Eine bitterlustig-bescheuerte Sehenswürdigkeit ist Martín Seegers kürzlich auf dem Filmfestival von Buenos Aires (BAFICI) gezeigter Film Piotr: Una mala traducción. Meines Wissens handelt es sich um das erste längere Werk des bislang durch Kurzfilme hervorgetretenen Regisseurs und Drehbuchschreibers aus Chile.
Der Film spielt unter nakrowischen Immigrant_innen in Santiago de Chile. Der Protagonist, Piotr Herroll, hat ein Theaterstück über das bedeutendste Ereignis in der jüngeren Geschichte seines Heimatlandes Nakrowien* geschrieben: eine aristokratische Revolution, die der mediokren Massenherrschaft der nakrowischen Demokratie ein Ende gesetzt hat. Nun studiert er das Stück mit chilenischen Schauspieler_innen ein, um an Fördermittel aus einem staatlichen Kulturfonds zu kommen. Gleichzeitig hofft er, damit über seinen etwas uneindeutigen legalen Status in Chile hinwegtäuschen zu können. Es erweist sich allerdings — um nicht zuviel zu sagen — als nicht eben einfach, nakrowische Befindlichkeiten für ein chilenisches Publikum zu synchronisieren.
Angespielt wird damit auf ein ernstes Thema: die Tatsache, dass es in Chile noch immer eine bedeutende Anzahl Menschen gibt, die der blutrünstigen Rechtsdiktatur Augusto Pinochets nachtrauern. Diese ›nakrowischen‹ Zeitgenoss_innen kultivieren eine parallele Erinnerungskultur, indem sie von einer Vergangenheit träumen, in der die imaginäre Gemeinschaft der Nation noch fest und sicher zwischen Antikommunismus, nationalem Katholizismus und Elitenkult aufgespannt war. Das Begräbnis des Diktators verwandelten sie erwartungsgemäß in ein makabres Spektakel mit zackigem Parolengebrüll und Hitlergrüßen, während die Gefühle von Pinochets Opfern wohl passender ausgedrückt wurden durch die Tat von Francisco Cuadrado Prats, Enkel des 1974 vom chilenischen Geheimdienst ermordeten Armeechefs Carlos Prats: Er spuckte kurzerhand auf den Sarg des toten Gewaltherrschers.
Nach diesem Film frage ich mich, ob Sprechen (und Erinnerung) überhaupt möglich ist. Piotr wird konsequenterweise ausschließlich auf Nakrowisch mit spanischen Untertiteln gezeigt.
* Nakrowien ist nicht zu verwechseln mit der Volksrepublik Krawonien, die eine bedeutende Rolle in Carl Amerys letztem Roman Das Geheimnis der Krypta (Träger des Phantastik-Preises der Stadt Wetzlar 1991) spielt.
Donnerstag, 10. Juni 2010
Nibelungen en gros
Wozu es eigentlich diese Konvention gibt, dass es sich für deutsche Fantasy-Autor_innen irgendwie gehört, sich des Nibelungenstoffs schriftstellerisch anzunehmen, ist eine berechtigte Frage. Wer im angloamerikanischen Sprachraum schreibt, ist auf ähnliche Weise der Artussage verpflichtet; und was französische und italienische Autor_innen des Genres machen, weiß ich nicht. Allen gemeinsam ist nur, dass sie über die Sagenstoffe des klassischen Altertums schreiben dürfen, z.B. über Troja oder Sparta, oder aber über den hohen Norden. Aber dass z.B. ein Anglo-Ire oder eine Afroamerikanerin einen Nibelungenroman veröffentlicht, wäre doch eher ungewöhnlich. Es gibt in der Fantasy noch viele Klischees aufzuspießen und ausgefahrene Wege zu verlassen...
Deutschsprachige Nibelungenfantasy erhält man in allen möglichen Farben, Formen und Qualitätsstufen (z.B. von Auguste Lechner oder von Wölle Hohlbein). Der wesentlich von Kai Meyer verfasste Romanzyklus Die Nibelungen wartet mit einem demgegenüber leicht unterschiedenen Konzept auf: Es geht darum, was die Heldinnen und Helden des Nibelungenliedes in der Zeit vor, zwischen oder nach ihren großen Abenteuern erleben. Die einzelnen Romane sind dabei mal eigenständig, mal bilden sie innerhalb des Zyklus eine Fortsetzungsreihe. Man hat sich beim Lesen also nicht voll und ganz an eine bestimmte Reihenfolge zu halten, sollte allerdings beachten, dass einige der Beiträge die Fortsetzung eines anderen darstellen.
Mit Die Nibelungen wurde zunächst keine Rekonstruktion des historischen Hintergrunds der Sage, der wohl im 5. Jahrhundert zu finden ist, versucht, vielmehr spielen die Romane (meistenteils) in einer ans Hochmittelalter erinnernden Welt der Ritter, Burgen und Turniere. Das ist legitim, denn das Nibelungenlied selbst geht ja auch so vor, die Geschehnisse aus der sogenannten Völkerwanderungszeit in eine höfische Welt zu verlegen. Im Falle unseres Zyklus hält sich allerdings mit Bernhard Hennen ein Autor nicht an dieses Prinzip, was sich im Gesamtbild dann ziemlich inkohärent ausmacht.
Beginnen wir mit den beiden Romanen Jana Helds, die sich der Kindheit und Jugend Brünhilds annimmt. Die Flammenfrau heißt ihr erster Beitrag. Im Vergleich zu anderen Titeln des Zyklus ist dieser Roman ziemlich stark von seinen Fantasy-Anteilen geprägt. High Fantasy, hätte man früher vielleicht gesagt. Die Charaktere sind ziemlich hölzern und werden nur in den allerletzten Szenen etwas lebendiger, die Story weist keinen erkennbaren Spannungsbogen auf. Nach beendeter Lektüre hatte ich keine Lust, noch mehr von Frau Held zu lesen und kann daher über die Fortsetzung Das Zauberband nichts sagen. ›Jana Held‹ ist übrigens laut Klappentext ein Pseudonym — keine Ahnung, wer sich dahinter verbirgt.
Einen alleinstehenden Beitrag zum Zyklus hat Jörg Kastner mit Das Runenschwert geliefert. Es handelt sich um eine solide, unprätentiöse, sehr abenteuerlastige Fantasy, die sich ganz gut liest. Vielleicht der beste Nibelungen-Roman? Auf jeden Fall der unterhaltsamste. Die Handlung bildet ein erdachtes Jugendabenteuer des späteren Überhelden Siegfried.
