Mittwoch, 26. Oktober 2011

Der letzte Tempelritter

Der letzte Tempelritter ist eigentlich zwei Deutschordensritter. Zumindest sind die beiden Hauptfiguren des Films, der im Original Season of the Witch heißt, Ritter des Deutschen Ordens, und zwar nicht die letzten. Das wäre auch ziemlich komisch, denn der Film spielt in der Mitte des 14. Jahrhunderts, und den Deutschen Orden gibt es bis heute (er hat sogar eine – allerdings wenig spektakuläre – Homepage). Zu Tempelrittern werden die beiden Deutschherren also erst in der deutschen Filmfassung. Da ist wohl jemandem entgangen, dass der Templerorden 1312, einige Jahrzehnte vor der Handlungszeit des Films, aufgelöst wurde. Aber egal, wenn es nur das wäre ...

Ist es aber nicht. Der Film beginnt mit einem Prolog, der etwa hundert Jahre früher spielt. Ein Priester lässt drei mutmaßliche Hexen an einer Brücke aufknüpfen. Hexenverfolgungen dieser Art waren zwar für die frühe Neuzeit und nicht für das Mittelalter typisch, aber egal. Die Henkersknechte lassen die Hexen nach ihrer Hinrichtung ins Wasser fallen. Der Priester bittet sie, die drei Hexen wieder ans Trockene zu holen, da er sie nach der Hinrichtung noch mit irgendwelchem Ritualbrimborium traktieren müsse. Die Henkersknechte machen aber lieber Feierabend, sehr zum Schaden des Priesters, der prompt von den untoten Hexen heimgesucht wird.

Nach diesem Vorspiel werden wir in die Geschichte der beiden Deutschordensritter Behmen (Nicolas Cage) und Felson (Ron Perlman) eingeführt. Sie müssen für ihren Orden zahlreiche Schlachten in Kleinasien schlagen, was ihnen zunehmend auf die Nerven geht. Während des Heiden-Abschlachtens werden sie nämlich ohne Unterlass mit nervigen Durchhaltepredigten ihres Vorgesetzten traktiert, die überdies theologisch höchst bedenklichen Inhalts sind. Die Muslime, die von den Rittern so ausdauernd bekämpft werden müssen, werden darin nämlich als Häretiker bezeichnet. Nach christlich-mittelalterlicher Auffassung wären sie natürlich keine Häretiker, sondern Heiden – aber egal. Nach einer Weile wird Behmen und Felson die ständige Metzelei zuviel und sie desertieren. Der Film scheint sich die Ordensritter des Hochmittelalters wie moderne Soldaten vorstellen, die sich auf eine bestimmte Dienstzeit verpflichten, dafür einen Sold erhalten und strafrechtlich verfolgt werden, wenn sie versuchen abzuhauen. Aber egal.

Behmen und Felson kehren ins christliche Abendland zurück und landen in der Steiermark. In der entsprechenden Szene wird gezeigt, wie die beiden am Ufer eines Meeres entlangwandern, was ausnahmsweise einmal nicht egal sein muss, denn ich wollte zwar schon die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, fand aber mit Hilfe einiger Klicks durch die entsprechenden Wikipedia-Artikel heraus, dass die Steiermark im Mittelalter tatsächlich noch bis zur Adria reichte. In der Steiermark also wütet die Pest. Behmen und Felson müssen sich als Deserteure bedeckt halten, begeben sich aber trotzdem nach Maribor, um Pferde zu kaufen. Ein Stalljunge erspäht zufällig das Wappen des Deutschen Ordens auf Behmens Schwertknauf und denunziert die beiden flüchtigen Ritter. Woher ein Stalljunge das Wappen des Deutschen Ordens kennen soll, das muss uns wiederum egal sein, wenn wir nicht die Nerven verlieren wollen.

