Mittwoch, 26. April 2017

Das Problem normativer Genredefinitionen

Was ist der Unterschied zwischen Fantasy und Science Fiction? David Brin hat da klare Präferenzen:
For all the courage and heroism shown by fantasy characters across 4000 years of great, compelling dramas – NOTHING EVER CHANGES! No, the root element is right there in that word »change.« Science fiction borrows many elements from the mother genre – fantasy – elements of boldness and the fantastic that date back to Homer and Gilgamesh. But sci fi then rebels against all literary foundations by embracing change. Even when it warns against BAD change it is relishing, exulting, expanding upon what Einstein called the »gedankenexperiment« or thought experiment: What if? When SciFi goes »whatif« it takes the sacred word seriously.
Veränderung finden wir alle (mit Ausnahme von Botho Strauß vielleicht) mehr oder weniger gut. Es macht zwar wenig Sinn, von einem Zeitraum von 4000 Jahren auszugehen, weil unser kulturelles Gedächtnis so weit nicht zurück reicht, aber nehmen wir die letzten 500 Jahre: Da gab es u.a. die Französische Revolution, die Entdeckung des Penicillins und die von Arbeiter_innen erkämpfte Einführung einiger sozialer Mindeststandards. Wenn wir ziemlich genau 500 Jahre zurückgehen, landen wir in der Zeit des gerade allerorten bewunderten Martin Luther. 1524 erhob sich in Teilen Deutschlands die verelendete bäuerliche Bevölkerung, um für die Einführung ganz ähnlicher Mindeststandards zu kämpfen, wie wir sie heute für selbstverständlich nehmen. Einige deutsche Fürsten wandten sich an den Theologen ihres Vertrauens – eben an Luther – um Rat. Luther entschied, die einfachste und gottgefälligste Lösung für das Problem sei es, die rebellierenden Bauern umzubringen, und die dankbaren Fürsten schritten umgehend zur Tat. Und, würde also irgendjemand gern in einer Welt leben, die noch so ist wie vor 500 Jahren? Ich jedenfalls nicht.

Nun meint David Brin, Fantasy feiere genau die feudalistische Welt von vor 500 Jahren, die in einem ziemlich unangenehmen Licht erscheint, wenn man sich vorstellt, in ihr Bäuerin oder Bergarbeiter gewesen zu sein:
Fantasy has its attractions. Something about feudalism resonates, deep inside us. We fantacize about being the king or wizard. It’s in our genes. We are all descended from the harems of the guys who succeeded at that goal. The core thing about fantasy tales is that, after the adventure is done and the bad guys are defeated... the social order stays the same. It may be the natural genre... but should we be proud of that?
Ich lasse den Quatsch über Gene und Harems mal beiseite. Ich glaube nicht, dass Brin mit seiner Charakterisierung von Fantasy als feudalistisch recht hat. Fantasy wimmelt nur so von Königen und Zauberern, aber sie bildet nicht ernsthaft eine feudalistische Gesellschaftsordnung ab. Fantasy weist auch nicht direkt auf Homer und das Gilgamesch-Epos zurück. Fantasy leitet sich vom Märchen her, über das F. K. Waechter mal sagte: »Früher waren Märchen etwas ganz Realistisches. Das einzige Unrealistische daran war dieser Zauberkick, den man brauchte, weil die Wirklichkeit so hart war, dass man da sonst nicht raus kam. Die Tochter des Königs zur Frau zu kriegen, war etwas völlig Verblasenes. Es muß früher sehr viel Gelächter unter den Zuhörern hervorgerufen haben.« Unter realfeudalistischen Verhältnissen heiratete der besitzlose drittgeborene Sohn eben nicht die Prinzessin, und der Zauberkick des Märchens bestand darin, zur Freude des Publikums zu erzählen, wie das Unmögliche eben doch passierte.

