Donnerstag, 10. Juni 2010

Nibelungen en gros

Wozu es eigentlich diese Konvention gibt, dass es sich für deutsche Fantasy-Autor_innen irgendwie gehört, sich des Nibelungenstoffs schriftstellerisch anzunehmen, ist eine berechtigte Frage. Wer im angloamerikanischen Sprachraum schreibt, ist auf ähnliche Weise der Artussage verpflichtet; und was französische und italienische Autor_innen des Genres machen, weiß ich nicht. Allen gemeinsam ist nur, dass sie über die Sagenstoffe des klassischen Altertums schreiben dürfen, z.B. über Troja oder Sparta, oder aber über den hohen Norden. Aber dass z.B. ein Anglo-Ire oder eine Afroamerikanerin einen Nibelungenroman veröffentlicht, wäre doch eher ungewöhnlich. Es gibt in der Fantasy noch viele Klischees aufzuspießen und ausgefahrene Wege zu verlassen...

Deutschsprachige Nibelungenfantasy erhält man in allen möglichen Farben, Formen und Qualitätsstufen (z.B. von Auguste Lechner oder von Wölle Hohlbein). Der wesentlich von Kai Meyer verfasste Romanzyklus Die Nibelungen wartet mit einem demgegenüber leicht unterschiedenen Konzept auf: Es geht darum, was die Heldinnen und Helden des Nibelungenliedes in der Zeit vor, zwischen oder nach ihren großen Abenteuern erleben. Die einzelnen Romane sind dabei mal eigenständig, mal bilden sie innerhalb des Zyklus eine Fortsetzungsreihe. Man hat sich beim Lesen also nicht voll und ganz an eine bestimmte Reihenfolge zu halten, sollte allerdings beachten, dass einige der Beiträge die Fortsetzung eines anderen darstellen.

Mit Die Nibelungen wurde zunächst keine Rekonstruktion des historischen Hintergrunds der Sage, der wohl im 5. Jahrhundert zu finden ist, versucht, vielmehr spielen die Romane (meistenteils) in einer ans Hochmittelalter erinnernden Welt der Ritter, Burgen und Turniere. Das ist legitim, denn das Nibelungenlied selbst geht ja auch so vor, die Geschehnisse aus der sogenannten Völkerwanderungszeit in eine höfische Welt zu verlegen. Im Falle unseres Zyklus hält sich allerdings mit Bernhard Hennen ein Autor nicht an dieses Prinzip, was sich im Gesamtbild dann ziemlich inkohärent ausmacht.

Beginnen wir mit den beiden Romanen Jana Helds, die sich der Kindheit und Jugend Brünhilds annimmt. Die Flammenfrau heißt ihr erster Beitrag. Im Vergleich zu anderen Titeln des Zyklus ist dieser Roman ziemlich stark von seinen Fantasy-Anteilen geprägt. High Fantasy, hätte man früher vielleicht gesagt. Die Charaktere sind ziemlich hölzern und werden nur in den allerletzten Szenen etwas lebendiger, die Story weist keinen erkennbaren Spannungsbogen auf. Nach beendeter Lektüre hatte ich keine Lust, noch mehr von Frau Held zu lesen und kann daher über die Fortsetzung Das Zauberband nichts sagen. ›Jana Held‹ ist übrigens laut Klappentext ein Pseudonym — keine Ahnung, wer sich dahinter verbirgt.

Einen alleinstehenden Beitrag zum Zyklus hat Jörg Kastner mit Das Runenschwert geliefert. Es handelt sich um eine solide, unprätentiöse, sehr abenteuerlastige Fantasy, die sich ganz gut liest. Vielleicht der beste Nibelungen-Roman? Auf jeden Fall der unterhaltsamste. Die Handlung bildet ein erdachtes Jugendabenteuer des späteren Überhelden Siegfried.

Der Rabengott von Kai Meyer erzählt die tragische Geschichte Hagen von Tronjes und ist handlungsmäßig vielleicht am engsten mit dem echten Sagenstoff verknüpft. Der Roman geht stark in Richtung Dark Fantasy und ist eines von Meyers besseren Werken, da es keine von Meyers typischen Schwächen (zerfahrene Handlung, ungeschickt eingeführte Charaktere) aufweist. Ähnliches lässt sich von Die Hexenkönigin sagen — von Meyer unter dem Pseudonym Alexander Nix veröffentlicht. Protagonistin ist Siegfrieds spätere Flamme Kriemhild, und auch Onkel Hagen taucht wieder auf. Plotmäßig ist der Roman aber nur lose mit dem Rabengott verknüpft, so dass beide Bücher sich auch gut unabhängig voneinander lesen lassen. Sie zählen, wie Kastners Beitrag, zu den gelungeneren Romanen im Zyklus.

