Mittwoch, 9. Juli 2014

MZB-Update

Triggerwarnung: Kindesmissbrauch, sexualisierte Gewalt.

Im Fall Marion Zimmer Bradley gibt es einige Neuigkeiten und klärende Hinweise sowie eine (wie ich finde) kontroverse Angelegenheit, der ich mich in einem weiteren Blogpost widmen will.

Da ist zunächst Deborah J. Ross, eine Autorin aus dem Kreis um MZB, die heute die Darkover-Reihe fortführt. Als die Nachricht von den Missbrauchsvorwürfen gegen Bradley einschlug, verschickte sie einen Tweet, den ich bereits in meinem ersten Blogpost zum Thema zitiert habe: »Only half the story is being told. Please be careful about believing sensationalist rumors online.« Vor zwei Wochen hat Ross sich nun dafür entschuldigt: »I was wrong about the story, and I was wrong to say what I did. I am deeply sorry for the pain I caused.« Das verstehe ich als Eingeständnis, dass das, was Ross in ihrem Tweet geschrieben hatte, schlicht falsch war.* Trotzdem hätte mich interessiert, was genau sie eigentlich meinte, als sie sagte, nur die Hälfte der Geschichte werde erzählt. Aber sei’s drum, vielleicht handelte es sich einfach nur um eine abwehrende Floskel.

In meinem ersten Post schrieb ich:
In den siebziger Jahren gründete MZB die Künstler_innenkommune Greyhaven. Sie sammelt eine Gruppe von Autor_innen um sich, mit denen sie in quasi-familiärer Weise zusammenlebte. Darunter sind Paul Edwin Zimmer (MZBs Bruder), Diana L. Paxson (die nach MZBs Tod den Avalon-Zyklus fortsetzte) und Elisabeth Waters (MZBs langjährige Lebensgefährtin und Sekretärin, die heute ihren Nachlass verwaltet).
Dabei habe ich mich von dem deutschsprachigen Wikipedia-Artikel über MZB leiten lassen, in dem es heißt: »Mit ihren Schwägerinnen Diana L. Paxson und Tracy Blackstone und ihrem Bruder Paul Edwin Zimmer wohnte sie in dem Schriftstellerhaushalt Greyhaven, später bis zu ihrem Tod in ihrem Haus Greenwalls, beides in Berkeley (Kalifornien).« Paxson hat nun darauf hingewiesen, dass diese Angabe nicht ganz zutrifft:
In 1971 I and my family bought a large house in Berkeley which we called Greyhaven. In addition to me, my husband and our son, the family included Marion’s mother and Marion’s younger brother and his wife and daughter. Since my husband had been unofficially adopted into the Zimmer family, I thought of Marion as my sister-in-law.
In 1973 Marion’s family moved into a house about a mile away which they called Greenwalls. Marion and her family never lived at Greyhaven. They did come here regularly for holidays and Sunday afternoon tea. The confusion between the two households arose because in 1983 Marion edited an anthology featuring stories by many of the people who used to come to discuss their writing around the tea table, and called it Greyhaven, since that was where the discussions took place.
Über ihr Verhältnis zu Bradleys und Walter Breens Kindern schreibt Paxson:
After living elsewhere for a number of years, both of Marion’s younger children have now returned to the Bay Area. Moira’s brother is currently living with us at Greyhaven. Moira herself lives in the area, joins us for family parties, and leaves her youngest son here for play-dates with his cousins. We at Greyhaven have done our best to provide a loving and supportive family. Moira has given me permission to quote the following:
“I would like to clarify for the sake of those who read the anthology Greyhaven that although our large, extended family often COLLECTED at Greyhaven in the Berkeley Hills, my mother’s house has always been called “Greenwalls.” … My brother and I often stayed at Greyhaven after school in the early grades, because it was a short walk from school, but we did not live there. The concept of Greyhaven as an extended family/writer’s colony exists to this day, as we meet for afternoon tea on Sundays as the decades roll past. Please do not assign any responsibility for my mother or father’s bad actions to those who lived at Greyhaven: if Diana had known what my mother or father was doing, it is likely she would have been on the phone with the police even faster than I was.”
Gut zu wissen, dass Moira Greyland und ihr Bruder in ihrer Kindheit wenigstens zeitweilig einen sicheren Ort hatten. Gut auch, dass mit Paxson wenigstens eine Person aus MZBs innerem Kreis nicht in den Chor der Anfeindungen und der Schuldabwehr einstimmt, wie sie bereits seit der Veröffentlichung von Bradleys und Elisabeth Waters’ eidesstattlichen Aussagen durch Stephen Goldin zu hören sind. Gewusst haben will Paxson aber auch nichts.

