Montag, 21. August 2017

Gibt es die faschistische Fantasy? (Teil IV)

Im letzten Post dieser Reihe zählte ich verschiedene Neo-Mythologien auf, die zum ideologischen Grundbestand des Nationalsozialismus gehörten. Gemein war diesen Neo-Mythologien, dass sie »die uralte Herkunft und spirituelle Überlegenheit des ›Ariers‹« (Rüdiger Sunner) belegen sollten. Die Bezugnahme auf den Atlantismythos diente der Behauptung des hohen Alters der arischen ›Rasse‹, deren Urheimat Atlantis gewesen sein soll. Postuliert wurde eine prähistorische Hochzivilisation im Nordwesten, die selbst der ägyptischen und der mesopotamischen Zivilisation vorausgegangen sei. Die Welteislehre, eine pseudowissenschaftliche Theorie, die die Entstehung des Kosmos zu erklären behauptet, diente dazu, den arischen Menschen als eine Art höheres Wesen darzustellen, vom Himmel herabgestiegen wie die Engel.

Vordergründig geht es mir aber immer noch um die Frage, wie es die Nazis mit den alten German_innen hielten. Fest steht, dass einige NS-Chefs der deutschen Vorgeschichte eher Desinteresse entgegen brachten. Andere dagegen berauschten sich an der Vorstellung, im deutschen Boden könnten jahrtausendealte Kulturgüter schlummern, die mindestens die Gleichwertigkeit der German_innen mit den Mittelmeerzivilisationen beweisen würden. Ein Buchtitel zu diesem Thema spricht durchaus passend von Himmlers Germanenwahn. Stillschweigend vorausgesetzt wurde dabei, dass die alten German_innen tatsächlich die Vorfahren der heutigen Deutschen sind. Letztlich wurde so getan, als ob die Vorfahren der heute in Deutschland lebenden Menschen mindestens seit der Schlacht im Teutoburger Wald zwischen Rhein und Oder festgesessen hätten.

Für die NS-Wissenschaft warf das allerdings ein Problem auf. Die frühesten Erwähnungen von German_innen in römischen Texten stammen aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. Wie passt das mit dem angeblich prähistorischen Alter der arischen ›Rasse‹ zusammen, deren deutsche Dependance die German_innen sein sollten? Einen Lösungsversuch unternahm der Archäologe Gustaf Kossinna (1858–1931), der Gründer der Deutschen Gesellschaft für Vorgeschichte. Diese ließ sich 1933 gleichschalten und nannte sich in Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte um. Kossinna behauptete, eine archäologische Methode entwickelt zu haben, mit deren Hilfe die alten German_innen sich mindestens bis in die Bronzezeit zurückverfolgen ließen, wenn nicht noch weiter zurück. Die Nazis griffen Kossinnas Ansatz dankbar auf: Wenn man nur lang genug im Nebel der Vor- und Frühgeschichte herumtappte, ließ sich irgendwann auch ohne allzu große Schmerzen von Welteis und Atlantis fabulieren.

So erfanden sich die Nazis ihre eigenen German_innen, die um einiges älter waren als die, die der seriösen Historie bekannt sind. Beliebt waren Versuche, die steinzeitlichen Hünengräber und sogar die Anlage von Stonehenge als Beispiele germanischer Baukunst auszugeben. So etwa in dem unfrewillig komischen Propagandafilm Germanen gegen Pharaonen von 1939:



Kann man sagen, dass der Nationalsozialismus eine Art germanischer Rekonstruktionismus war, ein Revival germanischen Heidentums im 20. Jahrhundert? In dieser Allgemeinheit wäre das völlig unzutreffend. Einzelne Institutionen und Akteure innerhalb des NS-Herrschaftsgefüges trugen sich aber durchaus mit solchen Absichten. Das gilt insbesondere für Heinrich Himmler (1900–45) und die SS. Der Reichsführer-SS unterhielt mit dem Deutschen Ahnenerbe einen Forschungsverein, dessen Zweck u.a. darin bestand, sich mit »Germanenkunde« zu befassen. Der in Himmlers Umfeld blühende Obskurantismus führte allerdings dazu, dass aus Parteikreisen immer wieder der private Charakter des Ahnenerbes betont wurde. Man fürchtete, der Verein könne für eine offizielle Gliederung der NSDAP gehalten werden und diese in Verruf bringen.

Auffällig ist, wie in dieser »Germanenkunde« stets alles durcheinander geht: Das hohe Alter der germanischen Kultur ließ sich daran festmachen, dass die German_innen ja schließlich Stonehenge erbaut hatten. Die Fähigkeit dazu hatten sie, weil ihre Vorfahren direkt aus Atlantis kamen, was die German_innen zur reinsten Verkörperung der arischen oder nordischen ›Rasse‹ macht. Und wer immer noch nicht glaubt, welches hohe Wissen sie besaßen, kann doch in der Völuspá nachlesen, dass die Welt zur Zeit der Schöpfung aus Feuer und Eis bestand, was durch die Welteislehre glasklar bewiesen ist. So dient eine unsinnige Behauptung dazu, die nächste zu belegen. Ich vermute, dass es diese pseudowissenschaftliche Vorgehensweise war, die J. R. R. Tolkien veranlasste, die urgeschichtlichen Spekulationen einiger Nazis als »›Nordic‹ nonsense« zu bezeichnen.

Das leitet über zum Auftritt Carl Gustav Jungs (1875–1961). Der Begründer der Analytischen Psychologie hatte nicht nur einen profunden Einfluss auf die moderne Fantasy, sondern war auch seinerseits von H. Rider Haggards She inspiriert. 1936 veröffentlichte er seinen Aufsatz »Wotan. Sein Wiedererwachen im Dritten Reich«, der als unverhohlener Versuch gelesen werden kann, die Kulturpolitik der Nazis in seinem Sinne zu beeinflussen. Für Jung ist das germanische Erbe in den heutigen Deutschen höchst lebendig – sie wissen nur nichts davon. Im Mittelpunkt der Jungschen Psychologie steht bekanntlich die sogenannte Archetypenlehre. Archetypen sind nach Jung Symbole im kollektiven Unbewussten, die die Psyche von Individuen bestimmen, oftmals ohne dass diese etwas davon ahnen. Im Grunde ist Jungs Artikel ein Aufruf an die Nazis, die pseudowissenschaftliche, neo-mythologische Einkleidung ihrer Weltanschauung abzuwerfen und sich vorbehaltlos zu ihrer germanischen Seele zu bekennen. Als den die NS-Politik prägenden Archetypen sieht Jung den germanischen Gott Wotan. Der sei durch die Christianisierung der German_innen nicht verschwunden, sondern nur ins kollektive Unbewusste verdrängt worden. Und wie alles Verdrängte kehrt Wotan im Dritten Reich mit um so größerer Gewalt wieder:
Daß aber in einem eigentlichen Kulturland, daß schon geraume Zeit jenseits des Mittelalters gewähnt wurde, ein alter Sturm- und Rauschgott, nämlich der längst im historischen Ruhestand befindliche Wotan, wieder, wie ein erstorbener Vulkan, zu neuer Tätigkeit erwachen könnte, das ist mehr als kurios; es ist geradezu pikant. [...] Der rastlose Wanderer Wotan, der Unruhestifter, der bald hier, dald dort Streit erregt oder zauberische Wirkung übt, war zuerst durch das Christentum in einen Teufel verwandelt worden und flackerte nur noch wie ein Irrlicht durch stürmische Nächte, als ein gespenstischer Jäger mit seinem Jagdgefolge, und auch dies nur in lokalen, immer mehr erlöschenden Traditionen. [...] Er ist ein Sturm- und Brausegott, ein Entfeßler der Leidenschaften und der Kampfbegier, und zudem ein übermächtiger Zauberer und Illusionskünstler, der in alle Geheimnisse okkulter Natur verwoben ist. [...] Man kann daher von einem Archetypus »Wotan« sprechen, der als autonomer seelischer Faktor kollektive Wirkungen erzeugt und dadurch ein Bild seiner eigenen Natur entwirft. Wotan hat seine eigentümliche Biologie, gesondert vom Wesen des einzelnen Menschen, der nur zeitweise vom unwiderstehlichen Einfluß dieser unbewußten Bedingung erfaßt wird. In den Ruhezeiten dagegen ist einem die Existenz des Archetypus Wotan so unbewußt wie eine latente Epilepsie. Hätten jene Deutschen, die 1914 schon erwachsen waren, gedacht, was sie 1935 sein würden? Solches aber sind die erstaunlichen Wirkungen des Windgottes, der weht, wo er will, und von dem man nie weiß, woher er kommt und wohin er geht, der alles ergreift, was ihm in den Weg kommt, und alles ergreift, was keinen Stand hat.*
Wie man sieht, verfügt Jung (anders als die Nazis) über wirkliche Sprachgewalt. Sein Artikel lässt sich als mythopoetische Programmschrift verstehen, die sich (anders als Rosenbergs Mythus) vorbehaltlos zu ihrem Charakter bekennt. Als Versuch, den Nationalsozialismus zu erklären, ist der »Wotan« aber höchst problematisch. Jungs Argumentation läuft darauf hinaus, die Deutschen von jeder Verantwortung für ihr Tun zu entlasten: »Wir Außenstehende beurteilen den gegenwärtigen Deutschen viel zu sehr als verantwortlich zu machenden Handelnden; es wäre vielleicht richtiger, ihn zum mindesten auch als Erleidenden zu betrachten.«** Wer von einem Archetypen ergriffen ist, meint Jung, befindet sich im Bann einer höheren Macht. Auch die Frage nach den sozialen, politischen und ideologischen Entstehungsbedingungen des Faschismus erübrigt sich dadurch. Übrigens glaubt Jung auch, wenn der deutsche Faschismus sich nur wirklich auf den Wotan-Archetyp einließe, könne sie sich von einer massenmörderischen politischen Bewegung in eine Art dionysischen Kult verwandeln, der dann gewissermaßen als Ventil für die aufgewühlten Emotionen der deutschen Volksseele dienen werde:
Wenden wir unsere – zugegebenermaßen merkwürdige – Betrachtungsweise konsequent an, so müßten wir folgern, daß Wotan nicht nur seinen unruhvollen, gewalttätigen und stürmischen Charakter, sondern auch seine ganz andere, ekstatische und mantische Natur äußern müßte. Bestände dieser Schluß zu Recht, so wäre der Nationalsozialismus noch lange nicht das letzte Wort, sondern es wären in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten hintergründige Dinge zu erwarten, von denen wir uns jetzt allerdings noch schlecht eine Vorstellung machen können.***
Hätte Jung das mal einem Rosenberg erzählt, für den Ekstase und mantische Praktiken typische Erscheinungen des finsteren jüdisch-römisch-syrischen Geistes waren!

Ich weiß nicht, ob der durchschnittliche deutsche Kleinbürger 1935 wirklich so ergriffen war, wie Jung meint. Sonnte er sich nicht vielleicht eher in hämischer Selbstzufriedenheit darin, dass die Bolschewiken hinter Stacheldraht verschwanden, die entarteten Werke der »Asphaltliteraten« in Flammen aufgingen, die jüdische Nachbarsfamilie ihre Wohnung räumen musste und das öffentliche Leben wieder von Uniformgepränge und Hierarchien bestimmt waren? Sozialpsychologisch gesehen muss der Nationalsozialismus vielleicht eher als die Entfesselung traditioneller deutscher Spießigkeit gesehen werden, nicht als das Erwachen eines uralten Archetypen. Es mag sein, dass der deutsche Faschismus von der Schweiz aus so magisch und transgressiv wirkte, wie Jung ihn beschreibt (Céline sah ihn von Frankreich aus ähnlich). Aus der Nähe betrachtet waren die Nazis wohl eher kleinlich, gierig, eitel und intrigant.

