Samstag, 13. September 2014

Kulturkrieg, Kommerz und Sad Puppies

Am sogenannten Kulturkrieg in der SFF fällt mir immer wieder auf, wie wenig literaturtheoretische Fragen darin eine Rolle spielen. Auf den ersten Blick ist das für eine Auseinandersetzung, die sich vor allem zwischen Autor_innen und ihren Fans abspielt, ein verwunderlicher Befund. Aber der erste Blick täuscht, denn es handelt sich nicht um einen auf das SFF-Fandom begrenzten Konflikt. Gamergate und andere Ereignisse zeigen, dass es hier um eine Auseinandersetzung geht, die sich durch die gesamte Populärkultur zieht. Es mag allenfalls sein, dass die Bruchlinie des Konflikts in der SF so deutlich ist, weil es in diesem Genre eine gewisse Neigung dazu gibt, die gute, alte Zeit zu beschwören. Aber es gibt noch einen schwerwiegenderen Grund dafür, warum der Konflikt nur am Rande anhand der Frage, was gute Literatur ausmacht, ausgetragen wird: Es geht schlichtweg um existentiellere Dinge. Die Versuchung besteht darin, den culture war als eine Auseinandersetzung zu sehen, die zwischen einer Riege von reaktionären Großsprecher_innen auf der einen Seite und milden, aufgeklärten Liberalen wie Jim C. Hines und John Scalzi auf der anderen Seite ausgetragen wird. Doch das ist nicht das eigentliche Kampffeld. Die Situation ist nicht so ausgeglichen und exklusiv, und sie ist kein bloßer Kampf um Meinungen. Frauen, Queers und People of Colour, die gleiche Rechte und Anerkennung auf dem kulturellen Feld einfordern, haben sich diesen Kampf nicht ausgesucht. Es geht um »years of harassment and abuse«, wie Laurie Penny schreibt:
This [is] a song we know by now. It starts and ends, almost always, with attacks on our sexuality, on our bodies as meat and function [...] The routine, the arguments, have become far too familiar. A woman or a handful of women are selected for destruction; our ‘credibility’ and ‘professionalism’ are attacked in the same breath as we are called ugly, slut-shamed for dismissed either as stupid little girls or bitter old women or, in some cases, both. The medium is modern, but the logic is Victorian, and make no mistake, the problem is not what we do and say and build and create. The problem is that women are doing it. That’s why the naked selfies, the slut-shaming, is not just incidental to the argument – it is the argument. Underneath it all, you’re just a woman, just a body. You can be reduced to flesh. You are less. You are an object. You are other.
Das Wagnis von Pennys Artikel liegt in der Behauptung, dass zwar die Verletzungen und das Leid auf der Seite derer liegen, die um Gleichberechtigung kämpfen, es aber dennoch die andere Seite ist, die den Kampf verliert. Angesichts der Omnipräsenz von heterosexistischen Online-Mobs mit ihrem hasserfüllten Toben ist das keine Folgerung, die sich von selbst versteht – und noch viel weniger, man sich die von keinem Zweifel getrübte Überzeugung eines rassistischen Wortführers wie Vox Day, auf der Siegerseite der Geschichte zu stehen, vor Augen führt. Dennoch, Penny hat recht. Es sind die Reaktionäre, denen die Felle davonschwimmen. In der Epoche des Spätkapitalismus, in der wir leben, sind es zunehmend weniger die Eliten, die Rassismus und Heterosexismus predigen. Es ist nicht die Bundesbank, die Thilo Sarrazins Ansichten propagiert. Im Gegenteil, man zeigte sich in der Frankfurter Chefetage empfindlich gestört von Sarrazins unflätigen Bemerkungen über Arme und Migrant_innen. Ganz zu recht nahm man in der Notenbank an, die migrantischen Mitarbeiter_innen des Hauses könnten sich persönlich getroffen fühlen, und versuchte deshalb, das Vorstandsmitglied S. so unauffällig wie möglich loszuwerden.

