Montag, 21. September 2015

Puppies im Radio, auch zum Downloaden

Gestern abend gab es ein wenig Konfusion um die Radiosendung, für die ich interviewt wurde. Die Sendezeit war doch nicht 18–20 Uhr, sondern 19–21 Uhr. Das lag wohl daran, dass gestern auf Radio F.R.E.I. eine Sondersendung über Häuserkämpfe in Freiburg lief. Jedenfalls gibt es das Interview weiterhin zu hören, und zwar hier. Wer möchte, kann das Interview auch per CC-Lizenz weiterverwenden.

Vielen Dank noch mal an Juliane, die das möglich gemacht hat!

Sonntag, 20. September 2015

Kulturkampf – nicht nur um imaginäre Länder

Juliane von Radio F.R.E.I. hat mich zum Puppygate befragt. Das Interview wird heute abend in der Kultursendung F.R.E.I.stil (18–20 Uhr) per Livestream zu hören sein. Radio F.R.E.I. ist – der Name sagt es – ein freier, nichtkommerzieller Sender aus Erfurt (F.R.E.I. = Freies Radio Erfurt International) und 1990 als eines der ersten freien Radios der DDR entstanden. Juliane schreibt auf ihrem Blog Spinner*innen, was sie dazu bewogen hat, sich kritisch mit der Welpenplage in unserem Genre auseinanderzusetzen.

Mir hat die Sache großen Spaß gemacht. Ich war noch nie im Radio zu hören und bin gespannt auf die Sendung. Übrigens: Wer wissen möchte, warum ich in den letzten Monaten wenig bis gar nicht gebloggt habe, muss das Interview bis ganz zum Schluss anhören!

Donnerstag, 28. Mai 2015

RoboCop 2014

Mark Bould hat eine sehr übersichtliche Rezension zu José Padilhas RoboCop geschrieben: “[T]he very best thing is that in the tagline at the top of the poster, very first word, they spelt ‘cinema’ wrong…” Die Tagline lautet:


Ich fasse mich noch kürzer: Schnitte man die Szenen mit Samuel L. Jackson als rechter Pundit zusammen, bekäme man eine nette Politsatire.

Mittwoch, 20. Mai 2015

Carl Amery: Bibliographie

Ziel ist, eine möglichst vollständige Bibliographie von Carl Amery zu erstellen. Wird deshalb immer mal wieder ergänzt werden. Für Hinweise bin ich dankbar.

Satiren

  • Der Wettbewerb. Roman, Nymphenburger, München 1954.
  • Die große deutsche Tour. Heiterer Roman, Nymphenburger, München 1958.
  • Die starke Position oder Ganz normale MAMUs. Acht Satiren, List, München 1985.

Phantastische Romane

  • Das Königsprojekt. Roman, Piper, München/Zürich 1974.
  • Der Untergang der Stadt Passau. Science-Fiction-Roman, Heyne, München 1975.
  • An den Feuern der Leyermark. Roman, Nymphenburger, München 1979.
  • Die Wallfahrer. Roman, List, München 1986.
  • Das Geheimnis der Krypta. Roman, List, München 1990.

Erzählungen und Kurzgeschichten

  • Im Namen Allahs des Allbarmherzigen, in: Peter Wilfert (Hg.), Tor zu den Sternen, Goldmann, München 1981, 168–178.
  • Nur einen Sommer gönnt Ihr Gewaltigen, in: Wolfgang Jeschke (Hg.), Science-Fiction-Jubiläums-Band. 25 Jahre Heyne Science Fiction & Fantasy 1960–1985. Das Lesebuch, Heyne, München 1985.