Jungs Versuch enthält zudem einen Schönheitsfehler: Es gab im Dritten Reich keine politische Kraft, die sich ernsthaft an die Umsetzung einer erneuerten germanisch-heidnischen Religiosität gemacht hätte. Jung wendet sich mit seinem Artikel vor allem an die Deutsche Glaubensbewegung und ihren Führer Jakob Wilhelm Hauer (1881–1962). Der Religionswissenschaftler Hauer hatte diese Organisation ins Leben gerufen, um eine völkische Alternative zu den herkömmlichen christlichen Konfessionen zu schaffen.
Ich würde daher der Deutschen Glaubensbewegung raten, nicht mehr allzu prüde zu tun. Verständige werden sie nicht mit den plumpen Wotangläubigen verwechseln, die bloß einen Glauben affektieren. Es gibt Vertreter der Deutschen Glaubensbewegung, die intellektuell und menschlich durchaus in der Lage wären, nicht bloß zu glauben, sondern auch zu wissen, daß der Gott der Deutschen Wotan ist und nicht der universale Christengott.†
Anders als Jung es haben wollte, war dieser Deutsche Glaube keineswegs allein germanisch-heidnisch, sondern plünderte auch altpersische und altindische Religionsquellen aus, um eine »artgemäße« oder »arteigene« Religion zu konstruieren.†† Hier kommt wieder die Vorstellung der arischen oder nordischen ›Rasse‹ ins Spiel. Wie sich bereits bei Rosenberg gezeigt hat, glaubte man daran, dass die verschiedenen ›Rassen‹ neben körperlichen auch »seelisch-geistige« Eigenarten aufwiesen. Da war es nur natürlich, dass auch die religiösen Gefühle der Menschen ›rassisch‹ bedingt sein mussten. Im Fall der Deutschen Glaubensbewegung kam dabei ein höchst moderner Pantheismus heraus, der nach Überzeugung seiner Vertreter_innen aber genau das war, woran der nordische Mensch schon immer geglaubt habe. Um einen Eindruck davon zu vermitteln, zitiere ich die neun Gebote, die Hauer für seinen Deutschen Glauben formulierte:
1. Ehre die Gottheit.
2. Ehre deine Vorfahren und Nachkommen.
3. Ehre die Großen deines Volkes.
4. Ehre Vater und Mutter.
5. Halte dich rein.
6. Sei treu deinem Volk.
7. Stiehl nicht.
8. Sei wahr.
9. Helfe den Edlen.
Das soll nun die Kampfbegier und die Leidenschaften entfesseln, die Geheimnisse okkulter Natur offenbaren? Ein Sammelsurium aus religiös verbrämtem Nationalismus, faschistischem Elitedenken und christlicher Ethik? Das ist keine »Begegnung mit einem ebenso lebendigen wie abgründigen Stammesgott«,††† sondern gepflegte Langeweile. Zwar durchkämmten Hauer und andere eifrig die alten Quellen, um aus ihnen ihre »arteigene Religion« zu begründen. Auch trafen sie durchaus einen Nerv, denn die NS-Behörden ermöglichten es den Anhänger_innen des arteigenen Glaubens, in offiziellen Unterlagen anstelle der christlichen Konfessionen die Religionszugehörigkeit »gottgläubig« zu führen. Von dieser Möglichkeit machten viele überzeugte Nazis Gebrauch, auch wenn sie mit der Deutschen Glaubensbewegung nichts zu tun hatten. Deren allzu konstruierte Theologie machte ihr allerdings schwer zu schaffen. 1933 gegründet, zerfiel die Bewegung schon 1936 in eine Vielzahl konkurrierender Splittergruppen, von denen die meisten schnell bedeutungslos wurden. Die »arteigene Religion« war letztlich nur ein weiterer Neo-Mythos, den einige Nazis als Steckenpferd betrieben und dazu benutzten, um echte, alte Mythen zu fleddern und sich ihrer eigenen Überlegenheit zu versichern.

* C. G. Jung, Wotan. Sein Wiedererwachen im Dritten Reich, in: Franz Alt (Hg.), Das C. G. Jung Lesebuch, Düsseldorf/Zürich ³2003, 205–220, hier 206.207.214.
** A.a.O., 219.
*** Ebd.
† A.a.O., 218f.
†† Anders als er glauben machen will, war Jung in dieser Sache keineswegs Außenstehender oder neutraler Ratgeber. Er stand mit Hauer in persönlichem Austausch und lud ihn zu Tagungen und Vorträgen ein.
††† A.a.O., 218.

Mittwoch, 16. August 2017

Gibt es die faschistische Fantasy? (Teil III)

Der erste Teil dieser Reihe endete mit der Frage: Gibt es wirklich etwas, das den nordischen Geist edel macht, und die Aneignung der nordischen Mythologie durch die Nazis niederträchtig? Von entscheidender Bedeutung ist das deshalb, weil der ›nordische‹ Geist, oder genauer: Werke wie Beowulf, die Eddas, das Nibelungenlied, die Grimmschen Märchen und andere über Andrew Lang, William Morris, E. R. Eddison und J. R. R. Tolkien auf die moderne Fantasy eingewirkt haben wie kaum ein anderer Textcorpus. Und es hat sich im ersten Teil auch gezeigt, dass es gerade dieses ›nordische‹ Element ist, dass Fantasy für heutige Nazis anziehend macht. Spricht diese Affinität dafür, dass skandinavischen, englischen und deutschen Sagen und Märchen ein protofaschistischer Charakter zukommt? J. R. R. Tolkien und A. S. Byatt bestreiten das und sehen das ›nordische‹ Gehabe der Nazis als illegitime Aneignung an. Auch das könnte natürlich darauf hinauslaufen, dass ein Bewunderer des »noble northern spirit« wie Tolkien auf diese Weise lediglich seinen eigenen, vermeintlich besseren Nationalismus legitimieren will. Bevor ich dazu komme, möchte ich auf den Umgang der Nazis mit der germanischen Mythologie eingehen.*

Hatten die Nazis einen Germanenfimmel? Auf heutige Nazis trifft das zweifellos zu. In der Ikonographie der neonazistischen Szene wimmelt es nur so von Runen und Thorshämmern. Neo-heidnisch orientierte Nazis behaupten, eine Religion namens Odinismus zu praktizieren. Rechtsrock-Bands heißen Sleipnir, Ultima Thule oder Ragnaröck und schreiben unfreiwillig komische Stücke wie »Wotan strafe England«. Nimmt man analoge Äußerungen der Führungsriege des historischen Nationalsozialismus in den Blick, ergibt sich ein heterogenes Bild. Einige, wie Himmler, hatten zweifellos einen Germanenfimmel. Hitler dagegen ließ 1942 über die germanische Vergangenheit verlauten: »In einer Zeit, wo die andern schon Steinstraßen besaßen, hat unser Land Zeugnisse einer Kultur nicht aufzuweisen.«

Es ist eher ein Zerrbild als eine zutreffende Beschreibung, wenn man annimmt, die Nazis hätten allesamt in Vorstellungen einer mythischen germanischen Vorzeit geschwelgt. Natürlich versuchte die deutsche Archäologie sich beliebt zu machen, indem sie überall in der Provinz den Boden durchwühlte, um vielleicht doch noch zu beweisen, dass diesseits des Limes eine mit Rom und Griechenland vergleichbare Hochkultur geherrscht habe. Aber man verkennt den Faschismus, wenn man ihn für eine rein vergangenheitsorientierte Ideologie hält. Faschistische Regimes prahlten nicht nur mit der glorreichen Vergangenheit, sondern stets auch mit den Leistungen von Technik und Wissenschaft, die unter ihrer Ägide angeblich gewaltige Fortschritte machten. Der Zukunftsroman, eine deutsche Parallelentwicklung zur Science Fiction in den USA, war im Dritten Reich ein weitverbreitetes Genre. Goebbels sah es gern, wenn die Deutschen über die heroischen Kraftanstrengungen von Ingenieuren und Erfindern lasen.

Rätselhaft ist es schon: Hitler war bekanntlich ein glühender Wagner-Verehrer. Schon früh in seiner Karriere fand er Zugang zu dem Kreis, der sich um Wagners Witwe Cosima (1837–1930) und ihren Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain (der bereits im letzten Post als Rassenkundler aufgetreten ist) im Haus Wahnfried gebildet hatte. Dieser Kreis arbeitete kräftig daran, die antisemitischen Elemente in Wagners Werk herauszustellen, und hatte damit einigen Einfluss auf Hitler. Aber wenn dem so war, warum entstand dann im Dritten Reich kein einziges Werk, dass auch nur dem Versuch nach mit dem Ring des Nibelungen (oder auch Fritz Langs Film Die Nibelungen von 1924) vergleichbar wäre? Jedenfalls ist mir kein derartiger Versuch bekannt, ob in Literatur oder Film.

»Nibelungentreue« war ein Kampfbegriff des Nationalsozialismus. Nach der Schlacht von Stalingrad hielt Göring eine Rede, in der er die Situation der eingekesselten deutschen, italienischen, rumänischen und ungarischen Truppen mit den Nibelungen im brennenden Saal der Etzelburg gleichsetzte. Vielleicht hilft diese Bezugnahme auf germanische Mythologie bei der Lösung des Rätsels: Göring sprach propagandistisch. Das geht mit einer gewissen Austauschbarkeit des Inhalts einher. Wäre er kein deutscher, sondern französischer Faschistenführer gewesen, hätte er sich vielleicht auf Jeanne d’Arc statt auf die Nibelungen berufen. Tatsächlich war aus nationalsozialistischer Sicht Politik und Propaganda gleichzusetzen. Hitler konnte sich lange Zeit unter Politik nichts anderes vorstellen, als vor einer jubelnden Menschenmenge eine Rede zu halten. Das hatte weitreichende Folgen für das Kunstverständnis der Nazis. Die wuchtigen Skulpturen eines Arno Breker (1900–91), die Monumentalarchitektur Speers, die Inszenierung der Reichsparteitage, die Lobgedichte auf Hitler – sie alle zielten unmittelbar auf eine propagandistische Wirkung ab. Wer wie der Faschismus eine »Ästhetisierung der Politik« (Walter Benjamin) betreibt, vermag damit Menschenmassen aufzuputschen, verliert aber allzu leicht den Sinn für den Unterschied von Propaganda und Kunst.

Folgerichtig war staatlich geförderte Literatur im Nationalsozialismus überwiegend Tendenzliteratur. Sie hatte die Verbundenheit mit Blut und Boden, die Aufopferung für die Volksgemeinschaft positiv darzustellen. Echte mythopoetische Literatur enthält aber immer ein Element des l’art pour l’art. »The prime motive was the desire of a tale-teller to try his hand at a really long story«, lautet Tolkiens lakonische Erklärung, warum er The Lord of the Rings geschrieben habe. Ein Rosenberg ätzte dagegen, es könne nicht angehen, dass ein Roman »aus artistischem Wohlgefallen heraus« geschrieben werde. Und die Zeitschrift Die Literatur tönte 1940, wer ein Buch schreibe, habe sich »unter den selbstverständlichen Leitgedanken des Dienstes, des Uniformtragens« zu stellen. Da nimmt es nicht wunder, wenn die lyrischen Ergüsse nationalsozialistischer Dichter_innnen mitunter so aussahen:
Deutsche Jugend, werde mir wieder blond,
Laß aus blauen Augen, vom Stahl durchsonnt
Inneren Feuers, den wahren Himmel leuchten!
Wieder auf zarter Wange in schöner Glut
Glühe das götterhafte Germanenblut,
Rein von den trüben Tropfen, die es durchseuchten!
Diese Verse stammen von Otto Hauser (1876–1944), dem Verfasser so unsterblicher Werke wie Atlantis. Der Untergang einer Welt. Epos der Rasse in 20 Gesängen (1920) und Der blonde Mensch (1921). Sie wurden 1934 in der Zeitschrift Rasse und Politik publiziert.

Natürlich lässt sich nicht jede einzelne nationalsozialistische oder völkische Bezugnahme auf germanische Mythologie als Propaganda beschreiben. Der instrumentelle Charakter der Propaganda gibt aber den entscheidenden Hinweis: Die Nazis verwendeten die mythologischen Quellen auf instrumentelle Weise. Geht es zum Beispiel um die Eddas, fehlte oft jeder Hinweis auf den literaturgeschichtlichen Kontext (dass diese Werke in Island entstanden sind, dass sie aus dem Mittelalter stammen etc.). Sie galten als Schriften, denen man weltanschauliches Material entnehmen konnte. Dass etwa Snorri seine Edda nicht als System von Glaubensüberzeugungen schrieb, sondern als Poetik, interessierte dabei nicht. »Den völkischen Esoterikern der Jahrhundertwende war [...] nicht nach sensibler Mythen-Interpretation zumute, sondern sie wollten aus ihren Bildern zwingende Beweise für die uralte Herkunft und spirituelle Überlegenheit des ›Ariers‹ herauspressen.«** Dass die arische ›Rasse‹ uralt sei und geistig und körperlich allen anderen überlegen – das sind selbst schon mythische Konzepte, allerdings solche, die in der Moderne entstanden sind. Man spricht deshalb von Neo-Mythologien.

