Samstag, 20. Mai 2017

Modern Fairy Tales: Catherine Sinclair

Ich lese gerade das Oxford Book of Modern Fairy Tales von vorne nach hinten und habe mir vorgenommen, zu jedem Eintrag ein paar Zeilen zu schreiben. Herausgegeben wurde die Anthologie von Alison Lurie, die sich in Danksagungen und Vorwort als Schülerin von Jack Zipes erweist. Das passt mir schon mal sehr gut!

Modern Fairy Tales sind in diesem Band Kunstmärchen, also nicht etwa Märchen, die aus der literarischen Moderne (modernism) oder ganz allgemein aus der Neuzeit (modernity) stammen. Das Kunstmärchen ist in der deutschen Romantik entstanden; vor allem Novalis, Tieck, Chamisso, Fouqué und Hoffmann taten sich in der Gattung hervor. Ihnen folgte Andersen in Dänemark, der in Großbritannien begeistert gelesen wurde. Die Beliebtheit Andersens beim britischen Publikum gab den Ausschlag, dass englische Autor_innen begannen, selbst Kunstmärchen zu verfassen. Dabei sahen sie sich nach Vorbildern um, und bekamen schließlich auch welche: 1827 gab der germanophile Thomas Carlyle zwei Bände German Romance heraus, in denen von Carlyle selbst übersetzte Texte von Musäus, Tieck, Fouqué, Hoffmann und Jean Paul versammelt waren. Carlyles Bemühungen taten ihre Wirkung: Das wohl bekannteste englische Kunstmärchen des 19. Jahrhunderts, Dickens’ Christmas Carol, ist unübersehbar eine Hommage an Hoffmanns Goldnen Topf.

Vor diesem literaturgeschichtlichen Hintergrund erklärt sich, warum der erste Eintrag im Oxford Book of Modern Fairy Tales aus dem Jahr 1839 stammt (was man sonst für einen willkürlich gewählten Einstieg hätte halten können): Die Produktion von Kunstmärchen begann in Großbritannien einige Jahrzehnte später als in Deutschland. Dieser Abstand markiert die Zeit, die das Kunstmärchen der deutschen Romantik brauchte, um (zunächst über den Umweg Dänemark, dann dank Carlyle auch direkt) in Großbritannien rezipiert zu werden. Beginnt die Sammlung im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts, so endet sie an der Epochenschwelle 1989. Beiträge aus dem 20. Jahrhundert stammen u.a. von Lord Dunsany, T. H. White, Philip K. Dick, Naomi Mitchison, Tanith Lee, Angela Carter und Ursula K. Le Guin – alles Namen, die Fantasy-Leser_innen nicht unbekannt sein dürften. Das ist nur folgerichtig, denn aus dem Kunstmärchen des 19. Jahrhunderts ist die High Fantasy des 20. Jahrhunderts entstanden. Anhand von Luries Anthologie lässt sich diese Entwicklung wunderbar nachvollziehen.

Von den 40 Beiträgen stammen mindestens 17 von Frauen und/oder schwullesbischen Menschen. Alle Beiträge sind entweder aus Großbritannien und den USA; Übersetzungen aus anderen Sprachen sind nicht dabei. Wenige Beiträge stammen dabei von Autor_innen, die als Kinder von Einwanderern aus Polen, Russland und Schweden in den USA geboren wurden. Mit Louise Erdrich ist eine amerikanische Ureinwohnerin dabei. An dieser Stelle möchte ich noch kurz auf ein Versäumnis aufmerksam machen: Ich hätte mir gewünscht, dass die Anthologie mit Sara Coleridges Phantasmion (1837) beginnt, einem heute außerordentlich schwer zu bekommenden Text, der seinerzeit aber einigen Einfluss ausübte.

Nun aber zum ersten Eintrag: »Uncle David’s Nonsensical Story about Giants and Fairies« (1839) von Catherine Sinclair (1800–64). Die Autorin war mir völlig unbekannt, deshalb habe ich mir ein paar Informationen aus Wikipedia und Luries biographischen Hinweisen zusammengeklaubt: Catherines Vater war der schottische Politiker Sir John Sinclair, der seine vierzehnjährige Tochter zwang, als Sekretärin für ihn zu arbeiten. Sir John ist in die Geschichte eingegangen aufgrund des fragwürdigen Verdienstes, die Statistik erfunden zu haben – jedenfalls war er der erste, der das Wort verwendete. Sein Hauptwerk, die Statistical Accounts of Scotland, umfasst monumentale 21 Bände. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie grauenhaft es gewesen sein muss, die Sekretärin dieses Menschen gewesen zu sein. Als ihr Vater starb, war Sinclair 34, und sie konnte sich endlich ihren Traum erfüllen, Schriftstellerin zu werden. Ihr erfolgreichstes Werk ist Holiday House, ein Roman für Kinder, der den seinerzeit ungewöhnlichen Versuch unternimmt, über das Leben von Kindern zu berichten, ohne dabei allzuviel zu moralisieren. Indirekt kommt die Moral aber durchaus vor, nämlich in Form von Geschichten, die die kindlichen Held_innen von Erwachsenen erzählt bekommen. Eine dieser Geschichten ist »Uncle David’s Nonsensical Story«.

Der Protagonist ist ein Junge, sichtlich aus dem gehobenen viktorianischen Bürgertum stammend, der Lernen und Schule hasst und Essen und Süßigkeiten über alles liebt. Eines Tages erscheinen ihm zwei Feen, die ihm anbieten, eine Zeit lang auf einem ihrer Schlösser zu leben. Auf dem Schloss von Fee Nr. 1 wird viel gelernt und gearbeitet, auf dem Schloss von Fee Nr. 2 gibt es degegen ein ununterbrochenes Festmahl. Der Protagonist entscheidet natürlich für die letztere Option, merkt aber bald, dass es alles andere als ein Vergnügen ist, pausenlos essen zu müssen. Außerdem weiß er nicht, dass Fee Nr. 2 mit einem menschenfressenden Riesen im Bund steht, der sich von den gemästeten Kindern ernährt, die in der Obhut der bösen Fee stehen. Helfen kann dem armen Jungen dann natürlich nur noch Fee Nr. 1.

Es handelt sich unübersehbar um eines jener Kunstmärchen, die eine allegorische Bedeutung zu verabreichen haben, und zwar mit einer Subtilität, die an einen Schlag mit der Bratpfanne auf den Kopf erinnert: Der Protagonist heißt Master No-book, die gute Fee trägt den Namen Teach-all und lebt im Palace of Knowledge, während ihre Gegenspielerin Do-nothing das Castle Needless bewohnt. Am Ende wird dann noch ausdrücklich erklärt, worauf es im Leben ankommt: »diligent, active, happy« zu sein und ja nicht zu faulenzen oder zu schlemmen. Hätte Tolkien für seine scharfen Worte gegen Allegorien in fairy-stories ein konkretes Beispiel gesucht, »Uncle David’s Nonsensical Story« wäre dafür wie geschaffen.

Natürlich legt Sinclair diese Moral einer Figur ihres Romans in den Mund, kennzeichnet sie gleich im Titel als Unsinnsgeschichte und lockert sie auch im Text durch ironische Übertreibungen auf. Man sollte sie daher nicht vorschnell mit den Ansichten der Autorin gleichsetzen. Ein Lesevergnügen ist die Geschichte aber ganz und gar nicht, sondern eigentlich nur von historischem Interesse, weil sie ein Beispiel dafür ist, wie in der viktorianischen Zeit versucht wurde, Kindern über das Erzählen von Geschichten eine zu Industrialisierung und Konkurrenzkapitalismus passende Arbeitsmoral einzuimpfen.