Das bedeutet natürlich nicht, das Märchen revolutionär im eigentlichen Sinne sind. Sie hinterfragen in der Regel nicht, dass es Könige gibt. Statt die soziale Hierarchie abzuschaffen, stellen sie sie auf den Kopf. Vielleicht lässt sich sagen, dass Märchen revolutionär und nostalgisch zugleich sind. Für die Langform des Märchens existiert im Deutschen keinen literaturkritischen Begriff, dafür aber im Englischen: romance. Es gibt keine treffendere Charakterisierung von romance als die des bedeutenden Literaturtheoretikers Northrop Frye:
The romance is nearest of all literary forms to the wish-fulfilment dream, and for that reason it has socially a curiously paradoxical role. In every age the ruling social or intellectual class tended to project its ideals in some form of romance, where the virtuous heroes and beautiful heroines represent the ideals and the villains the threats to their ascendancy. This is the general character of chivalric romance in the Middle Ages, aristocratic romance in the Renaissance, bourgeois romance since the eighteenth century, and revolutionary romance in contemporary Russia. Yet there is a genuinely “proletarian” element in romance too which is never satisfied with its various incarnations, and in fact the incarnations themselves indicate that no matter how great a change may take place in society, romance will turn up again, as hungry as ever, looking for new hopes and desires to feed on. The perennially child-like quality of romance is marked by its extraordinarily persistent nostalgia, its search for some kind of imaginary golden age in time or space.
Legt man statt Fantasy romance als Begriff zugrunde, erhält man in der Tat eine literarische Genealogie, die mit der heroischen Epik des Altertums beginnt, über den höfischen Roman des Mittelalters und der Renaissance reicht, bis sie beim neuzeitlichen Märchen und – seit dem 19. Jahrhundert – schließlich bei der modernen Fantasy ankommt. So gesehen ist romance das »mother genre« oder »natural genre«, von dem Brin spricht. Und wenn es auch kein exaktes deutsches Wort für romance gibt, gibt es doch das Adjektiv ›romantisch‹, das genau die paradoxe Qualität von romance bezeichnet: nostalgisch und revolutionär zugleich zu sein. Die Aussage ist nicht, wie Brin meint: Es gibt keinen Wandel, sondern vielmehr: Wie groß der Wandel auch sein mag, es gibt immer die ungestillte Hoffnung auf einen noch größeren Wandel.

Brin will im Grunde nichts anderes sagen, als das Fantasy zwar irgendwie faszinierend, aber letztlich doof ist, und SF das eigentlich interessante Genre. Er erreicht das, indem er der Fantasy das Element des Nostalgischen zuweist und der SF die Lust am Wandel. Brin teilt die beiden paradoxen Elemente der romance einfach auf die beiden Genres auf. Das mag seinen persönlichen Vorlieben entsprechen, taugt aber kaum für eine einigermaßen objektive Verhältnisbestimmung von SF und Fantasy.

Montag, 27. März 2017

Der Kurgan – warum heißt der eigentlich Kurgan?

Wenn von Russell Mulcahys Highlander irgendetwas bleibt, dann wahrscheinlich eine Reihe vager popkultureller Referenzen, die immer mal wieder aufgerufen werden, um eine Jugend in den späten Achtzigern oder frühen Neunzigern anzudeuten. Allen voran geht dabei natürlich das berühmte »There can be only one!!!«-Gebrülle, das namentlich vom Antagonisten des Films, dem Kurgan, ausgestoßen wird.

Der Kurgan trägt einen kuriosen Namen. Das Wort kurgan (кургáн) stammt aus dem Russischen und bezeichnet einen monumentalen Grabhügel, der etwa so aussieht:

 
Grabhügel wie diese finden sich in den Steppen Osteuropas. In Highlander ist aber von »the Kurgans« als einer Ethnie die Rede, und zwar einer, die sich durch eine besonders brutale und kriegerische Mentalität auszeichnet. Die Kurgans, heißt es im Film, »toss children into pits full of starved dogs, and watch them fight for meat«. Tatsächlich gab es nie ein Volk, das sich »die Kurgans« nannte (und hoffentlich nie eins, das Kinder gegen Hunde kämpfen ließ). Die Archäologie nennt lediglich die neolithische Zivilisation, die die Grabhügel errichtete, nach deren russischer Bezeichnung Kurgankultur.

