Freitag, 13. April 2012

Neue Delany-Ausgabe bei Golkonda

Wenn ich an deutschen Übersetzungen etwas hasse, dann die Angewohnheit, englische Substantive, die in der Form maskulin sind, aber auf beide akzeptierten Geschlechter angewandt werden, ohne Berücksichtigung des Kontextes auch im Deutschen in der maskulinen Form wiederzugeben, obwohl für den Bedarfsfall eine korrekte feminine Form vorläge. Sagt in einem englischen Text eine Frau einen Satz wie »I am a teacher« und heißt es dann in der Übersetzung denkfaul »Ich bin Lehrer«, dann kriege ich Lust, das Buch an die Wand zu schmeißen. Denn abgesehen davon, dass es korrekterweise »Ich bin Lehrerin« heißt und sich an dieser Stelle niemand damit herausreden kann, Frauen seien in der maskulinen Form »mitgemeint«, wirkt eine solche Übersetzungsweise unter Umständen sogar sinnentstellend. Das ist mir soeben wieder mal vor Augen geführt worden, und zwar in einer deutschen Ausgabe von Samuel R. Delanys Tales of Nevèrÿon, die ich vor kurzem antiquarisch gekauft habe.

Den Geschichten aus Nimmerya ist ein Zitat von Gayatri Chakravorty Spivak vorangestellt, der bekannten postkolonialen Theoretikerin. Es stammt aus dem Vorwort, das Spivak zu ihrer englischen Übersetzung von Jacques Derridas Hauptwerk De la grammatologie verfasst hat und lautet im Original so:
[T]he notion that the setting up of unitary opposites is an instrument and a consequence of “making equal,” and the dissolving of opposites is the philosopher’s gesture against that will to power which would mystify her very self. (p. XXVIII)
In der Übersetzung des Delany-Buches von Annette Charpentier ist das Zitat folgendermaßen wiedergegeben:
So entsteht der Gedanke, daß das Aufstellen von gleichartigen Oppositionen ein Instrument und eine Konsequenz der »Gleichmacherei« ist und die Auflösung von Gegensätzen die Geste des Philosophen gegen jene [sic!] Willen zur Macht darstellt, der sie selber in ihrem Kern mystifiziert.
Was ist passiert? Der abschließende Relativsatz ist in der Übersetzung aus zwei Gründen völlig unverständlich geraten. Zunächst ist unklar, worauf sich das Relativpronomen bezieht. Das liegt aber einfach daran, dass es im Text versehentlich »jene Willen zur Macht« heißt, wo eigentlich »jenen Willen zur Macht« stehen müsste. Wahrscheinlich ein einfacher Flüchtigkeitsfehler – so etwas kommt vor und ist leicht zu beheben. Dann aber wird es wirklich rätselhaft: Wer ist »sie«, die vom Willen zur Macht mystifiziert wird? Die Antwort erschließt sich, wenn man beachtet, dass Spivak in ihrem Vorwort exemplarisch von »der Philosophin« spricht und sich stets an »die Leserin« wendet, was im Original aber nur an den femininen Personalpronomen zu erkennen ist. Eine Übersetzung des Zitats müsste also eher so lauten:
[D]er Gedanke, dass das Aufstellen von einheitlichen Gegensätzen ein Instrument und eine Konsequenz der »Gleichmacherei« ist und das Auflösen von Gegensätzen die Geste der Philosophin gegen jenen Willen zur Macht darstellt, der sie selbst vor ein Rätsel stellen würde.
Alles klar? Das Problem lässt sich auflösen, indem man von dem sinnlosen Widerstand gegen feminine Wortendungen ablässt. Ist übersetzungsmäßig gar nicht so schwer, und bei den komplexen Gedankengängen Spivaks sollte man sich die Sache doch nicht zusätzlich komplizieren.

Angesichts rezenter Übersetzungsdiskussionen passt dieser Beitrag zeitlich ja ganz gut ins Bild, hinaus wollte ich zum Schluss allerdings noch auf etwas anderes: Im Golkonda-Verlag erscheint eine überarbeitete Neuausgabe von Delanys Nimmèrÿa-Geschichten, und zwar mit Panorama-Cover. Da darf man doch hoffen, dass die Neuausgabe zum Anlass genommen wurde, solche Verdrehtheiten wie die oben beschriebene zu beseitigen. So könnte ein Autor zu neuen Ehren kommen, der in der Ahnengalerie der Sword’n’Sorcery leider oft übersehen wird.

