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Freitag, 23. Juni 2017

Im Eisland

Nach meinem Blogpost über The Frozen Deep lässt mich die Franklin-Expedition, die 1845 zur Entdeckung der Nordwestpassage aufbrach, nicht mehr los. Ich habe beschlossen, weitere Bücher zum Thema zu besprechen. Vor allem aus kanadischer Feder sind zahlreiche Erzählwerke über die fatale Unternehmung in der Arktis erschienen, aber auch deutsche und US-amerikanische Autor_innen haben sich der Franklin-Expedition gewidmet. Tatsächlich erschien bereits 1851 ein Buch in Detroit, dessen Verfasser_in (»William N. Seldon«) sich als Besatzungsmitglied der Terror ausgab und behauptete, nach dem Verlassen des Schiffs »a new and beautiful country, inhabited by a strange race of people« entdeckt zu haben. Noch während die Überlebenden der Expedition sich abmühten, das kanadische Festland zu erreichen, erschien also bereits abenteuerlich-phantastische Literatur über sie. Leider scheint es das Buch weder auf Project Gutenberg noch auf Faded Page zu geben. Ich würde es zu gern lesen.

Ein herausragendes neueres Werk ist Kristina Gehrmanns dreibändige Graphic Novel Im Eisland. Es handelt sich um Gehrmanns Debüt und ist als solches gar nicht genug zu loben. Ich erlaube mir allerdings, nur einige kurze Bemerkungen zum Stil zu machen, um dann darauf einzugehen, wie das Werk sich in die Erzähltradition um Franklin und seine Leute einordnet: Das karge Schwarzweiß der Zeichnungen passt gut zum Thema. Ausbaufähig ist die Darstellung von Gesichtszügen, die mitunter doch arg ähnlich ausfallen (ein Problem, dass sich ja auch bei so etablierten Zeichnerinnen wie Isabel Kreitz gelegentlich findet). Und jetzt schnell zur Erzähltradition, denn eine solche gibt es.

Bestimmte Elemente tauchen in fiktionalen Darstellungen der Franklin-Expedition immer wieder auf; sie finden sich bereits in The Frozen Deep von Wilkie Collins und Charles Dickens (nach dem oben erwähnten Buch des Seldon-Pseudonyms wahrscheinlich das Werk, das am nächsten an den historischen Ereignissen dran ist). Dazu gehören zum einen die Zeichen und Visionen, die die Expedition begleiteten, und zum anderen die umstrittene Rolle der Inuit.

Doch wenn ich umstritten sage, ist das sogleich erklärungsbedürftig. Denn eigentlich haben die Inuit, die in der einen oder anderen Weise mit der Franklin-Expedition in Kontakt kamen, nichts getan, was irgendwie kontrovers sein könnte. Es waren vor allem zwei Forscher, John Rae und Charles Francis Hall, die unter den Inuit systematisch Erkundigungen nach der verschollenen Expedition anstellten. Die Berichte, die sie erhielten, widersprachen sich natürlich in vielen Details, stimmten in den Grundzügen aber überein: Ja, die Inuit hatten Gruppen hungernder weißer Männer gesehen, die zu Fuß nach Süden zogen. Ja, sie hatten ihnen so viel von ihren Lebensmitteln abgegeben, wie sie konnten, aber nein, sie hätten niemals eine so große Anzahl von Menschen ernähren können, ohne sich selbst der Gefahr des Hungertods auszusetzen. Deshalb hatten sie sich, sofern sie nichts zum Teilen besaßen, lieber von den Weißen ferngehalten. Später hatten sie Überreste von Lagerstätten gefunden, in denen sich auch die berüchtigten Zeugnisse für den Kannibalismus befanden, in den die Expedition schließlich verfiel.

Diese Berichte stimmen gut mit dem überein, was man über frühere Kontakte zwischen Inuit und britischen Arktisexpeditionen weiß. Die Inuit bildeten eine friedliebende Gesellschaft. Zu Angriffen auf britische Mannschaften kam es äußerst selten. Wenn doch, dann gingen sie von solchen Inuit aus, die zuvor bereits Feindseligkeiten von auf dem kanadischen Festland lebenden First-Nations-Gruppen erfahren hatten. In der Tat hätte die britische Öffentlichkeit allen Grund gehabt, den Inuit zu danken, denn ohne sie hätte sie noch sehr viel weniger vom Schicksal der Franklin-Expedition erfahren, als es ohnehin schon der Fall war. Auch die materiellen Hinterlassenschaften der Verschollenen, die später von Leopold McClintock (1848) und Frederick Schwatka (1878) gefunden wurden, konnten oft nur lokalisiert werden, weil ihr Standort zuvor von Inuit beschrieben worden war.

Aber es war das Zeitalter des Imperialismus, und natürlich kam es ganz anders. Schnell verbreiteten sich Gerüchte, die Expedition sei von Inuit angegriffen und niedergemetzelt worden. Die Persönlichkeit von Gewicht, die diese Gerüchte befeuerte wie niemand sonst, war ausgerechnet Charles Dickens. 1854 schrieb er mit »The Lost Arctic Voyagers« einen ganz im Ton gelehrter Weltweisheit gehaltenen Essay:
[N]o man can, with any show of reason, undertake to affirm that this sad remnant of Franklin’s gallant band were not set upon and slain by the Esquimaux themselves. It is impossible to form an estimate of the character of any race of savages, from the deferential behaviour to the white man when he is strong. The mistake has been made again and again; and the moment the white man has appeared in the new aspect of being weaker than the savage, the savage has changed and sprung upon him. [...] We believe every savage to be in his heart covetous, treacherous, and cruel; and we have yet to learn what knowledge the white man — lost, houseless, shipless, apparently forgotten by his race, plainly famine-stricken, weak, frozen, helpless, and dying — has of the gentleness of Esquimaux nature.
Im gleichen Jahr, 1854, unternahm ein Angestellter der Hudson’s Bay Company namens John Rae eine Forschungsreise auf der Boothia-Halbinsel in der Arktis. Er erhielt dort von einigen Inuit Auskunft über weiße Männer, die auf King William Island (einer vor der Westküste Boothias gelegenen Insel) verhungert seien. Rae erkannte, dass es sich um die wenige Jahre zuvor verschollene Franklin-Expedition handeln musste, und versuchte so viel wie möglich über die verhungerten Weißen in Erfahrung zu bringen. Außerdem kaufte er den Inuit einige Gegenstände ab, die zur Ausrüstung der Expedition gehört hatten. Was er nicht tat: sich selber auf King William Island zu begeben, um die traurigen Überreste des Unternehmens selbst in Augenschein zu nehmen. Rae war mit Schneeschuhen unterwegs. Hätte er beschlossen, die Insel zu besuchen, wäre das eine äußerst gefährliche und strapaziöse Reise gewesen, die ihn mitten ins Herz des arktischen Archipels geführt hätte.

