Samstag, 20. November 2010

Politische Intelligenz und Ecos Pendel

Trigger-Warnung: Ein Zitat enthält einen ausgeschriebenen rassistischen Ausdruck.

In seinem zweiten Roman Das Foucaultsche Pendel stellt Umberto Eco eine Typologie der menschlichen Intelligenz auf: Ecos Romanfigur Jacopo Belbo zufolge gibt es den Idioten, den Dämlichen, den Dummen und den Irren.* In der Empirie treten diese Typen natürlich fast nie in Reinform auf, normal ist vielmehr eine Mischung aus den verschiedenen Typen, die je nach Einzelfall unterschiedlich ausfallen kann. Es handelt sich also, weberianisch gesprochen, um Idealtypen.

Der Idiot ist, kurz gesagt, der Mensch, der sehenden Auges gegen die geschlossene Glastür rennt. Das ist verzeihlich und kann uns allen mal passieren. Der Dämliche aber ist Belbo zufolge ein »Träger eminent bürgerlicher Tugenden«. Er verrennt sich weniger, als dass er sich vertut:
»Der Dämliche sagt nicht, daß die Katze bellt, er spricht von Katzen, wenn die andern von Hunden reden.«
»Der Dämliche ist Joachim Murat, der die Parade abnimmt und einen hochdekorierten Offizier aus Martinique erblickt. ›Vous êtes nègre?‹ fragt er ihn. ›Oui mon général‹, antwortet der Offizier. Und Murat: ›Bravo, bravo, continuez!‹«
Der Dämliche argumentiert nicht falsch, vielmehr verfehlt das, was er sagt, immer das Thema. Seine Argumentation verläuft schräg zu dem, worum es geht. Der Dumme dagegen vertut sich nicht im Benehmen, sondern im Denken. Belbo nennt Anselm von Canterbury als Beispiel, der meinte, weil er sich die Existenz Gottes vorstellen könne, müsse Gott auch tatsächlich existieren. Auch der Irre vertut sich im Denken, aber auf andere Weise: Der Irre ist derjenige, der hinter Koinzidenzen stets eine Absicht, einen geheimen Plan vermutet — also niemand anderes als der allseits bekannte Verschwörungstheoretiker.

Das Foucaultsche Pendel beschäftigt sich in der Folge vor allem mit dem vierten Typus, dem Irren. Mich interessiert aus aktuellem Anlass aber eher der zweite Typus, der Dämliche. Belbo bezeichnet ihn ihm Roman als aussterbende Gattung. Mir kommt es momentan so vor, als erlebten wir die Wiederkehr des Dämlichen, allerdings in mutierter Gestalt. Der klassische, vom Aussterben bedrohte Dämliche wusste nämlich nicht, was er tat, und wurde im Idealfall gerade dadurch zum brillanten Entertainer.** Der neu auf der Bildfläche erschienene Dämliche weiß dagegen sehr wohl, was er tut. Er verhält sich mit Absicht und aus politischen Gründen dämlich. Er redet nicht aus Versehen oder Gewohnheit am Thema vorbei, sondern um diskursiv Tatsachen zu schaffen und die Verhältnisse ideologisch zu verschleiern.

Dämlich verhält sich Ursula von der Leyen, wenn sie auf dem Talkshow-Sessel (während vorgeblich über die empörend niedrigen Hartz-IV-Sätze gesprochen werden soll) nicht aufhören will, mit leicht weinerlichem Unterton von den »kleinen Einkommen, den Friseurinnen in unserem Lande« zu reden. Als dämlich ist zu bezeichnen, wie Norbert Röttgen gegen die Anti-Castor-Proteste im Wendland nichts anderes vorzubringen wusste, als in Gebetsmühlenmanier zu wiederholden, der Widerstand sei unangemessen, da in Deutschland angefallener Atommüll schließlich wieder nach Deutschland zurückgeholt werden müsse. Röttgen weiß so gut wie jeder andere Mensch, der nicht völlig dem Typus des Idioten entspricht, dass es nicht Ziel der Proteste ist, deutschen Atommüll in Frankreich vor sich hinstrahlen zu lassen. Dennoch wiederholt er unentwegt seine dämliche Behauptung und hat damit Erfolg, denn ein anderes Verhalten erwartet von einem Bundesumweltminister offenbar niemand. Ausgesprochen dämlich ist auch die jüngste Forderung aus Unionskreisen: nun, in Zeiten akuter Terrorgefahr, müsse die Vorratsdatenspeicherung beschleunigt und am besten widerspruchsfrei eingeführt werden — dabei musste sogar die Staatsschutz-Postille Die Welt zugeben, dass die Vorratsdatenspeicherung wenig bis gar nichts mit (tatsächlicher oder wahltaktischer) Terrorbekämpfung zu tun hat.

