Montag, 27. Juli 2020

General Pang, der alte Detektiv und das Mädchen

Noch unbekannter als moderne Wuxia-Romane sind außerhalb der Sinosphäre die klassischen Wuxia-Geschichten, wie sie in der Tang-Dynastie entstanden (und seither nie ganz verschwunden) sind. Für das Genre haben sie nach wie vor Bedeutung, denn hin und wieder entstehen Filme, die den Stoff solcher Geschichten als Ausgangsmaterial nehmen. Meinem Empfinden nach lesen sie sich auch sehr gut und sind keineswegs nur von historischem Interesse.

Ich will einiger dieser Geschichten sozusagen in deutschen Nacherzählungen hier einstellen. In den meisten Fällen dürften sie bisher nicht auf Deutsch erschienen sein. Ich sage bewusst Nacherzählung, denn leider sind mir die Originale sprachlich nicht zugänglich. Ich stütze mich also selber auf englische Übersetzungen der chinesischen Originaltexte. Sinolog_innen mögen mir verzeihen. Ich versuche jedenfalls, nichts hinzuzufügen oder wegzulassen – jedenfalls nicht mehr oder weniger, als das bei Nacherzählungen zwangsläufig passiert.

Den Anfang mache ich mit folgender Geschichte:

»General Pang, der alte Detektiv und das Mädchen« aus der Sammlung Ju Tan Lu des Kang Pian (Tang-Dynastie).

Anschließend noch einige Anmerkungen von mir (die Geschichte aber bitte zuerst lesen, sonst Spoilergefahr!). Erklärungsbedürftige Wörter habe ich im Text mit einem Sternchen versehen:
  • Dharma-Stätte: ein buddhistisches Lehr- und Gebetshaus.
  • Zhang: Längeneinheit, entspricht ca. 3,3 m.
  • Kang: ein Ofenbett
Dieser Geschichte liegt ein wohlbekanntes Motiv aus Wuxia-Erzählungen zugrunde: die Heldin, die nicht erkannt werden möchte. Normalerweise sind Wuxia-Held_innen dem Ruhm überhaupt nicht abgeneigt. Oft suchen sie Zweikämpfe allein deshalb, um sich einen Namen zu machen. Es gibt aber auch das genaue Gegenteil: Held_innen, die um jeden Preis namenlos bleiben wollen. Die Gründe dafür können vielfältig sein. Oft handelt es sich um Personen, die vor politischer Verfolgung in die Jianghu geflohen sind. Manchmal entspricht die Anonymität aber auf einfach einer individuellen Vorliebe.

Letzteres scheint in dieser Geschichte der Fall zu sein. Die namenlose Heldin könnte sich mit Hilfe ihrer Qinggong-Fähigkeiten alle Schätze dieser Welt zusammenräubern, aber sie will es offenbar nicht. Nur manchmal klaut sie für sich und ihrer Mutter ein paar Leckereien aus der Palastküche. Wenn sie etwas Wertvolles stiehlt, dann nur zum Vergnügen und um es wieder zurückzugeben.

Was auffällt, ist die quasi-historische Rahmung der Geschichte. Die Erzählerin gibt zu Beginn ihre Wissenslücken zu (sie weiß nicht, wie General Pang wirklich heißt). Und am Ende nennt sie ihre Quelle: Ein Bürgermeister stellt Nachforschungen über Personen aus der Jianghu an, die unerkannt in der Hauptstadt leben. Er hat die Geschichte aus dem Mund zweier unmittelbar Beteiligter, Pang und Wang Chao, erfahren. Dass der Name der Heldin bis zum Ende nicht genannt wird, heißt wohl, dass der General und der Detektiv über ihre Identität Verschwiegenheit bewahrt haben.

Das aus zahlreichen Wuxia-Filmen bekannte Qinggong gibt es übrigens wirklich. Natürlich können Menschen, die Qinggong beherrschen, nicht wirklich schweben, weil, nun ja, die Schwerkraft existiert. Aber echtes Qinggong kann schon auch ganz beeindruckend aussehen, wie folgendes Video zeigt:

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Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.