Der nächste Beitrag ist »Feathertop« (1846) von Nathaniel Hawthorne.

Dienstag, 9. Mai 2017

Tolkien: unverständlicher Nuschler oder Barde in der Met-Halle?

Was ich schon immer ein wenig rätselhaft fand: die verschiedenen Bemerkungen über Tolkiens Vorlesungsstil. Die einen schwören, JRRTs Vorlesungen über Beowulf seien ein unvergessliches Erlebnis gewesen und hätten den gesamten Hörsaal in ihren Bann gezogen, die anderen versichern, Tolkien habe nicht nur abwesend gewirkt, sondern auch so undeutlich gesprochen, dass man ihm kaum habe zuhören können. Möglicherweise lässt sich dieser Widerspruch aber auflösen.

Warum gibt es überhaupt so viele öffentliche Bemerkungen über Tolkiens Vorlesungsstil?

Sowohl Tolkien wie C. S. Lewis hatten unter ihren Studierenden eine ganze Reihe von Personen, die selber zu berühmten Schriftsteller_innen wurden. Darunter waren etwa W. H. Auden, A. S. Byatt, Susan Cooper, Alan Garner und Diana Wynne Jones. Das mag als Erinnerung daran dienen, was für eine ungemein akademische Angelegenheit das von Tolkien und Lewis ausgelöste britische Fantasy-Revival war. Es führte aber eben auch dazu, dass eine ganze Reihe von Anekdoten über die Lehrtätigkeit der beiden Inklings kursieren. Bei weiten am amüsantesten finde ich die folgende: Alan Garner übte nachts Abseiling aus dem Fenster seines College-Schlafzimmers. Aus unerfindlichen Gründen stand C. S. Lewis mitten in der Nacht an die Wand von Garners dormitory gelehnt. Garner landete mit seinen Füßen auf Lewis’ Schultern, der erschrocken schnaufte und davonrannte, ohne sich auch nur umzusehen, wer oder was ihn da getroffen hatte.

Tolkiens Redeweise

Menschen, die Tolkien interviewten, stimmen darin überein, dass Tolkien ausgesprochen undeutlich sprach. Er redete schnell, murmelte und wandte sich oft nicht der Person zu, die er ansprach. Außerdem rauchte er während des Gesprächs Pfeife, was die Verständlichkeit seiner Rede bestimmt nicht verbesserte. Letzteres wurde von Tolkien übrigens als Entschuldigung benutzt: Interviews seien ihm lästig, er brauche deshalb seine Pfeife, um seine Nerven zu beruhigen, und könne infolgedessen nicht deutlicher sprechen. In der Tat bekommt man bei Tolkiens Interviews nicht selten den Eindruck, er halte seine Gesprächspartner_innen und ihre Fragen für ausgesprochen dämlich (was m.E. daran liegt, dass zwischen Tolkien und der Mehrheit seiner Rezipient_innen eine beträchtliche kulturelle Lücke klaffte – ein Umstand, für den Tolkien wenig Geduld aufbrachte).

Für eine Ausrede halte ich die Tabakpfeife deshalb, weil eben auch über den Hochschullehrer Tolkien berichtet wird, er habe extrem unverständlich gesprochen, und ich nehme nicht an, dass Tolkien auch während seiner Vorlesungen rauchte. So erinnert sich Diana Wynne Jones:
[W]ell, Lewis lectured and Tolkien tried not to [...] He was totally inaudible and spoke with his face pressed against the chalk board. He was in the middle of writing the Lord of the Rings and wanted to get back to it, but he was being paid to lecture no matter how many students attended. Because we kept turning up he had to carry on, and what we did hear was very interesting.

Warum war das überhaupt ein Problem?

Klar, zu Tolkiens Zeit waren Hörsaale noch nicht mit Mikrophon und Lautsprecher ausgestattet. Bevor PA-Anlagen verfügbar waren, war die Zahl der Menschen, die einer öffentlichen Rede folgen konnten, sehr begrenzt. Es gibt sogar Anzeichen dafür, dass Hitlers Erfolg als Agitator sich u.a. darauf zurückführen lässt, dass er über die Gabe verfügte, stundenlang schreiend, mit sich überschlagender Stimme zu sprechen – und damit selbst die besoffen grölenden Faschistenhorden, die sein frühes Publikum bildeten, übertönte. (Später war Hitler, der ein Gespür für so etwas hatte, einer der ersten Politiker, der im Wahlkampf PA-Anlagen benutzte.)

Aber sollte man nicht meinen, dass in einem geschlossenen Saal voller andächtig lauschender Studierender selbst eine undeutliche Sprechweise wenigstens einigermaßen verständlich sein müsste, auch ohne technische Verstärkung? Ich glaube, dass hier ein heute kaum noch beachtetes sozialgeschichtliches Detail eine Rolle spielt: Zu Tolkiens Zeit als Dozent waren Gummisohlen noch kaum verbreitet. Fast alle Herrenschuhe hatten schwere Ledersohlen, die mit Nägeln am Schuh befestigt waren (und ich weiß gar nicht, wie eigentlich Damenschuhe besohlt waren). Beim Gehen in Innenräumen machten genagelte Schuhe einen Lärm, wie man ihn heute eigentlich nur noch aus Soundeffekten im Kino kennt. In Gebäuden wie Universitäten, Behörden, Bahnhöfen oder Kasernen herrschte ein unglaublicher Krach, einfach nur deshalb, weil in ihnen eine große Zahl Menschen in Straßenschuhen hin- und hergingen. In Häusern mit Geld mussten die Bediensteten eigens hergestellte Schuhe mit weichen Sohlen tragen, um die Herrschaften nicht durch das Geräusch ihrer Schritte zu stören.

Wenn in einem älteren Roman die Rede davon ist, dass aus dem Flur laut hallende Schritte näherkommen, ist das also nicht nur ein Kunstgriff, der dramatische Atmosphäre erzeugen soll, sondern entspricht durchaus der Realität. Und in den Hörsälen saßen die Studierenden natürlich auch nicht so still und andächtig, wie das vielleicht von ihnen erwartet wurde. In der Tat war es ganz einfach, die Vorlesung eines ungeliebten Professors zum Debakel zu machen. Man musste sich nur in einer Gruppe verabreden, während der Vorlesung mit den genagelten Sohlen über den Fußboden zu scharren, was ein nervtötendes Hintergrundgeräusch verursachte und den Herrn Professor spielend übertönte. Hinterher konnte einem niemand ins Gesicht sagen, die Veranstaltung absichtlich gestört zu haben.

Nun will ich nicht sagen, dass Tolkien per se ein unbeliebter Professor war, und er sprach wohl tatsächlich sehr undeutlich. Aber ein Dozent, der nicht gerade eine booming voice besaß (wie von Lewis übereinstimmend berichtet wird), hatte es zu JRRTs Zeiten nicht leicht, in allen Sitzreihen Gehör zu finden.

