Sonntag, 6. Oktober 2013

Romance, Romantik und Fantasy (2. Teil)

Im ersten Teil dieses Blogposts habe ich – ausgehend von Christoph Hardebuschs und Markolf Hoffmanns Erwiderungen auf Frank Weinreichs These von der Geistesverwandtschaft zwischen Romantik und Fantasy – gezeigt, dass erhebliche Unklarheiten bezüglich des Problems bestehen, wie alt das Genre Fantasy ist, und ob man wirklich sagen kann, dass die Wurzeln der modernen Fantasy in der Epoche der Romantik liegen – scheint doch die Romantik irgendwie etwas sehr deutsches zu sein, während die Fantasy, wie sie von Tolkien und anderen geprägt wurde, ganz klar ein angloamerikanischer Import ist. Allem Anschein nach hat Weinreichs These eher Fragen aufgeworfen als Antworten gegeben. Im zweiten Teil des Blogposts möchte ich sie mir deshalb genauer ansehen:
Die Romantik war eine Bewegung des Aufbruchs und des Ausbruchs aus einer zunehmend rational gewordenen, aufgeklärten Welt, zurück zum Spirituellen und zur Metaphysik, zurück zum Glauben daran, dass es mehr gibt als das, was wir mit unseren Sinnen erfassen können. [...] Und genau das [...] ist es, was auch die Fantasy ganz wesentlich auszeichnet. Darin folgt Fantasy der Romantik, darin ist sie ein Kind der Romantik, der sie im Auftreten so stark ähnelt, dass man sie beinahe auch als romantische Literatur bezeichnen könnte.
So Frank Weinreich in seinem Phantastik-Couch-Artikel »Äxte am Stamm der Moderne«, der Hardebuschs und Hoffmanns Repliken herausforderte. Ich bin der Ansicht, dass sich diese These Weinreichs vor allem aus seiner eigenen Theorie der Fantasy und aus einer bestimmten Auffassung der Romantik speist. Zunächst zu letzterer.

Weinreich bezieht sich in seinem Artikel fast exklusiv auf Rüdiger Safranskis Buch Romantik. Eine deutsche Affäre. Darin unterscheidet Safranski zwischen »der Romantik« als Epoche der Literaturgeschichte und »dem Romantischen« als einer zeitenübergreifenden Geisteshaltung, die erstmals in der Epoche der Romantik aufgetreten ist, sich seitdem aber in ganz unterschiedlichen historischen Situationen bemerkbar gemacht hat. Diese Geisteshaltung ist für Safranski ein Drang zum Absoluten, der im Denken seinen Ausgang nimmt, aber nicht auf Kunst und Kultur beschränkt bleiben, sondern die ganze Welt umfassen will. Safranski – kein Literaturwissenschaftler, sondern Philosoph – findet »das Romantische« bei Schopenhauer und Nietzsche, in der bündischen Jugend und im Expressionismus, in der Lebensreformbewegung und bei Heidegger, mit dem wir bei den Nazis angelangt sind. Und damit ist auch schon klar, wo das Problem mit dieser Konzeption liegt: Das »Romantische« ist einfach Safranskis Bezeichnung für die vielfältigen Erscheinungsformen des gegen die Moderne gerichteten deutschen Irrationalismus, für all jene Bewegungen und Denkrichtungen der deutschen Geschichte, die den Willen über die Vernunft gesetzt haben und den Rausch des Absoluten der bürgerlichen Nüchternheit vorziehen.

Jegliche Trennschärfe geht dabei verloren, und wenn man Safranskis Buch zuschlägt, weiß man eines garantiert nicht: Was hat das alles mit der romantischen Literatur zu tun? Um die Antwort zu finden, muss man das Buch noch mal ganz vorne aufblättern, bevor der Autor zu seiner Tour de force über die Holzwege des deutschen Geistes ansetzt. Die Romantik, so Safranski, hat eine Entdeckung gemacht, hinter die es kein Zurück gibt: Die Autonomie des Ästhetischen. Kunst lässt sich nicht von der Ratio zähmen und unterwirft sich keinen Nützlichkeitserwägungen. Sie spielt ausschließlich nach ihren eigenen Regeln und kennt keine Kompromisse. Es folgt jedoch ein großes Aber: Leider ist die Romantik nicht dabei geblieben, sich von der Kunst bezaubern zu lassen, sondern sie unternahm den utopischen Versuch, gleich die ganze Welt zu verzaubern. So entstand die Geisteshaltung des Romantischen, die sich nie damit abfinden konnte, dass überspannte, ästhetisierende Ideen im Alltag und vor allem in der Politik nichts zu suchen haben. Die Romantik selbst hat das in ihrer längst ernüchterten Spätphase schon begriffen. Das hielt aber nachfolgende Generationen nicht davon ab, immer wieder dem Rausch des Absoluten zu verfallen und gegen den Rationalisierungsimperativ der Moderne anzukämpfen.