Essays

  • Die Kapitulation oder Deutscher Katholizismus heute. Nachwort von Heinrich Böll, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1963.
  • Fragen an Welt und Kirche. 12 Essays, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1967.
  • Das Ende der Vorsehung. Die gnadenlosen Folgen des Christentums, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1972.
  • Natur als Politik. Die ökologische Chance des Menschen, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1976.
  • Energiepolitik ohne Basis. Vom bürgerlichen Ungehorsam zur energiepolitischen Wende, Fischer, Frankfurt am Main 1978 (mit Peter Cornelius Mayer-Tasch u. Klaus Michael Meyer-Abich).
  • Marsch, zurück auf die Bäume oder Wie wir es besser machen können, Schaffstein, Dortmund 1979.
  • G.K. Chesterton oder Der Kampf gegen die Kälte (Sammlung Kerle 3), Kerle, Freiburg im Breisgau/Heidelberg 1981.
  • Lebenselemente. Feuer – Wasser – Luft – Erde, Herder, Freiburg im Breisgau u.a. 1985 (mit Günter Altner, Robert Jungk u. Jürgen Schneider).
  • Die ökologische Chance. Mit einem »Nachwort 1985«, List, München 1985 (= Das Ende der Vorsehung und Natur als Politik in einem Band).
  • Das ökologische Problem als Kulturauftrag, BIS, Oldenburg 1988.
  • Bileams Esel. Konservative Aufsätze, List, München 1991.
  • Die Botschaft des Jahrtausends. Von Leben, Tod und Würde, List, München 1994.
  • Hitler als Vorläufer. Auschwitz – der Beginn des 21. Jahrhunderts?, Luchterhand, München 1998.
  • Klimawechsel. Von der fossilen zur solaren Kultur. Ein Gespräch mit Christiane Grefe, Kunstmann, München 2001 (mit Hermann Scheer).
  • Global Exit. Die Kirchen und der Totale Markt, Luchterhand, München 2002.
  • Arbeitsteilung: Die einen sahnen ab, die anderen zahlen. Das Herz der Finsternis, auf: www.umweltdebatte.de, o.J.
  • Arbeit an der Zukunft. Essays, hg. v. Joseph Kiermeier-Debre, Luchterhand, München 2007.

Beiträge zu Sammelbänden

  • Bekennen Sie sich zu den besten Traditionen des europäischen Katholizismus! An die Deutsche Bischofskonferenz in Fulda, in: Freimut Duve u.a. (Hgg.), Briefe zur Verteidigung der Republik (rororo aktuell 4191), Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1977, 11–15.
  • Im Ernstfall verheizt. Ein Brief in den Mittleren Westen, in: Freimut Duve u.a. (Hgg.), Zuviel Pazifismus? (rororo aktuell 4846), Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1981, 67–73.
  • Voll tiefen Mitleids. Bayerische Reflexionen zur Kieler Affäre, in: Heinz Ludwig Arnold (Hg.), Vom Verlust der Scham und dem allmählichen Verschwinden der Demokratie. Über politische Kultur und Moral in der Bundesrepublik Deutschland, Steidl, Göttingen 1988, 211–216.
  • Wenn aber das Salz schal geworden ist ... Künden die Kirchen auf der Höhe der Zeit?, in: Sind die Kirchen am Ende?, Pustet, Regensburg 1995, 9–20.
  • Du voll Unendlichkeit, in: Elisabeth Schweeger/Eberhard Witt (Hgg.), Ach Deutschland, belleville, München 2000, 39–45.
  • Halt a Prophet. In memoriam Friedrich Heer, in: Richard Faber (Hg.), Offener Humanismus zwischen den Fronten des Kalten Krieges. Über den Universalhistoriker, politischen Publizisten und religiösen Essayisten Friedrich Heer, Königshausen & Neumann, Würzburg 2005, 9–11.

Beiträge zu Zeitschriften, Jahrbüchern etc.

  • »Bahros Kommunismus ist Opposition«. Offener Brief des westdeutschen Schriftstellers Carl Amery an den DDR-Philosophen Wolfgang Harich, in: Der Spiegel 26 (1978), 46–52.
  • Der Betrug an den Knaben, in: Scheidewege. Jahresschrift für skeptisches Denken 9 (1979).
  • Rote Fäden im weißblauen Labyrinth, in: Der Spiegel 27 (1980), 166–169.
  • Ist Kassandra verstummt? Wie sich Politiker und Bürger die Warner vom Leibe halten, in: Wolfgang Jeschke (Hg.), Das Science-Fiction-Jahr 3. Ein Jahrbuch für den Science-Fiction-Leser, Heyne, München 1988, 19–36.
  • Die Botschaft des Jahrtausends, in: Scheidewege. Jahresschrift für skeptisches Denken 27 (1997/98).
  • Erleben wir Wirklichkeit!, in: Der Spiegel 10 (1999), 186.
  • Heraus aus der schlechten Utopie, in: Scheidewege. Jahresschrift für skeptisches Denken 30 (2000/01).
  • Die Reichsreligion. Eine Rede an die Zivilgesesellschaft, in: Scheidewege. Jahresschrift für skeptisches Denken 33 (2003/04), 56–?.