Warum taucht nun ausgerechnet diese stein- und kupferzeitliche Kultur in einem Streifen wie Highlander auf? Um dafür einen Erklärungsansatz zu finden, muss man ein, zwei Jahrhunderte zurückgehen. Ende des 18. Jahrhunderts entdeckte die entstehende Sprachwissenschaft, dass Sprachen aus so weit auseinanderliegenden Regionen wie dem europäischen und dem indischen Subkontinent miteinander verwandt sind. Am Ende dieser Entdeckung stand die Erkenntnis, dass die betreffenden Sprachen einer Sprachfamilie angehören, also aus einer gemeinsamen Ursprache hervorgegangen sind, die als proto-indoeuropäische Sprache bezeichnet wird. So weit, so bekannt aus dem Schulunterricht. Die Entdeckung der indoeuropäischen Sprachfamilie hatte allerdings Folgen, die weit über rein linguistische Interessen hinausgingen. Die Sprecher_innen einer Sprache, so nahm man an, bilden ein Volk. Wenn es eine indoeuropäische Ursprache gab, dann muss es also auch ein indoeuropäisches Urvolk gegeben haben, von dem die neuzeitlichen europäischen Völker abstammen. Tatsächlich stimmt die Gleichung Sprache = Volk so nicht. Das lässt sich nicht nur an der Existenz von Weltsprachen (von Latein bis Englisch) erkennen, die ethnische Grenzen längst überwunden haben, sondern auch an Sprachen wie Swahili, die sich selbst zum Zeitpunkt ihrer Herausbildung nie einem bestimmten ›Volk‹ zuordnen ließen, sondern zur Verständigung in einer kosmopolitischen Handelsgesellschaft dienten.

Aber indem man im 19. Jahrhundert ein indoeuropäisches Volk postulierte, stellte man zugleich eine Hypothese über die Entstehung der westlichen Zivilisation auf. Noch im 18. Jahrhundert hatten die meisten europäischen Gelehrten angenommen, die Zivilisationen der Welt müssten irgendwie aus der hebräischen Kultur hervorgegangen sein: Die Menschen stammten noch von Adam und Eva ab, und die sprachen offensichtlich Hebräisch, die Sprache, in der das Alte Testament verfasst ist. Im 19. Jahrhundert neu etablierte Wissenschaften wie die Geologie, die biologische Evolutionstheorie, die Linguistik, die Archäologie und die historische Quellenkritik stellten jedoch fest, dass das so nicht gewesen sein konnte. Damit stand aber auch die Würde und das Alter der westlichen Zivilisation auf dem Spiel. Wenn man sie nicht aus der Bibel herleiten konnte, woher dann?

So begann die Suche nach irgendwelchen materiellen Hinterlassenschaften, die von den sagenhaften Indoeuropäer_innen zeugen könnten. Man war sich nicht mal sicher, ob das »Urvolk« aus Europa oder Indien stammte. Wenn es gelänge, auf archäologischem Wege die »Urheimat« (ein Wort, das sogar in den englischen Sprachgebrauch eingegangen ist) der Indoeuropäer_innen zu identifizieren, dann hätte man damit zugleich den Ursprung Europas entdeckt. Aus heutiger Sicht ist das ein reichlich unsicheres Vorhaben. Wie soll man Hinterlassenschaften im Boden, sofern nicht mit Inschriften versehen, den Sprecher_innen einer bestimmten Sprache zuordnen? Und wie soll man beides, Sprache und archäologische Funde, ohne Willkür mit einer so abstrakten Größe wie einem ›Volk‹ identifizieren? Aber das 19. Jahrhundert glaubte an seine Wissenschaften – leider nicht immer zum Guten. Eine fatale Erklärung für das Problem der indoeuropäischen Urheimat bot eine ebenfalls im 19. Jahrhundert etablierte Pseudowissenschaft, die Rassenkunde.

Man brauchte nicht länger in der Vergangenheit nach dem Urvolk zu suchen, denn es lebte mitten unter uns. Das behauptete die Rassenkunde, indem sie hochgewachsene Menschen mit heller Haut, blonden Haaren und blauen Augen zu direkten Nachfahren der Indoeuropäer_innen erklärte. Das Konstrukt der arischen ›Rasse‹ war vor 1945 nicht etwa eine Spinnerei von Nazi-Ideologen. Vielmehr war es in der Wissenschaft wie im Alltagsverstand beinahe Konsens, dass die vermeintliche Überlegenheit Europas (von der griechisch-römischen Antike über das aus der germanischen Völkerwanderung hervorgegange Mittelalter bis zur westlichen Zivilisation der Neuzeit) auf dem »arischen Rasseelement« in den europäischen Bevölkerungen beruhe. Man ging selbstverständlich davon aus, dass Intelligenz an ›Rasse‹ gekoppelt sei. Bevölkerungen, denen das arische Element abging, waren weniger intelligent, standen mithin auf einer niederen Kulturstufe und waren zu imperialistischen Raubzügen oder sogar zum Genozid freigegeben. Die Folgen dessen sind bis heute zu spüren: David Sonboly, der faschistische Amokläufer von München, verehrte nicht nur Hitler, sondern sah sich aufgrund seiner doppelten indoeuropäischen Sprachzugehörigkeit (Deutsch und Persisch) als Angehörigen der arischen ›Rasse‹.

