Donnerstag, 19. Juni 2014

Kindheit in Avalon

Triggerwarnung: Kindesmissbrauch, sexualisierte Gewalt.

Am 3. Juni erschien auf Tor.com ein Artikel, der (anlässlich ihres Geburtstags) an Marion Zimmer Bradley erinnerte, die 1999 an den Folgen eines Herzanfalls verstarb. Der Artikel erwähnte, dass sie in zweiter Ehe mit dem Fandom-Aktivisten Walter Breen verheiratet war. Was er nicht erwähnte: Walter Breen wurde 1954 wegen sexueller Belästigung von Kindern verurteilt. 1964 veröffentlichte er sein Buch Greek Love, das Päderastie in einem positiven Licht darstellte. 1990 wurde er wegen Verdachts auf Kindesmissbrauch verhaftet. Er gestand und wurde zu einer Haftstrafe verurteilt. 1993 starb er im Gefängnis.

Bradley und Breen waren 26 Jahre lang, von 1964 bis 1990, miteinander verheiratet und hatten eine Tochter und einen Sohn. 1979 trennte sich das Paar, blieb aber weiterhin in engem Kontakt, auf persönlicher wie auf geschäftlicher Ebene. 1990, nach Breens Verhaftung, reichte Bradley die Scheidung ein. Wenn das alles wäre, gäbe es nicht unbedingt einen Grund, den Missbrauch, den Breen betrieb, in einem Gedenkartikel über MZB zu erwähnen. Es ist aber nicht alles. Bradley wusste von Breens Aktivitäten. Sie deckte ihn und unterstützte ihn darin, sexuelle Beziehungen vor allem mit Jungen zu pflegen. Sie war am Veröffentlichungsprozess von Greek Love beteiligt, und das Buch ist ihr gewidmet. Sie schrieb sogar eine Art Komplementärartikel dazu, »Feminine Equivalents of Greek Love in Modern Fiction«.

Zu Beginn der sechziger Jahre war Breen eine schillernde Figur im SFF-Fandom von Berkeley, wo auch MZB später lebte. Breen war in dieser Zeit dafür bekannt, sich sogar vor den Augen ihrer Eltern an Kindern zu vergreifen. 1963–64 kam es deshalb zu einer Kontroverse, die als »Breendoggle« bekannt wurde. Das Fandom von Berkeley zerstritt sich über Breen. Während einige dafür eintraten, ihn von Fan-Aktivitäten auszuschließen, sprachen andere von Rufmord oder waren der Ansicht, ein Ausschluss aus dem Fandom sei schlimmer als Breens Übergriffe und deshalb nicht gerechtfertigt. Wie ›schlimm‹ aber waren Breens Übergriffe? Bill Donaho (ein Fan, der sich bemühte, Breens Aktivitäten ein Ende zu setzen) verfasste ein Memorandum, »The Great Breen Boondoggle or All Berkeley Is Plunged into War«, in dem er die Akte von Kindesmissbrauch, die Breen beging, detailliert schilderte. Ich zitiere aus diesem Dokument nicht, sondern sage nur, dass die Lektüre mich fassungslos gemacht hat. (Für den Link spreche ich deshalb eine besondere Triggerwarnung aus!)

Wenn ich sage, dass Walter Breen eine schillernde Figur war, so gilt das für seine gesamte Persönlichkeit. In seinem Äußeren kultivierte er eine Art Guru-Stil mit langem Bart und wallendem Haupthaar. Er trug bunte, über der Brust geöffnete Hemden und den Schlüsselanhänger seiner Studentenverbindung als Zipper am Jeansreißverschluss. (Ich muss zugeben, dass er mir allein schon deshalb wie ein ausgesprochen unangenehmer Mensch vorkommt). Breen galt als ausgeprochen intelligent und zugleich als jemand, der noch im Erwachsenenalter sehr kindliche Verhaltensweisen zeigte.* Er war eine Art Über-Nerd, bekannt nicht nur im Fandom, sondern auch als begabter Musiker und als Numismatiker (als solcher entwickelte er eine Systematik zur Katalogisierung von Münzen). Er glaubte an Reinkarnation und war überzeugt, ein früheres Leben auf Atlantis verbracht zu haben – ganz wie die Figuren aus MZBs Avalon-Romanen. Ein Besuch auf dem Glastonbury Tor (ein Ort, der allen Leser_innen von The Mists of Avalon bekannt sein dürfte) geriet ihm zum mystischen Erlebnis, mit Trancezuständen und Halluzinationen. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass viele Menschen sich von seiner Persönlichkeit in den Bann ziehen ließen. Breen stand im Ruf, eine Legende des Fandoms zu sein. Noch heute gibt es Menschen, die mit ehrfürchtiger Bewunderung von ihm sprechen. Sein jüngstes bekanntes Opfer war gerade einmal drei Jahre alt, als er es missbrauchte.