So weit Safranski. Weinreichs These lässt sich nun umformulieren: Das Romantische findet sich auch in der Fantasy, somit ist die Fantasy mit der Romantik verwandt. Allerdings ist das Romantische in der Fantasy nicht so gefährlich utopisch, wie Safranski es zeichnet, sondern liegt gewissermaßen in depotenzierter Form vor:
Fantasy ist nur beinahe romantische Literatur, denn in einem ganz wesentlichen Punkt unterscheidet sie sich von den geistigen Erzeugnissen der Romantik [...]. Die Dichter und Denker der Romantik glaubten, zumindest mehrheitlich und zu der Zeit als sie ihre Gedanken aufschrieben und publizierten, an die Überzeugungen, die sie ausdrückten. Und ihre Leser- und Zuhörerschaft folgte ihnen dabei: auch das Publikum glaubte an die Ideen der Romantik. [...] Dichter und Publikum waren sich einig darin, dass es sinnvoll ist, Novalis’ blaue Blume zu suchen. Dieser Glaube ist der Fantasy nicht mehr gegeben. 
Wenn man Weinreich Glauben schenkt, ist die Verwandtschaft zwischen Romantik und Fantasy eher weltanschaulicher als literarischer Natur. Sie liegt in geteilten Überzeugungen – allerdings ohne dass diese Überzeugungen in der Fantasy geglaubt würden. Spätestens jetzt muss man sich fragen, welchen Zweck es haben soll, anhand von Safranskis Begriffen eine Übereinstimmung zwischen Romantik und Fantasy zu behaupten. Das Romantische Safranskis ist das Dionysische Nietzsches, kombiniert mit ausuferndem Subjektivismus: Nicht nur Rausch und Unendlichkeit, sondern der Glaube, Rausch und Unendlichkeit willentlich herbeiführen zu können. Fehlt aber der Glaube, dann fehlt auch der Wille, und wenn der fehlt, dann bleibt von Safranskis Konzeption nichts übrig. Safranski sagt, das Romantische sei »Unbehagen an der Normalität« und »eine Ekstase der Hingabe«. In der Fantasy kann man so was haben, sagt Weinreich, ohne dass irgendwer – die Leserin, der Autor, das Werk selber – es für echt hält. Frage: Wie empfindet man unechtes Unbehagen und nicht geglaubte Ekstase?

Safranskis Theorie des Romantischen führt hier nicht weiter, weil Weinreich an Safranski vorbeiredet. Die romantische Geisteshaltung, wie Safranski sie definiert, ist keine literarische Kategorie und taugt deshalb nicht dafür, Gemeinsamkeiten zwischen Romantik und Fantasy als Literatur ausfindig zu machen. Es mag ja sein, dass diejenigen, die vom Romantischen à la Safranski erfüllt sind, auch heute noch den Baum der Moderne mit Axthieben traktieren (um Weinreichs Titel-Metapher aufzugreifen). Aber den durchschnittlichen Leser_innen von Fantasy fehlt nicht nur der Glaube ans Axtschwingen, sie halten auch gar keine Axt in der Hand, und deshalb macht ein Vergleich auf dieser Ebene keinen Sinn – jedenfalls dann nicht, wenn es darum gehen soll, Übereinstimmungen festzustellen.

Ich gehe zum nächsten Punkt über: Weinreichs Auffassung von Fantasy. Wie kommt es überhaupt, dass Weinreich im Zusammenhang mit Fantasy solche großen Worte wie Metaphysisches, Spirituelles, Glaube an mehr »als das, was wir mit unseren Sinnen erfassen können« einfallen?