Das Kapital kann es sich heute nicht mehr leisten, Frauen, People of Colour und Queers nur im Reproduktionsbereich oder in der Sexindustrie auszubeuten. Um ihre Arbeitskraft verwertbar zu machen, sind Unternehmen mehr und mehr bereit, etwas dafür zu tun, dass marginalisierte Gruppen nicht mehr allen möglichen Formen von Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt sind. (Dass solche Bemühungen nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern aus Eigeninteresse erfolgen und häufig nicht über Schönfärberei hinausgehen, versteht sich von selbst.) Auch Penny sieht diesen Vorgang als einen Prozess kapitalistischer Modernisierung:
Everybody loses, in the long term, because everybody has to live in a culture where it’s normal to hound women out of their homes for daring to demand fairer treatment, normal to shame girls and queer people into silence for suggesting that there might be other interesting stories to tell. There is no way to win this game, except by not playing at all.
So they can’t understand why they’re losing.
They can’t understand why their arguments aren’t working. They can’t understand why game designers, industry leaders, writers, public figures are lining up to disown their ideas and pledge to do better by women and girls in the future. They can’t understand why, just for example, when my friend, the games critic and consultant Leigh Alexander, was abused and ‘called out’ as an unprofessional slut, a lying cunt, morally and personally corrupt, just for speaking truthfully and beautifully about all of this, it was Alexander who was invited to write her first piece for Time magazine, Alexander who got to define the agenda for the mainstream, who received praise and recognition, whilst her abusers’ words will be lost in a howling vortex of comment threads and subreddits and, eventually, forgotten.
Their rage is the rage of bewilderment.
Der ganze Vorgang, der Angehörige von zuvor marginalisierten Gruppen in immer mehr Branchen Fuß fassen lässt, ist im Kulturbetrieb stärker sichtbar als anderswo (weil es in diesem Bereich auf Sichtbarkeit ankommt), aber er geht weit über die Literatur- und Unterhaltungsindustrie hinaus. Donna Haraway bemerkte schon vor dreißig Jahren in ihrem berühmten Essay »Ein Manifest für Cyborgs«: »Die ›neue industrielle Revolution‹ bringt in weltweitem Maßstab eine neue ArbeiterInnenklasse hervor. Die extreme Mobilität des Kapitals und die sich herausbildende internationale Arbeitsteilung sind mit dem Auftreten neuer Kollektive und der Schwächung vertrauter Gruppen verknüpft.«* Diese Entwicklung beschränkt sich nicht darauf, dass sich die Zugangsmöglichkeiten zum Arbeitsmarkt verschieben. Die Welt der Arbeit selbst verändert sich:
Es geht aber nicht allein darum, daß die Frauen in den Ländern der Dritten Welt in den auf Wissenschaft basierenden multinationalen, exportorientierten Industrien, besonders im Bereich der Elektronik, die bevorzugten Arbeitskräfte sind. [...] Im wahrsten Sinne des Wortes wird Arbeit als weiblich oder feminisiert neu definiert, egal ob sie von Männern oder von Frauen verrichtet wird. Feminisiert zu werden bedeutet hier, eine extrem prekäre Position einzunehmen, zerlegt und neu zusammengesetzt werden zu können; als Reservearmee ausgebeutet werden zu können; eher als Bedienstete denn als ArbeiterInnen betrachtet zu werden; während und nach der Arbeit einem Zeittakt unterworfen zu sein, der einer geregelten Arbeitszeit Hohn spricht und ständig eine an der Grenze zum Obszönen, eine auf Sex reduzierbare Existenz zu führen, immer bedroht von Arbeitslosigkeit und Deplazierung.**
Haraways Momentaufnahme des Spätkapitalismus hat weitreichende Implikationen. Zum einen widerspricht sie der verbreiteten Annahme, es gebe kein Proletariat mehr, und wir lebten in einer postindustriellen Gesellschaft ohne Klassen. Das Gegenteil ist der Fall. Das Proletariat ist größer als je zuvor und global verbreitet; noch nie haben so viele Menschen ihre Arbeitskraft verkauft wie heute. Zum anderen bedeutet das, dass die Möglichkeit der Proletarisierung, des Abrutschens aus ökonomisch gesicherten Verhältnissen, größer ist als je zuvor. Haraway bemerkt: »Diese Entwicklungen sind weder gender- noch rassenneutral. Dem wachsenden Risiko von Dauerarbeitslosigkeit sind besonders weiße Männer in den entwickelten Industrienationen ausgesetzt. [...] Dequalifizierung ist eine altbekannte Strategie, die sich nun auf vormals privilegierte Erwerbstätige richtet.«***

Es geht nicht darum, diese Verhältnisse zu verherrlichen. Da ist die von Haraway so eindrücklich beschriebene Prekarität davor. Außerdem: So lange es so etwas wie die Gender Pay Gap gibt, so lange mit wenig Ansehen, niedrigem Lohn und Gesundheitsrisiken verbundene Berufe wie Krankenpflege und Putzjobs vor allem von Migrant_innen verrichtet werden, besteht nicht gerade ein Grund zum Jubeln, weil ein paar Unternehmen auf die Veränderungen in der Arbeitswelt mit Antidiskriminierungsrichtlinien reagieren. Die im Verhältnis gesehene schwächere Position von (weißen) Männern auf dem Arbeitsmarkt ist zudem nicht unbedingt ein Vorteil für Frauen. Oft bedeutet der Wegfall des männlichen Familieneinkommens den Schritt in die Armut. Auch das Phänomen der doppelten Vergesellschaftung von Frauen (Regina Becker-Schmidt) ist alles andere als passé: Frauen, die durch (prekäre) Arbeit in den Produktionsprozess eingebunden sind, haben meist zusätzlich den Großteil der Reproduktionsarbeit im Haushalt zu leisten. Auch ist das, was der Wirtschaft langsam dämmert, noch längst nicht bei der Politik angekommen, wie man täglich in den Nachrichten sehen kann: Die westlichen Staaten ermorden munter – und nicht nur in Ferguson, Missouri – People of Colour. Sie lassen die Angehörigen der industriellen Reservearmee von heute tausendfach im Mittelmeer ersaufen, nur um für ihre jeweiligen nationalen Kollektive die Illusion einer ethnisch homogenen Gemeinschaft zu wahren. Dennoch gilt es zu fragen, welche sozialen Errungenschaften für People of Colour, Queers und Frauen durch die Veränderung der Arbeit möglich sind, und wie genau sie mit den culture war genannten Verwerfungen zusammenhängen.