Der Rabengott von Kai Meyer erzählt die tragische Geschichte Hagen von Tronjes und ist handlungsmäßig vielleicht am engsten mit dem echten Sagenstoff verknüpft. Der Roman geht stark in Richtung Dark Fantasy und ist eines von Meyers besseren Werken, da es keine von Meyers typischen Schwächen (zerfahrene Handlung, ungeschickt eingeführte Charaktere) aufweist. Ähnliches lässt sich von Die Hexenkönigin sagen — von Meyer unter dem Pseudonym Alexander Nix veröffentlicht. Protagonistin ist Siegfrieds spätere Flamme Kriemhild, und auch Onkel Hagen taucht wieder auf. Plotmäßig ist der Roman aber nur lose mit dem Rabengott verknüpft, so dass beide Bücher sich auch gut unabhängig voneinander lesen lassen. Sie zählen, wie Kastners Beitrag, zu den gelungeneren Romanen im Zyklus.
Von Das Drachenlied (erster von zwei Zwergenromanen, die Meyer alias Nix beigesteuert hat) lässt sich das leider nicht behaupten. Nach einem ganz lustigen Einstieg lässt der Autor reihenweise neue Charaktere auftreten, kann mit ihnen aber anscheinend nicht sogleich etwas anfangen, weshalb sie für den Plot zunächst ziemlich überflüssig sind. Meyers Absicht ist, eine Heldengruppe zusammenzustellen, die sich aber erst im Folgeband so richtig entfalten kann. Außerdem kommt der Klimax dieses ersten Bandes zu abrupt und hätte mehr Handlungszeit und mehr auktoriale Erklärungen gebraucht. Ejaculatio praecox, sozusagen. Der Folgeband, Der Zwergenkrieg, ist dann um einiges besser. Dummerweise sollte man allerdings beide Bände in chronologischer Reihenfolge lesen, da sie zwar je einen eigenen Handlungsbogen haben, aber in Sachen Charaktere, Stimmung etc. direkt aneinander anschließen. À propos Stimmung: Im Gegensatz zu den horrorlastigen Einzelromanen über Hagen und Kriemhild haben wir hier eher typische Rübe-ab-Fantasy mit Questen, Wirtshäusern und zünftigem Zwergengekloppe vor uns.
Fehlen noch die beiden Beiträge Bernhard Hennens. Sie bauen aufeinander auf und sollten daher ebenfalls chronologisch gelesen werden. Held ist der Spielmann Volker von Alzey, der Abenteuer stets mit seinem Sidekick, dem Knecht Golo, übersteht. Beide sind ziemlich vorhersehbar charakterisiert: Volker ist der leichtsinnige Schürzenjäger, und Golo muss für den Mist, den sein Herr und Meister verbockt, den Kopf hinhalten. Gerade diese Charakterisierung will aber so gar nicht zum Ton der beiden Romane passen, der mit fortschreitender Handlung immer finster-verzweifelter wird.
Und noch etwas will ganz und gar nicht passen. Denn während die übrigen Romane, wie bereits erwähnt, in einer pseudo-hochmittelalterlichen Welt spielen (und eine solche deutet sich anfangs auch im ersten Volker-und-Golo-Roman an), tauchen bei Hennen plötzlich römische Garnisonen, Mithras-Verehrer und fränkische Reiter auf. Das wirkt in hohem Maße anachronistisch und schreit nach einer Erklärung, die der Autor aber nicht liefert. Hennen hat bekanntlich eine Anzahl historischer Romane geschrieben und hat sich hier wohl nicht ganz zurückhalten können, vermute ich. Für unbedarfte Leser_innen ist es aber ziemlich verwirrend.
Aber zurück zu den Büchern, Das Nachtvolk und Der Ketzerfürst. Sie enthalten eine ganze Reihe von Themen und Elementen, die direkt der Feder Marion Zimmer Bradleys entsprungen sein könnten: von der Auseinandersetzung zwischen Christentum und Heidentum bis hin zu einem matriarchal lebenden Volk, welches durch Sümpfe und Nebelwände von der übrigen Welt getrennt ist. Nicht sonderlich originell, wenn man mich fragt. Die Helden, Volker und Golo, kriegen im Laufe der Handlung eine Reihe von Schicksalsschlägen ab, weshalb sie zunehmend nihilistisch-depressiv drauf sind. Alles in allem stellen die beiden Romane wegen der beschriebenen Inkonsequenzen kein Lesevergnügen dar. Schade eigentlich, denn der Autor kann es definitiv besser.
Anscheinend war noch ein weiterer Roman zum Zyklus geplant, der jedoch nie erschienen ist. Übrigens habe ich die Romane nicht in der Reihenfolge ihres Erscheines aufgeführt, und mich nur dann an die innere Chronologie gehalten, wenn ein ungestörter Lesefluss es unabdingbar macht, diese einzuhalten. Wer will, kann hinten in den Büchern eine Zeitleiste aufschlagen, in der dargestellt ist, wie die Plots der einzelnen Beiträge sich in die Nibelungensage einfügen.
Der Zyklus ist ursprünglich im Econ-Verlag erschienen. Die Beiträge von Kai Meyer/Alexander Nix wurden später von Heyne und nochmals von Bastei Lübbe als Sammelband mit dem Titel Nibelungengold (unter dem richtigen Namen des Autors) wiederveröffentlicht. Die Beiträge von Bernhard Hennen sind einzeln im Piper-Verlag wiederveröffentlicht worden.
Deutschsprachige Nibelungenfantasy erhält man in allen möglichen Farben, Formen und Qualitätsstufen (z.B. von Auguste Lechner oder von Wölle Hohlbein). Der wesentlich von Kai Meyer verfasste Romanzyklus Die Nibelungen wartet mit einem demgegenüber leicht unterschiedenen Konzept auf: Es geht darum, was die Heldinnen und Helden des Nibelungenliedes in der Zeit vor, zwischen oder nach ihren großen Abenteuern erleben. Die einzelnen Romane sind dabei mal eigenständig, mal bilden sie innerhalb des Zyklus eine Fortsetzungsreihe. Man hat sich beim Lesen also nicht voll und ganz an eine bestimmte Reihenfolge zu halten, sollte allerdings beachten, dass einige der Beiträge die Fortsetzung eines anderen darstellen.