Wie bereits angedeutet, hängt das vor allem mit der funktionalen Definition von Fantasy zusammen, die Weinreich in seinen Veröffentlichungen zum Genre vertritt. In »Äxte am Stamm der Moderne« sagt Weinreich bündig: »Fantasy, das sind nicht geglaubte Mythen.« Diese Aussage impliziert, dass Fantasyliteratur irgendetwas enthält, woran früher einmal geglaubt wurde, heute aber nicht mehr. Weinreich benutzt dafür eine ganze Reihe von Bezeichnungen, die zudem unterschiedlichen Wissensgebieten entnommen sind, z.B. der Philosophie (Metaphysik) und der Religion (Spiritualität, Glaube).* Insbesondere meint Weinreich, dass der Glaube, der der Fantasy abhanden gekommen sein soll, der Romantik noch weitgehend zu eigen war: »Die Romantik bediente sich des Mythos, des mythischen Denkens und der mythischen Überlieferungen und glaubte zumindest teilweise an ihre Wahrheit.«

Angesichts der terminologischen Unklarheiten ist nicht ganz einfach herauszufinden, was Weinreich an dieser Stelle eigentlich meint. Hier also mein Versuch, den Knoten aufzudröseln: Weinreich hat recht, wenn er sagt, dass die Romantik sehr am mythischen Denken interessiert war. In der Tat bestand einer der großen romantischen Beiträge zur Ästhetik darin, dass sie die schöpferischen Möglichkeiten der Einbildungskraft stark machte. Die menschliche Einbildungskraft (man könnte auch sagen: die Phantasie) ist in der Lage, sich rein imaginäre Dinge vorzustellen – magische Wesen, surreale Geschehnisse, auf dem Kopf stehende Welten. Vorstellungen dieser Art lassen sich durchaus als Mythen bezeichnen, im Sinne des griechischen Wortes μῦθος, das eine fiktive, sagenhafte oder unglaubwürdige Geschichte bezeichnet. Die Fähigkeit, solche Vorstellungen zu entwickeln macht das Schreiben von Fantasy zuallererst möglich, und es ist in diesem Zusammenhang von einiger Bedeutung, dass als erster der englische Romantiker Samuel Taylor Coleridge das Erfinden und Beschreiben des rein Imaginären zu einem zentralen Problem der Poetik gemacht hat. Auf Coleridge bezieht sich Tolkien in seinem Essay »On Fairy-Stories«, dem wohl wichtigsten Beitrag zu einer Theorie der Fantasy. Damit wäre eine erste Verbindung zwischen Romantik und Fantasy festgestellt: Die romantische Ästhetik hat wichtige theoretische Einsichten in die Bedingungen geliefert, die Fantasy als Literaturform möglich machen (mehr dazu im dritten Teil).

In diesem Sinne kann man sagen, dass die Romantik an die Wahrheit des mythischen Denkens glaubte. Präziser ausgedrückt glaubte die Romantik, dass Mythopoeia (wie Tolkien das Erfinden rein imaginärer Dinge bezeichnete) eine wichtige menschliche Fähigkeit und Voraussetzung aller Literatur ist. Etwas anderes wäre es, Weinreichs Aussage so zu lesen, als ob die Romantik daran glaubte, den Inhalten des mythischen Denkens käme auch außerliterarische Realität zu – als hätte E.T.A. Hoffmann z.B. an die wirkliche Existenz der Elementargeister, die er sich für seine Erzählung Der goldne Topf ausdachte, geglaubt. Allein die Annahme klingt ziemlich überspannt. Und doch: Wenn Weinreich sagt, Fantasy sei »nicht geglaubte Mythen«, dann ist das doch jedenfalls so zu verstehen, dass (vernünftigerweise) weder die Autorin noch der Leser eines beliebigen Werks der modernen Fantasy, in dem Elementargeister vorkommen, an die Existenz derselben glaubt. Als zentralen Unterschied zwischen Fantasy und Romantik sieht Weinreich aber, dass die letztere »zumindest teilweise« an die Wahrheit der Mythen glaubte. Was bei Weinreichs Formulierungen nicht ausreichend klar wird, ist, dass der »Glaube« der Romantik an das mythische Denken keineswegs das abergläubische Äquivalent zu den nicht geglaubten Mythen der heutigen Fantasy ist (auch dazu mehr im dritten Teil).

Im Hintergrund von Weinreichs Überlegungen steht die berühmte These von der Entzauberung der Welt, die der Soziologe Max Weber aufgestellt hat. Damit ist die tiefgreifende Veränderung gemeint, die die stetig zunehmende gesellschaftliche Bedeutung von Technik und Wissenschaft mit sich bringt: Waren die Menschen früher überzeugt, dass die Natur sich durch Anwendung magischer Mittel beherrschen ließe, wird dieser Glaube zunehmend durch einen anderen ersetzt, nämlich die Beherrschung der Natur durch »technische Mittel und Berechnung«, wie Weber sagt. Oft wird diese These mit der Annahme verbunden, dass dem Menschen durch die Entzauberung etwas verloren ginge, denn Magie ist nicht nur ein Mittel zur Naturbeherrschung, sondern vermag (anders als die Technik) den Menschen auch emotional zu binden. Hier kommt Weinreich zufolge die Fantasy ins Spiel. Sie enthält jede Menge Magie, an die die Leser_innen natürlich nicht glauben – von der sie aber wenigstens für die Dauer der Lektüre träumen können. Die verzauberten fiktiven Welten der Fantasy kompensieren die Leser_innen zeitweilig für die entzauberte reale Welt. In diesem Kompensationsvorgang sieht Weinreich die Funktion der Fantasy in der gegenwärtigen Gesellschaft.

