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Mittwoch, 31. Juli 2013

Der individualistische Traum

Vor ungefähr einem Jahr habe ich mir eine deutsche Übersetzung von Norman Spinrads The Iron Dream besorgt und seither immer mal wieder darin gelesen. Schnell herausgestellt hat sich für mich, dass ich ein Buch wie dieses nicht in einem Zug durchlesen, sondern höchstens in kleinen Dosen ertragen kann. Sofort gelesen habe ich natürlich die vorangestellte Verfasserfiktion »Über den Autor« und das Nachwort des (gleichfalls fiktiven) Homer Wipple.

Zunächst einige Worte der Erklärung für diejenigen, die von Der stählerne Traum noch nichts gehört haben. Der Roman ist von einem Alternativweltszenario gerahmt, in dem Adolf Hitler nur kurze Zeit im rechtsradikalen Milieu Münchens verbringt und 1919 nach New York auswandert. Dort beginnt er als Illustrator für SF-Magazine zu arbeiten, bevor er schließlich selbst zu einem beliebten SF- und Fantasy-Autor wird. Hitler engagiert sich im Fandom, bis er 1953 stirbt. Kurz vor seinem Tod vollendet er den Roman »Herr des Hakenkreuzes«, für den er 1954 posthum den Hugo Award erhält. Die Folge von Hitlers Karriere im US-Fandom ist anscheinend, dass der Zweite Weltkrieg nicht stattfindet – im fiktionalen Autorenporträt ist nur vom Großen Krieg die Rede, wie der Erste Weltkrieg vor 1939 genannt wurde. Weitere Angaben über die Welt des SF-Autors Hitler finden sich im »Nachwort zur zweiten Auflage«. Darin heißt es, dass die NSDAP sich 1923 auflöst und 1930 in Deutschland ein kommunistischer Staatsstreich stattfindet. Nach und nach scheint die Sowjetunion ihren Einfluss über ganz Europa auszudehnen, eine Entwicklung, die in einer »Einvernahme Englands im Jahre 1948« (sic!) kulminiert. In der Sowjetunion, so heißt es weiter, führte »der Antisemitismus in der vergangenen Dekade [den 1940ern] zu derart wilden Ausbrüchen«, dass ihm fünf Millionen Jüdinnen und Juden zum Opfer fallen. Was das heißen soll, ist klar: Der Holocaust wird in dieser Alternativwelt nicht von Deutschland, sondern von der Sowjetunion durchgeführt.

Zwischen den Angaben »Über den Autor« und dem »Nachwort zur zweiten Auflage« bildet der Text von »Herr des Hakenkreuzes« als Roman im Roman den Hauptteil von Der stählerne Traum. Die Story ist schnell wiedergegeben: In einer postapokalyptischen Welt, in der neben »Reinblütigen« verschiedene Mutant_innen leben, wird Feric Jaggar zum Auserwählten, indem er im Zweikampf den »Stahlkommandeur«, eine phallisch anmutende Knüppelwaffe, erringt.  Er stellt sich an die Spitze der »Reinblütigen« und führt sie in den Kampf gegen Zind, ein im Osten gelegenes Reich des Bösen. In Zind herrschen die Dominatoren – sich unerkannt unter den Menschen bewegende Wesen, die andere per Gedankenkontrolle beherrschen können.

In satirischer Absicht entwirft Spinrad also eine Fantasy, wie sie im Sinne der NS-Ideologie hätte geschrieben werden können: Die »Reinblütigen« entsprechen der »nordischen Rasse«, die Mutant_innen den »Untermenschen«, Zind der Sowjetunion und die Dominatoren den Juden. Überdies finden sich in der Erzählung leicht zu erkennende fiktive Entsprechungen nicht nur für Hitler (alias Feric Jaggar) selbst, sondern auch für andere Nazi-Bonzen wie Röhm, Goebbels, Göring und Himmler. Sogar die in der NS-Propaganda als »Kampfzeit« verherrlichten Straßenschlachten zwischen Braunhemden und Linken kommen vor, in Form blutrünstiger Metzeleien, die Jaggars Gefolgsleute an den Mutant_innen begehen.

