Freitag, 12. November 2010

Wir diskriminieren nicht, aber was war noch mal die Frage?

In der englischsprachigen SFF-Blogosphäre gibt es momentan eine spannende Gemengelage an Diskussionen. Bereits verwiesen habe ich auf N.K. Jemisins furiose Attacke gegen den Anti-PC-Mob. In Jim C. Hines' Blog entspann sich eine Diskussion über die (in meinen Augen sehr richtige) Entscheidung von WisCon, Elizabeth Moon nach ihren islamophoben Äußerungen doch nicht als Ehrengast einzuladen.*

Jim Hines weist außerdem im Zusammenhang mit der kürzlich über die Bühne gegangenen World Fantasy Con auf ein häufig verdrängtes Thema hin: Sexuelle Belästigung in der SFF-Szene. Meine Erfahrung nach muss man schon bei der Veranstaltung von mittelgroßer Parties damit rechnen, dass gegen Sexismus gerichtete Plakate (die z.B. informieren, dass von sexueller Belästigung Betroffene sich an die Veranstalter_innen wenden können) beschmiert oder abgerissen werden. Es wäre sträflich naiv zu glauben, dass in der SFF-Szene mit ihren regelmäßigen Großveranstaltungen diese nicht zu sexistischem Verhalten und Übergriffen ausgenutzt würden. Nicht naiv, sondern schlicht böswillig sind allerdings die zahlreichen Versuche, das Thema unter den Teppich zu kehren. Um so wichtiger, das Schweigen zu durchbrechen und immer wieder offensiv darauf hinzuweisen.

Natürlich hängen all diese Diskussionen nicht frei in der Luft. Angestoßen werden sie meist (nicht immer) von besonders eklatanten Zurschaustellungen rassististischer und sexistischer Attitüden. Verwiesen sei hier nicht nur auf Elizabeth Moons Islamophobie, sondern auch auf Lois McMaster Bujolds Reaktion, als Patricia Wredes Thirteenth Child vorgestellt wurde, eine Pioneer Fantasy, in der die weißen Eroberer auf ein Amerika ohne indigene Urbevölkerung stoßen. Als Kritik an Wredes Buch laut wurde, reagierte Bujold folgendermaßen:
You should read the book [...] and then we could be discussing the real book and not the distorted shadow of it that apparently sprang up in your head from the description.**
People who come down on the social-engineering side do tend to value a book by how well it serves some agenda outside of itself.***
Darauf hingewiesen, dass viel Kritik an Wredes Roman von indigenen Aktivist_innen komme, antwortete Bujold heuchlerischerweise, im Gegensatz zu den Aktivist_innen spende sie regelmäßig Geld, um die nordamerikanische Urbevölkerung karitativ zu unterstützen (»Talk is cheap,« so Bujold dumm und zynisch).**** Die einzig passende Erwiderung darauf wurde bereits gegeben:
Why is it so important that you, a white person, tell other white people what they can do to help the poor unfortunate Indians, instead of listening to what the people of color are saying here? Because their words are cheap if they don't have the money to make a public boast about their charitable contributions?
Nuff said. Kurz erwähnt sei noch die Kontroverse um das Mammoth Book of Mindblowing SF – eine Anthologie, die mit dem Anspruch auftrat, eine repräsentative Auswahl der besten SF-Stories zu versammeln. Alle aufgenommenen Stories stammen von weißen Männern. Paul Di Filippo, der einen Exklusivbeitrag für die Anthologie verfasst hatte, versuchte diese Tatsache durch biologistische Metaphern zu rechtfertigen. Die Abwesenheit von Frauen und POCs kommentierte er folgendermaßen:
You know what:  a potato field is not likely to contain corn plants. A pine forest might feature an oak or three, but be 99% pine trees. My ream of copy paper is all white, with no sheets of lettuce included!
K. Tempest Bradford fand die richtige Antwort:
Statistics DO NOT MATTER, what matters is that anthologies that showcase the genre that do not include women or people of color are wrong. In principle. It is never okay to exclude or marginalize women or POC because you (the editor or whoever) don't care to seek out their work or dismiss it simply because it doesn’t appeal to your white maleness. That's simply unacceptable in these days, kind of like it’s simply unacceptable for you to come along and compare women and minorities TO FUCKING VEGETABLES.*****
Dies sind nur einige Beispiele, aber vielleicht geben sie ja einen Eindruck davon, was sich abspielt. Es lässt sich natürlich nicht ignorieren, dass diese Debatten in der Regel im persönlichen Verhalten einzelner ihren Anlass finden und in der Folge nicht zu einer grundsätzlichen Kritik an sexistischen und rassistischen Strukturen fortschreiten. Bemerkenswert finde ich im Moment aber vor allem, dass die anglophone Szene einen Raum bietet, kontrovers über diskriminierendes Verhalten zu diskutieren – während in der deutschsprachigen SFF-Szene kaum etwas davon ankommt. Das liegt sicher nicht nur an allgemein verbreitetem Desinteresse an gesellschaftlich-politischen Ungleichheiten, die oftmals als ›Minderheitenprobleme‹ abgetan werden.