Das ist eine starke These, die einiges für sich hat. Sie greift das auf, was der Fantasy regelmäßig zum Vorwurf gemacht wird – dass sie eskapistisch sei –, und behauptet, gerade die temporären Fluchtangebote aus der entzauberten Welt seien es, die die Fantasy so nützlich machten. Fantasy ist gewissermaßen eine kleine Entschädigung für das große Verlustgefühl, das die Menschen in der entzauberten Welt erleben. Dabei sind die Fluchtangebote der Fantasy im Grunde harmlos, denn die Menschen fliehen ja nicht wirklich, sondern ziehen sich nur augenblicksweise zum Träumen zwischen zwei Buchdeckel zurück. Doch die Stärke von Weinreichs These ist gleichzeitig ihre Schwäche, denn es ist überhaupt nicht ausgemacht, ob Fantasy für die Mehrzahl der Leser_innen wirklich die Funktion hat, sie durch Eskapismus für die Ödnis des Alltags zu entschädigen (und sie gerade durch diese vermeintliche Flucht zu integrieren, denn wer von einem besseren Leben nur in Büchern träumt, passt sich vielleicht umso besser in die bestehenden Verhältnisse ein). Das herauszufinden, wäre die Aufgabe einer gesellschaftskritischen Literatur- und Kultursoziologie, aber die hat sich jahrzehntelang darüber gestritten, ob die Lektüre von Märchen, Fantasy und Horrorgeschichten (oder andere Genres der sogenannten Unterhaltungsliteratur) die Menschen passiv oder widerständig macht, ohne dass sie zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen wäre.

Aber mal angenommen, Weinreich hätte recht mit seiner Beschreibung der Fantasy als Literatur, die für die Entzauberung der Welt kompensiert. Dafür hätte sie von Seiten der Romantik sicherlich einigen Widerspruch erhalten. Denn die romantische Bewegung war durch und durch antikompensatorisch eingestellt. Weinreich selbst bestätigt das: »[D]ie Romantik war auch eine Bewegung des Neuanfangs, geboren aus der Erfahrung der französischen Revolution. Denn der Sturz der absoluten französischen Monarchie war in gewisser Weise herbeigeschrieben worden; Dichter und Denker gehörten zu ihren Protagonisten. Damit war der Beweis erbracht, dass Denken und Schreiben die Welt verändern können.« So lässt sich in der Tat das Programm der deutschen Frühromantik und insbesondere ihres herausragenden Kopfes Friedrich Schlegel beschreiben. Das romantische Denken war nicht kompensatorisch, sondern synästhetisch: Was die Französische Revolution im politischen Bereich bedeutete, das war Schlegel zufolge die Subjektphilosophie Kants und Fichtes im Bereich der Wissenschaft. Zu diesen politischen und wissenschaftlichen Revolutionen musste es auch eine Entsprechung im Bereich der Kunst geben, eine Revolution der Poetik und der Phantasie. Diese dritte Revolution durchzuführen, sahen die romantischen Schriftsteller_innen als ihre Aufgabe an. Literatur war für sie keine Sonntagsbeschäftigung, sondern stand in einem radikalen Gegensatz zum bürgerlichen Kulturverständnis. Die programmatische Forderung der Romantik lässt sich insofern nicht nur als Aufruf zur Wiederverzauberung der Welt (den man durchaus kritisieren kann) verstehen, sondern auch als Versuch zur Befreiung der Phantasie von allen Fesseln, die ihr in der bürgerlichen Gesellschaft angelegt werden.

