Dienstag, 10. August 2010

Tochter der Traumdiebe

Ich meine mich an ein gewisses Tuscheln erinnern zu können, als dieser Roman in deutscher Übersetzung erschien, über Moorcocks ›Fantasy, die bei den Nazis spielt‹. Viel mehr war dann aber auch nicht: Tochter der Traumdiebe erschien 2002 bei Heyne, wurde dann mit Heynes gesamtem Fantasy-Programm von Piper übernommen, wo der Roman 2005 noch einmal erschien. Beide Verlage kündigten ihn als Auftakt zu einer Trilogie an, es kam aber nie zu Übersetzungen der Folgebände The Skrayling Tree und The White Wolf’s Son. Für mich ein Zeichen, dass Fantasy im moorcockschen Stil auf dem deutschsprachigen Markt derzeit nicht viel zu melden hat. Mittlerweile ist Tochter der Traumdiebe nur noch antiquarisch verfügbar, was aber niemanden davon abhalten sollte, sich ein Exemplar zu besorgen und zu lesen. Die Handlung ist in sich abgeschlossen, so dass auch Leser_innen, die sich englische Romane nicht zutrauen, es getrost mit Tochter der Traumdiebe versuchen können. Allenfalls empfiehlt es sich, mit der Geschichte Elric von Melnibonés vertraut zu sein, um die Hintergründe der Handlung zu verstehen.

In einer kurzen Vorbemerkung behauptet Moorcock, Tochter der Traumdiebe sei ein historischer Roman. Dies kann ich allerdings nur als Ironie auffassen – was zum moorcockschen Multiversum, in dem sich Genres und Stile, E und U, Surreales und Reales frei miteinander vermischen und die reine Subversion herrscht, ja auch hervorragend passt. In diesem Roman hält Moorcock sich jedenfalls nicht mit historischen Details auf, sondern würfelt sie bunt durcheinander und haut nicht selten voll daneben, wenn er besonders authentisch klingen will. Mitunter fragt man sich, ob Moorcock sich einen Scherz erlaubt hat, vielleicht auch schlicht einer Verwechslung erlegen ist, oder ob das Lektorat etwas zu verschlafen zu Werke gegangen ist, etwa wenn SS-Schergen statt mit Walther PPKs mit Werther (sic!) PPKs herumballern. Nein, Tochter der Traumdiebe ist kein historischer Roman über den deutschen Faschismus, sondern reine Nazi-Exploitation im Fantasy-Gewand. Hier werden Nazis von halbverrückten Gottheiten gequält, mit Runenschwertern massakriert und sogar von Drachen verkohlt, dass es eine Lust ist.

Die Handlung setzt Mitte der 30er Jahre in Sachsen ein, wo der Albino Ulric (sic!), der Graf von Bek, als einsamer letzter Sprössling seiner Familie auf seinem Schloss sitzt und versucht, zu einer Widerstandsgruppe gegen die verachteten Nazis Kontakt aufzunehmen. Diese scheinen Interesse zu hegen an einigen von der Familie Bek gehüteten Artefakten. Vor allem sind sie hinter dem schwarzen Schwert (sic!) Rabenbrand her, und daneben spüren sie Legenden nach, denen zufolge die Familie Bek den Heiligen Gral beschützt. Das Schwert hat Ulric in seinem Besitz und verspürt wenig Lust, es herzugeben. Den Gral hat er jedoch nie gesehen und tut ihn als Mythos ab.* Nicht so die Nazis, die Ulric immer mehr bedrängen und ihn schließlich in ein KZ verschleppen. Dort kommt dem Grafen – als geisterhafte Erscheinung – Elric von Melniboné zu Hilfe, der jedoch in unserer Welt keine körperliche Gestalt annehmen kann und infolgedessen mit seinem alter ego Ulric verschmilzt wie weiland der drogenberauschte Allan Quatermain mit seinem steinzeitlichen Vorfahren.

Da Ulric die Handlung aus der Ich-Perspektive erzählt, ist dies ein Leckerbissen für Moorcock-Fans. Ulric verabscheut Gewalt und will die Nazis als Demokrat bekämpfen. Elric dagegen ... ist eben Elric. Hin- und hergerissen zwischen seiner halbgöttlichen Herkunft als Drachenkaiser von Melniboné und seiner Sympathie für die gewöhnlichen Sterblichen, zwischen seinen moralischen Skrupeln und seiner melnibonéischen Lust an der Grausamkeit. Der Graf von Bek, der in surreal geschilderten Passagen mit Elric eins wird, schwankt zwischen Entsetzen und Bewunderung über sein zweites Ich.

Die Handlung ist, wie meist bei Moorcock, eine aberwitzige Reise zwischen Welten und Dimensionen. Zwischen Tanelorn, deutschen Kleinstädten und den Drachenhöhlen von Melniboné liegt manchmal nur ein Traum. Überwiegend spielt Tochter der Traumdiebe aber in Deutschland, in dem fiktiven mitteleuropäischen Kleinstaat Waldenstein und in der unterirdischen Welt Mittelmark. Der Fürst von Waldenstein, Paul Gaynor St. Odhran Badehoff-Krasny von Minct, ist der große Bösewicht der Geschichte, wie Kenner_innen an seinem Namen unschwer bemerken werden. Paul von Minct ist ein Mussolini-Bewunderer und Nihilist, den seine Gier nach der Leere der Macht zum Nazi-Kollaborateur werden lässt. Seine Vision der Welt ist ein aus menschlichen Knochen erbauter Palast in einer Wüste – »offensichtlich das Werk geistreicher Wesen, auch wenn es nach einer irren Grausamkeit stank«, wie Ulric bemerkt (S. 250). Mich erinnert Paul von Minct etwas an den konservativen Revolutionär und Nietzsche-Verehrer Braquemart aus Ernst Jüngers Auf den Marmorklippen – dem Urbild aller Nazi-Fantasies.