Fazit

Sieht man sich die rückblickenden Bemerkungen an, die über Tolkiens Vortragsstil gemacht wurden, fällt auf, dass positive Erinnerungen sich ausschließlich auf die Rezitationen aus dem Beowulf beziehen, die offenbar zu Tolkiens Vorlesungen gehörten. Exemplarisch stehen dafür die Worte, die Auden an Tolkien schrieb: »I don’t think that I have ever told you what an unforgettable experience it was for me as an undergraduate, hearing you recite Beowulf. The voice was the voice of Gandalf.« Andere berichten schwärmerisch, Tolkiens Vortrag der angelsächsischen Verse habe den Hörsaal in eine mittelalterliche Met-Halle verwandelt, in der ein Barde sein Lied anstimmt.

So scheint die Erklärung für die widersprüchlichen Erinnerungen zu sein: Tolkien konnte sehr gut rezitieren, war aber sehr schlecht darin, in eigenen Worten vorzutragen. Bereits vor längerer Zeit habe ich einmal eine Aussage Susan Coopers gelesen, die diese Vermutung bestätigt:
J.R.R. Tolkien and C.S. Lewis were both teaching when I was at Oxford and without a doubt influenced the lives of all of their students. As dons, they had set the rule that the Oxford English syllabus stop at 1832 and that it be heavy on Middle English and writers like Malory and Spenser, so, as a friend of mine says, they taught us to believe in dragons. They were both often to be seen drinking beer in a pub called the Eagle and Child, known as the Bird and Baby. I never personally met Tolkien or Lewis, and I’d never heard of Narnia, but we were all waiting eagerly for the third volume of The Lord of the Rings to come out, and I loved going to Lewis’s booming lectures on Renaissance literature. Tolkien lectured on Beowulf and was rather mumbly, except when declaiming the first lines of the poem in Anglo-Saxon, beginning with a great shout of “Hwaet!”
Auf diese Aussage bin ich in einem aktuellen Post auf dem Blog Tolkien and Fantasy erneut gestoßen, wo sie zitiert wird und somit den Anlass für diesen Text gibt.

Mittwoch, 26. April 2017

Das Problem normativer Genredefinitionen

Was ist der Unterschied zwischen Fantasy und Science Fiction? David Brin hat da klare Präferenzen:
For all the courage and heroism shown by fantasy characters across 4000 years of great, compelling dramas – NOTHING EVER CHANGES! No, the root element is right there in that word »change.« Science fiction borrows many elements from the mother genre – fantasy – elements of boldness and the fantastic that date back to Homer and Gilgamesh. But sci fi then rebels against all literary foundations by embracing change. Even when it warns against BAD change it is relishing, exulting, expanding upon what Einstein called the »gedankenexperiment« or thought experiment: What if? When SciFi goes »whatif« it takes the sacred word seriously.
Veränderung finden wir alle (mit Ausnahme von Botho Strauß vielleicht) mehr oder weniger gut. Es macht zwar wenig Sinn, von einem Zeitraum von 4000 Jahren auszugehen, weil unser kulturelles Gedächtnis so weit nicht zurück reicht, aber nehmen wir die letzten 500 Jahre: Da gab es u.a. die Französische Revolution, die Entdeckung des Penicillins und die von Arbeiter_innen erkämpfte Einführung einiger sozialer Mindeststandards. Wenn wir ziemlich genau 500 Jahre zurückgehen, landen wir in der Zeit des gerade allerorten bewunderten Martin Luther. 1524 erhob sich in Teilen Deutschlands die verelendete bäuerliche Bevölkerung, um für die Einführung ganz ähnlicher Mindeststandards zu kämpfen, wie wir sie heute für selbstverständlich nehmen. Einige deutsche Fürsten wandten sich an den Theologen ihres Vertrauens – eben an Luther – um Rat. Luther entschied, die einfachste und gottgefälligste Lösung für das Problem sei es, die rebellierenden Bauern umzubringen, und die dankbaren Fürsten schritten umgehend zur Tat. Und, würde also irgendjemand gern in einer Welt leben, die noch so ist wie vor 500 Jahren? Ich jedenfalls nicht.

Nun meint David Brin, Fantasy feiere genau die feudalistische Welt von vor 500 Jahren, die in einem ziemlich unangenehmen Licht erscheint, wenn man sich vorstellt, in ihr Bäuerin oder Bergarbeiter gewesen zu sein:
Fantasy has its attractions. Something about feudalism resonates, deep inside us. We fantacize about being the king or wizard. It’s in our genes. We are all descended from the harems of the guys who succeeded at that goal. The core thing about fantasy tales is that, after the adventure is done and the bad guys are defeated... the social order stays the same. It may be the natural genre... but should we be proud of that?
Ich lasse den Quatsch über Gene und Harems mal beiseite. Ich glaube nicht, dass Brin mit seiner Charakterisierung von Fantasy als feudalistisch recht hat. Fantasy wimmelt nur so von Königen und Zauberern, aber sie bildet nicht ernsthaft eine feudalistische Gesellschaftsordnung ab. Fantasy weist auch nicht direkt auf Homer und das Gilgamesch-Epos zurück. Fantasy leitet sich vom Märchen her, über das F. K. Waechter mal sagte: »Früher waren Märchen etwas ganz Realistisches. Das einzige Unrealistische daran war dieser Zauberkick, den man brauchte, weil die Wirklichkeit so hart war, dass man da sonst nicht raus kam. Die Tochter des Königs zur Frau zu kriegen, war etwas völlig Verblasenes. Es muß früher sehr viel Gelächter unter den Zuhörern hervorgerufen haben.« Unter realfeudalistischen Verhältnissen heiratete der besitzlose drittgeborene Sohn eben nicht die Prinzessin, und der Zauberkick des Märchens bestand darin, zur Freude des Publikums zu erzählen, wie das Unmögliche eben doch passierte.

Das bedeutet natürlich nicht, das Märchen revolutionär im eigentlichen Sinne sind. Sie hinterfragen in der Regel nicht, dass es Könige gibt. Statt die soziale Hierarchie abzuschaffen, stellen sie sie auf den Kopf. Vielleicht lässt sich sagen, dass Märchen revolutionär und nostalgisch zugleich sind. Für die Langform des Märchens existiert im Deutschen keinen literaturkritischen Begriff, dafür aber im Englischen: romance. Es gibt keine treffendere Charakterisierung von romance als die des bedeutenden Literaturtheoretikers Northrop Frye:
The romance is nearest of all literary forms to the wish-fulfilment dream, and for that reason it has socially a curiously paradoxical role. In every age the ruling social or intellectual class tended to project its ideals in some form of romance, where the virtuous heroes and beautiful heroines represent the ideals and the villains the threats to their ascendancy. This is the general character of chivalric romance in the Middle Ages, aristocratic romance in the Renaissance, bourgeois romance since the eighteenth century, and revolutionary romance in contemporary Russia. Yet there is a genuinely “proletarian” element in romance too which is never satisfied with its various incarnations, and in fact the incarnations themselves indicate that no matter how great a change may take place in society, romance will turn up again, as hungry as ever, looking for new hopes and desires to feed on. The perennially child-like quality of romance is marked by its extraordinarily persistent nostalgia, its search for some kind of imaginary golden age in time or space.
Legt man statt Fantasy romance als Begriff zugrunde, erhält man in der Tat eine literarische Genealogie, die mit der heroischen Epik des Altertums beginnt, über den höfischen Roman des Mittelalters und der Renaissance reicht, bis sie beim neuzeitlichen Märchen und – seit dem 19. Jahrhundert – schließlich bei der modernen Fantasy ankommt. So gesehen ist romance das »mother genre« oder »natural genre«, von dem Brin spricht. Und wenn es auch kein exaktes deutsches Wort für romance gibt, gibt es doch das Adjektiv ›romantisch‹, das genau die paradoxe Qualität von romance bezeichnet: nostalgisch und revolutionär zugleich zu sein. Die Aussage ist nicht, wie Brin meint: Es gibt keinen Wandel, sondern vielmehr: Wie groß der Wandel auch sein mag, es gibt immer die ungestillte Hoffnung auf einen noch größeren Wandel.

