Donnerstag, 25. Juli 2013

Dunsany auf deutsch

Gestern jährte sich der Geburtstag Lord Dunsanys zum 135. Mal. Auf Skalpell & Katzenklaue widmet sich ein sehr schöner Text dem Gedenken an den »Lord der Traumlande«. Hier will ich kein weiteres Dunsany-Porträt zeichnen, sondern mich hauptsächlich mit den deutschen Übersetzungen seiner Werke befassen.

In seinem erstmals 1969 erschienen Buch Tolkien: A Look Behind »The Lord of the Rings« identifizierte Lin Carter William Morris, E.R. Eddison und Lord Dunsany als die drei großen Schriftsteller, die das Genre der epischen Fantasy ins Leben gerufen haben. Carters Buch ist über lange Strecken ungewollt komisch, denn er versucht krampfhaft nachzuweisen, dass Wagners Ring des Nibelungen Tolkiens Vorbild beim Schreiben des LotR gewesen sei, und gibt sich große Mühe, den Inhalt des damals noch nicht erschienenen Silmarillion zu erraten. Auch verzeichnet er Tolkiens Verhältnis zu seinen Vorgängern, indem er kurzerhand behauptet, das Werk George MacDonalds sei dem Tolkiens völlig unähnlich, womit er die Frage nach dem Einfluss, den MacDonald möglicherweise auf Tolkien hatte, für erledigt hält.* Doch ist Carter recht zu geben, wenn er Morris, Eddison und Dunsany als die großen Erfinder der epischen Fantasy identifiziert.** Diese drei waren es hauptsächlich, die den literarischen Garten eingehegt hatten, in dem der Lord of the Rings gedeihen konnte. Dabei war es vor allem die Lektüre von Morris, die den jungen Tolkien zum Erfinden eigener Sagen anregte, und meiner Einschätzung nach übte Morris unter den dreien den stärksten Einfluss auf Tolkien aus. Eddison wurde von Tolkien als Weltenschöpfer bewundert. Die martialisch-fatalistische Weltanschauung des Autors des Worm Ouroboros aber bereitete ihm Unbehagen. So ist recht gut bekannt, welche Bedeutung Morris und Eddison (und MacDonald!) für Tolkien hatten. In Bezug auf Dunsany ist dies weit weniger klar. Tolkien kannte Dunsanys Werk, denn er erwähnt es in seinen Briefen, aber meines Wissens äußert er sich in seinen publizierten Schriften an keiner Stelle wertschätzend oder ablehnend darüber. Vielleicht wusste Tolkien selbst nicht so recht, was er von Dunsany halten sollte? Ich könnte mir vorstellen, dass Tolkien die Kraft von Dunsanys Imagination bewunderte, aber möglicherweise den tiefschwarzen Humor missbilligte, mit dem Dunsany die Helden seiner Geschichten ihrem oft makabren Ende entgegengehen lässt.

Doch das ist Spekulation. Tatsache bleibt, dass Tolkien sich selbst als Nachfolger von Morris und Eddison sah, während wir von seinem Verhältnis zu Dunsany sehr viel weniger wissen.*** Auf diesen Sachverhalt gehe ich deshalb so ausführlich ein, weil er möglicherweise eine gewisse Vernachlässigung erklärt, die Dunsanys Werk in Deutschland erfahren hat. Nach dem Erfolg des Lord of the Rings suchte man nach bekannten Namen, die sich in Tolkiens literarische Ahnengalerie einordnen ließen, und fand in erster Linie Morris und Eddison. Wo Morris nicht als Fantasyautor bekannt ist, da kennt man ihn als utopischen Sozialisten und Kunsthandwerker. Es gibt sogar Geschenkpapierbücher mit von ihm entworfenen Jugendstilmustern zu kaufen. Zwar wäre es eine krasse Übertreibung, zu behaupten, Morris sei heute ein vielgelesener Autor (da ist sein schwer archaischer Stil davor), aber seine Romane, Erzählungen und Essays wurden u.a. bei Diederichs, DuMont und Bastei Lübbe verlegt. Eddisons Hauptwerk, The Worm Ouroboros (1922) ist gleich zweimal ins Deutsche übersetzt worden, wobei die Fassung von Helmut W. Pesch geradezu als vorbildhaft anzusehen ist. Beide Übertragungen des Ouroboros sind bei Bastei Lübbe erschienen, ebenso die weiteren Romane Eddisons.

