Mittwoch, 13. Oktober 2010

Der wilde Park des Vergessens

Beschäftigt man sich mit den Anfängen der Fantasy-Rezeption und -Produktion in Deutschland (ÄFRPD), stößt man unweigerlich auf Frederik Hetmanns Pamphlet Die Freuden der Fantasy. Das liest sich recht vergnüglich, obwohl es in weiten Teilen von Helmut W. Peschs Fantasy. Theorie und Geschichte einer literarischen Gattung abgeschrieben wurde. Lernen kann man daraus vor allem, dass die ÄFRPD auf eine derart massive Weise mit New-Age-Heilsbotschaften schwanger gingen, wie das heute kaum für möglich gehalten würde.* In Hetmanns Pamphlet geben sich C.G. Jung, Fritjof Capra und andere Eso-Ikonen die Klinke in die Hand. Weniger erstaunlich wird die Sache vielleicht, wenn man bedenkt, dass Fantasy in Westdeutschland Anfang/Mitte der 1980er Jahre in weiten Kreisen vor allem Michael Ende und Marion Zimmer Bradley bedeutete. Gut vorstellbar, dass diese Autor_innen von einem eso-mäßig vorgeprägten Publikum dankbar aufgenommen wurden, worauf dann wiederum Fantasy im breiteren Rahmen nach dem Muster von New-Age-Weltverbesserungsideen interpretiert wurde.

Ein spätes Beispiel für diese ÄFRPD-Tradition ist Hetmanns Roman Der wilde Park des Vergessens aus dem Jahre 1994. Da habe ich mich bei fortschreitender Lektüre allerdings gefragt, ob der Autor sich selbst und sein avisiertes Publikum eigentlich noch ganz ernst nahm. Immerhin dürfte der Roman nach der neoliberalen Desillusionierung der New-Age-Szene geschrieben worden sein – andererseits war Hetmann schriftstellerisch mit einem solchen Eifer bei der Sache, dass ebenso fraglich ist, wie bewusst ihm diese Desillusionierung (sofern vorhanden) eigentlich selber war.

Der wilde Park des Vergessens erzählt die Liebesgeschichte zwischen einer lesbischen Japanologin aus den USA und einem chinesischen Schriftsteller, der heimlich in der Verbotenen Stadt in Beijing lebt und sich ins China der Kaiserzeit zurückträumt. Die beiden lernen sich auf einem Kongress in Beijing kennen, werden durch die Proteste auf dem Tian’anmen-Platz gewaltsam voneinander getrennt und schließlich von einem geheimen Netzwerk tibetischer Lamas entführt, nach Tibet gebracht und dort wieder vereinigt. Sie erfahren von den Lamas, dass sie dazu ausersehen sind, das kulturelle Erbe der Menschheit für zukünftige Generationen zu bewahren, indem sie auf den Planeten Sutra X teleportiert werden. Der Transfer soll durch spezielle Meditationstechniken bewerkstelligt werden, die dem Paar gemeinsam mit anderen Auserwählten von den Lamas vermittelt werden.

Klingt völlig abgedreht, und so ist es auch. Konsequent ist der Roman in seiner Ablehnung von Gesellschaftsveränderung durch politische Aktion.** Die beiden Protagonist_innen empfinden gegenüber der Protestbewegung auf dem Platz des himmlischen Friedens nichts als Befremden, Tibet wird als apolitische Utopie gezeichnet (und China als böser Unterdrücker). Im Mittelpunkt steht einzig die Veränderung, die das Liebespaar gemeinsam und als Individuen durchmacht. Besonders dubios kommt mit dabei vor, wie die früheren lesbischen Beziehungen der Protagonistin als unreife Durchgangsstufen hin zu der Erkenntnis und bewussten Suche nach Mann-Frau-Komplementarität dargestellt werden, und das alles mit reichlich Vulgärplatonismus unterfüttert. Andererseits wirken viele Passagen des Romans dermaßen überzeichnet, dem New-Age-seligen Irrwitz damit – bewusst oder unbewusst – eine mehr als ironische Note verleihend, dass es geradezu als ungenügend erscheint, Der wilde Park des Vergessens einfach nur als reaktionäres Machwerk zu lesen.*** Ich jedenfalls fühle mich außerstande, die Frage zu beantworten, ob der Autor all diesen Schwurbel wirklich ernst meinte oder nicht.