Mit Die Nibelungen wurde zunächst keine Rekonstruktion des historischen Hintergrunds der Sage, der wohl im 5. Jahrhundert zu finden ist, versucht, vielmehr spielen die Romane (meistenteils) in einer ans Hochmittelalter erinnernden Welt der Ritter, Burgen und Turniere. Das ist legitim, denn das Nibelungenlied selbst geht ja auch so vor, die Geschehnisse aus der sogenannten Völkerwanderungszeit in eine höfische Welt zu verlegen. Im Falle unseres Zyklus hält sich allerdings mit Bernhard Hennen ein Autor nicht an dieses Prinzip, was sich im Gesamtbild dann ziemlich inkohärent ausmacht.
Beginnen wir mit den beiden Romanen Jana Helds, die sich der Kindheit und Jugend Brünhilds annimmt. Die Flammenfrau heißt ihr erster Beitrag. Im Vergleich zu anderen Titeln des Zyklus ist dieser Roman ziemlich stark von seinen Fantasy-Anteilen geprägt. High Fantasy, hätte man früher vielleicht gesagt. Die Charaktere sind ziemlich hölzern und werden nur in den allerletzten Szenen etwas lebendiger, die Story weist keinen erkennbaren Spannungsbogen auf. Nach beendeter Lektüre hatte ich keine Lust, noch mehr von Frau Held zu lesen und kann daher über die Fortsetzung Das Zauberband nichts sagen. ›Jana Held‹ ist übrigens laut Klappentext ein Pseudonym — keine Ahnung, wer sich dahinter verbirgt.
Einen alleinstehenden Beitrag zum Zyklus hat Jörg Kastner mit Das Runenschwert geliefert. Es handelt sich um eine solide, unprätentiöse, sehr abenteuerlastige Fantasy, die sich ganz gut liest. Vielleicht der beste Nibelungen-Roman? Auf jeden Fall der unterhaltsamste. Die Handlung bildet ein erdachtes Jugendabenteuer des späteren Überhelden Siegfried.
Der Rabengott von Kai Meyer erzählt die tragische Geschichte Hagen von Tronjes und ist handlungsmäßig vielleicht am engsten mit dem echten Sagenstoff verknüpft. Der Roman geht stark in Richtung Dark Fantasy und ist eines von Meyers besseren Werken, da es keine von Meyers typischen Schwächen (zerfahrene Handlung, ungeschickt eingeführte Charaktere) aufweist. Ähnliches lässt sich von Die Hexenkönigin sagen — von Meyer unter dem Pseudonym Alexander Nix veröffentlicht. Protagonistin ist Siegfrieds spätere Flamme Kriemhild, und auch Onkel Hagen taucht wieder auf. Plotmäßig ist der Roman aber nur lose mit dem Rabengott verknüpft, so dass beide Bücher sich auch gut unabhängig voneinander lesen lassen. Sie zählen, wie Kastners Beitrag, zu den gelungeneren Romanen im Zyklus.
Von Das Drachenlied (erster von zwei Zwergenromanen, die Meyer alias Nix beigesteuert hat) lässt sich das leider nicht behaupten. Nach einem ganz lustigen Einstieg lässt der Autor reihenweise neue Charaktere auftreten, kann mit ihnen aber anscheinend nicht sogleich etwas anfangen, weshalb sie für den Plot zunächst ziemlich überflüssig sind. Meyers Absicht ist, eine Heldengruppe zusammenzustellen, die sich aber erst im Folgeband so richtig entfalten kann. Außerdem kommt der Klimax dieses ersten Bandes zu abrupt und hätte mehr Handlungszeit und mehr auktoriale Erklärungen gebraucht. Ejaculatio praecox, sozusagen. Der Folgeband, Der Zwergenkrieg, ist dann um einiges besser. Dummerweise sollte man allerdings beide Bände in chronologischer Reihenfolge lesen, da sie zwar je einen eigenen Handlungsbogen haben, aber in Sachen Charaktere, Stimmung etc. direkt aneinander anschließen. À propos Stimmung: Im Gegensatz zu den horrorlastigen Einzelromanen über Hagen und Kriemhild haben wir hier eher typische Rübe-ab-Fantasy mit Questen, Wirtshäusern und zünftigem Zwergengekloppe vor uns.
Fehlen noch die beiden Beiträge Bernhard Hennens. Sie bauen aufeinander auf und sollten daher ebenfalls chronologisch gelesen werden. Held ist der Spielmann Volker von Alzey, der Abenteuer stets mit seinem Sidekick, dem Knecht Golo, übersteht. Beide sind ziemlich vorhersehbar charakterisiert: Volker ist der leichtsinnige Schürzenjäger, und Golo muss für den Mist, den sein Herr und Meister verbockt, den Kopf hinhalten. Gerade diese Charakterisierung will aber so gar nicht zum Ton der beiden Romane passen, der mit fortschreitender Handlung immer finster-verzweifelter wird.
Und noch etwas will ganz und gar nicht passen. Denn während die übrigen Romane, wie bereits erwähnt, in einer pseudo-hochmittelalterlichen Welt spielen (und eine solche deutet sich anfangs auch im ersten Volker-und-Golo-Roman an), tauchen bei Hennen plötzlich römische Garnisonen, Mithras-Verehrer und fränkische Reiter auf. Das wirkt in hohem Maße anachronistisch und schreit nach einer Erklärung, die der Autor aber nicht liefert. Hennen hat bekanntlich eine Anzahl historischer Romane geschrieben und hat sich hier wohl nicht ganz zurückhalten können, vermute ich. Für unbedarfte Leser_innen ist es aber ziemlich verwirrend.
Aber zurück zu den Büchern, Das Nachtvolk und Der Ketzerfürst. Sie enthalten eine ganze Reihe von Themen und Elementen, die direkt der Feder Marion Zimmer Bradleys entsprungen sein könnten: von der Auseinandersetzung zwischen Christentum und Heidentum bis hin zu einem matriarchal lebenden Volk, welches durch Sümpfe und Nebelwände von der übrigen Welt getrennt ist. Nicht sonderlich originell, wenn man mich fragt. Die Helden, Volker und Golo, kriegen im Laufe der Handlung eine Reihe von Schicksalsschlägen ab, weshalb sie zunehmend nihilistisch-depressiv drauf sind. Alles in allem stellen die beiden Romane wegen der beschriebenen Inkonsequenzen kein Lesevergnügen dar. Schade eigentlich, denn der Autor kann es definitiv besser.
Anscheinend war noch ein weiterer Roman zum Zyklus geplant, der jedoch nie erschienen ist. Übrigens habe ich die Romane nicht in der Reihenfolge ihres Erscheines aufgeführt, und mich nur dann an die innere Chronologie gehalten, wenn ein ungestörter Lesefluss es unabdingbar macht, diese einzuhalten. Wer will, kann hinten in den Büchern eine Zeitleiste aufschlagen, in der dargestellt ist, wie die Plots der einzelnen Beiträge sich in die Nibelungensage einfügen.
