- Emmy Ball-Hennings, Märchen am Kamin
- Adolfo Bioy Casares, Liebesgeschichten
- Stephen King, The Dark Half
- Ders., Rose Madder
- Michael Moorcock, Am Ende der Zeit
- Ders., Die Transformation der Mavis Ming
- Matt Ruff, Set This House in Order
- Jochen Schimmang, Der schöne Vogel Phönix
- Verschiedene, Der Weltraumfriseur. Science-fiction-Erzählungen aus Polaris 3
Dienstag, 26. Februar 2013
Neuzugänge
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SUB
Mittwoch, 20. Februar 2013
Otfried Preußler (1923–2013)
Sehr traurig. Der Räuber Hotzenplotz war neben Astrid Lindgrens Mio, mein Mio gewissermaßen mein erstes Buch (das ich als Kind allerdings nicht selber gelesen, sondern vorgelesen bekommen habe). Die kolorierte Neuausgabe vom letzten Sommer habe ich zum Anlass genommen, die Hotzenplotz-Bücher endlich mal mit eigenen Augen zu lesen. Wie schön es war, der Unke im Schlosskeller erneut zu begegnen! Eine denkwürdige Leistung Preußlers, die neben seinen eigenen Büchern manchmal übersehen wird: Seine Übersetzung der ersten Bände von Lloyd Alexanders Chronicles of Prydain, die mir persönlich übrigens einen Zugang zur angloamerikanischen Fantasy jenseits von Tolkien eröffnete.
Traurig finde ich allerdings auch, dass einige den Tod Otfried Preußlers als willkommenen Anlass sehen, erneut gegen Political Correctness und angebliche Zensur vom Leder zu ziehen. Wie unpassend und respektlos.
Traurig finde ich allerdings auch, dass einige den Tod Otfried Preußlers als willkommenen Anlass sehen, erneut gegen Political Correctness und angebliche Zensur vom Leder zu ziehen. Wie unpassend und respektlos.
Samstag, 16. Februar 2013
Juan of the Dead
Alejandro Brugués’ kubanische Zombiekomödie Juan of the Dead versucht gar nicht erst, originell zu wirken. Das wäre angesichts der gegenwärtigen Schwemme von Zombiefilmen, -comics und anderen Medien mit taumelnden oder rennenden Untoten ohnehin ein ziemlich hoffnungsloses Unterfangen.* Brugués’ Film gibt deshalb lieber bereits im Titel seine Verwandtschaft mit Edgar Wrights und Simon Peggs Fast-schon-Klassiker Shaun of the Dead aus dem Jahre 2004 zu erkennen. Die Grundidee ist die gleiche: Die angreifenden Zombiehorden fallen nicht über ein US-amerikanisches Städtchen her, in dessen Nähe das Grüppchen der Überlebenden sich dann in einem Landhhaus, einer Shopping Mall, einer Militäranlage oder einem mit vergleichbarer kultureller Bedeutung versehenen Rückzugsort verschanzen kann, sondern sie werden bewusst in eine für das Genre untypische Umgebung versetzt. Doch während Shaun of the Dead ein mit britischem Humor versehener, ironisch aktualisierender Kommentar zur Genregeschichte ist, knüpft Brugués eher in der Tendenz an seine Vorbilder an – soll heißen, er versucht den Zombie als politische Metapher zu strapazieren.
Zur Story: Juan lebt in Havanna, wo er und seine Kumpels ihre Tage damit verbringen, Tourist_innen die Taschen zu leeren, Rum zu trinken, auf dem Meer zu fischen und möglichst wenig anstrengende Arbeit zu leisten. Die Kumpels, das sind Juans Tochter Camila (ihre Mutter lebt im Ausland), sein bester Freund Lázaro, dessen Sohn Vladi, die Transvestitin La China und ihr muskelbepackter Beschützer El Primo (der allerdings schon beim Anblick von Blut in Ohnmacht fällt). Als erste Zombies in den Straßen der Hauptstadt auftauchen, behauptet die kubanische Regierung, es handele sich bei den wandelnden Untoten um US-gesteuerte Dissident_innen. Für Juan ist die Zombie-Invasion dagegen eine willkommene Gelegenheit, ohne große Anstrengungen zu Geld zu kommen, indem er mit seiner Clique einen telefonisch anforderbaren Zombie-Abmurks-Service organisiert. Da sie sich dabei aber ziemlich dilettantisch anstellen, sind Juan, Lázaro & Co. bald Teil einer stetig schrumpfenden Minderheit von Überlebenden, während in Havanna die Hochhäuser einstürzen und die Straßen fast nur noch von Untoten bevölkert sind.