Statt dessen kehrte Rae ins britisch besiedelte Kanada zurück und übermittelte seine Erkenntnisse so schnell wie möglich an die Admiralität in Lonon. Sein Bericht, der erstmals Hinweise auf Kannibalismus enthielt, löste Entsetzen aus und veranlasste Dickens, zur Feder zu greifen, um »Franklin’s gallant band« publizistisch zu Hilfe zu eilen. Es lässt sich kaum ein größerer Kontrast denken: Rae, ein erfahrener Arktisforscher, war vor Ort gewesen und hatte mit den Inuit gesprochen und sah offensichtlich keinen Anlass, an deren Aussagen zu zweifeln (die ja tatsächlich von späteren Suchexpeditionen bestätigt wurden). Auf der anderen Seite Dickens, der nie in der Arktis gewesen und auch sonst nicht gerade weitgereist war, aber mit der Kraft seiner Überzeugung weiß, dass jeder »savage« habgierig, verräterisch und grausam ist und nur darauf wartet, über hilflose Weiße herfallen zu können.

Es ist genau diese Mentalität des armchair explorers, die viele von der britischen Admiralität organisierte Forschungsreisen zu lebensgefährlichen Angelegenheiten machte. Der zuständige Sekretär der Admiralität, Sir John Barrow, steht geradezu emblematisch für diese Haltung. Barrow liebte es, lange Gedankenspiele über bislang nicht kartographierte Weltgegenden anzustellen und sich detailliert auszumalen, wie deren Klima und Geographie beschaffen seien. Kamen Forschungsreisende mit Ergebnissen zurück, die nicht Barrows Vorstellungen entsprachen, sorgte er dafür, dass sie bei Admiralität und Fachwelt in Ungnade fielen und ihr Leben lang nicht mehr ernst genommen wurden. Die Nordwestpassage und die Theorie vom eisfreien Polarmeer (ich habe sie im vorherigen Post dieser Reihe beschrieben) gehörten zu den fixen Ideen, die Barrow sein Leben lang umtrieben. Sie sorgten dafür, dass hunderte britische Seeleute ihre abgefrorenen Gliedmaßen und ihren Seelenfrieden in der Arktis zurückließen. Ich glaube, es ist dieser ausgeprägte Wille, Phantasie und Realität nicht auseinanderzuhalten, der die Franklin-Expedition zu einem so herausragenden Stoff für phantastische Erzählungen macht – und gleichzeitig ist es der Grund dafür, warum diese Erzählungen so viel über die viktorianische Realität aussagen.

Es ist ja nicht Unwissenheit, die die Zeitgenoss_innen dazu brachte, ihre Illusionen zu pflegen. Dickens etwa wusste, dass es bereits auf einer früheren Expedition Franklins zu Kannibalismus gekommen war. 1819 hatte Franklin die Leitung einer Landexpedition inne, die die Nordküste Kanadas kartographieren sollte. Schnell stellte sich heraus, dass die Reisenden nicht in der Lage sein würden, sich in der nordkanadischen Tundra zu ernähren. Sie begannen, Flechten von Felsen zu kratzen und Stiefelleder zu kochen. Schließlich teilte sich die Expedition in mehrere Kleingruppen auf, die orientierungslos umherirrten. In einer dieser Kleingruppen schlachtete ein Expeditionsteilnehmer namens Michel Terohaute mindestens zwei, vielleicht aber auch vier seiner Kameraden und verfütterte sie an zwei Offiziere, die in einem Zwischenlager zurückgeblieben waren. Terohaute behauptete, überraschend auf Wild gestoßen zu sein. Die beiden, die zuvor wochenlang gehungert hatten, griffen erst zu und stellten dann Fragen (was angesichts der extremen Umstände wohl verständlich ist). Einige Tage später erschossen sie Terohaute, da sie befürchteten, sonst als nächste an der Reihe zu sein.

Für Dickens war der Fall glasklar. Gerade die Tatsache, dass es auf der früheren Expedition zu Kannibalismus gekommen war, bewies eindeutig, dass dies auf der späteren Expedition nicht geschehen sein konnte. Denn Terohaute war für Dickens ebenfalls ein Wilder, »in his heart covetous, treacherous, and cruel«, und in seinem Appetit offenbar ebenso. Terohaute habe seine Untaten begehen können, weil er Irokese sei und die weißen Expeditionsteilnehmer arglistig getäuscht habe. Bei der späteren Expedition habe Franklin es nicht mehr zugelassen, dass ein solches Monster sich seiner »gallant band« anschließt, ergo: kein Kannibalismus mehr. Man könnte meinen, Dickens sah überall Kannibalen. In einem anderen Essay, »Frauds on the Fairies« (1853), wendet sich Dickens gegen bowdlerisierte Märchenbücher. An sich eine ganz richtige Position, aber es ist bemerkenswert, mit welchen Argumenten Dickens für sie streitet: Wenn man jugendfreie Märchenversionen schreibe, könne man ja auch gleich die Kannibalismusszenen aus Robinson Crusoe streichen – wo doch niemand leugnen könne, dass in der Karibik Menschenfresserei betrieben werde.

Ob in der Karibik oder der Arktis, für Dickens waren die »savages« Monster, vergleichbar den menschenfressenden Ogern im Märchen. Und sie bedrohten die britische Zivilisation. Zu einem solchen Bild konnte man allerdings nur durch Akte massiver Verdrängung kommen. Was Dickens wahrscheinlich wusste, aber einfach nicht zulassen konnte: Der Frankokanadier Michel Terohaute war keineswegs Irokese, sondern ein Weißer, wie alle anderen Expeditionsteilnehmer auch. John Richardson, der Terohaute erschossen hatte, schrieb später über ihn:
His principles, unsupported by a belief in the divine truths of Christianity, were unable to withstand the pressure of severe distress. His countrymen, the Iroquois, are generally Christians, but he was totally uninstructed and ignorant of the duties inculcated by Christianity; and from his long residence in the Indian country, seems to have imbibed, or retained, the rules of conduct which the southern Indians prescribe to themselves.
Das heißt also: Terohaute war an sich ein Christ, ein Europäer, ein Zivilisierter, aber weil er so lange unter den First Nations lebte, färbte deren Monstrosität auf ihn ab, und er wurde selbst zum Monster. Dickens zitiert diese Sätze in seinem Artikel, versteht sie aber bewusst falsch: Terohaute lebte nicht nur unter den First Nations, er war Irokese. Er musste es sein, anders waren seine Taten nicht zu erklären. Menschliches Verhalten folgt hier Naturgesetzen: Wer Brite ist, ist zivilisiert. Wer Inuit oder Irokese ist, ist ein Monster. Und wer als Frankokanadier in diese starre Dichotomie nicht ganz hineinpasst, wird im Zweifelsfall den Monstern zugeschlagen.