Brin will im Grunde nichts anderes sagen, als das Fantasy zwar irgendwie faszinierend, aber letztlich doof ist, und SF das eigentlich interessante Genre. Er erreicht das, indem er der Fantasy das Element des Nostalgischen zuweist und der SF die Lust am Wandel. Brin teilt die beiden paradoxen Elemente der romance einfach auf die beiden Genres auf. Das mag seinen persönlichen Vorlieben entsprechen, taugt aber kaum für eine einigermaßen objektive Verhältnisbestimmung von SF und Fantasy.

Montag, 27. März 2017

Der Kurgan – warum heißt der eigentlich Kurgan?

Wenn von Russell Mulcahys Highlander irgendetwas bleibt, dann wahrscheinlich eine Reihe vager popkultureller Referenzen, die immer mal wieder aufgerufen werden, um eine Jugend in den späten Achtzigern oder frühen Neunzigern anzudeuten. Allen voran geht dabei natürlich das berühmte »There can be only one!!!«-Gebrülle, das namentlich vom Antagonisten des Films, dem Kurgan, ausgestoßen wird.

Der Kurgan trägt einen kuriosen Namen. Das Wort kurgan (кургáн) stammt aus dem Russischen und bezeichnet einen monumentalen Grabhügel, der etwa so aussieht:

 
Grabhügel wie diese finden sich in den Steppen Osteuropas. In Highlander ist aber von »the Kurgans« als einer Ethnie die Rede, und zwar einer, die sich durch eine besonders brutale und kriegerische Mentalität auszeichnet. Die Kurgans, heißt es im Film, »toss children into pits full of starved dogs, and watch them fight for meat«. Tatsächlich gab es nie ein Volk, das sich »die Kurgans« nannte (und hoffentlich nie eins, das Kinder gegen Hunde kämpfen ließ). Die Archäologie nennt lediglich die neolithische Zivilisation, die die Grabhügel errichtete, nach deren russischer Bezeichnung Kurgankultur.

Warum taucht nun ausgerechnet diese stein- und kupferzeitliche Kultur in einem Streifen wie Highlander auf? Um dafür einen Erklärungsansatz zu finden, muss man ein, zwei Jahrhunderte zurückgehen. Ende des 18. Jahrhunderts entdeckte die entstehende Sprachwissenschaft, dass Sprachen aus so weit auseinanderliegenden Regionen wie dem europäischen und dem indischen Subkontinent miteinander verwandt sind. Am Ende dieser Entdeckung stand die Erkenntnis, dass die betreffenden Sprachen einer Sprachfamilie angehören, also aus einer gemeinsamen Ursprache hervorgegangen sind, die als proto-indoeuropäische Sprache bezeichnet wird. So weit, so bekannt aus dem Schulunterricht. Die Entdeckung der indoeuropäischen Sprachfamilie hatte allerdings Folgen, die weit über rein linguistische Interessen hinausgingen. Die Sprecher_innen einer Sprache, so nahm man an, bilden ein Volk. Wenn es eine indoeuropäische Ursprache gab, dann muss es also auch ein indoeuropäisches Urvolk gegeben haben, von dem die neuzeitlichen europäischen Völker abstammen. Tatsächlich stimmt die Gleichung Sprache = Volk so nicht. Das lässt sich nicht nur an der Existenz von Weltsprachen (von Latein bis Englisch) erkennen, die ethnische Grenzen längst überwunden haben, sondern auch an Sprachen wie Swahili, die sich selbst zum Zeitpunkt ihrer Herausbildung nie einem bestimmten ›Volk‹ zuordnen ließen, sondern zur Verständigung in einer kosmopolitischen Handelsgesellschaft dienten.

Aber indem man im 19. Jahrhundert ein indoeuropäisches Volk postulierte, stellte man zugleich eine Hypothese über die Entstehung der westlichen Zivilisation auf. Noch im 18. Jahrhundert hatten die meisten europäischen Gelehrten angenommen, die Zivilisationen der Welt müssten irgendwie aus der hebräischen Kultur hervorgegangen sein: Die Menschen stammten noch von Adam und Eva ab, und die sprachen offensichtlich Hebräisch, die Sprache, in der das Alte Testament verfasst ist. Im 19. Jahrhundert neu etablierte Wissenschaften wie die Geologie, die biologische Evolutionstheorie, die Linguistik, die Archäologie und die historische Quellenkritik stellten jedoch fest, dass das so nicht gewesen sein konnte. Damit stand aber auch die Würde und das Alter der westlichen Zivilisation auf dem Spiel. Wenn man sie nicht aus der Bibel herleiten konnte, woher dann?

So begann die Suche nach irgendwelchen materiellen Hinterlassenschaften, die von den sagenhaften Indoeuropäer_innen zeugen könnten. Man war sich nicht mal sicher, ob das »Urvolk« aus Europa oder Indien stammte. Wenn es gelänge, auf archäologischem Wege die »Urheimat« (ein Wort, das sogar in den englischen Sprachgebrauch eingegangen ist) der Indoeuropäer_innen zu identifizieren, dann hätte man damit zugleich den Ursprung Europas entdeckt. Aus heutiger Sicht ist das ein reichlich unsicheres Vorhaben. Wie soll man Hinterlassenschaften im Boden, sofern nicht mit Inschriften versehen, den Sprecher_innen einer bestimmten Sprache zuordnen? Und wie soll man beides, Sprache und archäologische Funde, ohne Willkür mit einer so abstrakten Größe wie einem ›Volk‹ identifizieren? Aber das 19. Jahrhundert glaubte an seine Wissenschaften – leider nicht immer zum Guten. Eine fatale Erklärung für das Problem der indoeuropäischen Urheimat bot eine ebenfalls im 19. Jahrhundert etablierte Pseudowissenschaft, die Rassenkunde.

Man brauchte nicht länger in der Vergangenheit nach dem Urvolk zu suchen, denn es lebte mitten unter uns. Das behauptete die Rassenkunde, indem sie hochgewachsene Menschen mit heller Haut, blonden Haaren und blauen Augen zu direkten Nachfahren der Indoeuropäer_innen erklärte. Das Konstrukt der arischen ›Rasse‹ war vor 1945 nicht etwa eine Spinnerei von Nazi-Ideologen. Vielmehr war es in der Wissenschaft wie im Alltagsverstand beinahe Konsens, dass die vermeintliche Überlegenheit Europas (von der griechisch-römischen Antike über das aus der germanischen Völkerwanderung hervorgegange Mittelalter bis zur westlichen Zivilisation der Neuzeit) auf dem »arischen Rasseelement« in den europäischen Bevölkerungen beruhe. Man ging selbstverständlich davon aus, dass Intelligenz an ›Rasse‹ gekoppelt sei. Bevölkerungen, denen das arische Element abging, waren weniger intelligent, standen mithin auf einer niederen Kulturstufe und waren zu imperialistischen Raubzügen oder sogar zum Genozid freigegeben. Die Folgen dessen sind bis heute zu spüren: David Sonboly, der faschistische Amokläufer von München, verehrte nicht nur Hitler, sondern sah sich aufgrund seiner doppelten indoeuropäischen Sprachzugehörigkeit (Deutsch und Persisch) als Angehörigen der arischen ›Rasse‹.