1964, als Bradley und Breen heirateten, war der »Breendoggle« noch im Gange. Breen fuhr fort, Kinder und Jugendliche zu missbrauchen. In den siebziger Jahren war MZB Mitgründerin der Künstler_innenkommune Greyhaven. Sie sammelte eine Gruppe von Autor_innen um sich, mit denen sie in quasi-familiärer Weise zusammenlebte.** Darunter sind Paul Edwin Zimmer (MZBs Bruder), Diana L. Paxson (die nach MZBs Tod den Avalon-Zyklus fortsetzte) und Elisabeth Waters (MZBs langjährige Lebensgefährtin und Sekretärin, die heute ihren Nachlass verwaltet). Nach der Trennung von MZB wohnte Breen weiterhin in einem Haus, das seiner Frau gehörte. Dort missbrauchte er seit 1985 ein Kind, das in diesem Jahr acht war. 1989 informierte Moira Greyland, Bradleys und Breens Tochter, wegen dieses Falles die Polizei. Breen wurde verhaftet und verurteilt, kam auf Bewährung frei, belästigte ein weiteres Kind und musste ins Gefängnis. 1997 wurden auch MZB und Elisabeth Waters angeklagt, als Mitwisserinnen Breens. Stephen Goldin, der Stiefvater eines der Kinder, die Breen missbraucht hatte, stellte die Aussagen, die MZB und Waters unter Eid tätigten, online. MZBs Versuche, sich zu verteidigen, sind haarsträubend. So behauptet sie einmal (laut Waters’ Aussage), Kinder an den Genitalien zu berühren, könne keine sexuelle Handlung sein, da Menschen vor der Pubertät keine erogenen Zonen hätten. Dann wieder sagt sie, sich selbst widersprechend, ein elfjähriger Junge sei in ihren Augen alt genug, um selbst zu entscheiden, ob er eine sexuelle Beziehung zu einem erwachsenen Mann eingehen wolle.

Breens Taten sind nur allzu gut dokumentiert. Als Anfang Juni der Artikel zu MZBs Ehren auf Tor.com erschien, reagierte Deirdre Saoirse Moen mit einem Blogpost, in dem sie einige besonders erschreckende Passagen aus Bradleys Aussage vor Gericht zitiert. Tor.com zog daraufhin den Artikel zurück.*** Eine Woche später erhielt Saoirsa Moen eine E-Mail von Bradleys und Breens Tochter, Moira Greyland, die sie mit Einverständnis der Absenderin veröffentlichte. Darin sagt Greyland:
It is a lot worse than that.
The first time she molested me, I was three. The last time, I was twelve, and able to walk away.
I put Walter in jail for molesting one boy. I had tried to intervene when I was 13 by telling Mother and Lisa [Waters], and they just moved him into his own apartment.
I had been living partially on couches since I was ten years old because of the out of control drugs, orgies, and constant flow of people in and out of our family “home.”
None of this should be news. Walter was a serial rapist with many, many, many victims (I named 22 to the cops) but Marion was far, far worse. She was cruel and violent, as well as completely out of her mind sexually. I am not her only victim, nor were her only victims girls.
I wish I had better news.
So erschreckend sich das anhört, es ist tatsächlich keine wirkliche Neuigkeit. Elisabeth Waters sagte an Eidesstatt aus, Moira habe ihr von dem Missbrauch durch ihre Mutter und eine Vergewaltigung durch ihren Vater erzählt. Sie sprach MZB darauf an, erhielt von ihr aber nur die oben erwähnte Aussage über die erogenen Zonen, die Kinder angeblich nicht hätten. Sie sprach auch Breen darauf an, der alles bestritt. Weiter unternahm sie nichts. Ihrer eigenen Auskunft nach erwähnte sie die Sache nie wieder. All das ist in den von Stephen Goldin zugänglich gemachten Dokumenten zu lesen.

Nun ist eine E-Mail kein Gerichtsurteil. MZB ist tot, und wenn sie nicht nur Mitwisserin, sondern auch Täterin war, wird sie niemals dafür bestraft werden. Ihre Aussage vor Gericht, die MZBs zutiefst problematisches Verhältnis zur Sexualität von Kindern offenbaren, zeigen deutlich, dass sie über keinerlei Verständnis für das Machtgefälle zwischen Kindern und Erwachsenen verfügte – oder vielleicht auch, dass sie das Machtgefälle sehr gut verstand und für Breens und ihre Zwecke auszunutzen wusste.