Der zweite Teil meines Blogposts hat also zu folgenden Ergebnissen geführt: Rüdiger Safranskis Konzeption des Romantischen als Geisteshaltung ist nicht gerade hilfreich, wenn es um Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Romantik und Fantasy geht, weil er nur wenig mit Literatur zu tun hat. Auf der anderen Seite hat sich gezeigt, dass Frank Weinreichs auf Webers Theorem von der Entzauberung der Welt basierende Definition der Fantasy eher im Gegensatz zur Literaturkonzeption der deutschen Frühromantik steht. Aber vielleicht hätten die Romantiker_innen die Fantasy (die es um 1800 herum in ihrer heutigen Form natürlich noch nicht gab) gar nicht so gesehen, wie Weinreich das tut? Im dritten Teil soll es um die literaturgeschichtlichen Ursprünge der Fantasy im 18. und 19. Jahrhundert und ihre Beziehungen zur Romantik gehen, wie ich sie sehen würde.

* Dabei passiert es mitunter, dass ihm die Begriffe »transzendent« und »transzendental«, die sehr Unterschiedliches meinen, durcheinander geraten.

Literatur:
  • Safranski, Rüdiger, Romantik. Eine deutsche Affäre, München/Wien 2007.
  • Schlegel, Friedrich, Kritische und theoretische Schriften, Stuttgart 1978.
  • Tolkien, John Ronald Reuel, Tree and Leaf, London 2001.
  • Weber, Max, Wissenschaft als Beruf, Stuttgart 2013.
  • Weinreich, Frank, Fantasy. Einführung, Essen 2007.

Kommentare:

JL hat gesagt…

Ich habe Schwierigkeiten, philosophisch auf gleichem Niveau zu argumentieren, auch fehlt mir vielleicht ebenso die Trennschärfe zwischen einigen verwandten Begrifflichkeiten. Aber zwei Anmerkungen: Zum einen war es schon Tolkien selbst, der in »On Fairy-Stories« die Wirklichkeit mit einem Gefängnis verglich, dem zu entfliehen geradezu die Pflicht des mündigen Lesers sei. Natürlich ist das aber wieder eine extra-diegetische Sichtweise: Was der Leser (oder auch der Autor) nun tatsächlich bezweckt, hinter sich lassen oder wiederverzaubern will, läuft allzu häufig auf Rätselraten hinaus.

Zum anderen, da ich selbst von der Klage auf verlorene, bessere Welten sprach (ohne mich dabei gezielt auf Weber zu beziehen, der eine meiner vielen akademischen Leerstellen markiert): Ich würde die Wiederverzauberung der Welt, die der Fantasy ein Ansinnen ist, eher intradiegetisch verorten. Es sind die Figuren, die die Magie auf die Welt zurückholen wollen, seien es die gefrusteten Traumreisenden Lovecrafts oder unser generischer Königssohn-auf-Queste. Häufig sind sie damit nicht erfolgreich, segeln am Ende dann aber selbst in den Sonnenuntergang einer besseren Welt (so wie Frodo). Das Rad der Zeit kann nicht immer zurückgedreht werden, aber der Versuch zumindest der Heilung einer im Inneren erkrankten Welt ist sehr häufig zentrales Thema.

Dass weder Leser noch Autor an eine solche Option wirklich "glauben", da bin ich mit Weinreich und anderen d'accord. Es ist das Vorrecht -- und das Besondere der Fantasy -- Geschichten zu erzählen, obwohl sie nicht nur nicht wahr, sondern nach Realitätsverständnis von Autor und Leser auch gar nicht möglich sind. Was für einem Zweck oder welcher Art ästhetischer Befriedigung das dann dient, sei dahingestellt.

Anubis hat gesagt…

»Zum einen war es schon Tolkien selbst, der in »On Fairy-Stories« die Wirklichkeit mit einem Gefängnis verglich, dem zu entfliehen geradezu die Pflicht des mündigen Lesers sei. Natürlich ist das aber wieder eine extra-diegetische Sichtweise: Was der Leser (oder auch der Autor) nun tatsächlich bezweckt, hinter sich lassen oder wiederverzaubern will, läuft allzu häufig auf Rätselraten hinaus.

Zum anderen [...]: Ich würde die Wiederverzauberung der Welt, die der Fantasy ein Ansinnen ist, eher intradiegetisch verorten. Es sind die Figuren, die die Magie auf die Welt zurückholen wollen, seien es die gefrusteten Traumreisenden Lovecrafts oder unser generischer Königssohn-auf-Queste.«

Volle Zustimmung. Ich glaube, die Unschärfe kommt bei Weinreich vor allem daher, dass der »Glaube« der Romantik extradiegetisch zu verorten ist, während die »nicht geglaubten Mythen« der Fantasy Teil der Diegese sind. Beides steht von vornherein nicht auf einer Ebene, und Weinreichs Vergleich ist daher asymmetrisch.

