Freitag, 25. November 2016

Donald und die Stadt des Bösen

Beauregard, nein: Trump wurde gewählt. Dass das keine Ausnahme ist, zeigen die Faschisierungstendenzen, die derzeit auf der ganzen Welt zu beobachten sind: Da ist Viktor Orbán in Ungarn, Rodrigo Duterte auf den Philippinen, das Militärregime in Thailand, Wladimir Putin in Russland,* der Terror der Goldenen Morgenröte in Griechenland – und nicht zuletzt der mittlerweile schon seit Jahrzehnten zu beobachtende Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen in fast allen europäischen Ländern sowie den USA. Aber das macht Trumps Sieg dann doch wieder zu einer Ausnahme: Er wird Staats- und Regierungschef nicht Ungarns oder der Philippinen, sondern der Supermacht USA. Die Frage, die sich jetzt alle stellen, ist, warum Trump gewählt wurde. Es scheint mir vor allem zwei Erklärungen zu geben, die ich (um es gleich zu sagen) beide für falsch halte. Ich die erste die antiamerikanische und die zweite die Eliten-Erklärung.

Die antiamerikanische Erklärung besagt etwa: Die Amis sind halt so hinterwäldlerisch, die wählen jeden Vollpfosten, der ihnen die Welt fein säuberlich in Gut und Böse einteilt. Siehe Reagan, siehe Bush junior. Diese Erklärung ist aus zwei Gründen abzulehnen. Zunächst einfach deshalb, weil sie antiamerikanisch ist. Wer die Amis verhöhnt, weil sie für einen offensichtlichen Betrüger stimmen, muss auch die langwährende Karriere Silvio Berlusconis erklären können. Wer es für typisch amerikanisch hält, dass ein Rassist bejubelt wird, sollte sich mal die massiven Erfolge von FN, FPÖ und Ukip näher anschauen. Wer es von Europa aus für unglaublich hält, dass man mit dem Versprechen, eine Grenzmauer zu bauen, eine Wahl gewinnt, vergisst die virtuelle Mauer rings um die Außengrenzen der EU. Der zweite Grund, warum diese Erklärung nicht zieht, ist der, dass Reagan und Bush junior zwar durchaus politische Schmierenkomödianten waren, innerhalb des US-Konservativismus aber für einen völlig anderen Typ stehen als Trump.

Traditionell war der Konservativismus in den USA isolationistisch geprägt. Seine Vertreter_innen waren der Überzeugung, die Vereinigten Staaten sollten sich nicht in internationale Konflikte einmischen, sich gegenüber den dekadenten Einflüssen Europas abschotten und vor allem die einheimische Wirtschaft vor ausländischer Konkurrenz schützen. Darüber hinaus glaubten sie fest an die natürliche Ungleichheit des Menschen: Die USA sind eine funktionierende Demokratie, meinten sie, weil sie von weißen, christlichen Männern regiert werden. Länder, deren Elite von braunen oder schwarzen, womöglich nicht mal christlichen Männern gestellt wird, sind barbarisch und gar nicht dazu in der Lage, sich eine demokratische Verfassung zu geben. Deshalb musste laut diesen Konservativen um jeden Preis verhindert werden, dass braune und schwarze Menschen jemals an den Regierungsgeschäften der USA beteiligt sein würden. (Dass diese Vorstellung auf eine völlig widersinnige Weise antidemokratisch ist, liegt auf der Hand.)

Mit dem Beginn des Kalten Krieges veränderte sich der US-amerikanische Konservativismus grundlegend, indem er antikommunistisch und interventionistisch wurde. Es traten Konservative eines neuen Typs auf, die die USA in der Pflicht sahen, einen internationalen Konflikt mit der Sowjetunion und ihren Verbündeten auszutragen. Zum Ziel dieses Konflikts erklärten sie die weltweite Ausbreitung von Kapitalismus und liberaler Demokratie (dass das politische Unternehmen Hand in Hand mit wirtschaftlichen Interessen ging, wurde eher als Vorzug gesehen). Sie beriefen sich also durchaus auf liberale Prinzipien wie Freiheit und Gleichheit. Um dieses Ziel zu erreichen, meinten die Konservativen neuen Typs, ist es nötig, sich mitunter die Hände schmutzig zu machen. Man muss zum Beispiel autokratische und repressive Staaten als Verbündete gewinnen, sofern sie nur antikommunistisch sind. Eingeleitet wurde diese Wende von Publizisten wie William F. Buckley und seinem Magazin National Review (1955 gegründet), und Ronald Reagan war ein typischer später Vertreter dieses Konservativismus.