Nach 1945 zeigte sich die Wissenschaft ernüchtert. Die Nazis hatten sich bei ihren Genoziden und ihrem Vernichtungskrieg auf das indoeuropäische Erbe berufen. Der rassenkundliche Teil des indoeuropäischen Komplexes war einigermaßen diskreditiert. Die Suche nach den Sprecher_innen des Proto-Indoeuropäischen ging weiter, aber man war nicht mehr so erpicht darauf, die eigene Identität auf sie zu gründen. In den 1950er Jahren versuchte sich die Archäologin Marija Gimbutas an einem Neuansatz – und damit komme ich endlich wieder zu den Kurgans (den Grabhügeln wie der Filmfigur). Gimbutas sah in den Kurgans materielle Spuren der Indoeuropäer_innen. Die »Urheimat« verortete sie damit in der russischen Steppe. Doch Gimbutas ging noch weiter. Sie postulierte eine vor-indoeuropäische Zivilisation Alteuropas, die friedliebend, matriarchal und ackerbauend gewesen sei. Über diese neolithische Utopie seien die Indoeuropäer_innen, die Gimbutas sich als kriegslüstern und nomadisch vorstellte, mordend und brandschatzend hereingebrochen. Die matriarchale alteuropäische Zivilisation sei nach einem gewaltigen Eroberungszug durch die patriarchale Gesellschaftsform der Indoeuropäer_innen ersetzt worden. Aus den arischen Kulturträger_innen von einst ist damit ein barbarischer Haufen geworden, der seinerseits eine höher entwickelte Zivilisation vernichtete.

Ob Marija Gimbutas mit ihrer Kurganhypothese recht hatte, ist zweifelhaft, denn für einen Ansturm nach Hunderttausenden zählender, berittener Horden aus dem Osten, wie Gimbutas ihn sich vorstellte, gibt es weder historische noch archäologische Belege. Mir kommt es an dieser Stelle darauf an, dass die Indoeuropäer_innen à la Gimbutas haargenau so sind wie der Kurgan in Highlander: kriegerisch, barbarisch und brutal. Der Film-Kurgan ist der popkulturelle Niederschlag des Bedeutungswandels, den das indoeuropäische Erbe in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchgemacht hat.

Dienstag, 3. Januar 2017

Gibt es die faschistische Fantasy?

Faschismusvorwürfe gegen die Fantasy sind alles andere als selten. Als mythopoetische Literatur malt Fantasy zahllose Schlachten der Mächte des Lichts gegen die Horden der Finsternis aus. Solcher Hell-Dunkel-Dualismus kann schon mal an faschistische Ideologeme erinnern. Und gelten nicht einige Mythomanen des 19. Jahrhunderts, wie Nietzsche und Wagner, als geistige Wegbereiter des deutschen Faschismus? Die wohl prominenteste Auseinandersetzung mit dieser Frage ist Norman Spinrads Roman-Essay The Iron Dream, der sich von der Frage leiten lässt, wie ein Pulp-Fantasy-Roman aussähe, dessen Verfasser Adolf Hitler heißt. Der schwerwiegendste Einwand gegen Spinrads Gedankenspiel ist, dass es solche Pulp-Fantasy im Dritten Reich nicht gab. Die NS-Kulturpolitik verhielt sich gegenüber Unterhaltungsliteratur aller Spielarten eher ambivalent (was verschiedene Heftroman-Autor_innen allerdings nicht von ideologischen Anpassungsversuchen abhielt). Gut, Fantasy als Genre-Kategorie gab es damals ohnehin nicht. Aber wenn man Fantasy als (post-)moderne Fortsetzung des Märchens versteht, ist eine Sache sehr auffällig: In der Weimarer Republik gab es eine äußerst lebendige und vielfältige Märchenproduktion, die in der NS-Zeit aber fast ganz zum Erliegen kam. Unter der Ägide der Nazis wurden nahezu ausschließlich Neuausgaben von Märchenklassikern wie den Grimms veröffentlicht, oft versehen mit völkischen Interpretationen. Kreative Neuentwicklungen gab es dagegen kaum.