Lesen lässt sich der Der wilde Park des Vergessens ganz gut, auch wenn ich gelegentlich versucht war, ein paar langatmige Seiten zu überblättern. Der Roman ist reich an Intertextualität; ganze Passagen sind als Pastiches des mittelalterlichen japanischen Romans Genji Monogatari verfasst, und zwar interessanterweise aus der Perspektive einer Protagonistin.****

So weit erstmal. Anzumerken bleibt, dass Der wilde Park des Vergessens ein etwas sorgfältigeres Lektorat hätte vertragen können. Und jetzt bräuchte ich nur noch jemanden, die/der mir erklärt, was Hetmann mit diesem Roman eigentlich wollte. Ist da jemand?

Der wilde Park des Vergessens von Frederik Hetmann ist 1994 bei Weitbrecht erschienen.

* Ob das heißt, dass die Kritik der Esoterik – zumindest in Teilbereichen – gute Arbeit geleistet hat, wage ich nicht zu beurteilen.
** Bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass dieser Roman von einem Autor geschrieben wurde, der durch Biografien über Rosa Luxemburg und den Che bekannt wurde.
*** Richtiggehend zum Schreien ist etwa eine Szene, in der eine Teleportation nach Sutra X schief geht, weil die »Auserwählten« beim Meditieren an Sex statt ans Nirvana denken.
**** Die Geschichte des Prinzen Genji wurde von einer Frau verfasst, beschreibt zahllose höfische Liebesaffären jedoch aus rein männlicher Sicht. Das Bild des männlichen Verführers wird von Hetmann in seinen Pastiches gar nicht so schlecht durch den Kakao gezogen. Um so dümmer wirkt im Kontrast dazu die heterosexuelle Selbstfindung der Protagonistin.

Sonntag, 10. Oktober 2010

Wie Robinson einmal Gaza befreien wollte

Henning Mankell ist schon ein seltener Depp. Vier seiner Wallanderkrimis habe ich gern gelesen, von seinen Afrikaromanen lasse ich, von postkolonial irritiertem Misstrauen geleitet, lieber die Finger. Abgesehen von seiner Schriftstellerei ist Mankell aber wohl auch das, was man sich heute als politischen Intellektuellen vorzustellen hat. Und was für einer! Wer zusammen mit dem mittlerweile in der Versenkung verschwundenen Köhlerhorst, dem Ex-IWF-Chef, die Welt retten will, kommt mir jedenfalls nicht mehr ins Bücherregal.

Bei der Gaza-Flotille im Mai war Mankell bekanntlich einer der Sonntagsmatrosen, die glücklicherweise von israelischen Streitkräften davor gerettet wurden, sich im Archipel der anti-israelischen Querfrontstrategien vollends zu verschippern. Bei Mankell hat das aber leider nichts genützt (wie wohl auch bei einigen anderen Reiseteilnehmer_innen nicht), denn gleich darauf bestritt er das Existenzrecht Israels und rief zum Judenboykott auf.

Kürzlich hat nun die Frankfurter Rundschau in ihrer Literaturbeilage bekannte Literat_innen über ihre bevorzugte Kindheits- und Jugendlektüre zu Wort kommen lassen, darunter auch Mankell. Der nannte als sein bleibendes Lieblingsbuch Robinson Crusoe und gab als Grund dafür an, Daniel Defoes Kolonialutopie vermittle ihm beim Lesen das Gefühl, nach Robinson der zweite (sic!) Mensch auf der einsamen Insel zu sein. Ächz. Warum glaube ich diesem Knallkopp einfach nicht, dass er sich nur verzählt hat? Identifiziert sich der westliche Intellektuelle, am kolonial-patriarchalen Helfersyndrom leidend, etwa mit Freitag, dem schwarzen Unterdrückten? Oder handelt es sich gewissermaßen um eine Freudsche Fehlleistung, und Mankell zählt den Subalternen gar nicht erst zu den Menschen? Man beginnt sich entsetzt auszumalen, was wohl passiert wäre, wenn des weißen Mannes Fuß tatsächlich den Strand von Gaza betreten hätte.