Der Zyklus ist ursprünglich im Econ-Verlag erschienen. Die Beiträge von Kai Meyer/Alexander Nix wurden später von Heyne und nochmals von Bastei Lübbe als Sammelband mit dem Titel Nibelungengold (unter dem richtigen Namen des Autors) wiederveröffentlicht. Die Beiträge von Bernhard Hennen sind einzeln im Piper-Verlag wiederveröffentlicht worden.
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Rezensionen
Montag, 7. Juni 2010
So ruhet in Frieden
Bücher über den Tod haben es schwer, bei mir zu landen, weil sie häufig mit den »Lügen der Tröster« (Henning Luther) gesättigt sind.* John Ajvide Lindqvists So ruhet in Frieden ist eine Ausnahme, denn es beschäftigt sich zwar auch damit, wie wir mit dem Tod klarkommen, ist aber primär ein Roman darüber, wie der Tod mit uns klarkommt.
Der 2008 erschienene Roman ist mein erster von Lindqvist, zu einem vielerseits vermuteten Qualitätsabfall gegenüber seinem verfilmten Erstling kann ich daher nichts sagen. Ist vielleicht auch ganz gut so, denn so konnte ich So ruhet in Frieden einfach lesen und mich darüber freuen. Einer der wichtigsten Charaktere des Romans ist ein Stand-up-Comedian, und soeben lese ich in der Wikipedia, dass der Autor selbst einige Jahre lang als ein solcher gearbeitet hat. Auch das wusste ich beim Lesen nicht, musste den Roman also nicht nach autobiografischen Referenzen durchforsten. Beste Ausgangsvoraussetzungen für ein unschuldiges Lesevergnügen also.
Der Spaß bei So ruhet in Frieden ist hauptsächlich der, dass die Handlung so angelegt ist, dass sie ständig — sozusagen zwischen zwei Polen oszillierend — die Fragen »Ist es Splatter oder nicht?« und »Ist es eine Zombiegeschichte oder nicht?« aufwirft. Ich hab's ja als alter Romero-Fan mit den Zombies, aber in diesem Fall stört es nicht weiter, dass es (wie sich herausstellt) letztlich keine Zombiegeschichte ist. Vielleicht deshalb, weil Lindqvist die Fragen konsequent stellt, die Leser_innen damit weiterblättern lässt und auch sonst eine durch und durch spannende Geschichte erzählt. Eine makabre Komik liegt auch in einzelnen Szenen und Episoden, die Lindqvist mit einem Können ausarbeitet, dass einem glatt die Luft wegbleiben könnte. Meine Lieblingsszene ist, nebenbei bemerkt, die, in der Aderklemmen eine zentrale atmosphärische Rolle spielen. Ich finde so was halt komisch ...
Im Grunde handelt es sich bei So ruhet in Frieden jedoch um eine tiefernste Geschichte, etwa in dem Sinne, wie ein Clown ernst und lustig zugleich ist. Dies kommt besonders schön zum Tragen in einem fiktiven, auszugsweise in den Roman eingearbeiteten Kinderbuch. Diese Erzähltechnik kommt auch gar nicht postmodern daher (um das Buhwort zu gebrauchen), sondern fügt sich naht- und bruchlos ein. Außerdem sind die Kinderbuch-Passagen einfach sehnsuchterzeugend gut. Man kriegt richtig Lust, den Autor mit Fanpost zu bombardieren, damit er aus einem fiktiven ein reales Kinderbuch macht.
Und richtig gut ist ein Roman eben nur dann, wenn man ihn ernstnehmen kann. In diesem Sinne ist Lindqvists Geschichte vom Tod der beste Roman, der mir seit langem untergekommen ist.
So ruhet in Frieden von John Ajvinde Lindqvist ist 2008 bei Bastei Lübbe erschienen und hat 448 Seiten. Die Übersetzung aus dem Schwedischen ist von Paul Berf.
* Ein ebenso faszinierendes wie widersprüchliches Beispiel stellt für mich George MacDonalds Hinter dem Nordwind dar.
Der 2008 erschienene Roman ist mein erster von Lindqvist, zu einem vielerseits vermuteten Qualitätsabfall gegenüber seinem verfilmten Erstling kann ich daher nichts sagen. Ist vielleicht auch ganz gut so, denn so konnte ich So ruhet in Frieden einfach lesen und mich darüber freuen. Einer der wichtigsten Charaktere des Romans ist ein Stand-up-Comedian, und soeben lese ich in der Wikipedia, dass der Autor selbst einige Jahre lang als ein solcher gearbeitet hat. Auch das wusste ich beim Lesen nicht, musste den Roman also nicht nach autobiografischen Referenzen durchforsten. Beste Ausgangsvoraussetzungen für ein unschuldiges Lesevergnügen also.
Der Spaß bei So ruhet in Frieden ist hauptsächlich der, dass die Handlung so angelegt ist, dass sie ständig — sozusagen zwischen zwei Polen oszillierend — die Fragen »Ist es Splatter oder nicht?« und »Ist es eine Zombiegeschichte oder nicht?« aufwirft. Ich hab's ja als alter Romero-Fan mit den Zombies, aber in diesem Fall stört es nicht weiter, dass es (wie sich herausstellt) letztlich keine Zombiegeschichte ist. Vielleicht deshalb, weil Lindqvist die Fragen konsequent stellt, die Leser_innen damit weiterblättern lässt und auch sonst eine durch und durch spannende Geschichte erzählt. Eine makabre Komik liegt auch in einzelnen Szenen und Episoden, die Lindqvist mit einem Können ausarbeitet, dass einem glatt die Luft wegbleiben könnte. Meine Lieblingsszene ist, nebenbei bemerkt, die, in der Aderklemmen eine zentrale atmosphärische Rolle spielen. Ich finde so was halt komisch ...
Im Grunde handelt es sich bei So ruhet in Frieden jedoch um eine tiefernste Geschichte, etwa in dem Sinne, wie ein Clown ernst und lustig zugleich ist. Dies kommt besonders schön zum Tragen in einem fiktiven, auszugsweise in den Roman eingearbeiteten Kinderbuch. Diese Erzähltechnik kommt auch gar nicht postmodern daher (um das Buhwort zu gebrauchen), sondern fügt sich naht- und bruchlos ein. Außerdem sind die Kinderbuch-Passagen einfach sehnsuchterzeugend gut. Man kriegt richtig Lust, den Autor mit Fanpost zu bombardieren, damit er aus einem fiktiven ein reales Kinderbuch macht.