Typisch für Neo-Mythologien ist, dass sie sich für wissenschaftlich oder tatsachenorientiert ausgeben. Die Rassenkunde lässt sich als eine solche Neo-Mythologie beschreiben. Es gibt daneben aber auch noch weitere Neo-Mythologien, die die Nazis inspirierten:
  • die Glazialkosmogonie oder Welteislehre Hanns Hörbigers,
  • der sogenannte Nationalatlantismus,
  • der Mythos vom Weltjudentum, wie er vor allem in den Protokollen der Weisen von Zion zum Ausdruck kommt,
  • und die Vorstellung einer »arteigenen« Religion.
In der Praxis vermischten sich diese neo-mythischen Vorstellungen regelmäßig untereinander und mit solchen, die der Rassenkunde entnommen waren. Die Glazialkosmogonie wurde von dem österreichischen Ingenieur Hanns Hörbiger (1860–1931) entwickelt. Im Dritten Reich gab es einige Bemühungen, sie als ernstzunehmende physikalische Theorie an den Universitäten zu etablieren. Rüdiger Sunner fasst die Welteislehre folgendermaßen zusammen:
Wie am Anfang der »Edda« die Schöpfung aus dem Zusammenprall von Feuer und Eis geschildert wird, so glaubte Hörbiger, daß vor Urzeiten ein »Eisgigant« in eine »Riesen-Sternmutter« gerast sei. Das habe eine kosmische Explosion von ungeahnten Ausmaßen verursacht, ein Szenario, das in seiner Dramatik wohl so recht nach dem Geschmack mancher NS-Führer war. Aus dem umherwirbelnden glühenden Eisstaub hätten sich allmählich rotierende Wolken und Spiralen gebildet, aus denen nach Abkühlung die Planeten, Sonnen und Monde entstanden seien. Der Mensch habe sich nicht aus dem Affen entwickelt, sondern sei als lebensfähiges Protoplasma in Eisstücken auf die Erde heruntergekommen, als »göttliches Sperma«, welches der »Allvater Kosmos« in den Schoß von »Allmutter Erde« gesenkt habe, um daraus den »Homo europaeus« als »Haupt- und Endzweck der Schöpfung« entstehen zu lassen. Aus diesem Grund glaubte Hörbiger auch an die reale Existenz prähistorischer Hochkulturen, die zwar in Naturkatastrophen verschlungen worden eien, aber von denen noch vereinzelte Spuren existierten.***
Das leitet auch schon zum Nationalatlantismus über. Damit bezeichnet der Mythologe Pierre Vidal-Nacquet den Versuch, den Ursprung der eigenen Nation in Atlantis zu lokalisieren. Nun kann es als ausgemacht gelten, dass der Atlantismythos eine Erfindung Platons ist. Tatsächlich entwarf Platon damit eine Art politische Dystopie. Er zeichnete Atlantis als Gemeinwesen, das (ganz wie Tolkiens Númenor) aufgrund seines Hochmuts und seiner Dekadenz von den Göttern bestraft und in einer gewaltigen Flutkatastrophe vernichtet wird. Trotzdem häuften sich in der Neuzeit die Versuche, Atlantis als vorzeitliches Paradies darzustellen, dessen Erbe noch heute lebendig sei. Wo genau dieses Erbe angeblich zu finden ist, das hing von den jeweiligen politischen Absichten ab. Den Anfang machte der schwedische Naturforscher Olof Rudbeck (1630–1702), der zu einer Zeit, da Schweden zur europäischen Großmacht aufstieg, in seinem voluminösen Werk Atlantica sive Manheim unbedingt nachweisen wollte, dass Schweden ein Überrest von Atlantis sei. An der Stelle der alten Hauptstadt von Atlantis sei später Uppsala errichtet worden.

Wie bereits erwähnt vermutete Rosenberg Atlantis, allerdings ohne sich darauf festzulegen, im nördlichen Atlantik. Andere Nazis waren wesentlich spezifischer, wenn es um ihre Lieblingshypothesen zur Lage des sagenhaften Kontinents ging. Der Amateur-Archäologe Edmund Kiss (1886–1960) war sowohl ein Verfechter der Historizität von Atlantis als auch ein Anhänger der Welteislehre. Nach einem Südamerika-Aufenthalt veröffentlichte er 1937 in der Zeitschrift Germanien einen Artikel mit dem bizarren Titel »Nordische Baukunst in Bolivien«. Kiss war zu der Überzeugung gelangt, die Ruinen von Prä-Inka-Kulturen in der Umgebung des Titicaca-Sees stellten archäologische Spuren von Atlantis dar. Prompt stellte der SS-Forschungsverein Deutsches Ahnenerbe ihm Geld für eine Expedition nach Nordafrika zur Verfügung, durch die er seine Kombination der Welteislehre mit dem Atlantismythos weiter ausbauen sollte. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Kiss seine Ansichten in einer Romantetralogie niederlegte, die aus den Bänden Das gläserne Meer (1930), Die letzte Königin von Atlantis (1931), Frühling in Atlantis (1933) und Die Singschwäne von Thule (1937) besteht. Was der Möchtegern-Intellektuelle Rosenberg sich für seinen Mythus des 20. Jahrhunderts verbeten hatte, war einem Spintisierer und Abenteurer wie Kiss auf Basis der Welteislehre ohne weiteres möglich: Bausteine für phantastische Unterhaltungsliteratur zu sammeln. Harmloser wird es dadurch nicht: Kiss’ Ansichten waren vor allem im Umkreis der SS sehr beliebt. Zeitweilig durfte er sogar die Wachmannschaft des Führerhauptquartiers kommandieren.

Herrenrassen, Welteis und Atlantis. Das war es also, was im Dritten Reich als ernsthafte Geistesbeschäftigung galt – von den Protokollen der Weisen von Zion, deren Echtheit führende Nazis vertraten, ganz zu schweigen. Durch die Brille dieser pseudowissenschaftlichen Konzepte betrachteten die Nazis auch die germanischen Mythen, bzw. sie suchten in ihnen Bestätigungen für ihren Rassismus, ihre Atlantishypothesen und die Welteislehre. Nun gibt es aber mit C. G. Jung einen bedeutenden Denker, der eine Identität von altgermanischer Mythologie und nationalsozialistischer Weltanschauung behauptet. Dem möchte ich in einem weiteren Text nachgehen und dabei auch die Vorstellung einer »arteigenen Religion« betrachten.

* Das Unsinnswort ›nordisch‹ vermeide ich von jetzt an lieber. ›Germanisch‹ ist in jedem Fall die passendere Bezeichnung. Damit will ich nicht die Fiktion eines einheitlichen Germanentums fortschreiben. In der Antike war Germani einfach die lateinische Bezeichnung für die an den Flüssen Rhein, Elbe und Oder lebenden Stämme. Da es heute gebräuchlich ist, von germanischen Sprachen zu sprechen, lässt sich m.E. auch von germanischer Mythologie sprechen, wenn von Werken wie dem Beowulf, den Eddas und dem Nibelungenlied die Rede ist.
** Rüdiger Sunner, Schwarze Sonne. Entfesselung und Mißbrauch der Mythen in Nationalsozialismus und rechter Esoterik, Freiburg im Breisgau u.a. ²1999, 37f.
*** A.a.O., 45f.

Sonntag, 6. August 2017

Gibt es die faschistische Fantasy? (Teil II)

Bevor ich mich an den Versuch mache, die Frage zu beantworten, mit der ich den ersten Teil dieser Reihe beendet habe, will ich mich noch einem anderen Problem zuwenden. Die Frage ist: Aus welchen Quellen könnte eine faschistische Fantasy, so es sie gibt, entstanden sein? Hier spielt das Konzept des taproot texts, wie John Clute es in der Encyclopedia of Fantasy definiert hat, eine wichtige Rolle. Bevor es Fantasy gab, gab es Texte, die übernatürliche und wunderbare Ereignisse schildern. Fantasy verwendet solche taproot texts häufig als Quelle. Die Arbeit der Fantasy beschreibt Clute als »transforming a traditional story containing supernatural elements into a work mediated through – and in a telling sense defined by – those elements«. So verfuhr Goethe mit der Faustsage, Wagner mit der Nibelungensage und den Gralsromanzen, Thomas Mann mit der Josephsgeschichte in der Bibel, T. H. White mit dem Morte Darthur und schließlich Tolkien mit dem Beowulf, der Edda und der Deutschen Mythologie. (Zahlreiche weitere Beispiele wären zu nennen.)

Für den taproot text des Nationalsozialismus halte ich die sogenannte Rassenkunde. Wie bereits ausgeführt, war diese keine Erfindung der Nazis, sondern galt bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als seriöse Wissenschaft. (Tatsächlich steht ihr wissenschaftlicher Wert aber auf einer Stufe mit Verschwörungstheorien und Berichten über Entführungen durch Außerirdische. Ich habe aus Recherchegründen sehr viel von dem Mist gelesen.) Besonders einflussreiche Veröffentlichungen aus dem Bereich dieser Pseudowissenschaft sind Joseph Arthur de Gobineaus Essai sur l’inégalité des races humaines (1853/55), Houston Stewart Chamberlains Grundlagen des 19. Jahrhunderts (1899), The Passing of the Great Race (1916) von Madison Grant, The Rising Tide of Color Against White World-Supremacy (1920) von Lothrop Stoddard, Hans F. K. Günthers Rassenkunde des deutschen Volkes (1922) und Julius Evolas Sintesi di dottrina della razza (1941). Man sieht, die Rassenkunde war eine durchaus internationale Angelegenheit: Gobineau war Franzose, Chamberlain gebürtiger Brite und Wahldeutscher, Grant und Stoddard waren US-Amerikaner, Günther war Deutscher und Evola Italiener. Man sieht außerdem an den Veröffentlichungsdaten, dass es zwischen 1918 und 1945 (also in der Epoche des Faschismus) eine gewisse Konjunktur solcher Werke gab. Insbesondere Chamberlain übte einen immensen Einfluss auf die zentralen Weltanschauungsschriften der Nazis aus, also auf Hitlers Mein Kampf (1925/26) und Rosenbergs Mythus des 20. Jahrhunderts (1930).

Houston Stewart Chamberlain (1855–1927) war mit Richard Wagners Tochter Eva (1867–1942) verheiratet. Aus wohlhabender britischer Familie stammend, entwickelte er schon früh eine zur Überidentifikation neigende Begeisterung für alles Deutsche (bzw. für das, was man in völkisch-rechtsradikalen Kreisen als deutsch ansah). Der Makel seiner nichtdeutschen Geburt machte aus Chamberlain gewissermaßen einen Vorläufer Akif Pirinçcis. In seinen Schriften neigte er dazu, bei jeder sich bietenden Gelegenheit in eine groteske Anglophobie zu verfallen. Die britische Öffentlichkeit verspottete Chamberlain als »den deutschen Philosophen«. Tatsächlich war er kein Philosoph, sondern hatte Botanik studiert, was ihn aber nicht davon abhielt, als dilettierender Experte für alles und nichts aufzutreten.

Ich will mich nun Alfred Rosenberg (1893–1946) zuwenden. Rosenberg war Leiter des Außenpolitischen Amtes der NSDAP und Reichsminister für die besetzten Ostgebiete. In diesen Funktionen betrieb er vor allem Kunstraub im großen Stil. Eine Machtfülle, die mit derjenigen Bormanns, Goebbels’, Himmlers und (zeitweilig) Görings vergleichbar wäre, konnte Rosenberg nie auf seine Person vereinigen. Obwohl er ein frühes Mitglied der NSDAP war, gehörte er nach 1933 eher zur zweiten Garde der NS-Führungsriege, in der mitunter über Rosenbergs aufgesetzen Intellektualismus gehöhnt wurde. Rosenberg war neben seinen außenpolitischen Funktionen aber auch »Beauftragter des Führers für die Überwachung der gesamten weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP« (nur echt mit diesem Titel). Der damit verbundenen Dienststelle (um die pompöse öffizielle Bezeichnung zu vermeiden, ist in der Sekundärliteratur meist nur vom Amt Rosenberg die Rede) unterlag nach dem Verständnis Rosenbergs die Kontrolle der gesamten NS-Kulturpolitik. Das kollidierte allerdings mit dem gleichgelagerten Anspruch der Reichskulturkammer, die wiederum dem Reichspropagandaministerium Joseph Goebbels’ unterstand. Die recht unterschiedlichen kulturpolitischen Vorstellungen Rosenbergs und Goebbels’, die ich hier schon einmal beschrieben habe, führten dazu, dass die beiden NS-Bonzen eine giftige Dauerfehde führten, in der meistens Goebbels die Oberhand behielt.* Rosenberg eignet sich aber deshalb besonders gut für die Behandlung des eingangs genannten Problems, weil er sich für ausersehen hielt, das kulturelle Leben im Sinne der Rassenkunde zu erneuern, und mit dem Mythus des 20. Jahrhunderts eine entsprechende Programmschrift verfasste.

Ich habe zu beschreiben versucht, dass in der Rassenkunde gewissermaßen eine horizontale und eine vertikale Achse zu unterscheiden sind. Auf beiden Achsen findet nach faschistischer Auffassung ein ewiger Kampf statt: Auf der horizontalen Achse kämpft die nordische Herrenrasse mit der jüdischen Anti-›Rasse‹ um die Weltherrschaft. Auf der vertikalen Achse kämpft am oberen Ende die Herrenrasse um ihren Bestand, da sie ständig davon bedroht ist, in den am unteren Ende der Achse drohenden Sumpf des Untermenschentums hineingesogen zu werden. Die Mittel in diesem Kampf sind auf der einen Achse die Selektion und Vernichtung des Judentums, auf der anderen Achse Eugenik und Rassenhygiene (d.h. vor allem das Verbot sogenannter Mischehen). Das Bild des Ariers und des Semiten, die auf der vertikalen Achse ihren ewigen Kampf ausfechten, ist dabei vor allem eine Verballhornung der sprachwissenschaftlichen Unterscheidung zwischen indoeuropäischen und semitischen Sprachen.** Ariertum und Semitentum werden in der Rassenkunde zu gegensätzlichen Prinzipien in einem kosmischen Kampf: Der Arier ist heroisch, idealistisch, großmütig und gedankenvoll. Der Semit ist krämerisch, materialistisch, nachtragend und spitzfindig.