Als Satire auf den Faschismus ist »Herr des Hakenkreuzes« durchaus gelungen. Spinrad gibt vor allem Führerkult, militaristische Männerbündelei und schwülstiges Uniform- und Fahnengepränge der Lächerlichkeit preis. Im »Nachwort« heißt es:
Es ist nicht daran zu zweifeln, daß ein großer Teil der Anziehungskraft, die Herr des Hakenkreuzes auf Ungebildete ausübt, von dem krassen phallischen Symbolismus herrührt, der das Buch nahezu beherrscht. In einem Sinne kann der ganze Roman als ein Stück sublimierter Pornographie gelesen werden, eine phallische Orgie vom Anfang bis zum Ende, in der die Sexualität in Gestalt grandioser fetischistischer Militärschauspiele und orgiastischer Ausbrüche unwirklicher Gewalt symbolisiert wird.
Es ist verlockend, im fiktiven Verfasser des »Nachworts«, Homer Wipple, die Stimme des realen Autors zu sehen. Wipple wird als Literaturwissenschaftler an der Universität New York vorgestellt, der sich psychoanalytischer Kategorien bedient, um »Herr des Hakenkreuzes« zu interpretieren. Doch führt die Identifikation Wipples mit dem Autor auf eine falsche Spur. Das »Nachwort zur zweiten Auflage« ist Teil der Fiktion, also auch Teil der Satire, die sich allerdings hier nicht mehr über den Faschismus lustig macht, sondern über die Zeit des Kalten Kriegs. Denn Wipple, so scharfsinnig seine Interpretation von »Herr des Hakenkreuzes« auch sein mag, ist ein vernagelter Antikommunist. Den auch in der Alternativwelt vorhandenen Judenhass Hitlers und der NSDAP tut er als durch »dürftige Hinweise« nur unzureichend bewiesen ab, und er belächelt die Vorstellung, eine Bewegung wie die Feric Jaggars könne auch außerhalb von schlecht geschriebenen Büchern Erfolg haben. Dagegen lobt er Hitlers »frühe, leidenschaftliche und auch später andauernde Ergebenheit in die Sache des Antikommunismus« und äußert Verständnis für den Wunsch nach einem »Führer«:
Ein solcher Mensch könnte einer Nation die eiserne Führerschaft und ein Gefühl von Gewißheit in tödlichen Krisenzeiten [d.h. die Bedrohung durch die Sowjetunion] geben, aber um welchen Preis? Geführt von einem Feric Jaggar, möchten wir die Welt gewinnen, aber unsere Seelen verlieren.
Das sind schwerlich Ansichten, die Spinrad selbst vertreten würde. Das Problem ist allerdings: Der alternative Geschichtsverlauf, den Spinrad entwirft, gibt Wipple recht. In der wirklichen Geschichte inszenierten die Nazis sich als antikommunistisches Bollwerk, ohne dessen Wehrkraft Europa unweigerlich vom Bolschewismus überrannt würde. In Spinrads Alternativgeschichte gelangen die Nazis nicht an die Macht, und prompt fällt Europa der Sowjetunion in die Hände. In der wirklichen Geschichte war die Rechtfertigung für den Krieg der Alliierten gegen Deutschland, dass nur so den Massenmorden der Nazis ein Ende gesetzt werden konnte. In Spinrads Alternativgeschichte bleibt der Holocaust mangels Nazis nicht etwa aus, sondern wird von der Sowjetunion durchgeführt. Wenn Homer Wipple die Parodie eines typischen Kommunistenfressers der der fünfziger Jahre sein soll (und alles spricht dafür, dass er das sein soll), dann ist sie nicht gelungen, denn Wipple lebt in einer Welt, in der alles eingetreten ist, was die Antikommunist_innen der wirklichen Welt nur als Menetekel an die Wand gemalt haben. Die Satire in Der stählerne Traum funktioniert also nur begrenzt.

