondern eine persönliche Initiative ist Crimson Peak, ein Drehbuch, das del Toro und Robbins Universal vor etwa vier Jahren vorlegten. Unklar, ob bei Universal überhaupt jemand über die Realisierung dieses Films, von den beiden Autoren als »gothic romance« bezeichnet, nachgedacht hat.
III.
Daneben hat del Toro sich mittlerweile als Produzent bzw. Executive Producer etabliert, der gemeinsam mit eher unbekannten Regisseur_innen Filme realisiert, die im weitesten Sinne dem Horror- und Fantasybereich angehören und manchmal auf Drehbüchern beruhen, die der Meister selbst verfasst hat. Der bereits erwähnte Don’t Be Afraid of the Dark von Troy Nixey fällt in diese Kategorie, aber auch der spanische Horrorfilm El orfanato (Das Waisenhaus, 2007) von J.A. Bayona, Vincenzo Natalis Splice (2009) und der spanische Psychothriller Los ojos de Julia (Julia’s Eyes, 2010) von Guillem Morales. Außerdem baut del Toro, der offenbar nie auf genug Hochzeiten gleichzeitig tanzen kann, sich ein Standbein als Executive Producer bei DreamWorks Animation auf. Damit nicht genug, sind auch Filme für den DreamWorks-Konkurrenten Disney im Gespräch. Folgende Projekte sind in diesem Zusammenhang zu nennen:- Ursprünglich ebenfalls für Ende 2012 angekündigt, mittlerweile aber auf Januar nächsten Jahres verschoben ist der Horrorfilm Mama von Andy Muschietti, der auf dem ebenfalls von Muschietti realisierten spanischen Kurzfilm Mamá aufbaut. Del Toro ist Executive Producer, u.a. wird Nikolaj Coster-Waldau (Game of Thrones) mitspielen.
- Gegenwärtig auf den Filmfestivals zu sehen ist Jovanka Vuckovics Kurzfilm The Captured Bird, an dessen Entstehung del Toro als Executive Producer beteiligt war.
- Midnight Delivery beruht auf einer Idee von del Toro: Ein Vater wird zum Drogenkurier, um seinem kranken Sohn zu helfen. Das Drehbuch schreibt (wie auch bei Mama) Neil Cross, Regie führen soll Brian Kirk, der für einige Episoden von Game of Thrones und Boardwalk Empire verantwortlich zeichnet.
- Eine weitere Idee del Toros ist Trollhunters, der von DreamWorks Animation realisiert werden soll. Del Toro reichte die Geschichte 2010 sogar als Jugendbuch beim US-Verlag Hyperion Books ein.††† In eigenen Worten:
It essentially combines fairy tales with modern times and is about how difficult it is to be kid. Normally, kids are idealized in animated films. But the growing pains, married with the notion that there is a world right next to us that is completely plagued by creatures of ancient lore, it’s thematically fitting with the rest of my stuff.
Del Toro ist als Executive Producer und möglicherweise auch als Co-Regisseur (gemeinsam mit Rodrigo Blaas) im Gespräch. Es wäre sein Regiedebüt für DreamWorks. Das Drehbuch schreibt er jedenfalls, und zwar in Zusammenarbeit mit Tom Wheeler, der zuvor bei Puss in Boots Autor war. - Der spanische Kurzfilm Alma (2009) von Rodrigo Blaas dient DreamWorks als Grundlage für einen abendfüllenden Film. Auch hier ist del Toro Executive Producer, Cornelia Funke soll die Story entwickelt haben und Megan Holley das Drehbuch schreiben. Blaas soll auch bei der Langversion Regie führen.
- Produzieren will del Toro auch ein Hollywood-Remake von Das Waisenhaus. Als Regisseur war ursprünglich Larry Fessenden vorgesehen, der sich aber mit den Casting-Entscheidungen nicht anfreunden konnte. Nun soll Mark Pellington (The Mothman Prophecies) die Regie übernehmen. Del Toro zufolge ist das Remake eine Gelegenheit, Sergio G. Sánchez’ Drehbuch, das für den spanischen Film stark abgeändert werden musste, der ursprünglichen Intention entsprechend zu verfilmen. Allerdings muss ich sagen: Fessenden, der zuletzt die spritzige Horrorkomödie I Sell the Dead produzierte, wäre mir als Regisseur weitaus lieber als Pellington mit seiner Eso-Klamotte.
- Der Regisseur des Original-Waisenhaus, J.A. Bayona, soll auch bei einer Verfilmung von David Moodys Hater die Regie übernehmen. Moodys Roman wurde in deutscher Übersetzung bei Goldmann veröffentlicht, unter dem Titel Im Wahn. Als Produzenten sind del Toro und Mark Johnson (The Chronicles of Narnia) gelistet, als Autor ist Glen Mazzara (The Walking Dead) vorgesehen.
- Kein Remake des gleichnamigen Zombiefilms ist das bis vor kurzem unter dem Titel Day of the Dead bekannte Projekt, das del Toro für das mexikanische Studio Reel FX produzieren soll. Der Titel nimmt vielmehr Bezug auf den berühmten mexikanischen Feiertag, den Día de Muertos oder Totentag. Vor diesem Hintergrund will del Toro eine Romeo-und-Julia-Geschichte ansiedeln. Um dem Projekt einen etwas eigenständigeren, mit mehr Wiedererkennungswert ausgestatteten Titel zu geben, wurde es kürzlich in Book of Life umbenannt. Der CG-Animationsfilm soll 2014 herauskommen. Die Regie übernimmt Jorge R. Gutierrez, der Schöpfer der Nickelodeon-Serie El Tigre.
- Abgesagt zu sein scheint der Horrorfilm Born, den del Toro gemeinsam mit Clive Barker produzieren wollte. Barkers zugrundeliegende Story handelt von einem Knetfigurenkünstler, der gemeinsam mit seiner Frau im ländlichen England lebt, wo seine Knetfiguren zu unheimlichem Leben erwachen. Regie führen sollte Dan Simpson (der Name sagt mir leider nichts), für die Hauptrollen waren Jennifer Connelly und Paul Bettany im Gespräch. Schade, das hätte interessant werden können.
- Gecancelt ist auch die Verfilmung von Neil Gaimans Death: The High Cost of Living, bei der Gaiman selbst Regie führen und del Toro als Executive Producer fungieren wollte. Sollte als Film Death and Me heißen. Ursprünglich stand New Line Cinema dahinter, doch zwischenzeitlich ruhte die Arbeit daran. Dann wieder zeigten sich andere Studios interessiert – oder auch nicht. Das übliche Drama eben. 2010 gab Gaiman das Projekt auf.
IV.
Falls mit Pacific Rim für Warner Bros. alles gut geht, ist es wohl nicht verkehrt, zu hoffen, dass del Toro noch weitere Filme für diese Firma ins Leben rufen wird. Möglich ist natürlich auch, dass es mit Warner Bros. eine ebenso komplizierte Affäre wird wie mit Universal Pictures. Folgende Projekte sind am Horizont aufgetaucht:- Eine Interpretation des französischen Volksmärchens »Die Schöne und das Biest«, die von Robin McKinleys Roman Beauty inspiriert ist (ursprünglich sollte es wohl eine Verfilmung des Romans werden). Mit Emma Watson als Hauptdarstellerin und Andrew Davies als Drehbuchautor. Del Toro will den Film gemeinsam mit Denise Di Novi (vormals Tim Burton Productions) produzieren und auch Regie führen. Spekulativer Gedanke meinerseits in diesem Zusammenhang: Ron Perlman, neben Doug Jones und Federico Luppi ein gern gesehener Gast im Hause del Toro, hat schon mal in einer Fernsehserie das Biest gespielt. Amoukar von den Ulam und Hermione, das wäre doch mal ein vielversprechendes Shipping ...
- Ein geplanter Stop-Motion-Animationsfilm zu Roald Dahls The Witches geht auf die gemeinsame Idee von del Toro und Alfonso Cuarón zurück. Ursprünglich wurde dabei über die Verfilmung einer von Dahls Onkel-Oswald-Geschichten geredet, aber del Toro, der anscheinend zu jeder Gelegenheit ein Drehbuch aus dem Ärmel zaubern kann, verfasste in Rekordzeit eins zu The Witches. Nicht so ganz einig scheinen die beiden sich zu sein, wer produzieren und wer Regie führen darf, aber der letzte Stand ist wohl, dass del Toro Regie führt und Cuarón entweder als Produzent oder als Executive Producer im Boot sitzt. The Witches ist del Toros Lieblingsbuch von Dahl. Eine Verfilmung durch die beiden mexikanischen Genies wäre sicherlich sehr interessant, müsste sich aber neben Nicolas Roegs hochgelobter Realfilm-Adaption aus dem Jahre 1990 behaupten. Gegenwärtig scheint es bei Warner mit diesem Film auch nicht gerade in großen Schritten voranzugehen. Schade, denn del Toro bezeichnete das Drehbuch als das beste, das er je geschrieben habe. Es orientiert sich stark an der Buchvorlage und wurde von Liccy Dahl, der Witwe des Autors, sehr gelobt.
- Crimson Peak, das Script, das del Toro und Matthew Robbins zunächst bei Universal einreichten (siehe II.), ist bei Warner offenbar auf größeres Interesse gestoßen. Hieß es zunächst, dass daraus ein von del Toro produzierter Film werden könnte, sind in jüngster Zeit Meldungen aufgetaucht, laut denen Crimson Peak als das auf Pacific Rim folgende Regieprojekt in Frage kommt. Das Script soll noch einmal von Lucinda Coxon überarbeitet werden (immer diese Drehbücher, an denen ein halbes Dutzend Leute rumwerkelt ...), die Dreharbeiten sind für Anfang 2014 angesetzt. Crimson Peak soll ein Film des Spukhaus-Genres werden, als Vorbilder nennt del Toro Klassiker wie Robert Wise’ The Haunting und Stanley Kubricks Shining. Außerdem stellt er sich vor, dass Crimson Peak in der Tradition aufwändiger Horrorproduktionen wie The Omen und The Exorcist stehen und sich damit vom üblichen B-Horror deutlich abgrenzen wird. Man merkt, dass del Toro sich von Pacific Rim verspricht, in Zukunft mit höheren Budgets arbeiten zu können ...
- Eine weitere Idee nimmt den Faden der okkulten Superhelden, die del Toro im Zusammenhang mit den Hellboy-Filmen so beschäftigten (siehe V.), wieder auf: Heaven Sent soll mit einem Superheldenteam aufwarten, dass diejenigen Figuren des DC-Universums vereint, die einen magischen oder gespenstischen Hintergrund haben. Man kann sich vorstellen, wie viel nerdigen Spaß del Toro mit dieser Sache hätte. Wie wahrscheinlich es ist, dass jemals ein Film zustande kommt, für den Warner sich im Vorfeld die Rechte für ein halbes Dutzend oder mehr Figuren sichern müsste, steht auf einem anderen Blatt.
- Daneben hat del Toro angekündigt, dass er sich ein Sequel zu Pacific Rim vorstellen könne.
V.
Im Hintergrund spuken außerdem einige Projekte herum, an denen del Toro vor Jahren Interesse äußerte und die seitdem in der development hell vor sich hin vegetieren (oder nie über die Brainstorming-Phase hinauskamen). Dass einer dieser Filme irgendwann einmal das Licht der Welt erblicken wird, ist meiner Einschätzung nach noch unwahrscheinlicher, als dies bei den Universal-Projekten der Fall ist:- 2005 war del Toro mit Peter Jackson wegen einer Verfilmung des Videospiels Halo im Gespräch. Neben del Toros fiel auch der Name Neill Blomkamps (District 9) als möglicher Regisseur. Alex Garland wurde als Drehbuchautor eingespannt. Das Projekt, das ursprünglich 2007 ins Kino kommen sollte, liegt gegenwärtig auf Eis. Seit 2009 ist Jackson nicht mehr als Produzent an Bord.
- Ende 2006 trat del Toro mit der Idee an die Öffentlichkeit, bei einem neuen Tarzan-Film Regie zu führen. Er wollte ein Drehbuch von John Collee (Master and Commander) verfilmen und damit eine vergleichsweise düstere Tarzan-Interpretation erschaffen, in Übereinstimmung mit seinem immer wieder aufgegriffenen Motiv des Kindes, das sich einer grausamen Welt ausgesetzt sieht. Diesen Film hätte ich ja zu gern gesehen. Del Toros Beteiligung an dem Projekt dürfte aber spätestens dann gestorben sein, als er sich der Arbeit an Hellboy II zuwandte. Nach del Toros Abgang sollte Stephen Sommers die Regie übernehmen, der aber eine ganz andere Vorstellung zur Umsetzung des Films hatte – und sich mittlerweile ebenfalls davon abgewandt hat.
