Montag, 19. März 2012

Der Seraph

Auf der Leipziger Buchmesse wurde der Seraph-Preis an Christian von Aster verliehen, der für seinen Roman Der letzte Schattenschnitzer ausgezeichnet wurde. Der Tagesspiegel berichtete darüber in einer Art und Weise, die viele Fantasyleser_innen aufhorchen und Gunda Bartels’ Artikel »Eine Welt ist nicht genug« in den einschlägigen Foren und Facebookseiten die Runde machen ließ. In der Tat heben Bartels’ Worte sich wohltuend ab vom eintönigen Lamento über Weltflucht und Kulturverlust, welches die Berichterstattung über Fantasy prägt, und ihr Artikel rückt Elke Heidenreichs diesbezügliche Positionierung aus dem letzten Jahr in ein dezidiert kritisches Licht.

Die Aufmerksamkeit, die der Tagesspiegel-Artikel erhält, zeigt jedoch auch, wie sehr Fantasy und ihre Liebhaber_innen sich noch immer in der Defensive bewegen. Es scheint nach wie vor notwendig zu sein, ostentativ auf die Tugenden des Genres hinzuweisen, um das Genre insgesamt besser dastehen zu lassen. Eine ähnliche Problematik offenbart sich am Anlass des Artikels selbst, am neugeschaffenen Seraph-Preis. Der wird in diesem Jahr erstmalig vergeben, und zwar von der eigens gegründeten Phantastischen Akademie e.V. Dieser »Verein zur Förderung der phantastischen Literatur in Deutschland«, so die Selbstbeschreibung, ist im Umfeld der Literaturagentur Schmidt & Abrahams und des Verlags Feder & Schwert entstanden. Mit dem Preis erhofft man sich nicht nur, einen Beitrag zur Nachwuchsförderung zu leisten (es gibt neben dem Hauptpreis eine dotierte Rubrik »Bestes Debüt«), es wird explizit auch darauf gesetzt, durch die Preisverleihung auf einer renommierten Buchmesse das Image phantastischer Literatur zu verbessern. Die Jury ist zu zwei Dritteln mit Lektorinnen und Verlagsmitarbeitern besetzt. So vermag es kaum zu überraschen, dass der Preis an bei Klett-Cotta erschienenen Letzten Schattenschnitzer ging; Hobbit-Presse-Lektor Stephan Askani steht in der Liste der Jurymitglieder an erster Stelle. Über Sinn und Unsinn des Seraph wurde daher nicht wenig diskutiert. Literaturpreise als Form des Selbstmarketing zu gebrauchen, ist traditionellerweise vor allem im SF-Bereich eine häufig geübte Praxis.

Dennoch finde ich die Vorgehensweise der Phantastischen Akademie nicht weiter schlimm. Das anspruchsvollere Segment der Genre-Fantasy hat im deutschsprachigen Raum – siehe oben – nach wie vor keine Lobby. Sollten Verein und Preis es in Zukunft vermehrt schaffen, die Öffentlichkeit auf grenzüberschreitende und kreative Ausprägungen der deutschsprachigen Fantasy hinzuweisen, hätten sie ihren Daseinszweck erfüllt. Die Voraussetzung wäre natürlich, dass die Jury sich auch wirklich auf dieses Segment konzentriert. In diesem Jahr hat sie das meines Erachtens getan, zumindest in Ansätzen, wie die Nominierungslisten zeigen – Christian von Aster, Marcus Hammerschmitt, Boris Koch und Tobias O. Meißner zum Beispiel zählen nicht zu den immergleichen Autor_innen, die bei einem Publikumspreis wie dem Deutschen Phantastik-Preis (DPP) quasi als Selbstläufer die oberen Ränge dominieren.* Wenn die Seraph-Jury bei diesem Kurs bleibt, kann es ihr gelingen, eine Nische zu besetzen und auf die anderen Gesichter der Fantasy hinzuweisen, die hinter Bestsellerstapeln und Publikumsvoten oft zu Unrecht verborgen bleiben. Nur eines sollte der Trägerverein schleunigst ändern, bevor es zu spät ist: Der Name »Phantastische Akademie« impliziert ein wissenschaftlich-akademisch ausgerichtetes Tätigkeitsfeld, von dem in der Selbstbeschreibung des Vereins aber weit und breit nichts zu erkennen ist. Eine Namensänderung wäre das geeignete Mittel, um Vorwürfen von Etikettenschwindel entgegenzutreten.