Kommentare:

gero hat gesagt…

Das Faszinierende ist, dass ich etliche Frauen kenne, die sagen: "Ich bin Lehrer." ;-)

Aber generell hast du natürlich recht, und da liegt im Hinblick auf Übersetzungen tatsächlich noch Einiges im Argen. Andererseits ist es gerade bei Übersetzungen aus dem Englischen, wo es in vielen Fällen eben nur eine Substantivform gibt, teilweise sehr mühsam (und gelegentlich umständlich), immer die korrekte Endung zu verwenden. Vor allem im Plural rettet man sich bei Begriffen wie Soldaten etc.pp. gerne auf die "mitgemeinten" Soldatinnen. Zur Ehrenrettung von Frau Charpentier sei außerdem gesagt, dass ich allergrößte Hochachtung davor habe, sich in Zeiten ohne PC und Internet (und für das damals dem Vernehmen nach wirklich lausige Honorar - nicht, dass das heute sehr viel besser wäre ;-)) an die Übersetzung von Autoren wie Delany oder Peake gewagt zu haben.

Für die Ausgabe bei Golkonda werden die Delany-Übersetzungen wohl gründlich überarbeitet, und da das Projekt eine Herzensangelegenheit des Herausgebers zu sein scheint, darf man auch auf ein gutes Ergebnis hoffen. Wünschen würde ich es mir, denn Delany ist bei all seiner Verkopftheit ein hervorragender Erzähler, der hierzulande leider nie so richtig zur Kenntnis genommen wurde. Von daher drücke ich dem Projekt die Daumen, auch wenn ich meine Zweifel habe, ob die Fantasyleser & -leserinnen von heute mit Delanys Dekonstruktion der S&S viel werden anfangen können, überarbeitete Übersetzung hin oder her.

Jakob hat gesagt…

Die Übersetzung wird grundlegend überarbeitet, keine Bange - der Herausgeber Hannes Riffel, Mona Ahmed und ich haben uns die Texte alle noch einmal vorgeknöpft und in Rücksprache mit der Autorin abgeklopft. Eine in der Neuauflage des Originals hinzugekommene Passage in der "Geschichte von Gorgik" wurde von mir übersetzt (da bin ich so stolz drauf, dass ich es einfach noch mal erwähnen muss - ich bin jetzt Delany-Übersetzer). Alle Zitate wurden, soweit erhältlich, den deutschen Übersetzungen angeglichen.
Man sollte Annette Charpentier übrigens nicht zürnen, im Gegenteil: sie hat hervorragende Arbeit bei einem sehr schwierigen Text geleistet - und wie ich das Übersetzergeschäft kenne, wahrscheinlich in sehr kurzer Zeit und viel zu schlecht bezahlt. Wir haben jetzt den Vorteil, dass wir bei der Überarbeitung auf ihren Schultern stehen und uns die Zeit nehmen konnten, alles doppelt- und dreifach abzuklopfen.

Reitersmann hat gesagt…

Ich bin mit Übersetzungen von Annette von Charpentier quasi aufgewachsen (Richard Monaco, Grals-Serie: Zucker! Wann entdeckt mal jemand den neu?). Die Dame war indirekt also ein maßgeblicher Teil der Sozialisation. Weiß zufällig jemand, was aus ihr geworden ist?

gero hat gesagt…

@ Ralf:

Hannes bzw. die Golkonda-Leute müssten das eigentlich wissen, denn die müssen ja irgendwie an die Rechte der Übersetzung gekommen sein.

Jakob hat gesagt…

Hannes tauscht sich jedenfalls mit ihr über die Übersetzung aus - mehr weiß ich auch nicht, ich bin an dem Ende der Produktionskette nicht weiter involviert ...

Anubis hat gesagt…

Stimmt, ich hätte wirklich auch ein paar lobende Worte für die Übersetzerin verlieren können. Wie schäbig von mir. Ich habe Delany ja schließlich durch diese Übersetzung kennengelernt. Um so mehr freue ich mich über die Überarbeitung. So etwas würde auch ein paar anderen Klassiker-Übersetzungen guttun, die an sich nicht schlecht sind, aber stellenweise Schnitzer enthalten: Poul Andersons Zerbrochenes Schwert kommt mir da immer in den Sinn.