Übrigens schafft Mankell es nicht mal, den Autor von Robinson Crusoe korrekt zu identifizieren, und verwechselt ihn mit Robert Louis Stevenson. Hätte er nur mal dessen Zeitzeugenberichte zur kolonialen Praxis im 19. Jahrhundert gelesen, der kolonialisierten Welt heute wäre vielleicht einiges erspart geblieben, was Mankell – ob nun auf Kreuzfahrt im Mittelmeer oder als Gastautor der FR – an Privilegiertengeschwafel zum Besten gibt.

Ich rufe hiermit jedenfalls dazu auf, Henning Mankells Bücher zu boykottieren, und bestreite ausdrücklich sein politisches Existenzrecht.

Sonntag, 19. September 2010

Rechts blöd

Yesterday I named an anonymous comment on Pat’s blog the most damn stupid thing to say about Elizabeth Moon’s Islam-baiting. I admit I've been a little hasty, because only now I came across this blog entry.

Now we have Lawrence P.* not only explaining how survivalists and libertarians benefit the whole community, but also telling us that antisemitism is worse than anti-muslim bigotry because “there are ten time [sic!] as many antisemitic hate crimes in the U.S. as anti-Islamic hate crimes.” You got it, Lawrence. Dying of lung cancer is so much worse than dying of leucemia, because it happens x-times more often.

Kidding aside, I’d say that this quantitative argument is true in one respect: Gun-wanking libertarian survivalist racist dickheads from Texas or elsewhere would still be the worst pain in the ass if there were only one of them.

* Science fiction writer and political commentar from Williamson County, Texas, according to himself.

Samstag, 18. September 2010

Elizabeth Moon: »Viele Muslime sind mit allen Tugenden zivilisierter Menschen ausgestattet«

Die SF-Autorin Elizabeth Moon hat auf ihrem Blog MoonScape ein bemerkenswertes Konglomerat aus Standortnationalismus, Manifest-Destiny-Geschleime, bourgeoisem Pseudofeminismus und rassistischem Islam-Bashing losgelassen: »Citizenship«. Der Eintrag bekam über 500 Kommentare, die mittlerweile jedoch von Moon gelöscht wurden. Weitere Kommentare soll es auf Moons Blog nicht mehr geben: »Es ist an der Zeit, den Pöbel hinauszuscheuchen und die Tür zu schließen.«

Dafür haben der World SF Blog und Pat Auszüge aus Moons Text veröffentlicht, und dort kann er weiterhin kommentiert werden. Auf dem Feminist SF Blog setzt yonmei sich ausführlich mit Moons Roman Trading in Danger im Licht ihres Blogposts auseinander. Von dort wird auch verlinkt zu Kopien der gelöschten Kommentare.

Vorurteile über muslimische Immigrant_innen zu schüren, ist allerdings nicht das einzige Anliegen von Moons Post. Sie beginnt mit der Aussage, »the business of a citizen is the welfare of the nation.« Der Nationalstaat habe nicht nur seinen Bürger_innen Rechte zu gewähren, sondern die Bürger_innen müssten Verantwortung für die Nation übernehmen. Verantwortungsbewusste Bürger_innen zeichneten sich aus, indem sie dem Wohlergehen der Nation persönliche Opfer (»personal sacrifice«) brächten und dies auch – was besonders aussagekräftig ist – von anderen, insbesondere von zukünftigen Generationen forderten. Die Gründerväter der USA hätten schließlich so gehandelt, jaja.

Moon selbst stellt allerdings vor allem Forderungen an muslimische Immigrant_innen. Persönliches Opfer ist dabei bezeichnenderweise nicht gleich persönliches Opfer. »That some [US American] Muslims died in the attacks [of 9/11] is immaterial—does not wipe out the long, long chain of Islamic hostility.« Dass bei den Anschlägen auf das World Trade Center Muslime in den Trümmern ums Leben kamen, zählt also nicht. Um das Wohlgefallen von Elizabeth Moon zu finden, ist es offensichtlich nicht ausreichend, zufällig zum Opfer eines terroristischen Anschlags zu werden. Man muss sein Leben schon willig und bewusst auf dem Altar der Nation opfern.

Die Vereinigten Staaten hätten schon immer Probleme mit Immigrant_innen gehabt. Dafür hat Moon eine naturalistische Erklärung: Es liege in der menschlichen Natur, sich tribalistisch zu verhalten, sich in kleinen Gruppen voneinander abzuschotten. Der Staat müsse »ihre [der Immigrant_innen] eingeborene Kultur niederreißen«, sonst käme es zu Kulturkämpfen. Und das sei natürlich – natürlich – bei denjenigen am schwierigsten, die es aufgrund ihrer Geschichte am schwierigsten fänden, über ihre »Natur« hinauszuwachsen.