Das grundlegende Problem von Juan of the Dead ist, dass die Idee, Zombies als durch Regierungspropaganda gemachte Feindbilder zu zeichnen, nicht funktioniert bzw. zu inkonsequent umgesetzt wurde. Zombies sind hier (wie in den meisten Filmen) einfach nur dazu da, um massenhaft die Köpfe gespalten zu kriegen – da wir uns in der Karibik befinden, sind statt Golfschlägern und Rasenmähern in diesem Film Paddel und Macheten die Waffen der Wahl. An keiner Stelle wird deutlich, was die Figur des Zombies mit der des Dissidenten zu tun haben könnte, bzw. wie die beiden Bilder zu einer treffenden Metapher verknüpft werden könnten. Auf der anderen Seite wird auch nicht gesagt, dass es sich dabei einfach nur um eine plumpe, nicht weiter ernst zu nehmende Lüge der Regierung handelt. Diese Interpretation des Zombies-als-Dissidenten-Motivs scheint schon deshalb eher abwegig, weil Juan und seine Kumpels selber keine Ahnung haben, was es mit den Untoten auf sich haben könnte. Sie müssen sich erst von einem US-amerikanischen Pastor, der als Entwicklungshelfer auf der Karibikinsel arbeitet, erklären lassen, was Zombies sind. Diese Szene ist eine der wenigen, in denen es dem Film gelingt, wirklich sarkastisch zu sein: Schließlich sind Zombies in einem derartigen Ausmaß zu ikonenartigen Monstern der US-amerikanischen Kultur geworden, dass ihre ursprüngliche Herkunft aus der karibischen Mythologie kaum noch erkennbar ist. Die Zombies kommen in Juan of the Dead in einem ganz wörtlichen Sinne aus den USA: Eines der seltenen beeindruckenden Bilder des Films zeigt ein Heer von Untoten, das auf dem Meeresgrund von Miami kommend gen Kuba wandelt. Auch hätte die Figur des Pastors die Möglichkeit geboten, die paternalistische Blauäugigkeit nordamerikanischer Entwicklungshelfer_innen zu karikieren. Die Erklärungsversungsversuche des Pastors sind nämlich eher gut gemeint als wirklich hilfreich, da er kein Wort Spanisch spricht. Der Figur wird letztlich jedoch zu wenig Screentime eingeräumt, um aus der Szene mehr als eine nebensächliche Episode unter vielen zu machen.
Von dieser einen, nicht wirklich entfalteten Ausnahme abgesehen, ist der Humor von Juan of the Dead durchgängig lahm bis geschmacklos. Immer dann, wenn der Plot gar nichts mehr herzugeben scheint, wird auf einen Running Gag zurückgegriffen: Lázaro bringt zwischen all den Zombies regelmäßig lebende Menschen um, mal versehentlich, mal auch nicht – letzteres vor allem dann, wenn das Opfer ihm Geld schuldet und nicht zahlungsfähig ist. Zudem bekommt man im Laufe des Films so ziemlich jeden trans- und homophoben Witz unter die Nase gerieben, so dass man nicht mal mehr den Kopf darüber schüttelt, sondern nur noch angeödet ist. Jeder Versuch, den Film anhand seiner sich (wie oben dargestellt) andeutenden Möglichkeiten zu retten, wäre spätestens an diesem penetranten Schulklo-Humor gescheitert.
* Hier liegt eine bemerkenswerte Konvergenz von Form und Inhalt vor: Nicht nur die Zombies selbst treten in Massen auf, sondern auch die sie darstellenden Medienerzeugnisse.
Zur Story: Juan lebt in Havanna, wo er und seine Kumpels ihre Tage damit verbringen, Tourist_innen die Taschen zu leeren, Rum zu trinken, auf dem Meer zu fischen und möglichst wenig anstrengende Arbeit zu leisten. Die Kumpels, das sind Juans Tochter Camila (ihre Mutter lebt im Ausland), sein bester Freund Lázaro, dessen Sohn Vladi, die Transvestitin La China und ihr muskelbepackter Beschützer El Primo (der allerdings schon beim Anblick von Blut in Ohnmacht fällt). Als erste Zombies in den Straßen der Hauptstadt auftauchen, behauptet die kubanische Regierung, es handele sich bei den wandelnden Untoten um US-gesteuerte Dissident_innen. Für Juan ist die Zombie-Invasion dagegen eine willkommene Gelegenheit, ohne große Anstrengungen zu Geld zu kommen, indem er mit seiner Clique einen telefonisch anforderbaren Zombie-Abmurks-Service organisiert. Da sie sich dabei aber ziemlich dilettantisch anstellen, sind Juan, Lázaro & Co. bald Teil einer stetig schrumpfenden Minderheit von Überlebenden, während in Havanna die Hochhäuser einstürzen und die Straßen fast nur noch von Untoten bevölkert sind.