Dabei handelt es sich um eine politische Option, die die gegenwärtige Konstellation der Weltpolitik nach wie vor prägt wie keine andere. Die USA als Führungsmacht eines internationalen Blocks, des »Westens«, und als Teil eines Militärbündnisses, der Nato, sind hier die bestimmende Realität (auch die Tatsache, dass der »Westen« so unappetitliche Verbündete wie Saudi-Arabien hat, von gewissen abtrünnigen Verbündeten ganz abgesehen, gehört dazu). Dennoch hatte der Kalte-Kriegs-Konservativismus spätestens seit dem Ende der Sowjetunion ein Problem: mit dem Antikommunismus war ihm ein ideologischer Grundpfeiler abhanden gekommen. George W. Bushs Versuch, Reagans Reich des Bösen (die Sowjetunion) durch eine Achse des Bösen (Diktaturen wie Nordkorea, Irak und Iran) zu ersetzen, war das kurzsichtig-verzweifelte Unternehmen, einen Nachfolger für den Antikommunismus zu finden – mit fatalen Folgen wie dem Irakkrieg und dem Aufstieg des IS, der seine militärische Stärke vor allem den Resten von Saddam Husseins 2003 aufgelöster Armee verdankt, die er in sich aufnehmen konnte.

Trump dagegen vertritt das völlige Gegenteil dieses konservativen Interventionismus, der im Kalten Krieg entstanden und im Nahen Osten zerplatzt ist. Trump hat nicht nur nichts dagegen, wenn irgendwo, scheinbar weit entfernt von den USA, hochgerüstete Diktaturen entstehen, er scheint sogar Gefallen an dieser Vorstellung zu finden. Und er hält nichts davon, die Ausbreitung von Massenvernichtungswaffen durch internationale Militäreinsätze zu verhindern. Er findet, die USA solle sich aus ihren Bündnisverpflichtungen innerhalb der Nato zurückziehen. Dagegen sprach er sich im Wahlkampf offen dafür aus, die USA sollten Raubkriege führen, um sich wertvolle Ressourcen anzueignen. In mancher Hinsicht ist Trump eine neue Verkörperung des alten US-Konservativismus, wie er vor dem Kalten Krieg existierte. Er ist gegen Freihandel und offene Grenzen, für Isolationismus, und vor allem ist er dafür, die politische und ökonomische Elite der USA weiß zu halten. Daneben weist Trumps politische Rhetorik aber auch Aspekte auf, die ihn zum Bestandteil des neuen Faschismus machen, wie er sich derzeit in der Welt ausbreitet. Die faschistische Alt-Right, die Trump im Wahlkampf unterstützt hat, ist offen antisemitisch, und Trumps Wahlkampagne spielte gelegentlich mit antisemitischen Ressentiments. Außerdem inszeniert er sich als Volkstribun, der gegen das korrupte liberale Establishment antritt. Im Wahlkampf verkündete er wörtlich, seine Wahl werde der Wiederaufstieg der amerikanischen Arbeiterklasse sein.

Womit wir bei der zweiten Erklärung wären, der Eliten-Erklärung. Sie besagt: Linke und liberale Positionen gehören längst dem Establishment. Insbesondere akademische Linke verlieren sich nur noch in immer komplizierteren Versuchen, politisch-korrekte Sprachregelungen aufzustellen, so dass ihnen die Sorgen und Bedürfnisse der Armen und Arbeiter_innen völlig aus dem Blick geraten sind. Da ist es kein Wunder, dass die einfachen Leute in Scharen einem Trump zulaufen, der sie wenigstens noch ernst nimmt und ihnen eine bessere Zukunft verspricht, statt sie mit Willkommenskultur, Multikulti und Gender Mainstreaming zu überfordern. Diese Erklärung erfreut sich besonderer Beliebtheit und wird gegenwärtig benutzt, um auf sämtliche Einstellungen verbal einzuprügeln, die im weitesten Sinne als liberal, emanzipatorisch oder gegen Diskriminierung gerichtet angesehen werden können. Im Hintergrund steht dabei die sogenannte Flüchtlingswelle: Wenn Deutschland bzw. Europa nicht sofort die Grenzen dicht macht, soll das heißen, wird sich das Volk (wer auch immer das in diesem Zusammenhang sein soll) einem Trump im hiesigen Format zuwenden.