Nach 1945 zeigte sich die Wissenschaft ernüchtert. Die Nazis hatten sich bei ihren Genoziden und ihrem Vernichtungskrieg auf das indoeuropäische Erbe berufen. Der rassenkundliche Teil des indoeuropäischen Komplexes war einigermaßen diskreditiert. Die Suche nach den Sprecher_innen des Proto-Indoeuropäischen ging weiter, aber man war nicht mehr so erpicht darauf, die eigene Identität auf sie zu gründen. In den 1950er Jahren versuchte sich die Archäologin Marija Gimbutas an einem Neuansatz – und damit komme ich endlich wieder zu den Kurgans (den Grabhügeln wie der Filmfigur). Gimbutas sah in den Kurgans materielle Spuren der Indoeuropäer_innen. Die »Urheimat« verortete sie damit in der russischen Steppe. Doch Gimbutas ging noch weiter. Sie postulierte eine vor-indoeuropäische Zivilisation Alteuropas, die friedliebend, matriarchal und ackerbauend gewesen sei. Über diese neolithische Utopie seien die Indoeuropäer_innen, die Gimbutas sich als kriegslüstern und nomadisch vorstellte, mordend und brandschatzend hereingebrochen. Die matriarchale alteuropäische Zivilisation sei nach einem gewaltigen Eroberungszug durch die patriarchale Gesellschaftsform der Indoeuropäer_innen ersetzt worden. Aus den arischen Kulturträger_innen von einst ist damit ein barbarischer Haufen geworden, der seinerseits eine höher entwickelte Zivilisation vernichtete.

Ob Marija Gimbutas mit ihrer Kurganhypothese recht hatte, ist zweifelhaft, denn für einen Ansturm nach Hunderttausenden zählender, berittener Horden aus dem Osten, wie Gimbutas ihn sich vorstellte, gibt es weder historische noch archäologische Belege. Mir kommt es an dieser Stelle darauf an, dass die Indoeuropäer_innen à la Gimbutas haargenau so sind wie der Kurgan in Highlander: kriegerisch, barbarisch und brutal. Der Film-Kurgan ist der popkulturelle Niederschlag des Bedeutungswandels, den das indoeuropäische Erbe in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchgemacht hat.

Dienstag, 3. Januar 2017

Gibt es die faschistische Fantasy?

Faschismusvorwürfe gegen die Fantasy sind alles andere als selten. Als mythopoetische Literatur malt Fantasy zahllose Schlachten der Mächte des Lichts gegen die Horden der Finsternis aus. Solcher Hell-Dunkel-Dualismus kann schon mal an faschistische Ideologeme erinnern. Und gelten nicht einige Mythomanen des 19. Jahrhunderts, wie Nietzsche und Wagner, als geistige Wegbereiter des deutschen Faschismus? Die wohl prominenteste Auseinandersetzung mit dieser Frage ist Norman Spinrads Roman-Essay The Iron Dream, der sich von der Frage leiten lässt, wie ein Pulp-Fantasy-Roman aussähe, dessen Verfasser Adolf Hitler heißt. Der schwerwiegendste Einwand gegen Spinrads Gedankenspiel ist, dass es solche Pulp-Fantasy im Dritten Reich nicht gab. Die NS-Kulturpolitik verhielt sich gegenüber Unterhaltungsliteratur aller Spielarten eher ambivalent (was verschiedene Heftroman-Autor_innen allerdings nicht von ideologischen Anpassungsversuchen abhielt). Gut, Fantasy als Genre-Kategorie gab es damals ohnehin nicht. Aber wenn man Fantasy als (post-)moderne Fortsetzung des Märchens versteht, ist eine Sache sehr auffällig: In der Weimarer Republik gab es eine äußerst lebendige und vielfältige Märchenproduktion, die in der NS-Zeit aber fast ganz zum Erliegen kam. Unter der Ägide der Nazis wurden nahezu ausschließlich Neuausgaben von Märchenklassikern wie den Grimms veröffentlicht, oft versehen mit völkischen Interpretationen. Kreative Neuentwicklungen gab es dagegen kaum.

Das ist durchaus erstaunlich, denn Tatsache ist ja, dass die Nazis nicht nur Wagner und die Grimms anhimmelten, sondern auch mit großem Eifer ihre eigene Mythopoiesis betrieben: Rosenberg fabulierte in seinem Mythus des 20. Jahrhunderts vom Ursprung der arischen Rasse im untergegangenen Atlantis, der SS-Esoteriker Otto Rahn ging in Südfrankreich auf Gralssuche, Heinrich Himmler hielt die Ura-Linda-Chronik (eine Fälschung des 19. Jahrhunderts) für ein authentisches Dokument germanischer Vorgeschichte, und an den Universitäten des Dritten Reiches wurde die Space-Opera-mäßige Glazialkosmologie Hanns Hörbigers als Wissenschaft gelehrt. All diese mythologischen Spekulationen führten zum politischen Kunstverständnis der Nazis: Kunst sollte, so lautete ihre Auffassung, dieses mythische Weltbild darstellen und verbreiten. In der bildenden Kunst und in den Inszenierungen der Sonnenwendfeiern und Parteitage wurde das auch umgesetzt. Warum nicht in der erzählenden Literatur? Ein Grund dafür könnte sein, dass die führenden Nazis durchaus Sorge trugen, in den Augen der Welt nicht zu obskurantistisch zu erscheinen. Diejenigen NS-Bonzen, die allzu gern in Geheimlehren und Visionen einer mythischen Vorzeit schwelgten (wie Heinrich Himmler oder Rudolf Heß) mussten diese Vorlieben eher im Privaten pflegen, da sie sonst den Unmut Hitlers erregt hätten. Die Furcht davor, sich lächerlich zu machen, war ein beherrschendes Motiv in Hitlers Handeln.