Der Marion Zimmer Bradley Literary Works Trust, der MZBs Nachlass verwaltet, hat sich mittlerweile zu Wort gemeldet. Und weiß natürlich ebenfalls von nichts. Gegenüber dem Guardian** sagte der Literaturagent Russell Galen, der den Trust vertritt:
Marion is deceased and we are not able to ask her about her side of the story, nor do we have any personal knowledge of the events that are being described. All we can say is that during the decades in which we worked with her, we found Marion to be a great friend and enormously kind person. She was much loved by many friends, especially in the literary community where she supported the careers of many writers at considerable personal expense. That’s just a statement of fact based on personal knowledge, and is not meant to be a response to these allegations ...
Das lasse ich mal kommentarlos so stehen. Gollancz, einer von MZBs Verlagen, kündigt an:
Allegations about Marion Zimmer Bradley have surfaced in the last couple of weeks, including a statement from her daughter, Moira Greyland, that she was sexually abused by her mother. Ms Bradley died in 1999 and therefore cannot answer these charges, nor are we in a position to comment on them; we are also mindful of the dangers of drawing a link between any writer’s personal life and their work. Further, we are aware that royalties from the sales of her work are mainly distributed between a range of charities, including Save the Children. We have considered carefully what response, if any, we – as publishers of her digital backlist – should make in this situation. We have decided that we will henceforth donate our income from sales of her Gateway e-books to Save the Children. We will be making no further comment on the matter.
* Oft genug bestehen Entschuldigungen von Personen des öffentlichen Lebens ja aus hirnerweichenden Formulierungen wie »Ich entschuldige mich, aber ich bleibe bei dem, was ich gesagt habe«.
** Leider verschweigt der Guardian-Artikel, dass es vor allem Stephen Goldins, Deirdre Saoirsa Moens und Natalie Luhrs’ Bemühungen waren, durch die der ganze Fall überhaupt publik wurde.

Dienstag, 8. Juli 2014

Lest alte Fantasy: Der Zauberlehrling

Anfang 2012, wenige Monate nach dem Auffliegen des NSU, schrieb Fritz J. Raddatz einen Artikel für die Literarische Welt, in dem er den ›tiefen Staat‹ der Deutschen anprangert, den es in der Weimarer Republik gab und heute in der Berliner Republik gibt:
Es ist der Hass, den Heinrich Heine zeitlebens erfuhr; es ist der Hass, mit dem blutrünstige Offiziere Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordeten, den Publizisten Maximilian Harden halbtot schlugen; es ist der Hass, mit dem von Rittergutsbesitzern finanzierte Horden mordend durchs Land zogen, von einer Justiz unbehelligt die kriminelle Vereinigung »Organisation Consul« gründen und betreiben konnten; es ist eben jener Hass, mit dem anno 2011 Mordbuben – wieder von staatlichen Organen unbehelligt, geduldet, wenn nicht gar unterstützt – sich »Zwickauer Zelle« nennen durften, Brettspiele bastelnd, auf denen Juden ins KZ geschickt werden ...
Was Raddatz umtreibt, ist die Frage nach der Rolle der Intellektuellen in diesem mörderischen deutschen Schlamassel. Was haben sie dem faschistischen Hass entgegenzusetzen? Zornig bezeichnet Raddatz es als »Geschichtsklitterer-Quark«, wenn behauptet wird (wie Klaus Harpprecht und Golo Mann es getan haben), dass die demokratische Intelligenz der Weimarer Republik versagt habe. Und er holt zu einem Gegenschlag aus, dessen Stoßrichtung an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt: Es seien allein die marxistischen Intellektuellen gewesen, die dem Aufstieg des Nazismus verwirrt oder sprachlos entgegen gesehen hätten. Walter Benjamins »Fehlurteile [würden] ein Glossar füllen«, und Bert Brecht habe sich in dieser Zeit, in der so viel auf dem Spiel stand, lediglich dafür interessiert, Texte von Hegel, Marx und Lenin zu diskutieren. Der Gruppe der »Ballonmützen-Wüteriche«, der »Rot-Front-Kämpfer in verschwitzter Arbeiterbluse« stellt Raddatz als leuchtendes Beispiel die bürgerlichen Linken gegenüber. Diese allein hätten früh ihre Stimme erhoben und unermüdlich vor dem kommenden Unheil gewarnt. Kästner, Tucholsky & Co. sind in Raddatz’ Augen die vorbildlichen engagierten Intellektuellen, deren Stimmen man »analytisch, warnend, manchmal gar prophetisch hören sollte«.

