Mittwoch, 30. Juni 2010

1985

Ein folgenreicher Irrtum der Literaturkritik liegt in der Annahme, dass dystopische Literatur gewisse Gegenwartstendenzen aus Politik und Gesellschaft aufnähme, um daraus dann eine ›plausible‹ zukünftige Entwicklung zu deduzieren. In anderen Worten lautet die Annahme: Eine Dystopie beschreibt die Gesellschaft, in der wir in ein paar Jahren leben werden. Mit Anthony Burgess ist ein Autor, der den dystopischen Roman geprägt hat wie sonst wohl nur noch Orwell, Huxley und Bradbury, alles andere als unschuldig an diesem Irrtum.

In seinem Roman 1985, der zugleich Kritik und Remix von George Orwells Nineteen Eighty-Four ist, behauptet Burgess nämlich eben dieses: Orwell beschreibe unsere Welt, wenige Jahrzehnte in der Zukunft, als vollkommen vom Stalinismus beherrscht. Das sei aber niemals auch nur eine wahrscheinliche Entwicklung gewesen, belehrt uns Burgess, vielmehr sei Orwell 1948 (sic!), als er den Roman schrieb, auf prägende Gegenwartserfahrungen hereingefallen. Burgess kommt dabei gar nicht auf die Idee, Orwell könne bewusst einen Kommentar zu seiner Gegenwart abgegeben haben — der dann von seinen Erfahrungen im Spanischen Bürgerkrieg stark beeinflusst wäre: Orwell kämpfte im Bürgerkrieg bekanntlich auf Seiten der unorthodox-marxistischen Partido Obrero de Unificación Marxista (POUM) und erlebte hautnah, wie moskauhörige Stalinisten die linke, republikanische Front von hinten aufrollten.* Meine These daher: Orwell wollte nicht über die Zukunft nachsinnen, sondern vor allem vor der stalinistischen Gefahr (die gerade für die Linke eine solche ist) warnen, deren Totalitarismus er am eigenen Leib erlebt hatte. Und gerade auf diese Weise, als literarische Schilderung einer stets gegenwärtigen Möglichkeit dystopischen Unheils, behält Nineteen Eighty-Four seine Authentizität und Aktualität.

Ganz anders Anthony Burgess, der in 1985 unter anderem ein — in seinen Augen — wahrscheinliches Zukunftsszenario präsentiert, welches etwa folgendermaßen aussieht: Mitte der 1980er Jahre wird Großbritannien nahezu uneingeschränkt von den Gewerkschaften beherrscht. Wer nicht in der Gewerkschaft ist, bekommt keine Arbeit. Wer die Gewerkschaft kritisiert, wird in eine Kombination aus Irrenhaus und ideologisches Umerziehungslager gesteckt. Die Frau des Protagonisten starb, weil das Krankenhaus, in dem sie behandelt wurde, an dem Tag in Flammen aufging, als die Feuerwehrgewerkschaft zum Streik aufgerufen hatte. Unter der Oberfläche dieser schönen neuen Gewerkschaftswelt — wie sollte es auch anders sein, wenn die Roten an der Macht sind — breitet sich allgemeine Unmoral aus: Die Tochter des Protagonisten ist geistig behindert, Opfer von Medikamenten eines skrupellosen Pharmakonzerns, die ihre Mutter während der Schwangerschaft eingenommen hatte.** Im Fernsehen laufen ständig Bumsfilme. Es gibt eine Widerstandsbewegung gegen die Gewerkschaften, aber deren Ziele sind alles andere als lauter.