Interessanterweise könnte man argumentieren, dass eine ganze Reihe von bedeutenden Fantasyautoren des 20. Jahrhunderts ästhetisch-politische Überzeugungen vertrat, die stark »romantisch« aufgeladen waren. Wenn Tolkien in einem Brief schrieb, er wünsche sich einen König, der seine Minister feuern könne, wenn ihm der Schnitt ihrer Hosen nicht gefiele, dann klingt das wie dem Farmer Giles entnommen, aber es war seine eigene Überzeugung, der Tolkien damit Ausdruck verlieh. Flucht im Sinne Tolkiens war eben nicht nur eine temporäre Auszeit, um sich von den Zumutungen der entzauberten Welt zu erholen, sondern eine umfassende Ablehnung dessen, was er als die Übel der Moderne ansah (allem voran die anonyme, entpersonalisierte Herrschaft, die westliche Industriegesellschaften auszeichnet).

Ähnliches könnte man wahrscheinlich über Lovecrafts Idealisierung der Puritaner und des 18. Jahrhunderts sagen, oder über Howards Träume vom ewigen Barbarentum und seine Versuche, sich durch rassentheoretisch verschwurbelte Spekulationen eine »keltische« Identität anzudichten. Inhaltlich etwas ganz anderes als Tolkiens Ansichten, aber gleichermaßen starke, mythische Überzeugungen.* Der Unterschied zur Romantik wäre hier m.E. der, dass die Romantiker_innen sich auf der Höhe ihrer Zeit wussten, während die Überzeugungen unserer Phantasten eindeutig kontrapräsentisch (im Gegensatz zu ihrer Zeit stehend) sind.

Die Leser_innen haben sich dagegen in ganz überwiegender Mehrzahl an Tolkiens, Lovecrafts und Howards Erfindungen erfreut, ohne ihre Überzeugungen zu übernehmen. Wobei: Auch ohne Safranskis Verallgemeinerungen zu übernehmen, lässt sich m.E. eine starke Verwandtschaft der Frühromantik mit der Gegenkultur samt Protestbewegungen der 60er/70er Jahre wahrnehmen, die ja an der Popularisierung der Fantasy nicht ganz unbeteiligt war. Aber mit »Die Phantasie an die Macht!« ist es jetzt natürlich auch schon lange vorbei, und das mythopoetische Element der heutigen Fantasy ist wohl tatsächlich so depotenziert, wie Weinreich es beschreibt. Was nicht nur schlecht ist, denn was passieren kann, wenn Mythen zu ernst genommen werden, beschreibt Umberto Eco ja sehr schön in Das Foucaultsche Pendel.)

* Der Spinnerei-Anteil war bei Lovecraft und Howard schon erheblich höher als bei JRRT.

Raskolnik hat gesagt…

Wirklich interessante Überlegungen. Ich will mich schon seit einer halben Ewigkeit mal etwas genauer mit Weinreichs Verständnis der Fantasy auseinandersetzen, sollte aber wohl erst einmal meine eigene Romantik-Reihe weiterschreiben (und vielleicht sogar irgendwann zum Abschluss bringen).

Was ich an Franks Gedankengang nie richtig verstanden habe: Er glaubt, dass alle Menschen ein Bedürfnis nach dem „Metaphysischen" haben (was auch immer das genau heißen soll); dass die „Entzauberung der Welt" zu einem allgemeinen „Sinnverlust" und allen möglichen anderen Übeln geführt hat; dass eine zumindest partielle Wiederbelebung des „mythischen Denkens" (er nennt das „Versöhnung von Mythos und Logos") dringend nötig wäre usw. Okay, soll er glauben. Doch wie lässt sich daraus die „wahre Bedeutung" der Fantasy ableiten? Denn wie er selbst immer wieder betont, glaubt diese ja nicht mehr an ihre eigenen „Mythen". Wenn unser Verlangen nach dem "Metaphysischen" wirklich so existenziell ist, wie kann sie dann auch nur partielle Befriedigung in einer Literatur finden, die bloß „vorgibt" „metaphysisch" zu sein? Müsste er die Fantasy dann nicht eigentlich als eine Art Ersatzdroge bekämpfen, die uns vom „wahren Ziel", dem wirklich „Metaphysischen", ablenkt? Auch finde ich es irgendwie witzig, dass er die Fantasy zwar immer wieder gegen den Vorwurf des Eskapismus verteidigt, selbst jedoch im Eskapismus ihre höchste Tugend sieht.