Der Mythus des 20. Jahrhunderts greift dieses dichotomische Bild auf und entwickelt es weiter. Für Rosenberg sind ›Rassen‹ nicht nur biologische, sondern auch »seelisch-geistige« Gestalten. Für die intellektuellen »Gestaltenkämpfe«, in die Rosenberg sich eingebunden sah, brauche es deshalb eine neue Mythologie. Der Titel seines Buches ist deshalb ganz wörtlich zu nehmen, und Rosenberg versucht darin mit Feuereifer, diese neue Mythologie zu erschaffen. In ihr sieht Rosenberg nichts weniger als die Grundlage aller philosophischen, religiösen und künstlerischen Ausdrucksformen der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft. Die Figuren des Ariers und des Semiten formt Rosenberg zu einer mythischen Topographie um: Auf der einen Seite steht Atlantis. Rosenberg glaubte wohl tatsächlich an einen versunkenen Kontinent im Nordatlantik. Bei der Lokalisierung des legendären Inselreichs bleibt er aber eher vage, wohl deshalb, weil er den Spott der etablierten Wissenschaft fürchtete, sollte er sich auf allzu eindeutige geologische Spekulationen einlassen. Umso ausführlicher zeigt er sich dann über die kulturgeschichtliche Bedeutung von Atlantis informiert. Die Atlantiden seien begnadete Seeleute gewesen und hätten überall auf der Welt Kolonien gegründet, um die Völker am Licht ihrer Überlegenheit teilhaben zu lassen. Sie hätten die Sonne als göttlich verehrt und seien damit die direkte Inspiration für die Hochreligionen Ägyptens, Persiens und Indiens gewesen. Kurzum, aus Atlantis stammt alle Kultur.

Auf der Gegenseite steht Syrien. Damit meint Rosenberg weniger den geographischen Ort, als vielmehr ein Bündel von Assoziationen, wie es im Westen oft mit ›dem Orient‹ verbunden wird: üppige Sinnlichkeit, Dekadenz und Fanatismus. Statt sich der Sonne zuzuwenden, praktiziert Syrien finstere, magische Kulte in unterirdischen Gewölben. Dem aristokratischen Geist von Atlantis setzt Syrien seinen »demokratischen Tellurismus« entgegen. In Syrien herrschen die Frauen, die Sexualität und ganz allgemein die Ausschweifung. Mit voyeuristischer Lust am Detail malt Rosenberg die Orgien und blutrünstigen Rituale aus, die in allen Kulturen der Welt abgehalten werden, die unter den Einfluss Syriens gefallen sind. Der römische Katholizismus mit seiner Neigung zu Sinnlichkeit und Prachtentfaltung ist für Rosenberg eine moderne Verkörperung des syrischen Prinzips, so sehr, dass er ›römisch‹ und ›syrisch‹ geradezu austauschbar verwendet. Dennoch sieht sich Rosenberg als Christ, aber als Protestant, denn Luthers Auseinandersetzung mit dem Papsttum war in Wirklichkeit nur ein weiteres Kapitel des Kampfes zwischen dem lichten Atlantis und dem sumpfigen Syrien. Am reinsten zeigt sich das syrische Prinzip natürlich im Judentum, denn Juden fressen bekanntlich christliche Kinder.

Das wäre er also, der faschistische Mythos in der Variante von Rosenberg. Vergleicht man ihn mit anderen modernen Mythenmachern wie Blake, Wagner, Nietzsche, Bachofen, Frazer, Freud, oder sogar Jung und Ranke-Graves, fällt er ausgesprochen kläglich aus. Beim Lesen des Mythus des 20. Jahrhunderts kann man sich des beständigen Eindrucks nicht erwehren, hier lebe ein verklemmtes, autoritäres Individuum sein heimliches Begehren aus, indem es sämtliche verbotenen Wünsche in grotesker Form auf einen imaginären Feind projiziert. Interessant ist nun die Frage, welche Art von Literatur gemäß Rosenbergs Hoffnungen aus diesem Mythos entstehen sollte. Aus heutiger Sicht lässt sich das schnell beantworten: Was Rosenberg da über Atlantis und Syrien fabuliert, ließe sich gut zu einem Roman im Stil von Norman Spinrads Iron Dream verarbeiten. Denkbar wäre auch etwas in der Machart von Frank Millers und Lynn Varleys 300. Von Rosenbergs mythischer Topographie bis zu Millers Sparta und Persien ist es schließlich nicht weit.

In Rosenbergs Absicht hätte so etwas aber ganz und gar nicht gelegen. Er war der festen Überzeugung, die nationalsozialistische Herrschaft werde zu einem Aufblühen von Kunst und Kultur führen. In Wahrheit war natürlich das Gegenteil der Fall. Die Nazis trieben massenhaft Künstler_innen und Intellektuelle ins Exil oder in die Konzentrationslager. Die dadurch im Kulturbetrieb entstandenen Lücken wurden durch drittklassige völkische Schreiberlinge aufgefüllt. Eine beispiellose Verödung des kulturellen Lebens trat ein. Rosenberg war sich der literarischen Minderwertigkeit der völkischen Literaturproduktion peinlich bewusst. Sicherlich war ihm uneingestandenermaßen klar, dass die erhofften Blütezeit sich auch durch Proklamationen im Stil seines Mythus nicht herbeizwingen ließ. Also tat er das aus seiner Sicht nächstliegende: Er führte einen verbissenen Kampf gegen sogenannte Schundliteratur. Für den deutschen Herrenmenschen sei es nicht angemessen, mit trivialer Unterhaltung Zeit zu vertändeln. Es handelt sich um einen nur allzu durchsichtigen Reflex: Wenn das Gewünschte nicht eintritt, dann verbietet man wenigstens das Unerwünschte.

Dem Dilemma konnte Rosenberg dadurch nicht entgehen: Welche Art von Literatur hätte aus seinem Mythus denn auch entstehen sollen, wenn nicht phantastische Unterhaltungsliteratur? Aber hätte wer auch immer gewagt, einen entsprechenden Roman auf der Grundlage des Mythus zu schreiben, hätte das Rosenberg doch nur die intellektuelle Dürftigkeit seines Opus vor Augen geführt. Natürlich wurden im Dritten Reich phantastische Romane veröffentlicht, die ein völkisches Weltbild pflegten. Diese bedienten sich aber nicht des Rosenbergschen Mythus als Grundlage, sondern suchten sich andere Quellen. Besonderer Beliebtheit erfreute sich dabei die sogenannte Welteislehre Hanns Hörbigers (einen Einblick in das entsprechende Schrifttum gibt dieser Artikel von Joachim Körber). Auch die Ariosophie, ein von Guido von List und Jörg Lanz von Liebenfels entwickelter völkischer Okkultismus, wirkte auf zahlreiche phantastische Romane ein.

Letztlich bestand Rosenbergs Problem in seiner intellektuellen Eitelkeit. Es gehört zum psychologischen Profil der faschistischen Führerpersönlichkeit, die eigene Bedeutung zu überschätzen. In Rosenbergs Fall äußerte sich das so, dass er sich für einen großen Denker hielt, einen veritablen Nachfolger Kants, Goethes und Nietzsches. Während andere NS-Bonzen sich volksnah gaben, prahlte Rosenberg damit, schon als Jugendlicher täglich 13 Stunden in der Bibliothek verbracht zu haben, um die Klassiker der Philosophie zu studieren. Um so größer die Fallhöhe. Als er das Atlantismotiv aufgriff, glaubte Rosenberg wahrscheinlich, sich damit in die Nachfolge Platons zu stellen, und übersah völlig, dass Atlantis seit dem 19. Jahrhundert zum Stoff für phantastische Literatur geworden war. Erst 1920 war beispielsweise Pierre Benoits Roman L’Atlantide erschienen, der 1932 von Georg Wilhelm Pabst fürs deutsche Kino verfilmt wurde.

Aufschlussreich ist der Fall der äußerst erfolgreichen Heftromanreihe Sun Koh, der Erbe von Atlantis, die Paul Alfred Müller (1901–70) unter dem Pseudonym Lok Myler schrieb. Die Reihe brachte es im Dritten Reich auf 150 Hefte und drei Auflagen. Müller war 1933 der NSDAP beigetreten. Dennoch leitete die Prüfstelle für Schund- und Schmutzliteratur (hieß wirklich so!) des Reichsinnenministeriums 1934 ein (letztlich erfolgloses) Verbotsverfahren gegen die Reihe ein. Die Prüfstelle attestierte der Serie »Roheit der Gesinnung«, die »alle edleren Regungen des Herzens« ersticke, und bemängelte außerdem, dass zu wenige deutsche Figuren aufträten. Müller war zu weitgehenden Anpassungen bereit. Er ließ Nimba, den schwarzen Sidekick seines Helden Sun Koh, sterben und war einverstanden, dass Nimba aus den Titelbildern der Neuauflagen retuschiert wurde. Außerdem propagierte er in den Heften verstärkt deutsche Kolonialpolitik.

Gerade diese opportunistische Wendigkeit, der sich zahlreiche Unterhaltungsautor_innen befleißigten, war Rosenberg ein Dorn im Auge. In der Zeitschrift Bücherkunde, die vom Amt Rosenberg herausgegeben wurde, ließ er zur Attacke blasen: Unterhaltungsliteratur sei eine »Gefahr für den Geist des Volkes«, da sie eine fiktive »Welt der Illusionen, des Glückshungers« präsentiere. Nach ’33 seien ihre Held_innen plötzlich »blond und nordisch« geworden, um gerade noch die Zensur umgehen zu können. Am Ende steht die Forderung: »Wir sind der Meinung, daß dieses Übel radikaler und unbarmherziger angefaßt werden muß, als es bisher geschehen ist.« Letztlich setzte sich aber weder das Amt Rosenberg noch irgendeine andere offizielle Stelle des NS-Staats mit dem Versuch durch, Heftromane und andere Formen von Unterhaltungsliteratur vollständig zu verbieten. Paul Alfred Müller hat seinen Erben von Atlantis sicherlich nicht bewusst auf der Grundlage von Rosenbergs Mythus konzipiert. Aber Rosenbergs ohnmächtige Wut lässt sich sehr gut damit erklären, dass eben alles andere als klar ist, worin denn eigentlich der Unterschied zwischen seinen eigenen Spekulationen über heroische Atlantiden und Pulp-Helden wie Sun Koh bestehen soll.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Der Mythus des 20. Jahrhunderts zwar durchaus eine Tradition faschistischer Fantasy hätte begründen können, die Prätentionen seines Autors dies aber unmöglich machten. Ich werde mich also weiter nach Möglichkeiten zu solcher Traditionsbildung umsehen.

* Ämterchaos und Kompetenzwirrwarr im Dritten Reich entsprangen einem politischen Kalkül Hitlers. Je weniger sich die NS-Funktionäre der Grenzen ihrer Zuständigkeitsbereiche sicher waren, desto mehr waren sie von der persönlichen Gunst des »Führers« abhängig.
** Es ist kein Zufall, dass die Rassenkunde ihr Vokabular vor allem aus der Sprachwissenschaft bezieht. Sprachliche Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen lassen sich schließlich empirisch feststellen, während die Unterschiede, die von der Rassenkunde konstatiert werden, weitgehend imaginär sind. Durch die terminologische Nähe zur Sprachwissenschaft versucht die Rassenkunde den Anschein von Wissenschaftlichkeit wahren. 

Freitag, 21. Juli 2017

Phantastik vs. Fantasy: Erste Runde

Auf Twitter entspann sich ein Gespräch über Alessandra Reß’ amüsantes Glossar »Die Fee ist immer da: Genres der Phantastik«. Dabei stellte jemand die Frage, was denn eigentlich mit der old school supernatural fiction sei – also jenem Genre, das in der deutschsprachigen Literaturwissenschaft als Phantastik bezeichnet wird, und zwar meist in einem exklusiven Sinn.

Man weiß ja, was gemeint ist: Die Erzählungen von Le Fanu, Poe, Blackwood, Machen, Lovecraft und anderen, neben einigen Werken der französischen Literatur wie Gautiers »Clarimonde« und Maupassants »Horla«. Das Problem ist nur, dass diese Literatur unter einem halben Dutzend verschiedener Bezeichnungen kursiert: In Frankreich nennt man sie conte fantastique (wovon sich das deutsche Wort Phantastik herleitet), auf Englisch waren mal Bezeichnungen wie weird story oder strange story gebräuchlich. Lovecraft schlug supernatural horror vor, verbreitet hat sich aber eher supernatural fiction (zumindest bei denen, die sich nicht für eine der anderen Bezeichnungen entschieden haben). Aber keiner dieser Begriffe ist wirklich in die deutsche Alltagssprache eingegangen.