Die andere große ›Gefahr‹, die Burgess heraufziehen sah beziehungsweise in 1985 beschwört, ist die Islamisierung Europas. In seinem Roman tritt sie nicht wie heute als al-Kaida-Phantom auf, sondern zeitgeisty in Gestalt schwerreicher, lüsterner Ölscheichs, die hinter minderjährigen europäischen Mädchen her sind und systematisch die britische Politik und Wirtschaft unterwandern. Geht’s noch abgedroschener? 1985 hat sicherlich eine gute Chance, verspätet zum Kultbuch aufzusteigen, wenn es den Prediger_innen der faschistoiden, unverhüllt rassistischen ›Islamkritik‹ in die Hände fallen sollte. Literatur, die zeitübergeifend etwas zu sagen hat, liest sich jedoch anders. Unschwer zu erkennen ist, dass die 1973er Ölkrise und die große Streikwelle im Winter 1978—79 in Burgess’ Heimatland Großbritannien (der sogenannte Winter of Discontent) den historischen Hintergrund für den Roman darstellen. Er greift Ereignisse auf, die sich nur wenige Jahrzehnte später so ausmachen, als hätten sie in einer anderen Welt stattgefunden — oder fürchtet sich heute, nach 30 Jahren neoliberaler Eiszeit, noch irgendjemand vor Ölscheichs und Gewerkschaften? Einzig das Islam-Bashing, welches heute (allerdings in transformierter Gestalt) eine Blütezeit erlebt, stellt einen Bezug zu unserer Gegenwart her. Kurzum, Burgess’ Versuch, eine zeitgeschichtlich plausible Dystopie aus Gegenwartsereignissen zu extrapolieren, zeigt mit seinem Scheitern eindrucksvoll das »Quäntchen Wahn«, das in einem solchen Unternehmen wohl stecken muss.

Neben einem belletristisch-laborliterarischem besteht 1985 übrigens auch noch aus einem essayistischen Teil, in dem Burgess Interviews mit sich selbst führt, sich über dystopische Literatur (vor allem Samjatin, Huxley, Orwell — der interessanteste Teil des gesamten Buches!) Gedanken macht, ausführlich auch auf seinen eigenen Klassiker Clockwork Orange eingeht, und ansonsten düstere Andeutungen über die Zukunft des Abendlandes murmelt. Insgesamt zeigt sich, wie tief der Autor, der solche herausragenden Romane wie Clockwork Orange und A Tremor of Intent verfasst hat, mit seinem Spätwerk gesunken ist. 1985 liest sich heute als Dokument eines kleinmütigen und vulgären Konservativismus, der zwar weiterhin besteht, sich aber längst anderen Feindbildern und Ressentiments zugewandt hat.

1985 erschien 1982 bei Heyne. Gerade noch rechtzeitig also, um nicht beim Erscheinen schon vergreist zu sein. Die Übersetzung besorgte Walter Brumm.

* Orwell verfasste darüber den autobiografischen Bericht Homage to Catalonia (Mein Katalonien). Ken Loach drehte dazu den wunderschönen Film Land and Freedom.
** Lässt sich als Anspielung auf den Contergan-Skandal verstehen.

Glennkill

Leonie Swanns Glennkill ist — für mich angenehm überraschend — keines jener Bücher, die auf einer putzigen Idee beruhen und ansonsten ohne jeden literarischen Wert sind. Im Gegenteil. Es ist spannend, intelligent und hat vor allem, was bei deutschen Autor_innen meist fehlt, viel Witz. Beim nächtlichen Lesen musste ich sogar so sehr lachen, dass meine Freundin neben mir im Schlaf verärgert zu brummeln begann. Schön sparsame und daher wirkungsvolle Anspielungen auf die Geschichte der phantastischen Literatur, die in Handlung und Setting eingeflochten sind, machen sich zudem sehr nett für nerdige Leser_innen aus.*

Mittlerweile gibt es bekanntlich Katzenkrimis (Akif Pirinçci, Rita Mae Brown), Schweinekrimis (Arne Blum) und mit Glennkill eben einen Schafskrimi. Gehütete Schafe, das entnehme ich jedenfalls dem Roman, kommen nicht eben weit rum (es sei denn, sie werden auf eine andere Weide getrieben). Das macht dem Buch aber gar nix, denn es ist ein Whodunit. Klassische Whodunits spielen ja in der Regel in abgelegenen Landsitzen, in Clubhäusern oder auf Kreuzfahrtschiffen und haben daher auch keine besonders große Variationsbreite, was Schauplätze angeht. In Glennkill funktioniert's jedenfalls gut, dass sich die Handlung nahezu ausschließlich auf einer steilklippigen Schafsweide bei dem irischen Dörfchen gleichen Namens abspielt. Und wie fast jeder gute Whodunit-Krimi ist Glennkill im Grunde eine Gothic Novel, mit viel Nebel, Familiengeschichten, Skeletten im Schrank und verborgenem Leid, das zu Tage kommen will.