Es ist kein Zufall, dass er sich in diesem Zusammenhang ablehnend über Benjamin auslässt. Denn es sind ja gerade die von Raddatz so gelobten linksliberalen, bürgerlichen Autor_innen, (deren künstlerische Strömung um 1930 herum die Neue Sachlichkeit darstellte), denen Benjamin »linke Melancholie« attestierte. Ihr literarischer Aktivismus habe »mehr von Blähungen als vom Umsturz«, höhnte Benjamin in einer Kästner-Rezension. Nun finde ich durchaus, dass Benjamins Kritik der Neuen Sachlichkeit zu pauschal ausgefallen ist. Ossietzky und andere taten alles in ihrer Macht stehende, und sie bezahlten dafür mit Isolation, Verfolgung und oft auch mit ihrem Leben. Aber es ist leider nur allzu wahr, dass die linksliberalen Intellektuellen sich gegen Ende der Weimarer Zeit in einer Art Schockstarre befanden und teilweise wie hypnotisiert waren von dem Grauen, das auf sie zu kam. Niemand hat ihr Dilemma passender in Worte gefasst als Erich Kästner, als er über Tucholsky schrieb, er habe »mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten« wollen.

Raddatz hat recht, wenn er Parallelen zwischen den rechten Todesschwadronen der 20er Jahre und dem NSU sieht. Er hat zehnmal recht, wenn er die Behauptung, die Weimarer Republik sei an ihren Intellektuellen zugrunde gegangen, als Geschichtsklitterei bezeichnet. Die bürgerliche Demokratie in Deutschland wurde durch reaktionäre Eliten und eine auf dem rechten Auge blinde Justiz zerstört, die schon 1930 den Parlamentarismus ausgehebelt und durch ein autoritäres, antidemokratisches Präsidialregime ersetzt hatten, so dass im Grunde die Nazis bereits herrschten, bevor sie die Macht übernommen hatten. Keine noch so engagierten Intellektuellen mit Schreibmaschinen hätten sie aufhalten können. Die Nazis an der Machtübernahme zu hindern, dazu hätte es nicht weniger, sondern mehr Ballonmützen-Wüteriche, mehr Rotfront gebraucht – solche allerdings, die sich nicht unrettbar in stalinistische Intrigen, erschütternd falsche Faschismusanalysen oder sozialdemokratische Halbherzigkeiten verstrickt hätten. Und solche gab es nicht, weshalb auch niemand die Katastrophe aufhielt.

Erich Kästner war einer der wenigen neusachlichen Schriftsteller, die nicht fliehen mussten oder den Tod im KZ erlitten. Er blieb während der Naziherrschaft in Deutschland, als »Kulturbolschewist« geschmäht und mit Publikationsverbot belegt. Er gehörte definitiv nicht zu denen (die »Ofenhocker des Unglücks«, wie Thomas Mann sie nannte), die ihr apolitisches Duckmäusertum nach ’45 mit dem Euphemismus der Inneren Emigration belegten und laut darüber jammerten, dass die Emigrant_innen es doch viel einfacher gehabt hätten als die im Lande Gebliebenen. Repressionen bekam Kästner in Form von Bücherverbrennung und Gestapo-Verhör leibhaftig zu spüren. Und doch kann man sagen, dass er zwischen ’33 und ’45 ganz im Sinne des NS-Machtapparats funktionierte. Er schrieb viel, veröffentlichte regelmäßig unter Pseudonym und lieferte Drehbücher für die Ufa-Blockbuster, die während des Krieges für Heile-Welt-Stimmung im zunehmend verzweifelten Herrenmenschenreich sorgen sollten.*