Mittelmark, ein gewaltiges, unter Deutschland gelegenes Höhlensystem, welches von den intelligenten und sympathischen Off-Moo bewohnt und gern von Reisenden aus allen möglichen Dimensionen und Epochen besucht wird, ist Moorcocks ironische Bearbeitung der sogenannten Hohlwelttheorie. Die besagt in vollem Ernst, dass wir in Wahrheit auf der Innenseite einer hohlen Erde leben, in deren Zentrum die Himmelskörper angeordnet sind, und fand in reaktionär vernebelten Weltbildern der Zwischenkriegszeit einigen Anklang. In grandioser Persiflage dieser pseudo-astronomischen Spinnerei fährt Moorcock ein barockes Ensemble auf, mit dem er seine unterirdische Welt bevölkert: Anklänge an Jules Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde, Lewis Carrolls Alice im Wunderland, an Voltaire, Coleridge und sogar an den Rattenfänger von Hameln wechseln sich ab.

Spätestens in Mittelmark stellt sich selbstverständlich heraus, dass der Konflikt zwischen Ulric/Elric und den Nazis ein weiterer Schauplatz der Auseinandersetzung zwischen Ordnung und Chaos ist, bei der nie ganz klar wird, ob die Menschen in ihm lediglich Spielfiguren höherer Mächte sind, oder ob die Menschen ihre Konflikte vermittels höherer Mächte austragen. Preisfrage: Auf welcher Seite stehen wohl die Nazis, Ordnung oder Chaos? Hach, es macht einfach Spaß, Moorcock zu lesen ...

Tochter der Traumdiebe (412 Seiten), im Original The Dreamthief’s Daughter, erschien 2005 im Piper-Verlag. Die Übersetzung stammt von Jürgen Langowski.

* Was es mit Ulrics Familiengeschichte und dem Gral auf sich hat, erfährt man in einer Reihe von Romanen und Erzählungen Moorcocks, der sogenannten Von Bek Sequence.

Kommentare:

Reitersmann hat gesagt…

Hach, wie erfreulich, dass sich noch mal jemand diesem Wonneproppen widmet. Wo die Nazis stehen? Natürlich auf Seiten der ... psst, nicht verraten.
"The White Wolf's Son" ist dann summa scientia und hätte auch zwingend auf den Markt gemusst. Der überbordendste aller Ewiger-Held-Romane. Schade, aber vielleicht später irgendwann mal.

Anubis hat gesagt…

Tochter der Traumdiebe (eigentlich müsste es ›Die Tochter der Traumdiebin‹ heißen, muss ich als Titelübersetzungsgeschmäckler bei dieser Gelegenheit anmerken) fristet ja schon seit einiger Zeit ein unwürdiges Dasein auf Ramsch- und Wühltischen, deshalb wollte ich ein wenig die Werbetrommel rühren.

Die beiden Fortsetzungen habe ich noch gar nicht gelesen. Muss nachgeholt werden.

Michael hat gesagt…

Hallo, bin über eine deiner Gastrezensionen auf dem DystopischeLiteratur-Blog hierher gelangt, und hab gleich dieses wie ich finde sehr interessante Buch entdeckt. Hab es (natürlich) noch nicht gelesen, wollte nur in Sachen Hohlwelt-Theorie anmerken, dass es da noch eine etwas interessantere zweite Variante gibt, nämlich die, dass wir zwar aussen wohnen, IN der Erde aber eine Art Urrasse wohnt, von der wir alle abstammen. Diverse Ausgänge führen nach oben, zum Beispiel zu den Polen, aber auch nach Tibet, und angeblich dienten diverse Nachforschungen der Nazis (siehe "7 Jahre in Tibet") der Erkundung dieses Mythos, zur Untermauerung/Bestätigung ihrer Rassentheorien. Abwegig, faszinierend und irgendwas dazwischen. Jedenfalls - danke für ein weiteres Highlight für meine Amazon-Wunschliste ...

Anubis hat gesagt…

Hallo Michael,

guter Hinweis, ja. Im Grunde präsentiert Moorcock ein Szenario, wie du es beschreibst, mit den Off-Moo als im Erdinneren lebender, den Menschen überlegener Spezies.

Interessant finde ich diese Variante, also realiter die unterirdisch in den Bergen Tibets schlummernde Superrasse, vor allem deshalb, weil sie noch in der deutschen Nachkriegs-SF (W.D. Rohr) verarbeitet und bis heute in der pseudohistorischen Fantasy (Peter Berlings Kelim der Prinzessin) ihr Unwesen treibt. Und manchmal drängt sich mir die Frage auf, ob die gegenwärtige Dalai-Lama-Verehrung nicht in einer gewissen historischen Kontinuität zu den Tibet-Delirien der Nazis und Völkischen steht.

Viel Spaß jedenfalls mit Tochter der Traumdiebe. War mir ein Genuss. Die Fortsetzung The Skrayling Tree leider nicht in gleichem Maße, aber vielleicht wird es mit dem dritten Band ja wieder besser (Reitersmanns Wort in Gottes Ohr).

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.