Alles in allem eine schöne Überraschung also, dieser Roman, wenn auch keine, die ich wiederholt lesen würde. Aber das ist bei Krimis in der Regel ja auch nicht so angelegt. Übrigens ist vor wenigen Wochen erst mit Garou der Nachfolger von Glennkill erschienen, diesmal per Untertitel als ›Schaf-Thriller‹ gekennzeichnet. Anscheinend hat sich die Autorin Zeit damit gelassen, was für mich ein gutes Zeichen ist.

Glennkill. Ein Schafskrimi (376 Seiten) ist 2005 bei Goldmann erschienen.

* Keine Angst, Glennkill ist nicht Christoph Marzis Lycidas!

Amery, Böll und die Gründung der Grünen

In unregelmäßigen Abständen stößt man im Internet auf Perlen des Humors. Kürzlich bin ich dem nachgestöbert, was die englische Wikipedia über Carl Amery* schreibt, und dabei auf folgende Perle gestoßen (bekanntlich war Amery Gründungsmitglied der Grünen):
The idea [to found Die Grünen] came from Heinrich Boell, when he realized that the Left wing needed a new face and packaging, after he read Alexander Solzhenitsyn's Gulag Archipelago, which revealed the cruelty of Socialism, behind the Iron Curtain. He took the Communist Manifesto and replaced the working class with the environment, the red flag with a green one and changed the name to the Green Movement.**
Könnte fast eine Satire sein, die Amery sich über seinen Schriftstellerfreund Böll ausgedacht hat. Mögen die beiden sich im bildungskatholisch-barocken Bücherhimmel, in dem sie sich jetzt befinden, über diese befremdliche Form ihres Nachlebens amüsieren.

* Nicht viel, aber immerhin gibt es einen Artikel über Amerys mich immer wieder entzückenden ersten Alternativgeschichtsroman Das Königsprojekt.
** Abgerufen am 27. Juni 2010.

Samstag, 26. Juni 2010

Elfen und Prinzessinnen

Der hinlänglich bekannte Eskapismus, wie er in Fantasy-Zirkeln gepflegt wird, nimmt immer obskurantistischere Züge an: Jetzt diskutieren die schon über Genitalverstümmelung, Rassismus, afroamerikanische Identität und die vermeintliche Stabilität von Kultur. Nachzulesen hier und hier. N.K. Jemisin hat sich ebenfalls dazu geäußert.

Jemisins Inheritance Trilogy wirkt übrigens gerade sehr verführerisch leseappetitanregend.

Donnerstag, 17. Juni 2010

Ein Anfang

Den wundervollsten Story-Anfang aller Zeiten hat bekanntlich Thomas Mann geschrieben:
Seltsame Orte gibt es, seltsame Gehirne, seltsame Regionen des Geistes, hoch und ärmlich. An den Peripherien der Großstädte, dort, wo die Laternen spärlicher werden und die Gendarmen zu zweien gehen, muß man in den Häusern emporsteigen, bis es nicht weitergeht, bis in schräge Dachkammern, wo junge, bleiche Genies, Verbrecher des Traumes, mit verschränkten Armen vor sich hinbrüten, bis in billig und bedeutungsvoll geschmückte Ateliers, wo einsame, empörte und von innen verzehrte Künstler, hungrig und stolz, im Zigarettenqualm mit letzten und wüsten Idealen ringen. Hier ist das Ende, das Eis, die Reinheit und das Nichts. Hier gilt kein Vertrag, kein Zugeständnis, keine Nachsicht, kein Maß und kein Wert. Hier ist die Luft so dünn und keusch, daß die Miasmen des Lebens nicht mehr gedeihen. Hier herrscht der Trotz, die äußerste Konsequenz, das verzweifelt thronende Ich, die Freiheit, der Wahnsinn und der Tod.
Es handelt sich um die ersten Zeilen von »Beim Propheten«. Lesen!