Die deutschsprachige SFF-Szene versteht sich in der Regel als leicht alternativ angehaucht und durchaus aufgeschlossen. Nicht selten führt dieses Selbstverständnis dazu, dass die Bedeutung einer expliziten, kritischen Auseinandersetzung mit Sexismus und Rassismus in den eigenen Reihen heruntergespielt oder ganz ignoriert wird: Schließlich ist man selber nicht (intentional) rassistisch oder sexistisch.

Um zu merken, dass es damit so weit nicht her ist, muss man nicht lange graben. Besonders bei Diskussionen über einzelne Werke kommt es immer wieder zu Aussagen, es sei unglaubwürdig, wenn in einer ›mittelalterlichen‹ Sekundärwelt kämpfende Frauen auftreten. Oder der immer wieder geäußerte Relativierungsversuch, der Autor meine es nicht so, sondern schildere nur den in seiner Sekundärwelt üblichen Sexismus, das sei nun mal so. Die diskriminierende Normativität, die solche Inhalte zwangsläufig transportieren, wird dadurch einfach geleugnet – zuweilen auch von Fans, die sich bewusst distanzieren von Autoren, die wie Orson Scott Card und Terry Goodkind regelmäßig durch reaktionärste Ansichten auffallen. Unausgesprochen bleibt dabei die implizite Verengung des Blicks, die durch den in der Szene vorherrschenden Euro- und Androzentrismus zwangsläufig vorhanden ist.

Eine fundierte Kritik an diskriminierenden Inhalten spekulativer Literatur und diskriminierenden Strukturen liegt wohl noch in weiter Ferne. Ein Nahziel könnte aber sein, dass in der deutschsprachigen Szene rassistisches und sexistisches Verhalten und Schreiben so offen angesprochen werden kann, wie es im angloamerikanischen Raum geschieht. Und – was ich eigentlich nicht erwähnen will, vorsichtshalber aber dennoch tue – damit meine ich genau nicht, dass der ebenso essentialistische wie blödsinnige Knüppel, Fantasy sei generell reaktionär und ihre Fans rückwärtsgewandte Waldschrate, ein weiteres überflüssiges Mal aus dem Sack geholt wird.

* Erwartungsgemäß ist nach der Bekanntgabe der Entscheidung das Gegeifer groß und die Liste abstruser Vorwürfe lang. Ich kann mich dennoch des Gedankens nicht erwehren, dass die ideologische Verblödung einiger Fans (»Will there be a ritual burning of her books?«) wahrhaftig unverhoffte Ausmaße annimmt.
** Klick! 
*** Klick!
**** Bujold sah sich angeblich veranlasst, Thirteenth Child zu verteidigen, weil sie die Autorin zu dem Buch inspiriert hatte. Die Vorgehensweise, den Kritiker_innen vorzuwerfen, sie hätten das Buch gar nicht gelesen, und ihnen eine politische ›Agenda‹ vorzuwerfen, hat sie sich natürlich nicht ausgedacht. Die kommt bei solchen Debatten vielmehr regelmäßig zum Tragen. Wer ein ›indianerfreies‹ Nordamerika imaginiert, vertritt dagegen anscheinend keine Agenda...
***** Beide Zitate stammen von der unter dem Buchtitel verlinken Seite.

Kommentare:

Gerd hat gesagt…

Äh ... bei aller Sympathie für deine Bestrebungen, Anubis/Marengo, aber in Sachen "The Thirteenth Child" kann ich dir ehrlich gesagt nicht ganz folgen. "Was wäre, wenn" ist nun einmal eine Standard-SF-Prämisse (die sich gelegentlich auch die Fantasy zueigen macht - und warum auch nicht?), und wenn in Zukunft keine Geschichten mehr geschrieben werden dürfen, weil man mit der angedachten Prämisse irgendjemandem auf die Füße treten könnte - je, nu, dann ist dieses Subgenre demnächst tot.

Es gibt eine Menge Romane, in denen Hitlerdeutschland den 2. Weltkrieg gewonnen hat. Glaubst du wirklich, die wurden alle von verkappten Nazis verfasst, die ihre Wunschträume zu Papier gebracht haben?

Und was ist mit "The Years of Rice and Salt"? Wollen wir eine Petition beim Europäischen Gerichtshof starten, dass Mr. Robinson doch bitteschön in Zukunft die Einreise nach Europa verwehrt wird - schließlich hat er uns und unsere ach so unvergleichliche Kultur von der Landkarte seiner Parallelwelt getilgt? Oder sollen wir uns gleich eine säkulär-abendländische Form der Fatwa ausdenken?