Doch hat Spinrads Roman noch eine zweite Stoßrichtung, die in der Regel als die wichtigere angesehen wird: Kritik an den martialischen, heldentümelnden Inhalten der trivialeren Formen von Fantasy und Science Fiction – Sword & Sorcery, Sword & Planet, Planetary Romances, Science Fantasy und wie die oftmals ineinander übergehenden Subgenres alle heißen. Früher hätte man in diesem Zusammenhang auch die Space Opera nennen müssen, doch die gilt (spätestens seit Iain Banks) ja wieder als respektabel. »Herr des Hakenkreuzes ist zumindest schematisch ein typischer Schundroman der Schwert-und-Zauberei-Machart«, heißt es im Buch selbst. Ich spreche daher von jetzt an von Sword & Sorcery und meine damit pars pro toto sämtliche »heroischen« Genres der Pulp-Phantastik.

Niemand wird leugnen, dass die Fantasy der Pulp-Magazine geradezu überquillt vor Rassismus, Sexismus und Gewaltverherrlichung. Spinrads Kritik geht jedoch noch weiter: Er behauptet, typische Inhalte und Handlungsmuster der Sword & Sorcery wiesen Analogien zu faschistischen Machtergreifungsphantasien auf. »Herr des Hakenkreuzes« ist eine in einer Sekundärwelt spielende Nacherzählung von Hitlers Aufstieg zur Macht, und gleichzeitig soll der Text in seinem Handlungsschema der typischen Sword & Sorcery entsprechen.

Um die Frage beantworten zu können, ob dies zutrifft, lohnt es sich zunächst eine historische Perspektive einzunehmen: Was hielten die Nazis denn eigentlich von der Pulp-Literatur? Deren Hochzeit in den zwanziger und dreißiger Jahren fiel immerhin mit dem Aufstieg des Faschismus in Europa zusammen. In der Kulturpolitik der Nazis herrschte bekanntlich eine scharfe Rivalität zwischen dem Propagandaminister Joseph Goebbels und Alfred Rosenberg, der nicht nur Minister für die besetzten Ostgebiete war, sondern auch den monströsen Titel eines »Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP« trug. Goebbels vertrat eine Linie, derzufolge auch anspruchslose Unterhaltung zu dulden war, sofern sie indirekt zur reibungslosen Fortführung des Vernichtungskrieges beitrug. Das erklärt den (relativ propagandafreien) Filmkitsch, der unter seiner Ägide während des Krieges produziert wurde. So konnten sich die deutschen Landser bei Kino-Melodramen entspannen, um anderntags wieder effizient an der Vernichtungsmaschinerie mitzuarbeiten. Rosenberg vertrat dagegen eine kompromisslose Position. In seinen Augen war seichte Unterhaltung mit allen Mitteln zu bekämpfen, und Kulturprodukte sollten die alleinige Funktion haben, die Deutschen zu überzeugten Nationalsozialist_innen zu erziehen.