In der anglophonen SFF lässt sich derzeit beobachten, was passiert, wenn in einer bestimmten Branche ein neues Kollektiv auftritt und eine vertraute Gruppe sich dadurch geschwächt fühlt (um Haraways Formulierung aufzunehmen). SFF wurde jahrzehntelang vor allem von weißen, männlichen, heterosexuellen Nerds mit middle-class-Hintergrund produziert. Damit ist es endgültig vorbei. Während ein Teil der vertrauten Gruppe versucht, sich (nicht ohne Reibungen) der neuen Entwicklung anzupassen, versuchen andere zu verteidigen, was sie als ihre angestammte Domäne betrachten. Letztere sind mit den »they« in dem Zitat von Laurie Penny gemeint, die nicht verstehen, warum sie nur verlieren können: »angry, broken, lost young men convinced that women have robbed them of some fundamental win in life«.

Es stellt sich die Frage, wie diese Männer überhaupt zu der Überzeugung gelangt sind, dass speziell ihnen ein »fundamental win in life« zusteht? Die Antwort liegt, vermute ich, in einem Stück Gesellschaftsgeschichte der westlichen Industrieländer. Kulturell gesehen waren wir, die wir† in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in diesen Gesellschaften aufgewachsen sind und dort unsere familiären Wurzeln hatten, allesamt Kleinbürger_innen. Im Kontext des Wohlfahrtsstaats konnte von einer eigenständigen Kultur der Eliten wie des Proletariats kaum noch die Rede sein (letztere verschwand nicht völlig, verlagerte sich aber in den subkulturellen Bereich). Die klassenspezifischen Werte und Ressentiments des Kleinbürgertums schienen für die ganze Gesellschaft Geltung zu haben. Nach dem 2. Weltkrieg war das Kleinbürgertum zu einem gewissen Wohlstand gelangt, ohne wirklich an der sozialen Macht zu partizipieren, die weiterhin den Eliten vorbehalten blieb. Die kulturell hegemoniale Stellung, die die kleinbürgerliche Ideologie genoß, war gewissermaßen die Kompensation für diesen Ausschluss von der Macht. Als kleinbürgerlicher Mann war man weiß, mehr oder weniger christlich sozialisiert und stand als Alleinverdiener einer patriarchal strukturierten Kleinfamilie vor. Wenn man von der Arbeit nach Hause kam, konnte man seine Frau herumkommandieren und beim abendlichen Fernsehen seiner Verachtung für Perverse, proletarische Schmuddelkinder, Gastarbeiter und langhaarige Kommunisten freien Ausdruck verleihen, ohne irgendeinen folgenreichen Widerspruch befürchten zu müssen. Man wusste sich einig mit dem Mainstream der Gesellschaft.

So ungebrochen, so überschaubar gibt es diese kleinbürgerliche Welt heute nicht mehr. Zu weiten Teilen ist sie glücklicherweise Vergangenheit. Die scheinbare Unübersichtlichkeit, in der wir heute leben, hat aber bei denen, die sich in dieser Welt (oder ihren kläglichen Überresten) zuhause fühlten, eine grenzenlose Verunsicherung ausgelöst. Die Dequalifizierung der vormals privilegierten Erwerbstätigen greift um sich. Das Ergebnis dieser Verunsicherung ist die allenthalben zu beobachtende politische und ideologische Verrohung des Bürgertums, wie sie sich in rechtspopulistischen Parteien, im Maskulinismus, in Phänomenen wie PUAs und PUA-Hass, im Schimpfen auf die angeblich nach ’68 eingeführte Promiskuität und in der wohlfeilen Geste des Tabubruchs, wie sie von Akif Pirinçci und Websites im Stil von PI-News gepflegt wird, äußert. Die in diesem Stil Politisierten stehen zwar (noch) nicht wirklich im Gegensatz zum Mainstream der Gesellschaft, aber sie fühlen sich so. Für Menschen, die von struktureller Diskriminierung betroffen sind, stellt das sich neurechts gebärdende Kleinbürgertum eine nicht zu unterschätzende Gefahr dar. Zwar neigt es bislang eher zu großen Worten als zu Taten, aber das hat einen John Ausonius, George Sodini, Anders Behring Breivik oder Elliot Rodger nicht aufgehalten. (Je größer das Krisenbewusstsein, desto höher die Bereitschaft zur Tat?)

Diese Stimmung – das Gefühl, natürliche Privilegien zu verlieren – existiert auch im rechten Flügel des SFF-Fandoms. Der gibt sich jedoch erhebliche Mühe, um nicht den Eindruck zu erwecken, auf dem absteigenden Ast zu sein. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass ein Larry Correia auf seinem Blog oder auf Twitter mit seinem Amazon-Verkaufsrang prahlt. Eric Raymond ist sich sicher: »The likes of Correia [...] churn out primitive prose, simplistic plotting, at best serviceable characterization – and vastly more ability to engage the average reader.« Dass ihre Beliebtheit bei der breiten Masse an den Verkaufszahlen ihrer Bücher abzulesen sei, ist das Lieblingsargument konservativer SFF-Autor_innen. Dabei schwingt immer auch mit, dass der Beliebtheit der Bücher beim »average reader« eine Beliebtheit der Ideologie entspreche. Auf mich wirkt die Penetranz, mit der Correia und andere diese Behauptung wiederholen, allerdings allzu beschwörend. Wer wie Correia ständig beteuern muss, ein erfolgreicher Autor zu sein, ist sich offenbar seines Erfolgs alles andere als sicher.