Heutigen Nazis gehen solche Skrupel weitgehend ab. In den esoterischen und verschwörungstheoretischen Anteilen der rechten Szene herrscht ein mythologischer Wildwuchs sondergleichen. Zeit für einen Blick darauf, was die neuen Nazis über Fantasy denken. Eine unverzichtbare Quelle in dieser Hinsicht ist Metapedia, das Fascho-Wiki-Enzyklopädieprojekt. Deren Ansichten zur Fantasy lassen sich auf eine kurze Formel bringen: Tolkien gut, Rowling böse. An sich weiß Metapedia Fantasy zu schätzen – bis auf den Namen, der als Anglizismus abgelehnt und durch die umständliche Neuprägung »Fernweltenliteratur« ersetzt wird:
Fernweltenliteratur, oft auch als Fantasyliteratur bezeichnet, bezeichnet man eine im 20. Jahrhundert aufgekommene Literaturgattung, welche eine Untergattung der Phantastik darstellt und Motive der germanischen und keltischen Mythologie und Sagenwelt aufgegreift [sic]. Meist spielen die Handlungen in einer Parallelwelt, in welcher neben Menschen auch andere Wesen leben und der Entwicklungsstand etwa auf Höhe des sogenannten Heroischen Zeitalters oder des Mittelalters angesiedelt ist. Seltener dient aber auch die Vorgeschichte oder das frühe Altertum als Grundlage. Das wohl bedeutendste Werk der Fantasyliteratur, welches als Vorlage für viele weitere diente, ist »Der Herr der Ringe« des englischen Nordisten J. R. R. Tolkien.
Über Tolkien, den »Nordisten«, hat Metapedia dann einiges zu sagen:
Das Buch »Der Herr der Ringe« ist auch in nationalen und allgemein rechten Kreisen durchaus angesehen. Der Grund hierfür ist derselbe, weswegen es hin und wieder von linker Seite attackiert wird, nämlich der im Buch latent enthaltene, wenn auch auf die mythische Ebene verlagerte, Rassismus. So haben in der literarischen Welt Tolkiens die Vertreter der edlen Rasse (Elben) vorwiegend die Merkmale der nordischen Rasse, die Vertreter der abscheulichsten Rasse (Orks) hauptsächlich die Merkmale der negriden Rasse. Aber auch bei der in Mittelerde lebenden Menschengattung werden den allgemein helleren unter diesen – z.B. dem Volk von Rohan – weitgehend bessere Eigenschaften zugesprochen als den dunkleren Menschenvölkern, z.B. den unheimlichen Bewohnern des Haradwaith (Süderland). [...] Aufgrund der hohen Beliebtheit der Tolkien-Romane, werden diese Tatsachen von der veröffentlichten Meinung und den Einheitsmedien aber in der Regel totgeschwiegen.
Tolkien war also ein heimlicher Nazi, was aber von der jüdisch-marxistisch-freimaurerisch beherrschten Presse verheimlicht wird. Armer Trottel, der solches geschrieben hat.
Aufgrund der Tatsache, daß in dem Buch die Orks, die Vertreter des moralisch Schlechten, schwarze bzw. sehr dunkle Erscheinungen sind, während die Vertreter der edlen und moralisch höherstehenden Rassen entsprechend ihrer moralischen Stufe als immer hellere Erscheinungen dargestellt werden, gilt das Werk mittlerweile bei vielen Verfechtern der »multikulturellen« Ideologie [...], als nicht mehr »politisch korrekt« (»Vorwurf« des sogenannten »unterschwelligen Rassismus«), da der Leser durch die Lektüre evtl. Rückschlüsse und zutreffende Parallelen zur realen Welt ziehen könnte.
Da hat offenbar jemand die Taste mit den sogenannten Anführungszeichen entdeckt.

Auffällig ist hier, dass Metapedia sich einen typischen Feuilleton-Vorwurf gegen Tolkien zu eigen macht und ins Positive wendet. Im Zuge der Verfilmung des Lord of the Rings durch Peter Jackson erschien eine ganze Reihe von Kritiken, die den Filmen wie der Vorlage vorwarf, Gut und Böse anhand von rassifizierenden Merkmalen darzustellen: Die Guten seien bei Tolkien blond, hellhäutig und blauäugig, so heißt es oft.

Ganz unbegründet ist das nicht. People of Colour kommen im Lord of the Rings, in Gestalt der Haradrim, nur als Feinde vor. Auch trifft es zu, dass Tolkien gelegentlich die Farbe der Haare zur Codierung von Figuren gebraucht. So besteht eine klare Hierarchie unter den drei Elbenvölkern: Die Vanyar sind blond und stehen den Valar (den Engeln) am nächsten. Die Noldor und Teleri sind dagegen überwiegend dunkelhaarig. Innerhalb der königlichen Familie der Noldor wird der Kontrast besonders augenfällig. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratet König Finwe eine Vanya. Finwes Sohn aus erster Ehe, der aufrührerische Feanor, hat schwarze Haare, seine Söhne aus zweiter Ehe, Fingolfin und Finarfin, sind blond. Der Konflikt zwischen den finsteren Söhnen Feanors und den hellen Nachkommen Fingolfins und Finarfins prägt das gesamte Silmarillion. Unsinn bleibt die von Metapedia betriebene Tolkien-Aneignung dennoch. Weder sind Elben und Orks ›Rassen‹, noch tragen die einen ›nordische‹ und die anderen ›negride‹ Merkmale. Da war der rassistische Wunsch der Vater des Gedankens. Aber was hat diese komische Terminologie überhaupt zu bedeuten?

Die nazistische Rassenlehre stellt sich die Menschheit als eine Hierarchie von ›Rassen‹ vor. Sie teilt die Menschen zunächst in drei ›Großrassen‹ ein: die europide (oder kaukasische), die negride und die mongolide ›Großrasse‹. Die sollen im Großen und Ganzen den Bewohner_innen Europas (mit Russland und Vorderasien), des subsaharischen Afrika und Ostasiens entsprechen. Innerhalb der europiden ›Großrasse‹ gibt es noch einmal ein System von Abstufungen: An der Spitze steht die nordische oder arische ›Rasse‹ (gelegentlich auch als teutonisch bezeichnet). Der nordische Mensch soll groß, blond, hellhäutig und blauäugig sein – eben der Bilderbuch-Arier des Nationalsozialismus. Einigermaßen akzeptabel sind gleich darunter noch die westische und die dinarische ›Rasse‹. Die Angehörigen der westischen (auch keltischen oder mediterranen) ›Rasse‹ werden als braunäugig und -häutig, schwarzhaarig, klein und lebhaft vorgestellt. Dinarische Menschen sollen groß, derb, braunhaarig und adlernasig sein. Deutlich darunter kommt die ostische (oder alpine) ›Rasse‹ mit folgenden Merkmalen zu stehen: rundgesichtig, klein, plump und träge. Es ist leicht zu erkennen, dass es sich bei diesen ›Rassen‹ lediglich um Klischees von Menschen handelt: der Stereotyp des hünenhaften Wikingers, der Stereotyp des emotionalen Südeuropäers, der Stereotyp des stolzen Balkanbewohners, der besonders üble Stereotyp des russischen Untermenschen.

Die europide ›Rasse‹ ist zur Weltherrschaft ausersehen, hat aber darauf zu achten, dass das nordische Element in ihr stark bleibt, da sie sonst degeneriert und dem steten Ansturm der negriden und mongoliden Horden nichts mehr entgegen zu setzen hat. Das ist tatsächlich die Begründung für den Vernichtungskrieg des Deutschen Reiches gegen die Sowjetunion: Die überwiegend ›ostische‹ Bevölkerung der UdSSR müsse durch ›nordische‹ deutsche Siedler_innen ersetzt werden. Ganz außerhalb der gewöhnlichen Hierarchie stehen Jüdinnen und Juden. Sie bilden keine eigene ›Rasse‹, sondern stellen aufgrund ihrer Zerstreuung über die gesamte Welt ein unentwirrbares ›Rassengemisch‹ dar, dem nazistischen Reinheitswahn zum Hohn geradezu eine Anti-›Rasse‹. Daher gelten sie als besonders gefährlich und müssen ausgerottet werden. Das alles ist komplett idiotisch, kein Zweifel. Die hinter den verschiedenen ›Rassen‹ stehenden stereotypen Menschenbilder haben die Nazis jedoch nicht erfunden, sondern lediglich aufgegriffen und zu mörderischer Konsequenz getrieben. Die sogenannte Rassenkunde galt schon lange vor den Nazis als seriöse Wissenschaft, die etwa in den USA mit großem Eifer betrieben wurde und dort zweitweilig sogar die Einwanderungsgesetzgebung bestimmte.