Zwischen diesen beiden Positionen bewegte sich die Kulturpolitik der Nazis. Im Sinne von Rosenbergs Linie gab es eine andauernde Polemik gegen beliebte Genres der Unterhaltungsliteratur. Liebesromane etwa, in denen es um privates Glück und individuellen sozialen Aufstieg ging (z.B. indem die Protagonistin sich einen charmanten und gutverdienenden Arzt angelte), wurden scharf missbilligt. Nationalsozialistische Literatur sollte andere Botschaften vermitteln. Welche, das formulierte 1939 das Großdeutsche Leihbüchereiblatt: »[D]ie Glückseligkeit des einzelnen hat vor der Allgewalt der Tat keinen Raum. Die Sache fordert, daß man ihr dient. Ohne die Aufopferung des privaten Ichs ist für die Menschen nichts gewonnen.« Doch setzte Rosenberg sich nie restlos durch. Die Konsequenz war, dass nicht die Unterhaltungsliteratur als solche bekämpft wurde, sondern nur solche, die sich nicht propagandistisch verwerten ließ. Die Helden von Heftromanen sollten z.B. keine einzelgängerischen, kosmopolitischen Abenteurer mehr sein, sondern sich als Jagdflieger der Wehrmacht anschließen oder deutsche Kolonien gründen. Während deutsche Unterhaltungskultur also letztlich geduldet und, so lange sie die gewünschen Inhalte transportierte, auch gefördert wurde, entwickelte sich die US-amerikanische Pulp-Literatur zum Feindbild im Propagandakrieg. Der Name Pulp, »zu Deutsch Brei«, sei »absolut zutreffend, weil man solchen Schundbrei wirklich nur naiven Kindern einstopfen kann«, urteilte das Großdeutsche Leihbüchereiblatt. Typischen Pulp-Helden wie kaltschnäuzigen Großstadtdetektiven, umherstreifenden Söldnern und einsamen Cowboys wurde angekreidet, dass sie »fast immer privat« handeln, wogegen der »wahre Held [...] stets im Dienste eines großen Gedankens, einer Gemeinschaft, einer völkischen Aufgabe« zu stehen habe, so die Jugendschriften-Warte 1939.*

In der Tat ist es typisch für den Pulp-Helden, dass er im Dienst von nichts und niemandem steht. Conan, um das neben Tarzan bekannteste Beispiel herauszugreifen, sucht die meiste Zeit seinen eigenen Vorteil. Wenn er sich hin und wieder zum Oberhaupt einer Gruppe von Menschen aufschwingt, tut er dies nicht, um sich in den Dienst »eines großen Gedankens, einer Gemeinschaft« zu stellen, sondern um seinem Eigeninteresse umso besser nachgehen zu können. Und was macht Conan, als er die Krone von Aquilonien erlangt? Er gründet nicht etwa eine nach dem faschistischen Führerprinzip organisierte Massenbewegung, sondern er senkt erst mal wie ein guter amerikanischer Libertärer die Steuern. Außerdem, so verrät es Robert E. Howards erste Conan-Geschichte »The Phoenix on the Sword«, verhält er sich nicht artgemäß, indem er lacht, säuft und Lieder singt, während der typische Cimmerier ernst, grimmig und abstinent ist. Es ist diese Mentalität des sich auf eigene Faust Durchschlagens und des Suchens nach dem eigenen Vergnügen, das sämtliche Versuche, Pulp-Geschichten wie die um Conan als faschistisch zu brandmarken, letztlich ins Leere laufen lässt. Zu kritisieren gibt es – wie bereits gesagt – an der Sword & Sorcery einiges, aber gegenüber der Forderung der Nazis nach wahren Helden im Dienste der »völkischen Aufgabe« erweisen sich schwertschwingende Pulp-Protagonisten à la Conan gerade aufgrund ihres oft gewalttätig durchgesetzten Individualismus als eigentümlich resistent.

Damit sollte auch deutlich geworden sein, dass Spinrads »Herr des Hakenkreuzes« gerade kein typischer Held nach dem Muster der Sword & Sorcery ist. Feric Jaggar ist kein wandernder Barbar, der sich von einem Abenteuer ins nächste kämpft, säuft und vögelt. Er ist ein Auserwählter, der dazu bestimmt ist, die Welt zu retten, indem er ein feindliches Imperium in die Knie zwingt, und zu diesem Zweck eine Gruppe von Getreuen um sich sammelt. Um es auf den Punkt zu bringen: Die Handlung von »Herr des Hakenkreuzes« entspricht viel mehr dem Schema der epischen Fantasy als dem der Sword & Sorcery. In der epischen Fantasy gibt es jede Menge Schicksal, Pflichterfüllung, Bevorzugung qua Abstammung, elitären Heroismus, Gemeinschaftsgefühl und der Vernichtung preiszugebende feindliche Völker. Wer also faschistoide Tendenzen kritisieren will, dürfte in der epischen Fantasy vermutlich eher fündig werden als in der Sword & Sorcery.