Erstaunlicherweise gibt es immer noch Personen, die MZB in dieser Sache in Schutz nehmen. Es scheint, als habe es sich ausgezahlt, dass sie als Bestseller-Autorin einen engen Kreis von Vertrauten um sich scharte. Schon 2000, nachdem Goldin MZBs Aussage öffentlich machte, formulierte Elisabeth Waters eine Gegendarstellung. Waters bezweifelt, dass Breen Kinder missbraucht habe, und streitet ab, dass Bradley davon gewusst haben könne. Und sie unterstellt Goldin und seiner Frau, die eigentlichen Schuldigen an den Missbrauchserfahrungen ihres Sohnes zu sein: »God only knows what the poor kid learned about sex from them.« Dieses Dokument wurde ebenfalls von Goldin veröffentlicht. Waters arbeitet für den Marion Zimmer Bradley Literary Works Trust, an den die posthumen Einkünfte aus MZBs Veröffentlichungen fließen. In dem biographischen Porträt auf den Seiten der Stiftung wird nicht einmal erwähnt, dass MZB mit Walter Breen verheiratet war. Deborah J. Ross, die MZBs Darkover-Reihe fortsetzte, schrieb zu den jüngsten Ereignissen auf Twitter: »Only half the story is being told. Please be careful about believing sensationalist rumors online.« Twitter-Formulierungen sollte man nicht auf die Goldwaage legen. Aber ich frage mich doch: Wenn das, was Goldin, Saoirsa Moen und Greyland aufgedeckt haben, die eine Hälfte der Geschichte ist – wie sieht dann erst die andere Hälfte aus?

Es gibt jetzt viele Überlegungen, wie mit MZBs Andenken, mit ihrem Werk umzugehen ist. Saoirsa Moen hat meinem Gefühl nach die treffendsten Gedanken dazu:
Many of us have been through some really dark times, and we have the pieces that spoke to our hearts that got us through those times. It genuinely gives me no joy to know that, for those whom MZB’s works were those pieces, I’ve dislodged that for them. [...] In addition to the lives she harmed, MZB’s works saved the lives of other people by speaking to them when other works and other people would not and/or did not. Truly. Rachel E. Holmen, who worked as an editor for Marion Zimmer Bradley’s Fantasy Magazine said about Marion:
When she visited cons, ten or twenty young women an hour would stop by with stories along the lines of “Your books saved my life.”
There are other writers being published now who may speak to those same hearts, but if MZB is still the author that would help them, then I think it’s important that her work be available to do so. This doesn’t diminish her very real (and very severe) failings.
Bevor Joanne K. Rowling auf der literarischen Bühne erschien, war MZB wahrscheinlich die bekannteste Autorin von Fantasy, zumindest außerhalb von Genrekreisen. Innerhalb des Genres liegt ihre Bedeutung vor allem in ihren Anthologien, die von Frauen geschriebener Sword and Sorcery größere Anerkennung verschafften. Das bleibt so, trotz aller Schuld, die sie auf sich geladen hat. Aber: Es ist momentan viel von »seperating the artist from the art« die Rede. Wir alle haben völlig zu recht gelernt, dass man Literatur nicht als Antwort auf die Frage »Was will uns der Autor damit sagen?« interpretieren kann. Aber (um ein einschlägiges Beispiel zu wählen) man kann auch nicht Lovecrafts Rassismus von seinem Werk trennen, denn dieser Rassismus findet in seinem Werk vielfältigen Ausdruck. Man kann Lovecraft weiterhin lesen und sein Werk bewundern, aber man kann angesichts von »The Horror at Red Hook« nicht so tun, als sei er kein Rassist gewesen. Ähnliches gilt in meinen Augen auch für MZB:
Ein kleines Mädchen, von Kopf bis Fuß blau bemalt, rannte mit einem großen Teller über die gepflügten Felder und besprengte die Erde mit dunklen Tropfen. Morgaine hörte ein gewaltiges Rufen, das sich hinter ihr erhob.
»Die Felder sind gesegnet! Gib uns Nahrung, Mutter!«
[...] Sie streckte die Arme aus und wußte, daß vor der Höhle im Licht der Fruchtbarkeitsfeuer Männer und Frauen, die vom schäumenden Strom des Lebens zueinander gezogen wurden, sich auf ihren Befehl vereinigten. Das kleine, blaubemalte Mädchen, das mit dem befruchtenden Blut über die Felder gelaufen war, wurde in die Arme eines alten sehnigen Jägers gelegt; Morgaine sah, wie sich die Kleine kurze Zeit wehrte, aufschrie und unter seinem Körper begraben wurde, während sich ihre Schenkel auftaten – bezwungen von der unwiderstehlichen Kraft der Natur. Morgaine sah es, ohne zu sehen. Sie schloß die Augen vor der blendenden Fackel und hörte die Schreie.
Das ist ein Ausschnitt aus einer Schlüsselszene in MZBs berühmtesten Roman Die Nebel von Avalon. Die Szene beschreibt ein Fruchtbarkeitsritual, dem Morgaine, die Heldin und Sympathieträgerin des Buches, als Priesterin vorsteht. Und sie beschreibt auf distanzierte, fast beiläufige Weise die Vergewaltigung eines Kindes, der die Heldin zusieht, ohne wirklich hinzusehen. Man ziehe daraus Schlüsse oder nicht. Wir wissen jetzt mit aller erschreckenden Klarheit, dass MZB nicht besser als die Heldin ihres Romans war. Wahrscheinlich hat sie Schlimmeres getan, als nur wegzusehen.