Nun werden die beiden vor den in der Stadt residierenden Kardinal (Christopher Lee) geführt. Maribor war meines Wissens im Mittelalter noch kein Bischofssitz, weshalb ein Kardinal dort eigentlich nichts zu suchen hat, aber ... egal, seine Eminenz will die gefallenen Ritter begnadigen, wenn sie einen gefährlichen Auftrag übernehmen: Sie sollen Eckhart, einen Ritter in den Diensten des Kardinals, und Debelzaq, einen jungen Priester, dabei unterstützen, die Hexe Anna in ein nahegelegenes Kloster zu überführen. Anna hat gestanden, das Ausbrechen der Pest bewirkt zu haben, und soll in dem Kloster exorziert werden, was zugleich der Seuche ein Ende setzen soll. Ebenfalls bei der Mission dabei ist der Reliquienfälscher Hagamar, der als einziger den Weg durch den gefährlichen Wald kennt, den der kleine Trupp nehmen muss. Kurz nach dem Aufbruch schließt sich den sechsen noch Kay an, ein Messdiener des Kardinals und Sohn eines Ritters, der unbedingt selber ein Ritter werden möchte.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt dürfte klar sein, der Film ist historisch gesehen von vorne bis hinten totaler Bockmist, aber er ist eigentlich auch kein Historienfilm. Stattdessen haben wir eine kleine Gruppe von Helden und eine gefährliche Queste, die typischen Ingredienzen generischer Fantasy. Und als Fantasyfilm erweist Der letzte Tempelritter sich denn auch. Die Heldengruppe hat ein paar obligatorische Abenteuer zu bestehen, darunter die Überquerung einer morschen Hängebrücke (kann man immer machen, wenn einem nichts besseres einfällt) und ein Angriff monströser Wölfe (LotR lässt grüßen), bevor sie schließlich das Kloster erreicht. Da sind die Helden zahlenmäßig schon ordentlich dezimiert und die Hexe hat bewiesen, wie sehr sie ihnen das Leben schwer machen kann, da sie über gewaltige Körperkräfte verfügt. Im Kloster spielt sich dann das Finale ab, welches noch einmal deutlich fantasylastiger ist als der bisherige Film.

Auch über das bislang Beschriebene hinaus schenkt der Film den Details mittelalterlichen Lebens keine Beachtung. Stattdessen häufen sich die Anachronismen und Absurditäten: Felman z.B. trinkt Schnaps aus einem Flachmann und kann mit seinem Dolch Armbrustbolzen abwehren. Kay kämpft aus irgendwelchen Gründen stets indem er sein Schwert an der Schneide festhält. Die zu Beginn gezeigten Schlachten werden allesamt unberitten geschlagen, obwohl es sich bei den Protagonisten eingestandenermaßen um Ritter handelt – Schlachtszenen lassen sich halt leichter filmen, wenn man einfach einen Haufen kostümierte Fußgänger aus zwei Richtungen aufeinander zurennen lässt. Auch die Pest wird nicht realistisch dargestellt. Die von der Seuche Befallenen sehen wie die pickel- und eiterbeulenübersähten, krummbuckligen Monster in 300 aus (oder auch einfach nur lächerlich, wenn sie zu stark ausgeleuchtet werden). Muss man all diesen Bullshit auch als Fantasy-Bestandteile akzeptieren? Wenn ja, dann ist es schlechte Fantasy.

Was gibt es sonst noch zu sagen? Die Kampfszenen sind mies, die Effekte sehen billig aus, die Ausstattung der DVD ist schlecht (nur deutsche Untertitel, die gelegentlich auch noch falsch übersetzen). Ron Perlman, eigentlich der bessere Schauspieler, kann sich neben Nicolas Cage, der den charismatischen Goodie geben soll, kaum entfalten. Perlman sagte in einem Interview zum Film übrigens tatsächlich folgendes: »Im actually more comfortable being a sidekick, because I dont get blamed if it is a complete disaster.« Was soll ich sagen? Nachdem ich den Film gesehen habe, kann ich dieser Aussage nur achselzuckend zustimmen.

Kommentare:

Eosphoros hat gesagt…

»Kay kämpft aus irgendwelchen Gründen stets indem er sein Schwert an der Schneide festhält.«
Ohne den Film gesehen zu haben – das Schwert sowohl am Heft als auch an der Schneide zu halten war in der mittelalterlichen Kampfkunkst durchaus üblich. Es gibt auf YouTube (zu faul zum Raussuchen) ein schönes Video, das Illusttrationen aus Kampfkunst-Lehrbüchern zeigt und die dargestellten Techniken nachstellt – sehr interessant, da die heutigen populären Vorstellungen natürlich ziemlich unzutreffend sind.

Anubis hat gesagt…

Okay. Im Film hält der Typ sein Schwert manchmal am Heft und an der Spitze, um Hiebe abzuwehren. Das kam mir noch ganz sinnvoll vor. Gelegentlich sieht man ihn aber auch kämpfen, indem er sein Schwert beidhändig am Heft und direkt oberhalb der Parierstange an der Klinge festhält. Gibt es so was denn auch?