So ist es kaum als Zufall zu betrachten, dass Spinrad, als er in satirischer Absicht den Plan verfolgte, eine faschistische Fantasy zu schreiben und scheinbar dem Schema der Sword & Sorcery folgte, quasi aus Versehen den typischen Mustern der epischen Fantasy entsprach. Will man die kritische Intention von Spinrads Buch aufnehmen, dann wird es vielleicht vor allem darauf ankommen, präziser zu bestimmen, auf welche Art von Fantasy und SF seine Kritik zutrifft.

* Die Informationen über NS-Literaturpolitik und die Zitate habe ich Konrad Adams Buch Lesen unter Hitler. Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich (Köln 2010) entnommen.

Freitag, 13. April 2012

Neue Delany-Ausgabe bei Golkonda

Wenn ich an deutschen Übersetzungen etwas hasse, dann die Angewohnheit, englische Substantive, die in der Form maskulin sind, aber auf beide akzeptierten Geschlechter angewandt werden, ohne Berücksichtigung des Kontextes auch im Deutschen in der maskulinen Form wiederzugeben, obwohl für den Bedarfsfall eine korrekte feminine Form vorläge. Sagt in einem englischen Text eine Frau einen Satz wie »I am a teacher« und heißt es dann in der Übersetzung denkfaul »Ich bin Lehrer«, dann kriege ich Lust, das Buch an die Wand zu schmeißen. Denn abgesehen davon, dass es korrekterweise »Ich bin Lehrerin« heißt und sich an dieser Stelle niemand damit herausreden kann, Frauen seien in der maskulinen Form »mitgemeint«, wirkt eine solche Übersetzungsweise unter Umständen sogar sinnentstellend. Das ist mir soeben wieder mal vor Augen geführt worden, und zwar in einer deutschen Ausgabe von Samuel R. Delanys Tales of Nevèrÿon, die ich vor kurzem antiquarisch gekauft habe.

Den Geschichten aus Nimmerya ist ein Zitat von Gayatri Chakravorty Spivak vorangestellt, der bekannten postkolonialen Theoretikerin. Es stammt aus dem Vorwort, das Spivak zu ihrer englischen Übersetzung von Jacques Derridas Hauptwerk De la grammatologie verfasst hat und lautet im Original so:
[T]he notion that the setting up of unitary opposites is an instrument and a consequence of “making equal,” and the dissolving of opposites is the philosopher’s gesture against that will to power which would mystify her very self. (p. XXVIII)
In der Übersetzung des Delany-Buches von Annette Charpentier ist das Zitat folgendermaßen wiedergegeben:
So entsteht der Gedanke, daß das Aufstellen von gleichartigen Oppositionen ein Instrument und eine Konsequenz der »Gleichmacherei« ist und die Auflösung von Gegensätzen die Geste des Philosophen gegen jene [sic!] Willen zur Macht darstellt, der sie selber in ihrem Kern mystifiziert.
Was ist passiert? Der abschließende Relativsatz ist in der Übersetzung aus zwei Gründen völlig unverständlich geraten. Zunächst ist unklar, worauf sich das Relativpronomen bezieht. Das liegt aber einfach daran, dass es im Text versehentlich »jene Willen zur Macht« heißt, wo eigentlich »jenen Willen zur Macht« stehen müsste. Wahrscheinlich ein einfacher Flüchtigkeitsfehler – so etwas kommt vor und ist leicht zu beheben. Dann aber wird es wirklich rätselhaft: Wer ist »sie«, die vom Willen zur Macht mystifiziert wird? Die Antwort erschließt sich, wenn man beachtet, dass Spivak in ihrem Vorwort exemplarisch von »der Philosophin« spricht und sich stets an »die Leserin« wendet, was im Original aber nur an den femininen Personalpronomen zu erkennen ist. Eine Übersetzung des Zitats müsste also eher so lauten:
[D]er Gedanke, dass das Aufstellen von einheitlichen Gegensätzen ein Instrument und eine Konsequenz der »Gleichmacherei« ist und das Auflösen von Gegensätzen die Geste der Philosophin gegen jenen Willen zur Macht darstellt, der sie selbst vor ein Rätsel stellen würde.
Alles klar? Das Problem lässt sich auflösen, indem man von dem sinnlosen Widerstand gegen feminine Wortendungen ablässt. Ist übersetzungsmäßig gar nicht so schwer, und bei den komplexen Gedankengängen Spivaks sollte man sich die Sache doch nicht zusätzlich komplizieren.