Bavariana

  • Leb wohl, geliebtes Volk der Bayern, Bertelsmann, München 1980.
  • München (Merian-Reiseführer 3708), dtv, München 1982 (mit Marina Bohlmann-Modersohn).
  • Bayern, Bucher, München 1993 (Bildband mit Fotografien von Georg Kürzinger).

Rezensionen

  • Das innere Elend unserer Herrscher (Rezension zu Horst-Eberhard Richter, Der Gotteskomplex), in: Der Spiegel 17 (1979), 212–215.
  • Die Masken der bayerischen Seele (Rezension zu Gerhard Bauer/Helmut F. Pfanner [Hgg.], Oskar Maria Graf in seinen Briefen), in: Der Spiegel 41 (1984), 250–252.
  • Der heilige Waldschrat aus Ostpreußen (Rezension zu Siegfried Lenz, Exerzierplatz), in: Der Spiegel 37 (1985), 215–217.

Interviews

  • Annette Ramelsberger/Joachim Reimann, »Typisch bayerische Revolution«. Schriftsteller Carl Amery über die Reaktion auf das Karlsruher Kruzifix-Urteil, in: Der Spiegel 34 (1995), 40–44.

Lyrik

  • Zucker und Zimt. ff. Gereimtheiten, Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München 1972 (mit Kurt Kusenberg u. Eugen Oker).
  • Fleuves & Turbulences (Strömungen & Wirbel). Zwischenernte eines reichgeschüttelten Reimlebens, Kuckuck und Straps, München 2000 (mit Eugen Oker).

Herausgeberschaften

  • Die Provinz. Kritik einer Lebensform, Nymphenburger, München 1964.
  • Bayern, ein Rechts-Staat? Das politische Porträt eines deutschen Bundeslandes, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1974 (mit Jochen Kölsch).
  • Briefe an den Reichtum, Luchterhand, München 2005.

Donnerstag, 30. April 2015

Mythenreihe II

Im zweiten Teil meiner Mythenreihe-Reihe bespreche ich Viktor Pelewin, der sich den Mythos von Theseus und dem Minotaurus vorgenommen hat, und Olga Tokarczuk, die sich mit dem mesopotamischen Inanna-Mythos befasst.

Das menschliche Gehirn ist so etwas wie das letzte Refugium der Metaphysik in in der Gegenwart. Lässt sich irgendein Aspekt des menschlichen Verhaltens auf »das Gehirn« und seine Aktivitäten zurückführen, gilt das als Beglaubigung, die Ehrfurcht verlangen darf. Metaphysisch ist dieser Glaube ans Gehirn gerade dadurch, dass er sich selbst als ganz und gar naturwissenschaftlich versteht – und sich damit doch nur als eine Wissenschaft erweist, die nicht über sich selbst aufgeklärt ist. Die alten Griech_innen glaubten, dass sich in der Brust des Menschen ein Organ namens Thymos befinde, das von den Göttern mit Emotionen gefüllt werden könne, die dann das menschliche Handeln bestimmen.* Heute hat das Gehirn sowohl die Funktion der Götter als auch die des den göttlichen Willen übermittelnden Organs übernommen. Im alten Griechenland lehrte Thales von Milet, dass die Welt voller Gottheiten sei – jede Quelle, jeder Fluss wurde von einer Nymphe bewohnt. Unsere Welt dagegen ist entgöttert, und der einzige Ort, der uns numinose Botschaften empfangen lässt, befindet sich paradoxerweise in unserem Kopf. Was mit Feuerbach ein Stück materialistische Erkenntnis sein könnte – dass wir nämlich unverbesserliche Götterproduzentinnen sind –, ist zum szientistischen Mythos der Gegenwart geronnen: Ein Teil (das Gehirn) determiniert das Ganze (die Menschen und ihre Umwelt). Damit ist die Naturwissenschaft zum Metaphysikersatz für verwirrte Geister geworden, die sich heute in allerlei »skeptischen«, »naturalistischen« und »evolutionär-humanistischen« Zirkeln versammeln (was an sich nicht schlimm wäre, wenn nicht die selben Geister leider auch Biologie lehrten und Bücher über Atheismus schrieben). Gründlicher hat nie jemand die Verhältnisse von den Füßen auf den Kopf gestellt.