- 2007 war kurz die Rede davon, dass del Toro für United Artists eine Kinofassung der britischen SF-Fernsehserie The Champions schreiben, produzieren und als Regisseur umsetzen werde. Christopher McQuarrie (Valkyrie) war als Co-Produzent und Co-Autor im Gespräch. Die Serie handelt von drei Geheimagent_innen, die nach einem Flugzeugabsturz im Himalaja mit übernatürlichen Kräften ausgestattet sind. Seit 2008 ist von dem Projekt leider nichts mehr zu hören.
- Das Thema der Heldenfigur mit okkulten Kräften ließ del Toro dennoch nicht los. 2008 berichtete er von einem gemeinsam mit Neil Gaiman entwickelten Idee, einen Film mit dem Magier-Superhelden Dr. Strange zu verwirklichen. Dr. Strange ist eine eher unbekannte Figur aus dem Marvel-Universum, die del Toro interessierte, weil sie sich »in the pulpy occult detective/magician mould and formula« bewegt. Seitdem hat man von einem Marvel-Film unter del Toros und Gaimans Beteiligung allerdings nie wieder etwas gehört.
- Im Jahr darauf kündigte del Toro geheimnisvoll einen Film an, dessen Schlüssel der Buchstabe D sei und der vielleicht schon vor dem ersten Hobbit-Film fertig werde. Möglicherweise bezog sich das auf den Dr.-Strange-Film, wahrscheinlicher ist aber, dass del Toro einen anderen Film meinte, an dem er seit 2006 arbeitete: Protagonist sollte der DC-Superheld Deadman sein, ein ermordeter Zirkusakrobat, dessen Geist von einer indischen Gottheit die Macht verliehen wurde, in lebende Wesen hineinzufahren. Es war geplant, den Film mit Nikolaj Arcel als Regisseur zu verfilmen, nachdem zunächst die Rede davon war, dass del Toro selbst Regie führen könnte. Ob der Film gecancelt ist, kann ich nicht sagen. Allerdings gibt es seit drei Jahren keine Neuigkeiten dazu.
- Als weitere Comic-Verfilmung unter del Toros Beteiligung war 2007 eine Adaption von Tom Mannings Graphic Novel Runoff im Gespräch. Die Informationen dazu sind ähnlich spärlich wie im Falle des Dr.-Strange-Films.
- Wiederum 2008 hieß es eine Zeit lang, dass del Toro an einem Sequel oder Remake des 1981er Films Heavy Metal beteiligt sein sollte. Del Toro hatte Interesse bekundet, bei einer Episode des Films Regie zu führen. Als Regisseure für weitere Episoden waren James Cameron, David Fincher, Mark Osborne, Zack Snyder und Gore Verbinski im Gespräch. Cameron und Fincher waren außerdem als Executive Producer vorgesehen. Allerdings ist das Projekt, nachdem es zwischenzeitlich von Paramount zu Columbia wanderte, seit 2010 in der development hell versackt. 2011 sicherte Robert Rodriguez sich die Rechte an dem Projekt, was wohl bedeutet, dass der Film nicht mehr in der ursprünglich vorgesehenen Form realisiert wird.
VI.
Doch will ich diesen monströsen Post nicht auf einer melancholischen Note enden lassen. Abgesehen von den angekündigten Warner-Bros.-Produktionen (deren Realisierung natürlich in erster Linie vom kommerziellen Erfolg von Pacific Rim abhängen wird) stehen im Hause del Toro noch einige weitere Vorhaben an, von denen ein oder zwei sogar den Eindruck machen, als könnten sie es irgendwann einmal auf die Leinwand schaffen:- The Haunted Mansion, ein neuer Film zur gleichnamigen Disney-Attraktion, der ausdrücklich kein Sequel zu der Erstverfilmung mit Eddie Murphy (2003) sein wird. Del Toro plant vielmehr einen eigenständige Adaption, die zwar das Komödienhafte nicht vernachlässigen will, insgesamt aber einen düsteren Ton haben soll. Gegenwärtig überarbeitet er mit Matthew Robbins das Drehbuch, in dem der Hatbox Ghost eine zentrale Rolle spielt. Ein Storyboard existiert ebenfalls schon. Bekannt ist außerdem, dass die Welt außerhalb des Spukhauses keine »regular world« sein, sondern nach einem visuellen Gesamtkonzept gestaltet werden soll. Del Toro, der Übernerd, ist jedenfalls die richtige Person für diesen Film: In seinem Haus hat er ein Ausstellungszimmer, welches ausschließlich Haunted-Mansion-Fanartikel enthält, und er bezeichnet die Attraktion als sein persönliches Heilmittel gegen Grübelei und depressive Verstimmungen. Offen ist die Frage, ob del Toro bei diesem Projekt nicht nur schreiben und produzieren, sondern auch Regie führen wird.
- Del Toros nächste Regiearbeit nach Pacific Rim wird möglicherweise die Pinocchio-Verfilmung, an der er mit der Jim Henson Company arbeitet. Als Co-Regisseur ist Mark Gustafson vorgesehen, der bei der Dahl-Verfilmung Fantastic Mr. Fox für die Animation zuständig war. Das Drehbuch kommt wiederum von Matthew Robbins. Del Toros Adaption von Carlo Collodis Kinderbuchklassiker soll ein Stop-Motion-Film in 3D werden, der auf den Illustrationen von Gris Grimly beruht. Für den Soundtrack wünscht er sich Nick Cave, für die Rolle des Geppetto Tom Waits und für die des Fuchses Christopher Walken. Sollten sich diese Vorstellungen nur ansatzweise verwirklichen, wird dies ein wunderschöner Film werden! Leider gibt es noch keine Bestätigungen dazu, ob del Toros Casting-Wünsche (und vor allem: Nick Cave!) sich erfüllen werden. Bekannt ist lediglich, dass Daniel Radcliffe sich interessiert gezeigt hat, eine Rolle zu übernehmen. Pinocchio soll im Laufe des nächsten Jahres gedreht werden und 2014 in die Kinos kommen.
- Nachdem Ron Perlman vor einiger Zeit aus karitativen Gründen erneut ins Hellboy-Kostüm geschlüpft ist, wird hoffentlich mit einem dritten Film über den katzenliebenden Dämon zu rechnen sein. Jedenfalls hat Perlman zugesagt, die Hauptrolle ein weiteres Mal zu übernehmen. Del Toro hatte von Anfang an eine Trilogie geplant. Ein Drehbuch gibt es nach Angaben des Meisters noch nicht.
VII.
Zu guter Letzt gilt es, zwei Projekte zu nennen, die in erster Linie Liebhabereien und lang gehegte Träume del Toros zu sein scheinen. Diese Filme, so sie denn irgendwann Gestalt annehmen, werden wohl am ehesten mit seinen spanischsprachigen Wunderwerken wie Cronos und El laberinto del fauno auf einer Linie liegen. Ich liste sie in einem eigenen Abschnitt auf, weil sie zwar oft ähnlich obskur wie die unter V. genannten Ideen sind, ich aber die Hoffnung hege, dass del Toro sie (eben weil sie so stark persönlicher Natur zu sein scheinen) mit ähnlichem Eifer verfolgt wie die unter IV. und VI. zu findenden Projekte.- 2008 stellte del Toro der Öffentlichkeit eine Filmidee vor, die er zumindest eine Zeitlang als seine nächste Regiearbeit nach dem Hobbit ansah: Der Titel lautete Saturn and the End of Days, und es sollte um einen Jungen gehen, der auf dem Weg zum Supermarkt und zurück das Ende der Welt beobachtet. Del Toro stellt sich einen eher »europäisch« gestimmten Film vor, bei dem ihm kein Riesenstudio mit Wünschen nach Happy Ends und Liebesgeschichten reinfunken kann. Die Idee kam ihm, als er seiner Tochter eine Gutenachtgeschichte erzählte, an deren Ende er in Tränen ausbrach. Da del Toro eigenen Aussagen zufolge vor allem bei guten Geschichten weinen muss, ist er von dieser hier wohl sehr überzeugt. »It has many things that are magical and terrible in it. It’s the rapture«, sagt er dazu. Da ich magische und schreckliche Dinge mag und finde, dass del Toro im Aufgreifen religiöser Motive besonders gut ist, kann ich mir vorstellen, dass ich seine Einschätzung dieser Geschichte teile.
- 3993 ist ein Film, der gemeinsam mit El espinazo del diablo und El laberinto del fauno eine phantastische Trilogie über den spanischen Bürgerkrieg bilden soll. Das (wiederum spanischsprachige) Drehbuch dazu stammt von Sergio G. Sánchez, der auch El orfanato scriptete. Von ihm stammen auch die spärlichen Informationen über dieses Projekt: 3993 soll auf zwei Zeitebenen (1939 und 1993) spielen und in einem thematischen Zusammenhang mit den forensischen Untersuchungen stehen, durch die im postfranquistischen Spanien die oft in anonymen Gräbern beerdigten Bürgerkriegsopfer identifiziert werden. Ich hoffe sehr, diesen Film irgendwann sehen zu dürfen.
** Tatsächlich ist wohl nicht ganz klar, ob das Gemälde von Goya selbst oder von einem seiner Schüler stammt.
*** Das ist wohl auf eine Verwechslung des Projekts mit einem Godzilla-Reboot zurückzuführen, welches gegenwärtig von Legendary Pictures produziert wird, nachdem das japanische Toho-Studio seine Originalreihe vorläufig beendet hat.
† Ein Film, den man sich unbedingt in der Fassung ohne die später für das westliche Publikum hinzugefügten Szenen ansehen sollte, die schrecklich albern sind.
†† Es ist nicht das erste Mal, dass Universal einen solchen Versuch unternimmt: Man denke z.B. an den 1979er Dracula mit Frank Langella und Donald Pleasence.
††† Mit einem Co-Autor namens Daniel Kraus. Ich frage mich ja, ob darin vielleicht mehr von del Toro drinsteckt als in der Strain-Trilogie?
Donnerstag, 20. Dezember 2012
Die Grimms und die Märchen
Die Allgegenwärtigkeit der Brüder Grimm habe ich in diesem Jahr schon mehrfach genutzt, um auf der Facebook-Seite des Hermanstädter Sees auf Artikel und Essays über die beiden Märchensammler aufmerksam zu machen. Klar, dass ich mich bei der Fülle an Material darauf beschränkt habe, auf solches hinzuweisen, das mir in irgendeiner Form interessant oder bemerkenswert erscheint. Stichwort Allgegenwärtigkeit – warum interessiert man sich gerade jetzt, zum Jahresende 2012, so sehr für die Brüder? Unter denjenigen, die gerade versuchen, den Grimms neben Weihnachtsterror, Weltuntergang und der angekündigten Hohlbein-Doku-Soap ein wenig mediale Aufmerksamkeit zu verschaffen, scheint leichte Uneinigkeit zu herrschen: Während das Goethe-Institut ein »Grimm-Jahr 2012« ausrief, kündigt die Regierung des Landes Hessen ein »Grimm-Jahr 2013« an. Die Universität Marburg, an der die Brüder studierten, versucht es mit einem Kompromiss und spricht vom »Grimm-Jahr 2012/13«.