Einen eindrücklichen Blick hinter die Kulissen der intentionalen Dämlichkeit ermöglicht übrigens ein versehentlich aufgenommenes Gespräch*** zwischen dem fundamentalistischen US-Fernsehprediger Pat Robertson und seinen Spin Doctors. Diese rieten Robertson (der 1988 die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Republikanischen Partei anstrebte), an Bürger_innen, die kritische Anfragen stellen, einfach gezielt vorbeizureden. Gemein haben alle genannten Beispiele, dass sie gerade keinen offen herbeigeführten Themawechsel darstellen, sondern vielmehr die Diskussion nach und nach in die Schräge gleiten lassen, bis eine kritische Auseinandersetzung über das jeweilige Thema kaum mehr möglich ist und jeder diesbezügliche Versuch nur noch abrutschen kann.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass uns gegenwärtig eine massive Welle dieses hegemonialen an-der-Sache-Vorbeiredens – eben der politischen Dämlichkeit – überflutet. Es ist klar, dass es sich um eine Strategie handelt, die die Zivilgesellschaft verwirren und antihegemoniale Diskurse verunmöglichen soll. Wie dagegen Widerstand zu leisten ist, bleibt für mich vorläufig eine offene Frage. Auch ist unklar, ob irgendwann durch die ständig wiederholte Praxis der rhetorischen Dämlichkeit die Schraube einfach überdreht wird. Ab wann ist die taktische nicht mehr von der ungewollten Dämlichkeit zu unterscheiden? Ich weiß es nicht.

Festhalten möchte ich aber, dass an der Typologie diskursiver Intelligenz, wie Das Foucaultsche Pendel sie vornimmt, sich meines Erachtens hervorragend zeigen lässt, wie der phantastischen Literatur entnommene Anregungen zur kritischen Wirklichkeitserfassung dienen können. Und dass es nicht schaden kann, wieder mal Eco zu lesen. Der gilt zwar gemeinhin als Musterbeispiel politischer Unübersichtlichkeit in der Postmoderne, weil er es zurückgewiesen hat, als Linker eingeordnet zu werden – aber da liegt der Fehler wohl eher bei denjenigen, die Eco unbedingt für einen Linken halten wollten, als bei ihm selbst.

* Ich bitte um Nachsicht, dass ich an dieser Stelle die maskuline Form verwende. Ich bin allerdings der Meinung, dass es in der öffentlichen Zurschaustellung von Idiotie, Dämlichkeit, Dummheit und Irrsinn eine gewisse männliche Dominanz gibt, die die exklusive Schreibweise vielleicht rechtfertigt. Etymologisch ist das Wort ›dämlich‹ angeblich nicht mit ›Dame‹ verwandt. Unproblematisch wird es dadurch natürlich nicht, denn sexistisch empfunden werden kann es trotzdem. Wenn ich das Wort hier verwende, folge ich der deutschen Übersetzung von Ecos Roman durch Burkhart Kroeber, die im Blogpost zitiert wird.
** Als Beispiel kommt mir gerade der exzentrische Vampir in A.K. Tolstois gleichnamiger Erzählung aus dem Jahre 1841 in den Sinn, der in Gesellschaft stets im unpassendsten Moment Schnupftabak mit Steinklee anbietet.
*** Robertson lässt dabei eine homophobe Bemerkung los. Wer darauf verzichten möchte, sich das anzutun, sollte dem Link also nicht folgen.

Kommentare:

Eosphoros hat gesagt…

»Etymologisch ist das Wort ›dämlich‹ angeblich nicht mit ›Dame‹ verwandt.«
Streiche angeblich.

Ansonsten mehr hier.

Anubis hat gesagt…

»Angeblich« habe ich eigentlich nur eingefügt, um mich im Zweifelsfall gegen Sprachwissenschaftler_innen zu wappnen, die es besser wissen könnten als ich.

Ansonsten sagt der verlinkte Blogpost eigentlich genau das, was ich auch sagen würde. Ich hatte in Buenos Aires einen Prof, der immer ziemlich mit solchen etymologisierenden Wortdefinitionen rumgenervt hat. Ay chingada...

Eosphoros hat gesagt…

“»Angeblich« habe ich eigentlich nur eingefügt, um mich im Zweifelsfall gegen Sprachwissenschaftler_innen zu wappnen, die es besser wissen könnten als ich.”

Tja, das ist dann wohl nach hinten losgegangen ;-)

Nina hat gesagt…

Haha ich hoffe ja mal, dass dämlich nicht mit Dame verwandt ist. Damen sind nämlich auf keinen Fall dämlich.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.