Freitag, 28. Oktober 2011

Die Vlogs und der Zauberstab

Begonnen hat es mit einem Link im Bibliotheka-Phantastika-Forum. Der führt zu einem Gespräch, das das FAZ-Feuilleton mit Harun Maye führte. Der Medientheoretiker echauffiert sich darin vor allem über Buchbesprechungen in Videoblogs, in denen er die »ästhetische Ideologie oder den Warencharakter der Literatur« gepriesen sieht. Viel mehr als dieses Naserümpfen findet sich in Mayes Auslassungen auf den ersten Blick nicht, wenn man von der unappetitlichen Zurschaustellung von Altmännergeilheit, in die das Gespräch mündet (Frauen im Internet hätten auf Youporn und nicht auf Youtube ihren Ort, so wird angedeutet), einmal absieht.* Da Mayes Attacke überdies aber auf Genreliteratur und die damit verbundene Praxis der »Rezension von Usern für User« allgemein abzielt, fühlen sich große Teile der SFF-Gemeinde zu recht davon angegriffen. Erwiderungen auf das FAZ-Geschnösel wurden daher von Juliana Socher im Bibliotheka-Phantastika-Blog und von Madame Books formuliert. Diskussionen haben sich vor allem auf dem BP-Blog und auf Google+ entspannt, daneben gibt es leider auch Reaktionen, die sich in wutbürgerlich-bildungsfeindlicher Empörung erschöpfen.

Aber was ist jetzt eigentlich noch das Problem, über das diskutiert wird? Vor allem ist es Zurückhaltung gegenüber der Art und Weise, wie auf Vlogs (aber auch in Amazon-Rezensionen etc.) mit Büchern umgegangen wird. Und in der Tat ist Reni, deren mäandernde Auslassungen über Stephenie Meyer und Charlaine Harris auf überraschende Art in den Mittelpunkt dieser Debatte gerutscht sind, ein Paradebeispiel für den Typ Literaturverwertung, in dem Bücher kaum noch von Lippenstiften, Haartönungen und Hello-Kitty-Accessoires zu unterscheiden sind. Für Harun Maye und Oliver Jungen, seinen Stichwortgeber vom Feuilleton, natürlich ein gefundenes Fressen, denn nichts anderes ermöglicht den Gralshütern der Hochkultur schließlich, ihren Zeigefinger zu erheben: Bücher dürfen nicht wie Waren behandelt werden, und wenn die Vloggerinnen es doch tun, so mögen sie den Kulturverlust verantworten, diese sozialdemokratisierten Wohlstandskinder ... Nichts anderes besagt die hochkulturelle Sottise des Herrn Medientheoretikers nämlich, wenn man erst durch die stilsicher platzierten Erwähnungen der Kritischen Theorie und Hans Blumenbergs hindurchsieht.

Unsere Gesellschaft charakterisiert sich dadurch, dass sie Waren produziert. Die Gesamtheit der gesellschaftlichen Verhältnisse fällt daher weitgehend mit dem zusammen, was gemeinhin Kapitalismus genannt wird. Das ist ein Sachverhalt, der von den Tafelsilber-Konservativen des Feuilletons und ihrer Zielgruppe zwar bereitwillig akzeptiert wird, den sie jedoch niemals eingestehen würden – schlicht und einfach deshalb, weil sie in einer ideologischen Sonntagsstube leben, in dem man vom Kapitalismus profitiert, gleichwohl aber die Nase über ihn rümpft. Dazu gehört unweigerlich ein Weltbild, in dem man meint, durch eifriges Zauberstabwedeln die ganze Kulturindustrie, die Frauen- und Geheimbundliteratur und so weiter, einfach austreiben zu können, während das, was in Abgrenzung dazu »Kultur« genannt wird, auf wundersame Weise gerettet wird und bestehen bleibt. Es ist nur verständlich, dass Maye und Jungen verstört sind, wenn Reni in ihrem Vlog erzählt, wie sie sich letztens bei Amazon oder Thalia ein Buch gekauft hat und schon hundert Seiten davon gelesen hat. Sie selbst bekommen Bücher als Rezensionsexemplare vom Verlag geschickt und glauben deshalb, diese seien allein für sie geschrieben und veröffentlicht worden.