Fakt ist: Der erste Band der Kinder- und Hausmärchen erschien erstmals vor genau 200 Jahren, am 20. Dezember 2012, und wenn auch der größte Teil der Auflage erst im Frühjahr 2013 gedruckt wurde, nehme ich dieses Datum einfach mal als Anlass, heute diesen Blogpost zu veröffentlichen. Faszinierend finde ich an den Grimmschen Märchen vor allem die Unzahl an Nacherzählungen und revisionistischen Neufassungen, die es zu ihnen gibt (nicht zuletzt auf diesem Blog). Keiner anderen Märchensammlung des deutschen Sprachraums war eine vergleichbar breite Rezeption beschieden. Johann Karl August Musäus’ Volksmärchen der Deutschen etwa kennt heute praktisch niemand mehr. Sie sind in einem im Vergleich zur lakonischen Düsternis der Grimms locker-satirischen Ton geschrieben und richteten sich deshalb vielleicht viel stärker an das zeitgenössische Publikum als an die Nachwelt. Dabei ist mir aufgefallen, dass solche Nacherzählungen im anglophonen Bereich sehr viel verbreiteter zu sein scheinen als in Deutschland. Hierzulande ist gerade Karen Duves Grrrimm erschienen, während es in englischer Sprache nicht nur Angela Carters schon klassische Sammlung The Bloody Chamber (1979) gibt, sondern auch Jim C. Hines’ Prinzessinnenromane (Rezensionen der ersten zwei Bände hier und hier), die über den Disney-Umweg grimmsche Motive aufgreifen, und Bücher wie Gregory Maguires Mirror Mirror, das es mir im Moment schwer angetan hat. Maguire lässt in der Rolle der bösen Stiefmutter Lucrezia Borgia auftreten. Letzten Monat erst ist ein Band Fairy Tales from the Brothers Grimm: A New English Version von Philip Pullman herausgekommen. Diese und viele weitere Märchenrevisionen und -neuerzählungen, die sich nicht immer an den Grimms, sondern manchmal auch an Andersen und Perrault orientieren, führen Aishwarya S. zu der These, die Möglichkeiten für originelle Neuerzählungen klassischer Märchen seien mittlerweile erschöpft.
Insbesondere im Filmbereich bin ich nicht ganz abgeneigt, dieser These zuzustimmen. Vergleicht man gegenwärtige Märchenfilme wie Red Riding Hood und Snow White and the Huntsman mit Meisterwerken wie Neil Jordans und Angela Carters The Company of Wolves oder Michael Cohns Snow White: A Tale of Terror, kann man über so viel Rückschritt nur entgeistert den Kopf schütteln: Die neuen Filme sind alles mögliche, nur nicht originell. Aber eigentlich möchte ich nicht den Pessimisten spielen. 2009 hat Neil Jordan mit Ondine einen wundervollen Film vorgestellt, der zeigt, dass es eben doch geht.
Was nun das erzählte, aufgeschriebene und gelesene Märchen angeht, glaube ich ganz und gar nicht, dass die literarischen Möglichkeiten, die seine Stofffülle bietet, jemals erschöpft sein werden. Die gleichen Märchen werden neu erzählt werden – mal besser, mal schlechter. Sie werden umgedeutet werden und dadurch wie neu aussehen. Es werden auch gänzlich neue Märchen auftauchen, und einige alte in Vergessenheit geraten. Die Schönheit und Schrecklichkeit der Märchen, von der Tolkien in »On Fairy-Stories« spricht, wird bleiben. Ich wage zu hoffen, dass die Märchen auch dann nicht überflüssig sein werden, sollte einmal jener unwahrscheinliche aber überlebensnotwendige Zustand im menschlichen Miteinander eintreten, in dem die Schönheit real geworden und der Schrecken gebannt ist. Und bis dahin gilt es ohnehin, die Märchen (Grimms und andere) immer wieder neu zu erzählen.
Fakt ist: Der erste Band der Kinder- und Hausmärchen erschien erstmals vor genau 200 Jahren, am 20. Dezember 2012, und wenn auch der größte Teil der Auflage erst im Frühjahr 2013 gedruckt wurde, nehme ich dieses Datum einfach mal als Anlass, heute diesen Blogpost zu veröffentlichen. Faszinierend finde ich an den Grimmschen Märchen vor allem die Unzahl an Nacherzählungen und revisionistischen Neufassungen, die es zu ihnen gibt (nicht zuletzt auf diesem Blog). Keiner anderen Märchensammlung des deutschen Sprachraums war eine vergleichbar breite Rezeption beschieden. Johann Karl August Musäus’ Volksmärchen der Deutschen etwa kennt heute praktisch niemand mehr. Sie sind in einem im Vergleich zur lakonischen Düsternis der Grimms locker-satirischen Ton geschrieben und richteten sich deshalb vielleicht viel stärker an das zeitgenössische Publikum als an die Nachwelt. Dabei ist mir aufgefallen, dass solche Nacherzählungen im anglophonen Bereich sehr viel verbreiteter zu sein scheinen als in Deutschland. Hierzulande ist gerade Karen Duves Grrrimm erschienen, während es in englischer Sprache nicht nur Angela Carters schon klassische Sammlung The Bloody Chamber (1979) gibt, sondern auch Jim C. Hines’ Prinzessinnenromane (Rezensionen der ersten zwei Bände hier und hier), die über den Disney-Umweg grimmsche Motive aufgreifen, und Bücher wie Gregory Maguires Mirror Mirror, das es mir im Moment schwer angetan hat. Maguire lässt in der Rolle der bösen Stiefmutter Lucrezia Borgia auftreten. Letzten Monat erst ist ein Band Fairy Tales from the Brothers Grimm: A New English Version von Philip Pullman herausgekommen. Diese und viele weitere Märchenrevisionen und -neuerzählungen, die sich nicht immer an den Grimms, sondern manchmal auch an Andersen und Perrault orientieren, führen Aishwarya S. zu der These, die Möglichkeiten für originelle Neuerzählungen klassischer Märchen seien mittlerweile erschöpft.
Insbesondere im Filmbereich bin ich nicht ganz abgeneigt, dieser These zuzustimmen. Vergleicht man gegenwärtige Märchenfilme wie Red Riding Hood und Snow White and the Huntsman mit Meisterwerken wie Neil Jordans und Angela Carters The Company of Wolves oder Michael Cohns Snow White: A Tale of Terror, kann man über so viel Rückschritt nur entgeistert den Kopf schütteln: Die neuen Filme sind alles mögliche, nur nicht originell. Aber eigentlich möchte ich nicht den Pessimisten spielen. 2009 hat Neil Jordan mit Ondine einen wundervollen Film vorgestellt, der zeigt, dass es eben doch geht.
Was nun das erzählte, aufgeschriebene und gelesene Märchen angeht, glaube ich ganz und gar nicht, dass die literarischen Möglichkeiten, die seine Stofffülle bietet, jemals erschöpft sein werden. Die gleichen Märchen werden neu erzählt werden – mal besser, mal schlechter. Sie werden umgedeutet werden und dadurch wie neu aussehen. Es werden auch gänzlich neue Märchen auftauchen, und einige alte in Vergessenheit geraten. Die Schönheit und Schrecklichkeit der Märchen, von der Tolkien in »On Fairy-Stories« spricht, wird bleiben. Ich wage zu hoffen, dass die Märchen auch dann nicht überflüssig sein werden, sollte einmal jener unwahrscheinliche aber überlebensnotwendige Zustand im menschlichen Miteinander eintreten, in dem die Schönheit real geworden und der Schrecken gebannt ist. Und bis dahin gilt es ohnehin, die Märchen (Grimms und andere) immer wieder neu zu erzählen.
Freitag, 7. Dezember 2012
Götterspeise
Mittlerweile wissen wir, dass Neil Gaimans nächster Roman The Ocean at the End of the Lane heißen wird. Gaiman darüber:
The Ocean at the End of the Lane is a novel of childhood and memory. It’s a story of magic, about the power of stories and how we face the darkness inside each of us. It’s about fear, and love, and death, and families. But, fundamentally, I hope, at its heart, it’s a novel about survival.Zu diesem Anlass frage ich mich, was eigentlich aus dem von Gaiman angekündigten dritten Götterweltroman geworden ist? Aus irgendeinem Grund hatte ich erwartet, dass das Gaimans nächster großer Roman für Erwachsene nach Anansi Boys werden würde, dessen Veröffentlichung ja nunmehr sieben Jahre zurückliegt. Diese Vermutung hat sich also nicht bestätigt. Gaimans Ankündigung eines weiteren Götterweltromans stand im Zusammenhang mit der von HBO geplanten American-Gods-Fernsehserie, und vor anderthalb Wochen enthüllte Gaiman, dass er gegenwärtig an der Pilotfolge der Serie arbeitet (was eigentlich nichts anderes bedeuten kann, als dass er das Drehbuch schreibt). Ich hoffe ja, dass es mit der Götterwelt in Romanform weitergeht, ob die TV-Serie nun realisiert wird oder nicht. Und obwohl ich es nicht gerade für eine begrüßenswerte Entwicklung halte, wenn die Gestaltung von Romanen abhängig wird vom Erfolg und den Möglichkeiten einer Fernsehserie, traue ich Gaiman doch zu, dass er in dieser Hinsicht keinen Mist macht. Wie man auf Grundlage einer TV-Produktion einen schönen Roman basteln kann, hat er mit Neverwhere gezeigt.
Mittwoch, 5. Dezember 2012
Alan Garners letzter Roman
Eine Neuerscheinung dieses Jahres, die mir sehr am Herzen liegt, ist Alan Garners Boneland. Der im August erschienene Roman ist der Abschluss der Trilogie, die mit Garners Debüt The Weirdstone of Brisingamen (dt. Feuerfrost) begann und mit The Moon of Gomrath (dt. Der Mond von Gomrath) fortgesetzt wurde. Beide Bücher, 1960 und 1963 erschienen, richten sich an ein jugendliches Publikum und warten mit einer typisch abenteuerlichen Handlung auf: Das Geschwisterpaar Susan und Colin wird in den Kampf gegen den finsteren Nastrond verwickelt und muss sich seiner Dienerin, der Hexe Selina Place, erwehren. Insbesondere der erste Band zeigt sich stark beeinflusst von The Lord of the Rings. Was aber schon Garners frühe Werke einzigartig macht, ist die Atmosphäre von Echtheit, die sie ausstrahlen. Sagte Daniel Kehlmann über Tolkien, seine Schlösser seien aus echtem Stein gebaut, so gilt für Garner, dass seine Geschichen in wirklicher Erde wurzeln. Handlungsort ist die Landschaft Alderley Edge in Cheshire, die schon in den sechziger Jahren ein beliebtes Ausflugsziel war. Garner, der mit den Sagen des Ortes aufgewachsen ist, versteht es perfekt, die alten Mythen aus den Klüften und Felsspalten der Gegend aufsteigen zu lassen, gleichsam an den unscharfen Rändern und den geheimnisvollen Flecken des sonst touristischen Ortes.
Auch Garners dritter Roman Elidor, der nicht an die Alderley-Edge-Bücher anknüpft, ist eine Fantasy für Jugendliche. Elidor wurde als Hörspiel konzipiert und erst später zum Roman ausgearbeitet, was erklären mag, warum das Buch manchmal mehr wie eine Abfolge von Szenenbildern als wie eine durchgängige Erzählung wirkt. Was vielleicht nur zufällige Entstehungsgeschichte ist, nutzt Garner, um auf höchst konzentrierte Weise mit Sprache zu experimentieren und immanente Kritik am Fantasygenre zu üben: In dem Buch verschlägt es vier Kinder aus Manchester in eine magische Parallelwelt, wo sie auf eine Queste geschickt werden, deren Zweck den gesamten Roman über im Dunkeln bleibt. Die diskontinuierliche Form der Erzählung spiegelt die Befremdung und die Unsicherheit der Kinder über das, was ihnen widerfährt und mit ihrer bisherigen Wahrnehmung der Welt nicht übereinstimmt. Ein schärferer Kontrast zu all den leichtfertigen Fantasies, in denen der Held in eine pseudomittelalterliche Parallelwelt übertritt und sich dort spielend zurechtzufinden scheint, findet sich selten. Die Protagonist_innen von Elidor jedenfalls müssen feststellen, dass der unbekannte Feind, gegen den sie angetreten sind, ihnen in ihre eigene Welt gefolgt ist. Das Gefühl von weirdness, hat es sich erst eingestellt, lässt sich auch durch Rückkehr in den Alltag nicht mehr abschütteln.
