Montag, 11. Mai 2020

Jin Yong auf Deutsch – und wer ist Jin Yong?

Jin Yong ist in der chinesischsprachigen Welt der meistgelesene und meistverkaufte Autor des 20. Jahrhunderts. Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass seine Bücher von Millionen gelesen werden. Selbst wer sie nicht liest, kennt in der Regel die Namen seiner bekanntesten Figuren. In der Tat sind einige von Jin Yongs Protagonist_innen so sehr Teil der alltäglichen Kommunikation geworden, dass in der Politik und den Medien regelmäßig Anspielungen auf sie gemacht werden.

Es wäre falsch zu sagen, Jin Yong sei »in China« ein Phänomen. In den diversen chinesischen Diaspora-Gemeinschaften ist sein Werk ebenso präsent wie in der Volksrepublik, in Hongkong und Taiwan. Dieser Allgegenwart in der Sinosphäre entspricht seine nahezu vollständige Unbekanntheit in der restlichen Welt. Das könnte sich nun ändern, denn Heyne hat für den Herbst den ersten Teil einer Übersetzung von Jin Yongs Hauptwerk Legends of the Condor Heroes angekündigt. Übersetzt von Karin Betz, die bereits Cixin Liu ins Deutsche übertragen hat, soll der Band Titel Die Legende der Adlerkrieger heißen.

In Großbritannien ist schon seit 2018 eine englische Übersetzung in Arbeit. Die ersten drei einer auf zwölf Bände angelegten Ausgabe sind bei MacLehose Press erschienen (der vierte Band soll im kommenden Jahr folgen). Zur Erläuterung: Legends of the Condor Heroes ist eine Trilogie, die aus den Romanen The Legend of the Condor Heroes, The Return of the Condor Heroes und The Heaven Sword and Dragon Saber besteht. Die drei Romane sind wiederum in je vier Bände aufgeteilt. Man wird sehen, wie weit der englische und der deutsche Verlag mit der Übersetzung der gesamten Trilogie kommen. (Bisherige Übersetzungen von Wuxia-Romanen in westliche Sprachen sind notorisch unvollständig.)

Jin Yong hieß eigentlich Louis Cha. Wie viele Autoren der beiden Wuxia-Blütezeiten im 20. Jahrhundert folgte er der klassischen chinesischen Tradition, seine Romane unter einem nom de plume zu veröffentlichen. Geboren wurde er 1924 im republikanischen China. Er stammte aus der Gelehrtenfamilie Zha, die schon in der frühen Qing-Dynastie einige namhafte Literaten hervorbrachte.

Jin Yongs Leben war davon geprägt, zwischen den Fronten zu stehen. Als Jugendlicher flog er von der Schule, weil er die autokratischen Tendenzen der Guomindang-Regierung kritisierte. Nach der Machtübernahme der Kommunistischen Partei Chinas wiederum wurde sein Vater in einer Säuberungsaktion ermordet. Jin Yong ging darauf nach Hongkong, wo er als Journalist arbeitete und nebenher Drehbücher für Filmstudios schrieb. 1959 gründete er gemeinsam mit einem Freund aus Schulzeiten die Tageszeitung Ming Pao, die heute noch erscheint.

Unterdessen hatte Jin Yong den Wuxia-Autor Liang Yusheng kennengelernt. Schon von Kindheit an hatte er gerne Wuxia gelesen. 1955 begann er, selber Romane im Genre zu schreiben. Die erschienen, wie damals üblich, als Fortsetzungsromane in Zeitungen. Sobald Jin Yong mit Ming Pao seine eigene Zeitung hatte, verfügte er über das ideale Publikationsmedium für seine Romane (ohne sich indes darauf zu beschränken).

Jin Yongs literarisches Werk belief sich schließlich auf 14 Romane und eine Erzählung. Diese schrieb er in einem Zeitraum von nur 15 Jahren. Das aber reichte aus, ihn zum Superstar des Genres zu machen. Jin Yong bildete gemeinsam mit Liang Yusheng und Gu Long die Speerspitze der »neuen Schule« des Wuxia-Romans, aber sein Ruhm überstrahlte schnell den seiner beiden Weggefährten.

Nach 1970 schrieb er keine neuen Geschichten mehr. Statt dessen überarbeitete er sein Werk zwei Mal und gab es jeweils in neuen Editionen (in Buchform) heraus. Mit der ersten Überarbeitung war er von 1970 bis 1980 beschäftigt, mit der zweiten von 1999 bis 2006. Unter Fans ist bis heute heiß umstritten, welche der drei Fassungen seiner Romane vorzuziehen sei. Für Jin Yong selbst hatten die Überarbeitungen aber einen ganz konkreten Anlass: In der ersten, der Zeitungsausgabe stammen einige Passagen seiner Romane von Ghostwriter_innen. Befand sich der Autor einmal im Ausland oder war anderweitig verhindert, ließen die Zeitungsredaktionen seine Geschichten einfach weiterlaufen. Mit den Überarbeitungen wollte Jin Yong die kreative Kontrolle über sein Werk zurückgewinnen.

