Samstag, 18. September 2010

Elizabeth Moon: »Viele Muslime sind mit allen Tugenden zivilisierter Menschen ausgestattet«

Die SF-Autorin Elizabeth Moon hat auf ihrem Blog MoonScape ein bemerkenswertes Konglomerat aus Standortnationalismus, Manifest-Destiny-Geschleime, bourgeoisem Pseudofeminismus und rassistischem Islam-Bashing losgelassen: »Citizenship«. Der Eintrag bekam über 500 Kommentare, die mittlerweile jedoch von Moon gelöscht wurden. Weitere Kommentare soll es auf Moons Blog nicht mehr geben: »Es ist an der Zeit, den Pöbel hinauszuscheuchen und die Tür zu schließen.«

Dafür haben der World SF Blog und Pat Auszüge aus Moons Text veröffentlicht, und dort kann er weiterhin kommentiert werden. Auf dem Feminist SF Blog setzt yonmei sich ausführlich mit Moons Roman Trading in Danger im Licht ihres Blogposts auseinander. Von dort wird auch verlinkt zu Kopien der gelöschten Kommentare.

Vorurteile über muslimische Immigrant_innen zu schüren, ist allerdings nicht das einzige Anliegen von Moons Post. Sie beginnt mit der Aussage, »the business of a citizen is the welfare of the nation.« Der Nationalstaat habe nicht nur seinen Bürger_innen Rechte zu gewähren, sondern die Bürger_innen müssten Verantwortung für die Nation übernehmen. Verantwortungsbewusste Bürger_innen zeichneten sich aus, indem sie dem Wohlergehen der Nation persönliche Opfer (»personal sacrifice«) brächten und dies auch – was besonders aussagekräftig ist – von anderen, insbesondere von zukünftigen Generationen forderten. Die Gründerväter der USA hätten schließlich so gehandelt, jaja.

Moon selbst stellt allerdings vor allem Forderungen an muslimische Immigrant_innen. Persönliches Opfer ist dabei bezeichnenderweise nicht gleich persönliches Opfer. »That some [US American] Muslims died in the attacks [of 9/11] is immaterial—does not wipe out the long, long chain of Islamic hostility.« Dass bei den Anschlägen auf das World Trade Center Muslime in den Trümmern ums Leben kamen, zählt also nicht. Um das Wohlgefallen von Elizabeth Moon zu finden, ist es offensichtlich nicht ausreichend, zufällig zum Opfer eines terroristischen Anschlags zu werden. Man muss sein Leben schon willig und bewusst auf dem Altar der Nation opfern.

Die Vereinigten Staaten hätten schon immer Probleme mit Immigrant_innen gehabt. Dafür hat Moon eine naturalistische Erklärung: Es liege in der menschlichen Natur, sich tribalistisch zu verhalten, sich in kleinen Gruppen voneinander abzuschotten. Der Staat müsse »ihre [der Immigrant_innen] eingeborene Kultur niederreißen«, sonst käme es zu Kulturkämpfen. Und das sei natürlich – natürlich – bei denjenigen am schwierigsten, die es aufgrund ihrer Geschichte am schwierigsten fänden, über ihre »Natur« hinauszuwachsen.

Am schwierigsten fällt es in Moons Augen, wie sich offenbar von selbst versteht, migrantischen Muslimen, über ihre Natur hinauszuwachsen. Muslime sind in den USA anscheinend nicht nur allesamt eingewandert – in den USA geborene, englischsprachige Muslime scheint es nicht zu geben –, sie sind auch noch eine Art Naturwesen, durch ihre Geschichte dazu angehalten, sich gemäß ihrer wilden Eingeborenenbräuche zu verhalten. Dass dies ein klassischer, aber sehr präsenter rassistischer Topos ist, brauche ich nicht weiter auszuführen. Moon schreibt zynisch: »We have always had trouble with immigrants (the native peoples had the most troubles with immigrants!).« Sie identifiziert also auf abenteuerliche Weise die weiße, christliche Mehrheitsbevölkerung der USA (»We«) mit der nahezu ausgerotteten nordamerikanischen Urbevölkerung. Damit stilisiert sie nicht nur ihre eigene WASP-Binnengruppe zu unschuldigen Opfern des »trouble with immigrants«, sie unterstellt den eingewanderten Muslimen auch noch, sie seien fähig einen Völkermord zu begehen (der eigentlich auf das Konto der Binnengruppe geht, was aber zwischen den Zeilen verborgen bleibt).