Elidor markiert einen Wendepunkt in Garners Schaffen. Die nachfolgenden Romane wie The Owl Service (dt. Eulenzauber) und Red Shift (dt. Rotverschiebung) werden zunehmend dialoglastig. Das Gespür für Atmosphäre, welches so zentral für Garner ist, verlagert sich von den Ortsbeschreibungen seiner früheren Werke in die Worte, die der Autor seinen Figuren in den Mund legt. Thematisch kreisen die Bücher, die Garner seit Ende der sechziger Jahre schreibt, um die bereits in Elidor aufgeworfene Frage, wie Mythen unser Leben beeinflussen. Dabei scheint es häufig schwer zu sein, zur Realität des Mythos vorzustoßen, noch schwerer aber oder gar unmöglich ist es, nicht von ihm betroffen zu sein. Garner stellt sich den Mythos nicht als überzeitlich vor, so dass eine Dichotomie zwischen Mythos und Geschichte entstehen würde, sondern als etwas, das in die Zeit eingreift und sie fragmentiert, gewissermaßen den linearen Ablauf der Ereignisse anhält und Schlaglichter auf die fernste Vergangenheit wirft. Auch hier gibt es eine Einheit von Inhalt und Form, denn meist spielt sich die Handlung der Bücher auf mehreren Zeitebenen ab. Manchmal verzichtet Garner sogar auf Handlungselemente, die sich dem Wunderbaren oder dem Phantastischen zurechnen ließen, ohne dass er deshalb die Verwurzelung in Sage und Folklore aufgäbe. Nicht selten thematisiert Garner, der nach eigener Auskunft aus einer Familie ländlicher Proletarier_innen stammt, Klassenunterschiede zwischen den Figuren seiner Bücher, und orientiert sich sprachlich am Dialekt seiner Heimat Cheshire.
In den 1980ern veröffentlichte Garner keine Romane, sondern stellte verschiedene Märchensammlungen zusammen, die in illustrierten Ausgaben erschienen. 1996 kehrte er mit Strandloper (dt. Strandläufer) zum Roman zurück. Die Alderley-Edge-Trilogie blieb die Jahrzehnte über unvollendet. Zwischenzeitlich verwarf Garner sogar die Vorstellung, die Trilogie könne jemals abgeschlossen werden, und verwarf seine frühen Bücher, bei denen es sich um schlechte Literatur handele. Hier muss man das Werk vor seinem Schöpfer in Schutz nehmen. The Weirdstone of Brisingamen und The Moon of Gomrath mögen nicht dem entsprechen, was Garner bei seinen späteren Romanen vorschwebte, aber sie gehören zu den besten Fantasies, die in der Periode zwischen der Veröffentlichung des Lord of the Rings und der in den 1970ern anhebenden Epic-Fantasy-Welle entstanden sind. Es stimmt natürlich, dass die Figuren hinter der Handlung zurücktreten, doch entspricht das nur der Konvention des abenteuerlichen Jugendbuchs. Will man diese Bücher würdigen, kommt es meines Erachtens auf etwas anderes an: Wie es Garner gelungen ist, mit diesen Büchern sense of place zu evozieren, ist allemal unübertroffen.
Ich habe den lang ersehnten dritten Band Boneland noch nicht gelesen, bin aber durch Aishwarya S.’ Rezension auf ihrem Blog Practically Marzipan aufs Höchste gespannt. Sehr berührt haben mich auch ihre Gedanken zu Red Shift – für sie »more than anything [...] a beautiful, bitter story that breaks me every time«. Für mich auch, und ich könnte es nicht besser in Worte fassen. Zumal ich es mit langerwarteten Büchern genauso halte:
Auch Garners dritter Roman Elidor, der nicht an die Alderley-Edge-Bücher anknüpft, ist eine Fantasy für Jugendliche. Elidor wurde als Hörspiel konzipiert und erst später zum Roman ausgearbeitet, was erklären mag, warum das Buch manchmal mehr wie eine Abfolge von Szenenbildern als wie eine durchgängige Erzählung wirkt. Was vielleicht nur zufällige Entstehungsgeschichte ist, nutzt Garner, um auf höchst konzentrierte Weise mit Sprache zu experimentieren und immanente Kritik am Fantasygenre zu üben: In dem Buch verschlägt es vier Kinder aus Manchester in eine magische Parallelwelt, wo sie auf eine Queste geschickt werden, deren Zweck den gesamten Roman über im Dunkeln bleibt. Die diskontinuierliche Form der Erzählung spiegelt die Befremdung und die Unsicherheit der Kinder über das, was ihnen widerfährt und mit ihrer bisherigen Wahrnehmung der Welt nicht übereinstimmt. Ein schärferer Kontrast zu all den leichtfertigen Fantasies, in denen der Held in eine pseudomittelalterliche Parallelwelt übertritt und sich dort spielend zurechtzufinden scheint, findet sich selten. Die Protagonist_innen von Elidor jedenfalls müssen feststellen, dass der unbekannte Feind, gegen den sie angetreten sind, ihnen in ihre eigene Welt gefolgt ist. Das Gefühl von weirdness, hat es sich erst eingestellt, lässt sich auch durch Rückkehr in den Alltag nicht mehr abschütteln.
Elidor markiert einen Wendepunkt in Garners Schaffen. Die nachfolgenden Romane wie The Owl Service (dt. Eulenzauber) und Red Shift (dt. Rotverschiebung) werden zunehmend dialoglastig. Das Gespür für Atmosphäre, welches so zentral für Garner ist, verlagert sich von den Ortsbeschreibungen seiner früheren Werke in die Worte, die der Autor seinen Figuren in den Mund legt. Thematisch kreisen die Bücher, die Garner seit Ende der sechziger Jahre schreibt, um die bereits in Elidor aufgeworfene Frage, wie Mythen unser Leben beeinflussen. Dabei scheint es häufig schwer zu sein, zur Realität des Mythos vorzustoßen, noch schwerer aber oder gar unmöglich ist es, nicht von ihm betroffen zu sein. Garner stellt sich den Mythos nicht als überzeitlich vor, so dass eine Dichotomie zwischen Mythos und Geschichte entstehen würde, sondern als etwas, das in die Zeit eingreift und sie fragmentiert, gewissermaßen den linearen Ablauf der Ereignisse anhält und Schlaglichter auf die fernste Vergangenheit wirft. Auch hier gibt es eine Einheit von Inhalt und Form, denn meist spielt sich die Handlung der Bücher auf mehreren Zeitebenen ab. Manchmal verzichtet Garner sogar auf Handlungselemente, die sich dem Wunderbaren oder dem Phantastischen zurechnen ließen, ohne dass er deshalb die Verwurzelung in Sage und Folklore aufgäbe. Nicht selten thematisiert Garner, der nach eigener Auskunft aus einer Familie ländlicher Proletarier_innen stammt, Klassenunterschiede zwischen den Figuren seiner Bücher, und orientiert sich sprachlich am Dialekt seiner Heimat Cheshire.
In den 1980ern veröffentlichte Garner keine Romane, sondern stellte verschiedene Märchensammlungen zusammen, die in illustrierten Ausgaben erschienen. 1996 kehrte er mit Strandloper (dt. Strandläufer) zum Roman zurück. Die Alderley-Edge-Trilogie blieb die Jahrzehnte über unvollendet. Zwischenzeitlich verwarf Garner sogar die Vorstellung, die Trilogie könne jemals abgeschlossen werden, und verwarf seine frühen Bücher, bei denen es sich um schlechte Literatur handele. Hier muss man das Werk vor seinem Schöpfer in Schutz nehmen. The Weirdstone of Brisingamen und The Moon of Gomrath mögen nicht dem entsprechen, was Garner bei seinen späteren Romanen vorschwebte, aber sie gehören zu den besten Fantasies, die in der Periode zwischen der Veröffentlichung des Lord of the Rings und der in den 1970ern anhebenden Epic-Fantasy-Welle entstanden sind. Es stimmt natürlich, dass die Figuren hinter der Handlung zurücktreten, doch entspricht das nur der Konvention des abenteuerlichen Jugendbuchs. Will man diese Bücher würdigen, kommt es meines Erachtens auf etwas anderes an: Wie es Garner gelungen ist, mit diesen Büchern sense of place zu evozieren, ist allemal unübertroffen.
Ich habe den lang ersehnten dritten Band Boneland noch nicht gelesen, bin aber durch Aishwarya S.’ Rezension auf ihrem Blog Practically Marzipan aufs Höchste gespannt. Sehr berührt haben mich auch ihre Gedanken zu Red Shift – für sie »more than anything [...] a beautiful, bitter story that breaks me every time«. Für mich auch, und ich könnte es nicht besser in Worte fassen. Zumal ich es mit langerwarteten Büchern genauso halte:
As with any new book that really matters to me, I’ve been doing everything I can to stave off reading Boneland. I’m not sure if this is a natural desire to draw out the pleasure or an act of sheer cowardice. But it has given me an excuse to reread Garner’s earlier work, and I stayed up all night recently reading Red Shift.Wobei ich hinzufügen muss, dass ich nicht die Nacht über aufgeblieben bin, um Red Shift zu lesen, sondern dies an einem Nachmittag getan habe, an dem ich eigentlich hätte arbeiten müssen, und dass mir das Prokrastinieren manchmal leicht fällt, weil ich längst nicht genug Geld habe, um alle neuen Bücher zu kaufen, die ich gerne lesen würde.
Mittwoch, 10. Oktober 2012
Neue Tolkien-Publikation im Mai
Na so was. Ende letzten Monats habe ich mich noch gefragt, wann, wie und ob Tolkiens Artusgedicht »The Fall of Arthur« erscheinen wird. Seit einigen Tagen gibt es nun eine offizielle Ankündigung von HarperCollins, derzufolge The Fall of Arthur, herausgegeben von Christopher Tolkien, im Mai 2013 erscheinen wird. Aus dem nicht ganz kommasicheren Verlagstext:
Ein Artikel im Guardian lässt Christopher Tolkien, den zuständigen Verlagsmenschen Chris Smith und den Tolkien-Forscher John Garth zur Publikation des Gedichts zu Wort kommen. Smith scheint selber überrascht zu sein, dass es endlich zur Veröffentlichung kommen soll (»we never supposed that it would see the light of day«) – mich wiederum überrascht es nicht, dass es exzentrisch zugeht, wenn die Editionsarbeit in den Händen von Christopher Tolkien liegt.
Kenner_innen von Tolkiens Leben und Werk ist die Existenz des Gedichts vor allem aus Humphrey Carpenters Biographie bekannt, in der einige Zeilen daraus abgedruckt sind. Der Guardian-Artikel bringt nun als kleinen Vorgeschmack auf das Buch die meines Wissens bislang nirgendwo veröffentlichten ersten Zeilen von »The Fall of Arthur«.
The Fall of Arthur recounts in verse the last campaign of King Arthur who, even as he stands at the threshold of Mirkwood is summoned back to Britain by news of the treachery of Mordred. Already weakened in spirit by Guinevere’s infidelity with the now-exiled Lancelot, Arthur must rouse his knights to battle one last time against Mordred’s rebels and foreign mercenaries.Der Band soll neben Tolkiens Versen drei Essays von Herausgeber Christopher Tolkien enthalten, in denen es um den zugrundeliegenden Sagenstoff, die Geschichte des Textes und seine Anknüpfungspunkte an Tolkiens Legendarium gehen soll.
Ein Artikel im Guardian lässt Christopher Tolkien, den zuständigen Verlagsmenschen Chris Smith und den Tolkien-Forscher John Garth zur Publikation des Gedichts zu Wort kommen. Smith scheint selber überrascht zu sein, dass es endlich zur Veröffentlichung kommen soll (»we never supposed that it would see the light of day«) – mich wiederum überrascht es nicht, dass es exzentrisch zugeht, wenn die Editionsarbeit in den Händen von Christopher Tolkien liegt.
Kenner_innen von Tolkiens Leben und Werk ist die Existenz des Gedichts vor allem aus Humphrey Carpenters Biographie bekannt, in der einige Zeilen daraus abgedruckt sind. Der Guardian-Artikel bringt nun als kleinen Vorgeschmack auf das Buch die meines Wissens bislang nirgendwo veröffentlichten ersten Zeilen von »The Fall of Arthur«.
Sonntag, 23. September 2012
The Fall of Arthur
Im Sommer geisterte in den einschlägigen Foren und Blogs das Gerücht herum, bereits im nächsten Jahr könne Tolkiens Beitrag zur Artusepik, das Langgedicht »The Fall of Arthur«, bei HarperCollins erscheinen. Die Veröffentlichung wurde zunächst auf der französischen Amazon-Seite angekündigt (und ist mittlerweile auch auf den deutschen und englischen Seiten des Buchhandelplatzhirsches zu finden). Die Nachricht verbreitete sich dann wie ein Lauffeuer über die Mailingliste der Mythopoeic Society und diverse Foren. Während Amazon als Herausgeber Christopher Tolkien angibt, vermuteten andere eine Editionsarbeit von Carl F. Hostetter hinter der Ankündigung. Letzteres scheint mir eher Spekulation zu sein und geht wahrscheinlich auf einen älteren Foreneintrag zurück, in dem Hostetter überlegte, ob ein ihm vorliegender Manuskript-Scan von Tolkien möglicherweise ein Fragment von »The Fall of Arthur« sei.