Ist hierzulande außerhalb von literaturwissenschaftlichen Kreisen von Phantastik die Rede, dann wird dieses trügerische Wort meistens als eine Art Oberbegriff verwendet: Unter Phantastik fasst man verschiedene Genres wie Fantasy, Science Fiction und Horror zusammen. So wird es ja auch in Alessandra Reß’ Text gemacht. (In den USA ist es üblich, als Oberbegriff für Fantasy, SF und Horror von Speculative Fiction zu sprechen. Das ist aber höchst irreführend, denn ›spekulativ‹ ist eigentlich nur die SF.) Auch mit der Verwendung von Phantastik als zusammenfassende Bezeichnung für die Trias Fantasy, SF und Horror gibt es ein Problem: Während Fantasy und SF Genres sind, trifft das auf Horror nicht wirklich zu. Horror ist ein Begriff der Ästhetik, nicht der Poetik. Ästhetisch gesehen sind Terence Fishers Dracula, Roman Polanskis Rosemary’s Baby und William Friedkins The Exorcist Horror, genremäßig sind sie Fantasy. Ganz ähnlich ist Ridley Scotts Alien ästhetisch Horror und genremäßig SF, oder Jonathan Demmes Silence of the Lambs ästhetisch Horror, aber genremäßig ein Thriller. Fantasy, SF und Horror auf eine Ebene zu stellen, ist, als würde man Aprikosen, Erdbeeren und Obstkerne auf eine Ebene stellen.

Nun tritt die Literaturwissenschaft auf und verkündet, die Alltagssprache sei ohnehin verworren und untauglich, klare Definitionen zu treffen. Notwendig sei eine präzise Bestimmung der Phantastik in Abgrenzung zu anderen Genres. Ziemlich lange hat es in Frankreich nämlich niemand für nötig gehalten, eine wünschenswert präzise Definition von fantastique abzugeben. Den ersten wirklich folgenreichen Versuch dieser Art unternahm der Literaturwissenschaftler, Herausgeber und Übersetzer Roger Caillois 1966 in seinem Buch Images, Images. Darin findet sich ein Kapitel, das in der deutschen Übersetzung »Das Bild des Phantastischen« heißt.*

Caillois bestimmt kategorisch: »Es ist notwendig, die Eigenheiten des Phantastischen aus einer Konfrontation mit denen des Märchens zu bestimmen.« Er operiert also mit zwei Kategorien, dem Phantastischen und dem Märchen, die in Opposition zueinander stehen. Wie sieht diese Opposition aus?
Das Märchen ist ein Reich des Wunderbaren, das eine Zugabe zu unserer Alltagswelt ist, ohne sie zu berühren oder ihren Zusammenhang zu zerstören. Das Phantastische dagegen offenbart ein Ärgernis, einen Riß, einen befremdenden, fast unerträglichen Einbruch in die wirkliche Welt.
Wenn wir ein Märchen lesen, meint Caillois, dann wissen wir, dass wir uns in einer fiktiven Welt bewegen, in der alles wunderbar und mithin nichts real ist. In einem gewissem Sinn hat Caillois recht. Im Märchen kann alles passieren: Menschen verwandeln sich in Tiere und wieder zurück, ohne dass dies große Überraschungen auslöst. Aber zugleich irrt sich Caillois total. Im Märchen ist keineswegs alles wunderbar. Ich skizziere kurz eine typische Märchenhandlung: Ein Kind lebt in einer Holzfällerhütte und wird von seiner Stiefmutter misshandelt. Die Hütte liegt am Rand eines tiefen Waldes. Das Kind flieht in den Wald, wo es auf sprechende Tiere und Hexenhäuser trifft. Am Ende könnte das Kind feststellen, dass im Herz des Waldes die Elben leben und dass es ein lang vermisster Sprössling des Elblands ist. Nun lesen wir das Märchen in einem deutlichen Abstand zur Zeit seiner Entstehung. Wir sind an industrielle Holzverarbeitung gewöhnt und ein Vater, der bemerkt, dass sein Kind von der Stiefmutter misshandelt wird, würde sich im Normalfall schleunigst scheiden lassen. Deshalb kommen uns die Holzfällerhütte und die böse Stiefmütter fast ebenso wunderbar vor wie die Hexen und sprechenden Tiere. In der Zeit, in der das Märchen vermutlich entstanden ist, gehörten Holzfällerhütten und böse Stiefmütter jedoch zum Alltag, die Hexen und sprechenden Tiere dagegen nicht. C. S. Lewis hat das klar erkannt. Im Vorwort zu seinem Roman That Hideous Strength schreibt er:
Ich habe dieses Buch ein Märchen genannt, in der Hoffnung, daß der Verächter phantastischer Erzählungen [...] nicht zum Weiterlesen verführt werde, um hinterher zu klagen, wie sehr er enttäuscht sei. Wenn Sie mich fragen, warum ich – wenn ich über Magier, Teufel, pantomimische Tiere und planetarische Engel schreiben will – dennoch mit so faden Szenen und Personen beginne, dann antworte ich, daß ich damit nur der Form des herkömmlichen Märchens folge. Wir erkennen diese Form nicht immer, weil die Hütten, Schlösser, Holzhacker und Kleinkönige für uns ebenso fernliegend geworden sind wie die Hexen und Ungeheuer, zu denen das Märchen hinführt. Doch den Menschen, die sie ersannen und die sich zuerst daran erfreuten, erschienen diese Geschichten ganz und gar nicht fernliegend.
Caillois würde That Hideous Strength wohl dem Phantastischen zuordnen, aber Lewis (der Caillois wahrscheinlich nicht kannte) führt die strikte Unterscheidung von Phantastischem und Märchen auf listige Weise ad absurdum. Einen Unterschied zwischem dem, was Caillois das Phantastische nennt, und dem klassischen Märchen gibt es meines Erachtens durchaus. Nur ist es eben kein kategorischer Unterschied, sondern ein dem Einsatz verschiedener narrativer Techniken geschuldeter. Zur Illustration führe ich eine Geschichte von Joseph Sheridan Le Fanu an: »Das Kind, das mit den Feen ging«.**

Die Geschichte spielt in Le Fanus Gegenwart, im ländlichen Irland des 19. Jahrhunderts. Die Kinder der Witwe Ryan spielen auf der Landstraße. Abends kehren die Kinder zum Haus zurück, aber der kleine Billy fehlt. Die Witwe und ihre älteste Tochter Nell machen sich sofort auf die Suche, ohne Erfolg. Schließlich erhalten sie von den Kindern folgenden Bericht über das Geschehene: Über die Landstraße sei eine prächtige Kutsche gekommen, mit Dienern, die »scharfe Gesichtszüge, kleine, ruhelose, wild dreinblickende Augen« und »ein schlaues boshaftes Lächeln« haben. In der Kutsche sitzen zwei schöne, unheimliche Damen, die den kleinen Billy zu sich locken und mit ihm davonfahren. Für die Witwe Ryan ist der Fall auf schreckliche Weise klar: Billy ist von Feen entführt worden. In der Nähe der Landstraße befindet sich ein Hügel, der nach dem Glauben des Landvolks der Wohnsitz der Feen ist. Sie sieht ihren kleinen Sohn nie wieder.

Diese Geschichte entspricht Caillois’ Definition des Phantastischen: Ein Kind verschwindet spurlos, auf einer Landstraße taucht plötzlich ein Wagen auf, der von übernatürlichen Wesen gefahren wird. Das stellt zweifellos einen »befremdenden, fast unerträglichen Einbruch in die wirkliche Welt« dar. Und doch erzählt Le Fanus Geschichte letztlich nichts anderes als mein hypothetisches Märchen: Ein Kind verlässt sein Zuhause und geht zu den Feen oder Elben. Der Unterschied ist, wie erzählt wird. Im Märchen tritt das Kind schrittweise, mit fast unmerklichen Übergängen in eine andere Welt, das Land der Elben, ein. In Le Fanus Erzählung wird Billy dagegen völlig unversehen aus seinem Alltag gerissen und in eine andere Welt entführt. Die Geschichte wird nicht aus seiner Perspektive erzählt, seine Angehörigen wissen nicht, wie es ihm bei den Feen ergeht. Was im Märchen bezaubernd ist, wirkt bei Le Fanu erschreckend.

Der Eindruck des Risses (um Caillois’ Metapher aufzugreifen), des abrupten Einbruchs des Übernatürlichen entsteht dadurch, dass Le Fanu den Leser_innen vieles vorenthält. Wir bekommen den Feenhügel gar nicht zu sehen. Unser einziger Eindruck von den Feen ist die unheimliche Kutsche mit ihren schönen und schrecklichen Passagierinnen. Das Märchen könnte uns dagegen problemlos einen Einblick ins Land der Elben gewähren (wie etwa The Lord of the Rings einen Eindruck von Lothlórien gewährt). In Le Fanus Geschichte erscheint Billy den anderen Kindern hin und wieder auf geisterhafte Weise. Dabei lächelt er stets. Heißt das, dass es ihm im Feenhügel womöglich sehr gut geht? Wir wissen es nicht, denn zu viel Wissen würde den Eindruck des Abrupten, des Erschreckenden auflösen und ins Märchenhafte hinüberführen. Das Märchen hat keine Schwierigkeiten mit zu viel Wissen. Es lässt sich problemlos zum tausendseitigen Roman mit vielfältigen Beschreibungen des Wunderbaren erweitern. Damit wird es zur typischen High Fantasy. Die Erzählweise Le Fanus dagegen lässt sich kaum über Romanlänge aufrecht erhalten. Sie lebt zu sehr von der Knappheit, die den Eindruck des Mysteriösen erweckt. Nicht umsonst sind Le Fanu, Poe, Blackwood, Machen und Lovecraft, deren Namen ich oben exemplarisch genannt habe, allesamt Meister der kurzen bis mittellangen Erzählung.

Damit könnte man es gut sein lassen und erklären: Caillois hat sich geirrt. Phantastik und Märchen sind keine Oppositionen, sondern zwei Varianten ein und desselben Genres. Leider verlief die Rezeption Caillois’ eher so, dass seine Einsichten ignoriert und seine Irrtümer zugespitzt wurden. Das zeigt sich insbesondere an Tzvetan Todorovs Einführung in die fantastische Literatur (Todorovs Theorie habe ich hier ausführlicher dargestellt). Todorov hat gemerkt, dass zwischen dem, was Caillois als Phantastik bezeichnet, und dem Märchen keineswegs eine klare Opposition besteht. Er stellt deshalb eine andere Opposition auf: Auf der einen Seite steht das Unheimliche, auf der anderen das Wunderbare. Ein Beispiel: Unter einer Brücke wird eine verstümmelte Leiche gefunden. Das wäre unheimlich. Unter der Brücke lebt ein Troll. Das wäre wunderbar. Jetzt tun sich jede Menge Fragen auf: Gibt es den Troll wirklich, oder ist er nur ein Produkt des Aberglaubens? Hat der Troll einen ahnungslosen Passanten unter die Brücke geschleppt und zerrissen? Hat sich ein perfider, aber menschlicher Mörder die abergläubische Vorstellung vom Troll zunutze gemacht, um die Untat zu begehen? Wir wissen nicht, ob etwas Wunderbares (wie im Märchen: ein Troll frisst Menschen) oder etwas nur Unheimliches (ein gewöhnlicher Mord) passiert ist. Dieses Element der Unschlüssigkeit, des Schwankens zwischen zwei möglichen Erklärungen, ist Todorovs zentrales Konzept.

Todorov hätte an dieser Stelle erklären können, das Unheimliche, das Wunderbare und die Unschlüssigkeit (die sich aus dem Wechselspiel von unheimlichen und wunderbaren Erklärungen ergibt) seien allesamt notwendige Kategorien zum Verständnis des Phantastischen. Damit begnügt er sich aber nicht. Vielmehr erklärt Todorov, die Unschlüssigkeit sei das eigentliche Phantastische. Das ist eine verblüffende terminologische Verdoppelung. Wenn Todorov doch schon von Unschlüssigkeit spricht, warum ist es dann notwendig, diese Unschlüssigkeit auch noch als »das Phantastische« (schlechthin) zu bezeichnen? Zumal in der Alltagssprache in einem sehr viel weiteren Bedeutungsumfang von Phantastik gesprochen wird? Todorov meint daraufhin, das reine Phantastische sei eine seltene und flüchtige Form, die meisten Erzählungen, die landläufig phantastisch genannt werden, seien eigentlich Mischformen. Er muss das so sehen, weil er zuvor selbst den Bedeutungsumfang des Phantastischen aufs Äußerste eingeengt hat. Einen Grund für diese Einengung nennt er nirgendwo.

Tatsächlich gibt es nur sehr wenige Erzählungen, die die Unschlüssigkeit bis zum Ende aufrecht erhalten. Die meisten Geschichten lassen früher oder später erkennen, dass entweder ein gewöhnlicher oder ein übernatürlicher Mord stattgefunden hat. Zufälligerweise lässt sich Le Fanus Geschichte als Paradebeispiel für Unschlüssigkeit lesen: Es gibt nur den Bericht der Kinder darüber, was mit Billy geschehen ist. Diesen Bericht interpretiert die Mutter so, dass Billy von den Feen entführt worden sei. Dabei könnte die Mutter aber schlicht ein Opfer des ländlichen irischen Aberglaubens sein. Die Kutsche, die Billy mitgenommen hat, gehört vielleicht einer dekadenten adeligen Dame, die zu irgendwelchen unaussprechlichen Zwecken kleine Kinder verschleppt. Nach seinem Verschwinden erscheint Billy nur den anderen Kindern, niemals der Mutter. Dabei könnte es sich also um kindliche Tagträumerei handeln, angefeuert von den Erklärungen der Mutter über die Feen. Die Geschichte lässt das offen.

