Freitag, 5. Februar 2016

David Hartwell (1941–2016)

Vor zwei Wochen ist der SFF-Kritiker und -Herausgeber David Geddes Hartwell im Alter von 74 Jahren gestorben. Ich komme mir ein wenig schäbig vor, erst jetzt an Hartwell zu erinnern, aber es ist mir ein Anliegen, auf seinen Essay »The Making of the American Fantasy Genre« hinzuweisen (abgedruckt in dem von Peter S. Beagle herausgegebenen Band The Secret History of Fantasy). Denen möchte ich allen ans Herz legen, die Genre-Gelehrsamkeit zu schätzen wissen.

Montag, 21. September 2015

Puppies im Radio, auch zum Downloaden

Gestern abend gab es ein wenig Konfusion um die Radiosendung, für die ich interviewt wurde. Die Sendezeit war doch nicht 18–20 Uhr, sondern 19–21 Uhr. Das lag wohl daran, dass gestern auf Radio F.R.E.I. eine Sondersendung über Häuserkämpfe in Freiburg lief. Jedenfalls gibt es das Interview weiterhin zu hören, und zwar hier. Wer möchte, kann das Interview auch per CC-Lizenz weiterverwenden.

Vielen Dank noch mal an Juliane, die das möglich gemacht hat!

Sonntag, 20. September 2015

Kulturkampf – nicht nur um imaginäre Länder

Juliane von Radio F.R.E.I. hat mich zum Puppygate befragt. Das Interview wird heute abend in der Kultursendung F.R.E.I.stil (18–20 Uhr) per Livestream zu hören sein. Radio F.R.E.I. ist – der Name sagt es – ein freier, nichtkommerzieller Sender aus Erfurt (F.R.E.I. = Freies Radio Erfurt International) und 1990 als eines der ersten freien Radios der DDR entstanden. Juliane schreibt auf ihrem Blog Spinner*innen, was sie dazu bewogen hat, sich kritisch mit der Welpenplage in unserem Genre auseinanderzusetzen.

Mir hat die Sache großen Spaß gemacht. Ich war noch nie im Radio zu hören und bin gespannt auf die Sendung. Übrigens: Wer wissen möchte, warum ich in den letzten Monaten wenig bis gar nicht gebloggt habe, muss das Interview bis ganz zum Schluss anhören!

Mittwoch, 17. Juni 2015

3000 Jahre Riesenschnauzer

Dass Günther Jauch, der Idealschwiegersohn aller Eva-Herman-Muttitypen, ein Idiot ist, wussten wir schon. Was aber normalerweise keiner Erwähung wert ist, wird für mich zur Herausforderung, wenn Jauch seine Ahnungslosigkeit in Sachen Mythologie zur Schau stellt. Der verlinkte Kommentar präsentiert schon eine beachtliche Anzahl von schnauzertragenden Riesen der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit, von Magnum über Moses Hightower bis hin zu Borat (wenn es sich dabei auch nur um Riesen im übertragenen Sinne handelt). Tatsache ist aber: Die Vorliebe der Riesen für (Schnauz)bartmode ist jahrtausendelang bemerkenswert konstant geblieben. Das lässt sich bis zu den Anfängen der mythographischen Aufzeichnungen zurückverfolgen.

Riesen gibt es in allen möglichen Weltgegenden, vom hohen Norden bis zum Mittelmeer. In Deutschland gab es z.B. im Odenwald eine vielköpfige Riesenpopulation, bis der letzte Odenwaldriese zu Beginn des 16. Jahrhunderts von Kaiser Maximilian I. erschlagen wurde. Vielfältige Zeugnisse gibt es für die levantinischen Riesen. Das Alte Testament erwähnt zwei Völker von Riesen, die Nefilim und die Refaim. Meist erscheinen sie als Gegner Israels. Ein riesenhaftes Geschlecht waren die Söhne Anaks, die vom israelitischen Feldherrn Josua in die Küstenstädte Gaza, Gat und Aschdod zurückgedrängt wurden. Ein Riese war auch der König Og von Baschan, dessen Bett (anderen Überlieferungen zufolge sein Sarg) vier Meter lang war. Doch auch auf hebräischer Seite kämpfte ein berühmter Riese: Samson, der Held Israels, dem ein erstaunliches Nachleben in italienischen Sandalenfilmen beschieden war. Marcello Baldis Gideon und Samson (1966) etwa stellt ihn vollbärtig (und mit Vokuhila) dar:


Man beachte jedoch folgenden Kupferstich, auf dem Delila dem schlafenden Samson die Haare schert und ihn damit seiner Riesenkräfte beraubt:


Hier ist Samson eindeutig mit einem Menjou-Bärtchen zu sehen. Doch damit nicht genug. Im Örtchen Tamsweg in der Steiermark wird eine Samsonfigur in der alljährlichen Fronleichnamsprozession getragen. Die Figur zeigt Samson in voller Rüstung und mit einem prächtigen Schnauzer:


»Make Love, not War« soll das Blumenbukett an Samsons Speer wohl bedeuten. Es bleibt aber kriegerisch. Der mit Abstand berühmteste Riese der Bibel ist der Philister Goliat. Wir alle kennen die Geschichte: Das philistäische und das israelitische Heer stehen sich gegenüber. Da tritt Goliat aus den Reihen hervor und brüllt Israel eine Herausforderung zum Zweikampf entgegen. Die israelitischen Krieger verlieren sämtlich ihren Mut beim Anblick Goliats, der einen Speer schwingt, dessen bronzene Spitze fast 15 Pfund wiegt. Allein der Hirtenjunge David, der eigentlich nur Proviant für seine älteren Brüder ins Feldlager bringen sollte, wagt es, dem Hünen entgegenzutreten. Er tötet ihn, indem er ihm einen Stein gegen die Stirn schleudert. Anschließend schneidet er ihm mit seinem eigenen Schwert den Kopf ab. Goliat stammt aus Gat, also aus einer der Städte, in die sich zuvor die Anakiter zurückgezogen haben. Ein Gemälde Orazio Borgiannis stellt die blutrünstigen Details dar:

 
Dem reichlich spritzenden Blut zum Trotz ist Goliats Schnauzer klar zu erkennen.

Die griechische Mythologie kennt mehrere Klassen riesenhafter Wesen, unter ihnen die Giganten, Zyklopen und Laistrygonen. Ein besonders beeindruckendes Exemplar ist der in Nordafrika beheimatete Riese Antaios, der fast 30 Meter maß. Er ernährte sich ausschließlich von Löwen und tötete alle vorbeikommenden Reisenden, um aus ihren Schädeln einen Tempel für seinen Vater, den Meeresgott Poseidon, zu bauen. Besiegt werden konnte er nur von Herakles. Und nun schaue man sich an, wie der Zweikampf zwischen Antaios und Herakles auf einem Mischgefäß des 6. vorchristlichen Jahrhunderts aussieht:


Muss ich extra erwähnen, welche der beiden Figuren der Riese Antaios ist? Das Gefäß wird heute im Louvre aufbewahrt.

Wer jetzt den Eindruck hat, Riesen hätten nur in der Antike Schnurrbärte getragen, irrt sich. Aus der kornischen Märchenwelt stammt der berühmte Riesentöter Jack, dessen menschenfressende Gegenspieler Namen wie Blunderbore, Cormoran und Thunderdel tragen. Eine viktorianische Illustration zeigt die Tötung Cormorans (Größe: 6 m), der einen gesträubten Schnauzbart trägt:

Aufgrund seiner Verdienste als Riesentöter wird Jack, ein einfacher Bauernsohn, in König Artus’ Tafelrunde aufgenommen.

Der bekannteste Riese der kontinentaleuropäischen Märchen- und Sagenwelt ist Rübezahl, der auf Tschechisch Krakonoš heißt. Rübezahls Markenzeichen ist sein wallender roter Bart. Gelegentlich erscheint er mit glattrasierter Oberlippe, so auf dem Friedrichshainer Märchenbrunnen:



Sehr viel häufiger sind jedoch Darstellungen, auf denen Rübezahl zum Rauschebart einen Schnauz trägt, wie hier links und rechts zu sehen ist.



Zu guter letzt sei ein Riese der Gegenwart erwähnt, dessen Schnurrbartform eindeutig die ungebrochene Kontinuität der Riesenbartmode von der Altvorderenzeit bis zum heutigen Tag belegt:


Die verblüffende Ähnlichkeit zu den Schnurrbärten Goliats und Antaios’ ist nicht zu übersehen.

Was ich mit dieser kulturgeschichtlichen Tour durch die Mythologie des Riesenschnauzers nun hoffentlich gezeigt habe: Günther Jauch und RTL, ihr seid geist- und witzlose Trottel. Sucht euch neue Jobs, in denen ihr nicht mehr mit Menschen interagieren müsst.

Bildquellen: Cinema.de, Wikimedia Commons.