In der Realität sah es allerdings ganz anders aus. Eine Begegnung zwischen einem Inuit und vier Angehörigen der Franklin-Expedition von 1845 spielte sich folgendermaßen ab: Der Inuit habe nur einem der vier Männer, der sehr abgemagert gewesen sei, etwas zu essen gegeben. Die anderen drei hätten es nicht verdient. – Warum, fragte Hall. – Sie seien fett und wohlgenährt gewesen, weil sie ihre Kameraden gefressen hätten.

In Wirklichkeit neigen weder Inuit noch britische Seeleute von Natur aus dazu, sich gegenseitig abzuschlachten und aufzufressen. Die Inuit sowieso nicht, da sie das Leben in der Arktis gemeistert hattten. Die Briten an sich auch nicht, aber leider war es das Wirken von armchair explorers wie Sir John Barrow und brillanten Publizisten wie Charles Dickens, die dafür sorgten, dass immer wieder Expeditionen in die Arktis ausgeschickt wurden, wo nichts als Hunger, Kälte und Wahnsinn auf sie wartete. Und wenn sie nicht zurückkehrten, konnte man sich an viktorianischen Kaminen immer wieder von Neuem erregen und gruseln über die Monster, die im ewigen Eis auf die galanten Entdecker lauerten.

Aus Platzgründen habe ich diesen Blogpost aufgeteilt. Hier geht es weiter.

Im Eisland (drei Bände) ist 2015/16 im Hinstorff Verlag erschienen.

Sonntag, 27. Oktober 2013

Asterix bei den Pikten

Nachdem ich mir gestern abend den neuen Asterix-Band zu Gemüte geführt habe, muss ich sagen: Euphorisiert bin ich nicht, aber ganz angetan. Als einschneidende Veränderung gegenüber den letzten von Albert Uderzo gezeichneten Bänden ist mir aufgefallen, dass in Asterix bei den Pikten eine Rückkehr zu den Anfängen versucht wird. Während die Reihe sich vorher weitgehend um sich selbst drehte und mit bemühten metafiktionalen Kapriolen aufwartete, gibt es hier ein klassisches Reiseabenteuer, das an Bände wie Asterix bei den Briten und Asterix in Spanien erinnert.

Ich gehöre nicht zu denjenigen, die am liebsten alles vergessen würden, was seit René Goscinnys frühem Tod 1977 von Uderzo im Alleingang getextet und gezeichnet wurde. Natürlich steht fest, dass keiner der seit Der große Graben erschienenen Bände an die Gemeinschaftswerke von Goscinny und Uderzo heranreicht. Noch der letzte von Goscinny geschriebene Band, Asterix bei den Belgiern, war eine Großtat. Danach wirkte alles, auch die gelungeneren Geschichten wie Die Odyssee und Asterix im Morgenland,* vergleichsweise fad, und das lag nicht nur daran, dass Uderzo nicht an Goscinnys Humor und sein Gespür für dynamische Plots herankam. Auch die Zeichnungen selbst sahen nicht mehr so brillant aus wie vorher. Es scheint, als habe Goscinny nicht nur sein eigenes einzigartiges Können wieder und wieder unter Beweis gestellt, sondern auch das Talent seines Partners Uderzo befeuert.

Dennoch gestehe ich den in den Achtzigern herausgekommenen Bänden zu, dass sie eher durchmischt als schlecht sind: Auf einen ziemlichen Reinfall folgte ein liebevoll gestaltetes Reiseabenteuer (unvergessen die Episode, in der Asterix und Obelix in der Wüste nacheinander den Kriegsscharen sämtlicher mesopotamischer Großreiche, von Sumer bis Medien, über den Weg laufen), auf eine durchwachsene Geschichte (in der sich platte Situationskomik sehr unvorteilhaft mit einem ödipalen Drama mischt, das man Uderzo in dieser Unverfrorenheit gar nicht zugetraut hätte) wiederum ein Reiseabenteuer, das mit seinen ernsten Untertönen und Andeutungen von Grausamkeit an den zwölf Jahre früher erschienenen Band Asterix bei den Schweizern erinnert.

In den Neunzigern erfolgte dann der totale Absturz. Uderzo verwandelte sich in den Peter Scholl-Latour des Comics, in ein mit hohlen Meinungen um sich werfendes Fossil, das zu allen Entwicklungen der Zeit etwas zu sagen hatte und dabei doch immer nur seine Vorgestrigkeit zur Schau stellte. Bände wie Asterix und Maestria und Gallien in Gefahr dienen nahezu ausschließlich der Verbreitung von Uderzos chauvinistischem Weltbild, hinter dem so etwas wie ein Plot nur in rudimentären Ansätzen zu erkennen ist. Auch da, wo stärker die Form der klassischen Bände aus den siebziger Jahren bewahrt bleibt (Abenteuer im Dorf – Abenteuer auf Reisen), wird es nicht besser, denn Uderzo reduziert die von Goscinny so liebevoll charakterisierten Figuren systematisch zu Klischees ihrer selbst. Was vorher lebendige, skurrile Eigenheiten waren, sind jetzt nur noch Aufhänger für schlechte Witze. Hinzu kam eine Entwicklung, die angetan war, der Reihe in ihrer deutschsprachigen Ausgabe den Todesstoß zu versetzen: War der anspielungsreiche Humor des Originals 29 Bände lang von Gudrun Penndorf kongenial ins Deutsche übertragen worden, gab es ab Obelix auf Kreuzfahrt nur noch hirnverbrannte Lautmalereien, bis es nicht mehr zu ertragen war. Die von Adolf Kabatek (Band XXX) und Michael Walz (Band XXX–XXXI) angefertigten Übersetzungen stellen einen Tiefpunkt dar, der die von Uderzo verzapften Peinlichkeiten noch einmal in den Schatten stellte.