John Rateliff konnte berichten, dass Rayner Unwin (der erste Verleger des Lord of the Rings) ihm bereits 1985 mitgeteilt habe, eine Veröffentlichung von »The Fall of Arthur« sei in Arbeit, aber erst für die Zeit nach dem Abschluss der History of Middle-earth eingeplant. Die HoMe ist nun schon seit 15 Jahren vollständig erschienen, ein Indexband folgte vor zehn Jahren. Schwer zu sagen also, ob die Amazon-Ankündigung Folge eines langjährigen Editionsprojektes ist, ein neues, etwa von der Veröffentlichung von The Legend of Sigurd and Gudrún inspiriertes Vorhaben oder auch nur ein haltloses Gerücht. Der Verlag hüllt sich jedenfalls in Schweigen und eine unabhängige Bestätigung, dass Christopher Tolkien sich mit der Herausgabe des Gedichts befasst, gibt es ebensowenig.
Während Rateliff in dem relativ präzisen Veröffentlichungsdatum von Amazon noch Anlass zur Hoffnung sah, ist es nun seit einigen Monaten still geworden um eine mögliche Ausgabe von »The Fall of Arthur« – obwohl Amazon mittlerweile ein Erscheinen des Gedichts bereits für Oktober 2012 verheißt. Das bestätigt allerdings nur ein weiteres Mal (sorry, Mr. Rateliff), dass auf Veröffentlichungsdaten von Amazon schlichtweg kein Verlass ist. Anna Smol hat unterdessen auf ihrem Blog alles zusammengetragen, was bislang über »The Fall of Arthur« bekannt ist. Ob denn tatsächlich mit einer baldigen Veröffentlichung von Tolkiens Artusversen zu rechnen ist, wird sich dagegen wohl erst dann mit Sicherheit sagen lassen, wenn es Informationen aus berufenem Munde (vom Verlag, vom mutmaßlichen Herausgeber) gibt.
John Rateliff konnte berichten, dass Rayner Unwin (der erste Verleger des Lord of the Rings) ihm bereits 1985 mitgeteilt habe, eine Veröffentlichung von »The Fall of Arthur« sei in Arbeit, aber erst für die Zeit nach dem Abschluss der History of Middle-earth eingeplant. Die HoMe ist nun schon seit 15 Jahren vollständig erschienen, ein Indexband folgte vor zehn Jahren. Schwer zu sagen also, ob die Amazon-Ankündigung Folge eines langjährigen Editionsprojektes ist, ein neues, etwa von der Veröffentlichung von The Legend of Sigurd and Gudrún inspiriertes Vorhaben oder auch nur ein haltloses Gerücht. Der Verlag hüllt sich jedenfalls in Schweigen und eine unabhängige Bestätigung, dass Christopher Tolkien sich mit der Herausgabe des Gedichts befasst, gibt es ebensowenig.
Während Rateliff in dem relativ präzisen Veröffentlichungsdatum von Amazon noch Anlass zur Hoffnung sah, ist es nun seit einigen Monaten still geworden um eine mögliche Ausgabe von »The Fall of Arthur« – obwohl Amazon mittlerweile ein Erscheinen des Gedichts bereits für Oktober 2012 verheißt. Das bestätigt allerdings nur ein weiteres Mal (sorry, Mr. Rateliff), dass auf Veröffentlichungsdaten von Amazon schlichtweg kein Verlass ist. Anna Smol hat unterdessen auf ihrem Blog alles zusammengetragen, was bislang über »The Fall of Arthur« bekannt ist. Ob denn tatsächlich mit einer baldigen Veröffentlichung von Tolkiens Artusversen zu rechnen ist, wird sich dagegen wohl erst dann mit Sicherheit sagen lassen, wenn es Informationen aus berufenem Munde (vom Verlag, vom mutmaßlichen Herausgeber) gibt.
Samstag, 21. Juli 2012
Stephen King: Wind
The Wind Through the Keyhole, der Tie-in-Roman zum Dark-Tower-Zyklus, erscheint bei Heyne unter dem Titel Wind. Nun sind Ein-Wort-Titel bei den deutschen Übersetzungen von Stephen Kings Romanen gewissermaßen Programm. Ich schätze, das soll irgendwie geheimnisvoll und suggestiv wirken. Im Falle der Dark-Tower-Romane ist mir allerdings aufgefallen, dass das Ein-Wort-Prinzip nicht mit letzter Konsequenz angewendet wurde. Die Titel lauten im Original (ich folge hier der inneren Chronologie):
- The Gunslinger
- The Drawing of the Three
- The Waste Lands
- Wizard and Glass
- The Wind Through the Keyhole
- Wolves of the Calla
- Song of Susannah
- The Dark Tower
- Der Revolvermann
- Das Ziehen der Drei
- Die Wüsten Lande
- Der Zauberer und die Glaskugel
- Der Wind durch das Schlüsselloch
- Die Wölfe der Calla
- Susannahs Lied
- Der Dunkle Turm
- Schwarz
- Drei
- Tot
- Glas
- Wind
- Wolfsmond
- Susannah
- Der Turm
- Schwarz
- Drei
- Tot
- Glas
- Wind
- Wolf
- Lied
- Turm
Montag, 23. April 2012
Übersetzung von Acacia: The Sacred Band im März 2013
Neuigkeiten aus dem Herbstprogramm von Blanvalet: Der abschließende Band von David Anthony Durhams Acacia-Trilogie, The Sacred Band, soll am 18. März 2013 unter dem Titel Reiche Ernte in Deutschland erscheinen.
Freitag, 13. April 2012
Neue Delany-Ausgabe bei Golkonda
Wenn ich an deutschen Übersetzungen etwas hasse, dann die Angewohnheit, englische Substantive, die in der Form maskulin sind, aber auf beide akzeptierten Geschlechter angewandt werden, ohne Berücksichtigung des Kontextes auch im Deutschen in der maskulinen Form wiederzugeben, obwohl für den Bedarfsfall eine korrekte feminine Form vorläge. Sagt in einem englischen Text eine Frau einen Satz wie »I am a teacher« und heißt es dann in der Übersetzung denkfaul »Ich bin Lehrer«, dann kriege ich Lust, das Buch an die Wand zu schmeißen. Denn abgesehen davon, dass es korrekterweise »Ich bin Lehrerin« heißt und sich an dieser Stelle niemand damit herausreden kann, Frauen seien in der maskulinen Form »mitgemeint«, wirkt eine solche Übersetzungsweise unter Umständen sogar sinnentstellend. Das ist mir soeben wieder mal vor Augen geführt worden, und zwar in einer deutschen Ausgabe von Samuel R. Delanys Tales of Nevèrÿon, die ich vor kurzem antiquarisch gekauft habe.
Den Geschichten aus Nimmerya ist ein Zitat von Gayatri Chakravorty Spivak vorangestellt, der bekannten postkolonialen Theoretikerin. Es stammt aus dem Vorwort, das Spivak zu ihrer englischen Übersetzung von Jacques Derridas Hauptwerk De la grammatologie verfasst hat und lautet im Original so:
Angesichts rezenter Übersetzungsdiskussionen passt dieser Beitrag zeitlich ja ganz gut ins Bild, hinaus wollte ich zum Schluss allerdings noch auf etwas anderes: Im Golkonda-Verlag erscheint eine überarbeitete Neuausgabe von Delanys Nimmèrÿa-Geschichten, und zwar mit Panorama-Cover. Da darf man doch hoffen, dass die Neuausgabe zum Anlass genommen wurde, solche Verdrehtheiten wie die oben beschriebene zu beseitigen. So könnte ein Autor zu neuen Ehren kommen, der in der Ahnengalerie der Sword’n’Sorcery leider oft übersehen wird.
Den Geschichten aus Nimmerya ist ein Zitat von Gayatri Chakravorty Spivak vorangestellt, der bekannten postkolonialen Theoretikerin. Es stammt aus dem Vorwort, das Spivak zu ihrer englischen Übersetzung von Jacques Derridas Hauptwerk De la grammatologie verfasst hat und lautet im Original so:
[T]he notion that the setting up of unitary opposites is an instrument and a consequence of “making equal,” and the dissolving of opposites is the philosopher’s gesture against that will to power which would mystify her very self. (p. XXVIII)In der Übersetzung des Delany-Buches von Annette Charpentier ist das Zitat folgendermaßen wiedergegeben:
So entsteht der Gedanke, daß das Aufstellen von gleichartigen Oppositionen ein Instrument und eine Konsequenz der »Gleichmacherei« ist und die Auflösung von Gegensätzen die Geste des Philosophen gegen jene [sic!] Willen zur Macht darstellt, der sie selber in ihrem Kern mystifiziert.Was ist passiert? Der abschließende Relativsatz ist in der Übersetzung aus zwei Gründen völlig unverständlich geraten. Zunächst ist unklar, worauf sich das Relativpronomen bezieht. Das liegt aber einfach daran, dass es im Text versehentlich »jene Willen zur Macht« heißt, wo eigentlich »jenen Willen zur Macht« stehen müsste. Wahrscheinlich ein einfacher Flüchtigkeitsfehler – so etwas kommt vor und ist leicht zu beheben. Dann aber wird es wirklich rätselhaft: Wer ist »sie«, die vom Willen zur Macht mystifiziert wird? Die Antwort erschließt sich, wenn man beachtet, dass Spivak in ihrem Vorwort exemplarisch von »der Philosophin« spricht und sich stets an »die Leserin« wendet, was im Original aber nur an den femininen Personalpronomen zu erkennen ist. Eine Übersetzung des Zitats müsste also eher so lauten:
[D]er Gedanke, dass das Aufstellen von einheitlichen Gegensätzen ein Instrument und eine Konsequenz der »Gleichmacherei« ist und das Auflösen von Gegensätzen die Geste der Philosophin gegen jenen Willen zur Macht darstellt, der sie selbst vor ein Rätsel stellen würde.Alles klar? Das Problem lässt sich auflösen, indem man von dem sinnlosen Widerstand gegen feminine Wortendungen ablässt. Ist übersetzungsmäßig gar nicht so schwer, und bei den komplexen Gedankengängen Spivaks sollte man sich die Sache doch nicht zusätzlich komplizieren.
Angesichts rezenter Übersetzungsdiskussionen passt dieser Beitrag zeitlich ja ganz gut ins Bild, hinaus wollte ich zum Schluss allerdings noch auf etwas anderes: Im Golkonda-Verlag erscheint eine überarbeitete Neuausgabe von Delanys Nimmèrÿa-Geschichten, und zwar mit Panorama-Cover. Da darf man doch hoffen, dass die Neuausgabe zum Anlass genommen wurde, solche Verdrehtheiten wie die oben beschriebene zu beseitigen. So könnte ein Autor zu neuen Ehren kommen, der in der Ahnengalerie der Sword’n’Sorcery leider oft übersehen wird.
Mittwoch, 18. Januar 2012
Marketing The Wind Through the Keyhole
Ich muss gestehen, mir gefällt das seit Dezember auf Kings Website bestaunbare Covermotiv für die US-amerikanische, bei Scribner erscheinende Ausgabe so gut, dass mich die Facebook-Foto-Geschichte eher die Augenbrauen hochziehen lässt. Was erwartet man sich von der Teilnahme an einer solchen Aktion? Fünfzehn Pixel Ruhm? Komische Vorstellung. Aber Stephen King rechnet bekanntlich mit bizarren Fans.
Mittwoch, 21. Dezember 2011
Ja, Virginia, die Beatles kommen vom Nerdpol ...
Neuer E-Book-Verlag für deutschsprachige Fantasy am Start: Nerdpol. Nach allem, was man so hört, soll es da um Kurzgeschichten von bereits veröffentlichten Autor_innen* gehen, die im digitalen Format für mehr als 99 Cent zum Verkauf angeboten werden. Bereits veröffentlichte Autor_innen? Mehr als 99 Cent? Wenn da nicht mal eine verborgene Agenda drinsteckt! Soll E-Books, also den Billig-Callgirls der Kulturindustrie, durch geschicktes Marketing ein seriöser Anstrich verpasst werden? Handelt es sich etwa um einen Versuch zur Kartellbildung, mit dem Ziel, ein neues Preismonopol zu etablieren? Wie steht es mit den Interessen des kleinen Mannes, dessen einziger Trost nach Feierabend in einem diskreten Stündchen allein mit Bier und Kindle-Download besteht? Wird er überhaupt noch Gehör finden, wenn E-Books plötzlich mit exklusivem Material von bekannten Namen aufwarten und ihre Preise sich in schwindelerregend kurzer Zeit sage und schreibe verdreifachen? Was sagt die Politik dazu?