Das ist durchaus erstaunlich, denn Tatsache ist ja, dass die Nazis nicht nur Wagner und die Grimms anhimmelten, sondern auch mit großem Eifer ihre eigene Mythopoiesis betrieben: Rosenberg fabulierte in seinem Mythus des 20. Jahrhunderts vom Ursprung der arischen Rasse im untergegangenen Atlantis, der SS-Esoteriker Otto Rahn ging in Südfrankreich auf Gralssuche, Heinrich Himmler hielt die Ura-Linda-Chronik (eine Fälschung des 19. Jahrhunderts) für ein authentisches Dokument germanischer Vorgeschichte, und an den Universitäten des Dritten Reiches wurde die Space-Opera-mäßige Glazialkosmologie Hanns Hörbigers als Wissenschaft gelehrt. All diese mythologischen Spekulationen führten zum politischen Kunstverständnis der Nazis: Kunst sollte, so lautete ihre Auffassung, dieses mythische Weltbild darstellen und verbreiten. In der bildenden Kunst und in den Inszenierungen der Sonnenwendfeiern und Parteitage wurde das auch umgesetzt. Warum nicht in der erzählenden Literatur? Ein Grund dafür könnte sein, dass die führenden Nazis durchaus Sorge trugen, in den Augen der Welt nicht zu obskurantistisch zu erscheinen. Diejenigen NS-Bonzen, die allzu gern in Geheimlehren und Visionen einer mythischen Vorzeit schwelgten (wie Heinrich Himmler oder Rudolf Heß) mussten diese Vorlieben eher im Privaten pflegen, da sie sonst den Unmut Hitlers erregt hätten. Die Furcht davor, sich lächerlich zu machen, war ein beherrschendes Motiv in Hitlers Handeln.

Heutigen Nazis gehen solche Skrupel weitgehend ab. In den esoterischen und verschwörungstheoretischen Anteilen der rechten Szene herrscht ein mythologischer Wildwuchs sondergleichen. Zeit für einen Blick darauf, was die neuen Nazis über Fantasy denken. Eine unverzichtbare Quelle in dieser Hinsicht ist Metapedia, das Fascho-Wiki-Enzyklopädieprojekt. Deren Ansichten zur Fantasy lassen sich auf eine kurze Formel bringen: Tolkien gut, Rowling böse. An sich weiß Metapedia Fantasy zu schätzen – bis auf den Namen, der als Anglizismus abgelehnt und durch die umständliche Neuprägung »Fernweltenliteratur« ersetzt wird:
Fernweltenliteratur, oft auch als Fantasyliteratur bezeichnet, bezeichnet man eine im 20. Jahrhundert aufgekommene Literaturgattung, welche eine Untergattung der Phantastik darstellt und Motive der germanischen und keltischen Mythologie und Sagenwelt aufgegreift [sic]. Meist spielen die Handlungen in einer Parallelwelt, in welcher neben Menschen auch andere Wesen leben und der Entwicklungsstand etwa auf Höhe des sogenannten Heroischen Zeitalters oder des Mittelalters angesiedelt ist. Seltener dient aber auch die Vorgeschichte oder das frühe Altertum als Grundlage. Das wohl bedeutendste Werk der Fantasyliteratur, welches als Vorlage für viele weitere diente, ist »Der Herr der Ringe« des englischen Nordisten J. R. R. Tolkien.
Über Tolkien, den »Nordisten«, hat Metapedia dann einiges zu sagen:
Das Buch »Der Herr der Ringe« ist auch in nationalen und allgemein rechten Kreisen durchaus angesehen. Der Grund hierfür ist derselbe, weswegen es hin und wieder von linker Seite attackiert wird, nämlich der im Buch latent enthaltene, wenn auch auf die mythische Ebene verlagerte, Rassismus. So haben in der literarischen Welt Tolkiens die Vertreter der edlen Rasse (Elben) vorwiegend die Merkmale der nordischen Rasse, die Vertreter der abscheulichsten Rasse (Orks) hauptsächlich die Merkmale der negriden Rasse. Aber auch bei der in Mittelerde lebenden Menschengattung werden den allgemein helleren unter diesen – z.B. dem Volk von Rohan – weitgehend bessere Eigenschaften zugesprochen als den dunkleren Menschenvölkern, z.B. den unheimlichen Bewohnern des Haradwaith (Süderland). [...] Aufgrund der hohen Beliebtheit der Tolkien-Romane, werden diese Tatsachen von der veröffentlichten Meinung und den Einheitsmedien aber in der Regel totgeschwiegen.
Tolkien war also ein heimlicher Nazi, was aber von der jüdisch-marxistisch-freimaurerisch beherrschten Presse verheimlicht wird. Armer Trottel, der solches geschrieben hat.
Aufgrund der Tatsache, daß in dem Buch die Orks, die Vertreter des moralisch Schlechten, schwarze bzw. sehr dunkle Erscheinungen sind, während die Vertreter der edlen und moralisch höherstehenden Rassen entsprechend ihrer moralischen Stufe als immer hellere Erscheinungen dargestellt werden, gilt das Werk mittlerweile bei vielen Verfechtern der »multikulturellen« Ideologie [...], als nicht mehr »politisch korrekt« (»Vorwurf« des sogenannten »unterschwelligen Rassismus«), da der Leser durch die Lektüre evtl. Rückschlüsse und zutreffende Parallelen zur realen Welt ziehen könnte.
Da hat offenbar jemand die Taste mit den sogenannten Anführungszeichen entdeckt.

