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Freitag, 2. Februar 2018

Der Vampirmythos: Definitionen und Eingrenzungen

Da ich mir gerade die erste Staffel von The Strain ansehe, hat mich die Lust gepackt, etwas über die Entwicklung der Vampirmythologie zu schreiben. Bekanntlich verfolgt Guillermo del Toro mit The Strain die Absicht, den Vampir der osteuropäischen Folklore zu rehabilitieren. Der ist zuallererst ein Monster, eine Pest aus dem Grab. Wird eine verstorbene Person zum Vampir, hat das schreckliche Folgen für die Hinterbliebenen aus der Familie und der Dorfgemeinschaft. Mit dem romantischen Vampir, wie wir ihn aus der Literatur von John William Polidori bis Anne Rice kennen, hat dieser ursprünglichere Vampir kaum etwas gemein.

Doch was ist ein Vampir? Während wir aufgrund der literarischen Tradition ein deutliches Bild vor Augen haben, wie ein Vampir aussieht und was er tut, ist es gar nicht so leicht zu sagen, wo eigentlich die Wurzeln des Vampirmythos liegen. Gelegentlich trifft man auf sehr weit ausufernde Vorstellungen von Vampirismus. So veröffentlichte der englische Geistliche Montague Summers 1928 sein Buch The Vampire: His Kith and Kin, in dem er angebliche Vampirsagen aus der ganzen Welt sammelte. Damit verfolgte Summers einen bestimmten Zweck: Er wollte seine Leser:innen von der tatsächlichen Existenz des Vampirismus überzeugen. Summers war ein Exzentriker, der u.a. die erste englische Übersetzung des Hexenhammers anfertigte und sich selbst als christlichen Monsterjäger, eine Art wahrgewordener Van Helsing, inszenierte. Da es weltweit Erzählungen über Vampire gebe, insinuierte Summers, müssen sie wohl tatsächlich existieren.

Von der Frage der Existenz einmal abgesehen, ist das Netz mit dieser Methode aber viel zu weit geworfen. Sicherlich wird man an ganz verschiedenen Orten und in ganz unterschiedlichen Kulturen Erzählgut über nächtliche Heimsuchungen durch Gespenster oder dämonische Wesen finden. Manchmal wird diesen Wesen auch zugeschrieben, dass sie Blut trinken, Menschenfleisch fressen oder ihren Opfern die Lebenskraft aussagen. Das allein konstituiert aber noch keinen Vampir. Der Verzehr von Blut oder Menschenfleisch (meist in rituellem Rahmen) wird auch Hexen oder den Angehörigen ketzerischer Gemeinschaften vorgeworfen, was diese aber nicht zu Vampir:innen macht.

Halten wir uns an das Wort des Vampirjägers Rybarenko in A. K. Tolstois Erzählung »Der Vampir«:
»Vampire«, erwiderte der Fremde kaltblütig. »Sie denken natürlich an allerlei romantische französische Geschichten, aber ich kann Sie versichern, daß wir es hier mit einer rein slawischen Erscheinung zu tun haben, wenn diese unheimlichen Wesen auch in ganz Europa, ja sogar in Asien zu finden sind. Das Wort selbst ist echt russisch und lautet ›Upyr‹. ›Vampir‹ haben erst die ungarischen Mönche daraus gemacht, die alles latinisieren mußten. Heute freilich macht man sich nur lächerlich, wenn man die richtige Form anwendet ...«

Vampire kommen nach der übereinstimmenden Auskunft der Klassiker des Genres, nicht nur A. K. Tolstois, sondern auch Lord Byrons, Sheridan le Fanus und Bram Stokers ursprünglich aus (Süd-)Osteuropa und Vorderasien, insbesondere aus Ungarn, Polen und den ehemaligen Gebieten des Osmanischen Reiches. Das ist der geographische Herkunftsort des historischen Vampirglaubens. Will man dem Vampirismus auf die Spur kommen, muss man ihn dort suchen.

Sieht man sich nun die entsprechenden Überlieferungen und Berichte aus diesem Raum an, ist das verbindende Merkmal folgendes: Der Vampir (in der Tat handelt es sich in den Berichten typischerweise um Männer) ist eine verstorbene Person, die aus dem Grab zurückkehrt, also ein Revenant oder Wiedergänger. Revenants sind weder tot noch lebendig, sondern etwas dazwischen, sie sind untot. Als untote Menschen unterscheiden sich Vampire von Dämon:innen, die von vornherein übernatürliche Wesen sind. Sie unterscheiden sich auch von Gespenstern, die ja wirklich tot sind, bzw. als die unruhigen Seelen Verstorbener gedacht werden.