Drängende Fragen, die sich wohl nur beantworten lassen, wenn man selbst mal einen Blick in diese neuartigen elektronischen Bücher wirft, von denen allerorten geredet wird. Die erste Veröffentlichung des Nerdpol-Verlags ist die von Oliver Dierssen und Ole Johan Christiansen herausgegebene Anthologie Die Untoten, mit Beiträgen u.a. von Bernhard Hennen, Thomas Plischke, Victoria Schlederer und Jonas Wolf. Eines steht jetzt schon fest, meine Damen und Herren, liebe Leser_innen: Früher hätt’s das nicht gegeben.
* Anti-Missverständnis-Fußnote: Also. Nicht die Kurzgeschichten des Nerdpol-Verlags sind bereits veröffentlicht, sondern es handelt sich um neues Material von Autor_innen, die sich bereits mit Veröffentlichungen bei richtigen, echten Verlagen bekannt und beliebt gemacht haben. Also nix mit BoD im PDF-Format, sondern nur beste Ware, wie es im Szenejargon heißt.
Drängende Fragen, die sich wohl nur beantworten lassen, wenn man selbst mal einen Blick in diese neuartigen elektronischen Bücher wirft, von denen allerorten geredet wird. Die erste Veröffentlichung des Nerdpol-Verlags ist die von Oliver Dierssen und Ole Johan Christiansen herausgegebene Anthologie Die Untoten, mit Beiträgen u.a. von Bernhard Hennen, Thomas Plischke, Victoria Schlederer und Jonas Wolf. Eines steht jetzt schon fest, meine Damen und Herren, liebe Leser_innen: Früher hätt’s das nicht gegeben.
* Anti-Missverständnis-Fußnote: Also. Nicht die Kurzgeschichten des Nerdpol-Verlags sind bereits veröffentlicht, sondern es handelt sich um neues Material von Autor_innen, die sich bereits mit Veröffentlichungen bei richtigen, echten Verlagen bekannt und beliebt gemacht haben. Also nix mit BoD im PDF-Format, sondern nur beste Ware, wie es im Szenejargon heißt.
Mittwoch, 5. Oktober 2011
Acacia III: Karte muss sein!
Gestern erschien The Sacred Band, der dritte und abschließende Teil von David Anthony Durhams Acacia. Zum feierlichen Anlass hat Durham die im Band enthaltene Karte auf seine Website gestellt. Mir läuft bei dem Anblick ja das Wasser im Mund zusammen. Fast bereue ich, mich entschieden zu haben, auf die deutsche Übersetzung zu warten.* Die in diesem Herbst mit Boualem Sansal, Walter Moers und Umberto Eco besonders ergiebige Bücherernte ist wohl das einzige, was mich momentan davon abhält, stante pede ein Exemplar von The Sacred Band zu bestellen ...
* Dieser Entschluss sollte eine Belohnung für den deutschen Verlag sein, der sich entschiedenen hat, diese vom Gros der heute erscheinenden epischen Fantasies so verschiedene Trilogie herauszubringen. Was für eine unvorsichtige Selbstverpflichtung ...
* Dieser Entschluss sollte eine Belohnung für den deutschen Verlag sein, der sich entschiedenen hat, diese vom Gros der heute erscheinenden epischen Fantasies so verschiedene Trilogie herauszubringen. Was für eine unvorsichtige Selbstverpflichtung ...
Dienstag, 4. Oktober 2011
Der Friedhof in Prag
In wenigen Tagen, am 8. Oktober, erscheint Umberto Ecos neuer Roman Il cimitero di Praga in deutscher Übersetzung, die wie gewohnt von Burkhart Kroeber stammt. Viel Aufsehen hat die Aussicht auf den neuen Eco-Schmöker, der die Entstehung der infamen Protokolle der Weisen von Zion zum Thema hat, in Deutschland nicht erregt. Dabei könnte es nach Erscheinen des Romans ähnlich kontrovers zugehen wie in Italien.
Dort hat der Osservatore Romano, das offizielle Blatt des Vatikan, Il cimitero di Praga gründlich verrissen. Das ist an sich nicht weiter verwunderlich. Eco ist in Italien als scharfer Kritiker der Klüngelei zwischen katholischem Klerus und konservativer Politik bekannt. Anwürfen von kirchlicher Seite ist er seit langem ausgesetzt, wahrscheinlich schon seit er sich als junger Intellektueller, im Zuge seiner Auseinandersetzung mit Thomas von Aquin, von der Kirche entfremdete. Ein dogmatischer Religionskritiker mit antiklerikalem Beißreflex ist Eco dennoch nicht geworden, wie sein respektvoller Dialog mit Carlo Maria Martini, dem aufgeschlossenen Kardinal von Mailand, zeigt.* Konservativ-katholische Kreise – auch im deutschen Sprachraum – interessiert das allerdings nicht sonderlich, und so fragt das Magazin Katholisches erwartungsvoll geifernd: »Ist Umberto Ecos neuer Roman ›Der Friedhof von Prag‹ antisemitisch?« Begründet wird die Suggestivfrage vor allem mit der Besprechung im Osservatore Romano, aus der aber ausgerechnet eine Passage zitiert wird, in der die Rezensentin Lucetta Scaraffia sich über die negative Darstellung kirchlicher Würdenträger im Roman entrüstet – womit auch schon klar sein dürfte, wo der Hund begraben liegt. Unter den großen deutschen Tageszeitungen übernahm – wenn ich die Sache richtig überblicke – bislang nur die Welt diese Sicht der Dinge. Und auch das ist wenig überraschend.
In Italien glaubt aber anscheinend niemand, der bei Verstand ist, Eco wolle im Ernst den Antisemitismus relativieren oder ihm sogar Vorschub leisten. Der Autor äußert sich seit langem kritisch zum Antisemitismus (z.B. hier im Magazin Cicero), auch seine Auseinandersetzung mit den Protokollen der Weisen von Zion dauert schon länger an.** Anfang des Jahres weilte Eco als Gast der Jerusalemer Buchmesse in Israel und erteilte zu dieser Gelegenheit Boykottforderungen gegen den jüdischen Staat eine scharfe Absage.***
Einige Besorgnis wurde von jüdischer Seite anlässlich der Veröffentlichung von Il cimitero di Praga dennoch geäußert. Der Oberrabinner von Rom, Riccardo di Segni, fragte sich, ob die ausführliche Darstellung antisemitischer Argumentationsweisen nicht potentiell gefährlich sei, auch wenn die Absicht dabei in der Entlarvung des Antisemitismus liege. Zudem veröffentlichte die jüdische Historikerin Anna Foa in den Pagine Hebraiche eine kritische Rezension, in der sie urteilte, der Roman wirke letztlich eher verwirrend als aufdeckend. Umberto Eco selbst beschreibt die Reaktionen der jüdischen Kritiker_innen in diesem Interview mit der Frankfurter Rundschau.****
Das nun sind im Grunde genau die richtigen Anfragen, die man an einen Roman mit dem erklärten Ziel, die Quellen des modernen Antisemtismus zu entmystifizieren, stellen muss. Bleibt zu hoffen, dass es nicht das Gekollere reaktionärer Kirchenfürsten und klerikaler Publizistik sein wird, welches die Debatte dominieren wird – sollte sich in Deutschland eine solche um den neuen Eco entspannen –, sondern die klugen Fragen.
* Das Gespräch zwischen Eco und Martini ist in dem Band Woran glaubt, wer nicht glaubt? (Zsolnay, Wien 1998) dokumentiert.
** Eco schrieb z.B. ein Vorwort zu Das Komplott von Will Eisner.
*** Westliche Schriftsteller_innen sehen sich immer wieder Druck von antizionistischer Seite ausgesetzt, keine israelischen Literaturpreise zu akzeptieren. In diesem Jahr betraf dies v.a. Ian McEwan, der trotz der Boykottforderungen den renommierten Jerusalem-Preis für Literatur entgegennahm.
**** Nebenbei äußert er darin seine treffende Meinung zum Ratzingerpapst: Dieser Mann ist kein großer Intellektueller, sondern ein grober Vereinfacher.
Dort hat der Osservatore Romano, das offizielle Blatt des Vatikan, Il cimitero di Praga gründlich verrissen. Das ist an sich nicht weiter verwunderlich. Eco ist in Italien als scharfer Kritiker der Klüngelei zwischen katholischem Klerus und konservativer Politik bekannt. Anwürfen von kirchlicher Seite ist er seit langem ausgesetzt, wahrscheinlich schon seit er sich als junger Intellektueller, im Zuge seiner Auseinandersetzung mit Thomas von Aquin, von der Kirche entfremdete. Ein dogmatischer Religionskritiker mit antiklerikalem Beißreflex ist Eco dennoch nicht geworden, wie sein respektvoller Dialog mit Carlo Maria Martini, dem aufgeschlossenen Kardinal von Mailand, zeigt.* Konservativ-katholische Kreise – auch im deutschen Sprachraum – interessiert das allerdings nicht sonderlich, und so fragt das Magazin Katholisches erwartungsvoll geifernd: »Ist Umberto Ecos neuer Roman ›Der Friedhof von Prag‹ antisemitisch?« Begründet wird die Suggestivfrage vor allem mit der Besprechung im Osservatore Romano, aus der aber ausgerechnet eine Passage zitiert wird, in der die Rezensentin Lucetta Scaraffia sich über die negative Darstellung kirchlicher Würdenträger im Roman entrüstet – womit auch schon klar sein dürfte, wo der Hund begraben liegt. Unter den großen deutschen Tageszeitungen übernahm – wenn ich die Sache richtig überblicke – bislang nur die Welt diese Sicht der Dinge. Und auch das ist wenig überraschend.
In Italien glaubt aber anscheinend niemand, der bei Verstand ist, Eco wolle im Ernst den Antisemitismus relativieren oder ihm sogar Vorschub leisten. Der Autor äußert sich seit langem kritisch zum Antisemitismus (z.B. hier im Magazin Cicero), auch seine Auseinandersetzung mit den Protokollen der Weisen von Zion dauert schon länger an.** Anfang des Jahres weilte Eco als Gast der Jerusalemer Buchmesse in Israel und erteilte zu dieser Gelegenheit Boykottforderungen gegen den jüdischen Staat eine scharfe Absage.***
Einige Besorgnis wurde von jüdischer Seite anlässlich der Veröffentlichung von Il cimitero di Praga dennoch geäußert. Der Oberrabinner von Rom, Riccardo di Segni, fragte sich, ob die ausführliche Darstellung antisemitischer Argumentationsweisen nicht potentiell gefährlich sei, auch wenn die Absicht dabei in der Entlarvung des Antisemitismus liege. Zudem veröffentlichte die jüdische Historikerin Anna Foa in den Pagine Hebraiche eine kritische Rezension, in der sie urteilte, der Roman wirke letztlich eher verwirrend als aufdeckend. Umberto Eco selbst beschreibt die Reaktionen der jüdischen Kritiker_innen in diesem Interview mit der Frankfurter Rundschau.****
Das nun sind im Grunde genau die richtigen Anfragen, die man an einen Roman mit dem erklärten Ziel, die Quellen des modernen Antisemtismus zu entmystifizieren, stellen muss. Bleibt zu hoffen, dass es nicht das Gekollere reaktionärer Kirchenfürsten und klerikaler Publizistik sein wird, welches die Debatte dominieren wird – sollte sich in Deutschland eine solche um den neuen Eco entspannen –, sondern die klugen Fragen.
* Das Gespräch zwischen Eco und Martini ist in dem Band Woran glaubt, wer nicht glaubt? (Zsolnay, Wien 1998) dokumentiert.
** Eco schrieb z.B. ein Vorwort zu Das Komplott von Will Eisner.
*** Westliche Schriftsteller_innen sehen sich immer wieder Druck von antizionistischer Seite ausgesetzt, keine israelischen Literaturpreise zu akzeptieren. In diesem Jahr betraf dies v.a. Ian McEwan, der trotz der Boykottforderungen den renommierten Jerusalem-Preis für Literatur entgegennahm.