Bemerkenswerterweise war Jin Yongs Werk sowohl in der Volksrepublik als auch in Taiwan jahrzehntelang verboten. Beide Regimes warfen dem Autor vor, dem jeweiligen Gegner nahezustehen. Gleichzeitig kursierten in beiden Ländern Raubdrucke im Untergrund. Erst 1979 (in Taiwan) bzw. 1980 (in der Volksrepublik) konnten offizielle Ausgaben erscheinen.

Seit den 1980er Jahren war Jin Yong berühmt genug, um sowohl an der Ausarbeitung der Hongkonger Verfassung (dem Basic Law) als auch am Vorbereitungskomitee zur Übergabe Hongkongs an die Volksrepublik China beteiligt zu sein. Auch dies lief aber nicht ohne Konflikte ab: Die Mitarbeit am Basic Law legte er nach der brutalen Niederschlagung der Tiananmen-Proteste 1989 nieder.

Im hohen Alter promovierte Jin Yong zwei Mal und erwarb einen Doktortitel in chinesischer Geschichte (2010) und einen in Literaturwissenschaft (2013). 2018 starb er im Alter von 94 Jahren in Hongkong.

Heute gibt es nicht nur ein Jin-Yong-Museum, auch die akademische Auseinandersetzung mit seinem Werk ist an chinesischen Universitäten fest verankert. Auszüge aus seinen Romanen erscheinen in Lesebüchern für den Schulunterricht. Diese Wirkung wird aber durch das Eigenleben, dass seine Condor Heroes angenommen haben, noch übertroffen.

Anlässlich der Übersetzungen ins Englische und Deutsche wird Jin Yong als »der Tolkien Chinas«, die Trilogie als »als chinesischer Herr der Ringe« angepriesen. Das ist ein nachvollziehbarer Vergleich, allerdings mit dem Problem, dass es sich fast schon um ein Understatement handelt. Aufgrund der (in China weit verbreiteten) nichtlizenzierten Ausgaben ist es schwer, die Verkaufszahlen der Condor Heroes einigermaßen genau anzugeben. Eine Schätzung beläuft sich aber auf 300 Millionen verkaufte Exemplare in der Originalsprache. Damit übertreffen sie die Verkaufszahlen des Lord of the Rings ziemlich genau um das Doppelte.

Und nicht nur das. Die Trilogie ist mehrfach fürs Kino verfilmt worden, u.a. von den Shaw Brothers. Wong Kar-wais Ashes of Time stellt ein inoffizielles Film-Prequel dar (sehr zum Unmut des Autors übrigens). Es gibt mindestens zehn Fernsehserien, die auf der Trilogie basieren, und eine Manhua-Serie mit 38 Bänden. Wer in der Sinosphäre die Bücher nicht gelesen hat, kennt die Verfilmungen oder die Comics.

Von daher ist es wohl verständlich, dass die Erwartungen an die englische Übersetzung von MacLehose Press gewaltig sind. Schließlich gibt es eine große sinoamerikanische und sinokanadische Diaspora, die die Trilogie oder ihre Adaptationen bereits kennt. Als sehr kontrovers hat sich bereits die Entscheidung Anna Holmwoods erwiesen, für den ersten englischen Band A Hero Born die chinesischen Namen der Figuren teilweise zu übersetzen.

Vergleichbare Reaktionen sind im deutschen Sprachraum, wo Jin Yong kaum bekannt ist, nicht zu erwarten. In der Tat hat die Ankündigung des Heyne Verlags hierzulande bislang kaum Reaktionen hervorgerufen. Um so gespannter bin ich, wie die ersten Rezensionen ausfallen werden. Hier hoffe ich zunächst, einen gewissen Eindruck davon vermittelt zu haben, was für ein literarisches Ereignis Jin Yong in der Sinosphäre darstellt.

Und worum geht es in Legends of the Condor Heroes? Ich fürchte, das einigermaßen konzis darzustellen, würde den Rahmen sprengen.* Erwähnt sei nur: Im Mittelpunkt stehen zwei Schwurbrüder, die sich auf verschiedenen Seiten eines gewaltigen Konflikts wiederfinden. Die Handlung erstreckt sich über Generationen, und Dschingis Khan persönlich kommt auch vor.

* Wer meine Rezension von Little Dragon Maiden, einer Verfilmung von The Return of the Condor Heroes, gelesen hat, wird gemerkt haben, wie schwer es mir fiel, die Filmhandlung und ihren Hintergrund zusammenzufassen. Wer sich jetzt nicht für den ersten Band der Condor Heroes spoilern lassen will, sollte die Filmrezension übrigens nicht noch mal lesen.

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Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.