Darf ich ein bisschen klugscheißen? Wenn du von „Lovecrafts Idealisierung der Puritaner und des 18. Jahrhunderts" schreibst, halte ich das zumindest für leicht irreführend. Der alte Gentleman schätzte eine „puritanische" Lebenseinstellung, soweit man darunter Sinnen- und Sexfeindlichkeit versteht. Für die historischen Puritaner und den Gottesstaat von Massachusetts hatte er hingegen nichts übrig. Und dass nicht nur, weil er nichts von Religion hielt. Er verachtete die Intoleranz und Kleingeistigkeit der Pilgerväter und ihrer Nachfolger.

Anubis hat gesagt…

Kurz zu Lovecraft: Das hatte ich auch so verstanden, dass seine Bewunderung sozusagen dem »puritanischen Stil« galt, er aber selbstverständlich die theologischen Überzeugungen der Pilgerväter nicht teilte. Letzteres hätte ich wohl im Post hinzufügen sollen.

Ich habe Fantasy. Einführung vor einer Weile gelesen und war ziemlich enttäuscht davon, weil ich mir erhofft hatte, darin präzisere Ausführungen dazu zu finden, was Weinreich mit Metaphysik, mythischem Denken, Mythos etc. meint.

Mein Eindruck ist, dass der ganzen Hypothese verschiedene Bedeutungen von Mythos unterliegen, ohne dass dies erklärt würde: Mit nicht geglaubten Mythen in der Fantasy können eigentlichen nur Mythen in einem narratologischen Sinn gemeint sein. Fantasy enthält erfundene Geschichten von übernatürlichen Wesen. Natürlich kann man ein Bedürfnis nach solchen Geschichten haben (habe ich ja auch), aber ebenso selbstverständlich glaubt niemand an die übernatürlichen Wesen darin. Wie schon Tolkien sagte, das Verlangen nach Drachen ist nicht der Wunsch, dass Drachen existieren sollen.

Mit der Romantik hängt das m.E. in der Weise zusammen, dass sie die Bedeutung der Imagination, des produktiven Vermögens des human mind, gegenüber dem analytischen Vermögen betonte. Auch wenn die Romantik gelegentlich dem Irrationalismus verfiel, würde ich sagen, dass sie mit ihrer Kritik an einem Denken, das rein analytisch zu sein behauptet und sich weigert, sich mit der Imagination überhaupt zu befassen, recht hat.

Auf der anderen Seite scheint bei Weinreich ein Begriff vom Mythos zu stehen, wie ihn die funktionalistische Anthropologie und Soziologie vertritt: Mythos als kollektive Sinnstiftung, als Gemeinschaftskitt, als Bedürfnis nach »Metaphysischem«, das befriedigt werden muss, weil sonst alle Sicherheiten abhanden kommen. Auch hier könnte man eine Verbindung zur Romantik ziehen (was ich in meinem Blogpost nicht getan habe), denn die Romantik neigte mitunter dazu, von ihrer Hochschätzung der Einbildungskraft (des »mythischen Denkens«, wenn man so will) überzugehen zu einer mythischen Rechtfertigung von Autorität.

Was mir aber ganz und gar nicht eingeht, ist die Vorstellung, Fantasy als Literaturgenre könnte die Funktion eines solchen sinnstiftenden Mythos übernehmen. Das halte ich angesichts der geringen Bedeutung, die der Fantasy weithin zugeschrieben wird, für einen ganz schön überzogenen Anspruch, und grundsätzlich auch nicht für wünschenswert. Ich würde (frei nach Tolkien) sogar fragen, ob damit der Bogen nicht überspannt und vom Verlangen nach literarischen Drachen zum Verlangen nach realen Drachen übergegangen wird.

Anubis hat gesagt…

Kurze Ergänzung mit polemischer Pointe:

Ich glaube, dass das Metaphysische der Fantasy ausdrücklich als nicht echt gekennzeichnet und trotzdem positiv gewertet wird, muss man vor dem Hintergrund von Safranskis Kategorie des Romantischen sehen. Die entspricht (wie erwähnt) mehr oder weniger dem Dionysischen bei Nietzsche, bzw. dem Willen dazu.

Wenn nun das Bedürfnis des Menschen nach Spirituellem, danach, »dass es mehr gibt« gleichzusetzen ist mit dem Romantischen im Sinne Safranskis, dann hat es auch seine gefährliche Seite, die sich in dionysischen Ausbrüchen äußert. Und wenn das Bedürfnis zwar zum Menschen dazu gehört, seine Befriedigung durch den echten Stoff aber gefährlich ist, dann ist eine harmlosere Ersatzdroge doch genau das, was gebraucht wird, oder? Eine Art dauerhafte Substitutionstherapie.