Im Grunde ist das Problem mit dem Film aber, dass, wenn man all die abstrusen Einfälle nicht beachten oder als Gags wahrnehmen würde, der Film immer noch langweilig und schlecht wäre. Ich musste öfter an den 1991er Robin-Hood-Film denken, der historisch ja auch völliger Quark ist und nur so strotzt vor Anachronismen, im Grunde eher Fantasy darstellt, aber trotzdem (oder gerade deshalb) ein guter Film, weil er witzig ist und einen Schauspieler wie Alan Rickman sich richtig austoben lässt.

Fremdling hat gesagt…

Die sogenannte Fehlschärfe befindet sich in der Tat meist direkt oberhalb der Parierstange.

Unabhängig davon kann ich dir in deiner Einschätzung zum Film aber nur zustimmen. Ich hatte das meiste schon erfolgreich verdrängt, weiß aber noch, dass ich die Moral am Ende des Films auch vollkommen daneben fand. (Ich muss allerdings gestehen, dass ich nicht mehr genau weiß, wie die gelautet hat.)

Außerdem soll die Exekutionsszene am Anfang doch in "Kärnten" stattfinden, oder? Sogar in Klagenfurt oder Villach, wenn ich mich recht entsinne? Jedenfalls darfst du da sehr wohl die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, ich hab's jedenfalls getan. ^^

Anubis hat gesagt…

~ ACHTUNG SPOILER! ~

Die Moral ist in der Tat ziemlich lahm: Am Ende stellt sich heraus, dass Anna eigentlich keine Hexe ist, sondern von einem Dämon besessen. Nachdem der Film die ganze Zeit versucht, anhand der Frage, ob Anna wirklich eine Hexe bzw. ob sie tatsächlich böse ist, Spannung aufzubauen, kommt dann so eine Deus-ex-machina-Auflösung (wobei es in diesem Fall wohl Daemon ex machina heißen müsste), um die zuvor gestellte Frage nicht beantworten zu müssen.

Den Filmemacher_innen scheint nicht bewusst gewesen zu sein, dass als Hexen traditionellerweise nicht Menschen angesehen werden, die sich mit Magie auskennen, sondern ganz konkret Personen, denen man unterstellte, einen Pakt mit dem Teufel oder einem Dämon eingegangen zu sein. Ein Phänomen also, das von Besessenheit nicht sehr weit entfernt ist. Wenn das auf einen Überraschungseffekt à la »Ich wäre nie darauf gekommen, dass sie keine Hexe ist, sondern an dämonischer Besessenheit leidet! Erstaunlich!« hinauslaufen sollte, dann ist er in meinen Augen gründlich daneben gegangen...

P.S.: Danke für die Auskünfte über Schwertkampfkunst.

Reitersmann hat gesagt…

Ich glaube, der Film ist eine eingehendere Beschäftigung gar nicht wert. (Aber was, zum Tempelritter, tue ich dann gerade?)
Eigener Senf übrigens unter: http://glotzophonitis.blogspot.com/2011/09/heftroman-cover-der-letzte-tempelritter.html

Wenn man mit Definitionen und Genre-Zuweisungen operieren möchte, dann ist der Film das Produkt einer zunehmenden Vermengung von Pop-Folklore, wie man sie mit gleitenden Übergängen auch auf Mittelalterfestivals findet: korrekt angedachtes Reenactment, Schaukämpfe von müden Profi-Cascadeuren, Pestumzüge von Gothics in Latex, Elfenohren aus Gummi, Legolas-Perücken, Frauen (!) in Wappenröcken, holländische Highlander, die schottische Pub-Hits im skandinavischen Metal-Modus spielen. Also irgendwie ist der "Tempelritter" da fast schon wieder authentisch.

Danke für den Hinweis mit der Steiermark. Ich war zu faul zum Nachschauen und setzte es einfach als Blödsinn voraus.

Anubis hat gesagt…

Aber ist ein solches Vermengen von Pop-Folklore nicht schon lange typisch für ein bestimmtes Koordinatensystem innerhalb der Fantasy, irgendwo zwischen Hildebrandt-Illustrationen, Terry-Brooks-Romanen und Rollenspiel-Ingredienzen? Ganz abgesehen von mit Samuraischwertern fuchtelnden Highlandern.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.