Es ist ja wirklich oft so, dass auf den ersten Seiten einer Geschichte solche Fragen eine wesentliche Rolle spielen: Was passiert jetzt? Wohin führt mich die Handlung? Gibt es das Monster wirklich? Aber aus Leser_innenperspektive gibt es nicht wirklich einen Grund dafür, sich bis zum Schluss den Kopf darüber zu zerbrechen, welchen Realitätsstatus gewisse Ereignisse der Handlung haben. Für die allermeisten Leser_innen dürfte die Faszination von Le Fanus Geschichte in den verführerischen, gewissenlosen Feen liegen, in ihren ruhelosen, wild dreinblickenden Augen – und nicht in herablassenden Erörterungen darüber, ob Billys Mutter vielleicht abergläubisch ist.

Wenn in der deutschen Literaturwissenschaft von Phantastik die Rede ist, ist in der Regel das Verständnis dieses Begriffs mal mehr, mal weniger stark von Todorovs Theorie geprägt. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass diese Theorie oft mehr Probleme aufwirft, als sie zu lösen vermag. Todorovs Einengung des Phantastikbegriffs hat nämlich nicht nur Konsequenzen für die formale, sondern auch für die literaturgeschichtliche Einordnung phantastischer Texte. Die Autor_innen, auf die Todorov sich bezieht, stammen zum größten Teil aus dem 19. Jahrhundert. Auch auf die Reihe von Autoren, die ich eingangs aufgeführt habe, trifft das zu (Lovecraft ist in vieler Hinsicht ein zu spät geborener Vertreter des 19. Jahrhunderts). Diese Konzentration auf eine bestimmte Epoche rührt daher, dass Todorovs Definition des Phantastischen auf die meisten Werke, die im 20. Jahrhundert als phantastisch bezeichnet wurden kaum oder gar nicht mehr anwendbar ist. Die angloamerikanische Fantasy etwa ist nach Todorovs Terminologie überhaupt keine Phantastik, sondern gehört zur Kategorie des Wunderbaren.

Häufig wird Todorovs System benutzt, um insgeheim Vorurteile zu pflegen. Dass angloamerikanische Fantasy der MacDonald-Morris-Tolkien-Tradition nach Todorov keine ›richtige‹ Phantastik ist (von Sword & Sorcery ganz zu schweigen), vermischt sich dann mit der verbreiteten Auffassung, Fäntäsie sei ja ohnehin trivial und keiner ernsthaften Betrachtung wert. Schon vor Caillois und Todorov schrieb Louis Vax in seinem Buch L’art et la littérature fantastiques (1960):***
[Es] stammt die phantastische Erzählung oft von einem großen Autor, der sich an ein verfeinertes Publikum richtet. [...] Ein kultiviertes Publikum, obwohl weniger leichtgläubig, weiß aus der reinen Phantastik einen ästhetischen Genuß zu ziehen.
Phantastik wird damit zur Hochliteratur geadelt. Ein einfaches Publikum, weil zu leichtgläubig, ist höchstens in der Lage, aus den unreinen, märchenhaften oder abenteuerlichen Formen des Wunderbaren Genuss zu ziehen. Walter Benjamin entkräftete solche hochmütige Urteile mit dem Hinweis, dass die Literaturwissenschaft noch gar nicht verstanden habe, welchen Nährwert die Romane und Geschichten haben, die vom sogenannten einfachen Volk »verschlungen« werden. (Glücklicherweise hat die Literaturwissenschaft heute durch marxistische Ansätze, Cultural Studies und Rezeptionsforschung einiges dazugelernt.)

Damit genug zu Todorov. Im Vergleich zu Caillois ist er natürlich der systematischere, akademischere Denker. Entsprechend stärker ist der Einfluss seiner Theorie auf die Literaturwisenschaft. Caillois war dagegen der mit den Geistesblitzen, den interessanten Fragen und den brillanten Formulierungen. Seine Metapher vom Riss, der durch die Wirklichkeit geht, ist unübertroffen. Mit dieser Formulierung hat Caillois die Richtung bestimmt, die die kontinentaleuropäische Phantastikdiskussion genommen hat. Sein direkter Einfluss ist weniger in der akademischen Wissenschaft als in der essayistischen Variante der Phantastikdiskussion, wie sie von Rein A. Zondergeld, Kalju Kirde, Martin Roda Becher und anderen geführt wurde. Allen Interessierten, die das (letztlich aporetische) Buch von Todorov nicht lesen mögen, empfehle ich doch die Lektüre von Caillois’ »Bild des Phantastischen«. Es lohnt sich.

Ich rekapituliere: Es gibt so etwas wie eine Poe-Machen-Lovecraft-Tradition (so nenne ich sie jetzt einfach mal verkürzt), die unter verschiedenen Bezeichnungen wie Weird Fiction, Supernatural Fiction etc. bekannt ist oder war. Ausgehend von Frankreich, hat sich im 20. Jahrhundert eine literaturtheoretische Diskussion entsponnen, die diese Tradition mit »dem Phantastischen« oder »der Phantastik« schlechthin gleichsetzt. Dieses Phantastische hat man in Abgrenzung zu anderen Formen, die als märchenhaft oder wunderbar bezeichnet wurden, zu bestimmen versucht. Ich hoffe aber in diesem Text dargelegt zu haben, dass zwischen dem Phantastischen und dem Märchenhaften/Wunderbaren weniger ein Gegensatz als vielmehr ein Verwandtschafts- oder Abhängigkeitsverhältnis herrscht. Dieses halte ich für so stark, dass man m.E. von zwei Subgenres sprechen kann, die gleichermaßen zu einem größeren Genre gehören.

Es gibt aber noch ein weiteres Problem. Zum einen steht immer noch die Frage im Raum, wie man das Kind (also die Poe-Machen-Lovecraft-Tradition) denn nun nennen soll. Zum anderen habe ich oben bereits eine weitere Tradition erwähnt, die ich (wiederum verkürzt) die MacDonald-Morris-Tolkien-Tradition genannt habe. Aus Sicht der Phantastikdiskussion wäre sie wohl mit dem Märchenhaften oder Wunderbaren gleichzusetzen. Das Vertrackte ist nun, dass diese zweite Tradition im angloamerikanischen Sprachraum als High Fantasy oder schlicht Fantasy bezeichnet wird. Es gibt also zwei einander sehr ähnliche Genre-Namen (so ähnlich, dass sie leicht zu verwechseln sind), die jeweils eine der beiden Traditionen bezeichnen – und damit implizit deren jeweiligen Vorrang behaupten.

Wie lässt sich damit umgehen? Kein gangbarer Weg ist es, einfach zu behaupten, das Phantastische und die Fantasy hätten nichts miteinander zu tun und seien durch ihre Gegenstandsbereiche klar voneinander geschieden. Dazu kommt es viel zu häufig vor, dass beide Theoriestränge sich auf den gleichen literarischen Text berufen. Zudem behaupten beide, das Phantastische bzw. die Fantasy hätten ihren Ursprung in der deutschen Romantik, insbesondere bei Ludwig Tieck und E. T. A. Hoffmann. Zeit also für einen weiteren Klärungsversuch.

* Roger Caillois, Das Bild des Phantastischen. Vom Märchen bis zur Science Fiction, in: Rein A. Zondergeld (Hg.), Phaïcon I. Almanach der phantastischen Literatur (Insel Taschenbuch 69), Frankfurt am Main 1974, 44–83.
** Die Erzählung liegt mir leider nur in deutscher Übersetzung vor. Den Originaltitel und -erscheinungsort kenne ich nicht.
*** Vax war in vieler Hinsicht ein Vorläufer Caillois’. Da seine Wirksamkeit aber viel eingeschränkter war, habe ich mich hier auf Caillois konzentriert.

Montag, 3. Juli 2017

Death to False Metal

Die Metal-Alben (und EPs), die ich Mitte/Ende der Neunziger wohl am regelmäßigsten gehört habe:

AC/DC

  • Ballbreaker (1995)

Ancient

  • Mad Grandiose Bloodfiends (1997)

Atrocity

  • Willenskraft (1996)
  • Werk 80 (1997)

Blind Guardian

  • The Forgotten Tales (1996)

Böhse Onkelz

  • Kneipenterroristen (1988)
  • Schwarz (1993)

Cradle of Filth

  • V Empire or Dark Faerytales in Phallustein (1996)
  • Dusk ... and Her Embrace (1996)
  • Cruelty and the Beast (1998)

Dio

  • The Last in Line (1984)

Grave Digger

  • Knights of the Cross (1998)

Grip Inc.

  • Nemesis (1997)

Helloween

  • The Time of the Oath  (1996)

In Extremo

  • Weckt die Toten! (1998)

Iron Maiden

  • Powerslave (1984)
  • Live After Death (1985)
  • Fear of the Dark (1992)
  • Best of the Beast (1996)

King Diamond

  • The Eye (1990)

Marilyn Manson

  • Antichrist Superstar (1996)

Moonspell

  • 2econd Skin (1997)

Satyricon

  • Megiddo: Mother North in the Dawn of a New Age (1996)

Sodom

  • Agent Orange (1989)

Soulfly

  • Soulfly (1998)
Als erstes fällt mir dabei auf, dass es sich größtenteils um Stile handelt, mit denen ich heute wenig oder sogar gar nichts anfangen kann: Hard Rock (AC/DC, Onkelz), Speed Metal (Helloween), Thrash Metal (Sodom, Grip Inc.), Dark/Black Metal (Ancient, CoF, Satyricon) und Gothic Metal (Atrocity, Moonspell). Insgesamt sehe ich aber ein recht konsistentes Bild, insofern es sich fast ausschließlich um traditionelle Metal-Genres handelt, die in der zweiten Hälfte der Neunziger bereits wohletabliert waren. Die einzigen Abweichler sind Marilyn Manson und Soulfly – da habe ich mich wohl vom Hype anstecken lassen und sollte mich vor allen True Metalheads in Acht nehmen. Es war die Zeit, in der der Metal Hammer sich für einige Jahre in Hammer umbenannte und mit dem etwas verschämt kleingedruckten Untertitle New Rock & Metal zu verstehen gab, dass man sich verstärkt dem neu aufkommenden Konglomerat von Bands und Stilen widmen wollte, die unter dem Namen Nu Metal bekannt wurden und den Soundtrack für die asozialen Neunziger lieferten. Das heißt jetzt nicht, dass ich experimentellen Metal ablehne, wie einige Menschen, die sich auch nach Jahren noch nicht über das Aufkommen des Grunge beruhigen konnten. Aber in vielerlei Hinsicht war Nu Metal (würde ich heute sagen) mehr Hype als Experiment.

Ohnehin war ich damals aber vor allem in Black, Dark und Gothic Metal verliebt. Das ist allerdings etwas, was ich heute kaum noch nachvollziehen kann, denn diese Bands nahmen sich allesamt fürchterlich ernst. Metal, würde ich mittlerweile sagen, muss vor allem Spaß machen. Aufgesetzte Misanthropie ist etwas, von dem man sich spätestens nach der Pubertät verabschieden sollte. Aber damals verehrte ich vor allem Cradle of Filth abgöttisch und war natürlich stolzer Besitzer der als Sarg bzw. als keltisches Kreuz gestalteten Limited Editions von Dusk und Cruelty.

Onkelz-Fan war ich übrigens nie. Die Mischung aus Sentimentalität und Prolligkeit, die die Onkelz auszeichnet, sagte mir überhaupt nicht zu. Sie waren aber damals omnipräsent, so dass ich gar nicht umhin kam, sie zu hören (wenn ich auf dem Dorf nicht noch mehr zum Außenseiter werden wollte, als ich es ohnehin schon war). Die beiden in der Liste genannten Alben sind einfach die, deren Tracks mir heute noch am präsentesten sind. Für eine Nazi-Band hielt ich die Onkelz der neunziger Jahre übrigens nicht. Aber es war schon unübersehbar so, dass die Musik der Onkelz auch lange Jahre nach dem Abschied der Band aus dem Fascho-Skin-Milieu immer noch jeden Dorfnazi zu Tränen rührte. Das erkläre ich mir aber nicht damit, dass der Imagewechsel der Onkelz nur ein Täuschungsmanöver war, sondern eher damit, dass ihr ganzer Stil halt so etwas wie den Sound der deutschen Provinz verkörpert.

Freitag, 23. Juni 2017

Im Eisland

Nach meinem Blogpost über The Frozen Deep lässt mich die Franklin-Expedition, die 1845 zur Entdeckung der Nordwestpassage aufbrach, nicht mehr los. Ich habe beschlossen, weitere Bücher zum Thema zu besprechen. Vor allem aus kanadischer Feder sind zahlreiche Erzählwerke über die fatale Unternehmung in der Arktis erschienen, aber auch deutsche und US-amerikanische Autor_innen haben sich der Franklin-Expedition gewidmet. Tatsächlich erschien bereits 1851 ein Buch in Detroit, dessen Verfasser_in (»William N. Seldon«) sich als Besatzungsmitglied der Terror ausgab und behauptete, nach dem Verlassen des Schiffs »a new and beautiful country, inhabited by a strange race of people« entdeckt zu haben. Noch während die Überlebenden der Expedition sich abmühten, das kanadische Festland zu erreichen, erschien also bereits abenteuerlich-phantastische Literatur über sie. Leider scheint es das Buch weder auf Project Gutenberg noch auf Faded Page zu geben. Ich würde es zu gern lesen.