Aber zurück zu Asterix bei den Pikten. Die Nachricht, dass Uderzo den Zeichenstift endlich weitergereicht hat, sorgte bei den Fans für ein erleichtertes Aufatmen, und mit Klaus Jöken ist schon seit Band XXXII ein Übersetzer am Start, der zumindest die gröbsten Ausrutscher von Kabatek und Walz zu vermeiden weiß. Das neue, aus Jean-Yves Ferri (Text) und Didier Conrad (Zeichnungen) bestehende Team gehört einer Generation an, die mit den frühen Asterix-Bänden aufgewachsen ist, und dementsprechend wirkt das neue Abenteuer wie ein Versuch, zu den Wurzeln der Reihe zurückzukehren. Dazu passt auch Ferris Ankündigung, das nächste Abenteuer im Dorf spielen zu lassen. Genauso hielt es Goscinny in den siebziger Jahren, als er Reise- und Dorfabenteuer im Wechsel aufeinander folgen ließ. Der Zeichenstil, in dem der piktische Krieger Mac Aphon gehalten ist, geht noch einige Jahrzehnte weiter zurück und erinnert an Uderzos Figuren aus den fünfziger Jahren. Überhaupt ist Conrad als Zeichner ein Glücksgriff. Er kommt zwar nicht ganz an Uderzos Glanzzeit heran (wer würde das auch erwarten), aber die zentralen Figuren beherrscht er nahezu mit Perfektion. Allein Idefix und Majestix’ Schildträger haben mich nicht zu 100% überzeugt. Eigenständige Phantasie beweist er bei der Darstellung der Piktinnen und Pikten – klar, da muss er sich ja auch nicht an Vorbildern messen.

Autor Ferri beweist, dass er eine Geschichte erzählen kann. Asterix und Obelix finden bei einem Winterspaziergang den leblosen Mac Aphon. Nach diversen Turbulenzen, die durch die Anwesenheit des schicken Jünglings in der Dorfgemeinschaft ausgelöst werden, wird deutlich, dass Mac Aphon sich nach seiner piktischen Heimat verzehrt. Asterix und Obelix machen sich mit ihm auf den Weg nach Schottland, wo eine politische Intrige tobt. Mac Abberh, Chef eines mit Mac Aphons Leuten verfeindeten Clans, will König werden und kollaboriert dazu mit Rom. Während die beiden gallischen Helden Mac Aphon tatkräftig unterstützen, um Mac Abberhs Plan zum Scheitern zu bringen, lernen sie allerhand Eigenheiten der piktischen Gesellschaft kennen. So erfahren sie, dass Mac Aphon in einem »Patchworkclan« lebt: »Mac Abyte ist der angeheiratete Onkel von Calluna, der Adoptivnichte von Mac Mamah, die wiederum die zweite Frau meines Schwiegerpapas Mac Pomm ist, dem Patenonkel von Erica, meiner Kusine zweiten Grades von Mac Ulaturs Seite her ...«**

Insbesondere die im Dorf spielenden Szenen haben es in sich. Von Uderzos Unart, eine Story-Idee endlos auszuwalzen und die entstehenden Leerstellen mit Blödeleien aufzufüllen, ist weit und breit nichts zu erkennen. Aber nicht jeder Scherz in Asterix bei den Pikten ist gelungen: Mac Aphon, der in einem Eisblock eingefroren am Strand von Armorica angetrieben wird, spricht nach seiner Wiederbelebung durch Miraculix in Liedzeilen und Songtiteln, bevor er die Sprache wiederfindet. Das erinnert unangenehm an den müden Witz der Durchhängezeit seit den neunziger Jahren. Außerdem wird als neue Nebenfigur der Beamte Publius Plusminus eingeführt, der im gallischen Dorf eine Volkszählung durchführen soll und stark den Eindruck macht, als sei er für künftige Bände bereits als Running Gag eingeplant. Nötig hätten Ferri und Conrad so etwas nicht.

An mehreren Stellen liegt deutlich wahrnehmbar Uderzos übermächtiger Schatten über Asterix bei den Pikten. Das betrifft Inhalt wie Form: So spielt im letzten Viertel der Handlung Mac Aphons Verlobte Camilla eine zentrale Rolle, eine typische Uderzo-Frauengestalt, die an Grienoline (Der große Graben), Orandschade (Asterix im Morgenland) und Falbala erinnert, wenn sie auch etwas selbständiger agiert. Und dem Vernehmen nach hat der Altmeister seinen Nachfolgern mit Argusaugen über die Schulter geschaut und sich vorbehalten, jedes einzelne Panel zur Freigabe zu begutachten. So scheint es, dass die beiden Neuen mit diesem Band erst mal Uderzos Erwartungen entsprechen mussten und nicht zu stark eigene Wege gehen konnten. Ihren Willen, sich angesichts der Verflachungstendenz der letzten 25 Jahre auf die Stärken der Reihe zu besinnen, haben sie trotzdem kundgetan. Ferri und Conrad ist Erfolg zu wünschen, damit sie als nächstes Asterix-Abenteuer ein stärker unter Eigenregie gestaltetes Werk vorlegen können. Dann wird man sehen, welches Potential in den gallischen Raufbolden noch steckt.

Asterix bei den Pikten von Jean-Yves Ferri und Didier Conrad wurde von Klaus Jöken übersetzt und ist 2013 bei Egmont Ehapa erschienen.

* Bekloppter deutscher Titel übrigens, der zudem die Anspielung des Originaltitels (Astérix chez Rahàzade) auf Tausendundeine Nacht ignoriert.
** Lässt sich das als zaghafter Abgrenzungsversuch von Uderzo verstehen, der keine Gelegenheit ausließ, den Leser_innen sein ultrakonservatives Familien- und Geschlechterrollenverständnis unter die Nase zu reiben? Die Story böte übrigens noch mehr Gelegenheiten, mit Geschlechterklischees zu brechen, die aber leider nicht genutzt werden.

Mittwoch, 20. Juni 2012

Die Reise beginnt

In meiner letzten Rezension zum Dark-Tower-Comic habe ich Unsinn geredet: Der sechste Band Die Reise beginnt wurde keineswegs von Richard Isanove gezeichnet, sondern von DC-Zeichner Sean Phillips (Ex-DC-Zeichner müsste ich korrekterweise wohl sagen). Wer meine Rezensiererei zu Der Dunkle Turm verfolgt hat, weiß, dass ich Jae Lees Stil gegenüber dem von Isanove bevorzuge und die ersten drei, von Lee gezeichneten Bände mir am meisten zusagen. Dass nun mit Sean Phillips ein dritter Zeichner zum Zuge kommt, ist dennoch kein Grund zur Traurigkeit. Phillips, bekannt für seinen Noir-Stil, ist weitaus eigenständiger als Isanove. In Die Reise beginnt sieht alles neu, interessant und anders aus. Die Darstellung von Rolands Lehrer Cort etwa erinnert mich an Yul Brynners Auftritt in Adios, Sabata, einem der irrwitzigsten und unterhaltsamsten Italo-Western.* Dass Roland auf dem Titelbild ein wenig wie Indiana Jones aussieht (glücklicherweise ohne Peitsche), ist dagegen wohl eher Zufall.