Das grundlegende Problem von Juan of the Dead ist, dass die Idee, Zombies als durch Regierungspropaganda gemachte Feindbilder zu zeichnen, nicht funktioniert bzw. zu inkonsequent umgesetzt wurde. Zombies sind hier (wie in den meisten Filmen) einfach nur dazu da, um massenhaft die Köpfe gespalten zu kriegen – da wir uns in der Karibik befinden, sind statt Golfschlägern und Rasenmähern in diesem Film Paddel und Macheten die Waffen der Wahl. An keiner Stelle wird deutlich, was die Figur des Zombies mit der des Dissidenten zu tun haben könnte, bzw. wie die beiden Bilder zu einer treffenden Metapher verknüpft werden könnten. Auf der anderen Seite wird auch nicht gesagt, dass es sich dabei einfach nur um eine plumpe, nicht weiter ernst zu nehmende Lüge der Regierung handelt. Diese Interpretation des Zombies-als-Dissidenten-Motivs scheint schon deshalb eher abwegig, weil Juan und seine Kumpels selber keine Ahnung haben, was es mit den Untoten auf sich haben könnte. Sie müssen sich erst von einem US-amerikanischen Pastor, der als Entwicklungshelfer auf der Karibikinsel arbeitet, erklären lassen, was Zombies sind. Diese Szene ist eine der wenigen, in denen es dem Film gelingt, wirklich sarkastisch zu sein: Schließlich sind Zombies in einem derartigen Ausmaß zu ikonenartigen Monstern der US-amerikanischen Kultur geworden, dass ihre ursprüngliche Herkunft aus der karibischen Mythologie kaum noch erkennbar ist. Die Zombies kommen in Juan of the Dead in einem ganz wörtlichen Sinne aus den USA: Eines der seltenen beeindruckenden Bilder des Films zeigt ein Heer von Untoten, das auf dem Meeresgrund von Miami kommend gen Kuba wandelt. Auch hätte die Figur des Pastors die Möglichkeit geboten, die paternalistische Blauäugigkeit nordamerikanischer Entwicklungshelfer_innen zu karikieren. Die Erklärungsversungsversuche des Pastors sind nämlich eher gut gemeint als wirklich hilfreich, da er kein Wort Spanisch spricht. Der Figur wird letztlich jedoch zu wenig Screentime eingeräumt, um aus der Szene mehr als eine nebensächliche Episode unter vielen zu machen.
Von dieser einen, nicht wirklich entfalteten Ausnahme abgesehen, ist der Humor von Juan of the Dead durchgängig lahm bis geschmacklos. Immer dann, wenn der Plot gar nichts mehr herzugeben scheint, wird auf einen Running Gag zurückgegriffen: Lázaro bringt zwischen all den Zombies regelmäßig lebende Menschen um, mal versehentlich, mal auch nicht – letzteres vor allem dann, wenn das Opfer ihm Geld schuldet und nicht zahlungsfähig ist. Zudem bekommt man im Laufe des Films so ziemlich jeden trans- und homophoben Witz unter die Nase gerieben, so dass man nicht mal mehr den Kopf darüber schüttelt, sondern nur noch angeödet ist. Jeder Versuch, den Film anhand seiner sich (wie oben dargestellt) andeutenden Möglichkeiten zu retten, wäre spätestens an diesem penetranten Schulklo-Humor gescheitert.
* Hier liegt eine bemerkenswerte Konvergenz von Form und Inhalt vor: Nicht nur die Zombies selbst treten in Massen auf, sondern auch die sie darstellenden Medienerzeugnisse.