Am schwierigsten fällt es in Moons Augen, wie sich offenbar von selbst versteht, migrantischen Muslimen, über ihre Natur hinauszuwachsen. Muslime sind in den USA anscheinend nicht nur allesamt eingewandert – in den USA geborene, englischsprachige Muslime scheint es nicht zu geben –, sie sind auch noch eine Art Naturwesen, durch ihre Geschichte dazu angehalten, sich gemäß ihrer wilden Eingeborenenbräuche zu verhalten. Dass dies ein klassischer, aber sehr präsenter rassistischer Topos ist, brauche ich nicht weiter auszuführen. Moon schreibt zynisch: »We have always had trouble with immigrants (the native peoples had the most troubles with immigrants!).« Sie identifiziert also auf abenteuerliche Weise die weiße, christliche Mehrheitsbevölkerung der USA (»We«) mit der nahezu ausgerotteten nordamerikanischen Urbevölkerung. Damit stilisiert sie nicht nur ihre eigene WASP-Binnengruppe zu unschuldigen Opfern des »trouble with immigrants«, sie unterstellt den eingewanderten Muslimen auch noch, sie seien fähig einen Völkermord zu begehen (der eigentlich auf das Konto der Binnengruppe geht, was aber zwischen den Zeilen verborgen bleibt).

In der Folge führt Moon aus, wie falsch es sei, »to let Muslims believe stuff that unfits them for citizenship«, wie Muslime mehr nähmen als gäben, dass man von ihnen zu verlangen habe, sich unauffällig zu benehmen, der weißen Mehrheitsbevölkerung am besten gar nicht erst aufzufallen. Dies sei notwendig, damit Muslime sich die staatsbürgerlichen Rechte verdienen könnten, welche die Nation ihren Bürger_innen verleiht. Dass solche Rechte de facto nicht allen Menschen frei und gleichermaßen zukommen, illustriert Moon auf beeindruckend abstoßende Weise, indem sie das Recht, Rechte zu haben, an Verdienste koppelt und mit ihrer rassistisch-naturalistischen Argumentation proklamiert, dass einige von »Natur« aus besser geeignet seien, solche Rechte zu besitzen und auszuüben. Wohl entgegen ihrer Absichten exemplifiziert sie damit den Bankrott linksliberaler citoyen-Ideologien, bzw. deren Unfähigkeit, Rassismus und Ausgrenzung etwas wirkmächtig entgegenzusetzen.

Zum Schluss noch Auszüge aus dem dümmsten und dem klügsten Kommentar, die ich bislang zu Moons Eintrag gelesen habe, beide bei Pat’s Fantasy Hotlist abgegeben. Der erste erschien anonym:
I will read her books now, knowing that she is smarter than 99% of today’s authors, which consist of completely unrealistic bleeding heart radical lefties.
Da bleibt mir doch nur übrig, angenehme Lektüre zu wünschen und vielleicht noch einmal neu darüber nachzudenken, warum diese unsägliche Military SF (wie Moon sie schreibt) eigentlich so viel produziert und gelesen wird. Liegt es am Rassismus der Autor_innen oder an den intellektuellen Fähigkeiten der Leser_innen? Der zweite stammt von  Eric M. Edwards:
She’s cloaking racism of a dangerous sort – one linked to her own illogical faith which hasn’t a leg to stand on when it comes to intolerance, violence, and rubbing people the wrong way – with a flawed defense of an America that doesn’t exist, based on American history that never was.
Wohl wahr.

Sofern die Zitate im Titel und im Eintrag ins Deutsche übertragen wurden, stammt die Übersetzung von mir.

Freitag, 17. September 2010

Die Geisterseher

Bemerkenswert ist an Kai Meyers Die Geisterseher aus dem Jahre 1995 vor allem eines: Meyer dürfte — neben Cornelia Funke — der in der englischsprachigen Welt bekannteste deutsche Fantasy-Autor der Gegenwart sein, seine frühen Romane (zu denen Die Geisterseher zählt) verraten aber ausgerechnet den profunden Einfluss deutschsprachiger Trivialliteratur auf Meyers Werk.* Sein frühes Werk, sollte ich vielleicht präzisieren, denn die YA-Trilogien, mit denen Meyer gegenwärtig Erfolge feiert, habe ich gar nicht gelesen.