Neben dem Letzten Schattenschnitzer wurde übrigens Nina Maria Marewskis Die Moldau im Schrank in der Kategorie »Bestes Debüt« mit dem Seraph ausgezeichnet, ein Buch, welches auch für einen ganz anders gelagerten Preis, nämlich den »Kuriosesten Buchtitel des Jahres«, nominiert war.**

Update

Eine leicht überarbeitete (und daher etwas längere) Fassung dieses Posts ist in der April-Ausgabe des Fandom Observer erschienen, die hier kostenlos heruntergeladen werden kann (PDF-Format). Mein Beitrag findet sich auf S. 8. Daneben gibt es Berichte von der Leipziger Buchmesse und vieles mehr. Besonders hervorzuheben ist die Rezension von John Carter, die gewissermaßen als Kontrapunkt zu meinem Beitrag mit dem Satz »Fantasy ist im Grunde ihres Herzens albern« beginnt.

* Mit einer Ausnahme: In der DPP-Kategorie »Bestes deutschsprachiges Romandebüt« tummeln sich regelmäßig interessante Titel.
** Dieser Preis ging dann allerdings an  eines dieser Venusfrauen-und-Einparkmänner-Machwerke: Frauen verstehen in 60 Minuten von einer gewissen Angela Troni. In der Begründung heißt es, das Buch könne glatt von Mario Barth unter einem Pseudonym verfasst worden sein. Angela Troni gibt es jedoch wirklich, sie versteht den Mario-Barth-Vergleich offenbar als Auszeichnung, und wahrscheinlich ist das alles auch haargenau so gemeint. Ächz.

Kommentare:

Enpunkt hat gesagt…

Schöner Kommentar. Der Seraph und die Verleihung des Preises in dem Rahmen auf der Leipziger Buchmesse ist eine schöne Geschichte - und beim ersten Mal wurde er auch richtig gut präsentiert. Es ist zu hoffen, dass das so weitergeht ...

Der Hinweis auf den möglicherweise irreführenden Titel der Akademie ist ... ähm ... interessant. Sollte man vielleicht noch mal diskutieren.

JL hat gesagt…

Guter Artikel, aber ein paar Anmerkungen dazu:

1. Dotiert ist lediglich der Debütpreis. Das heißt, Nina Maria Marewski gewann 2000 Euro, Christian von Aster nicht. Gerade, dass ein bislang weitgehend unbekanntes Werk eines jungen Schweizer Verlags diese Auszeichnung erhielt, ist für mich ein gutes Zeichen für die Unabhängigkeit der Jury.

2. Es wurde und wird des öfteren kritisiert, dass Christian von Aster von Schmidt & Abrahams vertreten und von Klett-Cotta verlegt wird. Es sei darauf hingewiesen, dass die Agentur aktuell über 80 Autoren vertritt, viele davon aus dem Bereich Phantastik, und es daher fast unvermeidlich ist, dass sich unter den von den Verlagen Nominierten auch solche Autoren finden (wenn man diese nicht von vornherein disqualifizieren oder einer Agentur das Recht auf die Ausrichtung eines Preises generell absprechen möchte).

Die Agentur hat aber kein Stimmrecht -- nur die Jury hat dieses. Dass Stephan Askani dort nun "an erster Stelle" steht, liegt daran, dass sein Nachname mit "A" beginnt; seine Stimme hat aber das gleiche Gewicht wie die der übrigen 14 Jury-Mitglieder, unter denen sich auch viele andere Lektoren finden, die ebenfalls Titel am Start hatten (das genaue Prozedere wird auf der Homepage erklärt).