Vampire sind Revenants, allerdings sind nicht alle Revenants Vampire. Tatsächlich kommen Sagen über Revenants (ähnlich wie die oben erwähnten dämonologischen und Hexensagen) in verschiedensten kulturellen Kontexten vor. Die skandinavische Mythologie kennt z.B. die draugar. Das sind Menschen, die durch außergewöhnliche Willenskraft erreichen, dass ihre Seelen nach dem Tod im Körper verbleiben. Das Motiv für diesen Willensakt ist meist Gier. Der typische draugr ist eine aufgedunsene lebende Leiche, die in ihrem Grabhügel haust und darin Schätze sammelt. Um sich zu ernähren, fallen draugar über Hirten und ihre Herden her, zerfetzen sie und verschlingen ihr Fleisch. Sie können endgültig getötet werden, indem man ihre Körper verbrennt oder zerstückelt. Wer allerdings auf Schatzsuche einen Grabhügel betritt, der von einem draugr bewohnt wird, sollte sich in Acht nehmen, denn der draugr fällt den Eindringling in rasender Wut an und erwürgt ihn. Gelegentlich wird auch berichtet, dass draugar unbedarfte Eindringlinge durch unheilvollen psychischen Einfluss in den Wahnsinn treiben.

Wer dabei an die barrow-wights in The Lord of the Rings denkt, liegt ganz richtig. Tolkien ist hier definitiv von der nordischen Mythologie beeinflusst. Er kam wahrscheinlich auf die Bezeichnung, weil William Morris in seiner Übersetzung der Grettis saga das Wort draugr mit barrow wight wiedergab.

Zu den Revenants gehören auch die Zombies des Voodoo. Diese sind mittels Magie reanimierte Leichname. Der Zombie muss dem Hexenmeister, der ihn aus dem Grab gerufen hat, willenlos zu Diensten sein. Neben dem körperlichen Zombie gibt es auch eine körperlose Variante. Dabei bindet der Hexenmeister nicht den Körper, sondern den Geist eines verstorbenen Menschen an sich und bewahrt ihn etwa in einer Flasche auf. Beiden Phänomenen gemeinsam ist die Vorstellung, dass dem Zombie gewissermaßen die Hälfte seines Ichs fehlt: Der Zombie ist in einem Fall nur Körper ohne Geist, im anderen Fall nur Geist ohne Körper. Es ist dieser Zustand der Unvollständigkeit, die es dem Hexenmeister ermöglicht, den Zombie zu kontrollieren. 

Hier ist eine Anmerkung zum Zombie der gegenwärtigen Popkultur statthaft. Der trat bekanntlich zum ersten Mal 1968 in George A. Romeros Night of the Living Dead auf und wird deshalb mit Fug und Recht Romero-Zombie genannt. Allerdings bezeichnete Romero seine Kreaturen zunächst nicht als Zombies – erst im Drehbuch der Fortsetzung Dawn of the Dead fällt das Wort. Romero war von Richard Mathesons Vampirroman I Am Legend beeinflusst, in dem die Vampire keine einzelgängerischen Untoten sind, sondern sich in großen Gruppen bewegen. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass der Romero-Zombie gar keine Weiterentwicklung des Voodoo-Zombies ist, sondern des Vampirs. Jedoch begannen schon kurz nach dem Erscheinen von Night of the Living Dead die Fans wie die Filmkritik, die darin vorkommenden Kreaturen Zombies zu nennen. Einen Zusammenhang könnte man folgendermaßen konstruieren: Mit dem Voodoo-Zombie haben sie das Element der Willenlosigkeit gemein. Sie stehen zwar nicht unter dem Zwang eines Hexenmeisters, aber dafür unter dem ihrer unstillbaren Fressgier. Die zugrundeliegende Idee ist natürlich, dass die Romero-Zombies am untoten Leib verwesen, weshalb sie ihre kümmerliche Existenz nur durch die unablässige Zufuhr von Frischfleisch aufrecht erhalten können.