Storymäßig lehnt der Band sich stark an The Gunslinger an, den ersten Teil von Stephen Kings Romanreihe. Es gibt eine Rahmenhandlung, die während Rolands Aufenthalt bei dem einsiedlerischen Maisfarmer Brown spielt, also zu dem Zeitpunkt, zu dem auch die Handlung von The Gunslinger einsetzt. Roland erzählt Brown von den Ereignissen unmittelbar nach der katastrophalen Schlacht von Jericho Hill, welche die eigentliche Story von Die Reise beginnt bilden. Dabei gibt es am Anfang noch etwas Durcheinander, weil einige Plot-Probleme, die der vorhergehende fünfte Band aufgeworfen hat, dringend der Reparatur bedürfen. Vor allem betrifft dies das allzu unspektakuläre Ende einer wichtigen Nebenfigur. Ich kann nicht behaupten, dass dieser Reparaturversuch sonderlich gelungen wäre. Er zeugt eher von dem Bemühen, einen Anschluss an die vorherigen Bände zu finden und die Handlung danach endlich fortsetzen zu können. Was zuvor vermurkst wurde, wird also auch hier nicht unbedingt besser, aber immerhin kann es nach einer Weile mit Rolands Geschichte weitergehen. Erzählt werden Rolands Erlebnisse in der Stadt Kingstown, die unter den Folgen des Krieges zwischen den Revolvermännern und John Farson leidet. Genutzt wird diese Episode, um zahlreiche Motive vorwegzunehmen, die in den chronologisch später angesiedelten Romanen eine Rolle spielen.

War ich zu Anfang nicht gerade glücklich, hat mich die Geschichte von Die Reise beginnt am Ende dann doch überzeugt. Sie stellt eine gelungene Überleitung zu dem Handlungsbogen dar, der sich in The Gunslinger und der Prequel-Geschichte »The Little Sisters of Eluria« eröffnet. Darüber hinaus stellt Sean Phillips’ Stil, wie bereits erwähnt, eine echte Bereicherung dar.

Die Reise beginnt von Stephen King (Idee), Robin Furth (Story), Peter David (Skript), Sean Phillips (Zeichnungen) und Richard Isanove (Kolorierungen) ist 2012 bei Heyne erschienen. Die Übersetzung stammt von Oliver Hoffmann.

* Unterhaltsam nicht zuletzt deswegen, weil darin jede Menge blonde und blauäugige Österreicher mit komischen Namen wie »Oberst Schimmel« von mexikanischen Freischärlern vertrimmt werden (der Film spielt während der Episode des österreichischen Kaisertums in Mexiko).

Dienstag, 5. Juni 2012

Die Schlacht am Jericho Hill

Der fünfte Band des Dark-Tower-Comics wurde wieder von Jae Lee gezeichnet, was ich begrüßenswert finde. Lees Stil ist es vor allem, der den besonderen Reiz der Reihe für mich ausgemacht hat. Dass für den Vorgängerband Der Untergang Gileads Lees Kollege Richard Isanove, zuvor für die Kolorierung zuständig, zum Zeichenstift gegriffen hat, war zwar eine interessante Abwechslung, aber nicht unbedingt eine Verbesserung. Insbesondere gefiehl mir Isanoves Version der eigens für die Graphic Novel entworfenen Figur Aileen Ritter weit weniger gut.

Zur Story: Nachdem Gilead, der Sitz der Revolvermänner, in Verrat und Verzweiflung untergegangen ist, versuchen Roland und seine wenigen überlebenden Gefährt_innen, eine Widerstandsfront gegen John Farson und Marten Broadcloak zu errichten, den blutrünstigen Warlord und den intriganten Hofzauberer, die gemeinsam den Untergang der relativ geordneten, feudalen Welt von Rolands Elterngeneration bewerkstelligt haben. Wer Stephen Kings Romanzyklus gelesen hat, weiß, dass dieser Versuch zum Scheitern verurteilt ist und in einer tragischen letzten Schlacht mündet, die dazu führt, dass Roland in Zukunft allein eine Welt durchwandert, die nur noch in ihren Ruinen der Welt ähnelt, in der er aufgewachsen ist.

Nicht verleugnen lässt sich, dass es in Die Schlacht am Jericho Hill plotmäßig ein wenig hapert. Das mag einerseits daran liegen, dass der Band allein kaum über einen Spannungsbogen verfügt, sondern eher eine Art Coda zum dritten und vierten Band darstellt. Und andererseits gilt: Plotterin Robin Furth und Skripter Peter David hätten sich schon etwas mehr einfallen lassen müssen, um eine Geschichte, deren unmittelbaren Ausgang man bereits aus den Romanen kennt, interessant zu machen. Enttäuschend ist wiederum, dass die in Verrat aufwändig eingeführte Aileen bereits in Der Untergang Gileads weitgehend von der Bildfläche verschwindet, während sich nun endgültig offenbart, dass Furth und David mit der an sich interessanten Figur nicht viel anzufangen wussten – oder durften?

So ist Die Schlacht am Jericho Hill leider nicht viel mehr als eine Möglichkeit, von Jae Lees einzigartiger Visualisierung der morbiden Welt Rolands Abschied zu nehmen. Der sechste Band, den ich noch nicht gelesen habe, wurde wieder von Richard Isanove gezeichnet und nimmt die erzählerische Überleitung zu der Haupthandlung der Romanreihe in Angriff. Mal sehen, ob das noch was wird.

Jae Lee hat Die Schlacht am Jericho Hill gezeichnet. Richard Isanove hat sie koloriert. Robin Furth hat sich die Story ausgedacht und Peter David hat sie geskriptet. Stephen King hat seinen Namen auf die Titelseite setzen lassen. Erschienen ist der Band bei Heyne. Übersetzt hat Wulf Bergner.

Sonntag, 15. April 2012

Habibi von Craig Thompson

Dies ist keine ausgewachsene Rezension, denn ich staune viel zu sehr über Craig Thompsons Werk, als dass ich es bewerten könnte. Habibi ist einfach in jeder Hinsicht imposant, und Nnedi Okorafors Einschätzung, es sei das beste Buch des Jahres 2011, kann ich in voller Überzeugung zustimmen. Thompsons Zeichnungen, inspiriert von arabischer Kalligraphie und orientalistischer Malerei, sind hinreißend, Seite für Seite. Una à propos Orientalismus: Es ist bemerkenswert, wie Thompson Klischees über »den Orient« aufgreift, ohne ihnen zu verfallen. Er nutzt sie stets, um den Leser_innen unbequem zu sein, ihre Annahmen zu dekonstruieren und Perspektiven zu verschieben.

So viel ich jetzt schreiben könnte über die zahlreichen Bezugnahmen auf koranische, biblische und apokryphe Sagen und die einfühlsame Darstellung der Figuren – es würde doch nur die Lobeshymne auf Thompsons Buch verlängern, das aber einfach so gut, so überzeugend, so ernst ist, dass nur eines zählt: Lest es und lasst euch anrühren, aufwühlen, erschrecken und tut nie wieder so, als ließe euch kalt, was Thompson erzählt.