Deutsche Übersetzungen von Dunsanys Geschichten, Romanen und Bühnenstücken sind dagegen eher dünn gesäht. Das ist bemerkenswert, wenn man sich vor Augen hält, dass Dunsany – anders als der etwa gleichaltrige Eddison – zu Lebzeiten ein berühmter Literat mit einem umfangreichen, auf verschiedene Genres verteilten Werk war. Der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek verzeichnet mehrere auf Dunsanys Stücken basierende Bühnenmanuskripte aus den zwanziger Jahren. Anscheinend ist Dunsany damals in deutschen Theatern gespielt worden. Borges, der Dunsany sehr schätzte, hat ihn sogar mit Kafka verglichen.† Dunsany war als Schriftsteller ein Grenzgänger, keine Frage. Vielleicht muss die Frage deshalb lauten: Wer sollte sich heute um die Rezeption seines Werkes bemühen? Sein Name fällt sporadisch, wenn es um den Aufschwung der irischen Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts geht, doch als Vertreter der Hochliteratur ist er weitgehend vergessen. Andererseits haben sich die Fantasy verlegenden und lesenden Kreise in Deutschland vergleichsweise schwer getan, ihn einzugemeinden. Lovecrafts Geschichten werden von treuen Fans verschlungen, doch wie viele von denen, die sich an kosmischen Glibbergottheiten ergötzen, sind sich der Tatsache bewusst, dass Dunsany zu Lovecrafts verehrten Vorbildern gehörte? In der englischsprachigen Welt mag das anders sein, doch hierzulande ist allerhöchstens ein Ausschnitt von Dunsanys Werk bekannt, und nur ein kleiner Teil davon liegt in Übersetzung vor.