Und Tolkien? Dem kann man sicherlich vorwerfen, dass er das Äußere seiner Figuren zur Gut-Böse-Codierung benutzt. Dass er seine Figuren aber bewusst nach rassenkundlichen Auffassungen gestaltet habe, wie Metapedia behauptet, ist im wahrsten Sinne des Wortes an den Haaren herbeigezogen. Leider haben die Verfilmungen einiges dazu beigetragen, der Behauptung, das Gute komme bei Tolkien stets blond und blauäugig daher, Futter zu geben. Im Roman haben nämlich weder Legolas, noch Boromir und Faramir blonde Haare, sondern sind alle drei schwarzhaarig. Von den Hobbits heißt es bei Tolkien, sie seien überwiegend braunhaarig, während die Filme Sam und Merry blond sein lassen. Anders als bei den Elben, die anderweltliche Wesen sind, sagt die Haarfarbe bei den Menschen im Lord of the Rings nichts über ihren moralischen Charakter aus. Auch wird in dieser Hinsicht schwerlich irgendetwas »totgeschwiegen«. Vielmehr ist zu vermuten, dass durch die Jackson-Verfilmungen die Vorstellung von den heroischen Blondschöpfen bei Tolkien beträchtlich verstärkt wurde. Wenn auf Metapedia begeistert erklärt wird, in ihren »rassischen Einteilungen und Bewertungen« seien die Verfilmungen »weitgehend werktreu und ehrlich«, so ist das nicht nur durch die rassistische Brille gesehen, sondern verrät auch einiges an Unkenntnis, was die literarische Vorlage angeht. Dennoch ist natürlich kritisch anzumerken, dass es Aspekte in Tolkiens Werk gibt, die dieser rassifizierenden Sichtweise Anknüpfungspunkte geben.

Über J. K. Rowling kann Metapedia sich dagegen kaum genug ereifern. Wie bei Tolkien sind es auch im Fall von Harry Potter in erster Linie die Verfilmungen, an denen das Nazi-Wiki sich abarbeitet, da sie, so heißt es, »in ihrer Multikulturalität eine dem jüdischen und liberalistischen Zeitgeist entsprechende Rassenvermischung sowie ›multikulturelle‹ Gesellschaft in Szene setzen und zudem die Erkenntnisse der Rassenkunde verdrehen, indem sie die Angehörigen der nordischen Rasse häufig als die moralisch Bösartigen, die Angehörigen nichtgermanischer Rassen sowie Mischlinge als moralisch höherstehend darstellen«. So etwas geht natürlich gar nicht. Aber es kommt noch ärger:
Nach der Machtergeifung der Todesser wird ein Terrorregime aufgebaut das sogar von der Autorin zugegeben Parallelen zur nationalsozialistischen »Diktatur« haben soll. Es ist deshalb fragwürdig ob solche politische Propaganda in einem als Kinderbuch gedachten Romanreihe etwas zu suchen hat. Die Frage nach der Reinhaltung des Blutes in den Romanen stellt ein Abbild der in der Realität vorhandenen Frage nach der Bewahrung der Rassen dar. Wie in der weißen Welt von offiziellen Stellen der Wunsch zur Erhaltung der europiden Großrasse als negativ gebrandmarkt ist und stattdessen Vermischung propagiert wird, soll auch dem Leser der Harry-Potter-Romane vermittelt werden, daß Abstammung eine untergeordnete Rolle spielt und Reinheit grundsätzlich abzulehnen ist.
»Politische Propaganda« in der Fantasy wird von Metapedia also abgelehnt, wenn sie antifaschistisch ist. Zugleich wird aber keine Mühe gescheut, Tolkien als »Nordisten« propagandistisch zu vereinnahmen. Tolkien selbst bezeichnete indessen den »Nordismus« der Nazis als »›Nordic‹ nonsense«:
I have spent most of my life [...] studying Germanic matters (in the general sense that includes England and Scandinavia). [...] I suppose I know better than most what is the truth about this ›Nordic‹ nonsense. Anyway, I have in this War a burning private grudge – which would probably make me a better soldier at 49 than I was at 22: against that ruddy little ignoramus Hitler (for the odd thing about demonic inspiration and impetus is that it in no way enhances the purely intellectual stature: it chiefly affects the mere will). Ruining, perverting, misapplying, and making for ever accursed, that noble northern spirit, a supreme contribution to Europe, which I have ever loved, and tried to present in its true light. (Letters 45)
Es ist eigentlich noch zu wenig gesagt, wenn Metapedia bemerkt, die moderne Fantasy greife auf germanische Mythologie zurück – jedenfalls ist es in Bezug auf Tolkien zu wenig gesagt. Mit Tom Shippey lässt sich Tolkiens Werk geradezu als Versuch verstehen, eine nur noch fragmentarisch vorhandene germanische Mythologie zu rekonstruieren. In dieser Hinsicht steht Tolkiens Werk in einer Linie mit Jacob Grimm, Viktor Rydberg und Richard Wagner. Im 20. Jahrhundert, das von zwei deutschen Weltkriegen geprägt wurde, erhielt ein solches Vorhaben aber zwangsläufig eine besondere politische Note: Deutschland sah sich als wahre Verkörperung des nordisch-germanischen Geistes, und scheute sich zugleich nicht, germanische Länder wie England, Holland, Dänemark und Norwegen anzugreifen und zu besetzen. In Nordeuropa erregte dieses Vorgehen nicht nur bei Tolkien Abscheu und Verachtung. Die germanische Identität, die das Deutsche Reich sich zusprach, wurde als kultureller Diebstahl empfunden. Niemand drückt das besser aus als A. S. Byatt in ihrer autobiographischen Fantasy Ragnarok: The End of the Gods. Byatt beschreibt, wie ihr jüngeres Ich (»the thin child«) während des 2. Weltkriegs einen Band über nordische Mythologie entdeckt und erstmals mit dem in Berührung kommt, was Tolkien den »noble northern spirit« nennt:
She read the introduction, about the retrieval of ›the old Germanic world, with its secrets and wonders ...‹ She was puzzled by the idea of the Germans. She had dreams that there were Germans under her bed, who, having cast her parents into a green pit in a dark wood, were sawing down the legs of her bed to reach her and destroy her. Who were these old Germans, as opposed to the ones overhead, now dealing death out of the night sky? The book also said that these stories belonged to ›Nordic‹ peoples, Norwegians, Danes, and Icelanders. The thin child was, in England, a northerner. The family came from land invaded and settled by Vikings. These were her stories.
Aus Sicht des Kindes Byatt wie des Familienvaters Tolkien verkörpern gerade nicht die den »noble northern spirit«, die in Dänemark und Norwegen einmarschieren und England mit Bombenteppichen überziehen, sondern diejenigen, die angesichts dieser Brutalität ausharren und gegen sie ankämpfen. Dass ein Organ wie Metapedia das nicht kapiert, ist nicht verwunderlich. Aber gibt es wirklich etwas, das den nordischen Geist edel macht, und die Aneignung der nordischen Mythologie durch die Nazis niederträchtig?

Dienstag, 13. Dezember 2016

Vox Day ist ein Nazi

Letzte Woche erschien auf Black Gate ein Beitrag von Foz Meadows (hier eine archivierte Version). Thema: »The relationship between fiction and politics«. Meadows erwähnt darin die Sad und Rabid Puppies und weist daraufhin, dass beide Gruppen von »an actual neo-Nazi« angeleitet worden seien – gemeint ist natürlich Theo Beale alias Vox Day. Dass Beales Kopf eine Art ideologische Kloake ist, in der sich Ideen der religiösen Rechten, der sogenannten ›Islamkritik‹, des Antifeminismus und Versatzstücke von Rassentheorien zu einer stinkenden Brühe vermischt haben, ist bekannt. Ebenso ist klar, was all diese Vorstellungen gemeinsam haben: Sie stammen von rechtsaußen.