Nur eines noch: Eine ebenso begeisterte Empfehlung muss ich auch für Thompsons Carnet de Voyage (Tagebuch einer Reise) aussprechen, ein sehr intimes und nachdenkliches Reisetagebuch, welches aus Vorarbeiten zu Habibi entstanden ist und sich geradezu komplementär dazu verhält. Beide Bücher sind in Deutschland bei Reprodukt erschienen. Lesen!

Freitag, 9. September 2011

Der Dunkle Turm – Verrat

Wir erinnern uns: In Der lange Heimweg, dem zweiten Band der Graphic Novel zu Stephen Kings Dunklem Turm, wird Rolands, Alains und Cuthberts gefahrvolle Flucht aus Mejis gezeigt. Im dritten Band, Verrat betitelt, beginnt nun ein neuer Spannungsbogen. Der Handlungsort ist nun Gilead, der Sitz von Rolands Vater Steven Deschain, wo es zu allerlei Intrigen und Verwicklungen kommt, während John Farson, der geschworene Feind Steven Deschains und seiner Revolvermänner, seine Banden mordend und brandschatzend durchs Land ziehen lässt, um schließlich Gilead selbst in den Würgegriff zu nehmen.

Roland ist durch die Ereignisse in Mejis und ihre Nachwirkungen zu einem düster vor sich hin brütenden Jugendlichen geworden, voller Hass auf die Feinde Gileads und gleichzeitig fasziniert von ihren Machenschaften. Seine Freunde Alain und Cuthbert werden seit ihrer Rückkehr von den anderen Revolvermann-Zöglingen aus Neid gemieden. Rolands Mutter, Gabrielle Deschain, ist weiterhin Wachs in den Händen von Gileads verräterischem Hofzauberer Marten. So weit die altbekannten Charaktere. Neu eingeführt wird Aileen Ritter, eine Nichte des rüpeligen Revolvermann-Ausbilders Cort. Die androgyne Schönheit wurde von ihrem Onkel ausgebildet und ist eine hervorragende Schützin. Cort wollte dem elternlosen Mädchen damit die Möglichkeit geben, sich in der großen, bösen Welt notfalls selbst verteidigen zu können. Aileen sieht die Sache etwas anders. Sie will sich nicht mit der ihr beschiedenen Frauenrolle zufrieden geben und ein Revolvermann werden. Ihre Ausbildung durch Cort sieht sie als ersten Schritt in diese Richtung.

Stärker als je zuvor wird in Verrat deutlich, wie unglaublich patriarchal die Welt des Dunklen Turms ist. Die Revolvermänner von Gilead sind ja nichts anderes als ein Ritterorden mit dem Auftrag, die Schwachen zu beschützen. Und die Schwachen sind anscheinend vor allem Frauen, die sich diesen Schutz gefallen zu lassen haben. Entsprechend nimmt sich das Gros der Frauengestalten aus Kings Zyklus auch eher klischeehaft und traditionell aus: Gabrielle Deschain ist das schwache, verführbare Weib par excellence. Rolands Geliebte Susan Delgado ist dermaßen ätherisch und anbetungswürdig, dass ihr im Grunde gar nichts anderes übrig bleibt, als einen frühen und unschuldigen Tod zu sterben. Die Hexe Rhea ist archetypisch alt, vertrocknet und neiderfüllt. Wirklich interessante weibliche Figuren sind im Grunde nur Susannah Dean und Coral Thorin. Da kommt ein Charakter wie Aileen Ritter gerade recht, und ich hoffe sehr, dass sie in den weiteren Bänden nicht zur Randfigur degradiert wird.

Das Team hinter Verrat ist das gleiche wie bei den beiden Vorgängerbänden. Und wie schon in Der lange Heimweg gibt es auch im vorliegenden Band jede Menge Nerd-Infos als Anhang zur Geschichte. Diesmal über Frauenrollen in Mittwelt und den Oriza-Kult (bekannt aus Wolves of the Calla, dem fünften Band der Romanreihe), über die Kleinen Schwestern von der Rose, über die Manni sowie über Giftmorde und Rätselwettbewerbe in Mittwelt. Das kann man mögen, muss man aber nicht. Ich finde die kurzen Texte mal mehr, mal weniger interessant. Aber letztlich sind es ja die bunten Bildchen und die Story, auf die es hier ankommt. Und die wissen nach wie vor zu überzeugen.

Verrat von Stephen King (Idee), Robin Furth (Story), Peter David (Skript), Jae Lee & Richard Isanove (Zeichnungen) ist 2010 bei Heyne erschienen. Die Übersetzung besorgte Wulf Bergner.

Dienstag, 30. August 2011

Der lange Heimweg

Der zweite Band (bzw. die zweite Miniserie) des Dark-Tower-Comics setzt unmittelbar dort ein, wo der erste Band Der Dunkle Turm aufhörte. Geschildert wird die gefahrenreiche Flucht von Rolands Gefährten Alain und Cuthbert, die den bewusstlosen Roland zurück nach Gilead, die Hauptstadt von Mittwelt, bringen.

Basierte der erste Band auf den im Roman Wizard and Glass im Rückblick erzählten Ereignissen, so stammt die Story von Der lange Heimweg komplett aus der Feder von Robin Furth. Auch sonst ist das Team identisch mit dem des Vorgängerbandes: Peter David skriptet, Jae Lee und Richard Isanove zeichnen. Da gibt’s nix zu meckern: Inhaltsmäßig bietet der Band die schöne Möglichkeit, Rolands Kumpel Bert und Alain etwas näher und nicht nur in Statistenrollen kennenzulernen. Und optisch wissen mich Lees düstere Bilder, die ich seltsamerweise als statisch und filmreif-dynamisch zugleich empfinde, schwer zu begeistern.

Quasi als Anhang enthält der Band drei von Robin Furth verfasste Texte. »Willkommen im Dogan« ist eine Episode aus dem Leben von Rolands mythischem Vorfahren Arthur Eld. Mit ihrem aufgesetzten Märchenton wirkt die kurze Erzählung eher ungewollt komisch als sagenhaft. Für Dark-Tower-Fans ist sie dennoch von Interesse: Furth verfasste bekanntlich den Companion zu Kings Zyklus, und  »Willkommen im Dogan« bestätigt die Vermutung, dass sie vornehmlich damit beschäftigt ist, Kings mit den letzten Romanbänden zunehmend wirrer und verwickelter werdende Mythologie mit einer narrativen Struktur zu versehen. So wird hier einiges nachvollziehbar, was King in den Romanen auf widersprüchliche Weise ausführt oder nur andeutet. Die beiden folgenden Texte, »Die Mutanten von Mittwelt« und »Die Anrufung der Wächter« sind in erster Linie companionmäßiger Nerdstuff, der von Richard Isanove hübsch illustriert wurde. Außerdem gibt es Hintergrundinformationen über das böse Firmenimperium North Central Positronics, über Dogans und das Schloss des Scharlachroten Königs, des evil overlord aus dem Dark-Tower-Multiversum; eine nette Karte von Endwelt; sowie kurze Nachworte von Robin Furth und Peter David.