Diesen Post möchte ich daher den Werken Dunsanys widmen, die zu der einen oder anderen Zeit auf dem deutschen Buchmarkt erschienen sind. Dabei übergehe ich die Geschichten, die über verschiedene thematische Anthologien verstreut erschienen sind. Diese zerfallen überwiegend in zwei Gruppen: Einerseits erscheint Dunsany gelegentlich in Sammlungen über die irische Literatur des 20. Jahrhunderts. Andererseits wurden Erzählungen Dunsanys in Anthologien aufgenommen, in denen sie als Beispiele für dieses oder jenes Fantasy-Subgenre präsentiert werden (so wurde Dunsany auch schon zum Ahnen der Sword & Sorcery erklärt). Wer also einen Eindruck von Dunsanys Erzählstil gewinnen möchte, kann in solchen Anthologien nach ihm Ausschau halten. Hier soll es aber um diejenigen Bücher gehen, die unter Dunsanys eigenem Namen erschienen sind:
  • Klett-Cotta hat die beiden Romane The King of Elfland’s Daughter (1924) und The Charwoman’s Shadow (1926) veröffentlicht. Die Königstochter aus Elfenland wurde von Hans Wollschläger übersetzt, Der Schatten der Scheuermagd von Wolfgang Krege. Dabei wurde Wollschlägers Übersetzung von Dunsany-Verehrer_innen nicht immer wohlwollend aufgenommen. Die beiden Romane dürften am ehesten dazu beigetragen haben, in Deutschland das Bild von Dunsany als Initiator der epischen Fantasy zu verbreiten.
  • In Die Bibliothek von Babel, Jorge Luis Borges’ umfangreicher Sammlung phantastischer Literatur, ist Dunsany gemeinsam mit Autoren wie William Beckford, Robert Louis Stevenson, G.K. Chesterton, Rudyard Kipling, Saki und H.G. Wells vertreten, aber auch mit Kafka, Melville und Bloy. Die Sammlung repräsentiert damit den Geschmack ihres Herausgebers, der sich wohl am ehesten als enzyklopädisch bezeichnen lässt. In der Ausgabe, wie sie in der Büchergilde Gutenberg und bei Goldmann erschienen ist, trägt der Dunsany gewidmete Band den Titel Das Land des Yann. In der bei Weitbrecht unter dem Titel Die Meisterwerke der phantastischen Weltliteratur verlegten Ausgabe teilt Dunsany sich den vierten Band mit Chesterton. Die von Borges getätigte und mit einem Essay eingeleitete Auswahl umfasst verschiedene Aspekte von Dunsanys Werk. Zentral ist die Erzählung »Idle Days on the Yann«, die der Zusammenstellung ihren Titel verleiht und aus der sich, anders als in vielen Geschichten Dunsanys, etwas wie ein Sinn fürs Leben herauslesen lässt: Wenn man sich ganz der mythischen Wiederholung hingibt, den Alltag in festgeprägten Ordnungen sich vollziehen lässt, dann wird das Leben zu einem Traum – so zumindest die Interpretation von Botho Strauß, den »Idle Days on the Yann« zu seinen geschwollenen Bocksgesängen inspirierte. Doch davon sollte man sich die Freude am Lesen nicht nehmen lassen, zumal meines Erachtens das Ende der Geschichte darauf hindeutet, dass Dunsany es ganz anders gemeint hat: Nicht das Leben in einen (bei Strauß: regressiv-utopischen) Traum verwandeln, sondern unermüdlich und in leuchtenden Farben die Schönheit der Träume ausmalen, die das Leben lebenswert machen.
  • In Suhrkamps Phantastischer Bibliothek (und zuvor bei Insel) erschien der Band Das Fenster zur anderen Welt, der eine repräsentative Auswahl aus Erzählbänden wie A Dreamer’s Tales, The Sword of Welleran and Other Stories und The Book of Wonder erhält, die gemeinhin als Mittelpunkt von Dunsanys Werk angesehen werden. Die hier versammelten Geschichten wurden von Friedrich Polakovics kongenial übersetzt. Die Aufnahme Dunsanys in die Phantastische Bibliothek entbehrt nicht einer gewissen Ironie, bedenkt man den Ruhm, der Dunsany als einem der Begründer der epischen Fantasy in der englischsprachigen Welt nachträglich zukam. Von dieser Art Fantasy wollte man sich mit der Phantastischen Bibliothek deutlich abgrenzen, hielt sie gar »für eine vorübergehende Mode, einen kommerziell derzeit zwar äußerst erfolgreichen, aber an sich wenig bedeutenden Zweig der Literatur« (so ein Zitat von Franz Rottensteiner aus dieser Zeit). Man nehme Dunsany als Zeichen dafür, dass literarisch wertvolle Phantastik und vermeintlich triviale Fantasy sich eben doch nicht so leicht auseinanderkategorisieren lassen, wie man es mancherorts vielleicht gern hätte.
  • Bei Diogenes in Zürich sind zwei Bände erschienen, die eine ganz andere Facette von Dunsanys Werk beleuchten: Jorkens borgt sich einen Whiskey und Smetters erzählt Mordgeschichten. Sie enthalten hauptsächlich Club- und Kriminalgeschichten aus der Feder des irischen Lords. Besonders erstere übten einen profunden Einfluss aus. Das Grundprinzip ist einfach: Die Rahmenhandlung findet in einem Club oder einer Bar statt, wo eine unglaubliche Geschichte erzählt wird, vergleichbar mit der europäischen Lügengeschichte und der nordamerikanischen tall tale. Dunsanys Clubgeschichten inspirierten Arthur C. Clarke zu seinen Tales from the White Hart, und möglicherweise auch Isaac Asimov zu seinen Azazel-Geschichten.
  • In der zweisprachigen Reihe von dtv erschien ein Band, der dem Titel nach eine weitere Auswahl von Dunsanys Kriminalgeschichten darstellt: An Enemy of Scotland Yard and Other Whodunits, übersetzt von Elisabeth Schnack. Über diesen Band kann ich weiter nichts sagen, da ich ihn nie in der Hand gehalten habe.
  • Dazu kommen einige Übersetzungen, die noch zu Dunsanys Lebzeiten herausgegeben wurden und heute schwer zugänglich sein dürften (mir zumindest waren sie bis jetzt nicht zugänglich). 1924 erschien bei Rütten & Loening ein Band Die Seele am Galgen. Ein Buch von Menschen, Göttern und Geistern. Als Übersetzer fungierte Emerich Reeck. Ein 1931 bei Hillger in Berlin erschienener Band Das Wunderfenster scheint eine Auswahl aus Die Seele am Galgen zu enthalten. Bei Hallwag in Bern wurde 1947 der Roman The Curse of the Wise Woman (1933) als Der Fluch der weisen Frau übersetzt. Es würde mich ja sehr interessieren, wie diese Ausgaben damals in Deutschland und der Schweiz aufgenommen wurden.
Und das war es auch schon. Es sieht mehr aus, als es ist, da die meisten der aufgezählten Bücher Sammlungen sind, deren Inhalte sich oft überschneiden. Wer Dunsany kennenlernen möchte und sich an die englischen Originale nicht herantraut, lasse sich insbesondere Das Land des Yann und Das Fenster zur anderen Welt ans Herz legen. Diese beiden Bände bieten meines Erachtens die beste Möglichkeit, den Fantasten Dunsany auf deutsch kennenzulernen. Wer es gleich auf englisch versuchen möchte, kann dagegen auf Project Gutenberg stöbern.