Aber warum? Correia ist ein Bestseller-Autor. Er könnte damit zufrieden sein, dass seine Bücher massenhaft gekauft und gelesen werden. Dass der Bestseller-Status allein es für Correia aber nicht macht, liegt meiner Vermutung nach darin, dass er kein Alleinstellungsmerkmal ist. Kommerziell erfolgreich kann auch ein stromlinienförmiger Liberaler wie John Scalzi sein. Correia möchte aber gern glauben, dass er erfolgreich ist, weil er ein bulliger White Web Warrior ist, der (wenn er nicht gerade an der Tastatur sitzt und darüber schimpft, dass Amerika vor die Hunde geht) seine Waffensammlung im Sports Utility Vehicle Gassi fährt und der Nachbarschaft damit zeigt, was ein gottesfürchtiges, patriotisches Alphamännchen so zu bieten hat. Natürlich ist diese Annahme – wie man so schön sagt im W.W.W.-Sprech – utterly delusional. Die Autor_innen, bei denen sich kommerzieller Erfolg mit einer ostentativ zur Schau getragenen rechtskonservativen Haltung verbindet, lässt sich mittlerweile an einer Hand abzählen. In ihrem Schatten steht das Heer der um die Wette trollenden Profilneurotiker_innen, der Vox Days und Tom Kratmans und wie sie alle heißen, die außerhalb ihres eigenen Milieus niemand ernst nimmt. Einen Vox Day duldet Correia an seiner Seite, weil sich mit ihm als Sockenpuppe das liberale SFF-Establishment provozieren lässt, wie sich im Vorfeld der diesjährigen Hugo Awards (Stichwort Sad Puppies) gezeigt hat. Dabei dürfte Correia sich der Tatsache überaus bewusst sein, dass der subliterarische Dreck, den Vox Day in seinem eigenen Kleinverlag veröffentlicht, niemals eine ernstzunehmende Konkurrenz für seine, Correias, Bücher darstellen wird. Ob Vox Day sich dieser Tatsache ebenso bewusst ist? Vermutlich nicht. Er ist glücklich über jede Gelegenheit, im Spotlight zu stehen, auch wenn er sich dafür von seinem ›Gönner‹ Correia mit heruntergelassenen Hosen durch die Manege führen lassen muss.

Leute wie Vox Day unterliegen einem naheliegenden Irrtum. Sie verteidigen das System, in dem es nur auf Erfolg ankommt, mit größter ideologischer Standfestigkeit und verwechseln deshalb den Erfolg mit der ideologischen Standfestigkeit. Sie glauben, letztere müsse sich automatisch in ersteres ummünzen lassen. Sie sehen nicht, dass alle Standfestigkeit ihnen nicht helfen kann, wenn der Erfolg ausbleibt, dass sie dann genauso ausgezählt liegen bleiben wie alle anderen auch. Jemand wie Larry Correia, bei dem es mit dem Erfolg ja geklappt hat, mag sich dieser Sache dagegen zumindest dumpf bewusst sein.

Sucht man nach einer hiesigen Parallele zu dem Phänomen, dass kommerzieller Erfolg Narrenfreiheit mit sich bringt (und nicht etwa umgekehrt rechte Narrheiten sich zwangsläufig in klingende Münze umwandeln lassen), bietet sich wiederum Akif Pirinçci an. Der schwimmt wegen Felidae im Geld und kann sich vor allem deshalb jetzt seine rassistischen und sexistischen Ausfälligkeiten leisten. Hätte er es schon ganz zu Anfang seiner Karriere so getrieben, wäre er wahrscheinlich den Weg John Ashts gegangen und sang- und klanglos verschwunden. Nun haben nicht alle Autor_innen das Glück, frühzeitig Bestseller-Status zu erlangen. Je verbreiteter die Erkenntnis, dass man sich mit Stammtisch-Gepolter und sozialdarwinistischer Parolendrescherei die Karriere versauen kann, desto mehr werden sich zwar nicht die Einstellungen, aber der Ton und die Lautstärke mäßigen. Als warnendes Beispiel könnte John C. Wright dienen, der mal als vielversprechender Autor, sogar als Genie galt, es in der Folge aber geschafft hat, sich konsequent den Ruf eines Spinners mit pompöser Rhetorik und paranoider Weltanschauung zu erarbeiten – und höchstwahrscheinlich nie wieder aus der Nische herauskommen wird, in die er sich selbst begeben hat.

Sic transit gloria lupi.

* Donna Haraway, Ein Manifest für Cyborgs. Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften, in: dies., Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen, Frankfurt/New York 1995, S. 33–72, hier S. 54.
** A.a.O., S. 54f.
*** Ebd.
† Das soll jetzt kein vereinnahmendes ›wir‹ sein, sondern einfach meine biographische Zugehörigkeit zu dieser Gruppe ausdrücken. 

Mittwoch, 10. September 2014

E-Books sind P.o.P.

... wobei P.o.P. außer für Pop vor allem für Piss on Pity steht.