Das Schlusswort des Skripters ist besonders amüsant: Fan-Kritik an seinen Dialogen will David mit der Bemerkung abschmettern, er schreibe doch genau wie Stephen King, und wenn die Fans ihm Mecker gäben, meckerten sie in Wirklichkeit am Meister selbst rum. So gibt’s also zum Schluss sogar noch was zu lachen. Das steigert die Vorfreude auf Band III.

Der lange Heimweg von Stephen King (Idee), Robin Furth (Story), Peter David (Skript), Jae Lee & Richard Isanove (Zeichnungen) ist 2009 bei Heyne erschienen. Die Übersetzung besorgte Wulf Bergner.

Sonntag, 28. August 2011

Steinaecker über Spiegelman

Thomas von Steinaecker, Autor der flashigen Kolonialfantasy Schutzgebiet, hat fürs Springer-Feigenblatt Die Welt eine lesenswerte Rezension zu Art Spiegelmans 9/11-Comic Im Schatten keiner Türme verfasst.

Verlagsseite

Mittwoch, 21. Juli 2010

Für Erwachsene

Zwei Erwachsene und ein Kind entdecken andere, noch nie gesehene Wirklichkeiten, und allmählich verschwindet die Grenze zum Traum, zum Fantastischen.
Lesenswerte FR-Rezension (mit Bildchen) zu Die Reise mit Bill von Matthias Schultheiss: »Reise ins Fantastische«. Kommt im Gegensatz zu einem FAZ-Artikel über Neil Gaimans Sandman, kürzlich erschienen, sogar ohne den sonst obligatorischen Hinweis aus, dass es sich um einen Comic für Erwachsene/Intellektuelle/Kunstbegeisterte handelt.

Kurze Ergänzung zum kurzen Hinweis
Ebenfalls in der FR gibt es eine Bildergalerie »Die besten Comics des Jahres«. Mit Jens Harder, Will Eisner, Nadia Budde, Ralf König, Ulli Lust und Winshluss.

Samstag, 11. April 2009

Neues vom Dunklen Turm

Soeben bin ich darauf aufmerksam gemacht worden, dass der zweite Band der Graphic Novel frei nach Stephen King bereits bei Heyne erschienen ist, in diesem Monat nämlich. Der deutsche Titel von The Long Road Home lautet Der lange Heimweg. Team (inklusive Übersetzer) und Verlag sind die gleichen wie beim ersten Band.

Anubis tickt manchmal eben, wie verschiedentlich schon bemerkt, etwas langsamer. In diesem Sinne: Dank an Herrn Rottenecker für den freundlichen Hinweis.

Freitag, 10. April 2009

Der Dunkle Turm – Graphic Novel

Obwohl sein Name dick und fett auf dem Cover prangt, hat Stephen King selbst nur die Idee zu diesem ersten Band einer auf seinem Meta-Epos The Dark Tower basierenden Graphic Novel geliefert. Geplottet wurde das Ding von Robin Furth, ihres Zeichens Assistentin im Hause King und Autorin des offiziellen Companions zu The Dark Tower. Optimale Voraussetzungen also, dass der Comic schön dicht am Romanzyklus bleibt, obwohl sich die Mitwirkung des Autors schätzungsweise auf ein Minimum beschränken dürfte.

Marvel-Zeichner Jae Lee hat genau die richtige Bildsprache gefunden, um Roland Deschains weird west Gestalt zu verleihen. Mir gefällt insbesondere der Look von Gilead als monumentaler Ruinenstadt. Bei der Lektüre der Romane habe ich mir ja nie so recht vorstellen können, wie der Sitz von Kings revolverschwingenden Gralsrittern denn nun aussieht. Lee, der übrigens eine Dracula-Ausgabe illustrierte, hat mich genialisch belehrt.

Zwecks Verwirrungsvermeidung noch ein paar Worte: Bei dem Ding, das hier unter dem Namen Der Dunkle Turm – Graphic Novel rezensiert wird, handelt es sich um The Gunslinger Born (2007), den ersten Teil einer Reihe, von der im Original bereits zwei weitere Teile unter den Titeln The Long Road Home und Treachery (beide 2008) erschienen sind. Ob die Entscheidung, den Reihentitel für einen einzelnen Band zu verwursten, intelligent ist, sei dahingestellt. Jedenfalls kann Heyne ruhig mehr von dem Zeug veröffentlichen. Inhaltlich entspricht The Gunslinger Born in etwa Rolands Jugenderinnerungen in Wizard and Glass, dem vierten Dark-Tower-Roman. Der Comic erzählt die Handlung also, anders als die Romane, chronologisch.

Der Dunkle Turm – Graphic Novel von Stephen King (Idee), Robin Furth (Story), Peter David (Skript), Jae Lee (Zeichnungen) und Richard Isanove (Kolorierungen) ist 2008 bei Heyne erschienen. Die Übersetzung stammt von Wulf Bergner.

Dienstag, 24. März 2009

Über Alan Moore und Kim Newman

Die taz hat zwei interessante Artikel über Alan Moore gebracht, den Mann, der ewig Pech mit seinen Verfilmungen hat: Der eine beruht auf einem Telefoninterview, während der andere (von Georg Seeßlen) die Neuausgabe von From Hell zum Anlass hat. Seeßlens Interpretation des Ripper-Comics als Kommentar zum »Höllenfeuer der Moderne« ließ mich wieder einmal an die andere Bearbeitung des Ripper-Stoffs denken, die kürzlich neu erschienen ist: Kim Newmans Alternativweltroman Anno Dracula. Der Kutscher Netley, in Moores Graphic Novel ein Komplize des Rippers, ist einer der zahlreichen Charaktere, die Newman sich für sein gaslampenbeleuchtetes Allstar-Szenario ausgeborgt hat.

Seeßlen arbeitet den in From Hell dargestellten »Kurzschluss zwischen dem Über-Ich und dem Es« heraus, in dem die Interessen Königin Victorias mit denen des Rippers konvergieren: Der sadistische Mörder hilft mit, die Schwängerung eines Mädchens aus der Unterschicht durch Victorias Sohn Eduard blutig zu vertuschen. Für Seeßlen drückt sich hierin die Ambivalenz der Moderne und ihres Fortschritts aus, deren Mythologisierung – das sei eine weitere Aussage Moores – konsequenterweise nur wahnhafte Züge tragen könne.