Kurz gesagt: Linke und liberale Eliten haben sich von denen, deren Interessen sie doch eigentlich vertreten wollen, hochnäsig abgewandt, um statt dessen »Randgruppenpolitik« für People of Colour, Migrant_innen, LGBTIQs und andere verdächtige Minderheiten zu betreiben. Auch diese Erklärung ist in zweifacher Hinsicht abzulehnen. Zum einen zeichnet sie implizit ein Bild von weißen Armen und Arbeiter_innen als einer einhellig rassistischen, xenophoben und sexistischen Bande, die willig jedem Rattenfänger hinterherläuft. Eine solche Sicht ist, auch wenn sie gerade das Gegenteil verkünden will, so hochnäsig und elitär, wie es von der Ostküste bis nach Berlin noch keine Genderprofessorin mit akademischer Festanstellung zu sein geschafft hat. Zum anderen widerspricht sie schlicht den Fakten.

Insgesamt hat Trump 47 % der Stimmen bekommen, Clinton 48 %. Unter denjenigen Wähler_innen, deren jährliches Familieneinkommen unter 30.000 $ liegt, hat Clinton sogar 53 % erhalten, Trump dagegen nur 41 %.** Vor Clinton liegt Trump bei den mittleren Einkommen, während die Stimmen der Reichen sich mehr oder minder gleichmäßig auf beide Kandidat_innen verteilen. Einen deutlichen Sieg gegenüber Clinton hat Trump zwar unter der Gruppe der Weißen ohne Hochschulabschluss davongetragen (67 % gegenüber Clintons 28 %), aber damit haben sich die empirischen Belege für Trump, den selbsternannten Held der Arbeiter_innenklasse, auch schon erledigt. Insgesamt ist die Tendenz sehr deutlich: Trump wurde vor allem von Menschen gewählt, die weiß, älter und konservativ-religiös sind, in heterosexuellen Kleinfamilien leben und ein mittleres Einkommen haben.

Manchmal wird Trumps angeblich gegen links-liberal-akademische Eliten gerichteter Erfolg auch damit erklärt, dass er es geschafft habe, massenhaft Menschen zu mobilisieren, die sich vom politischen Establishment gar nicht mehr vertreten fühlten. So orakelte Hans Ulrich Gumbrecht vor der Wahl, das weiße Subproletariat, der sogenannte White Trash (traditionell eine Gruppe, die gar nicht zur Wahl geht), werde sich Trump zuwenden. Auch dem widersprechen die Zahlen. Seit zwölf Jahren ist die Zahl der Menschen, die republikanisch stimmen, nämlich ausgesprochen konstant. 2004 erhielt Bush 62 Millionen Stimmen, 2008 McCain 60 Millionen, 2012 Romney 61 Millionen, und 2016 Trump 62 Millionen. Will man also behaupten, Trump habe mit seiner rechtspopulistischen Kampagne ein riesiges Reservoir von Nichtwähler_innen angezapft, dann müsste der in absoluten Zahlen gleich gebliebene republikanische Stimmenanteil der aktuellen Wahl schon das Ergebnis einer gigantischen Wanderungsbewegung unter den Wahlberechtigten sein. Übrigens gilt auch hier, dass Clinton unter denjenigen, die zum ersten Mal gewählt haben, mit 56 % gegenüber Trumps 40 % deutlich vorne liegt.