Stichwort Trivialliteratur. Angesichts der Tatsache, dass deutschsprachige Fantasy überwiegend tief im Schatten angloamerikanischer Vorbilder steht, und nur ab und an mal augenblinzelnd ein paar Schritte ins grelle Licht hinauswagt, lohnt es sich vielleicht, etwas näher darauf einzugehen. Die Geisterseher ist zunächst eine Imitation der sogenannten Bundesromane, von denen Ende des 18. Jahrhunderts etwa 200 Stück erschienen und eine heute kaum mehr beachtete Popularität entwickelten. Es handelte sich gewissermaßen um die deutsche Variante der englischen Schauerromane. Ihren Namen haben sie daher, dass die Handlung meist von einem mächtigen, im Hintergrund agierenden Geheimbund vorangetrieben wird. Die Wirkungsgeschichte des Bundesromans sollte germanistische Nasen zum Rümpfen bringen: An dem Genre entzündete sich nämlich nicht nur E.T.A. Hoffmanns Schreiblust, der gleich zwei Bundesromane im Manuskript verfasste, bevor er als Schriftsteller bekannt wurde, sie aber nie veröffentlichte. Darüber hinaus inspirierten sie auch Schiller zu seinem einzigen Romanfragment Der Geisterseher (das natürlich Meyers Vorbild ist) und beeinflussten Goethes Wilhelm Meister.

Auch die Abenteuer- und Kolportageromane des 19. Jahrhunderts haben bei Meyer ihren Niederschlag gefunden. Ähnlich ist hier vor allem das umfangreiche Figurenensemble, die mit Vorliebe in die Handlung eingeflochtenen historischen Personen (na ja, bei Meyer sind es häufig eigentlich eher historische Wachspuppen) und die oberflächliche Charakterzeichnung, die die handelnden Figuren nur in ihrer Funktion für die Handlung beleuchtet und ihre Motivation dabei oft genug im Halbdunkeln lässt. Letzteres ist etwas, was sich in einigen späteren Romanen Meyers erhalten hat.

Der Autor verhehlt seine Einflüsse nicht, lehnt sich sich eher durch einen bewusst archaisierenden Schreibstil noch enger an die Tradition an. Dieser Stil fällt bei ihm übrigens weniger peinlich aus, als das oft der Fall ist. Um Authentizitätseffekte kümmert er sich ansonsten aber herzlich wenig, und so ist sein klassisches Deutschland besiedelt von Crossdressern, polnisch-patriotischen Schwarzkünstlern und Cagliostro-Fans, die mitten in Warschau in ihrer nicht ganz geheimen Loge eine ägyptisch geschminkte Scharade aufführen und in Las-Vegas-mäßigen Pharaonengewändern den Geheimrat Goethe in Weimar besuchen.**

Auf den Plot will ich hier nicht näher eingehen, das wäre ohne Spoiler schwer möglich. Es kommen Giftmorde, begehrte Manuskripte, kaltblütige Killer und jede Menge Geheimgesellschaften vor. Das eigentliche Thema des Romans ist jedoch, würde ich sagen, der Literaturbetrieb und das Schriftstellersein, von Meyer bissig und unterhaltsam dargestellt: Am Ende entwirft er eine trivialliterarische Utopie des Schreibens und tritt damit jeglichem Geniekult und der feuilletonistischen Kritikerbourgeoisie mit Schmackes gegen’s Schienbein. Allein deshalb lohnt es sich, Die Geisterseher zu lesen.

Meyers Charakterzeichnungen haben es dagegen so rein gar nicht in sich. Die im Roman auftretenden historischen Persönlichkeiten werden meist auf eine einzige Eigenschaft reduziert geschildert: Hoffmann ist der unzuverlässige Säufer, Jacob Grimm ist der kühl kalkulierende Logiker, sein Bruder Wilhelm dagegen spontan und impulsiv etc. Das macht wenig Spaß. Trostpflaster ist lediglich die Darstellung von Literaturplatzhirsch Goethe, der als eiskalter, für seine ›höheren Ziele‹ über Leichen gehender Strippenzieher geradezu zum Proto-Nazi gerät. Ein ganz netter Seitenhieb ist auch der Gastauftritt von Carl Grosse, der — als Unterhaltungsschriftsteller geschmäht — in deutschen Literaturgeschichten eher selten auftaucht.