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Bewegte Bilder,
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Zombies
Mittwoch, 13. Februar 2013
Neuzugänge
- J.G. Ballard, Das Reich der Sonne
- Jasper Fforde, One of Our Thursdays Is Missing
Ich habe das vage Gefühl, dass mir mindestens ein vorhergehender Band der Thursday-Next-Reihe noch fehlt. Aber egal, der hier hat im Antiquariat nur fuffzig Cent gekostet. - Alexander Grin, Purpursegel (die Ausgabe des Unionsverlags)
- Lars Gustafsson, Die Sache mit dem Hund
Wird Zeit, dass ich mir vom ollen Phantastik-ist-reaktionär-Theoretiker mal was zu Gemüte führe. - Abraham Merritt, Das Gesicht im Abgrund
- J.K. Rowling, The Tales of Beedle the Bard
- Salman Rushdie, Die satanischen Verse
- Johanna Sinisalo, Troll. Eine Liebesgeschichte
Darauf bin ich durch eine Empfehlung auf Michael Swanwicks Blog gestoßen. Sinisalo hat das Drehbuch zu Iron Sky verfasst. - Tad Williams, Tailchaser’s Song
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SUB
Mittwoch, 30. Januar 2013
Fantastik-Spezial
Die aktuelle Ausgabe des Literaturmagazins Bücher (heute erschienen) wartet mit einem »Fantastik-Spezial« (jep, in dieser Schreibweise) auf. Interessanterweise deckt sich der Begriff von »Fantastik«, den die Bücher-Redaktion verwendet, fast durchgängig mit dem, was im deutschen Sprachraum gewöhnlich unter Fantasy verstanden wird. Eine bemerkenswerte Entwicklung, wenn man bedenkt, dass die deutschsprachige Literaturwissenschaft sich jahrzehntelang größte Mühe gegeben hat, eine Position zu besetzen, derzufolge Fantasy nichts und Science Fiction höchstens ein bisschen was mit phantastischer Literatur zu tun hat. Bücher interessiert sich allem Anschein nach wenig für die akademische Phantastikdefinitionsdebatte vergangener Jahre – den Geisteswissenschaftler_innen unter uns könnte das eine Idee von der Wirkmächtigkeit unserer Kategorien und Konzepte vermitteln. Mir gefällt die Art und Weise, wie Bücher von »Fantastik« redet, ja ganz gut, weil ich finde, dass der Phantastikbegriff damit wieder dort ankommt, wo er in meinen Augen hingehört: In jenem weiten Raum der Literatur, der im englischen Sprachgebrauch – ja, genau – gemeinhin als Fantasy bezeichnet wird und längst nicht nur die epische Fantasy der Post-Tolkien-Ära umfasst. Witzig ist die Sache auch deshalb, weil Bücher vor exakt vier Jahren ein (wie es damals noch hieß) »Fantasy-Special« brachte.*
Darüber hinaus bietet das Fantastik-Spezial für mich als Genrefan allerdings wenig Neues. Es gibt Feld-, Wald- und Wiesendefinitionen von Urban Fantasy und anderen Subgenres, dazu einige Bemerkungen zu als repräsentativ angesehen Titeln, Rezensionen und drei Interviews, von denen die mit Benjamin Lacombe und Zoran Drvenkar zu den interessantesten Inhalten zählen. Zielgruppe dürfte ein Mainstream-Publikum sein, das eher sporadisch zu Fantasy und verwandter Lektüre greift und dem man beibringen möchte, dass es mehr gibt als nur Tolkien-Epigonen und Glitzervampire.
* Wobei ich nicht die Hand dafür ins Feuer legen würde, dass es sich damals tatsächlich noch um ein Special handelte und nicht wie heute um ein eingedeutschtes Spezial. Verbürgt ist aber, dass in der Ausgabe 2/2009 das Wort der Wahl Fantasy und nicht Fantastik war.
Darüber hinaus bietet das Fantastik-Spezial für mich als Genrefan allerdings wenig Neues. Es gibt Feld-, Wald- und Wiesendefinitionen von Urban Fantasy und anderen Subgenres, dazu einige Bemerkungen zu als repräsentativ angesehen Titeln, Rezensionen und drei Interviews, von denen die mit Benjamin Lacombe und Zoran Drvenkar zu den interessantesten Inhalten zählen. Zielgruppe dürfte ein Mainstream-Publikum sein, das eher sporadisch zu Fantasy und verwandter Lektüre greift und dem man beibringen möchte, dass es mehr gibt als nur Tolkien-Epigonen und Glitzervampire.
* Wobei ich nicht die Hand dafür ins Feuer legen würde, dass es sich damals tatsächlich noch um ein Special handelte und nicht wie heute um ein eingedeutschtes Spezial. Verbürgt ist aber, dass in der Ausgabe 2/2009 das Wort der Wahl Fantasy und nicht Fantastik war.
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Phantastik in den Medien
Mittwoch, 23. Januar 2013
Links vom Gutmenschen
Trigger-Warnung: Die mit Kreuzchen versehenen Links führen zu einem Diskussionsthread, in dem rassistische Sprache verwendet wird.