In der Folge führt Moon aus, wie falsch es sei, »to let Muslims believe stuff that unfits them for citizenship«, wie Muslime mehr nähmen als gäben, dass man von ihnen zu verlangen habe, sich unauffällig zu benehmen, der weißen Mehrheitsbevölkerung am besten gar nicht erst aufzufallen. Dies sei notwendig, damit Muslime sich die staatsbürgerlichen Rechte verdienen könnten, welche die Nation ihren Bürger_innen verleiht. Dass solche Rechte de facto nicht allen Menschen frei und gleichermaßen zukommen, illustriert Moon auf beeindruckend abstoßende Weise, indem sie das Recht, Rechte zu haben, an Verdienste koppelt und mit ihrer rassistisch-naturalistischen Argumentation proklamiert, dass einige von »Natur« aus besser geeignet seien, solche Rechte zu besitzen und auszuüben. Wohl entgegen ihrer Absichten exemplifiziert sie damit den Bankrott linksliberaler citoyen-Ideologien, bzw. deren Unfähigkeit, Rassismus und Ausgrenzung etwas wirkmächtig entgegenzusetzen.

Zum Schluss noch Auszüge aus dem dümmsten und dem klügsten Kommentar, die ich bislang zu Moons Eintrag gelesen habe, beide bei Pat’s Fantasy Hotlist abgegeben. Der erste erschien anonym:
I will read her books now, knowing that she is smarter than 99% of today’s authors, which consist of completely unrealistic bleeding heart radical lefties.
Da bleibt mir doch nur übrig, angenehme Lektüre zu wünschen und vielleicht noch einmal neu darüber nachzudenken, warum diese unsägliche Military SF (wie Moon sie schreibt) eigentlich so viel produziert und gelesen wird. Liegt es am Rassismus der Autor_innen oder an den intellektuellen Fähigkeiten der Leser_innen? Der zweite stammt von  Eric M. Edwards:
She’s cloaking racism of a dangerous sort – one linked to her own illogical faith which hasn’t a leg to stand on when it comes to intolerance, violence, and rubbing people the wrong way – with a flawed defense of an America that doesn’t exist, based on American history that never was.
Wohl wahr.

Sofern die Zitate im Titel und im Eintrag ins Deutsche übertragen wurden, stammt die Übersetzung von mir.

Kommentare:

Reitersmann hat gesagt…

Das alte Heinlein-Gespenst, aufgepeppt für die neue Zeit und ziemlich konkret ausformuliert, wie mir scheint. Große Wirkungsmacht in den USA bis heute, ganze Genre-Traditionslinien kommen daher. Wir erinnern uns, dass in "Starship Troopers" nur solche Bürger das Wahlrecht erhielten, die den Militärdienst abgeleistet hatten. War zwischenzeitlich mal der erfolgreichste SF-Roman überhaupt, kam aber aus einem anderen, vom WKII definierten Kontext (wir denken an die Schlussbemerkung des Romans). Aber da Amerika sich heute ja wieder im "Krieg" befindet (oder Leute wie Moon und ihre Denkschule einem das partout einreden wollen), sind eben wieder alle ideologischen Mittel erlaubt.

Anubis hat gesagt…

Interessant finde ich, dass jetzt gerade diese Genre-Traditionslinie aufgewärmt wird, die vom pflichterfüllten Dasein fürs Vaterland, und nicht die andere, die vom hyper-individualistischen Übermenschen-Entrepreneur, der tagein, tagaus mit dem Zerschmettern von Kollektivistengesocks und evil ideas beschäftigt ist. Und wenn's auch nicht immer gleich Objektivismus sein darf, ist ein gewisser Vulgärnietzscheanismus ja nicht ganz unbekannt in SF und Fantasy. Vielleicht ist diese zweite Traditionslinie weniger krisenfest, und sobald es um Kräg und ähnlich ernste Dinge geht, wird lieber wieder an die Gemeinschaft appelliert...

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.