Wie Vampire gehören draugar und Zombies zur Familie der Revenants oder Untoten, der aus dem Grab zurückgekehrten Verstorbenen (und es gibt sicherlich noch viele weitere Arten von Revenants). Im nächsten Post will ich auf die Spezifica des Vampirs eingehen, die ihn von anderen Untoten unterscheiden.

Montag, 9. Dezember 2013

Die Untoten

Die Untoten ist eine thematische Anthologie, die sich – anders als das Zombie-Beatles-Titelbild vermuten lässt – nicht nur der verwesenden, Gehirne fressenden Variante der Untoten widmet. Die Einleitung verspricht die ganze Bandbreite: »Geister, Gespenster, Ghule, Vampire und Zombies«. Die meisten der Geschichten erscheinen hier zum ersten Mal.

Die Ausnahme bildet »Stürmische Zeiten« von Bernhard Hennen, eine bereits in Wolfgang Hohlbeins Fantasy Selection 2001 gedruckte Story. Ähnlich wie Hennens Roman Nebenan handelt es sich um eine Art Campus-Fantasy. Hennen variiert das Motiv von der verführerischen Wiedergängerin, die in diesem Fall aber, wenn man es genau nimmt, gar keine Untote ist, sondern ein übernatürliches Wesen. Mein Fall ist »Stürmische Zeiten« nicht gerade, schon beim Erstabdruck nicht, und daran hat sich auch durch die erneute Lektüre nicht viel geändert. Schreiten wir also voran zu den Originalbeiträgen.

Thomas Plischkes »In Wort und Bild«, mehr eine Novelle als eine Kurzgeschichte, gefällt mir schon besser. Plischke greift moderne Mythen wie den von den geheimen Rückwärtsbotschaften auf Schallplatten auf und verbindet sie mit Spuk und Mord. Leider wirkt die Hauptfigur vom Typ »abgehalfterter Künstler, der traumatisches Erlebnis nicht verarbeiten kann« nicht sonderlich auf mich. Insgesamt bin ich mir nicht sicher, ob die für mich interessanten Aspekte in dieser Geschichte überwiegen oder nicht. Gern gelesen habe ich sie trotzdem.

»Stimmen, wehend leicht wie der Meereswind« von Christoph Marzi hält, was der Titel verspricht: Kitschmetaphern, die geballte Ladung. Da wird geschwiegen, »als sei es ein Schrei«. Die See ist das, »was sie immer war: tiefer, als man blicken kann«. Erinnerungen sind immer ein kostbarer Schatz, Tränen fließen immer heiß über das Gesicht, die Sonne taucht die Landschaft in warmes Gold und Hände sind wettergegerbt, aber zärtlich. Mit Marzis Schreibe werde ich wohl nie warm werden.

Oliver Dierssens »Akerbeltz« wirkt wie ein Seitenstück zu seinem Debütroman Fledermausland. Das ist schade, denn mit Fledermausland konnte ich (anders als mit Dierssens zweitem Roman, der YA-Fantasy Fausto) nicht viel anfangen. So sagt mir auch »Akerbeltz« nicht sonderlich zu. Wer allerdings Fledermausland mochte, wird diese Geschichte lieben.

»Ein kleiner Tod« von Victoria Schlederer fängt in medias res an und kommt deshalb so rüber, als müsse einem die Hauptfigur bekannt sein. Vielleicht aus Schlederers Debüt Des Teufels Maskerade? Das habe ich leider noch nicht gelesen, höchstens mal darin geblättert. Wie dem auch sei, »Ein kleiner Tod« funktioniert auch so. Und macht Lust, Des Teufels Maskerade endlich zu lesen.

Thilo Corzilius’ Geschichte »In der Wüste« spielt in Israel. Thematisch sicherlich der ungewöhnlichste Beitrag zu dieser Anthologie, denn es geht um ein aus dem Neuen Testament bekanntes Motiv – die Wüste als Ort der Versuchung. In diesem Fall besteht die Versuchung darin, sich der Einsamkeit in ihrer ultimativen Form, dem Tod, zu überlassen. Liest sich sehr interessant. Was aber gar nicht geht: In der Beschreibung von Figuren ausschließlich auf Stereotype zurückzugreifen. Es kommen fünf Personen vor. Eine davon mit Hakennase, eine mit Haut in der »Farbe der tiefsten, sternenlosesten Nacht« und »blitzendweißen Zähnen«, eine weitere »sichtlich mit etwas Latino-Blut in den Adern«, sowie ein »sehr groß gewachsener, schlaksiger Skandinavier«. (Die fünfte Person, der Ich-Erzähler, bleibt unmarkiert und ist daher wohl ebenfalls weiß und männlich.) Schade um eine Story, die sehr gut auch ohne solche Klischees hätte erzählt werden könnten.