Bücher sind Waren. Sie sind es ebenso wie Lippenstifte, Nagellacke und Qualitätszeitungen. Praktisch jedes Buch, dass gelesen wird, ist irgendwann einmal durch Lohnarbeit produziert und als Ware vergesellschaftet worden, um Mehrwert zu erzeugen. Ja, gelegentlich wird mit Büchern sogar Profit erwirtschaftet, was Harun Maye als besonders anrüchig gilt, während der Bestsellerlistenschrott von Joanne K. Rowling, Charlaine Harris und Stephen King subversiven Konsument_innen wie mir oft genug ein perverses Vergnügen bereitet. Wenn Vlog-Rezensionen auch sonst zu nichts gut sein mögen, dann sind sie es wenigstens dazu, dass sie diesen zentralen Sachverhalt klarer hervortreten lassen als irgendeine andere Form der Literaturverwertung. Das macht sie mir allemal sympathischer als die Auslassungen von Zeitgenossen wie Maye und Jungen, die auf ihre Art naiver sind als sämtliche Vloggerinnen dieser Welt.

* Maye ist Jahrgang 1973. Aber Altmännergeilheit scheint, ebenso wie kindliche Freude, ein weitgehend altersunabhängiges Phänomen zu sein.

Kommentare:

Fremdling hat gesagt…

Wirklich schöner Beitrag! Freut mich, dass du dich auch noch dazu geäußert hast.

Anubis hat gesagt…

Danke, aber mittlerweile bereue ich es fast schon wieder, da es mir enorme Mühe bereitet, einige Absonderungen zum Thema noch ernst zu nehmen. Das liegt vor allem an der Diskussion auf Google+, die gerade dabei ist, sich zwischen Nazi-Vorwürfen und Kindergarten-Gezicke auf dem Niveau von »Mann sind die doof, können noch nicht mal Medientheoretiker von Feuilletonisten unterscheiden« einpendelt. Dazu Rufe nach mehr Tiefsinn und Beschwörungen der bedrohten Kultur. Soll man das jetzt eher peinlich oder abgründig finden? Ich tendiere bislang noch zu ersterem.

gero hat gesagt…

Ich kann mich da dem Fremdl nur anschließen, Anubis - das ist ein sehr schöner Beitrag, der ziemlich genau das ausdrückt, was ich beim Lesen des FAZ-Interviews (ich darf jetzt nicht Artikel schreiben, sonst werden bestimmt auch mir bedenkliche Mängel in der Kernkompetenz Lesen unterstellt ;)) empfunden habe.
Apropos Kernkompetenz Lesen: Ich finde es ja putzig, dass ausgerechnet die beiden Diskutierenden, die "dem Blogger Colophonius" besagte Kernkompetenz absprechen (bzw. dies im Fall von Herrn Klingenmaier zu einem wesentlichen Punkt ihrer Argumentation machen), selbst Defizite in diesem Bereich aufweisen. (Ja, das ist jetzt Nitpicking - aber wer so spitzfindig diskutiert, muss mit den Spitzfindigkeiten der Gegenseite leben.)

Ein bisschen peinlich finde ich die Diskussion auf Google+ auch, andererseits war das letzte Statement von Herrn Klingenmaier doch sehr erhellend. Ich weiß natürlich nicht, wie viele Blogger und Vlogger er kennt bzw. ob sein Hinweis auf die "eiternde Wunde" auf entsprechenden Aussagen oder nur auf Mutmaßungen beruht. Die Blogger, die ich kenne, bloggen, weil es ihnen Spaß macht, sich über bestimmte Themen (oder Bücher oder was auch immer) auszulassen, und im Falle der Literaturblogs kommt zumindest bei manchen vermutlich dazu, dass man dann eben auch mit Pressemeldungen und Rezensionsexemplare beglückt wird. Trotzdem wird für mich andersrum ein Schuh draus: wer hat denn etwas zu verlieren, wenn "Literaturkritik" (auch wenn's manchmal gar keine ist) plötzlich auch in Blogs etc.pp. stattfindet? Die Blogger, die sich vielleicht manchmal vorwerfen lassen müssen, dass ihre Rezensionen und Artikel substanzlos oder amateurhaft sind bzw. am Thema vorbeigehen? Oder die Damen & Herren Rezensenten im Feuilleton, die sich so gemütlich im status quo (mit kistenweise zugesandten Rezensionsexemplaren und der Plattform für ihre Texte) eingerichtet haben? Mir drängt sich hier der Verdacht auf, dass da jemand diskutiert und argumentiert, der seine Pfründe bedroht sieht.