* MacDonald gehört zu den Autoren, zu denen Tolkien eine intensive Hassliebe hegte. Während C.S. Lewis MacDonald als sein spirituelles Vorbild betrachtete (und ihm deshalb in seinem Roman The Great Divorce die Rolle einnehmen lässt, die in der Göttlichen Komödie Vergil innehat), war Tolkiens Einschätzung von MacDonalds Werk eher ambivalent. In »On Fairy-Stories« bemerkt er anerkennend, MacDonald habe »stories of power and beauty« geschrieben, und hebt besonders »The Golden Key« hervor. Drei Jahrzehnte später wurde Tolkien gebeten, das Vorwort zu einer Neuausgabe von »The Golden Key« beizusteuern, doch als er MacDonalds Geschichte erneut las, verstand er seine eigene Begeisterung nicht mehr (wie es ihm oft mit mehrfach gelesenen Werken erging) und schrieb statt des Vorworts das vielleicht interessanteste unter seinen kürzeren Büchern: Smith of Wootton Major.
** »Erfinder der epischen Fantasy« ist allerdings nicht gleichzusetzen »Erfinder des Konzepts der Sekundärwelt«. Darauf weist der oben verlinkte Blogpost von Skalpell & Katzenklaue hin.
*** Dale J. Nelson argumentiert in diesem Artikel, Tolkiens Gedicht »The Mewlips« sei von Dunsanys Geschichte »The Hoard of the Gibbelins« beeinflusst.
† Ein wiederkehrendes Thema von Dunsanys Geschichten ist die Vergeblichkeit eines jeglichen Versuchs, im Leben an ein Ziel zu gelangen. Das fordert den Vergleich mit Kafka natürlich geradezu heraus. 

Kommentare:

gero hat gesagt…

Hallo Anubis,

ein schöner Text zu Lord Dunsany, dem ich in weiten Teilen zustimmen würde (aber nicht in allen – doch dazu gleich mehr ;)). Ich hatte eigentlich vor, anlässlich seines Geburtstags ein Portrait Lord Dunsanys für bp zu verfassen, bin aber aus vielerlei Gründen nicht dazu gekommen. Von daher freut es mich, dass gleich zwei meiner Lieblingsblogger – Raskolnik und du – sich aus gegebenem Anlass dieses genrehistorisch wirklich wichtigen Autors angenommen haben. Und wie gesagt, dem, was du zu Lord Dunsany schreibst, würde ich in weiten Teilen zustimmen. Was hingegen die anderen Autoren – speziell Morris und Eddison – angeht, die du erwähnst, muss ich leider ein bisschen klugscheißen:

(1) Die erste Übersetzung von Eddisons "The Worm Ouroboros" ist bei Heyne erschienen (und zwar 1981), die wesentlich bessere Pesch-Übersetzung dann tatsächlich bei Bastei-Lübbe (und zwar 1993 als PB und 1997 als TB); die "Zimiamvia-Trilogie", die man wohl zurecht als zweites Hauptwerk Eddisons bezeichnen kann, ist ebenfalls bei Heyne erschienen (1982/83; der Übersetzer war der gleiche wie beim "Wurm"), aber nie bei Bastei-Lübbe. Bei Bastei-Lübbe ist allerdings 1996 noch "Styrbjörn der Starke" erschienen (die Übersetzung von "Styrbiorn the Strong", Eddisons Verbeugung vor den nordischen Sagas).