Von Das Drachenlied (erster von zwei Zwergenromanen, die Meyer alias Nix beigesteuert hat) lässt sich das leider nicht behaupten. Nach einem ganz lustigen Einstieg lässt der Autor reihenweise neue Charaktere auftreten, kann mit ihnen aber anscheinend nicht sogleich etwas anfangen, weshalb sie für den Plot zunächst ziemlich überflüssig sind. Meyers Absicht ist, eine Heldengruppe zusammenzustellen, die sich aber erst im Folgeband so richtig entfalten kann. Außerdem kommt der Klimax dieses ersten Bandes zu abrupt und hätte mehr Handlungszeit und mehr auktoriale Erklärungen gebraucht. Ejaculatio praecox, sozusagen. Der Folgeband, Der Zwergenkrieg, ist dann um einiges besser. Dummerweise sollte man allerdings beide Bände in chronologischer Reihenfolge lesen, da sie zwar je einen eigenen Handlungsbogen haben, aber in Sachen Charaktere, Stimmung etc. direkt aneinander anschließen. À propos Stimmung: Im Gegensatz zu den horrorlastigen Einzelromanen über Hagen und Kriemhild haben wir hier eher typische Rübe-ab-Fantasy mit Questen, Wirtshäusern und zünftigem Zwergengekloppe vor uns.

Fehlen noch die beiden Beiträge Bernhard Hennens. Sie bauen aufeinander auf und sollten daher ebenfalls chronologisch gelesen werden. Held ist der Spielmann Volker von Alzey, der Abenteuer stets mit seinem Sidekick, dem Knecht Golo, übersteht. Beide sind ziemlich vorhersehbar charakterisiert: Volker ist der leichtsinnige Schürzenjäger, und Golo muss für den Mist, den sein Herr und Meister verbockt, den Kopf hinhalten. Gerade diese Charakterisierung will aber so gar nicht zum Ton der beiden Romane passen, der mit fortschreitender Handlung immer finster-verzweifelter wird.

Und noch etwas will ganz und gar nicht passen. Denn während die übrigen Romane, wie bereits erwähnt, in einer pseudo-hochmittelalterlichen Welt spielen (und eine solche deutet sich anfangs auch im ersten Volker-und-Golo-Roman an), tauchen bei Hennen plötzlich römische Garnisonen, Mithras-Verehrer und fränkische Reiter auf. Das wirkt in hohem Maße anachronistisch und schreit nach einer Erklärung, die der Autor aber nicht liefert. Hennen hat bekanntlich eine Anzahl historischer Romane geschrieben und hat sich hier wohl nicht ganz zurückhalten können, vermute ich. Für unbedarfte Leser_innen ist es aber ziemlich verwirrend.

Aber zurück zu den Büchern, Das Nachtvolk und Der Ketzerfürst. Sie enthalten eine ganze Reihe von Themen und Elementen, die direkt der Feder Marion Zimmer Bradleys entsprungen sein könnten: von der Auseinandersetzung zwischen Christentum und Heidentum bis hin zu einem matriarchal lebenden Volk, welches durch Sümpfe und Nebelwände von der übrigen Welt getrennt ist. Nicht sonderlich originell, wenn man mich fragt. Die Helden, Volker und Golo, kriegen im Laufe der Handlung eine Reihe von Schicksalsschlägen ab, weshalb sie zunehmend nihilistisch-depressiv drauf sind. Alles in allem stellen die beiden Romane wegen der beschriebenen Inkonsequenzen kein Lesevergnügen dar. Schade eigentlich, denn der Autor kann es definitiv besser.

Anscheinend war noch ein weiterer Roman zum Zyklus geplant, der jedoch nie erschienen ist. Übrigens habe ich die Romane nicht in der Reihenfolge ihres Erscheines aufgeführt, und mich nur dann an die innere Chronologie gehalten, wenn ein ungestörter Lesefluss es unabdingbar macht, diese einzuhalten. Wer will, kann hinten in den Büchern eine Zeitleiste aufschlagen, in der dargestellt ist, wie die Plots der einzelnen Beiträge sich in die Nibelungensage einfügen.

Der Zyklus ist ursprünglich im Econ-Verlag erschienen. Die Beiträge von Kai Meyer/Alexander Nix wurden später von Heyne und nochmals von Bastei Lübbe als Sammelband mit dem Titel Nibelungengold (unter dem richtigen Namen des Autors) wiederveröffentlicht. Die Beiträge von Bernhard Hennen sind einzeln im Piper-Verlag wiederveröffentlicht worden.

Kommentare:

Gerd hat gesagt…

Hallo Anubis,

es mag zwar ungewöhnlich sein, wenn sich ein angloamerikanischer Autor des Nibelungenliedes annimmt, aber es ist tatsächlich - und sogar mit großem (kommerziellen) Erfolg - geschehen: Sagt dir vielleicht der Name Stephan Grundy etwas?

Was die bei Econ erschienenen Nibelungen-Romane angeht, ist da damals einiges schiefgelaufen. So war nie geplant, dass Kai Meyer so viele Romane selbst schreibt; er musste kurzfristig einspringen, als die eingeplanten Autoren schlicht nicht geliefert haben. Das könnte z.B. die Schwächen des ersten Zwergenromans erklären. Die inhaltliche Veränderung (hin zu mehr generischer Fantasy, zu Questen und Zwergengekloppe) dürfte dem Versuch geschuldet gewesen sein, mehr Leser zu finden.