Die Definition des Mythos, auf der Der Schreckenshelm von Viktor Pelewin aufbaut, ist Teil dieser Gehirnmetaphysik, genauer gesagt, sie ist ihre Ursprungserzählung:
Wenn man sich das menschliche Denken als einen Computer vorstellt, so sind die Mythen vielleicht ihre [sic!] »shells«: Programmroutinen, denen wir folgen beim »Berechnen« der Welt; mentale Matrizes, die wir auf komplexe Ereignisse projizieren, um sie mit Bedeutung zu füllen. Computerexperten behaupten, um gute Programme zu schreiben, müsse man jung sein. Diese Regel scheint für kulturelle Codes ebenso zu gelten. Unsere Programme wurden geschrieben, als die menschliche Rasse [sic!] noch jung war – zu einem Zeitpunkt, der uns so obskur und entlegen erscheint, daß wir die Programmiersprache gar nicht mehr verstehen.
Als Shell wird normalerweise eine Schnittstelle zwischen Computer und Benutzer_in bezeichnet. Aber wenn der Mythos dem Computer (= dem Gehirn) zum Berechnen der Welt dient, wer sind dann die Benutzer_innen? Sind wir außerhalb oder innerhalb unseres Gehirns? Ist die Welt, wie wir sie wahrnehmen, ein Produkt des Gehirns? Das sind die Fragen, die Pelewin anhand der Geschichte vom Labyrinth des Minotaurus stellen will, aber schlechthin nicht beantworten kann, weil seine Definition des Mythos selbst ein Mythos ist. Und weil Pelewin es schon im Vorwort verrät, spoilere ich nicht, wenn ich es gleich sage: Sein Antwortversuch besteht darin, es sich mit der Paradoxie bequem zu machen und zu erklären: Alles findet nur in deinem Kopf statt.

Als menippeische Satire auf den Mythos vom menschlichen Gehirn käme Der Schreckenshelm ganz zur rechten Zeit. Aber weil Pelewin selber glaubt, dass wir alle passive Opfer unserer – mit schreckenerregender metaphysischer Macht ausgestatteten – grauen Zellen sind, ist es mit der Satire nicht weit her und der Ausgang des Buches erwartbar. Deshalb: Soll es um Paradoxien und Labyrinthe gehen, lese ich auch in Zukunft lieber Chesterton und Borges.

Um diese Besprechung des Schreckenshelms nicht in reiner Ablehnung enden zu lassen, will ich abschließend bemerken, dass das Buch auch einen wirklich brillanten Moment hat, nämlich folgende Parodie eines poststrukturalistischen Intellektuellen:
[Er] war Franzose, eindeutig der Klügste von allen, und sah noch dazu eindrucksvoll aus: verschlissenes Mao-Jackett, Tabakspfeife, verwuschelter Haarschopf. [...] Zuerst blickte er eine ganze Weile stumm in die Kamera und raufte sich das Haar, bevor er schließlich verkündete, er müsse wohl oder übel mit einem Allgemeinplatz beginnen. Ein grundlegendes Verdienst der modernen französischen Philosophie bestehe darin, daß es ihr erstmals gelungen sei, liberale Werte und revolutionäre Romantik in den Grenzen eines sexuell erregten Einzelbewußtseins widerspruchsfrei zu vereinen. Darauf starrte er wieder mindestens eine Minute wortlos in die Kamera, hob den Finger und erklärte im Flüsterton: Dieses Postulat, wie transparent und schlüssig es auch erscheine, sei für sich genommen bereits ein Layrinth, wie es sich unweigerlich aus jedem Gespräch mit sich selbst oder anderen ergebe, in dessen Verlauf ein jeder von uns mal Minotaurus sei und mal sein Opfer. Da könne man nichts machen. Aber dieses Nichts, fuhr er fort, das könne man machen – etwa indem man neue Begriffe einführt, umfassendere im Vergleich zum Labyrinth. So könne man zum Beispiel vom Diskurs sprechen. [...] Der Diskurs [...] sei der Ort, an dem Worte und Begriffe in die Welt kommen: Labyrinthe, Minotaurus, Theseus, Ariadne et cetera. Auch der Diskurs selbst entspringe dem Diskurs. Das Paradoxe daran sei, daß zwar alle Natur aus ihm hervorgehe, er selbst in der Natur aber nicht zu finden sei und erst seit kurzem synthetisch erzeugt werde. Eine andere tragische Dissonanz liege darin, daß der Diskurs, obzwar der Ursprung von allem und jedem, ohne staatliche oder private Förderung keine drei Tage anhalte, dann versiege er unwiderruflich. Weshalb es für eine Gesellschaft keine vordringlichere Aufgabe geben könne, als den Diskurs zu subventionieren.
Worauf eine andere Figur bemerkt: »Madonna! Wenn ich das Wort Diskurs höre, entsichere ich mein Simulakrum.« Ich muss sagen, das hätte auch Umberto Eco nicht besser hinkriegen können.