(2) Was Morris angeht, liest sich die Liste der Verlage, in denen er veröffentlicht wurde, zwar nicht schlecht (und man könnte sie noch um den einen oder anderen Namen ergänzen), aber seine Fantasyromane (und ein Band mit Erzählungen) sind zwischen 1980 und 1986 ausschließlich bei Bastei-Lübbe erschienen. Jetzt mag die Fantasyreihe von Bastei-Lübbe bei Leuten, die sich auskennen, nicht unbedingt einen schlechten Ruf haben (denn den hätte sie mMn auch nicht verdient), aber in der allgemeinen öffentlichen Wahrnehmung war Bastei-Lübbe in den 80ern jetzt nicht unbedingt ein für sein literarisches Renommee bekannter Verlag. ;)

Womit wir zu dem anderen Punkt kämen, bei dem ich anderer Meinung bin als du. Denn mMn hatte die Veröffentlichung von Eddison und Morris nichts mehr (bzw. nicht mehr ursächlich) mit dem Erfolg des "Herr der Ringe" zu tun (bzw. sie hatte genausoviel damit zu tun, wie die Veröffentlichung diverser anderer Fantasyromane). Ich glaube nämlich nicht, dass man "nach bekannten Namen" gesucht hat, "die sich in Tolkiens literarische Ahnengalerie einordnen ließen" – oder, anders gesagt: wer soll da "gesucht" haben?

Klett bzw. ab 1977 oder '78 Klett-Cotta (wo man diese Suche zuerst vermuten könnte) hat nach der Veröffentlichung des HdR eine ... nennen wir es eigenwillige Veröffentlichungspolitik gefahren, dabei aber um die literarischen Ahnen Tolkiens meist einen großen Bogen gemacht. Dass man sich mehrfach bei der Reihe – nämlich der Ballantine Adult Fantasy – bedient hat, die in den USA ins Leben gerufen wurde, um LotR-ähnliches Material zu veröffentlichen, scheint mir eher darauf hinzudeuten, dass man ebenso wie in den USA auf der Suche nach (im weitesten Sinne!) dem HdR ähnlichem Material war. Lustigerweise hat man im Gegensatz zur BAF allerdings Tolkiens Ahnen (mit Ausnahme der beiden Dunsany-Romane) ausgelassen.

- Fortsetzung folgt -

gero hat gesagt…

- Fortsetzung des Vorposts -

Heyne hingegen konnte in den 80ern schon auf eine reiche Fantasytradition zurückschauen; und auch wenn die Heyne-Fantasy anfangs von Sword & Sorcery und Burroughs-Epigonen dominiert wurde, war man zum Zeitpunkt der Veröffentlichung Eddisons über diesen Punkt längst hinaus (und hatte mit Donaldsons erster Thomas-Covenant-Trilogie auch schon einen Bestseller im Bereich der epischen Fantasy auf der Liste). Außerdem hat man irgendwann angefangen, nach den "Klassikern" zu suchen, und da war eine Veröffentlichung Eddisons durchaus folgerichtig. (Schließlich hatte man ein paar Jahre zuvor schon Vances "Sterbende Erde" und etwa um die gleiche Zeit Cabells "Jürgen" veröffentlicht.)

Bei Bastei-Lübbe wiederum hat man – nach ebenfalls stark von Sword & Sorcery bzw. actionlastiger Abenteuerfantasy in den Anfangsjahren – in der Ägide Helmut Pesch sehr bewusst auch Klassiker wie Morris oder Cabell gepflegt. Ich glaube, es hat damals einfach dazugehört, den einen oder anderen (größeren oder kleineren) "Klassiker" im Programm zu haben, wenn man als Fantasy-Herausgeber etwas auf sich hielt.