Mittwoch, 16. Juni 2010

The World Cup of Fiction is on

Initiated not by the moguls of FIFA (you already may have noticed that this World Cup goes without ™), but by Jeff VanderMeer himself, who in his flaming passion for literature and fiction has called for the best, the weirdest, the most imaginative and whimsical writers of this world to be nominated by us, the equally passionate readers and bloggers, and to be set against each other in a unique tournament of quill and ink (or tournament of typewriters, if you prefer) — the amazing First World Cup of Fiction!

Given my lack of knowledge about the tradition of fiction-writing (partly due to simple ignorance, partly to my illiteracy in the respective languages) in some of the participating countries, I will thoughtfully restrain myself to nominate some players that I regard as especially promising for this competition.

Let's start with the country I'm living in right now, my beloved and beautiful Argentina. The Silver Republic has enough top-class players to field not only a team, but a deadly host of champions with the ability to shred the paper-wasting and pompous ink-blobbing of any adversary. Take alone the field of the phantastic, and Argentina runs up with ingenious authors like Jorge Luis Borges, Leopoldo Lugones, and — more recently — Alejandro Dolina. Julio Cortázar adds a striking touch of the surreal. Enter the dystopic novel with Angélica Gorodischer. Or if you're rather into genre fiction, Liliana Bodoc ventures into the realm of epic fantasy, which is a novelty for Latin America. As you can see, there's hardly any field of literature where Argentina can be beaten. Especially its team captain Borges is a master of all styles, whose more-than-impressive work ranges from the essayistic to crime fiction to the phantastic short-story. With Borges teaming up with his sidekick Adolfo Bioy Casares, the opposing team won't stand a chance.

Mexico has got the one and only Carlos Fuentes. He's an oldschooler, no doubt, but alive and kickin'. A fearless player who won't accept any bullshit from his opponents, which are many (first and foremost the Roman Catholic Church and the US of A).

Italy's Umberto Eco, the Milan Mastermind, can be seen as a fading talent. The critics who accuse him of having written his last enjoyable novel in the 1980s are legion. And indeed, at times his writing moves seem to be too predictable or lacking of depth. But let the critics try to smear his legacy, I hold his Foucault's Pendulum in highest esteem. It's no less than an all-time favourite. Eco still enjoys the support of a huge fanbase that will do its very best to back him in the match. Besides, Eco is not alone, but comes in a team with Italo Calvino, the great cosmocomical Warlock of Turin.

The Netherlands show up with the quirky-but-very-serious Harry Mulisch. If the English-speaking world hasn't discovered him yet, this World Cup is the time to check him out, because this guy in The Discovery of Heaven does what Dan Brown and the Army of his Clones will never be able to do.

Last but not least, let's nominate a Spanish champion. I'd like to introduce Ana María Matute, who with her Olvidado rey Gudú proved that you definitely still can write old-school epic fantasy without either imitating Tolkien or going grim and gritty. As far as I know, this mythic masterpiece hasn't been translated to English yet. But if you can read Spanish, you should better sooner than later immerse yourself in this wonderful piece of imagination.

It's tournament time.

Montag, 14. Juni 2010

Mehr T als easer

George R.R. Martin hat einen Teaser zur Game-of-Thrones-Fernsehserie, die 2011 kommen soll, auf seinen Keinohrhasen ... äh, sein Nicht-Blog gestellt. Mir sind Fernsehserien ja sowas von Latte, aber ich dachte, ich weise mal darauf hin.

Nun ja. Ein Ersatz für ein druckfrisches Exemplar von A Dance with Dragons ist das wohl nicht.

Ach, hm: Hier und hier kann über die Serie diskutiert werden.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.