Einen ganz anderen Weg der Auseinandersetzung mit dem Mythos geht Olga Tokarczuk – oder sollte ich besser sagen, sie geht einen anderen Weg der Auseinandersetzung mit dem Mythosbegriff? Wahrscheinlich wäre das passender, denn die Reihe beruht nicht auf einer einheitlichen Definition des Mythos, auch nicht auf der, die Karen Armstrong in ihrer Kurzen Geschichte des Mythos gibt.** Tokarczuk bezieht sich zunächst auf eine Definition von Karl Kerényi: »Mythos ist die Epiphanie des Göttlichen im Sprachzentrum des menschlichen Hirns.« Das klingt, als wolle sie Armstrongs religionsphänomenologischen Mythosbegriff mit Pelewins Gehirnmetaphysik kombinieren. Gleich darauf macht Tokarczuk aber deutlich, dass sie einen anderen Weg einschlägt: »Solange wir die Götter auf ihren Reisen, Abenteuern, in ihren Metamorphosen, ihren Schöpfungen und Apokalypsen begleiten, existieren sie auch.« Mythen sind Produkte unserer Imagination, aber gleichwohl sehr real. Damit die Götter existieren können, muss von ihnen erzählt werden. Das ist der Unterschied zwischen Tokarczuks Auffassung und denjenigen von Armstrong und Pelewin: dem Erzählen kommt das logische und historische Primat zu. Es mag sein, dass Mythen – darunter sind in diesem Fall mal sagen-, mal märchenhafte Geschichten von Göttinnen und Helden zu verstehen – geglaubt wurden, aber zuvor mussten sie erst einmal erzählt werden. Ähnlich sah es übrigens Walter Benjamin:
Man würde irren mit der Annahme, was die ältesten Geschichten der Menschheit an Zaubermären, Fabelgut, Verwandlungen und Geisterwirken enthielten, sei nichts als der Niederschlag ältester, religiöser Vorstellungen. Gewiß sind Odyssee und Ilias, sind die Märchen der 1001 Nacht gleichsam Stoffe gewesen, die nur erzählt wurden; genauso wahr aber ist der Satz, die Stoffe dieser Ilias, dieser Odyssee, dieser Märchen aus 1001 Nacht haben erst im Erzählen sich zusammengewoben. Die Erzählung hat dem ältesten Sagengute der Menschheit nicht mehr entnommen als sie ihm selber gegeben hat.
Was Tokarczuk erzählen will, ist die Geschichte der sumerischen Göttin Inanna, ihrem Abstieg in die Unterwelt und ihrer Auferstehung. Anders als die Mythenbände, die ich bisher rezensiert habe, versucht sie es mit einer straighten Nacherzählung – etwas, worauf A.S. Byatt explizit verzichtete. Byatt betont, die Geschichten der skandinavischen Mythologie könnten für ihr erwachsenes Selbst nicht die Bedeutung haben, die sie für sie als Kind im 2. Weltkrieg hatten. Tokarczuks Herangehensweise ist weniger persönlich-autobiographisch geprägt. Ihr Ausgangspunkt ist die Überzeugung, dass die Erzählung von der sterbenden und auferstehenden Gottheit die älteste Geschichte der Menschheit ist, die Geschichte aller Geschichten. Ich bin mir da nicht so sicher, denn ich glaube, dass eine solche Geschichte nur im Kontext einer ackerbauenden Gesellschaft entstanden sein kann, und die Menschen haben die längste Zeit ihres Daseins keine Landwirtschaft betrieben, sondern als Jägerinnen und Sammler gelebt. Aber Tokarczuk hat recht mit ihrer Überzeugung, dass diese Geschichte sich weiterhin erzählen lässt. Nicht nur von einem christlichen Standpunkt hat die sterbende und auferstehende Gottheit die westliche Kultur stärker geprägt hat als irgendeine andere Geschichte. An ihr zeigen sich auch die altorientalischen Wurzeln der westlichen Kultur, die oft missachtet oder vergessen werden – dabei war selbst Homer von der Gilgamesch-Erzählung beeinflusst.