Insofern halte ich deine Argumentation im Hinblick auf die Nichtveröffentlichung Lord Dunsanys für gewagt (denn wer kannte in den 80ern in Deutschland wirklich einen Eddison oder einen Cabell?). Einen triftigen Grund, warum Lord Dunsany in Deutschland so stiefmütterlich behandelt wurde, kann ich allerdings auch nicht so ohne weiteres nennen. Meiner Meinung nach hätte er sehr gut in die damalige Fantasy-Reihe bei Diederichs gepasst, wo mit James Stephens und Mervyn Wall schon zwei schrullige Iren im Programm waren (und wenn man bedenkt, dass T.H. White den größten Teil seines "Once and Future King" in Irland geschrieben hat, sind es sogar zweieinhalb ;)); ich könnte mir allerdings vorstellen, dass nach den Veröffentlichungen bei Klett-Cotta und Insel bzw. Suhrkamp aus Sicht des Verlags nicht mehr genügend interessantes Material vorhanden war. Aber das ist letztlich nur Spekulation. Anyway – mir ging's um die Fakten hinsichtlich der Veröffentlichungen von Eddison und Morris (und das Ganze ist viel länger geworden und hat viel länger gedauert als geplant; das werde ich morgen büßen müssen, aber so ist das eben mit der Korinthenkackerei ;)).

Beste Grüße
Gerd

Anubis hat gesagt…

Das ist aber ein großes Lob, als einer deiner Lieblingsblogger zu gelten! :-)

Sehr gut auch, dass du meine Schusseligkeiten und Fehler bemerkt hast. Natürlich, von Eddison ist nur die Ouroboros-Neuübersetzung und Styrbjörn der Starke von Bastei Lübbe rausgebracht worden. Hätte ich eigentlich merken können, denn die Zimiamvia-Bände standen beim Schreiben des Blogposts hinter mir im Regal, aber irgendwie passiert es mir öfter, dass ich Heyne und Lübbe miteinander verwechsele ...

Was nun die Rezeption der verschiedenen »Klassiker« angeht: Ich glaube auch nicht, dass in den 80ern Cabell, Morris und Eddison unter deutschen Fantasyleser_innen bekannt waren. Zumindest kann ich es mir nicht vorstellen, denn wirklich wissen tue ich es nicht. In den 80ern war ich lesemäßig gerade mal bei Lindgren, Preußler, Maar und den Brüdern Grimm angelangt (und bei Karl May natürlich). Was mir aber aufgefallen ist: Insbesondere Bastei Lübbe hat Eddison und Morris nicht nur veröffentlicht, sondern auch gezielt als Vorläufer Tolkiens (bzw. der epischen Fantasy) beworben: Mit der als Blurb benutzten Bemerkung Tolkiens über Eddisons Worldbuilding und den Klappentexten der Morris-Bände, die vom »Vorbild für C.S. Lewis und J.R.R. Tolkien« oder vom »Vater der Fantasy« reden.

Ähnliches ist im Falle Dunsanys meines Wissens nicht passiert, und mein Eindruck (der natürlich täuschen kann) ist, dass bei Leuten, die epische Fantasy nicht erst seit den Peter-Jackson-Filmen oder Game of Thrones lesen, die Wahrscheinlichkeit, dass sie schon mal einen Band Eddison gelesen und im Kopf unter »epische Fantasy« abgespeichert haben, größer ist als im Falle Dunsanys.

Das ungefährt meine ich, wenn ich von der Suche nach Tolkiens literarischen Ahnen oder von der Fantasy-»Eingemeindung« Eddisons spreche. Trotzdem trifft es natürlich zu, dass alle diese Autoren nicht mehr als ein paar Insider_innen bekannt sind. Nimmt man eine Außenperspektive ein, erscheint der von mir so betonte Unterschied in der Rezeption Dunsanys einerseits und Eddisons andererseits wahrscheinlich als verschwindend gering. Morris stellt immerhin eine Art Ausnahme dar, denn der ist als Kunstgewerbler und -theoretiker (aber wahrscheinlich nicht als Romanautor) noch ganz anderen Kreisen bekannt. Ich war jedenfalls nicht schlecht erstaunt, als ich im vergangenen Semester in einer Vorlesung über philosophische Ästhetik saß, in der es hauptsächlich um Kant, Hegel, Kierkegaard und Nietzsche ging, aber plötzlich auch Morris’ Name fiel.