Und richtig gut ist ein Roman eben nur dann, wenn man ihn ernstnehmen kann. In diesem Sinne ist Lindqvists Geschichte vom Tod der beste Roman, der mir seit langem untergekommen ist.
So ruhet in Frieden von John Ajvinde Lindqvist ist 2008 bei Bastei Lübbe erschienen und hat 448 Seiten. Die Übersetzung aus dem Schwedischen ist von Paul Berf.
* Ein ebenso faszinierendes wie widersprüchliches Beispiel stellt für mich George MacDonalds Hinter dem Nordwind dar.
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Samstag, 5. Juni 2010
Die verlorene Unschuld
»This is me at my most masochistic.«
Bill in Kill Bill
Der letzte Dan Brown ist mir in die Hände gefallen, und ich habe ihn tatsächlich gelesen.* Es ist der erste Brown, den ich in deutscher Übersetzung in Angriff genommen habe (obwohl es sich um eines der wenigen Bücher handelt, die hierzulande auf Englisch erhältlich sind, aber dann hätte ich es eben kaufen müssen). Nicht, dass sich die Lektüre wirklich gelohnt hätte – im Sinne von: Wow, tolles Buch, mehr davon, werde ich noch lange darüber nachdenken. Trotzdem war es in mancher Hinsicht aufschlussreich, Das verlorene Symbol zu lesen. Aber zunächst einige Beobachtungen zum Leseerlebnis.
Brown strickt mal wieder nach dem gewohnten, aus Angels & Demons und The Da Vinci Code bekannten Schema. Die gesamte Handlung spielt sich in einer Stadt (hier Washington) ab. Der Held ist Robert Langdon, der völlig ahnungslos in die Ereignisse hineingezogen wird. Der Handlungszeitraum ist ultrakurz, und überhaupt ist der Plot nach dem Prinzip Schnitzeljagd aufgebaut: Langdon und seine Begleiter_innen jagen von einem Ort zum nächsten, wo sie versuchen, ein Rätsel zu lösen, welches sie zu einem weiteren Ort führt, wo sie wiederum mit einem Rätsel oder einem Geheimcode konfrontiert werden usw. Am Schluss, wenn alle Rätsel gelöst und alle Codes geknackt sind, wartet ein großes Geheimnis auf die Protagonist_innen, hinter dem auch der Bösewicht des Romans her ist. Unterstützt wird die Heldengruppe dabei meist von einer undurchsichtigen Figur, deren Loyalität sich im Laufe der Handlung als zweifelhaft herausstellt. Und natürlich endet fast jedes Kapitel mit einem Cliffhanger. So weit, so bekannt.
Gegenüber den vorherigen Langdon-Romanen fällt auf, dass Brown diesmal nicht ganz so eng am Schema klebt, sondern versucht, es leicht zu modifizieren. Ihm ist wohl auch bewusst, dass selbst die treudoofsten Fans nicht ewig die gleiche Suppe aufgekocht haben wollen. Am störendsten nimmt sich aber die Charakterdarstellung aus, weil Langdon als Heldenfigur kein bisschen weiterentwickelt wurde. Nachdem er aber schon zweimal in haarsträubende Abenteuer verwickelt gewesen sein soll, nimmt man Brown die Masche »weltfremder Professor schnallt allmählich, dass seine Forschungen auch in der wirklichen Welt eine Bedeutung haben« einfach nicht mehr ab. Aber Langdon stolpert weiterhin unverdrossen von einer geheimen Kammer in die nächste, stößt laufend auf Geheimcodes und haucht erschüttert »Das kann doch nicht sein!« – nur um den Code zu entziffern, zu merken, dass es sich keineswegs um die endgültige Lösung des Rätsels, sondern lediglich um einen Hinweis auf den nächsten Code handelt, und auszurufen: »Ich glaube es einfach nicht!« Als ob Langdon nicht bereits in den beiden Vorgängerromanen umfangreiche Erfahrungen mit derartigen Situationen gesammelt hätte, und von daher eigentlich eher mit einem souveränen »Lasst mich nur machen, Jungs« die Kammern mit den Geheimcodes betreten müsste. Nö nö, so vertrottelt kann nicht mal ein Symbolologie-Professor aus Harvard sein ...
Auffällig ist auch wieder mal, dass Brown zwar versucht, seine Romane auf eine umfangreiche Recherchebasis zu stellen, aber dafür einfach nicht über die nötige Bildung verfügt. Er haut einfach immer knapp daneben. So baut er zahlreiche Formeln, Schlüsselworte und Decknamen aus dem Lateinischen, Griechischen und Hebräischen in die Handlung ein, übersetzt sie aber mit fast schon rührender Regelmäßigkeit falsch. Brown hält Jehova für einen hebräischen Namen, spricht im Bezug auf das berühmte Dürer-Monogramm von »deutschen Buchstaben« und verortet mitten in Washington D.C. eine mittelalterliche (sic!) Gartenanlage. Meine Lieblingsverballhornung aus Brownscher Feder ist folgende ganz spezielle Etymologie aus Angels & Demons: Das englische (sic!) Wort ›Satan‹ leite sich von dem islamischen (sic!!!) Wort ›Scheitan‹ ab. In Dan Browns Universum ist ›Islamisch‹ folgerichtig wohl eine Sprache ...
Was macht bei all dem Strunz und Strünzer letztlich die Faszination von Browns Werk aus? Meine persönliche These ist einfach, dass er es schafft, aus den langweiligen Vergnügungen des postfordistischen Zeitalters etwas Faszinierendes, Mysteriöses zu machen: Alles ist mit allem verbunden. Überall lauern Geheimnisse. Jeder Ort kann die sagenumwobene Wirkungsstätte einer jahrhundertealten Geheimgesellschaft sein. Und in den Robert-Langdon-Romanen sind diese faszinierenden Orte dann auch noch die Standard-Attraktionen von Rom, Paris und Washington, durch die Jahr für Jahr Millionen von Pauschalreisenden gezerrt werden. Aber von Brown ausreichend mystifiziert, lässt sich anscheind noch das stumpfsinnigste Fremdenführer-Geschwafel ertragen, während man gehetzt über den Petersplatz oder den Innenhof des Louvre stakst.