Ein herausragendes neueres Werk ist Kristina Gehrmanns dreibändige Graphic Novel Im Eisland. Es handelt sich um Gehrmanns Debüt und ist als solches gar nicht genug zu loben. Ich erlaube mir allerdings, nur einige kurze Bemerkungen zum Stil zu machen, um dann darauf einzugehen, wie das Werk sich in die Erzähltradition um Franklin und seine Leute einordnet: Das karge Schwarzweiß der Zeichnungen passt gut zum Thema. Ausbaufähig ist die Darstellung von Gesichtszügen, die mitunter doch arg ähnlich ausfallen (ein Problem, dass sich ja auch bei so etablierten Zeichnerinnen wie Isabel Kreitz gelegentlich findet). Und jetzt schnell zur Erzähltradition, denn eine solche gibt es.

Bestimmte Elemente tauchen in fiktionalen Darstellungen der Franklin-Expedition immer wieder auf; sie finden sich bereits in The Frozen Deep von Wilkie Collins und Charles Dickens (nach dem oben erwähnten Buch des Seldon-Pseudonyms wahrscheinlich das Werk, das am nächsten an den historischen Ereignissen dran ist). Dazu gehören zum einen die Zeichen und Visionen, die die Expedition begleiteten, und zum anderen die umstrittene Rolle der Inuit.

Doch wenn ich umstritten sage, ist das sogleich erklärungsbedürftig. Denn eigentlich haben die Inuit, die in der einen oder anderen Weise mit der Franklin-Expedition in Kontakt kamen, nichts getan, was irgendwie kontrovers sein könnte. Es waren vor allem zwei Forscher, John Rae und Charles Francis Hall, die unter den Inuit systematisch Erkundigungen nach der verschollenen Expedition anstellten. Die Berichte, die sie erhielten, widersprachen sich natürlich in vielen Details, stimmten in den Grundzügen aber überein: Ja, die Inuit hatten Gruppen hungernder weißer Männer gesehen, die zu Fuß nach Süden zogen. Ja, sie hatten ihnen so viel von ihren Lebensmitteln abgegeben, wie sie konnten, aber nein, sie hätten niemals eine so große Anzahl von Menschen ernähren können, ohne sich selbst der Gefahr des Hungertods auszusetzen. Deshalb hatten sie sich, sofern sie nichts zum Teilen besaßen, lieber von den Weißen ferngehalten. Später hatten sie Überreste von Lagerstätten gefunden, in denen sich auch die berüchtigten Zeugnisse für den Kannibalismus befanden, in den die Expedition schließlich verfiel.

Diese Berichte stimmen gut mit dem überein, was man über frühere Kontakte zwischen Inuit und britischen Arktisexpeditionen weiß. Die Inuit bildeten eine friedliebende Gesellschaft. Zu Angriffen auf britische Mannschaften kam es äußerst selten. Wenn doch, dann gingen sie von solchen Inuit aus, die zuvor bereits Feindseligkeiten von auf dem kanadischen Festland lebenden First-Nations-Gruppen erfahren hatten. In der Tat hätte die britische Öffentlichkeit allen Grund gehabt, den Inuit zu danken, denn ohne sie hätte sie noch sehr viel weniger vom Schicksal der Franklin-Expedition erfahren, als es ohnehin schon der Fall war. Auch die materiellen Hinterlassenschaften der Verschollenen, die später von Leopold McClintock (1848) und Frederick Schwatka (1878) gefunden wurden, konnten oft nur lokalisiert werden, weil ihr Standort zuvor von Inuit beschrieben worden war.

Aber es war das Zeitalter des Imperialismus, und natürlich kam es ganz anders. Schnell verbreiteten sich Gerüchte, die Expedition sei von Inuit angegriffen und niedergemetzelt worden. Die Persönlichkeit von Gewicht, die diese Gerüchte befeuerte wie niemand sonst, war ausgerechnet Charles Dickens. 1854 schrieb er mit »The Lost Arctic Voyagers« einen ganz im Ton gelehrter Weltweisheit gehaltenen Essay:
[N]o man can, with any show of reason, undertake to affirm that this sad remnant of Franklin’s gallant band were not set upon and slain by the Esquimaux themselves. It is impossible to form an estimate of the character of any race of savages, from the deferential behaviour to the white man when he is strong. The mistake has been made again and again; and the moment the white man has appeared in the new aspect of being weaker than the savage, the savage has changed and sprung upon him. [...] We believe every savage to be in his heart covetous, treacherous, and cruel; and we have yet to learn what knowledge the white man — lost, houseless, shipless, apparently forgotten by his race, plainly famine-stricken, weak, frozen, helpless, and dying — has of the gentleness of Esquimaux nature.
Im gleichen Jahr, 1854, unternahm ein Angestellter der Hudson’s Bay Company namens John Rae eine Forschungsreise auf der Boothia-Halbinsel in der Arktis. Er erhielt dort von einigen Inuit Auskunft über weiße Männer, die auf King William Island (einer vor der Westküste Boothias gelegenen Insel) verhungert seien. Rae erkannte, dass es sich um die wenige Jahre zuvor verschollene Franklin-Expedition handeln musste, und versuchte so viel wie möglich über die verhungerten Weißen in Erfahrung zu bringen. Außerdem kaufte er den Inuit einige Gegenstände ab, die zur Ausrüstung der Expedition gehört hatten. Was er nicht tat: sich selber auf King William Island zu begeben, um die traurigen Überreste des Unternehmens selbst in Augenschein zu nehmen. Rae war mit Schneeschuhen unterwegs. Hätte er beschlossen, die Insel zu besuchen, wäre das eine äußerst gefährliche und strapaziöse Reise gewesen, die ihn mitten ins Herz des arktischen Archipels geführt hätte.

Statt dessen kehrte Rae ins britisch besiedelte Kanada zurück und übermittelte seine Erkenntnisse so schnell wie möglich an die Admiralität in Lonon. Sein Bericht, der erstmals Hinweise auf Kannibalismus enthielt, löste Entsetzen aus und veranlasste Dickens, zur Feder zu greifen, um »Franklin’s gallant band« publizistisch zu Hilfe zu eilen. Es lässt sich kaum ein größerer Kontrast denken: Rae, ein erfahrener Arktisforscher, war vor Ort gewesen und hatte mit den Inuit gesprochen und sah offensichtlich keinen Anlass, an deren Aussagen zu zweifeln (die ja tatsächlich von späteren Suchexpeditionen bestätigt wurden). Auf der anderen Seite Dickens, der nie in der Arktis gewesen und auch sonst nicht gerade weitgereist war, aber mit der Kraft seiner Überzeugung weiß, dass jeder »savage« habgierig, verräterisch und grausam ist und nur darauf wartet, über hilflose Weiße herfallen zu können.

Es ist genau diese Mentalität des armchair explorers, die viele von der britischen Admiralität organisierte Forschungsreisen zu lebensgefährlichen Angelegenheiten machte. Der zuständige Sekretär der Admiralität, Sir John Barrow, steht geradezu emblematisch für diese Haltung. Barrow liebte es, lange Gedankenspiele über bislang nicht kartographierte Weltgegenden anzustellen und sich detailliert auszumalen, wie deren Klima und Geographie beschaffen seien. Kamen Forschungsreisende mit Ergebnissen zurück, die nicht Barrows Vorstellungen entsprachen, sorgte er dafür, dass sie bei Admiralität und Fachwelt in Ungnade fielen und ihr Leben lang nicht mehr ernst genommen wurden. Die Nordwestpassage und die Theorie vom eisfreien Polarmeer (ich habe sie im vorherigen Post dieser Reihe beschrieben) gehörten zu den fixen Ideen, die Barrow sein Leben lang umtrieben. Sie sorgten dafür, dass hunderte britische Seeleute ihre abgefrorenen Gliedmaßen und ihren Seelenfrieden in der Arktis zurückließen. Ich glaube, es ist dieser ausgeprägte Wille, Phantasie und Realität nicht auseinanderzuhalten, der die Franklin-Expedition zu einem so herausragenden Stoff für phantastische Erzählungen macht – und gleichzeitig ist es der Grund dafür, warum diese Erzählungen so viel über die viktorianische Realität aussagen.

Es ist ja nicht Unwissenheit, die die Zeitgenoss_innen dazu brachte, ihre Illusionen zu pflegen. Dickens etwa wusste, dass es bereits auf einer früheren Expedition Franklins zu Kannibalismus gekommen war. 1819 hatte Franklin die Leitung einer Landexpedition inne, die die Nordküste Kanadas kartographieren sollte. Schnell stellte sich heraus, dass die Reisenden nicht in der Lage sein würden, sich in der nordkanadischen Tundra zu ernähren. Sie begannen, Flechten von Felsen zu kratzen und Stiefelleder zu kochen. Schließlich teilte sich die Expedition in mehrere Kleingruppen auf, die orientierungslos umherirrten. In einer dieser Kleingruppen schlachtete ein Expeditionsteilnehmer namens Michel Terohaute mindestens zwei, vielleicht aber auch vier seiner Kameraden und verfütterte sie an zwei Offiziere, die in einem Zwischenlager zurückgeblieben waren. Terohaute behauptete, überraschend auf Wild gestoßen zu sein. Die beiden, die zuvor wochenlang gehungert hatten, griffen erst zu und stellten dann Fragen (was angesichts der extremen Umstände wohl verständlich ist). Einige Tage später erschossen sie Terohaute, da sie befürchteten, sonst als nächste an der Reihe zu sein.

Für Dickens war der Fall glasklar. Gerade die Tatsache, dass es auf der früheren Expedition zu Kannibalismus gekommen war, bewies eindeutig, dass dies auf der späteren Expedition nicht geschehen sein konnte. Denn Terohaute war für Dickens ebenfalls ein Wilder, »in his heart covetous, treacherous, and cruel«, und in seinem Appetit offenbar ebenso. Terohaute habe seine Untaten begehen können, weil er Irokese sei und die weißen Expeditionsteilnehmer arglistig getäuscht habe. Bei der späteren Expedition habe Franklin es nicht mehr zugelassen, dass ein solches Monster sich seiner »gallant band« anschließt, ergo: kein Kannibalismus mehr. Man könnte meinen, Dickens sah überall Kannibalen. In einem anderen Essay, »Frauds on the Fairies« (1853), wendet sich Dickens gegen bowdlerisierte Märchenbücher. An sich eine ganz richtige Position, aber es ist bemerkenswert, mit welchen Argumenten Dickens für sie streitet: Wenn man jugendfreie Märchenversionen schreibe, könne man ja auch gleich die Kannibalismusszenen aus Robinson Crusoe streichen – wo doch niemand leugnen könne, dass in der Karibik Menschenfresserei betrieben werde.

Ob in der Karibik oder der Arktis, für Dickens waren die »savages« Monster, vergleichbar den menschenfressenden Ogern im Märchen. Und sie bedrohten die britische Zivilisation. Zu einem solchen Bild konnte man allerdings nur durch Akte massiver Verdrängung kommen. Was Dickens wahrscheinlich wusste, aber einfach nicht zulassen konnte: Der Frankokanadier Michel Terohaute war keineswegs Irokese, sondern ein Weißer, wie alle anderen Expeditionsteilnehmer auch. John Richardson, der Terohaute erschossen hatte, schrieb später über ihn:
His principles, unsupported by a belief in the divine truths of Christianity, were unable to withstand the pressure of severe distress. His countrymen, the Iroquois, are generally Christians, but he was totally uninstructed and ignorant of the duties inculcated by Christianity; and from his long residence in the Indian country, seems to have imbibed, or retained, the rules of conduct which the southern Indians prescribe to themselves.
Das heißt also: Terohaute war an sich ein Christ, ein Europäer, ein Zivilisierter, aber weil er so lange unter den First Nations lebte, färbte deren Monstrosität auf ihn ab, und er wurde selbst zum Monster. Dickens zitiert diese Sätze in seinem Artikel, versteht sie aber bewusst falsch: Terohaute lebte nicht nur unter den First Nations, er war Irokese. Er musste es sein, anders waren seine Taten nicht zu erklären. Menschliches Verhalten folgt hier Naturgesetzen: Wer Brite ist, ist zivilisiert. Wer Inuit oder Irokese ist, ist ein Monster. Und wer als Frankokanadier in diese starre Dichotomie nicht ganz hineinpasst, wird im Zweifelsfall den Monstern zugeschlagen.

In der Realität sah es allerdings ganz anders aus. Eine Begegnung zwischen einem Inuit und vier Angehörigen der Franklin-Expedition von 1845 spielte sich folgendermaßen ab: Der Inuit habe nur einem der vier Männer, der sehr abgemagert gewesen sei, etwas zu essen gegeben. Die anderen drei hätten es nicht verdient. – Warum, fragte Hall. – Sie seien fett und wohlgenährt gewesen, weil sie ihre Kameraden gefressen hätten.