Tokarczuk lässt ihren Roman nicht im historischen Uruk spielen, der Stadt Inannas, sondern in der Fantasiemetropole Ibru. Damit hat sie einen Schauplatz erfunden, der archaisch und futuristisch zugleich ist, eine Zivilisation mit ausgefeilter Technologie, deren Grundlage aber die Arbeit von Cyborg-Sklav_innen ist. Interessanterweise versteht Tokarczuk Inanna als eine Göttin, die Chaos und Kreativität in die von den drei Hauptgöttern Enlil, Enki und Nanna beherrschte, streng hierarchische Zivilisation Ibrus bringt. Erzählt wird aus der Perspektive eines Sklaven, des Torhüters der Unterwelt und Ninschuburs, der Gefährten Inannas.

Ausgesprochen lesenswert, aber mit einem kleinen Schönheitsfehler: Mir hätte es gefallen, wenn bei der Übersetzung aus dem polnischen Original darauf geachtet worden wäre, die Transkriptionen der sumerischen Namen anzupassen, also etwa aus einem sz ein sch zu machen.

Viktor Pelewins Der Schreckenshelm. Der Mythos von Theseus und dem Minotaurus (187 Seiten, Übersetzung: Andreas Tretner) erschien 2005 im Berlin Verlag und 2007 bei dtv. Olga Tokarczuks AnnaIn in den Katakomben (224 Seiten, Übersetzung: Esther Kinsky) erschien 2007 im Berlin Verlag und 2008 bei dtv.

* Der Name hat als Bezeichnung für den Thymus, einen Teil des lymphatischen Systems, überlebt.
** Siehe dazu meinen ersten Mythenreihe-Post.

Mittwoch, 22. April 2015

Gamergate/Hugogate

Den Puppies, ob traurig oder tollwütig, wird regelmäßig der Vorwurf gemacht, sie hätten die Gamergate-Bewegung aufgefordert, hordenweise ins SFF-Fandom einzufallen und die von den Puppies vorgeschlagenen Werke auf die Hugo-Nominationsliste zu hieven. Ganz unabhängig von der Frage, ob das zutrifft oder nicht, ist das eine spektakulär dumme Idee. Die Puppies nehmen für sich in Anspruch, eine populistische Bewegung gegründet zu haben, die dem ›elitären‹ Dünkel der Worldcon und des von den Worldcon-Mitgliedern vergebenen Preises ein Ende bereiten soll. Tatsächlich haben sie es geschafft, durch ihre Strategie der verbrannten Erde eine entgegengesetzte populistische Bewegung innerhalb des Fandoms entstehen zu lassen, die sich den Slogan »Gamergater und Hugo-Troller raus aus unserem Fandom!« auf die Fahnen geschrieben hat. Steven Brust bemerkte (und ich vermute, das kann als typische Reaktion auf die Puppy-Gamergate-Connection verstanden werden):
Seriously, I do not know of any other person or individual who went out and recruited a group–in this case, not by coincidence, a group of right-wing bigots–from outside the community to come in just for the purpose of driving other works off the ballot. That is over the line.
Aber noch ist zu klären, ob es wirklich zutrifft, dass die Puppies sich unter Gamergatern nach Verbündeten umgeschaut haben. Unbewiesene (und unbeweisbare) Behauptungen haben die Puppies in den letzten Wochen zur Genüge in die Welt gesetzt. Da braucht es nicht auch noch aus der Luft gegriffene Behauptungen über die Puppies.