Auffällig ist hier, dass Metapedia sich einen typischen Feuilleton-Vorwurf gegen Tolkien zu eigen macht und ins Positive wendet. Im Zuge der Verfilmung des Lord of the Rings durch Peter Jackson erschien eine ganze Reihe von Kritiken, die den Filmen wie der Vorlage vorwarf, Gut und Böse anhand von rassifizierenden Merkmalen darzustellen: Die Guten seien bei Tolkien blond, hellhäutig und blauäugig, so heißt es oft.

Ganz unbegründet ist das nicht. People of Colour kommen im Lord of the Rings, in Gestalt der Haradrim, nur als Feinde vor. Auch trifft es zu, dass Tolkien gelegentlich die Farbe der Haare zur Codierung von Figuren gebraucht. So besteht eine klare Hierarchie unter den drei Elbenvölkern: Die Vanyar sind blond und stehen den Valar (den Engeln) am nächsten. Die Noldor und Teleri sind dagegen überwiegend dunkelhaarig. Innerhalb der königlichen Familie der Noldor wird der Kontrast besonders augenfällig. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratet König Finwe eine Vanya. Finwes Sohn aus erster Ehe, der aufrührerische Feanor, hat schwarze Haare, seine Söhne aus zweiter Ehe, Fingolfin und Finarfin, sind blond. Der Konflikt zwischen den finsteren Söhnen Feanors und den hellen Nachkommen Fingolfins und Finarfins prägt das gesamte Silmarillion. Unsinn bleibt die von Metapedia betriebene Tolkien-Aneignung dennoch. Weder sind Elben und Orks ›Rassen‹, noch tragen die einen ›nordische‹ und die anderen ›negride‹ Merkmale. Da war der rassistische Wunsch der Vater des Gedankens. Aber was hat diese komische Terminologie überhaupt zu bedeuten?

Die nazistische Rassenlehre stellt sich die Menschheit als eine Hierarchie von ›Rassen‹ vor. Sie teilt die Menschen zunächst in drei ›Großrassen‹ ein: die europide (oder kaukasische), die negride und die mongolide ›Großrasse‹. Die sollen im Großen und Ganzen den Bewohner_innen Europas (mit Russland und Vorderasien), des subsaharischen Afrika und Ostasiens entsprechen. Innerhalb der europiden ›Großrasse‹ gibt es noch einmal ein System von Abstufungen: An der Spitze steht die nordische oder arische ›Rasse‹ (gelegentlich auch als teutonisch bezeichnet). Der nordische Mensch soll groß, blond, hellhäutig und blauäugig sein – eben der Bilderbuch-Arier des Nationalsozialismus. Einigermaßen akzeptabel sind gleich darunter noch die westische und die dinarische ›Rasse‹. Die Angehörigen der westischen (auch keltischen oder mediterranen) ›Rasse‹ werden als braunäugig und -häutig, schwarzhaarig, klein und lebhaft vorgestellt. Dinarische Menschen sollen groß, derb, braunhaarig und adlernasig sein. Deutlich darunter kommt die ostische (oder alpine) ›Rasse‹ mit folgenden Merkmalen zu stehen: rundgesichtig, klein, plump und träge. Es ist leicht zu erkennen, dass es sich bei diesen ›Rassen‹ lediglich um Klischees von Menschen handelt: der Stereotyp des hünenhaften Wikingers, der Stereotyp des emotionalen Südeuropäers, der Stereotyp des stolzen Balkanbewohners, der besonders üble Stereotyp des russischen Untermenschen.