Was Klett-Cotta betrifft, sehe ich das ähnlich, will sagen, ich finde es verwunderlich, dass man sich einerseits an Adult Fantasy orientierte, andererseits die »proto-tolkieneske« Fantasy weitgehend außen vor ließ. Wobei mit MacDonald, dessen Lilith und Phantastes ja bei KC erschienen, immer ein Autor vorliegt, der nachweisbar einen Einfluss auf Tolkien ausübte, wenn er auch überwiegend zu der allegorisierenden, die Sekundärwelt nicht immer ganz ernst nehmenden Fantasy-Tradition gehörte, von der Tolkien sich abgrenzen wollte.

Raskolnik hat gesagt…

Salve Anubis!

Zuerst einmal vielen Dank, dass du auf meine kleine Würdigung des guten Lord verweist. Ich selbst halte sie ja für ein bisschen hingeschludert ...

Deinen eigenen Geburtstags-Post finde ich höchst interessant, bin ich in Fragen von Veröffentlichungs- und Übersetzungsgeschichte doch alles andere als bewandert. Dass "Idle Days on the Yann" den ollen Botho zu seinen Bockgesängen inspiriert hat, hätte ich allerdings lieber nicht gewusst. Auch muss ich zugeben, dass ich mir nie irgendwelche philosophischen Gedanken über die "Botschaft" dieser Story gemacht habe. Ich finde ihre Atmosphäre einfach sehr ansprechend.

Was Tolkiens Beziehung zu Dunsany angeht, so besitze ich dazu auch nur die spärlichen Belege aus seinen Briefen. Das Allwissende Orakel von Wikipedia behauptet allerdings, der "Professor" habe Clyde S. Kilby eine Ausgabe des "Book of Wonders" als "Antrittsgeschenk" überreicht, als dieser in den 60er Jahren in Oxford auftauchte, um ihm bei der Fertigstellung des "Silmarillion" zu helfen. Das würde wohl dafür sprechen, dass Tolkien Dunsany schätzte, obwohl auch ich mir vorstellen kann, dass er mit dessen Weltsicht so seine Probleme gehabt haben wird.

Noch eine kleine Anmerkung zu Tolkien und George MacDonald: Dessen eher allegorisch geprägten Werke bereiteten ihm zwar in der Tat Schwierigkeiten, aber dafür liebte er vorbehaltslos die Kinderbücher "The Princess and the Goblin" und "The Princess and Curbie". Wenn ich mich recht entsinne, hat er sogar einmal geschrieben, dass ersteres seine Darstellung der Orks bzw. Goblins im "Hobbit" beeinflusst habe.

Ach ja, und dass C.S. Lewis den guten MacDonald in "The Great Divorce" zu seinem Virgil gemacht hat, finde ich zugleich bizarr und unverschämt. MacDonalds Vorstellung von Christentum hatte wirklich nur wenig mit Lewis' Weltanschauung gemein.

PS: An Gerd: Auch ich empfinde es als eine Ehre, zu deinen "Lieblingsbloggern" zu zählen.

Anubis hat gesagt…

Die Anekdote über Clyde S. Kilby habe ich auch in der Wikipedia gelesen. Als Quelle ist John D. Rateliff angegeben; leider funktioniert der Link nicht. Rateliff schreibt allerdings auf seinem Blog, dass er die Geschichte von Kilby selbst gehört hat.

gero hat gesagt…

@ Anubis (und das gilt an dieser Stelle so auch für dich, Raskolnik):

Je, nu ... sooo viele Blogger, die im deutschen Sprachraum fundiert über Themen bloggen, die mich interessieren, gibt's nun ja nicht gerade, von daher ist man schnell auf meiner Liste regelmäßig gelesener Blogs - und wenn man dann immer zuverlässig liefert, zählt man halt irgendwann zu meinen Lieblingen. ;)

(Wobei mich natürlich nicht alles interessiert - Jess Franco z.B. ist schon früher vollkommen an mir vorbeigegangen, und das wird sich vermutlich auch nicht mehr ändern.)