Beim Lesen eines Gesprächs zwischen Zoë Beck, Leander Wattig (finden E-Books knorke) und Roland Reuß (findet E-Books doof) ist mir eine beiläufige Bemerkung Wattigs ins Auge gefallen. Er sagt da über E-Books: »Man muss auch bestimmte Nutzungssituationen einbeziehen, etwa die größenverstellbare Anzeige von E-Readern.«

Das ist eine Sache, die mir bei der ganzen Diskussion, ob E-Books den kulturellen Bankrott oder eine Öffnung auf interessante neue Formen hin bedeuten, viel zu oft außen vor bleibt. Es gibt Menschen, für die sind aus einer Reihe von Gründen gedruckte Bücher schwerer zugänglich – Menschen mit Sehschwäche zum Beispiel. Das hat nicht unbedingt etwas mit Krankheit zu tun oder mit der oft vertretenen Vorstellung, dass manche Menschen eben Behinderungen haben und andere nicht. Phänomene wie Presbyopie, die sogenannte Altersweitsichtigkeit, zeigen, dass wir alle in vieler Hinsicht nur temporär nicht behindert werden, während in bestimmten Situationen unser Angewiesensein auf das Menschenrecht Barrierefreiheit steigt.

In dieser Hinsicht bieten E-Reader einige Vorteile etwa gegenüber Großdruck-Ausgaben. Die sind meist unhandliche Ziegelsteine und zudem auf ein bestimmtes Lesepublikum zugeschnitten: In der Genreliteratur sucht man sie in der Regel vergeblich. Hinzu kommt, dass für Menschen mit Sehschwäche bestimmte Fonts besser zu erkennen sind als andere. Die Möglichkeit, auf dem Reader zwischen verschiedenen Schrifttypen zu wechseln, ist also ein weiterer Vorteil. Kurzum: Als technische Innovation bieten E-Books Möglichkeiten gesellschaftlicher Inklusion, die es vorher nicht gab.

Ansonsten verläuft die Diskussion zwischen Beck, Reuß und Wattig weitgehend in den üblichen Bahnen:
  • Wattig: E-Books ermöglichen neue literarische Formen. (Stimmt.)
  • Beck: E-Publishing ermöglicht die Veröffentlichung von Werken, die sonst nie jemand zu Gesicht bekommen hätte. (Stimmt auch.)
  • Reuß: E-Books bringen durch das verstärkte Feedback des Publikums die Gefahr mit sich, dass vermehrt stromlinienförmige, vor allem kommerziell interessante Bücher produziert werden. (Stimmt ebenfalls, gilt aber strukturell auch für den Printbereich.)
Am Ende lobt Wattig Amazon für seine »Wir veröffentlichen alles«-Politik, die die Verlage zur Innovation zwinge. Das mag zwar irgendwie zutreffen, aber insgesamt scheint mir der derzeitige Zustand mit DRM und Anbindung an bestimmte Shops und Formate ein klassisches Beispiel zu sein, wie Produktivkräfte (= Kreativität und Innovation) gehemmt werden durch Produktionsverhältnisse (= Konzerne entscheiden, was wir wie lesen dürfen). Zoë Beck meint, E-Publishing demokratisiere die Buchproduktion. Reuß antwortet, Demokratie sei allein in der Rezeption von Büchern angebracht. Aber ist das Problem nicht viel mehr, dass es auf beiden Seiten keine wirkliche Demokratie geben kann, solange an der Schnittstelle zwischen Produktion und Rezeption ein Akteur wie Amazon steht? Gerade deshalb sind technische Neuerungen à la E-Book interessant: Sie verändern die Beantwortungsmöglichkeiten der Frage, auf die alles ankommt: Wie können die Produktionsmittel in die Hände der Produzentinnen/Rezipienten gelangen?

Die Lösung liegt im Kommunismus, und P.o.P. ist ein Schritt auf dem Weg dorthin.

Donnerstag, 28. August 2014

Ich bin nicht mehr es

Ich habe mich entschieden, meinen Nickname zu ändern. Im deutschsprachigen Fandom gibt es schon mindestens eine Person namens Anubis, die länger als ich diesen Namen gebraucht. Das führte mitunter zu Verwechslungen (Beweisstück A), und ich will niemandem die Verlegenheit zumuten, sich unschuldig für mein Geschreibsel rechtfertigen zu müssen.

Wenn ich mich also vorstellen darf: Murilegus rex, Diplomscholomant in Hermanstadt. Bitte fühlen Sie sich wie im Café, im Traum oder im Labyrinth, wenn auch nicht wie zu Hause.

Dienstag, 12. August 2014

Neuzugänge

  • Marion Zimmer Bradley, Der Bronzedrache
  • Italo Calvino, Kybernetik und Gespenster. Überlegungen zu Literatur und Gesellschaft
  • Nadine Gordimer, Der Ehrengast 
  • Homer, Odyssee
  • Ahmadou Kourouma, Der Fürst von Horodougou
  • Christoph Lode, Die Bruderschaft des Schwertes
  • Alexander Lohmann, Lichtbringer
  • Walter Moers, Adolf, Teil 2. Äch bin schon wieder da! 
  • Otfried Preußler, Die Flucht nach Ägypten. Königlich böhmischer Teil
  • Malte S. Sembten, Hippokratische Gesichter. Todesgeschichten
  • A.E. van Vogt, Die Waffenhändler von Isher
  • Jan Weiler, Drachensaat

Mittwoch, 6. August 2014

Rumpelstilzchen oder ...?