Ich glaube aber, dass der fundamentalste Unterschied unter Trumps und Clintons Wähler_innen in den aufgeregten Debatten über den rechtspopulistischen Sieg meist übersehen wird: Unter denen, die in Städten leben, liegt Clintons Anteil bei satten 59 %, während Trump hier nur auf 35 % kommt. Dagegen fuhr Trump unter den Bewohner_innen von Suburbia 50 % (Clinton 45 %) und unter der Landbevölkerung ganze 62 % (Clinton 34%) ein. Es ist ein fester Bestandteil der rechtspopulistischen Weltsicht, Städte als dekadent, korrupt und kriminell darzustellen. Und in der Tat war es für Trumps Kampagne zentral, Clinton als aalglatte, sich hemmungslos bereichernde Kosmopolitin darzustellen. Man ist dem Rechtspopulismus aber schon auf den Leim gegangen, wenn man daraus den Schluss zieht, städtische Eliten (gewissermaßen der Geldadel) hätten Clinton gewählt und gegen den von Trump entfachten Aufstand des einfachen Landvolks verloren. Natürlich konzentriert sich in den Städten die ökonomische Macht und damit der Reichtum. Aber genau deshalb konzentrieren sich dort auch die Unterprivilegierten. Das liegt daran, dass der Kapitalismus ein System ist, das mit globaler Verstädterung und der entsprechenden Mobilität einhergeht. Eine mögliche Reaktion auf diesen Prozess ist es, die Großstadt symbolisch als einen Hexenkessel der Verkommenheit und der Gewalt anzuprangern – allerdings eine rückwärtsgewandte Reaktion, die vor den Zumutungen des Kapitalismus (aber auch vor den historischen Möglichkeiten, die er überhaupt erst eröffnet hat) in eine Situation verminderter Komplexität fliehen will. Wer arm ist und in der Stadt lebt, weiß in der Regel um seine Lage. Wer vor der Zukunft nach Suburbia flieht, wählt dagegen mitunter Trump.

Nun ist das Bild von der Stadt als einem zügellosen Untier, dem von einem im Lande verwurzelten Helden der Kopf abgeschlagen werden muss, in der US-amerikanischen Mythologie tief verwurzelt. Das macht sich nicht zuletzt in der Fantasy-Tradition der US-Literatur bemerkbar. The Hunger Games ist gegenwärtig das deutlichste Beispiel dafür. Allerdings muss der Stadt-Land-Gegensatz nicht unbedingt auf reaktionäre Weise behandelt werden, wie ein Blick auf die Anfänge dieser Tradition verrät: L. Frank Baum verfolgte mit The Wonderful Wizard of Oz die Idee, eine amerikanische Märchentradition zu erschaffen, und schon er bediente sich des Stadt-Land-Gegensatzes: Dorothy, das bodenständige Farmkind, wandert in die Großstadt und entlarvt den betrügerischen Zauberer, der in ihr herrscht. Aus heutiger Sicht wird Dorothy als typisch amerikanische Heldin wahrgenommen. Zu der Zeit, als Baum schrieb, waren die armen Farmer_innen des Mittleren Westens für die Bourgeoisie aber keine Held_innen und schon gar keine Vorbilder für wohlerzogene Kinder, sondern wenig mehr als Pöbel und Abschaum. Damals war es noch kein Distinktionsmerkmal, auf dem Land zu leben. Doch seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begeht das gutsituierte Bürgertum Stadtflucht und identifiziert sich mit dazu mit dem heimat- und erdverbundenen Landmann, der von den Verlockungen und Gefahren der Großstadt nichts wissen will.

Aber ganz ignorieren kann man die Stadt auch nicht. So entsteht ein Held_innentypus, der sich in dem Moment in die Stadt aufmacht, wenn von ihr aus Gefahr droht. In Robert E. Howards Conan-Geschichten sind Städte typischerweise dekadent, und es braucht den ebenso brutalen wie großmütigen und ehrlichen Barbaren, um der Stadt den dringend benötigten Erneuerungsschock zu verpassen. Ein bestimmter Heldentyp des US-amerikanischen Spionage- und Actionthrillers*** lässt sich geradezu als Weiterentwicklung des Howardschen Protagonisten ansehen: der verschlossene Einzelkämpfer à la Rambo, der sich nach Erledigung seines Auftrags in die Abgeschiedenheit zurückzieht, um sich nicht von den Intrigen der Großstadt beschmutzen zu lassen. Aber wenn die Heimat in Not ist, verlässt der Held die Waldeinsamkeit und tut erneut seine Pflicht, ohne sich je korrumpieren zu lassen. Colonel Kurtz in Apocalypse Now, den gerade die Waldeinsamkeit zum größenwahnsinnigen Despoten werden lässt, ist eine Parodie dieses Heldentyps, noch bevor er sich ganz entwickelt hat. Ein wesentlicher Unterschied zwischen ihm und dem Howardschen Protagonisten ist allerdings, dass er aus Patriotismus handelt, wo Conan & Co. einfach eigennützig und abenteuerlustig sind.