»Im Gasthaus zum Schwarzen Eber« ist ein weiterer Beitrag von Thomas Plischke, der diesmal unter seinem Pseudonym Jonas Wolf auftritt. Und hier sind sie endlich, die untotesten aller Untoten: Zombies. Eine kleine Gruppe von Überlebenden hat sich in einem einsam gelegenen Gasthaus verschanzt, während von allen Seiten die lebenden Leichen heranschlurfen.* Wie die Romane Heldenwinter und Heldenzorn spielt die Geschichte in einer Sekundärwelt, der »Welt des Skaldat«. Ein interessanter Genre-Crossover, denn wie man weiß, ist das Gasthaus in der Fantasy typischerweise der Ort, an dem eine Heldengruppe sich zusammenfindet, um zur Weltrettungsqueste aufzubrechen. Nette Idee, das mal in sein Gegenteil zu verkehren, indem das Fantasy-Gasthaus mit dem stets bedrohten Zufluchtsort vor der ringsherum tobenden Zombie-Apokalypse verbunden wird. Einziger Kritikpunkt: Die Geschichte hätte ein sorgfältigeres Korrektorat vertragen können.

Ich bin selten ganz zufrieden mit Anthologien, weshalb ich diese hier, in der zwei Beiträge mir gut gefallen, zwei ein interessantes, aber ambivalentes Leseerlebnis darstellen und drei nicht bei mir ankommen, als eine überwiegend gelungene Zusammenstellung empfinde. Bemerkenswert ist außerdem das schön skurrile Titelbild von Jan Warncke.

Die von Ole Johan Christiansen und Oliver Dierssen herausgegebene Anthologie Die Untoten ist 2011 bei Nerdpol als Kindle-E-Book erschienen.

* Ich habe natürlich keinen Moment lang daran gezweifelt, dass sie irgendwann auftauchen würden. Wenn es einen Zombie-Connaisseur unter den deutschen Fantasy-Autor_innen gibt, dann Plischke.

Samstag, 16. Februar 2013

Juan of the Dead

Alejandro Brugués’ kubanische Zombiekomödie Juan of the Dead versucht gar nicht erst, originell zu wirken. Das wäre angesichts der gegenwärtigen Schwemme von Zombiefilmen, -comics und anderen Medien mit taumelnden oder rennenden Untoten ohnehin ein ziemlich hoffnungsloses Unterfangen.* Brugués’ Film gibt deshalb lieber bereits im Titel seine Verwandtschaft mit Edgar Wrights und Simon Peggs Fast-schon-Klassiker Shaun of the Dead aus dem Jahre 2004 zu erkennen. Die Grundidee ist die gleiche: Die angreifenden Zombiehorden fallen nicht über ein US-amerikanisches Städtchen her, in dessen Nähe das Grüppchen der Überlebenden sich dann in einem Landhhaus, einer Shopping Mall, einer Militäranlage oder einem mit vergleichbarer kultureller Bedeutung versehenen Rückzugsort verschanzen kann, sondern sie werden bewusst in eine für das Genre untypische Umgebung versetzt. Doch während Shaun of the Dead ein mit britischem Humor versehener, ironisch aktualisierender Kommentar zur Genregeschichte ist, knüpft Brugués eher in der Tendenz an seine Vorbilder an – soll heißen, er versucht den Zombie als politische Metapher zu strapazieren.