Die europide ›Rasse‹ ist zur Weltherrschaft ausersehen, hat aber darauf zu achten, dass das nordische Element in ihr stark bleibt, da sie sonst degeneriert und dem steten Ansturm der negriden und mongoliden Horden nichts mehr entgegen zu setzen hat. Das ist tatsächlich die Begründung für den Vernichtungskrieg des Deutschen Reiches gegen die Sowjetunion: Die überwiegend ›ostische‹ Bevölkerung der UdSSR müsse durch ›nordische‹ deutsche Siedler_innen ersetzt werden. Ganz außerhalb der gewöhnlichen Hierarchie stehen Jüdinnen und Juden. Sie bilden keine eigene ›Rasse‹, sondern stellen aufgrund ihrer Zerstreuung über die gesamte Welt ein unentwirrbares ›Rassengemisch‹ dar, dem nazistischen Reinheitswahn zum Hohn geradezu eine Anti-›Rasse‹. Daher gelten sie als besonders gefährlich und müssen ausgerottet werden. Das alles ist komplett idiotisch, kein Zweifel. Die hinter den verschiedenen ›Rassen‹ stehenden stereotypen Menschenbilder haben die Nazis jedoch nicht erfunden, sondern lediglich aufgegriffen und zu mörderischer Konsequenz getrieben. Die sogenannte Rassenkunde galt schon lange vor den Nazis als seriöse Wissenschaft, die etwa in den USA mit großem Eifer betrieben wurde und dort zweitweilig sogar die Einwanderungsgesetzgebung bestimmte.

Und Tolkien? Dem kann man sicherlich vorwerfen, dass er das Äußere seiner Figuren zur Gut-Böse-Codierung benutzt. Dass er seine Figuren aber bewusst nach rassenkundlichen Auffassungen gestaltet habe, wie Metapedia behauptet, ist im wahrsten Sinne des Wortes an den Haaren herbeigezogen. Leider haben die Verfilmungen einiges dazu beigetragen, der Behauptung, das Gute komme bei Tolkien stets blond und blauäugig daher, Futter zu geben. Im Roman haben nämlich weder Legolas, noch Boromir und Faramir blonde Haare, sondern sind alle drei schwarzhaarig. Von den Hobbits heißt es bei Tolkien, sie seien überwiegend braunhaarig, während die Filme Sam und Merry blond sein lassen. Anders als bei den Elben, die anderweltliche Wesen sind, sagt die Haarfarbe bei den Menschen im Lord of the Rings nichts über ihren moralischen Charakter aus. Auch wird in dieser Hinsicht schwerlich irgendetwas »totgeschwiegen«. Vielmehr ist zu vermuten, dass durch die Jackson-Verfilmungen die Vorstellung von den heroischen Blondschöpfen bei Tolkien beträchtlich verstärkt wurde. Wenn auf Metapedia begeistert erklärt wird, in ihren »rassischen Einteilungen und Bewertungen« seien die Verfilmungen »weitgehend werktreu und ehrlich«, so ist das nicht nur durch die rassistische Brille gesehen, sondern verrät auch einiges an Unkenntnis, was die literarische Vorlage angeht. Dennoch ist natürlich kritisch anzumerken, dass es Aspekte in Tolkiens Werk gibt, die dieser rassifizierenden Sichtweise Anknüpfungspunkte geben.