Aber auch die von L. Frank Baum begründete Tradition lebt weiter, in der die positive Eigenschaft der ländlichen Heldenfigur nicht ihre urtümliche Vitalität und Kampfkraft ist, sondern ihre Einfachheit und Naivität. Die Familie Ohmsford aus Shady Vale ließe sich hier als Beispiel nennen. Besonders schlagend ist aber The Stand von Stephen King. Die Handlung ist bekannt (wenn nicht aus dem Roman, dann aus der TV-Serie): Es geht um eine apokalyptische Auseinandersetzung zwischen der mütterlichen Prophetin Mother Abagail und dem Antichristen Randall Flagg. Beide sammeln Gruppen von Menschen um sich, die eine weltweite Seuche überlebt haben. Mother Abagail lebt in Nebraska (also wie Dorothy im Mittleren Westen), während Flagg seine grausame Herrschaft von Las Vegas aus ausübt (dem Inbegriff der sündigen Stadt). Aufschlussreich ist das Ende des Romans. Um Flagg zu besiegen, muss eine kleine Gruppe von Helden sich direkt ins Zentrum seines Reichs aufmachen. Die Gruppe besteht aus dem Protagonisten Stu Redman und drei Begleitern: einem Soziologiedozenten, einem Rockmusiker und einem Army-Veteran. Redman, der als einfacher Junge aus dem ländlichen Texas eingeführt wird, verfügt als einziger über die erforderliche Reinheit, um nach dem endzeitlichen Kampf eine neue menschliche Gesellschaft zu begründen, während die Vertreter von Wissenschaft, Unterhaltungsindustrie und Militär ihr Leben opfern müssen. King hat The Stand bewusst als US-amerikanisches Gegenstück zu The Lord of the Rings konzipiert, wie er im Vorwort verrät.

Fazit: Wo eine allzu simple Gut-Böse-Dichotomie zwischen Land und Stadt aufgemacht wird, ist der Faschismus nicht weit. Trumps Rhetorik beweist, wie wirkmächtig es sein kann, das Urbane, Kosmopolitische als Einkleidung des Bösen darzustellen. Die US-amerikanische Fantasy enthält zahlreiche Beispiele für diesen mythischen Gegensatz. Es könnte sich lohnen, sie daraufhin stärker zu hinterfragen.

* Putins Regime lässt sich nicht so einfach mit den anderen genannten Beispielen gleichsetzen, weil es weltweit einzigartige Züge trägt: Kein anderer Staat wird von einem Machtzirkel regiert, dessen Angehörige sich fast ausschließlich aus dem Geheimdienstmilieu rekrutieren. Putin und seine Kreise gehören aber zu den wichtigsten Förderern und Stichwortgebern des euramerikanischen Rechtspopulismus und werden von diesem auch immer wieder als Vorbild gerühmt. Diesen Zusammenhang herauszustellen, ist sehr wichtig.
** Zum Vergleich: Die offizielle Armutsgrenze liegt in den USA derzeit bei einem jährlichen Familieneinkommen von 24.000 $. 
*** Literaturgeschichtlich gesehen verdankt der (ursprünglich britische) Spionageroman der Fantasy des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts sehr viel: Von den kolonialen Fantasies H. Rider Haggards zu den ebenso kolonialen Spionageromanen John Buchans ist es nur ein kleiner Schritt.

Samstag, 19. November 2016

Ph’nglui mglw’nafh Cthulhu Phantásien wgah’nagl fhtagn

Gerade habe ich es wieder mal mit Michael Ende, und dabei ist mir eine skurrile Sache über den Weg gelaufen, von der ich noch nichts wusste: Zu Endes Hochzeiten machten evangelikale Christ_innen sich große Sorgen, Ende könnte mit dunklen Mächten im Bunde sein. Um der Sache auf den Grund zu gehen, führte der evangelikale Journalist Ulrich Skambraks 1986 ein Interview mit Ende und fand seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Ende bekannte, bei der Abfassung von Momo und Die unendliche Geschichte unter dem Einfluss einer Gottheit namens »Oliven-Dryas« gestanden zu haben. Was Ende damit gemeint haben könnte, ist mir nicht ganz klar: Vielleicht eine Dryade, die einen Olivenbaum bewohnt? Eine andere Frage ist, ob Ende das ernst meinte. Endes Biographin Birgit Dankert glaubt, er habe seinen evangelikalen Fragesteller verscheißern wollen. Das halte ich für nicht unwahrscheinlich, denn Ende war bekannt dafür, während Gesprächen und Interviews kräftig dem Alkohol zuzusprechen, und ließ sich von seinen Gesprächspartner_innen gern dazu anstacheln, allerhand Unsinn von sich zu geben (wobei man hinzufügen muss, dass es sich nicht selten um Unsinn handelte, an den Ende nichtsdestotrotz glaubte, oder gern glauben wollte).