Übrigens erwarte ich auch nicht, dass das Gros der heutigen Fantasyleser_innen auf die Nimmèrÿana anspringen wird. Ich stelle mir aber vor, dass die Neuausgabe für neugierige Minderheiten, die vielleicht Moorcock und Peake kennen, aber Delany noch nicht, eine tolle Sache werden könnte.

Hannes Riffel hat gesagt…

Von meiner Seite erst mal vielen Dank dafür, dass hier ein Autor ernstgenommen wird! Ob wir Delany mit unserer Überarbeitung (und den Neuübersetzungen) gerecht werden, werden andere entscheiden müssen -- am Aufwand, den wir betreiben, liegt es jedenfalls nicht. Mit Deiner Erlaubnis werde ich Deine Korrekturvorschläge für das Zitat übernehmen.

Herzlichst -- Hannes

Anubis hat gesagt…

Ich habe zu danken, und wenn mein Korrekturvorschlag übernommen würde, wäre ich fast so stolz wie Jakob über seine Teilübersetzung der »Geschichte von Gorgik«. :-)

Susanne hat gesagt…

Hmmm ... ich freu mich! Delany hab ich vor x Jahren das letzte Mal auf dem Schirm gehabt (muss gleich mal nachsehen, ob die Ausgabe noch in meinem Regal lebt oder sich irgendwo verkrost hat ...) Aber die Neuausgabe muss ich unbedingt haben!

@Ralf: Ja, die Grals-Serie von Monaco hatte ich auch, die war toll. Auch optisch ungewöhnlich, großformatig, mit ziemlich buntem Cover, wenn ich mich recht erinnere, oder? Bastei? Nee ... ich weiß es nicht mehr ...

gero hat gesagt…

@ Hannes:

Ich hatte mir überlegt, anlässlich unseres Blogeintrags zu Delanys 70. Geburtstag schon auf die Neuausgabe des Nimmèrÿa-Zyklus hinzuweisen, habe mich dann aber entschieden, das bei Erscheinen des ersten Bandes lieber nochmal als News zu bringen. Meine guten Wünsche hat die Edition jedenfalls (aber das weißt du ja ;-)).


@ Susanne:

Yepp, Monacos Grals-Romane sind damals in Bastei-Lübbes Paperbackreihe erschienen, mit Titelbildern von Belasco, das hat schon ziemlich ungewöhnlich ausgesehen. Hier kann man die Bilder (neben etlichen anderen) übrigens sehen:
http://www.reich-belasco.de/

Wobei ich mich jetzt nur frage - wer kauft sowas zu solchen *hust* Preisen?

Reitersmann hat gesagt…

Sieh an, 22.400,- für „Lohengrin“. Ich geh mal eben heulen …

… So … zurück …
Die Großformate, die Bastei damals einführte, wurden „Paperbacks“ genannt. 19,80 DM. Stephen King wurde fast ausschließlich in diesem Format verlegt. Mein erster richtiger Fantasy-Roman war ein Bastei-Paperback: „Urshurak“. Alibi-Tolkien-Pastiche, die nur dazu diente, Illustrationen der Gebrüder Hildebrandt vorzuführen. Aber wir waren jung und hatten das Geld.

Die Cover und Illustrationen der Monaco-Titel gaben der Sache einen zu „weichen“ Charakter, und teils mag die Serie auch Echos des „Age of Aquarius“ aufweisen, aber als 15jähriger im wilden Jahr 1982 war ich nicht ganz vorbereitet auf das, was zwischen den Buchdeckeln steckte. Für mich bis heute die besten modernen Ritterromane. Nicht ganz unirre.

Susanne hat gesagt…

Jaaaa ... Urshurak hatte ich auch! Klar, ich hatte damals alles, was entfernt nach Phantastik roch ... Gott, war da ein mieses Zeug bei. Aber auch die eine oder andere Perle.

jakob hat gesagt…

Urshurak war doch toll ... glaube ich. Vielleicht war mein Urteil auch getrübt durch meinen festen Glauben, dass die Hildebrandts die wichtigsten Maler unserer Zeit wären. (ich habe damals sogar meinen Kunstlehrer laut ausgelacht, weil er sie nicht kannte.)

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.