Browns Mystifizierungstechnik funktioniert aber nicht nur bei Pauschalreisen. Nehmen wir z.B. folgende Passage aus dem Verlorenen Symbol (S. 168f. der gebundenen Ausgabe, kursiv im Original):
Wo immer digitalisierter Content dargeboten wurde, war automatische Freigabe zu einer Standardpraxis geworden. Dabei erlaubte ein Server dem Benutzer, den vollständigen Text zu durchsuchen, gab ihm dann aber nur einen kleinen Teil davon frei — nur den unmittelbaren Kontext der gesuchten Schlüsselbegriffe. Indem der Anbieter den größten Teil des Textes unleserlich machte, vermied er Urheberrechtsverletzungen und sandte dem Benutzer zugleich eine Botschaft: Ich habe die Information, nach der du suchst, aber wenn du den Rest davon haben willst, musst du dafür bezahlen.
Wie unschwer zu erkennen ist, handelt es sich bei der hier beschriebenen Technik um das Prinzip, das hinter Google Books steht. Nun ist Google Books im Alltag eine, wenn auch vielfach genutzte, Notlösung. Es ist lästig, sich durch den alle paar Seiten unterbrochenen, digitalisierten Text zu scrollen, um etwas zu finden, was vielleicht gar nicht da ist. Man hätte viel lieber das Buch vor sich liegen, um bequem darin zu blättern – am besten mit einem Stapel weiterer Bücher daneben, falls das erste die gesuchte Information nicht enthält. Google Books benutzt man deshalb, will man sorgfältig recherchieren, eigentlich nur, wenn man keine Bibliothek zur Verfügung hat. Aber wie anders sieht die Sache in den Augen Dan Browns aus! Sofort fragt man sich, wer einen da mit exklusiven, häppchenweise dargebotenen Informationen zu verführen versucht, sobald die digitalisierten Seiten verheißungsvoll auf dem Bildschirm schimmern. Ist es ein Geheimdienst, der diesen Content ins Netz gestellt hat? Eine revolutionäre Untergrundbewegung? Ein internationales Hackerkartell? Erfolgreiche Verzauberung des drögen Alltags eben, jedenfalls dann, wenn man es geschafft hat, sämtliche Gehirnzellen-Aufstände vorher niederzuschlagen.
Es gibt allerdings neben dem Wiederkäuer-Plotschema, den intellektuellen Fauxpas und der Mystifizierung des Alltags noch einen anderen roten Faden, der sich durch die Langdon-Romane zieht. Brown hat nämlich, wie immer deutlicher wird, eine Agenda: Im ersten Langdon-Abenteuer zieht er das Fazit, dass Wissenschaft und Religion sich gar nicht gegenseitig ausschließen (zumindest dann nicht, in Browns Darstellung, wenn die Wissenschaft genügend pseudowissenschaftlich und die Religion genügend New-Age-schwurbelig ist). Im zweiten Roman wird dann eine esoterische Religion vorgestellt, die sozusagen frisch aus dem Designerstudio kommt für Leute, denen Kirche zu anstrengend ist. Ironischerweise steht in ihrem Zentrum dennoch Jesus von Nazaret (gemeinsam mit Maria Magdalena natürlich), der anscheinend als Faszinosum bzw. Projektionsfläche noch lange nicht ausgedient hat. Die Botschaft des Verlorenen Symbols baut den Esoterikanteil (wenn auch ziemlich inkohärent) beträchtlich aus, hat darüber hinaus aber auch einen aktuellen Anlass, den näher zu betrachten sich lohnt.
Es geht in dem Roman ja bekanntlich um die Freimaurer (so wie in den Vorgängerromanen um die Illuminaten und die Prieuré de Sion). Diese sind laut Brown nette, etwas onkelhafte Humanisten, die der gesamten Welt die Erleuchtung bringen wollen. Und wie sie die bringen. So sehr von einem Sendungsauftrag erfüllt sein können eigentlich nur Amis, ob real oder fiktiv. Die letzten Kapitel strotzen förmlich vor Erleuchtungsgeschwafel, bei dessen Lektüre sich einem alten Schakal wie mir das Fell sträubt. Brown interpretiert die Gründung der USA als Verwirklichung der freimaurerischen Utopie, als Neues Rom in einer Neuen Welt, als Stadt auf dem Berge, der zuvor sorgfältig von den Lianen des Dschungels befreit wurde. Die Vereinigten Staaten der Freimaurer Franklin, Washington und Jefferson waren ein Paradies des holistischen Denkens, mit sorgfältig gehütetem Arkanwissen für die Eliten und homöopathisch dosierter Aufklärung für die Massen. Hat man gegenwärtig Probleme mit den USA, gibt es eine weltweite Verstimmung wegen gewisser Kriege in Afghanistan und im Irak, dann liegt das nur daran, dass das Neue Rom vom geraden Weg der maurerischen Gründerväter abgewichen ist. Die Bush-Ära war eine schändliche Verirrung, in Wahrheit aber ist es das Schicksal der Vereinigten Staaten, die Welt im milden Licht ihres utopischen Selbstverständnisses anzustrahlen und in den lauen Wassern esoterischer Phantasien zu baden.
Man könnte also sagen, dass Brown mit seinen Langdon-Romanen etwas versucht, was Philip Pullman mit His Dark Materials auf wesentlich höherem Niveau (und mit wesentlich anderem Inhalt!) durchgeführt hat: im phantastischen Gewand** eine alternative, glaubwürdige Religiosität zu präsentieren. Ob’s gelingt, zeigt wohl der Erfolg.
Kritisiert werden Browns Freimaurer übrigens nur von fanatischen Fundi-Gläubigen (weil die USA doch eigentlich eine christian nation sind) und von zickig-verbissenen Emanzen (weil sie keine Frauen in ihre Logen aufnehmen). Zu unrecht, natürlich, denn die Maurerbrüder wollen nur das Gute. Sie schütteln betrübt den Kopf über aggressive Kriegspolitik und werkeln im Verborgenen weiter am Tempel des Großen Baumeisters aller Welten. Zwei Dinge sind es allerdings, die akuten Juckreiz verursachen. Da ist zum einen die simple Frage, warum die US-Freimaurer eigentlich nicht selbst schuld sind am Kriegsimperialismus, wo sie doch Brown zufolge quasi die gesamte politische Elite des Landes, inklusvie CIA-Spitze, stellen? Und zum anderen lässt mich postkolonialen Sikarier den Dolch wetzen, mit welch beispielloser Naivität (oder Dreistheit) Brown davon ausgeht, dass die maurerischen Gründerväter ihre Utopie in ein weißes Blatt Papier namens Amerika eingezeichnet haben. War da vielleicht nicht doch der eine oder andere klitzekleine Völkermord, hm? Sich Uncle Sam als New-Age-spirituelles Unschuldslamm auszumalen funktioniert eben doch nur durch massives Dummstellen.