3. Weiterhin sei darauf hingewiesen, dass diese Jury keineswegs so bleiben muss, sondern jedes Jahr neu bestellt wird. Ich weiß, dass die Akademie auch daran interessiert ist, den Kontakt zu Literaturwissenschaftlern auszubauen -- nicht zuletzt, weil man sich einer gewissen "Bringschuld" aufgrund des gewählten Namens durchaus bewusst ist.

4. Als Literaturwissenschaftler wie Leser halte ich die Wahl für eine gute Wahl. Beide Bücher sind sehr interessante Titel, und auch nicht allzu bekannt. Hätte beispielsweise Markus Heitz das Rennen gemacht (so sehr ich ihn schätze), hätte man sich schon fragen müssen, ob man (oder auch er) einen weiteren Preis wirklich braucht. So halte ich den Seraph insgesamt für eine gute Ergänzung zum DPP (den ich selbst schon gewann und der mir nicht zuletzt daher auch sehr am Herzen liegt): andere Messe, anderes Wahlverfahren -- andere Ergebnisse.

5. Ehe man auch mich als befangen abtut: Ja, auch ich werde von Schmidt & Abrahams vertreten. Ich bin Fördermitglied der Akademie und habe mich daher an der Wahl zur Shortlist beteiligt (das kann übrigens jeder). Ich habe gerade aufgrund meiner Nähe zur Akademie aber auch eine gewisse Vorstellung davon, wie viel Arbeit es war, einen Sponsor für die 2000 Euro zu finden, bis die Stadtwerke Leipzig schließlich zusagten, und wie nervenaufreibend es für alle Beteiligten war, die bis kurz vor knapp selbst nicht wussten, wer das Rennen machen würde. Dies ist zumindest, wie ich das alles erlebt habe -- und ich schreibe dies ungebeten und vor allem deshalb, weil sich mein persönlicher Eindruck stark von den erwähnten Vorbehalten (die ich durchaus nachvollziehen kann) unterscheidet.

Anubis hat gesagt…

Vielen Dank für das Feedback. Auf JLs Punkte gehe ich mal der Reihe nach ein, weil ich sie für notwendige Ergänzungen zum Blogpost halte.

Zu 1.: Danke auch für den Hinweis mit dem Preisgeld, das wusste ich nicht und habe es jetzt im Blogpost korrigiert. Ohne Marewski und ihr Werk näher zu kennen, finde auch ich die Preisverleihung an sie ein gutes Zeichen dafür, dass die Jury sich traut, ungewöhnliche Entscheidungen zu treffen.

Zu 2. und 5.: Den Zusammenhang mit Agentur und Verlag habe ich vor allem deshalb erwähnt, um den naheliegenden Vorwürfen begegnen zu können. Ich selbst finde das Vorgehen völlig legitim (auch wenn ich mir nicht wünschen würde, dass jeder Buchpreis auf diese Art und Weise ermittelt wird) und habe auch nicht angenommen, dass Schmidt & Abrahams sich irgendwie direkt in die Arbeit der Jury einmischen könnte.

Bleibt der Preis, was die inhaltliche Ausrichtung angeht, beim bisherigen Kurs, halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass auch die zukünftig für den besten Roman Ausgezeichneten bei Klett-Cotta, Feder & Schwert, Heyne oder Piper veröffentlichen. Über die Bedeutung dieser Verlage für die Fantasy in Deutschland muss man ja keine weiteren Worte verlieren.

Zu 3.: Tagungen etc. zu veranstalten, wäre natürlich auch eine Möglichkeit, den Namen Phantastische Akademie mit Inhalt zu füllen.

Zu 4.: Ohne den Letzten Schattenschnitzer gelesen zu haben, halte ich Christian von Aster auch für eine gute Wahl. Marewskis Buch hat mich sehr neugierig gemacht, ist zur Zeit aber leider nicht im Budget drin. Ich hoffe auf eine Taschenbuchausgabe.

Das nur als Anmerkungen zu den Anmerkungen, die ich allesamt für interessant und treffend halte.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.