Am naheliegendsten ist es, Vox Day zu verdächtigen. Der bezeichnet sich in der Tat als Mitgründer von Gamergate. Das mag seine Rolle zutreffend beschreiben oder auch Prahlerei sein (damit muss man bei VD immer rechnen), aber kein Zweifel besteht daran, dass er ein begeisterter Befürworter von Gamergate ist. Erst kürzlich erklärte er in typisch pathetischer Manier: »Science fiction fandom is not my family, #GamerGate is.« Kombiniert man dies mit den Tatsachen, dass Vox Day a) als Fantasy-Autor sagenhaft erfolglos ist, aber b) seine Rabid-Puppies-Fraktion beim Bloc Voting weitaus erfolgreicher war als der Hauptstrom der Sad Puppies um Larry Correia und Brad R. Torgersen – dann liegt die Vermutung nahe, dass massenhaft Gamergater und andere Kulturkrieger_innen Voxens Aufforderung gefolgt sind, seine Empfehlungsliste en bloc für den Hugo Award zu nominieren. Immerhin waren die Rabid Puppies mit ihrer Liste ungleich erfolgreicher als die Sad Puppies.

Gegenwärtig scheint den Wortführern der Sad Puppies (insbesondere Torgersen) zu dämmern, dass sie ihrem Ansehen massiven Schaden zugefügt haben, und sie versuchen auf nicht sonderlich überzeugende Weise, sich von Vox Day zu distanzieren. In dieser Situation wäre es Correia und Torgersen womöglich höchst willkommen, VD zu dem bösen Buben zu erklären, der allein den Gamergatern die Tore zum SFF-Fandom geöffnet hat. Jason Sanford meint allerdings, dass wir hier Zeug_innen eines »Guter Bulle, böser Bulle«-Spiels sind, und ich glaube, er hat recht. Torgersen und Correia mögen sich noch so gemäßigt geben und stetig behaupten, nur an ›unterhaltsamer‹ SF interessiert zu sein, aber besonders Correia treibt auch ganz andere Spielchen. Am 4. Februar rief er unter dem Titel »I Need Your Help (gathering links to SJW attacks in sci-fi for a news reporter« dazu auf, Beweise für einen angeblichen »anti-conservative bias« im Fandom zu sammeln:
I’ve been approached by a major media outlet gathering information about our little corner of the culture war. [...] They asked if I had links to blog posts, comments, etc.
I don’t keep track of most of what these people say about us. Honestly you can only get called a racist hate monger by so many crazy people before it just becomes background noise. So if you guys don’t mind, would you please post your favorites in the comments below.
Correias Fans überschlagen sich daraufhin fast vor Schadenfreude (»Should be a real career boost for the SFWA clod-hoppers.«), aber die Ausbeute ist nicht sonderlich groß. Der gute Larry daraufhin: »Anything will do.« Am 5. Februar erscheint dann der von Correia angekündigte Artikel, und das »major media outlet« stellt sich als die konservative Newssite Breitbart.com heraus. Anstelle der »many crazy people«, die Correia versprochen hatte, werden in dem Artikel nur John Scalzi, Mary Robinette Kowal, N.K. Jemisin und Jim C. Hines genannt – also die vier Namen allseits bekannten Namen, die die Puppies nur mit Schaum vor dem Maul aussprechen können (wobei ich sagen muss, dass mir schleierhaft ist, warum ausgerechnet diese vier zu den bevorzugten Hassobjekten der Welpenmeute geworden sind, ausgenommen Jemisin, in deren Fall es sich eindeutig um Rassismus handelt).

