Sonntag, 5. Januar 2020

Der Krieger des Kaisers (1989)

Alternativtitel: Dynasty Warrior / Chin, der Krieger aus dem Jenseits · Englischer Titel: Fight and Love with a Terracotta Warrior · Regie: Ching Siu-tung · Drehbuch: Lilian Lee · Musik: Romeo Díaz, Joseph Koo, James Wong · Kamera: Lee San-yip, Peter Pau · Schnitt: Marco Mak.

Diesen Film habe ich vor Ewigkeiten im Fernsehen gesehen, völlig vergessen und nun zur Auffrischung noch einmal gestreamt. Einen sonderlich bleibenden Eindruck hat er bei mir also nicht hinterlassen (aus Gründen). Aber zunächst zur Handlung.

Der Offizier Meng Tian Fang (Zhang Yimou in einer seltenen Hauptrolle) beaufsichtigt die Arbeiten am Mausoleum des Reichsgründers Qin Shi Huangdi (Lu Shuming). Als er Gelegenheit hat, den Ersten Kaiser vor einem Attentat zu retten, wird er von Shi Huangdi zum General befördert und in den Palast versetzt.

Shi Huangdis Regime ist von Zwangsarbeit, Kollektivstrafen und Bücherverbrennungen geprägt. Tian Fang kann das innerlich nicht gut heißen, ist aber viel zu loyal, um gegen den Kaiser aufzubegehren.

Shi Huangdi versammelt die Alchimisten des Reiches und beauftragt sie, das Elixier der Unsterblichkeit herzustellen. Ein Versagen hat die unverzügliche Hinrichtung zur Folge Am Ende ist nur noch ein Alchimist übrig. Der versichert dem Kaiser, das Elixier sei auf der sagenhaften Insel Penglai im östlichen Meer zu finden. Der Kaiser befiehlt, eine Expedition zur See auszurüsten, an der 500 junge Frauen aus dem ganzen Reich teilnehmen sollen.

Tian Fang fällt die Aufgabe zu, die Frauen, darunter die schöne Dong’er (Gong Li), zum Palast zu bringen. Als Dong’er sich aus Verzweiflung selbst töten will, verliebt Tian Fang sich in sie und weckt ihren Lebenswillen.

Dem Alchimisten ist es unterdessen gelungen, in seinem Labor eine einzige Pille des Elixiers der Unsterblichkeit herzustellen. Die Pille schenkt er Dong’er, bevor er (in der Absicht, nie zurück zu kehren) mit den anderen 499 Frauen heimlich in See sticht.* Der Kaiser lässt seine Wut an dem Liebespaar Dong’er und Tian Fang aus. Bevor Dong’er bei lebendigem Leib verbrannt wird, lässt sie Tian Fang mit einem Kuss die Unsterblichkeitspille zukommen.

Für Tian Fang hat Shi Huangdi sich eine besonders exquisite Strafe ausgedacht: Er wird mit Ton übergossen und der Armee von Terrakotta-Soldaten im Grabmal des Kaisers beigesellt. Der Despot ahnt natürlich nicht, dass Tian Fang unsterblich geworden ist und im Grab die Millennien überdauert.

Über 2000 Jahre später, in der Republik China der späten 1930er, dreht ein Filmteam einen patriotischen Schmachtfetzen über den Krieg gegen Japan. Mit dabei ist Filmsternchen Lili Chu (ebenfalls Gong Li), die reinkarnierte Dong’er. Zu ihrer Enttäuschung hat der Regisseur (Wu Tianming, im echten Leben eine Regielegende des chinesischen Kinos) für sie nur eine Nebenrolle vorgesehen. Die Dreharbeiten sind aber nur ein Vorwand, denn in Wirklichkeit suchen der Regisseur und sein charismatischer Hauptdarsteller Bai Yun Fei (Yu Rongguang) nach dem Mausoleum des ersten Kaisers. Die wertvollen Grabbeigaben wollen sie an den Meistbietenden verkaufen – entweder an das Britische Museum oder die japanische Besatzungsmacht.

Während Bai und der Regisseur sich vergeblich abmühen, stolpert Lili prompt über die monumentale Grabanlage. Damit erweckt sie Tian Fang aus seinem jahrtausendelangen Schlaf. Der Krieger befreit sich von seiner Terrakotta-Ummantelung und erkennt in Lili die Reinkarnation seiner Geliebten.