Aber nicht nur Michael Ende, auch Otfried Preußler bereitete der evangelikalen Publizistik Kopfzerbrechen. 2008 gab Skambraks gemeinsam mit seinem Kollegen Lothar Gassmann einen Rundbrief heraus (PDF-Download). Der Anlass war ein Focus-Interview mit Preußler, in dem folgende Bemerkung fällt:
Ich bin ja fest davon überzeugt, dass es eine schwarze Magie gibt, mit der man Menschen schadet, und auf der anderen Seite die weiße Magie. Das ist ein uralter Begriff, der schon in der Kabbala auftaucht. Auch für die weiße Magie muss man ein Bündnis mit dem Teufel eingehen, anders geht es nun mal nicht. Aber man bewirkt Gutes, das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Und ich glaube, ein bisschen Weißmagier bin ich schon. Das sage ich übrigens ohne Koketterie.
Nicht nur Ende, sondern auch Preußler also ein finsterer Nekromant. Skambraks und Gassmann konstatieren düster: »Nimmt man das ernst, was Preußler sagte, so ist er ein Bündnis mit dem Teufel eingegangen.« Welche Interview-Enthüllungen kommen als nächstes? J. K. Rowling hat für jeden Harry-Potter-Band einen Hauselfen rituell geopfert? C. S. Lewis war ein Pseudonym für Aleister Crowley?

Demnächst will ich übrigens mehr darüber schreiben, was es mit der Magie so auf sich hat.

Montag, 19. September 2016

Das Kind bei Ende und Tolkien

J. R. R. Tolkiens Lord of the Rings (1954/55) verhält sich zu Terry Brooks’ Sword of Shannara (1977) wie Michael Endes Unendliche Geschichte (1979) zu Heike und Wolfgang Hohlbeins Märchenmond (1982). Dabei ist zu beachten, dass es sich um eine Strukturanalogie handelt: In beiden Fällen hat sich gezeigt, dass sich ein erfolgreiches Imitat herstellen lässt.* Damit liegt zwischen den beiden englisch- und den deutschsprachigen Büchern eine Art Relation der Relationen vor. Unzulässig wäre es, die Analogie auf die einzelnen Autor_innen auszudehnen: Ende ist kein Tolkien.