Der Tiefstpunkt einer Debatte, die an sich schon einen Tiefpunkt darstellt, ist für mich Jan Fleischhauers Kolumne »Auf dem Weg zur Trottelsprache«.* Natürlich meint der Titel nicht, dass der Kolumnist selber mit starr nach vorne gerichteten Blick auf diesem Weg marschiert. Tut er zwar (sofern ich mein Verständnis, was ein Trottel ist, zugrundelege), aber natürlich ist die Verschwörung linker Gutmenschen gemeint, die uns alle mit Hilfe ihrer Sprachpolitik gefügig machen wollen. Dennoch lässt sich der Titel im Sinne einer Freudschen Fehlleistung lesen, denn Fleischhauers Text, der eigentlich so richtig von oben herab formuliert sein wollte, ist vom ersten bis zum letzten Satz eine weinerliche Tirade. Um seinem Klientel entgegenzukommen, nimmt Fleischhauer die Perspektive des verängstigten Kleinbürgers ein, der von der Komplexität der Welt heillos überfordert ist: Sprache verändert sich? Eine Zumutung! Und nicht mal im Ausland ist man vor Veränderungen sicher, denn auch in anderen Ländern verändert sich Sprache, und manchmal (Schock!) bevorzugen die Menschen dort andere Wörter. Fleischhauers Fazit: »Man kommt schnell in Untiefen, wenn man sich auch sprachpolitisch als Kosmopolit erweisen will.« Tja, kleiner Jan, da hilft nur eins: Zuhause bleiben und die Fresse halten.
Aber Spaß beiseite: Diese Perspektive ist eine nur Rolle, in die Fleischhauer schlüpft. Er würde sich nicht in ähnlicher Weise überfordert geben, wenn es darum ginge, dass man heute Radio (und nicht mehr Rundfunkempfänger) oder Club (und nicht mehr Tanzlokal) sagt. Hier gilt, was sich auch von der Debatte insgesamt sagen lässt: Das empörte Geschrei gegen die Überarbeitung eines Kinderbuchs wird von Weißen erhoben, die sich den Gebrauch ganz bestimmter Wörter nicht nehmen lassen wollen – nämlich rassistischer. Deutlich wird dies, wenn man sich die (allen Beteuerungen zum Trotz, dass es doch einzig und allein um die Integrität literarischer Texte gehe) inflationäre Verwendung des N-Wortes in Schlagzeilen, Foren und Social Networks vor Augen führt. Die Debatte wird genüßlich ausgenutzt, um sich in genau der Terminologie zu ergehen, deren Gebrauch die übermächtige Gutmenschen-Partei doch angeblich unter Strafe gestellt hat. So lautet nämlich der Vorwurf†: Die Gutmenschen übertünchen mit ihrer Sprachpolitik den eigenen Rassismus. Rassistisch? Ich? Nein! Die Gutmenschen, die mit ihrem PC-Wahn, die sind viel schlimmer als ich.
Vermutlich zählt auch Anubis zu den Gutmenschen, also zu jenen, die in paternalistischer Manier anderen sagen wollen, wo’s langgeht, um ihre eigene Macht auszubauen. Schließlich vertrete ich solche Positionen. Ich könnte den Standpunkt einnehmen, dass eine Debatte, in der ausgerechnet diejenigen sich als vorbildliche Antirassist_innen gerieren, die ihren Gebrauch rassistischer Sprache als ein »die Dinge offen und ehrlich beim Namen nennen« (wie derlei Plattitüden eben lauten) verharmlosen, sich ohnehin nur noch im Strudel ihrer eigenen Absurdität dreht. Aber das wäre zu einfach. Ich bin weiß und deshalb nicht vor Rassismus gefeit. Eine Forumsdiskussion zum Thema endete mit der nachahmenswerten Empfehlung†: »Mein Rat: Taucht ein in die Szene der Betroffenen und nehmt auch mal an der einen oder anderen Demo teil. Es wird euch wie Schuppen von den Augen fallen (hoffe ich jedenfalls).« Ein erster Schritt wäre, die Äußerungen von Schwarzen und People of Colour zu dieser Debatte aufmerksam zu lesen. Die blieben bislang ziemlich unbeachtet – bezeichnenderweise, wenn man an die stürmische Begeisterung denkt, die Jan Fleischhauer auf Spiegel Online und Ulrich Greiner in der Zeit entgegenschlug. Aber es gibt sie, und wer sie nicht wahrnehmen will, ist schlicht uninformiert:
Der Beitrag des Schwarzen Blogs endet mit einer Aufforderung: »Für Menschen ohne Rassismuserfahrungen: das ist vor allem Ihre Debatte. Es wird sich sicherlich lohnen, Ihre Stimme zu nutzen.« Endlich einmal denjenigen zuzuhören, die es am eigenen Leib erfahren haben, ist ein Schritt. Erkennen, dass es bei dieser Debatte um den Mist in unserem eigenen Stall geht, der notwendige nächste.