Oder was ist mit Steve Barnes und seiner Insh'Allah-Serie, in der er Europa zu einem von Stammeskonflikten geprägten, unzivilisierten Hinterhof des Weltgeschehens degradiert? Sollten - nein müssten - wir da nicht dringendst was tun? Ich meine, uns als Hinterwäldler darzustellen ist ja nun wirklich diskriminierend ... ;)

Man muss nicht nach jeder Fliege schnappen, die vorbeifliegt ...

Anubis hat gesagt…

Ich finde, mit der Frage, ob etwas geschrieben werden darf, hat das hier rein gar nichts zu tun. Ich persönlich bin strikt gegen jede Zensur; von mir aus können alle alles schreiben und veröffentlichen, was sie wollen. Genauso gut könnte ich als Gegenfrage stellen: Soll Kritik verboten werden? Wird man jetzt unter eine sogenannte Fatwa gestellt, weil man Literatur ideologiekritisch betrachtet? Darf man Bücher nur noch unter der Prämisse lesen, dass Ästhetik und Politik nichts miteinander zu tun haben?

Im Ernst — man sollte sich schon darüber im Klaren sein, was man schreibt bzw. tut. Ein Roman wie Thirteenth Child ist einfach von seiner Grundprämisse her kontrovers. Hätte die Autorin das im Buch selbst kritisch reflexiert, hätte sie damit gezeigt, dass sie den kontroversen Charakter der Idee verstanden hätte (vielleicht hat sie's auch; ich habe das Buch nicht gelesen). Ein Autor wie Michael Chabon z.B., der gelegentlich mit dem Prinzip »Was wäre, wenn...« arbeitet und regelmäßig das Thema der Schoa aufgreift, ist sich der Schwierigkeiten, die das hervorrufen kann, sehr bewusst.

Wenn dagegen einer Lois McMaster Bujold, die gemäß eigener Aussage Wrede die Inspiration geliefert hat, zu jeglicher Kritik nichts besseres einfällt, als die üblichen Keulen auszupacken (wer das Buch kritisiert, hat es nicht gelesen/verfolgt eine politische Agenda/sieht nicht den künstlerischen Wert etc. pp.), finde ich das — gelinde gesagt — irritierend. Und wenn sie dann auch noch anfängt mit »Ich helfe den Indianern doch...«, weiß ich wirklich nicht, ob eher Dummheit oder Dreistigkeit im Spiel ist.

Das Problem ist keineswegs das »Was wäre, wenn...« an sich, sondern dass viele (weiße, westliche) Autor_innen schlichtweg nicht kapieren, dass das Spielen mit der Geschichte oder mit alternativen Realitäten für sie nicht das gleiche bedeutet wie für andere Menschen. Man pflegt die Sache anders zu sehen, sobald man sich selbst betroffen fühlt — weswegen die Weltpolizei-Phantasien mancher Golden-Age-Autoren oder gewisse Lobgesänge auf den Turbokapitalismus (die keine Fantasy sind, sondern Fielosohfie...) in Europa ja auch durchaus kritisch gesehen werden.

Deswegen hinkt auch der Vergleich mit dem »Was wäre, wenn Europa abgedankt hätte?«, wie ich finde. Denn es können noch so viele Bücher mit dieser Idee erscheinen — sie ändern nichts an der Tatsache, dass wir zur privilegierten Minderheit auf dieser Welt gehören. Szenarien wie das aus Andreas Eschbachs Solarstation, in dem Südostasien den Westen als führenden Technologieproduzenten abgelöst hat, repräsentieren sicherlich eine diffuse Angst vieler Menschen, aber unser Leben wird dadurch nicht unbequemer. Es würde ja auch niemand, der/die bei Verstand ist, behaupten, die USA würden diskriminiert durch die zahlreichen Szenarien vom postapokalyptischen Nordamerika.

Es macht eben einen Unterschied, ob man so etwas aus einem unhinterfragten Privilegiertenstatus betrachtet oder oder nicht. Literatur, die mit erfundener Geschichte spielt, kann nicht so tun, als sei sie nicht auf die reale Geschichte, die leider nun mal laufend Menschenopfer fordert, bezogen.

P.S.: Vor all den antifaschistischen Alternativgeschichten über den Nazi-Endsieg gab es durchaus auch völkische SF, die das 1000jährige Reich utopisch verklären wollte. Es kommt eben durchaus darauf an, wie das »Was wäre, wenn...« jeweils ausgeführt wird.

Reitersmann hat gesagt…

Nick DiChario: Valley of Day-Glo.

Anubis hat gesagt…

Tag Reitersmann,

falscher Kommentarthread? Ich nehme an, der Hinweis ist für die 100er-Liste gedacht...

Reitersmann hat gesagt…

Nö, lediglich eine Übung in "lakonischer Kommentar". In DiCharios kleinem Roman sind nach dem Kollaps alle ausgestorben bis auf die nordamerikanischen Indianer, die als Einzige weitermachen. Große kleine Menschheitstragikomödie.

Anubis hat gesagt…

Ah. Jetzt. Ja. Klingt lesenswert, was ich bis jetzt darüber gefunden habe.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.