Raskolnik hat gesagt…

So wie du es beschreibst, klingt das nachvollziehbar, aber ist es auch wirklich das, was Weinreich im Sinn hat? Ist sein Streben nach dem "Mythischen" oder "Metaphysischen" tatsächlich als das von Nietzsche beschriebene Dionysische zu verstehen (oder ist es zumindest mit ihm verwandt)? Ich bezweifle das.

Hast du Weinreichs Essay "Mensch und Mythos" gelesen? Dort beschreibt er das "mythische Denken" eindeutig als "sinnstiftend". Seine Verdrängung durch Aufklärung und Rationalismus habe zu einem Zustand der "Unzufriedenheit und Orientierungslosigkeit" geführt, weshalb es notwendig sei, dass die Moderne "wieder auf das 'geheime Wort' zu hören" lerne.

"Was 'haben' wir also heute vom Mythos? Er kann heilen und zu heilen heißt, Dinge wieder zu ihrer Ganzheit zu führen; sie sind heile, wenn all ihre Teile wieder am rechten Platz sind. Der Mythos war als Welterklärungsmuster aber auch als Therapeutikum angetreten. [...] Glück zu spenden vermag der Mythos auch nur in den seltensten Momenten; aber er vermag es sehr oft, Menschen mit den Faktizitäten des Seins zu versöhnen und zugleich Ausblick und Hoffnung darauf zu geben, dass da irgendwo noch etwas ist, das über diese Welt hinausgeht, Horatio ... Mythisches Denken bleibt ein Therapeutikum. Ein Therapeutikum das viele vielleicht nicht brauchen werden, das aber immer da ist und dessen man sich immer bedienen kann – manchmal auch jene, die davon überzeugt sind, seiner niemals zu bedürfen."

Und auch dieser Essay endet bei Tolkien und der Fantasy:

"Und welche Bedeutung hat der Mythos für die Fantasy? Fantasy ist in den meisten Fällen (auch) eine Inszenierung mythischen Denkens,14 sei es actiongeladen auf der Brücke von Khazad-dûm oder kontemplativ in der Atrabeth Finrod ah Andreth. Der Mythos vermag dabei innerhalb der Werke wie auch außerhalb in der Primärwelt zu funktionieren („applicability" in Tolkiens Sinn). So verstanden wehrt sich Fantasy auch gegen die ernüchterte Moderne und einen übermächtigen Logos. So verstanden berührt Fantasy die „mächtigere Realität" jenseits der Grenzen der Erfahrung und bietet sich auch an, Sinn zu verleihen. Und die Lektüre von Eine kurze Geschichte des Mythos hilft, das zu begreifen: „Wenn professionelle Religionsführer uns nicht in mythischer Weisheit zu unterweisen vermögen, können unsere Künstler und Romanschriftsteller vielleicht diese priesterliche Aufgabe übernehmen und unserer verlorenen, beschädigten Welt neue Einsichten bringen"

Anubis hat gesagt…

»So wie du es beschreibst, klingt das nachvollziehbar, aber ist es auch wirklich das, was Weinreich im Sinn hat? Ist sein Streben nach dem ›Mythischen‹ oder ›Metaphysischen‹ tatsächlich als das von Nietzsche beschriebene Dionysische zu verstehen (oder ist es zumindest mit ihm verwandt)?«

Den Widerspruch, auf den du hinweist, sehe ich auf jeden Fall auch. Das Romantische bei Safranski ist (zumindest meiner Wahrnehmung nach) sehr nah mit dem Dionysischen verwandt. Unklar ist mir dagegen, wie das in Weinreichs Konzeption des Mythos hineinpassen soll. Vielleicht ist die Konzeption gerade dabei, sich durch den Einfluss von Safranskis Buch zu verändern? Ich weiß es nicht.

Vielleicht ist das aber auch (wenn ich das so sagen darf) das typische Dilemma liberalen Denkens: Einerseits will es Freiheit ermöglichen, andererseits ist es aufgrund seiner eigenen Beschränkungen gezwungen, bestimmte (soziale, anthropologische) Dinge für feststehend und unveränderlich zu halten. In Bezug auf den Mythos hat das ja Odo Marquard formuliert: Es gibt ihn, man braucht ihn, aber man darf ihn nicht zu mächtig werden lassen. (Wobei Marquards Lösung natürlich nicht darin besteht, den Mythos in die Fantasy zu verlegen, sondern verschiedene Mythen miteinander konkurrieren zu lassen, damit kein einzelner Mythos allein Gültigkeit erlangt.)

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.