Donnerstag, 28. Mai 2015

RoboCop 2014

Mark Bould hat eine sehr übersichtliche Rezension zu José Padilhas RoboCop geschrieben: “[T]he very best thing is that in the tagline at the top of the poster, very first word, they spelt ‘cinema’ wrong…” Die Tagline lautet:


Ich fasse mich noch kürzer: Schnitte man die Szenen mit Samuel L. Jackson als rechter Pundit zusammen, bekäme man eine nette Politsatire.

Mittwoch, 20. Mai 2015

Carl Amery: Bibliographie

Ziel ist, eine möglichst vollständige Bibliographie von Carl Amery zu erstellen. Wird deshalb immer mal wieder ergänzt werden. Für Hinweise bin ich dankbar.

Satiren

  • Der Wettbewerb. Roman, Nymphenburger, München 1954.
  • Die große deutsche Tour. Heiterer Roman, Nymphenburger, München 1958.
  • Die starke Position oder Ganz normale MAMUs. Acht Satiren, List, München 1985.

Phantastische Romane

  • Das Königsprojekt. Roman, Piper, München/Zürich 1974.
  • Der Untergang der Stadt Passau. Science-Fiction-Roman, Heyne, München 1975.
  • An den Feuern der Leyermark. Roman, Nymphenburger, München 1979.
  • Die Wallfahrer. Roman, List, München 1986.
  • Das Geheimnis der Krypta. Roman, List, München 1990.

Erzählungen und Kurzgeschichten

  • Im Namen Allahs des Allbarmherzigen, in: Peter Wilfert (Hg.), Tor zu den Sternen, Goldmann, München 1981.
  • Nur einen Sommer gönnt Ihr Gewaltigen, in: Wolfgang Jeschke (Hg.), Science-Fiction-Jubiläums-Band. 25 Jahre Heyne Science Fiction & Fantasy 1960–1985. Das Lesebuch, Heyne, München 1985.

Essays

  • Die Kapitulation oder Deutscher Katholizismus heute. Nachwort von Heinrich Böll, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1963.
  • Fragen an Welt und Kirche. 12 Essays, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1967.
  • Das Ende der Vorsehung. Die gnadenlosen Folgen des Christentums, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1972.
  • Natur als Politik. Die ökologische Chance des Menschen, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1976.
  • Energiepolitik ohne Basis. Vom bürgerlichen Ungehorsam zur energiepolitischen Wende, Fischer, Frankfurt am Main 1978 (mit Peter Cornelius Mayer-Tasch u. Klaus Michael Meyer-Abich).
  • Marsch, zurück auf die Bäume oder Wie wir es besser machen können, Schaffstein, Dortmund 1979.
  • G.K. Chesterton oder Der Kampf gegen die Kälte (Sammlung Kerle 3), Kerle, Freiburg im Breisgau/Heidelberg 1981.
  • Lebenselemente. Feuer – Wasser – Luft – Erde, Herder, Freiburg im Breisgau u.a. 1985 (mit Günter Altner, Robert Jungk u. Jürgen Schneider).
  • Die ökologische Chance. Mit einem »Nachwort 1985«, List, München 1985 (= Das Ende der Vorsehung und Natur als Politik in einem Band).
  • Das ökologische Problem als Kulturauftrag, BIS, Oldenburg 1988.
  • Bileams Esel. Konservative Aufsätze, List, München 1991.
  • Die Botschaft des Jahrtausends. Von Leben, Tod und Würde, List, München 1994.
  • Hitler als Vorläufer. Auschwitz – der Beginn des 21. Jahrhunderts?, Luchterhand, München 1998.
  • Klimawechsel. Von der fossilen zur solaren Kultur. Ein Gespräch mit Christiane Grefe, Kunstmann, München 2001 (mit Hermann Scheer).
  • Global Exit. Die Kirchen und der Totale Markt, Luchterhand, München 2002.
  • Arbeitsteilung: Die einen sahnen ab, die anderen zahlen. Das Herz der Finsternis, auf: www.umweltdebatte.de, o.J.
  • Arbeit an der Zukunft. Essays, hg. v. Joseph Kiermeier-Debre, Luchterhand, München 2007.