Hab ich eigentlich schon mal erwähnt, dass ich Listen mag? Hier ist jedenfalls eine Liste mit regionalen Namensvarianten der bekannten Märchenfigur, die bei den Grimms Rumpelstilzchen heißt. Darunter sind weibliche und männliche, afroamerikanische und weiße Rumpelstilzchen:
  • Rumpenstünzchen
  • Purzinigele
  • Kruzimugeli
  • Springhunderl
  • Ziliguckerl
  • Friemel Friemel Frumpenstiel
  • Stragagerl
  • Furzkacherl
  • Tilletanzerl
  • Hans Öfeli-Chächeli
  • Zistel im Körbel
  • Kugerl
  • Waldkügele
  • Felix
  • Frau Wipp
  • Nägendümer
  • Hahnenkickerle
  • Spitzbartele
  • Winterkölbl
  • Hopfenhütl
  • Popelmann
  • Gebhart
  • Horle-Horle-Wip
  • Hoppetinchen
  • Rumpetrum
  • Holzrührlein Bonneführlein
  • Verlefränzchen
  • Zirkzirk
  • Hipche
  • Ekke Nekkepenn
  • Knirrficker
  • Swaart Hex
  • Vater Fink
  • Tarandandò
  • Zorobubu
  • Ligna di scupa
  • Vippentur
  • Pimpelicurius
  • Titteliture
  • Titiläs
  • Tuura
  • Tuttirituli
  • Gilitrutt
  • Bimpeltud
  • Trillevip
  • Pisk-i-Aske
  • Rion
  • Repelsteeltje
  • Kwispeltotje
  • Pier Wier Wetz
  • Tabutoe Tambutoe
  • Yantencanabemorimacacucentellaes
  • Tom Tit Tot
  • Terrytop
  • Trwytyn Tratyn
  • Gwarwynathrot
  • Sili go Dwt
  • Even Trot
  • Trit-a-Trot
  • Wallolty Trot
  • Whuppity Stoorie
  • Peerie Fool
  • Tyngl-Tangl
  • Łacia
  • Ciacia
  • Łup-cup-cup
  • Kinkach Martinko
  • Vargalusko
Doch damit nicht genug. Es folgt eine Liste von Rumpelstilzchen ausschließlich aus dem französisch-baskisch-bretonischen Raum:
  • Troguenolgotife
  • Mirkikerir
  • Mirlikovir
  • Mirloret
  • Cacholet
  • Brigolet
  • Vircocolire
  • Ricdin Ricdon
  • Dick-et-Don
  • Rindon
  • Le Sotré
  • Fanfinion
  • Furti-Furton
  • Capucheret
  • Terlemtaine
  • Ricabert-Ricabon
  • Racabé-Racabon
  • Racavin-Racavon
  • Rigausounait
  • Rigabot
  • Virlouvet
  • Titi la houppe
  • Rodomont
  • Jébédick le Ribet
  • Rigaut Séné
  • Grignon
  • Frelon
  • Rigonville
  • Mimi Pinson
  • Ropiquet
  • Racapet
  • Ricouquet
  • Ricouquin
  • Ripopé
  • Marie Kirikitoun
 Wie gut, dass wir wissen, wie die alle heißen. Irgendwelche Favorit_innen?

Dienstag, 5. August 2014

Torture Porn: Merkmale eines Genres

In »Torture Porn – ein Nachfahre des Splatterfilms?« habe ich versucht, das Torture-Genre vom klassischen Splatterfilm abzugrenzen. In »Torture Porn und Exploitation-Kino« habe ich kritische Einwände gegen die verbreitete These formuliert, das Torture-Genre sei filmhistorisch aus den Exploitation-Genres der 70er Jahre (wie dem Kannibalenfilm und dem Rape-and-Revenge-Film) herzuleiten. In beiden Texten habe ich dafür argumentiert, Torture Porn nicht als eine Fortsetzung älterer Genres, wie Kannibalenfilm und Splatterfilm, anzusehen, sondern als ein neues, eigenständiges Genre.

Nach einem zeitgeschichtlichen Kontext für die Entstehung dieses neuen Genres braucht man nicht lang zu suchen. Meines Wissens wird die Bezeichnung Torture Porn seit den nuller Jahren auf Filme angewendet. Über Folter im Gefangenenlager Guantanamo wird seit 2004 diskutiert. Im selben Jahr kam es zum Skandal von Abu Ghraib, als die dortige Folterpraxis der Öffentlichkeit bekannt wurde. Bereits zuvor, seit dem Jahr 2002, wurde Ähnliches über das US-Militärgefängnis Bagram in Afghanistan berichtet. Ende 2002 wiederum kam es in Deutschland zu einer öffentlichen Debatte, weil der Frankfurter Polizeivizepräsident Wolfgang Daschner den Entführer und Mörder Magnus Gäfgen mit Folter bedrohen ließ. Praxis und Diskussion von Folter ging also Anfang der 2000er von den beiden Bereichen aus, die im bürgerlichen Staatensystem als Orte legaler Gewaltanwendung gelten – zwischenstaatliche, militärische Konflikte und die innerstaatliche Durchsetzung des Rechts durch die Polizei. Es wäre verwunderlich, hätte sich diese Wahrnehmung von Folter (die sich ja keineswegs hinter verschlossenen Türen abspielte, sondern vor den Augen der Weltöffentlichkeit) nicht auch in irgendeiner Weise in der Populärkultur niedergeschlagen. Das Torture-Genre ist nicht mal das einzige Beispiel dafür. Folter war Mitte der nuller Jahre auch in Spionagethrillern wie Syriana ein Thema.