**** Nebenbei äußert er darin seine treffende Meinung zum Ratzingerpapst: Dieser Mann ist kein großer Intellektueller, sondern ein grober Vereinfacher.
Dienstag, 20. September 2011
(Red) Card for Homophobia
Schon ein paar Tage älter ist die Nachricht, dass Orson Scott Cards Prosa-Nacherzählung des Hamlet-Stoffes für einiges Aufsehen gesorgt hat. Gelinde gesagt. Denn in seiner Novelle Hamlet’s Father meint Card, Hamlets Probleme rührten daher, dass sein Vater schwul gewesen sei. Und Card erzählt darin anscheinend noch mehr Blech, nämlich wie einige weitere Charaktere, die als Kinder von Hamlets Vater sexuell missbraucht wurden, im Erwachsenenalter schwul werden — und zwar weil sie als Kinder missbraucht wurden.* Hamlet’s Father ist zuvor bereits als Anthologiebeitrag erschienen. Im April hat Subterranean Press die Novelle in einem Hardcover-Band neu herausgebracht. Die überwiegend ablehnenden Reaktionen – die mal verärgert, mal spöttisch (Lynch verarscht Card) und mal mit der lakonischen Empfehlung verbunden sind, besser Shakespeare zu lesen – haben den Verlag zu einer Pressemitteilung veranlasst. Darin heißt es allerdings nur lahm, man habe nicht damit gerechnet, die Neuveröffentlichung würde kontrovers aufgenommen, nachdem dies bei Erstveröffentlichung in der Anthologie The Ghost Quartet (herausgegeben von Marvin Kaye) nicht geschehen sei. Nun ja. Als professioneller Verlagsmensch weiß man in der Regel schon, dass eine gebundene Einzelausgabe von der Kritik schärfer ins Auge gefasst wird als ein Beitrag zu einer Storysammlung.
Zur Information: Orson Scott Card betrachtet sich selbst als Anhänger der Demokratischen Partei. Man könnte jedoch vermuten, dass er das nur tut, um für den erzkonservativen Politstrunz, den er regelmäßig von sich gibt, mehr Aufmerksamkeit zu erhalten. Card befürwortet z.B. Liberalisierungen des Waffenrechts und Kriege als Mittel der Außenpolitik. Insofern fällt nicht einfach vom Himmel, was Card über Homosexualität von sich gibt. Bereits 2004 behauptete er in seiner Kolumne »Civilization Watch«, Homosexualität entstehe durch Missbrauchserlebnisse in der Kindheit. 2009 wurde er Vorstandsmitglied der National Organization for Marriage, einer evangelikalen Lobby-Organisation, die sich ausschließlich mit homophobem Stuss wie dem Kampf gegen die gleichgeschlechtliche Ehe befasst. Von so was kommt es dann wohl auch, dass Card überflüssige Bücher mit komischen Ideen wie Hamlet’s Father schreibt.
Und während Card selbst für seine Fans mehr und mehr zur Enttäuschung wird, haben Autor_innen, die es anders machen wollen, mit groben Problemen zu kämpfen. Rachel Manija Brown und Sherwood Smith wandten sich mit einer YA-Fantasy an eine Agentur. Die teilte ihnen mit, so jedenfalls die beiden Autorinnen, das Buch könne nur unter der Bedingung veröffentlicht werden, dass ein schwullesbischer Viewpoint-Charakter rausgestrichen würde. Die Autorinnen wandten sich an die Öffentlichkeit, ohne die Agentur namentlich zu nennen. In der Folge meldete sich eine ganze Reihe von Schriftsteller_innen, die von ähnlichen Konfrontationen berichten konnten.** Eine Literaturagentin, die für die fragliche Agentur tätig ist, antwortete Brown und Smith, indem sie sie rundheraus bezichtigte, zu lügen und nach Aufmerksamkeit zu trachten. (Selbst wenn Browns und Smiths Version der Ereignisse nicht oder nicht ganz zutreffen sollte – eine in Ton und Inhalt angemessene Antwort sähe wohl anders aus, würde ich sagen.) Darauf wiederum gab es eine Reihe von Tweets und Blogposts, in denen die Erklärung »Alles nur gelogen!« deutlich bezweifelt wird. Eine Zusammenfassung der ganzen Diskussion findet sich hier.
Was auch immer das Ergebnis dieser Debatte sein wird: Solange Typen wie Card sich in der Fantasy als Platzhirsch aufführen können, wundern mich Ereignisse wie die von Brown und Smith berichteten überhaupt nicht.
* Die Angaben zum Inhalt entnehme ich diesem Blogpost von Adam Whitehead. Selbst habe ich Cards Novelle nicht gelesen und werde es wohl auch nicht tun. Wegen Shakespeare. Und wegen Cards reaktionärer Blödheit.
** Nicola Griffith weist auf ein Interview aus dem letzten Jahr hin, in dem sie von einer ähnlichen Erfahrung, wie Brown und Smith sie hatten, ausführlich berichtet.
Zur Information: Orson Scott Card betrachtet sich selbst als Anhänger der Demokratischen Partei. Man könnte jedoch vermuten, dass er das nur tut, um für den erzkonservativen Politstrunz, den er regelmäßig von sich gibt, mehr Aufmerksamkeit zu erhalten. Card befürwortet z.B. Liberalisierungen des Waffenrechts und Kriege als Mittel der Außenpolitik. Insofern fällt nicht einfach vom Himmel, was Card über Homosexualität von sich gibt. Bereits 2004 behauptete er in seiner Kolumne »Civilization Watch«, Homosexualität entstehe durch Missbrauchserlebnisse in der Kindheit. 2009 wurde er Vorstandsmitglied der National Organization for Marriage, einer evangelikalen Lobby-Organisation, die sich ausschließlich mit homophobem Stuss wie dem Kampf gegen die gleichgeschlechtliche Ehe befasst. Von so was kommt es dann wohl auch, dass Card überflüssige Bücher mit komischen Ideen wie Hamlet’s Father schreibt.
Und während Card selbst für seine Fans mehr und mehr zur Enttäuschung wird, haben Autor_innen, die es anders machen wollen, mit groben Problemen zu kämpfen. Rachel Manija Brown und Sherwood Smith wandten sich mit einer YA-Fantasy an eine Agentur. Die teilte ihnen mit, so jedenfalls die beiden Autorinnen, das Buch könne nur unter der Bedingung veröffentlicht werden, dass ein schwullesbischer Viewpoint-Charakter rausgestrichen würde. Die Autorinnen wandten sich an die Öffentlichkeit, ohne die Agentur namentlich zu nennen. In der Folge meldete sich eine ganze Reihe von Schriftsteller_innen, die von ähnlichen Konfrontationen berichten konnten.** Eine Literaturagentin, die für die fragliche Agentur tätig ist, antwortete Brown und Smith, indem sie sie rundheraus bezichtigte, zu lügen und nach Aufmerksamkeit zu trachten. (Selbst wenn Browns und Smiths Version der Ereignisse nicht oder nicht ganz zutreffen sollte – eine in Ton und Inhalt angemessene Antwort sähe wohl anders aus, würde ich sagen.) Darauf wiederum gab es eine Reihe von Tweets und Blogposts, in denen die Erklärung »Alles nur gelogen!« deutlich bezweifelt wird. Eine Zusammenfassung der ganzen Diskussion findet sich hier.
Was auch immer das Ergebnis dieser Debatte sein wird: Solange Typen wie Card sich in der Fantasy als Platzhirsch aufführen können, wundern mich Ereignisse wie die von Brown und Smith berichteten überhaupt nicht.
* Die Angaben zum Inhalt entnehme ich diesem Blogpost von Adam Whitehead. Selbst habe ich Cards Novelle nicht gelesen und werde es wohl auch nicht tun. Wegen Shakespeare. Und wegen Cards reaktionärer Blödheit.
** Nicola Griffith weist auf ein Interview aus dem letzten Jahr hin, in dem sie von einer ähnlichen Erfahrung, wie Brown und Smith sie hatten, ausführlich berichtet.
Sonntag, 28. August 2011
Steinaecker über Spiegelman
Thomas von Steinaecker, Autor der flashigen Kolonialfantasy Schutzgebiet, hat fürs Springer-Feigenblatt Die Welt eine lesenswerte Rezension zu Art Spiegelmans 9/11-Comic Im Schatten keiner Türme verfasst.
Verlagsseite
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Dienstag, 23. August 2011
Von den Sandalen zur epischen Fantasy und zurück
Im Zuge der vom Clarkesworld Magazine veranstalteten Autor_innendiskussion über epische Fantasy hat David Anthony Durham Bemerkenswertes über den Zusammenhang zwischen seinem Hannibal-Roman Pride of Carthage und seiner Fantasy-Trilogie Acacia gesagt:
Es wird wirklich höchste Zeit, dass Pride of Carthage eine deutsche Übersetzung bekommt. Die Darstellung der Schlacht von Cannae (komplett aus der Perspektive eines karthagischen Fußsoldaten geschildert), gehört m.E. zu den grandiosesten Szenen, die Durham geschrieben hat. Weit entfernt von den trivialen Fließbandveröffentlichungen, die den Namen historischer Roman kaum verdienen, merkt man jeder Seite von Pride of Carthage an, dass Durham bei der erzählerischen Verarbeitung historischer Stoffe der Imagination den höchsten Stellenwert einräumt. Der Schritt zur epischen Fantasy, den Durham nach dem Hannibalroman ging, erscheint somit nur folgerichtig.
Umso interessanter, dass Durham als sein nächstes Projekt einen Roman über Spartacus angekündigt hat. Nachdem Durham den Weg vom historischen Roman zur epischen Fantasy gegangen ist, bin ich höchst gespannt, wie seine Erfahrungen mit Acacia sich auf eine Rückkehr zu den Feinden des römischen Imperiums auswirken werden.
I’d written [...] Pride of Carthage [...]. It was epic. Leaving that novel, I wanted another epic. The world building I’d done for the ancient world got me craving writing in an imagined world where I had more freedom to mash things together that were never mashed together in actual human history. How could I write a novel that mixed opium addiction with the Atlantic slave trade in a pre-industrial world that includes Nordic, African, European and Asian inspired cultures in the same empire, and introduce a foreign invasion that endangers them all, despite their differences?In der Tat habe ich beim Lesen von Pride of Carthage häufig über den Zusammenhang des Romans mit der Acacia-Trilogie nachgedacht. Einiges in Pride erschien mir wie eine Vorankündigung dessen, was Durham in Acacia dann mit erzählerischer Wucht und großem Einfallsreichtum entfaltete: der langsame, sorgfältige Aufbau der Handlung, die vielfältigen Charaktere, die subtilen Hinweise auf Rassismus und die Widersprüchlichkeit von Imperien.
Es wird wirklich höchste Zeit, dass Pride of Carthage eine deutsche Übersetzung bekommt. Die Darstellung der Schlacht von Cannae (komplett aus der Perspektive eines karthagischen Fußsoldaten geschildert), gehört m.E. zu den grandiosesten Szenen, die Durham geschrieben hat. Weit entfernt von den trivialen Fließbandveröffentlichungen, die den Namen historischer Roman kaum verdienen, merkt man jeder Seite von Pride of Carthage an, dass Durham bei der erzählerischen Verarbeitung historischer Stoffe der Imagination den höchsten Stellenwert einräumt. Der Schritt zur epischen Fantasy, den Durham nach dem Hannibalroman ging, erscheint somit nur folgerichtig.
Umso interessanter, dass Durham als sein nächstes Projekt einen Roman über Spartacus angekündigt hat. Nachdem Durham den Weg vom historischen Roman zur epischen Fantasy gegangen ist, bin ich höchst gespannt, wie seine Erfahrungen mit Acacia sich auf eine Rückkehr zu den Feinden des römischen Imperiums auswirken werden.
Mittwoch, 27. Juli 2011
Die Luftspiegelung
Uuui. Matt Ruff hat eine Ankündigung seines neuen Romans The Mirage in die News-Section seiner Homepage gestellt. Das Ding kommt – im englischsprachigen Original – im Februar 2012. Und die Story scheint auf geradezu unheimliche Weise zu den traurigen Ereignissen in Norwegen* zu passen:
* Traurig, nicht tragisch. Tragisch wären die Anschläge vielleicht, wenn sie unvorhersehbar gewesen wären. Das gesellschaftliche Klima, das derzeit in Europa herrscht, hat diese Art von politischem Verbrechen m.E. aber außerordentlich begünstigt.