* Auf dem zweiten Platz dichtauf liegt Burkard Müller-Ullrich, dessen strunzdummen und hetzerischen Deutschlandfunk-Kommentar Anatol Stefanowitsch in diesem Podcast analysiert.
Der Tiefstpunkt einer Debatte, die an sich schon einen Tiefpunkt darstellt, ist für mich Jan Fleischhauers Kolumne »Auf dem Weg zur Trottelsprache«.* Natürlich meint der Titel nicht, dass der Kolumnist selber mit starr nach vorne gerichteten Blick auf diesem Weg marschiert. Tut er zwar (sofern ich mein Verständnis, was ein Trottel ist, zugrundelege), aber natürlich ist die Verschwörung linker Gutmenschen gemeint, die uns alle mit Hilfe ihrer Sprachpolitik gefügig machen wollen. Dennoch lässt sich der Titel im Sinne einer Freudschen Fehlleistung lesen, denn Fleischhauers Text, der eigentlich so richtig von oben herab formuliert sein wollte, ist vom ersten bis zum letzten Satz eine weinerliche Tirade. Um seinem Klientel entgegenzukommen, nimmt Fleischhauer die Perspektive des verängstigten Kleinbürgers ein, der von der Komplexität der Welt heillos überfordert ist: Sprache verändert sich? Eine Zumutung! Und nicht mal im Ausland ist man vor Veränderungen sicher, denn auch in anderen Ländern verändert sich Sprache, und manchmal (Schock!) bevorzugen die Menschen dort andere Wörter. Fleischhauers Fazit: »Man kommt schnell in Untiefen, wenn man sich auch sprachpolitisch als Kosmopolit erweisen will.« Tja, kleiner Jan, da hilft nur eins: Zuhause bleiben und die Fresse halten.
Aber Spaß beiseite: Diese Perspektive ist eine nur Rolle, in die Fleischhauer schlüpft. Er würde sich nicht in ähnlicher Weise überfordert geben, wenn es darum ginge, dass man heute Radio (und nicht mehr Rundfunkempfänger) oder Club (und nicht mehr Tanzlokal) sagt. Hier gilt, was sich auch von der Debatte insgesamt sagen lässt: Das empörte Geschrei gegen die Überarbeitung eines Kinderbuchs wird von Weißen erhoben, die sich den Gebrauch ganz bestimmter Wörter nicht nehmen lassen wollen – nämlich rassistischer. Deutlich wird dies, wenn man sich die (allen Beteuerungen zum Trotz, dass es doch einzig und allein um die Integrität literarischer Texte gehe) inflationäre Verwendung des N-Wortes in Schlagzeilen, Foren und Social Networks vor Augen führt. Die Debatte wird genüßlich ausgenutzt, um sich in genau der Terminologie zu ergehen, deren Gebrauch die übermächtige Gutmenschen-Partei doch angeblich unter Strafe gestellt hat. So lautet nämlich der Vorwurf†: Die Gutmenschen übertünchen mit ihrer Sprachpolitik den eigenen Rassismus. Rassistisch? Ich? Nein! Die Gutmenschen, die mit ihrem PC-Wahn, die sind viel schlimmer als ich.