Angesichts rezenter Übersetzungsdiskussionen passt dieser Beitrag zeitlich ja ganz gut ins Bild, hinaus wollte ich zum Schluss allerdings noch auf etwas anderes: Im Golkonda-Verlag erscheint eine überarbeitete Neuausgabe von Delanys Nimmèrÿa-Geschichten, und zwar mit Panorama-Cover. Da darf man doch hoffen, dass die Neuausgabe zum Anlass genommen wurde, solche Verdrehtheiten wie die oben beschriebene zu beseitigen. So könnte ein Autor zu neuen Ehren kommen, der in der Ahnengalerie der Sword’n’Sorcery leider oft übersehen wird.

Montag, 19. März 2012

Marcus Nispels Conan

Conan von Marcus Nispel ist wieder mal kein Film, der sich wirklich auf Robert E. Howards Geschichten einlassen würde. Statt dessen hat Nispel, bislang eher unrühmlich durch seine für Michael Bay gedrehten Slasher-Remakes aufgefallen, mehr oder weniger ein Remake von John Milius’ Conan der Barbar geschaffen. Conans Dorf wird überfallen, die Einwohner_innen niedergemetzelt, der halbwüchsige Barbar schlägt sich fortan allein durchs Leben, wird stark, wächst heran, tanzt nach niemandes Pfeife und erhält schließlich die unverhoffte Gelegenheit zur Rache an dem Bösewicht, der für das Massaker verantwortlich ist: Was dem Arnie sein Thulsa Doom, ist dem Jason sein Khalar Zym.

Die Hauptschwierigkeit mit Nispels Film ist in meinen Augen, dass er sich nicht recht entscheiden kann, welche Geschichte erzählt werden soll: Die vom Abenteurer Conan, der durch sein Leben und das Geschick, mit dem er es gemeistert hat, dazu ausersehen ist, die Welt vor dem evil overlord zu retten. Oder die vom Rächer Conan, der alles daransetzt, den Schurken, der seine glückliche cimmerische Kindheit zerstört hat, mitsamt seinen Handlangern plattzumachen. Wurde in Milius’ Film ganz eindeutig die erste Geschichte erzählt, schwankt das Remake andauernd zwischen beiden Geschichten hin und her und hat deshalb ein sattes dramaturgisches Problem: Die erste Geschichte wird ständig durch die zweite Geschichte ausgebremst, denn schließlich will ein Handlanger nach dem anderen erst mal gefunden und besiegt werden, bevor es gegen den Oberschurken Khalar Zym geht, der sich durch fiese Magie die Welt unterwerfen will. Keine der beiden Geschichten kommt so richtig zum Zug. Der ganze Film wirkt episodenhaft und zerstückelt, es wird ständig von einem Schauplatz zum nächsten gesprungen, wobei einer beeindruckender aussehen soll als der andere. Das mit dem Beeindrucken will allerdings partout nicht gelingen, denn vor lauter Hektik bleibt gar keine Zeit, um Charaktere oder Schauplätze auch mal etwas genauer auszuleuchten. Zum Höhepunkt hin gibt es sogar eine Szene, in der ein riesiges Monster überwunden werden muss, ein archetypisches Conan-Motiv also, aber gerade diese Szene gehört zu den schlechtesten des Films.