Beiträge zu Sammelbänden

  • Bekennen Sie sich zu den besten Traditionen des europäischen Katholizismus! An die Deutsche Bischofskonferenz in Fulda, in: Freimut Duve u.a. (Hgg.), Briefe zur Verteidigung der Republik (rororo aktuell 4191), Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1977, 11–15.
  • Im Ernstfall verheizt. Ein Brief in den Mittleren Westen, in: Freimut Duve u.a. (Hgg.), Zuviel Pazifismus? (rororo aktuell 4846), Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1981, 67–73.
  • Voll tiefen Mitleids. Bayerische Reflexionen zur Kieler Affäre, in: Heinz Ludwig Arnold (Hg.), Vom Verlust der Scham und dem allmählichen Verschwinden der Demokratie. Über politische Kultur und Moral in der Bundesrepublik Deutschland, Steidl, Göttingen 1988, 211–216.
  • Wenn aber das Salz schal geworden ist ... Künden die Kirchen auf der Höhe der Zeit?, in: Sind die Kirchen am Ende?, Pustet, Regensburg 1995, 9–20.
  • Du voll Unendlichkeit, in: Elisabeth Schweeger/Eberhard Witt (Hgg.), Ach Deutschland, belleville, München 2000, 39–45.
  • Halt a Prophet. In memoriam Friedrich Heer, in: Richard Faber (Hg.), Offener Humanismus zwischen den Fronten des Kalten Krieges. Über den Universalhistoriker, politischen Publizisten und religiösen Essayisten Friedrich Heer, Königshausen & Neumann, Würzburg 2005, 9–11.

Beiträge zu Zeitschriften, Jahrbüchern etc.

  • »Bahros Kommunismus ist Opposition«. Offener Brief des westdeutschen Schriftstellers Carl Amery an den DDR-Philosophen Wolfgang Harich, in: Der Spiegel 26 (1978), 46–52.
  • Der Betrug an den Knaben, in: Scheidewege. Jahresschrift für skeptisches Denken 9 (1979).
  • Rote Fäden im weißblauen Labyrinth, in: Der Spiegel 27 (1980), 166–169.
  • Ist Kassandra verstummt? Wie sich Politiker und Bürger die Warner vom Leibe halten, in: Wolfgang Jeschke (Hg.), Das Science-Fiction-Jahr 3. Ein Jahrbuch für den Science-Fiction-Leser, Heyne, München 1988, 19–36.
  • Die Botschaft des Jahrtausends, in: Scheidewege. Jahresschrift für skeptisches Denken 27 (1997/98).
  • Erleben wir Wirklichkeit!, in: Der Spiegel 10 (1999), 186.
  • Heraus aus der schlechten Utopie, in: Scheidewege. Jahresschrift für skeptisches Denken 30 (2000/01).
  • Die Reichsreligion. Eine Rede an die Zivilgesesellschaft, in: Scheidewege. Jahresschrift für skeptisches Denken 33 (2003/04), 56–?.

Bavariana

  • Leb wohl, geliebtes Volk der Bayern, Bertelsmann, München 1980.
  • München (Merian-Reiseführer 3708), dtv, München 1982 (mit Marina Bohlmann-Modersohn).
  • Bayern, Bucher, München 1993 (Bildband mit Fotografien von Georg Kürzinger).

Rezensionen

  • Das innere Elend unserer Herrscher (Rezension zu Horst-Eberhard Richter, Der Gotteskomplex), in: Der Spiegel 17 (1979), 212–215.
  • Die Masken der bayerischen Seele (Rezension zu Gerhard Bauer/Helmut F. Pfanner [Hgg.], Oskar Maria Graf in seinen Briefen), in: Der Spiegel 41 (1984), 250–252.
  • Der heilige Waldschrat aus Ostpreußen (Rezension zu Siegfried Lenz, Exerzierplatz), in: Der Spiegel 37 (1985), 215–217.

Interviews

  • Annette Ramelsberger/Joachim Reimann, »Typisch bayerische Revolution«. Schriftsteller Carl Amery über die Reaktion auf das Karlsruher Kruzifix-Urteil, in: Der Spiegel 34 (1995), 40–44.

Lyrik

  • Zucker und Zimt. ff. Gereimtheiten, Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München 1972 (mit Kurt Kusenberg u. Eugen Oker).
  • Fleuves & Turbulences (Strömungen & Wirbel). Zwischenernte eines reichgeschüttelten Reimlebens, Kuckuck und Straps, München 2000 (mit Eugen Oker).

Herausgeberschaften

  • Die Provinz. Kritik einer Lebensform, Nymphenburger, München 1964.
  • Bayern, ein Rechts-Staat? Das politische Porträt eines deutschen Bundeslandes, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1974 (mit Jochen Kölsch).
  • Briefe an den Reichtum, Luchterhand, München 2005.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.