In Newmans Alternativgeschichte wird Graf Dracula nicht von Van Helsing & Co. getötet, sondern kann seinen Plan, die Welthauptstadt London zu erobern, in die Tat umsetzen. Er heiratet Königin Victoria und herrscht fortan als Prinzgemahl über das Empire. Nach seiner Vertreibung durch eine geschickt angelegte Intrige, in der wiederum Jack the Ripper eine Rolle spielt, flieht er nach Deutschland, wo er in Kürze zum Reichskanzler aufsteigt und die Hölle des Ersten Weltkriegs entfesselt. Newmans Dracula ist begeistert von Erfindungen und technisch-bürokratischen Kinkerlitzchen wie Luftschiffen und Eisenbahnfahrplänen. Schwärmerisch verherrlicht er die Industrialisierung und Kommodifizierung menschlicher Lebenswelten, nur um in entscheidenden Momenten bruchlos in die blutrünstigen Verhaltensweisen eines frühneuzeitlichen Kriegsherren zurückzufallen. Fortschrittsgläubigkeit und Barbarei gehen eine perfekte Symbiose ein. Im Laufe der Erzählung wird Dracula, der die ersten Konzentrationslager Europas einführt, zum typologischen Vorbild der großen Massenmörder des 20. Jahrhunderts, der Hitlers und Stalins. Und während die Romane des Anno-Dracula-Zyklus stets so aufgebaut sind, dass ein aus der Popkultur oder der Mythengeschichte der Moderne bekannter Serienkiller eine tragende Rolle spielt, so ist dieser doch stets nur eine vergleichsweise unbedeutende Spielfigur, ein Produkt der Verhältnisse, die dafür sorgen, dass ein Dracula an die Schalthebel der Macht gelangen kann.

Beide, Moore wie Newman, haben Kunstwerke geschaffen, die es vermögen, Spuren der »höllenproduzierenden Moderne« (Franz J. Hinkelammert) freizulegen. Es lohnt sich, diesen Spuren nachzugehen.

Montag, 23. März 2009

Waltz with Bashir

Vor etwa zwei Wochen habe ich mir Ari Folmans Waltz with Bashir angesehen. Warum gerade jetzt, könnte man fragen, wo der Film in Deutschland doch schon seit vergangenem Jahr draußen ist. Ganz einfach: Ich habe ihn mir in meinem bevorzugten Programmkino, dem Traumstern in Lich, angesehen. Man erlaube mir also, im etwas langsameren Rhythmus eines Programmkinos zu ticken.

Waltz with Bashir ist ein animierter Dokumentarfilm über den Libanonkrieg von 1982. Während der Belagerung Beiruts durch israelische Truppen (mit dem Ziel, die PLO aus dem Libanon zu vertreiben), begingen mit Israel verbündetete christliche Falange-Milizionäre Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila. Es handelte sich dabei um eine Racheaktion für die Ermordung des christlichen Milizenführers Bachir Gemayel. Der Film unternimmt nun den Versuch, die Wirkung dieser Ereignisse auf die Psyche der israelischen Soldaten zu erkunden. Der Regisseur Ari Folman, selbst als neunzehnjähriger Soldat an der Belagerung von Beirut beteiligt, interviewte zu diesem Zweck eine Reihe seiner Kriegskameraden, deren Erlebnisse der Film grafisch darstellt, gipfelnd in der klimaktischen Szene, in der ein Israeli einen psychotischen Walzer mit einem Maschinengewehr tanzt – inmitten von feindlichem Feuer, umgeben von gigantischen Porträts Gemayels, während die libanesische Zivilbevölkerung scheinbar unbeteiligt von Balkons und Hausdächern aus zusieht.

Für mich war Waltz with Bashir eines der verstörendsten Filmerlebnisse überhaupt. Ich bin mir selber nicht ganz klar, warum, aber ich habe den Verdacht, dass es hauptsächlich an der Comic-Ästhetik von Folmans Film liegt. Beeinflusst vom Stil Joe Saccos, reizt Waltz with Bashir die Möglichkeiten der Graphic Novel voll aus: in der Darstellung wie in den zahlreichen Anspielungen und Referenzen, etwa auf Apocalypse Now, auf Catch-22 oder typische Porno-Szenen, die zugleich persifliert und in einen tieferen Zusammenhang mit dem dargestellten Kriegsgeschen gestellt werden. So berichtet Folman, dass viele israelische Soldaten während des Libanonkrieges zum ersten Mal Pornofilme gesehen hätten, weil es 1982 noch kein VCR in Israel gab.

Es ist die permanente Unsicherheit, ob Waltz with Bashir eine Graphic Novel im Film ist, die so tut, als ob sie ein Dokumentarfilm wäre, oder vielmehr ein Dokumentarfilm, der sich als Graphic Novel verkleidet, die dem Publikum das wohlige Sicherheitsgefühl verwehrt, in dem man sich wiegt, wenn man einen Spielfilm betrachtet. Dieses Sicherheitsgefühl, das einen Spielfilme (und nicht selten auch Reportagen) als Fiktion erleben lässt, fällt bei Waltz with Bashir völlig weg. Denn Folman unternimmt gar nicht erst den Versuch, durch Hyperrealismus eine vermeintliche Realität vorzugaukeln, die man doch immer fein säuberlich vom eigenen Erleben trennen kann. Nicht anders funktioniert das Gros der Dokumentarfilme, doch in Waltz with Bashir gibt es keinen Realismus, sondern nur albtraumhaftes Erleben, interpretiert und dargebracht durch popkulturelle Referenzen, durch den Schnitt auf die Bildzeugnisse des Massakers – in all ihrer hochgradigen Selektivität – am Ende des Films, und durch Bildmetaphern, die tief ins kulturelle Verdächtnis hineinreichen, und zwar bis ins Herz der Finsternis: Wagen um Wagen voller Menschen, die in eine Richtung fahren – und leere Wagen, die wieder zurückfahren. Dies macht es wahrhaft unmöglich, sich zu distanzieren, denn Folmans Albträume sind auch die unseren, nur dass sie bei Folman einmal im Wachen durchlebt worden sind. Jedoch: Wer meint, dass zwischen dem wachenden und dem träumenden Erleben kein Unterschied ist, hat ziemlich wenig begriffen.

Ich bin mir ganz und gar nicht sicher, ob ich das mag oder auch nur gut finde. Vor allem bezüglich der Anspielungen auf den Nazismus und den Holocaust bin ich das nicht. Gleichzeitig weiß ich, dass Waltz with Bashir in der Wahl seiner Darstellungsmittel nur allzu folgerichtig ist, denn der geeignete Modus zur Abbildung seelischer Traumata ist das Phantastische, von Kafka bis Vonnegut. Dies ist der Grund dafür, warum das 20. Jahrhundert ein Jahrhundert der Phantastik war, und warum das 21. Jahrhundert ein ebensolches sein wird.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.