Was sind nun die Merkmale des Genres Torture Porn? Verbreitet ist die Behauptung, in Torture-Filmen sei Gewalt reiner Selbstzweck, die Darstellung von Schmerz und Leid für ein voyeuristisches Publikum. Diese Position wird z.B. von Stefan Geil vertreten, dessen ziemlich unsinnige Ausführungen die Grundlage des deutschsprachigen Wikipedia-Artikels zum Thema bilden. Der Ansicht von Geil und anderen wird von Praktiker_innen des Genres heftig widersprochen. So meint Darren Lynn Bousman, der bei mehreren Saw-Filmen Regie führte, dass Torture-Filme sich durch eine moralische Botschaft auszeichneten, die durch die Gewaltszenen lediglich illustriert werde. Ich bin geneigt, Bousman zuzustimmen. Die Killer der Torture-Filme sind ausgesprochen mitteilungsbedürftig. Es geht ihnen darum, ihren Opfern eine moralische Lektion zu erteilen und sie darüber aufzuklären, warum sie leiden müssen. Das unterscheidet sie fundamental von den Killern der klassischen Slasherfilme, die entweder schweigend (Michael Myers) oder Witze reißend (Freddy Krueger) zu Werke gingen. Die Killer des Torture-Genres haben dagegen ein Evangelium zu verkünden.

Den Inhalt dieses Evangeliums fasst Thomas Fahy so zusammen: »These recently incredibly popular ›Saw‹ movies—all 5,000 of them—are killers with moralistic agendas. They are out torturing people that they feel embody sinfulness because we live in a society so corrupt and so infused by criminality and violence that we’re apathetic, and then they use extreme violence as part of their message.« Das trifft nicht erst auf die Saw-Reihe (2004–10) zu. Schon der Killer in David Finchers Se7en (1995) inszeniert mit seinen Morden die sieben Todsünden (eigentlich die sieben Hauptlaster), um die Menschen auf ihre Verderbtheit aufmerksam zu machen. In Joel Schumachers Phone Booth (2002) nimmt der Killer die Rolle eines Beichtvaters ein, der sein Opfer so lange quält, bis es bereit ist, seine Verfehlungen öffentlich zu gestehen. Das wäre also ein erstes genredefinierendes Merkmal: Im Torture Porn ist Folter ein Erlösungswerk. Menschen werden extremer Gewalt ausgesetzt, um sie von ihrer Sündhaftigkeit zu befreien und moralisch zu bessern. Man könnte auch sagen: In der Folter liegt die Transzendenz.

Zugleich wird deutlich, dass dahinter ein bestimmtes Gesellschaftsbild steht: Die Gesellschaft wird als verdorben angesehen, und um sie zu reinigen, bedarf es der Entfernung der sündigen Individuen aus ihrer Mitte. Dieses Gesellschaftsbild ist keineswegs nur das ideologische Phantasma eines Horrorfilmgenres, sondern durchaus historisch wirksam. Ein Beispiel liefert die letzte argentinische Militärdiktatur (1976–83): In dieser Zeit wurden zehntausende Menschen durch Streitkräfte, Polizei und Geheimdienste entführt und in Konzentrationslagern gefangen gehalten. Dort wurden sie mit Elektroschocks gefoltert und am Ende meist betäubt, in Flugzeuge verladen und lebendig über dem Atlantik abgeworfen. Schwangere Frauen ließ man entbinden, bevor man sie ermordete. Die Kinder erhielten neue Identitäten und wurden Militärfamilien übergeben. Die Junta bezeichnete dies als »Prozess der Nationalen Reorganisation«. In der Tat handelt es sich um ein großangelegtes Erziehungsprojekt zur moralischen Läuterung der Nation, wobei Folter und Mord das Mittel abgaben. Das Juntamitglied Emilio Massera diagnostizierte eine »Krise der Menschheit«, die er auf die »jüdischen Wissenschaften« Marxismus, Psychoanalyse und Relativitätstheorie zurückführte. Marx habe die Eigentumsordnung der Gesellschaft untergraben, Freud die »geheiligte Intimsphäre des Menschen« entweiht und Einstein schließlich die Vorstellung von der Stabilität der Materie in Zweifel gezogen. Zur Behebung dieser Krise befahlen Massera und die anderen Juntamitglieder die Ermordung all jener »subversiven« Elemente, die an dem von Marx, Freud und Einstein begonnenen Zersetzungswerk teilhätten. Rechtsgerichtete Kreise in der katholischen Kirche gaben dem Vorhaben ihren Segen. Lediglich die Kinder der »Subversiven« ließ man am Leben, um sie in einer nunmehr gereinigten sozialen Umgebung aufwachsen zu lassen.