Weit mehr als die Tatsache, dass er in einer Welt der Automobile und Flugzeuge erwacht ist, beschäftigt Tian Fang die Tatsache, dass sein Kaiser es nicht geschafft hat, die Unsterblichkeit zu erlangen. Auch dass Lili sich charakterlich doch sehr von Dong’er unterscheidet, macht ihm zunächst zu schaffen. Um so trotziger hält er an seinem ritterlichen Ethos fest. Die Konfrontation mit dem schurkischen Bai bleibt nicht aus.

Der Krieger des Kaisers hat Potential, das aber nicht so recht zum Tragen kommt. Das mag vor allem daran liegen, dass der Film für die in Deutschland zu sehende Fassung um eine halbe Stunde gekürzt wurde. Das 145 Minuten lange Original habe ich leider nicht gesehen. Zhang Yimou, der sich in der Zeit der Qin-Dynastie noch gut macht, wirkt in dem in der Moderne spielenden Teil des Films eher deplatziert. Es fehlt ihm an komödiantischem Talent. Gong Li dagegen spielt die völlig gegensätzlichen Figuren Dong’er und Lili ganz hervorragend.

Interessant ist Der Krieger des Kaisers vor allem deshalb, weil er in starkem Kontrast zu der Darstellung Qin Shi Huangdis in Zhang Yimous eigener, 13 Jahre später entstandener Regiearbeit Hero steht. Je nach historischem Interesse gilt der Erste Kaiser als größenwahnsinniger Despot oder als »benevolent dictator«, der das harte, aber notwendige Werk der Einigung Chinas vollbrachte.

In der Geschichtsschreibung der Volksrepublik China etwa lehnte man Shi Huangdi zunächst ab – im kleinen Kreis aber prahlte Mao damit, den Ersten Kaiser an Rücksichtslosigkeit noch übertroffen zu haben. Zu Beginn der achtziger Jahre änderte sich plötzlich auch die öffentliche Darstellung Shi Huangdis. Sein Projekt der Reichseinigung galt nun als Kampf gegen die reaktionären Elemente in der Gesellschaft und als Überwindung des Feudalismus.

In Der Krieger des Kaisers (einer Hongkong-Produktion) ist Shi Huangdi jedenfalls ein grausamer und paranoider Gewaltherrscher. Der Film beruht auf einem Roman der Schriftstellerin Lilian Lee,** ebenfalls aus Hongkong, der aber bislang nicht übersetzt wurde. Übrigens ebensowenig wie weitere für Wuxia- und Xianxia-Fans interessante Romane aus ihrer Feder. Jetzt wüsste ich zwar gerne, wie sich die historisch-ideologische Rezeption Shi Huangdis in Hongkong und der Volksrepublik unterscheidet, bin bei diesem Thema aber völlig unbeleckt.

Abgesehen davon: So lange hierzulande die vollständigen 145 Minuten Film nicht zu sehen sind, ist Der Krieger des Kaisers ein Werk, das hätte sein können. Es bleiben Gong Lis schauspielerische Leistung und einige Szenen, die Lust auf mehr machen (die Szene im Labor des Alchimisten mit ihrem eindrucksvollen Filmset zum Beispiel).

Ein arger Patzer ist der deutsche Alternativtitel Chin, der Krieger aus dem Jenseits. Erstens kommt Tian Fang nicht aus dem Jenseits, sondern aus der Vergangenheit. Zweitens ist Chin (eine andere Schreibweise von Qin) nicht der Name des Protagonisten, sondern der dynastische Name des Ersten Kaisers. Nun ja. Demnächst auf DVD und Blu-Ray: Robin-Hood-Verfilmung mit dem Titel »Prinz John, der edle Bandit von Nottingham«.

* Tatsächlich sandte der historische Shi Huangdi eine solche Expedition aus, deren Mitglieder in dem sicheren Wissen, dass sie im Falle eines Misserfolgs die sofortige Hinrichtung erwartete, einfach nicht wieder zurück kehrten.
** In Deutschland bekannt durch ihren Roman Lebewohl, meine Konkubine, der von Chen Kaige verfilmt wurde.

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Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.