* Mit dem Hinweis auf sein ›kindliches‹ Verhalten will ich nicht seine Taten beschönigen – etwa nach dem Motto »Boys will be boys«. Vielmehr vermute ich, dass Breen diesen Zug seiner Persönlichkeit absichtlich stark zum Tragen brachte, um leichter Kontakt zu Kindern aufnehmen zu können.
** Siehe zu dem durchgestrichenen Satzteil meinen Follow-up-Post.
*** Saoirsa Moen äußerte zunächst Freude über die Entscheidung von Tor.com, sagte aber später, sie hätte es bevorzugt, wenn Tor.com den Artikel hätte überarbeiten lassen.

Kommentare:

Raskolnik hat gesagt…

Was mir vor allem bei der ganzen "Breendoogle" - Geschichte aufgefallen ist: Hier zeigt sich meiner Meinung nach auch die dunkle Seite einer bestimmten Form von "Bohème-Toleranz". Viele in Berkeleys Fandom scheinen in Breens Verhalten (zumindest anfangs) bloß den Ausdruck seiner exzentrischen Persönlichkeit gesehen zu haben. Sie scheinen eher amüsiert, denn erschreckt darauf reagiert zu haben. Auch war die Idee offenbar durchaus verbreitet, sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern zu verurteilen, sei möglicherweise bloß ein "bürgerliches Vorurteil" oder Ausdruck einer restriktiven, puritanischen Moral.

Anubis hat gesagt…

Das habe ich ähnlich wahrgenommen. Zu einer Bohème gehören ja auch nicht selten Kinder oder Jugendliche, die Stress mit ihrer Familie haben, ›Streuner‹ sind o.ä. Solche Kinder/Jugendliche, die mit den ›Großen‹ abhängen, sind vermutlich noch mal ganz besonders abhängig vom Wohlwollen der tonangebenden Personen. Wenn ich in Donahos Memorandum von einem zehnjährigen Missbrauchsopfer Breens lese, das zu Hause Schwierigkeiten hatte, in der Berkeleyer Szene offensichtlich sehr wenig Wohlwollen genoss und mit den Worten »Who cares what happens to the little bastard?« abgetan wurde – dann läuft es mir kalt den Rücken runter.

Der Fairness halber muss man allerdings sagen, dass in den sechziger Jahren zahlreiche bürgerliche Pädagog_innen und Psycholog_innen der Auffassung waren, sexuelle Beziehungen zu Erwachsenen riefen keine psychischen Schäden bei Kindern hervor. So kam es ja auch zu Entgleisungen wie dem Modellversuch des Westberliner Senats Ende der sechziger Jahre, in dem jugendliche Heimausreißer bei pädophilen Männern untergebracht wurden.

Frank Böhmert hat gesagt…

Danke, dass du dich des Themas annimmst. Ich finde es immer gruselig, wie wenig das in der SF/Fantasy/Wicca-Szene reflektiert wird.

Siehe zum Beispiel den deutschen Wikipedia-Eintrag: "heiratete wenige Wochen später Walter Henry Breen, einen Autor und Numismatiker, der auch zur Geschichte von Homosexualität und Päderastie forschte" ...

Anubis hat gesagt…

Ist mir auch aufgefallen. Zumindest ein Artikel über Breen wäre an der Zeit. Ich habe allerdings keinen Nerv dazu, in den kafkaesken Korridoren der deutschsprachigen Wikipedia herumzuschleichen.

P.S.: Sagt man eigentlich eine Bohème?

Heiko Langhans hat gesagt…

@Frank:
Der Zauberspiegel hat einiges geliefert - von dort habe ich das Thema auch erst aufgeschnappt und eine Diskussion im PR-Forum angeschoben.
Die scheint allerdings aus dem Rider gelaufen zu sein ...

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.