Das verlorene Symbol (765 Seiten) von Dan Brown ist 2009 bei Gustav Lübbe erschienen.
* Manchmal überrasche ich mich selbst – z.B. dann, wenn ich nach dem Genuss von zwei Browns noch einen dritten in die Hand nehme. Vergleiche das Zitat zu Beginn der Rezension.
** Das nenne ich jetzt einfach mal so, obwohl Brown selbst seine Romane sicherlich für akribisch recherchiert und hochwissenschaftlich hält.
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Rezensionen
Mittwoch, 2. Juni 2010
Wie Lateinamerika ist
So. Ende der Funkstille. Rezension.
Lateinamerika ist bekanntlich Magischer Realismus. Das heißt nicht, dass wer das sagt, auch weiß, was Magischer Realismus ist. Das heißt einfach nur, dass lateinamerikanische Schriftsteller_innen immer Magischer Realismus sind, weil das Populärwissen (außerhalb Lateinamerikas) das so will. Konkret führt das dann dazu, dass ein so stocknüchterner und erzenglischer Autor wie Borges zum Magischen Realisten erklärt wird.*
Ich weiß auch nicht so recht, was Magischer Realismus ist (Wikipedia noch weniger). Aber definieren kann man auch Dinge, von denen man nicht weiß, was sie sind. Deshalb behaupte ich: Magischer Realismus funktioniert quasi genauso wie Fantasy — im deutschen, nicht im englischen Sinne des Wortes. Was Fantasy ist (im Unterschied etwa zu SF), darüber schlagen wir Nerds uns ja bekanntlich die Köpfe ein, dabei ist es eigentlich ganz einfach. Fantasy unterscheidet sich von der gewöhnlichen Phantastik dadurch, dass sie eine Sekundärwelt möglichst kohärent schildert. In der Phantastik gibt es stets den Einbruch des Unwirklichen/-heimlichen in die altbekannte Realität. In der Fantasy ist die Realität einfach anders und unbekannt für uns Leser_innen.** In einer Fantasy-Welt wird vieles so sein wie bei uns, und einiges anders. Und was den Charakteren, die die Fantasy-Welt bevölkern, vertraut und normal erscheint, wird nicht unbedingt das in ihrer Welt sein, was uns normal erscheint, und andersrum.
Im lateinamerikanischen Magischen Realismus ist es ähnlich und deshalb ist Gioconda Bellis Bewohnte Frau (La mujer habitada) ein gutes Beispiel für Magischen Realismus. Der Roman spielt in einem fiktiven zentralamerikanischen Land (Nicaragua) mit einer fiktiven Hauptstadt Faguas (Managua), einem fiktiven Diktator, dem Großen General (Somoza d.J.), einer fiktiven Guerillabewegung (der FSLN) und einer fiktiven Protagonistin Lavinia (Belli).
Lavinia gehört der Oberschicht des Landes an, kultiviert sorgfältig ihr rebellisches Image als alleinlebende junge Frau und ist eigentlich enttäuscht von Politik, weil sie erfahren hat, wie wenig Proteste manchmal etwas ändern. Zumindest letzteres ändert sich aber schnell, denn Lavinia wird über eine Beziehungskiste in die Aktivitäten der Guerilla verstrickt. Dass die Beziehungskiste sie in letzter Instanz aber aus den Untergrundaktivitäten heraushalten will, ist machistisch und Lavinia tritt deshalb der Guerilla nicht wegen der Beziehungskiste, sondern ihr zum Trotz, selber bei.
Eigentlich hat Lavinias Widerständigkeit aber tiefere Wurzeln, und deshalb ist's Fantasy... äh, Magischer Realismus. In ihrem Garten steht nämlich ein Orangenbaum, in dem eine indigene Kriegerin (ihr Name ist mir gerade entfallen) aus der Zeit der spanischen Conquista weiterlebt. Die leistete gemeinsam mit ihrem Mann erbitterten Widerstand gegen die Konquistadoren und galt deshalb bei diesen als Hexe. Sie hat ihre eigenen Probleme — eigentlich dürfen nur Männer kämpfen, und auch noch nachdem sie ihren Kampfgeist unter Beweis gestellt hat, muss sie nach beendetem Gemetzel im Feldlager noch kochen und Wäsche waschen. Statt allerdings wie Lavinia den direkten Kampf gegen das verdammte Patriarchat aufzunehmen, räsoniert sie lieber essentialistisch-differenzfeministisch über die naturgottgegebenen Unterschiede zwischen Männlein und Weiblein. Das nervt leider mehr als nur ein wenig bei der Lektüre dieses zweiten Handlungsstrangs.
Aber zurück zur Fantasy. Lavinia bekommt nämlich, als sie sich eines Morgens ein Gläschen Frischgepressten mit Orangen aus ihrem Garten gönnt, den warrior spirit der widerständigen Differenzfeministin aus dem 16. Jahrhundert übermittelt und wird dadurch so richtig angefixt, den Großen General und seine protzig-prollig-brutale Clique zu stürzen. Vorher war die kriegerische Baumbewohnerin ziemlich enttäuscht über Lavinias mäandernde Haltung gegenüber den modernen Nachfolgern der alten Konquistadoren, aber nach dem initiatorischen O-Saft vollendet Lavinia das, was ihre historische Vorgängerin nicht mehr vermocht hat. So weit, so gut — um nicht zu viel vom Plot zu verraten.
Eine Geschichte, die also vor allem whimsical ist.*** Aber sie funktioniert und die Idee mit der O-Saft-Connection (¡Hasta la victoria siempre!) ist vollkommen kohärent. Fantasy funktioniert schließlich auch häufig. Ist halt nur immer noch ein bisschen schmuddelig, während man auch im alleröffentlichsten Zugabteil damit angeben kann, in einem García Márquez oder einem Allende zu blättern. Oder in einem Belli.
Gutes Buch. Schön zu lesen.
Gioconda Bellis Bewohnte Frau ist 1988 bei Peter Hammer erschienen. Taschenbuchausgabe: dtv 1991, 375 Seiten. Die Übersetzung besorgte Lutz Kliche.
Gutes Buch. Schön zu lesen.
Gioconda Bellis Bewohnte Frau ist 1988 bei Peter Hammer erschienen. Taschenbuchausgabe: dtv 1991, 375 Seiten. Die Übersetzung besorgte Lutz Kliche.
* Was Borges von anderen lateinamerikanischen Autor_innen unterscheidet, erklärt Graham Greene literaturhistorisch in The Honorary Consul. Das müsste ich eigentlich glatt noch mal lesen, um die Verfilmung mit Richard Gere zu vergessen, die auch Bob Hoskins und Michael Caine nicht retten konnten...