Wenn die Geschichte (oder vielmehr die aneinandergereihten Versatzstücke der beiden Geschichten) auch nicht viel mit Howards Original-Conan zu tun hat, so wird doch ansatzweise versucht, sich auf Howards Erzähluniversum zu beziehen. Dies geschieht allerdings hauptsächlich durch Name-dropping, und indem Conan in einer Szene bei einem feuchtfröhlichen Kneipengelage gezeigt wird. Darüber hinaus ist im Vorspann, der ganz auf Fantasy-Klischee gemacht ist, kurz eine Karte des hyborischen Zeitalters zu sehen. Mehr ist für Howard-Nerds in diesem Film nicht drin.

Die Nebenrollen sind allesamt ziemlich uninteressant, insbesondere vermögen Khalar Zyms zahlreiche Handlanger keinen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, obwohl sie alle auf so richtig mordsböse getrimmt sind. Einzig Conans Mentor, der Pirat Artus, sticht ein wenig hervor. Er wird von Nonso Anozie verkörpert, der die beste schauspielerische Leistung dieses Films hinlegt.* Frauengestalten, die in irgendeiner Weise interessant oder überzeugend wären, kommen nicht vor. Rose McGowans Rolle als Tochter des Oberschurken ist so dermaßen überflüssig, dass man den Eindruck hat, sie sei nur in das Drehbuch hineingeschrieben worden, um McGowan dafür zu kompensieren, dass sie aufgrund einer Armverletzung im geplanten Remake von Red Sonja nicht die Titelrolle übernehmen konnte. Dagegen ist Rachel Nichols’ Rolle als Tamara, die »reinblütige« Nachfahrin der Zauberer von Acheron, zwar zentral für den Plot, aber leider hoffnungslos albern.

Fazit: Conan ist ein Film, über den man sich weder freuen noch ärgern kann (es sei denn vielleicht, man hat hohe Erwartungen in ihn gesetzt), denn man verpasst einfach nichts, wenn man ihn nicht gesehen hat.

* Anozie wird in der zweiten Staffel von Game of Thrones den Xaro Xhoan Daxos spielen.

Freitag, 6. August 2010

Die Tiger der See

Der deutsche Verlag vermerkt auf dem Cover von Robert E. Howards Tigers of the Sea, dass es sich um den ersten Roman um Cormac Mac Art handele. Blättert man das Buch auf, wird einem schnell klar, dass es sich in Wahrheit um vier Stories handelt, von denen zudem zwei Pastiches sind. Das ist jedoch kein Grund zur Verwirrung, denn es handelt sich um den Heyne-Verlag und der pappt bekanntlich auf alles, was zwischen zwei Buchdeckel passt, das Label ›Roman‹ drauf...

Worum handelt es sich also? Robert E. Howard vollendete lediglich zwei Stories über den gälischen Piraten Cormac Mac Art, zwei weitere ließ er unvollendet liegen. Richard L. Tierney überarbeitete die beiden Stories und vervollständigte auch die beiden Fragmente, und alles zusammen erschien mit einem erklärenden Vorwort von Tierney 1979 im Original bei Ace und 1987 in deutscher Übersetzung.* Es erschienen außerdem noch einige Pastiche-Romane über Cormac, die von Andrew J. Offutt und Keith Taylor verfasst wurden und Heyne zu seiner Cover-Beschriftung veranlassten. Im Grunde also das gleiche Konzept wie bei der ebenfalls im Heyne-Verlag erschienenen Conan-Reihe. Hier soll uns aber allein die Storysammlung interessieren, die Howards eigene Werke enthält.

Cormac Mac Art macht die Gewässer rund um Britannien zur Zeit Uther Pendragons und König Artus' unsicher. Obwohl er Gäle ist, gehört er zur Schiffsmannschaft seines Busenfreundes, des dänischen Wikingers Wulfhere Schädelspalter. Dass Cormac in ständiger Begleitung von Wulfhere und seinen Mannen anzutreffen ist, macht ihn zu einer ungewöhnlichen Ausnahme unter Howards einzelgängerischen Heldenfiguren. Auch sonst weisen die Stories (soweit sie von Howard stammen) ein bemerkenswert breites Charakterensemble auf, jedenfalls wenn man sie mit den simpleren unter den Conan-Stories vergleicht. Grundsätzlich ist Cormac aber nach altbewährter Weise gezeichnet: Schwarze Haare, graue Augen, nervöser Schwertarm.