Was die inhaltliche Diskussion angeht, habe ich mich da auch an einer Stelle vertan, denn für die deutschen Morris-Ausgaben bei Bastei-Lübbe müsste noch Michael Görden verantwortlich gewesen sein, der damals in der SF & Fantasy aber auch ein teilweise verdammt mutiges Programm gemacht hat (Stichwort Delany z.B.). Ich könnte mir vorstellen, dass man bei Bastei-Lübbe zeigen wollte, dass man ein "ernstzunehmender" Konkurrent ist. Immerhin war man erst seit der Neustrukturierung der SF-Reihe (mit Unterreihen) so richtig im Buchhandel vertreten und hatte es vermutlich nicht leicht gegen die die alteingesessene Konkurrenz von Heyne und Goldmann. Und da bietet sich in gewisser Weise dann schon ein Klassiker wie Morris an, gerade, weil er mehr als nur ein Fantasy-Autor war. Diesen Autor dann irgendwie mit JRRT in Beziehung zu setzen, liegt auch nahe, insofern verstehe ich die Werbestrategie bei Bastei-Lübbe voll und ganz.

Welchen Bekanntheitsgrad Autoren wie Cabell, Eddison oder Morris in den 80ern bei deutschen Fantasylesern und -leserinnen hatten, kann ich nicht sagen. Ich habe die Zeit zwar bewusst miterlebt, aber damals gab es noch keine Fantasy-Szene - und bei vielen SF-Lesern war Fantasy lange Zeit verpönt. (So gesehen, könnte man die Tatsache, dass die Fantasy die SF irgendwann aus den Regalen der Buchhandlungen verdrängt hat, als Rache des Genres interpretieren. ;))

Dunsany hat es möglicherweise sogar mehr geschadet als genützt, dass er in Insels Bibliothek des Hauses Usher aufgenommen wurde, weil man - vielleicht, das ist nur eine Vermutung - bei Bastei-Lübbe oder Heyne gedacht hat, dass man ihn danach nicht mehr als Fantasy-Autor vermarkten könnte. Und dadurch ist er vielleicht auch bei vielen Lesern als einer wie Blackwood oder Machen wahrgenommen worden.

Ah, je - man weiß es nicht ... ;)

Aber die Geschichte der Fantasy-Rezeption in Deutschland - egal, ob aufs Genre als Ganzes oder auf einzelne Autoren bzw. Autorinnen bezogen - ist schon ein spannendes Thema.

Anubis hat gesagt…

Michael Görden ist mir vor allem aufgrund seiner Anthologienreihe Phantastische Literatur (+ Jahreszahl) bekannt, in der neben »typischen« SFF-Autor_innen auch Geschichten z.B. von H.C. Artmann, Fanny Morweiser, Isaac Bashevis Singer und und Oskar Panizza abgedruckt wurden. Tolle Sache.

In Blackwoods Fall würde ich auch durchaus eine gewisse Familienähnlichkeit mit Dunsany sehen. Neben großen Unterschieden natürlich. Bei beiden spielen Landschaften und Orte eine wichtige Rolle, die allerdings bei Dunsany (anders als bei Blackwood) von vornherein als imaginäre gekennzeichnet sind. Ja, wer weiß, vielleicht war Dunsany in Deutschland für die Fantasy verloren, nachdem er für die Phantastik gewonnen war. Insbesondere aus der Ecke von Kalju Kirde und Rein A. Zondergeld (wenn ich das so schreiben darf) gab es ja durchaus bewusste, literaturpolitisch motivierte Versuche, (vermeintlich) in deutscher bzw. kontinentaler Tradition stehende Phantastik gegen »angelsächsische Fantasy« auszuspielen. Eine Sache, der ich sehr gern verstärkt nachgehen würde.

Rolleau hat gesagt…

Interessanter Blogeintrag. Sehr informativ. Lord Dunsany war sogar noch umtriebiger als gedacht. Er hatte sogar eine eigene Schachvariante erfunden:

http://www.chessvariants.org/unequal.dir/dunsany.html

Sehr sympathisch. :)

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.