In jüngster Zeit versucht Beale, sich als eine Art Sprecher der Alt-right zu profilieren, also jener heterogenen Strömung von US-Rechtsradikalen, die seit ihrer Unterstützung für Donald Trump auch international von sich reden macht. Die Alt-right ist einerseits aus dem Verrohungsprozess entstanden, den ein beträchtlicher Teil des konservativen und libertären Lagers (in den USA eigentlich Teil des ›normalen‹ politischen Spektrums) durchgemacht hat. Andererseits mischen bei der Alt-right aber auch offen neonazistische Gruppen und solche, die aus der White-Supremacy-Bewegung stammen, mit (auch der Ku Klux Klan hat bekanntlich zur Wahl Trumps aufgerufen). Innerhalb der Alt-right hat sich insbesondere das Online-Magazin The Daily Stormer hervorgetan, das von dem bekennenden Nazi Andrew Anglin herausgegeben wird.

Trotz dieses Schulterschlusses reagiert Beale auffallend dünnhäutig, wenn er mit neonazistischen Bestrebungen assoziiert wird. Als die Tor-Books-Mitarbeiterin Irene Gallo vor einiger Zeit die Sad und Rabid Puppies auf ihrem privaten Facebook-Profil als »two extreme right-wing to neo-nazi groups« charakterisierte, forderte Beale den Verlag allen Ernstes auf, seine Mitarbeiterin zu entlassen. Dem kam Tor Books natürlich nicht nach, aber Verleger Tom Doherty sah sich dennoch veranlasst, sich von Gallos Aussage zu distanzieren, womit er dem Gernegroß Beale unnötig weit entgegen kam. (Beale schwafelt seit Jahren davon, dass sein Kleinverlag Castalia House den etablierten englischsprachigen SFF-Verlagen wie Tor über kurz oder lang das Wasser abgraben werde. Wer sich nicht sicher ist, wie ernst diese Prahlerei zu nehmen ist, mag diesem Blogpost entnehmen, dass Castalias mit Abstand bekanntester Autor, John C. Wright, im vergangenen Herbst seine Stromrechnung nicht bezahlen konnte. Wright, zuvor als relativ erfolgreicher Autor bei Tor unter Vertrag, wechselte aus ideologischen Gründen zu Beales Mikroverlag. Wright ist selber ein klerikalfaschistischer Dampfplauderer, aber ich muss sagen, dass er mir jetzt, wo er die Folgen einer Liaison mit Theo Beale am eigenen Leib erfährt, fast schon leid tut.)

Schon in Bezug auf Gallo sprach Beale von libel, also Verleumdung. So auch jetzt wieder in seiner Reaktion auf Foz Meadows’ Artikel: Er habe sich an John O’Neill gewandt, den Herausgeber von Black Gate, der den verleumderischen Charakter von Meadows’ Text sicher schnell erkennen und von seiner Website entfernen werde. Nun wissen wir aber dank File 770, dass Beale O’Neill gegenüber ganz andere Bedenken äußerte: Beale lebt in Italien, und da es in der EU Gesetze gegen Nazis gebe, befürchte er rechtliche Konsequenzen, wenn er fälschlicherweise als Neonazi bezeichnet werde. O’Neill hat ihm diesen Unsinn offenbar abgekauft, denn auf der Seite von Black Gate sind mittlerweile nur noch die ersten beiden Absätze des Artikels zu lesen. Der komplette Text findet sich jetzt bei Amazing Stories, deren Herausgeber Steve Davidson anscheinend weniger leichtgläubig als O’Neill ist.

Zwar ist in der EU sicherlich noch niemand juristisch belangt worden, weil er im Internet als Neonazi bezeichnet wurde, aber interessant finde ich vor allem, dass Beale sich selber anscheinend nicht sicher ist, ob Polizei oder Staatsanwaltschaft ihn nicht doch für einen Neonazi halten könnten. Denn allen Krokodilstränen und Beschwerden über Verleumdung zum Trotz enthält Beales rechter Ideologie-Mix auch neonazistische Elemente. Sein 16-Punkte-Programm für die Alt-right, das in diversen Sprachen auf seinem Blog zu lesen ist, enthält mit Punkt 14 eine kaum veränderte Variante von David Lanes »Fourteen Words«:
We must secure the existence of our people and a future for white children. 
Lane entwarf diesen Slogan als eine Art Maxime, die die rassistische Grundüberzeugung der radikalen Rechten weltweit zusammenfassen soll. Bei Beale liest sich das dann so:
The Alt Right believes we must secure the existence of white people and a future for white children.
David Lane war einer der führenden Ideologen des Neonazismus in den USA. Er durchwanderte im Laufe seines Lebens das gesamte Organisationsspektrum der radikalen Rechten, indem er nacheinander Mitglied der John Birch Society, des Ku Klux Klan und der Aryan Nations war. Schließlich landete er bei der rechtsterroristischen Gruppe The Order, die 1984 den jüdischen Radiomoderator Alan Berg ermordete. Lane diente bei der Tat als Fluchtfahrer, wofür er eine hohe Haftstrafe erhielt. 2007 starb er im Gefängnis. Seine »Fourteen Words«, die in der Tat zu einem beliebten Slogan von Neonazis auch in Europa geworden sind, stellen überdeutlich eine Paraphrase des folgenden Absatzes aus Mein Kampf dar:
Für was wir zu kämpfen haben, ist die Sicherung des Bestehens und der Vermehrung unserer Rasse und unseres Volkes, die Ernährung seiner Kinder und Reinhaltung des Blutes, die Freiheit und Unabhängigkeit des Vaterlandes, auf daß unser Volk zur Erfülllung der auch ihm vom Schöpfer des Universums zugewiesenen Mission heranzureifen vermag.*
Meines Wissens hat Lane nie offen zugegeben, dass er die »Fourteen Words« aus Mein Kampf abgekupfert hat. Jedoch steht der Absatz in Band I, Kapitel 8 von Hitlers Weltanschauungsschrift, was der unter Neonazis beliebten Codezahl 18 (für AH = Adolf Hitler) entspricht. Lane war bekannt dafür, sich geradezu obsessiv mit solchen Zahlenspielchen zu beschäftigen. Zudem ist die Passage in Mein Kampf im Schriftbild hervorgehoben, also auch ohne intensive Lektüre leicht aufzufinden.

Kurz gefasst übernimmt Beale also den Slogan eines neonazistischen Mörders, der direkt aus Mein Kampf hergeleitet ist. Das hält ihn aber nicht davon ab, auf seinem Blog mit schriller Stimme zu erklären:
I am neither a neo-Nazi nor a National Socialist, I have never been a neo-Nazi or a National Socialist, I do not belong to, or subscribe to the tenets of, the German National Socialist Workers Party or any subsequent facsimile, and I do not appreciate the libelous attempts of Ms Meadows, to publicly and falsely assert that I am “an actual neo-Nazi”. 
Schon klar, dass er das nicht mag. Weil Beale aber ebenso menschenverachtend wie verlogen und feige ist, muss in aller Deutlichkeit erklärt werden: Teddy Beale, Vox Day, ist ein Nazi.

* Adolf Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition, Band I, hg. v. Christian Hartmann u.a., Berlin/München 2016, S. 575f.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.