In Wirklichkeit neigen weder Inuit noch britische Seeleute von Natur aus dazu, sich gegenseitig abzuschlachten und aufzufressen. Die Inuit sowieso nicht, da sie das Leben in der Arktis gemeistert hattten. Die Briten an sich auch nicht, aber leider war es das Wirken von armchair explorers wie Sir John Barrow und brillanten Publizisten wie Charles Dickens, die dafür sorgten, dass immer wieder Expeditionen in die Arktis ausgeschickt wurden, wo nichts als Hunger, Kälte und Wahnsinn auf sie wartete. Und wenn sie nicht zurückkehrten, konnte man sich an viktorianischen Kaminen immer wieder von Neuem erregen und gruseln über die Monster, die im ewigen Eis auf die galanten Entdecker lauerten.

Aus Platzgründen habe ich diesen Blogpost aufgeteilt. Hier geht es weiter.

Im Eisland (drei Bände) ist 2015/16 im Hinstorff Verlag erschienen.

Donnerstag, 15. Juni 2017

Men Have Called Him Mad

As we all know, there is a kind of lazy pleasure in useless and out-of-the-way erudition.
— Jorge Luis Borges & Norman Thomas di Giovanni 

Zu Edgar Allan Poes vielen Talenten gehörte auch das Erfinden von Koranversen. So lautet die erste Strophe seines Gedichts »Israfel«:
In Heaven a spirit doth dwell
“Whose heart-strings are a lute;”
None sing so wildly well
As the angel Israfel,
And the giddy stars (so legends tell)
Ceasing their hymns, attend the spell
Of his voice, all mute.
Die zweite Zeile ist als Zitat gekennzeichnet und mit einer Fußnote versehen:
And the angel Israfel, whose heart-strings are a lute, and who has the sweetest voice of all God’s creatures.—Koran.
Damit wird das Zitat als ein Vers (oder Teil eines Verses) aus dem Koran ausgegeben. Allerdings wird im Koran nirgendwo ein Engel erwähnt, dessen Herzfasern eine Laute sind. Aber einfach nur um eine Erfindung Poes handelt es sich dabei auch nicht. Israfil ist neben Dschibril (Gabriel), Michail (Michael) und Israil (Azrael) einer der vier Erzengel im Islam. In der Sure Az-Zumar (der 39. Sure) wird der Tag der Auferstehung beschrieben:
68 Und geblasen wird in die Trompete,
so dass niederstürzt vom Donnerschlag getroffen,
wer in den Himmeln und auf der Erde,
außer denen, die Gott will.
Dann wird ein zweites Mal geblasen in die Trompete
und wahrlich, da stehen sie auf und schauen.
69 Und erstrahlen wird die Erde im Licht ihres Herrn
und vorgelegt wird die Schrift
und herbeigebracht werden die Propheten und Zeugen
und entschieden wird zwischen ihnen nach der Wahrheit
und ihnen wird nicht Übles getan.
In der späteren islamischen Theologie entwickelte sich die Vorstellung, die Trompete des Auferstehungstags werde von einem Erzengel Israfil geblasen. Namentlich erwähnt wird dieser im Koran aber, wie gesagt, nicht. Israfils schöne Stimme und sein Lautenherz sind vermutlich Hinzufügungen Poes. Ich muss gestehen, dass ich mir lange nicht ganz sicher war, ob Israfil nicht doch im Koran namentlich genannt wird. Bei einem anderen angeblichen Koranzitat, das in Poes Werk auftaucht, hatte ich dagegen gleich den Verdacht, dass damit etwas nicht stimmen kann. In einer Fußnote zur Erzählung »The Thousand-and-Second Tale of Scheherazade« heißt es:
The earth is upheld by a cow of a blue color, having horns four hundred in number.”—Sale’s Koran.
»The Thousand-and-Second Tale of Scheherazade« ist eine Parodie auf Tausendundeine Nacht, und keine gelungene. In der Tat würde ich behaupten, dass diese Geschichte in Poes Werk (auf das ich sonst nichts kommen lasse) einen Tiefpunkt darstellt. Sie wird durch eine Herausgeberfiktion eingeleitet, derzufolge eine bislang unbekannte Episode aus Tausendundeiner Nacht aufgefunden wurde, in der Scheherazade eine achte Reise Sindbads beschreibt. Sindbad begegnet lauter Wundern, die zwar größtenteils real sind (z.B. Charles Babbages Differenzmaschine und ein Heißluftballon), der König aber für ganz und gar unglaubwürdig hält. Nur an einer Stelle, als Scheherazade erzählt, Sindbad sei der blauen Kuh mit vierhundert Hörnern ansichtig geworden, die die Erde auf ihrem Rücken trägt, bemerkt der König:
That, now, I believe,” said the king, “because I have read something of the kind before, in a book.”
Die Implikation ist, dass der König im Koran davon gelesen hat. Die Übersetzung des Orientalisten George Sale erschien 1734 und war lange Zeit die wichtigste englische Koranübersetzung. Das Poe-Zitat enthält sie natürlich nicht. Während also Poes erstes erfundenes Koranzitat noch einen Anknüpfungspunkt im Text hat, ist das hier nicht mehr der Fall. Die Geschichte endet übrigens damit, dass der König, der schon überlegt hatte, Scheherazade das Leben zu schenken, sie doch noch hinrichtet, weil er glaubt, sie wolle ihm mit ihren Beschreibungen von Heißluftballons und Rechenmaschinen einen Bären aufbinden. Das kann als ironische Warnung des für seine literarischen hoaxes bekannten Poe an sich selbst verstanden werden, es mit der Publikumsveräppelung nicht zu weit zu treiben. Ich halte die Geschichte aber aus zwei Gründen für völlig misslungen: Zum einen basiert sie auf dem dümmlichen Klischee vom abergläubischen und ungebildeten islamischen Despoten. Sie erinnert an die nach wie vor tradierte, aber frei erfundene Anekdote, der Kalif Umar habe 642 die Zerstörung der Bibliothek von Alexandria befohlen, weil Bücher, die dem Koran widersprächen, schädlich seien, und Bücher, die dem Koran entsprächen, unnütz.*

Zum anderen widerspricht sie der fundamentalen Regel für phantastische Erzählungen, die J. R. R. Tolkien in »On Fairy-stories« aufstellt: »There is one proviso: if there is any satire present in the tale, one thing must not be made fun of, the magic itself.« In Faërie ist sogar eine blaue Kuh mit vierhundert Hörnern möglich, die die Welt auf dem Rücken trägt – so wie in Faërie ja auch eine Schildkröte möglich ist, die vier Elefanten auf dem Rücken trägt, die wiederum die Welt tragen. In der »Thousand-and-Second Tale« kommt die blaue Kuh aber nur vor, um den König lächerlich aussehen zu lassen, und das wird ihr nicht gerecht.

Meine spontane Annahme war, dass Poe die blaue Kuh zwar nicht dem Koran entnommen, sie aber auch nicht selber erfunden hat. Gleichzeitig war ich mir sicher, noch nie an anderer Stelle von dieser Kuh gelesen zu haben. Bis ich zum ersten Mal im Book of Imaginary Beings von Jorge Luis Borges, Margarita Guerrero und Norman Thomas di Giovanni geblättert habe. Darin gibt es einen Eintrag über den Stier Kujata, der die Welt auf seinem Rücken trägt:
In Moslem cosmology, Kujata is a huge bull endowed with four thousand eyes, ears, nostrils, mouths and feet. [...] Kujata stands on the back of the fish Bahamut; on the bull’s back is a great rock of ruby, on the rock an angel, and on the angel rests our earth. Under the fish is a mighty sea, under the sea a vast abyss of air, under the air fire, and under the fire a serpent so great that were it not for fear of Allah, this creature might swallow up all creation.
Das wäre also des Rätsels Lösung. Kujata ist zwar nicht blau und hat auch keine vierhundert Hörner, sondern viertausend Augen, Ohren, Nüstern, Mäuler und Füße. Aber es ist doch unzweifelhaft das Wesen, das auch Poe im Sinn hatte. Nur: Was heißt hier muslimische Kosmologie? Offizielle islamische Theologie ist das nicht. Leider gibt das Book of Imaginary Beings keine Quelle an, aber wahrscheinlich haben die Autor_innen Kujata im Werk des Orientalisten Edward William Lane (1801–76) kennengelernt, den sie in ihrem Buch mehrfach erwähnen.

Lane fertigte eine Übersetzung von Tausendundeine Nacht an, wobei er als guter Viktorianer aber alle Stellen ausließ, die ihm anstößig vorkamen. Das Werk erschien 1840 in drei Bänden. Frühere englische Übersetzungen basierten oft nicht auf dem arabischen Text, sondern auf der französischen Übersetzung Antoine Gallands (1717). Insofern war Lanes Werk wegweisend.** Er erarbeitete zudem einen umfangreichen Kommentar zu Tausendundeiner Nacht. Darin zitiert er einen kosmologischen Bericht des arabischen Geographen Ibn al-Wardi aus dem 14. Jahrhundert, auf dem wiederum der Eintrag im Book of Imaginary Beings beruht.

Aber damit ist das Problem noch nicht gelöst. Lanes Kommentar zu Tausendundeiner Nacht wurde nämlich erst 1883 unter dem Titel Arabian Society in the Middle Ages: Studies from the Thousand and One Nights aus dem Nachlass herausgegeben. Poe kann ihn also nicht gelesen haben. Lanes Tausendundeine-Nacht-Übersetzung mag er gekannt und für seine »Thousand-and-Second Tale« verwendet haben, die 1845 in einer Zeitschrift erschien. Aber woher wusste Poe von der Kuh oder dem Stier mit der Welt auf dem Rücken? War vielleicht schon Lanes Übersetzung mit Anmerkungen versehen, die darauf hindeuteten, oder wird das mythologische Wesen sogar in Tausendundeine Nacht selbst erwähnt? Ab hier weiß ich nicht mehr weiter.

Anzumerken ist außerdem, dass Lane außerdem eine Auswahlübersetzung des Korans anfertigte, die 1843 als Selections from the Kur-án erschien. Auch die kann Poe gekannt haben. Mehr noch: Er mag sich beim Abfassen seiner Geschichte erinnert haben, dass Lane sowohl an Tausendundeiner Nacht als auch am Koran arbeitete, mag deshalb die Information über Kujata dem Koran untergeschoben haben, und zudem Lanes Übersetzung mit der sehr viel bekannteren Übersetzung Sales verwechselt haben – wenn er nicht mit voller Absicht ein bibliographisches Verwirrspiel trieb. Aber das bleibt Spekulation, so lange nicht nachgewiesen ist, dass Poes Quelle Lane war.***

Zum Schluss darf der Hinweis nicht fehlen, dass der Fisch Bahamut, auf dessen Rücken Kujata steht, natürlich das Ungetüm Behemot aus der hebräischen Bibel ist. In Kapitel 40 des Buches Hiob beschreibt Gott verschiedene urzeitliche Monster, die er geschaffen hat:
15 Sieh doch den Behemot, den ich geschaffen habe mit dir
– Gras frisst er wie das Rind –,
16 sieh doch seine Kraft in seinen Lenden
und seine Stärke in den Muskeln seines Bauches!
17 Er reckt seinen Schwanz wie eine Zeder,
die Sehnen seiner Schenkel sind verflochten.
18 Seine Knochen sind Röhren von Erz,
seine Gebeine wie Stangen von Eisen.
19 Er ist der Anfang der Wege Gottes,
wer ihn gemacht hat, reichte ihm sein Schwert.
25 Kannst du den Leviatan an der Angel heranziehen
und mit dem Seil seine Zunge niederhalten?
26 Legst du ihm ein Binsenseil um die Nase,
durchstichst du mit einem Haken seine Kinnlade?
27 Bittet er dich immer wieder um Gnade
oder spricht er zu dir zarte Worte?
[...]
32 Leg nur deine Hand an ihn,
denk an Kampf – das tust du nicht noch einmal!
Der Behemot wird manchmal mit dem Flusspferd oder dem Elefant identifiziert, der Leviatan mit einem Krokodil oder einem Wal. Aber das geht natürlich an der Sache völlig vorbei, ebenso wie wenn behauptet wird, Drachen seien eigentlich Dinosaurier.

* Die Anekdote gehört zu einem Komplex sich hartnäckig am Leben haltender europäischer Legenden über die Zeit der islamischen Expansion, zu der auch die Vorstellung gehört, Karl Martell habe durch seinen Sieg in der Schlacht von Tours und Poitiers (732) im letzten Augenblick die Eroberung Europas durch Muslime verhindert. Noch in den 1970ern nannte sich in Frankreich eine faschistische Terrororganisation, die durch Bombenanschläge vier Menschen ermordete, »Gruppe Karl Martell«.
** Eine vollstänige, nicht bowdlerisierte Übersetzung ins Englische erschien allerdings erst 1885 mit Richard Francis Burtons Book of the Thousand Nights and a Night.
*** Ich habe für diesen Post keine Poe-Sekundärliteratur gesichtet und kann deshalb nicht sagen, ob es darin Weiterführendes gibt.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.