Über J. K. Rowling kann Metapedia sich dagegen kaum genug ereifern. Wie bei Tolkien sind es auch im Fall von Harry Potter in erster Linie die Verfilmungen, an denen das Nazi-Wiki sich abarbeitet, da sie, so heißt es, »in ihrer Multikulturalität eine dem jüdischen und liberalistischen Zeitgeist entsprechende Rassenvermischung sowie ›multikulturelle‹ Gesellschaft in Szene setzen und zudem die Erkenntnisse der Rassenkunde verdrehen, indem sie die Angehörigen der nordischen Rasse häufig als die moralisch Bösartigen, die Angehörigen nichtgermanischer Rassen sowie Mischlinge als moralisch höherstehend darstellen«. So etwas geht natürlich gar nicht. Aber es kommt noch ärger:
Nach der Machtergeifung der Todesser wird ein Terrorregime aufgebaut das sogar von der Autorin zugegeben Parallelen zur nationalsozialistischen »Diktatur« haben soll. Es ist deshalb fragwürdig ob solche politische Propaganda in einem als Kinderbuch gedachten Romanreihe etwas zu suchen hat. Die Frage nach der Reinhaltung des Blutes in den Romanen stellt ein Abbild der in der Realität vorhandenen Frage nach der Bewahrung der Rassen dar. Wie in der weißen Welt von offiziellen Stellen der Wunsch zur Erhaltung der europiden Großrasse als negativ gebrandmarkt ist und stattdessen Vermischung propagiert wird, soll auch dem Leser der Harry-Potter-Romane vermittelt werden, daß Abstammung eine untergeordnete Rolle spielt und Reinheit grundsätzlich abzulehnen ist.
»Politische Propaganda« in der Fantasy wird von Metapedia also abgelehnt, wenn sie antifaschistisch ist. Zugleich wird aber keine Mühe gescheut, Tolkien als »Nordisten« propagandistisch zu vereinnahmen. Tolkien selbst bezeichnete indessen den »Nordismus« der Nazis als »›Nordic‹ nonsense«:
I have spent most of my life [...] studying Germanic matters (in the general sense that includes England and Scandinavia). [...] I suppose I know better than most what is the truth about this ›Nordic‹ nonsense. Anyway, I have in this War a burning private grudge – which would probably make me a better soldier at 49 than I was at 22: against that ruddy little ignoramus Hitler (for the odd thing about demonic inspiration and impetus is that it in no way enhances the purely intellectual stature: it chiefly affects the mere will). Ruining, perverting, misapplying, and making for ever accursed, that noble northern spirit, a supreme contribution to Europe, which I have ever loved, and tried to present in its true light. (Letters 45)
Es ist eigentlich noch zu wenig gesagt, wenn Metapedia bemerkt, die moderne Fantasy greife auf germanische Mythologie zurück – jedenfalls ist es in Bezug auf Tolkien zu wenig gesagt. Mit Tom Shippey lässt sich Tolkiens Werk geradezu als Versuch verstehen, eine nur noch fragmentarisch vorhandene germanische Mythologie zu rekonstruieren. In dieser Hinsicht steht Tolkiens Werk in einer Linie mit Jacob Grimm, Viktor Rydberg und Richard Wagner. Im 20. Jahrhundert, das von zwei deutschen Weltkriegen geprägt wurde, erhielt ein solches Vorhaben aber zwangsläufig eine besondere politische Note: Deutschland sah sich als wahre Verkörperung des nordisch-germanischen Geistes, und scheute sich zugleich nicht, germanische Länder wie England, Holland, Dänemark und Norwegen anzugreifen und zu besetzen. In Nordeuropa erregte dieses Vorgehen nicht nur bei Tolkien Abscheu und Verachtung. Die germanische Identität, die das Deutsche Reich sich zusprach, wurde als kultureller Diebstahl empfunden. Niemand drückt das besser aus als A. S. Byatt in ihrer autobiographischen Fantasy Ragnarok: The End of the Gods. Byatt beschreibt, wie ihr jüngeres Ich (»the thin child«) während des 2. Weltkriegs einen Band über nordische Mythologie entdeckt und erstmals mit dem in Berührung kommt, was Tolkien den »noble northern spirit« nennt:
She read the introduction, about the retrieval of ›the old Germanic world, with its secrets and wonders ...‹ She was puzzled by the idea of the Germans. She had dreams that there were Germans under her bed, who, having cast her parents into a green pit in a dark wood, were sawing down the legs of her bed to reach her and destroy her. Who were these old Germans, as opposed to the ones overhead, now dealing death out of the night sky? The book also said that these stories belonged to ›Nordic‹ peoples, Norwegians, Danes, and Icelanders. The thin child was, in England, a northerner. The family came from land invaded and settled by Vikings. These were her stories.
Aus Sicht des Kindes Byatt wie des Familienvaters Tolkien verkörpern gerade nicht die den »noble northern spirit«, die in Dänemark und Norwegen einmarschieren und England mit Bombenteppichen überziehen, sondern diejenigen, die angesichts dieser Brutalität ausharren und gegen sie ankämpfen. Dass ein Organ wie Metapedia das nicht kapiert, ist nicht verwunderlich. Aber gibt es wirklich etwas, das den nordischen Geist edel macht, und die Aneignung der nordischen Mythologie durch die Nazis niederträchtig?

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.