Der Unterschied zwischen Ende und Tolkien lässt sich in ihrer Stellung zum Kind ausdrücken. So sagt Ende:
Ich glaube, daß die Werke der großen Dichter, Künstler und Musiker dem Spiel des ewigen und göttlichen Kindes in ihnen entstammen – dieses Kind, das ganz unabhängig vom äußeren Alter in uns lebt, ob wir neun Jahre alt sind oder neunzig, dieses Kind, das nie die Fähigkeit verliert zu staunen, zu fragen, sich zu begeistern; dieses Kind in uns, das so verletzlich und ausgeliefert ist, das leidet und nach Trost verlangt und hofft; dieses Kind in uns, das bis zu unserem letzten Lebenstag unsere Zukunft bedeutet.
Nichts liegt Tolkien, der die Rede vom ewigen Kind im Menschen als waggery bezeichnete (meines Erachtens zu recht), ferner als diese mythische Kind-Vorstellung:
I think this is an error; at best an error of false sentiment, and one that is therefore most often made by those who [...] tend to think of children as a special kind of creature, almost a different race, rather than as normal, if immature, members of a particular family, and of the human family at large.
So Tolkien im Abschnitt über Kinder in »On Fairy-stories«. Kinder als besondere Geschöpfe, als eine Spezies für sich zu sehen, ist genau der Fehler, den Ende begeht. Zwar könnte man sagen, dass Ende in dem obigen Zitat gar nicht von realen Kindern spricht, sondern lediglich von einem bestimmten ästhetischen Vermögen des Menschen, das er in einer Laune als das ewige und göttliche Kind bezeichnet. Ende wäre aber kaum zu einer solchen Aussage gekommen, wenn sie nicht von seiner Sichtweise auf reale Kinder inspiriert wäre. In jedem Fall ist »dieses Kind, das [...] in uns lebt« merkwürdig passiv: Es leidet, ist verletzlich und ausgeliefert. Sein aktives Tun besteht nur darin, zu staunen und sich zu begeistern – und ab und an darf es mal eine Frage stellen. Nun ist kein Zweifel daran, dass Kinder tatsächlich oft leiden und ausgeliefert sind. Ende weigert sich jedoch zu sehen, was Kinder tun, um diesem Zustand zu entkommen: Reale Kinder wollen nicht leiden und ausgeliefert sein. Gerade weil sie diesen Zustand so gut kennen, wollen sie ihm entrinnen. Tolkien schreibt über seine Kindheit:
I had no special ›wish to believe‹. I wanted to know. Belief depended on the way in which stories were presented to me, by older people, or by the authors, or on the inherent tone and qualitiy of the tale. [...] But humility and innocence [...] do not necessarily imply an uncritical wonder, nor indeed an uncritical tenderness.
Und er schließt daraus:
Children are meant to grow up, and not to become Peter Pans. Not to lose innocence and wonder, but to proceed on the appointed journey: that journey upon which it is certainly not better to travel hopefully than to arrive, though we must travel hopefully if we are to arrive.
Tolkien betont das Recht des Kindes, Wissen zu erlangen, um der Hilflosigkeit zu entkommen. Kinder sollen nicht nur fragen, sondern hinterfragen, was Erwachsene ihnen präsentieren. Wenn Ende dagegen sagt, er »schreibe überhaupt nicht für Kinder. [...] Ich schreibe für ›das Kind in uns allen‹, das schöpferisch ist und fähig Schicksal zu erleben«, dann präsentiert er allen realen Kindern sein inneres Idealkind als Vorbild – ein mythisches Kind, das passiv und ausgeliefert sein und nicht erwachsen werden will, das also letztlich eher kindisch als kindlich ist. Wie aber Tolkien sagt, dass es Erwachsene sind (niemals die Kinder selbst), die den »error of false sentiment« begehen und Kinder mit dem mythischen »ewigen und göttlichen« Kind verwechseln, so sind es auch stets nur Erwachsene, die nicht erwachsen sein wollen.

* Das ist übrigens kein Verbrechen. Sogenannte Unterhaltungsliteratur lebt davon, dass Muster sich erfolgreich variieren lassen.

Mittwoch, 14. September 2016

A Preliminary Map of the Railsea

I have wanted to create a map of the Railsea for a long time now. Today I gave in and started. Note that this is very much work in progress!
Now, a re-read is in order, with the map at hand, to try and fill in some names. (The south-western landmass ought to be Manihiki, I guess?)

southern marking: Streggeye Land
northern marking: speculative position of the abyss

Samstag, 6. August 2016

The Meek, it’s aliiive! (und ein bisschen The Nameless City)

Ich hatte vor einer Weile schonmal meinen Lieblings-Webcomic empfohlen: The Meek von Der-Shing Helmer* – damals stuk der Comic aber in einer jahrelangen Pause. Das hat sich erledigt, seit die Autorin und Künstlerin seit letztem Jahr über Patreon crowdgefundet wird. (Spannende Zeiten für Kreativlinge – N. K. Jemisin hat ja auch kürzlich ihren Hauptberuf durch Crowdfunding-Mäzenatentum ersetzt.) Da gerade dieser Tage erst gelesen, muss ich auch sagen, schon die bisher vollständigen Kapitel von The Meek übertreffen The Nameless City von Faith Erin Hicks – obwohl letzteres beworben wird mit dem Blurb “sharp observations about power and history” finden sich darin m.E. wenig tiefschürfende Darstellungen dieser Thematik. Da bringt The Meek quasi mehr auf weniger Seiten unter (ohne einen zu direkten Vergleich aufmachen zu wollen).

Jetzt ist es auch so weit, die ersten drei Kapitel als Printcomic herauszubringen – auch dies mittels Crowdfunding. Das Finanzierungsziel wurde schon in den ersten sieben Stunden erreicht, nächsten Januar gibt’s dann einen feinen, überarbeiteten (und voraussichtlich erweiterten) Comic als Hardcover.

Ich finde am Webcomic-Format schon lange faszinierend, dass sich hier kostenfreie Erstveröffentlichung und spätere ›Monetarisierung‹ nicht ausschließen.

* Auch ihren zweiten Webcomic, Mare Internum, near-future SciFi, Science-Fantasy, und Drama, finde ich sehr lesenswert.

Freitag, 1. Juli 2016

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.