Tierney verspricht im Vorwort, die innere Chronologie der Stories, über die Howard (der die Cormac-Geschichten zu Lebzeiten nie veröffentlichen konnte) sich anscheinend keine großen Gedanken gemacht hat, zu überarbeiten und die Geschichten damit in eine logische Reihenfolge zu bringen. Beim Lesen kam es mir allerdings eher so vor, als hätte Tierney vergessen, seine Ankündigung wahr zu machen, oder als hätte er eher noch mehr Durcheinander angerichtet. Vielleicht auch ein Fehler des Lektorats — oder ich habe Tierneys Überarbeitungskonzept einfach nicht kapiert. Der beteuert jedenfalls, in den beiden vollständigen Stories »Die Nacht der Schwerter« ("Swords of the Northern Sea") und »Die Rache der Pikten« ("The Night of the Wolf") nichts weiter verändert zu haben. Zu »Krieger des Nordens« ("Tigers of the Sea") und »Tempel des Grauens« ("The Temple of Abomination") hat er nach eigener Aussage ein Drittel bzw. die letzten drei Seiten hinzugefügt. Eine Rezension des englischsprachigen Originals, die sich ausführlich mit der Frage beschäftigt, wer hier was geschrieben hat, findet sich in der Cimmerian Collection von Pulp and Dagger.

Mit Ausnahme von »Tempel des Grauens« handelt es sich um eher durchschnittliche, aber lesenswerte Howard-Geschichten (von Tierney im Vorwort peinlicherweise als »Epen« bezeichnet). Verfasst wurden sie für ein Publikum historischer Abenteuerstories und enthalten dementsprechend nicht die typischen Ingredienzen, wie Howard sie für seinen ungleich bekannteren Helden Conan verwendete. Riesenschlangen und ähnliches Getier lässt sich in diesem fiktiven Dunklen Zeitalter nicht blicken. Das ist aber kein Grund zur Enttäuschung für heute Fantasy-Leser_innen, denn spätestens wenn die sagenumwobenen Pikten — berühmt geworden mit Conan und Bran Mak Morn — in die Handlung einfallen, nimmt Howards Erzähle mythische Dimensionen an. »Tempel des Grauens« fällt demgegenüber deutlich ab. Das Fragment dürfte, als Howard es liegenließ, nicht mal eine richtige Handlung gehabt haben, und Tierney fällt auch keine mehr ein. Statt dessen versucht er der Story eine lovecrafteske Wende zu geben und scheitert dabei total. Ein stumpfsinnigeres und ideenloseres Cthulhu-Gequake als dieses ist mir selten untergekommen.** Solche Gurken sind für mich stets ein Anlass zu bemerken, wie unendlich viel anspruchsvoller doch historisch-kritische Ausgaben sind, die Fragment einfach Fragment sein lassen und uns Leser_innen ermöglichen, den Arbeitsprozessen eines Autors wie Robert E. Howard nachzuspüren.

Die Tiger der See (189 Seiten) von Robert E. Howard und Richard L. Tierney erschien 1987 und 1989 im Heyne-Verlag.

* Zuvor war bereits 1976 unter dem Titel Krieger des Nordens eine Übersetzung in Pabels Terra-Fantasy-Reihe (Band 23) erschienen. Auf welche amerikanische Ausgabe diese zurückgeht, weiß ich leider nicht.
** In dem anderen Pastiche von Tierney ist mir ähnlicher Pfusch nicht aufgefallen, aber da hatte Howard zumindest schon einige Charaktere und einen Teil der Handlung ausgearbeitet.

Sonntag, 13. Juni 2010

Dichtes Blog

The Cimmerian macht dicht. Schade. Das war so etwas wie Fandom höherer Ordnung, auch wenn ich nicht regelmäßig dazu gekommen bin, den Veröffentlichungen zu folgen.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.