Nun stellt sich bei Erscheinen des Artikels heraus, dass der gute Larry ein klein wenig gemogelt hat. Als einer der beiden Autoren bei Breitbart.com zeichnet nämlich Milo Yiannopoulos verantwortlich. Der ist aber keineswegs auf Correia zugekommen, ganz im Gegenteil: Correia hat Yiannopoulos seine Welpentruppe als die SFF-Parallelentwicklung zu Gamergate verkauft. Auf Twitter ließ sich beobachten, wie Correia mit Yiannopoulos Kontakt aufnahm:




Correia stellte die Puppies-Kampagnen also als eine Aktion vor, die ähnliche Taktiken wie Gamergate anwendet (Cybermobbing? Doxxing?), und weckte damit sofort das Interesse von Yiannopoulos alias @Nero. Aber wer ist dieser Typ überhaupt?

Milo Yiannopoulos ist ein britischer Journalist, der zum ersten Mal 2009 von sich reden machte, als er im Vorfeld der Proteste gegen den G20-Gipfel auf Twitter verkündete, er hoffe, die Polizei werde »die Scheiße aus diesen Wichsern rausprügeln« (»beat the shit out of those wankers«). Sein Wunsch ging in Erfüllung, denn am Rande der Proteste erschlug ein Polizist den herzkranken Passanten Ian Tomlinson. Yiannopoulos entschuldigte sich hastig für seinen Tweet und behauptete, er habe nicht gewusst, dass so etwas passieren könne. 2011 gründete Yiannopoulos mit The Kernel sein eigenes Online-Magazin. Im Jahr darauf gelangte an die Öffentlichkeit, dass Yiannopoulos verschiedenen Mitarbeiter_innen des Magazins tausende Pfund für ihre Beiträge schuldete. Einem Mitarbeiter, der seine Bezahlung einforderte, drohte Yiannopoulos mit Doxxing, wie der Guardian berichtete.

Für Gamer hatte Yiannopoulos anfänglich nicht besonders viel übrig. Auf Twitter sprach er einmal von »pungent beta male bollock-scratchers and twelve-year-olds«. Sein Herz für diejenigen, die er zuvor mit so viel Häme bedacht hatte, entdeckte er 2014, als die Gamergate-Kontroverse losbrach:
It’s easy to mock video gamers as dorky loners in yellowing underpants. Indeed, in previous columns, I’ve done it myself. [...] But, the more you learn about the latest scandal in the games industry, the more you start to sympathise with the frustrated male stereotype. Because an army of sociopathic feminist programmers and campaigners, abetted by achingly politically correct American tech bloggers, are terrorising the entire community ...
Wenn es darum geht, gegen Feministinnen vom Leder zu ziehen, schließt man als fescher jungkonservativer Journalist schon mal ein Bündnis mit übelriechenden, eierkratzenden Betamännchen in vergilbten Unterhosen. (Man kann sich in etwa vorstellen, was für ein Bild Yiannopoulos von seinem neuen Verbündeten Correia hat. Ich frage mich nicht zum ersten Mal, wie diese ganzen Deppen es eigentlich miteinander aushalten.) In der Folge entwickelte Yiannopoulos sich zu einem zentralen Protagonisten von Gamergate und berichtete intensiv über die Bewegung. Ende 2014 kündigte er an, ein Buch über Gamergate schreiben zu wollen.

Ich finde das alles in mehr als einer Hinsicht aufschlussreich:
  1. Larry Correia, dem Erfinder der Puppies-Kampagnen, geht es (allen großen Worten zum Trotz) nicht um den Zustand der SFF. Er sieht das Genre einfach als seine »little corner of the culture war«.
  2. Um seinen Kulturkrieg zu führen, ist er ebenso wie Vox Day bereit, Bündnisse mit Leuten einzugehen, die sich nicht oder nur wenig für SFF interessieren.
  3. Hugogate ist kein gewöhnlicher Streit unter Nerds, der schnell aufflammt und schnell nachlässt. Wir werden weiterhin mit den Puppies zu rechnen haben. Vielleicht unter anderem Namen, vielleicht werden sich die Inhalte des concern trollings verschoben haben. Warum? »They can’t understand why they’re losing.« – Laurie Penny

Freitag, 10. April 2015

Read the Comments

CN: Violent misogynistic threats and rape apologia quoted in screenshot.

Yesterday, the Guardian ran a piece about Puppygate. In the comment section, a discussion of the opinions of Mr Theodore Beale ensued.


 The Guardian moderator weighed in with some helpful advice.


Beatus qui procul illi canulo est.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.