November 9, 2001: Christian fundamentalists hijack four jetliners. They fly two into the Tigris & Euphrates World Trade Towers in Baghdad, and a third into the Arab Defense Ministry in Riyadh. The fourth plane, believed to be bound for Mecca, is brought down by its passengers in the desert.In der Molochronik gibt es eine deutsche Übersetzung des Blurbs. Fertig ist der Roman seit Juli, gerade gibt es letzte Korrekturdurchgänge, wie Ruff in seinem Blog vermeldet.
The United Arab States declares a War on Terror. A Coalition of Arabian and Persian troops invades the Eastern Seaboard and establishes a Green Zone in Washington, D.C....
Now, several years later, the war in America is winding down. In Iraq, an Arab Homeland Security agent named Mustafa al Baghdadi interrogates a captured suicide bomber. The prisoner claims that the world they are living in is a mirage—in the real world, America is a superpower, and the Arab states are just a collection of “backward third-world countries.” A search of the bomber’s apartment turns up a copy of the New York Times, dated September 12, 2001, that appears to support his claim.
This isn’t an isolated incident. Other captured terrorists have been telling the same story, and other “artifacts” have been found. The president wants answers, but Mustafa and his team soon discover there are other interested parties. The gangster Saddam Hussein is conducting his own investigation. And the head of the Senate Intelligence Committee—a war hero named Osama bin Laden—will stop at nothing to hide the truth about the mirage.
* Traurig, nicht tragisch. Tragisch wären die Anschläge vielleicht, wenn sie unvorhersehbar gewesen wären. Das gesellschaftliche Klima, das derzeit in Europa herrscht, hat diese Art von politischem Verbrechen m.E. aber außerordentlich begünstigt.
Freitag, 22. Juli 2011
American Gods, die Fernsehserie und so weiter
Hier nun auch die handlich zusammengestellten Infos zur geplanten American-Gods-Fernsehserie von HBO, und was es in dem Zusammenhang sonst noch zu sagen gibt.
Neil Gaiman arbeitet gemeinsam mit HBO an einer Serie, die auf der sogenannten ›Götterwelt‹ des britischen Autors basiert, die wir aus bislang zwei Romanen (American Gods und Anansi Boys) und einer Novelle (»The Monarch of the Glen«) kennen. Die Serie soll Gaimans Vorstellungen zufolge den Zuschauer_innen die Möglichkeit bieten, die Götterwelt auf vertiefte Weise zu erkunden. Die erste Staffel wird demgemäß die Handlung von American Gods abdecken, heißt es, jedoch mit einigen Überraschungen auch für diejenigen, die den Roman bereits kennen. HBO erhofft sich von der Serie anscheinend, nach dem Erfolg von True Blood und Game of Thrones fantasymäßig am Ball bleiben zu können.
Zudem plant Gaiman, ein Sequel zu American Gods zu veröffentlichen. Darin soll ein Aspekt der Götterwelt beleuchtet werden, der bislang unterbelichtet blieb: Erblickt man die Dinge im ersten Band vor allem aus der Perspektive der abgehalfterten alten, immigrierten Gottheiten, soll es in der Fortsetzung verstärkt um den neuen, technologischen Pantheon gehen, der Nordamerika beherrscht und den traditionellen Gottheiten den Rang abläuft. Bekannt gegeben hat der Autor bereits, dass ein Social-Network-Gott darin auftauchen wird.* Außerdem will Gaiman erzählen, wie es Shadow nach den Ereignissen in American Gods ergeht. Anderes Setting, gleicher Protagonist – da ist nicht schwer zu erraten, dass Gaiman dieses Sequel mit Blick auf mögliche weitere Staffeln der Fernsehserie schreibt. Für Anansi Boys ist eine separate Mini-Serie angedacht. Wir erinnern uns: Anansi Boys wurde (vor American Gods) als erster Roman der Götterwelt geschrieben, aber als zweiter veröffentlicht und ist als Prequel anzusehen. Alle Klarheiten beseitigt?
Zu der Frage, ob der Stoff der Novelle »The Monarch of the Glen« in irgendeiner Form in die Serie eingehen soll, habe ich keine Informationen gefunden. Die Novelle wurde von Gaiman für die Anthologie Legends II verfasst, schließt zeitlich an American Gods an und hat wiederum Shadow zum Protagonisten.
Geplant ist außerdem eine Jubiläumsedition von American Gods, welche mit umfangreicheren Kapiteln, Essays und Interviews um ca. 10.000 Wörter länger sein soll als die 2001 erschienene Fassung. Ich persönlich, als Fernsehserienverächter, finde diese Neuauflage und das Sequel ja weitaus interessantere Aussichten als die HBO-Produktion. Wer es anders sieht und über die TV-Serie diskutieren mag, kann dies z.B. hier tun.
* In American Gods spielen am Rande ja bereits die Göttinnen und Götter der Eisenbahn, der Automobilindustrie, des Fernsehens und der New Economy eine Rolle.
Neil Gaiman arbeitet gemeinsam mit HBO an einer Serie, die auf der sogenannten ›Götterwelt‹ des britischen Autors basiert, die wir aus bislang zwei Romanen (American Gods und Anansi Boys) und einer Novelle (»The Monarch of the Glen«) kennen. Die Serie soll Gaimans Vorstellungen zufolge den Zuschauer_innen die Möglichkeit bieten, die Götterwelt auf vertiefte Weise zu erkunden. Die erste Staffel wird demgemäß die Handlung von American Gods abdecken, heißt es, jedoch mit einigen Überraschungen auch für diejenigen, die den Roman bereits kennen. HBO erhofft sich von der Serie anscheinend, nach dem Erfolg von True Blood und Game of Thrones fantasymäßig am Ball bleiben zu können.
Zudem plant Gaiman, ein Sequel zu American Gods zu veröffentlichen. Darin soll ein Aspekt der Götterwelt beleuchtet werden, der bislang unterbelichtet blieb: Erblickt man die Dinge im ersten Band vor allem aus der Perspektive der abgehalfterten alten, immigrierten Gottheiten, soll es in der Fortsetzung verstärkt um den neuen, technologischen Pantheon gehen, der Nordamerika beherrscht und den traditionellen Gottheiten den Rang abläuft. Bekannt gegeben hat der Autor bereits, dass ein Social-Network-Gott darin auftauchen wird.* Außerdem will Gaiman erzählen, wie es Shadow nach den Ereignissen in American Gods ergeht. Anderes Setting, gleicher Protagonist – da ist nicht schwer zu erraten, dass Gaiman dieses Sequel mit Blick auf mögliche weitere Staffeln der Fernsehserie schreibt. Für Anansi Boys ist eine separate Mini-Serie angedacht. Wir erinnern uns: Anansi Boys wurde (vor American Gods) als erster Roman der Götterwelt geschrieben, aber als zweiter veröffentlicht und ist als Prequel anzusehen. Alle Klarheiten beseitigt?
Zu der Frage, ob der Stoff der Novelle »The Monarch of the Glen« in irgendeiner Form in die Serie eingehen soll, habe ich keine Informationen gefunden. Die Novelle wurde von Gaiman für die Anthologie Legends II verfasst, schließt zeitlich an American Gods an und hat wiederum Shadow zum Protagonisten.
Geplant ist außerdem eine Jubiläumsedition von American Gods, welche mit umfangreicheren Kapiteln, Essays und Interviews um ca. 10.000 Wörter länger sein soll als die 2001 erschienene Fassung. Ich persönlich, als Fernsehserienverächter, finde diese Neuauflage und das Sequel ja weitaus interessantere Aussichten als die HBO-Produktion. Wer es anders sieht und über die TV-Serie diskutieren mag, kann dies z.B. hier tun.
* In American Gods spielen am Rande ja bereits die Göttinnen und Götter der Eisenbahn, der Automobilindustrie, des Fernsehens und der New Economy eine Rolle.
Mittwoch, 20. Juli 2011
The Dark Tower VIII
Steht zwar schon seit März auf Stephen Kings Website, aber ich dachte, ich fasse mal ein paar Informationen auf handliche Weise zusammen:
Im Frühjahr 2012 soll ein achter Dark-Tower-Band erscheinen. Der Titel lautet The Wind Through the Keyhole. Bei Donald M. Grant ist zunächst eine limitierte Auflage mit Illustrationen von Jae Lee* angekündigt (und noch einiges mehr an limitiertem Schnickschnack). Die Ausgabe für Normalsterbliche soll Anfang April 2012 bei Scribner erscheinen.
Die ursprüngliche Idee (so der Stand im März 2009) war anscheinend eine Kurzgeschichte oder eine Reihe miteinander verbundener Kurzgeschichten, die sich schließlich zu einem Roman auswuchsen. Sprach King zunächst (im November 2009) davon, der neue Band sei eher lose mit der Handlung von The Dark Tower verknüpft – Roland und Cuthbert sollten einen Werwolf jagen –, ist nun der letzte Stand, dass es sich um einen Tie-in zwischen Wizard and Glass und Wolves of the Calla handeln soll. Einzelheiten zur Story entnimmt man am besten der Ankündigung auf Kings Seite.
Ich bin mir nicht ganz sicher, was ich davon halten soll. Die ersten vier Dark-Tower-Bände gehören in meinen Augen zu den schon klassischen epischen Fantasies; kreativer wurde selten mit den von Tolkien gesetzten Standards umgegangen. Die drei folgenden Bände, die King nach seinem tragischen Autounfall im Jahre 1999 verfasste, stellen für mich (wie für viele andere) dagegen einen krassen Absturz dar. Stellt sich also die berechtigte Frage, ob The Wind Through the Keyhole nur einen Versuch darstellt, die Kuh erneut zu melken, und die ebenso wirren wie uninspirierten mythopoietischen Ausführungen der letzten Bände fortsetzt. Irgendwie hörte sich die ursprüngliche Plot-Idee aus dem November ’09 ja vielversprechender an: Eine Geschichte, die ähnlich detailverliebt in die Welt Roland Deschains eintaucht wie Wizard and Glass hätte ich mir durchaus gefallen lassen.
* Jae Lee hat die ersten drei Bände des sehr gelungenen Dark-Tower-Comics gezeichnet.
Im Frühjahr 2012 soll ein achter Dark-Tower-Band erscheinen. Der Titel lautet The Wind Through the Keyhole. Bei Donald M. Grant ist zunächst eine limitierte Auflage mit Illustrationen von Jae Lee* angekündigt (und noch einiges mehr an limitiertem Schnickschnack). Die Ausgabe für Normalsterbliche soll Anfang April 2012 bei Scribner erscheinen.
Die ursprüngliche Idee (so der Stand im März 2009) war anscheinend eine Kurzgeschichte oder eine Reihe miteinander verbundener Kurzgeschichten, die sich schließlich zu einem Roman auswuchsen. Sprach King zunächst (im November 2009) davon, der neue Band sei eher lose mit der Handlung von The Dark Tower verknüpft – Roland und Cuthbert sollten einen Werwolf jagen –, ist nun der letzte Stand, dass es sich um einen Tie-in zwischen Wizard and Glass und Wolves of the Calla handeln soll. Einzelheiten zur Story entnimmt man am besten der Ankündigung auf Kings Seite.
Ich bin mir nicht ganz sicher, was ich davon halten soll. Die ersten vier Dark-Tower-Bände gehören in meinen Augen zu den schon klassischen epischen Fantasies; kreativer wurde selten mit den von Tolkien gesetzten Standards umgegangen. Die drei folgenden Bände, die King nach seinem tragischen Autounfall im Jahre 1999 verfasste, stellen für mich (wie für viele andere) dagegen einen krassen Absturz dar. Stellt sich also die berechtigte Frage, ob The Wind Through the Keyhole nur einen Versuch darstellt, die Kuh erneut zu melken, und die ebenso wirren wie uninspirierten mythopoietischen Ausführungen der letzten Bände fortsetzt. Irgendwie hörte sich die ursprüngliche Plot-Idee aus dem November ’09 ja vielversprechender an: Eine Geschichte, die ähnlich detailverliebt in die Welt Roland Deschains eintaucht wie Wizard and Glass hätte ich mir durchaus gefallen lassen.
* Jae Lee hat die ersten drei Bände des sehr gelungenen Dark-Tower-Comics gezeichnet.
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Foto-Disclaimer
Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.