Zur Story: Juan lebt in Havanna, wo er und seine Kumpels ihre Tage damit verbringen, Tourist_innen die Taschen zu leeren, Rum zu trinken, auf dem Meer zu fischen und möglichst wenig anstrengende Arbeit zu leisten. Die Kumpels, das sind Juans Tochter Camila (ihre Mutter lebt im Ausland), sein bester Freund Lázaro, dessen Sohn Vladi, die Transvestitin La China und ihr muskelbepackter Beschützer El Primo (der allerdings schon beim Anblick von Blut in Ohnmacht fällt). Als erste Zombies in den Straßen der Hauptstadt auftauchen, behauptet die kubanische Regierung, es handele sich bei den wandelnden Untoten um US-gesteuerte Dissident_innen. Für Juan ist die Zombie-Invasion dagegen eine willkommene Gelegenheit, ohne große Anstrengungen zu Geld zu kommen, indem er mit seiner Clique einen telefonisch anforderbaren Zombie-Abmurks-Service organisiert. Da sie sich dabei aber ziemlich dilettantisch anstellen, sind Juan, Lázaro & Co. bald Teil einer stetig schrumpfenden Minderheit von Überlebenden, während in Havanna die Hochhäuser einstürzen und die Straßen fast nur noch von Untoten bevölkert sind.

Das grundlegende Problem von Juan of the Dead ist, dass die Idee, Zombies als durch Regierungspropaganda gemachte Feindbilder zu zeichnen, nicht funktioniert bzw. zu inkonsequent umgesetzt wurde. Zombies sind hier (wie in den meisten Filmen) einfach nur dazu da, um massenhaft die Köpfe gespalten zu kriegen – da wir uns in der Karibik befinden, sind statt Golfschlägern und Rasenmähern in diesem Film Paddel und Macheten die Waffen der Wahl. An keiner Stelle wird deutlich, was die Figur des Zombies mit der des Dissidenten zu tun haben könnte, bzw. wie die beiden Bilder zu einer treffenden Metapher verknüpft werden könnten. Auf der anderen Seite wird auch nicht gesagt, dass es sich dabei einfach nur um eine plumpe, nicht weiter ernst zu nehmende Lüge der Regierung handelt. Diese Interpretation des Zombies-als-Dissidenten-Motivs scheint schon deshalb eher abwegig, weil Juan und seine Kumpels selber keine Ahnung haben, was es mit den Untoten auf sich haben könnte. Sie müssen sich erst von einem US-amerikanischen Pastor, der als Entwicklungshelfer auf der Karibikinsel arbeitet, erklären lassen, was Zombies sind. Diese Szene ist eine der wenigen, in denen es dem Film gelingt, wirklich sarkastisch zu sein: Schließlich sind Zombies in einem derartigen Ausmaß zu ikonenartigen Monstern der US-amerikanischen Kultur geworden, dass ihre ursprüngliche Herkunft aus der karibischen Mythologie kaum noch erkennbar ist. Die Zombies kommen in Juan of the Dead in einem ganz wörtlichen Sinne aus den USA: Eines der seltenen beeindruckenden Bilder des Films zeigt ein Heer von Untoten, das auf dem Meeresgrund von Miami kommend gen Kuba wandelt. Auch hätte die Figur des Pastors die Möglichkeit geboten, die paternalistische Blauäugigkeit nordamerikanischer Entwicklungshelfer_innen zu karikieren. Die Erklärungsversungsversuche des Pastors sind nämlich eher gut gemeint als wirklich hilfreich, da er kein Wort Spanisch spricht. Der Figur wird letztlich jedoch zu wenig Screentime eingeräumt, um aus der Szene mehr als eine nebensächliche Episode unter vielen zu machen.

Von dieser einen, nicht wirklich entfalteten Ausnahme abgesehen, ist der Humor von Juan of the Dead durchgängig lahm bis geschmacklos. Immer dann, wenn der Plot gar nichts mehr herzugeben scheint, wird auf einen Running Gag zurückgegriffen: Lázaro bringt zwischen all den Zombies regelmäßig lebende Menschen um, mal versehentlich, mal auch nicht – letzteres vor allem dann, wenn das Opfer ihm Geld schuldet und nicht zahlungsfähig ist. Zudem bekommt man im Laufe des Films so ziemlich jeden trans- und homophoben Witz unter die Nase gerieben, so dass man nicht mal mehr den Kopf darüber schüttelt, sondern nur noch angeödet ist. Jeder Versuch, den Film anhand seiner sich (wie oben dargestellt) andeutenden Möglichkeiten zu retten, wäre spätestens an diesem penetranten Schulklo-Humor gescheitert.

* Hier liegt eine bemerkenswerte Konvergenz von Form und Inhalt vor: Nicht nur die Zombies selbst treten in Massen auf, sondern auch die sie darstellenden Medienerzeugnisse.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.