Die Sorge, dass es vielleicht irgendwann wirklich keine zahlenden Abnehmer für Rezensionen etc. gibt, kann ich sogar nachvollziehen. Aber gerade dann sollten doch diejenigen, die für das Feuilleton schreiben, in ihren Beiträgen zeigen, dass sie nunmal kompetenter, fundierter und schlüssiger über Literatur und literarische Phänomene schreiben können - und was das angeht, kommt mir der Beitrag, der ursprünglich den Stein des Anstoßes bildete, doch reichlich schwachbrüstig daher. Tut mir leid, aber von jemandem, der sich Medienwissenschaftler nennt und sich seit 18 Jahren mit Medien und Literaturgeschichte beschäftigt, erwarte ich einfach ein bisschen mehr als billige, schnöselige Polemik.

Grüße
Gerd

P.S.: Schickes neues Layout. Das macht das Lesen deiner Beiträge für einen alten Mann wie mich viel angenehmer.

Anubis hat gesagt…

Ist mir persönlich in der Tat nie in den Sinn gekommen, ich könnte mit der Rezensiererei Geld verdienen. Das wäre einerseits ein ziemlich unrealistischer Gedanke und brächte andererseits für meinen Geschmack auch zu viele Verpflichtungen mit sich.

Aber ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich der Kern der Sache ist. Du kannst wahrscheinlich besser beurteilen als ich, wie sehr die professionelle Literaturkritik von der Sorge umgetrieben wird, keine zahlenden Abnehmer_innen mehr zu finden. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das Fans-für-Fans-Rezensionswesen und das FAZ-Feuilleton sich gegenseitig das Wasser abgraben. Deshalb habe ich den Verdacht, dass es da eher um eine Art Selbstvergewisserung, auch im Namen der Zielgruppe, geht. Und wie könnte man die besser betreiben, als wenn man den ultimativen Kulturverlust durch »unsägliche Denk- und Sprachmuster«, »sozialdemokratischen Deutschunterricht« und »Amazonisierung der Literatur« beschwört — das einzige noch fehlende Schlagwort ist »Kulturbolschewismus«. So etwas braucht das hochkulturelle Gemüt, um die »Zum-Teufel-mit-der-Kultur-Debatte« ertragen zu können. Das »Wesen unserer Jahrzehnte« ist anscheinend so, dass man die verlorengegangene Innerlichkeit betrauern und nach mehr Tiefsinn seufzen muss.

Klingt so absurd, wie es ist, aber man muss wohl im Auge behalten, dass es ein Milieu gibt, welches mit solchem Weltanschauungskleister bedient werden möchte, durch den die sogenannte Popkultur gleich wie der Ansturm der braunen Horden aussieht.

Tragisch finde ich die Inanspruchnahme der Kritischen Theorie für dieses weinerliche Programm, die gleichwohl nicht ganz unschuldig daran ist, denn das derzeitige Geraunze erinnert nicht zu knapp an Adornos Ausfälle gegen Jazz und Homosexualität. Andererseits wird hierbei der Bluff besonders deutlich, der immer auch mit dabei ist — wenn ein 1973er Jahrgang nämlich implizieren will, er gehöre irgendwie noch zu den »Hochzeiten der Kritischen Theorie«: Damals, als alles besser war.

Irene hat gesagt…

Haha, späten Dank für dieses schräge Fundstück, ich lese kaum Feuilleton.

Der Autor hält ja nicht mal seine eigenen bildungsbürgerlichen Dünkel konsequent durch. Seit wann sehen diese Hüter der Hochkultur auf Medizinstudentinnen (Latinum, mittlere und obere Mittelschicht) herab? Was müsste eine denn studieren, um vor so einem Onkel Gnade zu finden? Altgriechisch?

Anubis hat gesagt…

Ui, sorry, deinen Kommentar habe ich viel zu spät freigeschaltet. Ich war erst vor einem Monat gezwungen, die Kommentare zu älteren Posts unter Moderation zu stellen, und habe mich wohl noch nicht daran gewöhnt, regelmäßig den Ordner für die auf Freischaltung wartenden Kommentare zu checken.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.