Vermutlich zählt auch Anubis zu den Gutmenschen, also zu jenen, die in paternalistischer Manier anderen sagen wollen, wo’s langgeht, um ihre eigene Macht auszubauen. Schließlich vertrete ich solche Positionen. Ich könnte den Standpunkt einnehmen, dass eine Debatte, in der ausgerechnet diejenigen sich als vorbildliche Antirassist_innen gerieren, die ihren Gebrauch rassistischer Sprache als ein »die Dinge offen und ehrlich beim Namen nennen« (wie derlei Plattitüden eben lauten) verharmlosen, sich ohnehin nur noch im Strudel ihrer eigenen Absurdität dreht. Aber das wäre zu einfach. Ich bin weiß und deshalb nicht vor Rassismus gefeit. Eine Forumsdiskussion zum Thema endete mit der nachahmenswerten Empfehlung†: »Mein Rat: Taucht ein in die Szene der Betroffenen und nehmt auch mal an der einen oder anderen Demo teil. Es wird euch wie Schuppen von den Augen fallen (hoffe ich jedenfalls).« Ein erster Schritt wäre, die Äußerungen von Schwarzen und People of Colour zu dieser Debatte aufmerksam zu lesen. Die blieben bislang ziemlich unbeachtet – bezeichnenderweise, wenn man an die stürmische Begeisterung denkt, die Jan Fleischhauer auf Spiegel Online und Ulrich Greiner in der Zeit entgegenschlug. Aber es gibt sie, und wer sie nicht wahrnehmen will, ist schlicht uninformiert:
- Der Thienemann-Verlag wurde zu den Änderungen an der Kleinen Hexe bewegt, nachdem Mekonnen Mesghena seiner Tochter aus dem Buch vorgelesen und anschließend dem Verlag einen Brief schrieb, in dem er auf rassistische und ausschließende Begriffe in Otfried Preußlers Buch hinwies. Die Zusammenhänge werden in diesem Artikel geschildert, den ich bereits in meinem vorherigen Blogpost zum Thema verlinkt habe. Mittlerweile hat Mekonnen Mesghena einen offenen Brief an Spiegel Online verfasst, in dem er klarstellt, dass Fleischhauers Kolumne nicht nur eklig, sondern auch unaufrichtig ist: »Um der Sache eine andere politische Dimension zu verleihen, verdreht Jan Fleischhauer kurzerhand die Tatsachen, in dem er behauptet, eine Institution stünde hinter der Initiative. [...] Wenn er schreibt, so sei es der ›aktuellen Zeit (zu) entnehmen‹, dann ist dies schlichtweg gelogen.«
- Nadia Shehadeh schreibt: »Wenn man als Kind in einem Buch liest, und versteht, dass dort die eigene ›Minderwertigkeit‹ beschrieben wird, die man selber an sich nicht sieht, die man nun aber in der Fremdwahrnehmung anderer erkennt, unwiderruflich auf Papier gedruckt und damit noch mächtiger, dann setzt mit zum ersten Mal das Ohnmachtsgefühl ein, das einem noch so oft im Leben begegnen wird.«
- Simone Dede Ayivi äußert sich im Tagesspiegel über die ach so guten Gründe, an rassistischem Vokabular festzuhalten: »Angeblich brauche man es, um Rassismus zu thematisieren. Da wurde mit dem Ausstellen von Rassismus argumentiert und damit, dass man der Gesellschaft den Spiegel vorhalten wolle. Mit Gesellschaft ist dabei die weiße Mehrheitsgesellschaft gemeint. Eine Gruppe von Leuten, die sich gegenseitig irgendwelche Spiegel vorhalten wollen. [...] Diese Gruppe bleibt unter sich und definiert für sich allein, was rassistisch ist und was nicht.«
- Sabine Mohamed von der Mädchenmannschaft knüpft sich »Fleischhauers Trottelargumentation« vor: »Da findet analoges Denken auf Level Minus 100 statt. Jedenfalls wird bei Fleischhauer diskriminierende Sprache noch groß geschrieben, ist so herrlich unkompliziert.«
- Publikative.org dokumentiert einen Leserinnenbrief, den die neunjährige Ishema Kane an die Zeit geschrieben hat, und lässt auch Ishemas Mutter zu Wort kommen: »Ich sehe es nicht ein, dass mir als Mutter jetzt quasi diktiert wird, ich solle meiner Tochter ›erklären‹, dass solche Wörter früher ›normal‹ waren – und sie sich bitte schön nicht verletzt fühlen soll.«
- Der Schwarze Blog sagt:
Zur Beruhigung und Erinnerung: das Recht, Menschen rassistisch zu bezeichnen, besteht weiterhin. Es ist durch eine vernünftige Verlagsentscheidung nicht in Gefahr. [...] Was neuerdings wegfällt, und für viele Rassisten anscheinend schon unerträglich ist, ist lediglich das Recht, sich als Rassist bei 100% der Mehrheitsbevölkerung beliebt zu machen. Es sind jetzt ein paar Prozent weniger. Ebenso mausetot: das Recht, auf rassistische Handlungen keine Widerrede zu bekommen. Gut, dass sich Sprache ändert. Sprache ist ein Spiegel der Gesellschaft. Das Wort, um das es geht, war natürlich noch nie wertfrei, Arier. Kommt drüber weg, Versager (sei doch nicht so empfindlich). Und herzlich willkommen in unserem Land, liebe neue Generation mit weniger ungefragter frühkindlicher – also tiefsitzender – rassistischer Konditionierung via Kinderbuch. Vielleicht können sich unsere Kids eines Tages auf Augenhöhe begegnen, das wäre doch mal ein wirklich schönes neues Konzept.