Trotzdem hätte man natürlich von Seiten des Lektorats darauf achten müssen, dass die Hintergünde stimmig zusammenpassen. Die Idee als solche fand ich damals gar nicht so schlecht - die Umsetzung hat allerdings deutlich zu wünschen übrig gelassen. Aber wie schon erwähnt: da sind dann auch einfach Dinge schiefgelaufen, die man nicht hatte vorhersehen können.

Grüße
Gerd

Anubis hat gesagt…

Hallo Gerd,

über Stephan Grundy habe ich tatsächlich irgendwann schon mal was gehört (wahrscheinlich den Wiki-Artikel gelesen o.ä.). Aber auf dem Schirm hatte ich ihn überhaupt nicht mehr, zumal ich noch nie etwas von ihm gelesen habe. Danke also für den Hinweis! Zu angloamerikanischen Autoren und Nibelungenstoff fällt mir ansonsten noch Lin Carters komisch-verzweifelter Versuch aus den 1960ern ein, den LotR von Wagners Ring des Nibelungen quellenmäßig herzuleiten. :D

Die Idee von Die Nibelungen fand ich auch nicht schlecht, und in meinen Augen passt dazu ganz gut, dass innerhalb des Zyklus in verschiedenen Genres geschrieben wurde (auch wenn dieses letztere tatsächlich auf eine Improvisation zurückgeht). Dass Meyer mit dem Zyklus letztlich etwas überfordert war, kann ich mir ebenfalls gut vorstellen, zumal er dann ja auch noch das Hin- und Herspringen zwischen den Genres bewältigen musste — bis Hennen dann versucht hat, historische Elemente einzubringen, und der ganze Zyklus immer unausgegorener wurde.

Reitersmann hat gesagt…

Es gab da mal den Zweiteiler eines in England ansässigen Amerikaners namens Patrick Constable: "The Rhine Lord". Ist aber offenbar nie "seriös" erschienen, sondern nur als eBook. Habe ich vage in Erinnerung als eigenartig ökonomisch (= kurz) und doch ganz ordentlich. Kelten-Fantasy im Nibelungen- und Römer-Outfit.

Anubis hat gesagt…

Von Patrick Constable habe ich wiederum tatsächlich noch nie gehört. Klingt aber interessant, gibt's das noch irgendwo?

Reitersmann hat gesagt…

Ich vermute fast, von dem hat nie irgendwer was gehört. Solche Exoten bleiben Gutachter-Geheimwissen, an dem der Rest der Welt keinen Anteil hat.
Google-Anfrage "Patrick Constable Rhine Lord", da gibt's ein paar Nennungen.
Hat wohl niemanden so recht vom Hocker gehauen, wenn es als eBook endet. Wieso auch immer. Ich hab's als ganz reizvoll in Erinnerung, aber mit den Jahren wird sowieso alles rosa.

Cara hat gesagt…

Wollt ihr wissen, was Kai Meyer über seine Leser denkt?

Hier sein geistiger Erguss: http://kai-meyer-journal.blogspot.com/2007/09/11-september-2007.html

Anubis hat gesagt…

Hallo Cara,

dass Autor_innen sich an den Ergüssen der Amazon-Kundschaft reiben, ist nicht ungewöhnlich, glaube ich. David Anthony Durham z.B. hat darüber auch schon mal etwas gepostet.

Meyers Blogpost macht auf mich nicht den Eindruck, dass er seine Leser_innen bashen will. Wenn er von »Idioten« spricht, bezieht sich das meinem Verständnis nach auf Amazon-Rezensent_innen. Und da muss ich zugeben, dass ich die Amazon-Reviews auch häufig idiotisch finde: Da wird jedes aus zwei Sätzen bestehende Gestammel als Rezension veröffentlicht; von Ein-Stern-›Reviews‹ in denen irgendwelche Trottel sich darüber beschweren, dass sie das falsche Buch gekauft haben, ganz zu schweigen. Auch ideologisch sind die Reviews häufig von der allerübelsten Sorte: Anhand von Jesusfilmen kann man sich an der stereotypen Darstellung des Judentums delektieren; die Reviewfunktion von Tom-Sharpe-Büchern lässt sich hervorragend nutzen, um die südafrikanische Apartheid abzufeiern; einschlägige verschwörungstheoretische Bücher werden emphatisch besprochen, weil sie die deutsche Schuld an Nationalsozialismus und 2. Weltkrieg leugnen.

Das ist kein Grund für ein generelles Leser_innen-Bashing, denn einige obskure Schreiberlinge mischen auf Amazon genauso mit, indem sie ihren eigenen Büchern glänzende Bewertungen verpassen oder angesichts negativer Reviews in wüste Beschimpfungen ausbrechen.

Kurz: Wäre ich Autor, würde Amazon mich noch mehr nerven, als es ohnehin schon tut. Ich kann Meyer und Durham deshalb gut verstehen. Übrigens habe ich schon mehrere Bücher Meyers ziemlich kritisch besprochen, ohne dass er mich deswegen gleich angefallen hätte. ;-)

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.