** Wie unbekannt, hängt natürlich vom kreativen Vermögen und vom Bankkonto des jeweiligen Schreiberlings ab.
*** Dieses englische Wörtchen drückt unübersetzt einfach am besten aus, was man beim Lesen solcher Plots empfindet, oder nicht?
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Rezensionen
Freitag, 30. Oktober 2009
(sich) erinnern
Ein zwölfjähriges israelisches Mädchen soll für ein Schulprojekt ihre Großmutter über ihre Vergangenheit im Dritten Reich befragen. Ihre Lehrerin hat der Klasse beigebracht, wie man das richtig macht. Aber alles, was sie aus ihrer Großmutter herausbekommt, ist ein pantomimischer Schlittschuhlauf, die Worte »Dunkelheit, Loch, Kartoffeln, und dann war der Krieg zu Ende.« Und eine Legende, eine Fabel – darüber, wie die Ratte dem Schöpfer das Lachen abtrotzte. Das Mädchen ist verzweifelt, da sie dafür bestimmt keine gute Note bekommt.
Nava Semels Roman Und die Ratte lacht, 2007 erschienen im persona verlag (übersetzt von Mirjam Pressler), ezählt die Geschichte eines jüdischen Mädchens, das von seinen Eltern an ein Bauernehepaar gegeben wird, die es gegen Bezahlung verstecken sollen; das von ihren ›Beschützern‹ in die Kartoffelgrube gesperrt und von deren Sohn immer wieder vergewaltigt wird; das von einem Priester aus dem Erdloch gerettet wird; das von Zionisten nach Israel gebracht wird – wo sie später Mutter und Großmutter wird …
Mehr noch erzählt der Roman aber die Geschichte der Erinnerungen dieser Frau: Wie sie es nicht schafft sich zu erinnern, geschweige denn davon zu erzählen; wie ihre Tochter glaubt, sie habe ja sowieso nichts erlebt, an das sie sich erinnern könne; wie ihre Enkelin sich eine Geschichte von den heroischen Bauersleuten zusammenreimt, die ihre Großmutter unter Einsatz ihres Lebens beschützten und liebten wie ein eigenes Kind …
Als die Großmutter das Internet für sich entdeckt, schafft sie es endlich, ihr Trauma auszudrücken – in kurzen Gedichten, ohne Publikum, in der Anonymität des Netzes. Von dort aus geht ihre Erinnerung weiter auf Reise – die Gedichte werden in Kettenbriefen weitergeleitet, jemand fügt noch die Legende vom Lachen der Ratte hinzu … und ein Jahrhundert später ist das Mädchen mit Ratte in der Populärkultur verbreiteter als Raffaels Engel. Im Jahr 2099* versucht eine Wissenschaftlerin, die Ursprünge der Legende auszugraben – und findet das Tagebuch des Priesters, der das Mädchen 1943 bei sich beherbergte. Damit schließt sich der Kreis, die Erinnerung wird wieder Wahrheit, oder so etwas ähnliches.
Und die Ratte lacht ist ein starkes, auch erschütterndes Buch, das den Leser berührt und mit offenen Fragen zurücklässt, ihn selbst zum Erinnern und zum Nachdenken über das Erinnern anregt. Es ist auch ein kluger Kommentar (nicht nur) zur israelischen Erinnerungskultur, die institutionalisiert, ritualisiert … es aber nicht unbedingt einfacher macht, die eigene Erinnerung preiszugeben.
Das Bild, ein Ausschnitt aus Gottfried Helnweins Gemälde Kindskopf (1991), ist laut der Autorin ein perfektes Portrait der Protagonistin des Romans.
(Quelle)
Mehr noch erzählt der Roman aber die Geschichte der Erinnerungen dieser Frau: Wie sie es nicht schafft sich zu erinnern, geschweige denn davon zu erzählen; wie ihre Tochter glaubt, sie habe ja sowieso nichts erlebt, an das sie sich erinnern könne; wie ihre Enkelin sich eine Geschichte von den heroischen Bauersleuten zusammenreimt, die ihre Großmutter unter Einsatz ihres Lebens beschützten und liebten wie ein eigenes Kind …
Als die Großmutter das Internet für sich entdeckt, schafft sie es endlich, ihr Trauma auszudrücken – in kurzen Gedichten, ohne Publikum, in der Anonymität des Netzes. Von dort aus geht ihre Erinnerung weiter auf Reise – die Gedichte werden in Kettenbriefen weitergeleitet, jemand fügt noch die Legende vom Lachen der Ratte hinzu … und ein Jahrhundert später ist das Mädchen mit Ratte in der Populärkultur verbreiteter als Raffaels Engel. Im Jahr 2099* versucht eine Wissenschaftlerin, die Ursprünge der Legende auszugraben – und findet das Tagebuch des Priesters, der das Mädchen 1943 bei sich beherbergte. Damit schließt sich der Kreis, die Erinnerung wird wieder Wahrheit, oder so etwas ähnliches.
Und die Ratte lacht ist ein starkes, auch erschütterndes Buch, das den Leser berührt und mit offenen Fragen zurücklässt, ihn selbst zum Erinnern und zum Nachdenken über das Erinnern anregt. Es ist auch ein kluger Kommentar (nicht nur) zur israelischen Erinnerungskultur, die institutionalisiert, ritualisiert … es aber nicht unbedingt einfacher macht, die eigene Erinnerung preiszugeben.
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Das Bild, ein Ausschnitt aus Gottfried Helnweins Gemälde Kindskopf (1991), ist laut der Autorin ein perfektes Portrait der Protagonistin des Romans.(Quelle)
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* Die Science-Fiction-Elemente in diesem Teil des Romans sind die Rechtfertigung dafür, dieses Buch in einem Fantastik-Blog vorzustellen …
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Rezensionen
Freitag, 9. Oktober 2009
Funkstille am Hermanstädter See
Das liegt daran, dass Anubis sich seit einigen Monaten im mythischen Buenos Aires aufhält, und Eosphoros schreibfaul geworden ist.
Heute also ein Lebenszeichen, und zwar folgendes: Wer sich schon immer mal bei der Tolkien-Erbengemeinschaft lieb Kind machen wollte, bekommt hier eine einmalige Gelegenheit geboten:
Gesehen in der Provinz Buenos Aires. Einfach Copy + Paste benutzen, an die Erben schreiben und das Kopfgeld kassieren. Muahahahahaha!
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J.R.R. Tolkien
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Foto-Disclaimer
Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.