Mit Die Winterprinzessin ist 1997 eine Fortsetzung erschienen, die aber dem Stoff nichts mehr abgewinnen kann und an dem zunehmend unübersichtlichen Figurenensemble krepiert. Muss man sich nicht reinziehen. Erwähnenswert ist vielleicht eher, dass es mittlerweile auch ein preisgekröntes Geisterseher-Hörspiel gibt. Für Hörspielfans — was ich leider nicht bin — sicherlich eine feine Sache.

Die Geisterseher. Ein unheimlicher Roman aus dem klassischen Weimar ist 1995 bei Rütten & Loening (Hardcover) und neu 2003 bei Bastei (Taschenbuch) erschienen. 1996 und 2009 gab es auch Ausgaben im Aufbau-Taschenbuchverlag. Der Roman hat 361 Seiten.

* Auch innerhalb des deutschen Sprachraums wird Meyer häufig als Beispiel für einen Fantasy-Autor genannt, der bereit ist, in seinem Werk ungewöhnliche Wege zu beschreiten. So z.B. in der SFF-Rundschau des Standard. Ich stimme dem zumindest insoweit zu, als dass ich Meyer jedenfalls für einen lesenswerteren Vertreter der deutschsprachigen Fantasy halte. Allerdings kann ich nicht finden, dass allein schon ein vom ausgefransten pseudo-mittelalterlichen Setting abweichendes Worldbuilding ausreichend ist, um der deutschsprachigen Fantasy neue Impulse zu geben.

** Die rassistische Tradition, die hinter dem Motiv der als Afrikaner_innen kostümierten Weißen steht, scheint Meyer zu entgehen, oder — was schlimmer wäre — er ignoriert sie bewusst.

Donnerstag, 16. September 2010

Mind Meld

SF Signal hat einer Reihe von Autor_innen folgende Fragen gestellt: Who are the best female characters in Science Fiction/Fantasy and/or Horror? What makes them the best?

Unter den Befragten sind Nnedi Okorafor, David Anthony Durham (dessen Pride of Carthage, das ich kürzlich gelesen habe, den Bechdel-Test übrigens definitiv nicht besteht), N.K. Jemisin und Elizabeth Hand. Und das beste ist: per Kommentarfunktion kann man seine eigenen Lieblingscharaktere nennen.

Dienstag, 7. September 2010

Märchenmond II

Weiter geht's mit meinem Wolle-H.-Leseprojekt:

S. 112: Die Truppen des Bösewichts Boraas (die mit dem principle of evil swordsmanship) werden im Roman meist als »die Schwarzen« bezeichnet. Nähere Beschreibung eines von ihnen: »Der Körper [...] war nicht menschlich. Schwarzes, drahtiges Haar bedeckte einen muskulösen, affenartigen Körper. Kim schauderte, als er die gebogenen Klauen an den Händen sah. Das Gesicht war flach und ausdruckslos...« Schwarze sind Affen sind böse? Geh denken, Wolle.

S. 113ff.: Kim ist wirklich ein Held. In kürzester Zeit lernt er reiten wie ein Apatsche.

S. 128ff.: Die Truppen des Bösen leiden anscheinend auch an einem principle of evil horsemanship. Im Vergleich zu Kims neuerworbenen Reitkünsten machen sie zu Pferde jedenfalls einen ziemlich belämmerten Eindruck.

S. 134: Nachdem er Boraas' Häschern entronnen ist, ruht sich Kim eine Woche lang bei einer Dachsfamilie aus. Dachse heißen in Märchenmond Taks. Bleibt zu hoffen, dass nicht auch noch Wuckinger und Salazenen auftauchen...

S. 139: Kim ist der Auserwählte. Warum, wird nicht erklärt.

Generell ist zu bemerken, dass die Hohlbeins anscheinend entschlossen sind, kein Klischee auszulassen. Angenehmerweise aber ist das Erzähltempo konstant hoch, so dass man auch weiterhin nicht von ausführlichen, von vornherein zum Scheitern verurteilten Charakterzeichnungen genervt wird. Und ach ja, ganz vergessen: Die von mir benutzte Edition von Märchenmond ist eine 2002 bei Ueberreuter in Wien erschienene Sonderausgabe.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.