Im gleichen Beitrag findet sich auch eine beachtenswerte Liste mit Wortmeldungen, »die sich nicht aus Angst, Hass, Rassismus und einer Fehldeutung des Begriffs ›Zensur‹ speisen«. - Mel Evil M schreibt: »Wenn Worte belanglos wären, dann könnte sich ja keine_r derer, die jetzt von Sprachpolizei rumeumeln, darüber aufregen, daß sie dafür Rassist_innen genannt werden.«
- Ein Interview, das die taz mit der Journalistin Hadija Haruna führte, zeigt, dass es geht: Man kann Rassismus thematisieren, ohne ständig in stupider Weise das N-Wort auf den Lippen zu führen.
- Dr. Mutti schreibt in einem schon etwas älteren Beitrag: »Man sieht die Szene direkt vor sich: Gemütlich sitzen da Kind und Eltern beisammen, das aufgeschlagene Buch vor sich, sie reden über Alltagsrassismus, das Kind lauscht aufmerksam den Ausführungen der Eltern mit ihren kultur- und sozialwissenschaftlichen Studienabschlüssen. Schließlich hat das Kind verstanden, es steht dem unterschwelligen Rassismus des Textes jetzt kritisch gegenüber, nun greift es wieder zum Buch und liest genussvoll weiter. Die Eltern trinken zufrieden ihren Tee und knabbern noch ein Stück fair gehandelte Schokolade. Was, unrealistisch? So geht es bei Ihnen zu Hause NICHT zu?«
- Das Fuckermothers-Blog weist darauf hin, dass man erst mal klar haben sollte, was Rassismus ist – und vor allem, wie antirassistische Weiße dagegen vorgehen können: »Eine antirassistische Haltung bedeutet nicht, eine Kerze auf einer Lichterkette anzuzünden um ›ein Zeichen zu setzen‹ und sich dabei gut zu fühlen. Sie bedeutet, eigene Weltbilder und Gewohnheiten zu hinterfragen und gegebenenfalls auf Zeichen zu verzichten. Auch wenn es weh tut.«
Was sich wie von selbst versteht, ihr selbst seid keine Rassist_innen. Werdet ihr ungebeten trotzdem so genannt, gibt es Ärger. Denn dann solidarisiert ihr Euch mit anderen Weißen. Gegenseitig schrubbt ihr Euch wieder rein und negiert Rassismus in den eigenen Reihen. Besonders perfide wird es, wenn ihr plötzlich Eure guten schwarzen Freundinnen oder Freunde aus der Schublade hervorzaubert, die das auch nicht so eng sehen. Ja, solche Zufälle soll es geben. Manchmal sagt ihr rassistische Wörter einfach aus didaktischen Gründen quasi um zu zeigen, wie es nicht gemacht werden soll. Antirassismus für Dummies. Wer es nicht versteht, ist selbst schuld. [...] Bei rassistischen Morden seid ihr schon schockiert und manchmal gibt es eine Schweigeminute oder, wie kürzlich, eine nette Feier, zu der auch die Betroffenen der NSU-Morde eingeladen werden und auf Eure Anweisung hin reden dürfen. Aber dass es schon bei Worten beginnt, das wollt ihr nicht sehen. Dass Worte Lebensrealitäten schaffen, sie uns entmenschlichen oder einfach überflüssig machen, das geht nicht in Eure weißen Köpfe. Vielleicht interessiert es Euch einfach nicht.
* Auf dem zweiten Platz dichtauf liegt Burkard Müller-Ullrich, dessen strunzdummen und hetzerischen Deutschlandfunk-Kommentar Anatol Stefanowitsch in diesem Podcast analysiert.
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Debatten,
Kinder- und Jugendliteratur
Dienstag, 22. Januar 2013
Neuzugänge
- Martin Beheim-Schwarzbach, Die Goldmacher
- Ambrose Bierce, Das Spukhaus
- Italo Calvino, Die unsichtbaren Städte
- Roald Dahl, Charlie und die Schokoladenfabrik
- Michael Ende, Die unendliche Geschichte
- Susanne Gerdom, Projekt Armageddon
- William Golding, Der Sonderbotschafter
- Elizabeth Hand, 12 Monkeys
Nach dem Drehbuch zum Film verfasster Roman. Normalerweise is so was ja nix, aber Elizabeth Hand lese ich halt ganz gern. - William Hope Hodgson, Stimme in der Nacht. Unheimliche Seegeschichten
- Zadie Smith, White Teeth
Smiths Erstling habe ich bereits in der deutschen Übersetzung gelesen. Bin neugierig, ob das Original tatsächlich so eine sprachliche Herausforderung ist, wie man mir beim Kauf versichert hat.
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Foto-Disclaimer
Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.