Nimmt man den Anspruch der Torture-Filme, eine moralische Botschaft zu verkünden, ernst (und warum nicht, denn die Filme zeichnen sich durch eine gravitätische Ernsthaftigkeit aus), dann lässt sich schwerlich behaupten, ihre Gewaltdarstellung sei Selbstzweck. Dies ließe sich viel eher vom Splatterfilm behaupten. Die Probe aufs Exempel ist schnell gemacht: Nähme man etwa aus Herschell Gordon Lewis’ Blood Feast (1963), der gemeinhin als erster Splatterfilm gilt, die Gewaltszenen heraus, bliebe nicht viel übrig. Die Gewalt ist hier nicht Illustration einer Botschaft, wie Bousman für das Torture-Genre beansprucht, sondern die Substanz des Films selbst. Sie dient der Erheiterung des Publikums. Splatter mit seinen heraushängenden Eingeweiden und herumfliegenden Körperteilen ist schlicht und einfach Ekelhumor, der einer Ästhetik des Grotesken folgt. Darauf aufbauend wird das Splatter-Genre manchmal (etwa in den Filmen George A. Romeros) zur Gesellschaftssatire. Grotesker Humor und satirischer Spott sind aber etwas völlig anderes als die moralisierenden Botschaften des Torture Porn. Der Unterschied ist fundamental: Splatter ist ein komisches Genre, Torture Porn ein tragisches.

Ziel des Tragischen ist die Katharsis, die Läuterung des Publikums. Sie geschieht, indem das Publikum sich mit dem tragischen Helden identifiziert und sich von seinem Leiden berühren lässt. Aber wer bietet sich im Torture-Film zur Identifikation an? In jedem ordentlichen Slasherfilm geht vom Killer zwar eine starke Faszination aus, am Ende freut man sich aber darüber, dass er vom Final Girl zur Strecke gebracht wird. Die Rollen sind also klar verteilt. Anders ist es im Torture-Genre. Die Opfer erregen trotz der unaussprechlichen Qualen, die sie erleiden, nicht wirklich Mitleid. Oft handelt es sich um Charaktere, die unter einer Fassade bürgerlicher Wohlanständigkeit verlogen und egoistisch sind. Eben darum werden sie gefoltert – ihre unangenehmen Eigenschaften sollen ans Licht gebracht werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Eigenschaften wirklich von Anfang an da waren oder ein Produkt der Folter sind. Folter ist Gleichmacherei. Sie zielt darauf ab, noch die integerste Person dazu zu bringen, sich selbst und ihre Mitmenschen zu denunzieren. Unter Folter verlieren Menschen ihre Individualität. Doch auch der Killer bleibt merkwürdig gesichtslos. Er kommuniziert seine Botschaft meist nicht von Angesicht zu Angesicht, sondern verschickt indirekte Botschaften (oft sind die verstümmelten Leichen der Opfer selbst die Botschaft). Ist er erst einmal seiner Masken und seiner ausgeklügelten Marterwerkzeuge beraubt, wirkt er unauffällig, fast austauschbar. Und doch lernt das Publikum ihn meist besser kennen als die Opfer, weil es seine Beweggründe erfährt.

Dies führt zu einem zweiten genredefinierenden Merkmal: Torture-Filme verwischen den Unterschied zwischen Täter und Opfer. Der Täter teilt seine Beweggründe mit, und er foltert seine Opfer, damit auch sie seine Beweggründe verinnerlichen – entweder, indem sie durch ihren qualvollen Tod zur Botschaft des Täters werden, oder weil sie das Spiel des Täters aktiv mitzuspielen beginnen. Dazu passt ein Zitat von Will Self (das eigentlich aus einem anderen Kontext stammt, aber zur Charakterisierung des Torture Porn oft herangezogen wird):
Wir verlieren den Sinn dafür, welchen Standpunkt wir einnehmen. Des Sadisten, der foltert? Des Polizisten? Des unbeteiligten Komplizen? Es ist dieses Schwanken im Standpunkt, welches dem Zuschauer den ›Schwarzen Peter‹ der Mitschuld zuschiebt. Denn in einer solchen Situation gibt der Autor die moralische Verantwortung für das, was auf der Leinwand geschieht an den Zuschauer ab – oder schiebt sie ihm eher unter.*
Das erinnert auf den ersten Blick an das Epische Theater, das dem Publikum die Aufgabe zuweist, eine moralische Position zum Geschehen auf der Bühne zu entwickeln. Beim Epischen Theater geschieht dies allerdings durch den distanzierenden Verfremdungseffekt, der eine vorschnelle Identifikation mit den Figuren auf der Bühne verhindern soll. Torture Porn hingegen behält das tragisch-kathartische Schema bei, das das Publikum zur Identifikation mit dem dargestellten Geschehen zwingt.

Aber mit wem sich identifizieren? Folterer und Gefolterte sind sich nicht mehr ausreichend unterscheidbar. Eine klare Positionierung ist unmöglich. Das Genre trägt seinen Namen zu recht, denn hier tut sich eine Parallele zum Pornofilm auf, insbesondere zu den Gangbang- und Gonzo-Subgenres, in denen Identifikation nicht mit einer einzelnen Figur, sondern mit dem orgiastischen Vorgang erwünscht ist. Indem der Torture-Film die Identifikation mit den Figuren erzwingt und zugleich verunmöglicht, verweigert er eine Antwort, lässt aber auch keine Fragen offen. So bleibt letztlich zur Identifikation nur – die Folter selbst.

Natürlich beruht diese Definition vor allem darauf, die selbstformulierten Ansprüche des Genres ernstzunehmen und sie auf ihre Voraussetzungen zu befragen. Zum Glück gibt es kaum Anzeichen dafür, dass das Publikum diese Ansprüche ebenfalls ernst nimmt und in den Torture-Filmen etwas anderes als eine neue Generation von B-Movies zu sehen bereit ist.

* Zitiert nach Wikipedia.

Samstag, 2. August 2014

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.