Es fällt manchmal schwer, sich vorzustellen, welche Lebensformen unter der deutschen Diktatur möglich waren. Was war Kästner – Verfemter oder Angepasster? Sicher scheint mir zu sein, dass er in einer Art eisiger, lebensfeindlicher Einsamkeit existierte. 1940 schrieb er zwei »Briefe an mich selber«, wobei er betonte, dass es sich nicht um eine literarische Fiktion handelte, sondern tatsächlich um versiegelte, frankierte und abgeschickte Briefe, die der Autor an sich selber schickte. Darin fragt sich Kästner, wie es kommen konnte, dass er sich selber fremd geworden sei. Seine Antwortversuche klingen eher beschwörend als überzeugt. Vollends unheimlich wird es im Fragment »Die Doppelgänger«, das mit einem Suizidversuch des Protagonisten Karl beginnt. Der wird in letzter Minute vom Selbstmord abgehalten, und zwar durch einen Engel, der Karl den Auftrag erteilt, sich auf die Suche nach seinem Doppelgänger zu machen (da bricht das Fragment auch schon ab). Neben der Einsamkeit scheint das Doppelgängermotiv in Kästners Versuchen, während der NS-Zeit Prosa für Erwachsene zu schreiben, beherrschend gewesen zu sein. Briefe, »Die Doppelgänger« und der unvollendete Roman Der Zauberlehrling erschienen 1969 bei Atrium in einem Band. So weit ich weiß, war es Kästners letzte Buchveröffentlichung, die noch zu seinen Lebzeiten erfolgte.

Der Zauberlehrling spielt hauptsächlich im verschneiten Davos, in dem allerdings kein Welttheater im Sanatorium mehr gespielt wird, sondern eher ein phantastisch-komisches Verwirrspiel. In einem von Wintersport, Tourismus und Parties geprägten Ort treffen ein Scharlatan, ein entthronter Gott, eine junge Schriftstellerin und verschiedene enttäuschte Liebende aufeinander. Im Mittelpunkt steht der junge Kunstgelehrte Mintzlaff, der auf dem Weg nach Davos auf einen Reisenden trifft, der über die Fähigkeit des Gedankenlesens und andere mysteriöse Kräfte verfügt. Baron Lamotte, wie der Fremde sich vorstellt, geht mit Mintzlaff einen Pakt ein: Er wird Mintzlaff erst in Ruhe lassen, wenn er seinen, des Barons, wahren Namen herausfindet. Lamotte (den wahren Namen verrate ich hier natürlich nicht) ist also eine Mischung aus Mephisto und Rumpelstilzchen – und doch keins von beiden. Eines jedenfalls stellt er unmissverständlich klar: »Kommen Sie mir jedoch nicht mit der Gattung ›Übermensch‹! Ich bin kein Mensch, kein Un- und kein Übermensch. Behalten Sie das tunlichst im Auge!«

Auch Mintzlaff ist kein faustischer Tatmensch. Er ist sich seiner selbst zutiefst unsicher und leidet eher passiv, statt die Initiative zu ergreifen. Der Pakt mit dem Baron schreckt ihn aus seiner falschen Ruhe auf. Lamotte blickt ihm in die verstörte Seele:
»Sie haben die letzten zehn Jahre Ihres bisherigen Lebens sorgfältig darauf verwendet, Ihr wahres Wesen zugrunde zu richten.« Die Stimme des Barons klang ernst. »Ihre Energie ist bewundernswert. Sie wollten sich erziehen. Und Sie haben sich erzogen! Sie waren einmal ein empfindsamer Mensch und konnten lieben. Wenn anderen Leid widerfuhr, litten Sie mit ihnen. Sie halfen, ob man sie gerufen hatte oder nicht. Sie hatten keine Angst, sich selber zu verlieren. Damals hatten Sie noch Gefühl im Leibe und spürten, daß man nicht ärmer wird, wenn man sich verschenkt.«
Der so gar nicht faustische Pakt mit Lamotte ist genau das, was der in seiner Menschlichkeit beschädigte Mintzlaff braucht. In diesem Pakt geht es nicht darum, die Seele aufs Spiel zu setzen. Mintzlaff hat seine Seele bereits verloren, und nun erhält er die Chance, sie zurückzugewinnen. Ob Kästner in seinem Leben jemals eine solche Chance sah?

Der Zauberlehrling hätte der Roman der Inneren Emigration werden können, wie Fabian der Roman der späten Weimarer Republik war. Es erscheint mir durchaus angemessen, dass Kästner dazu die Form der phantastischen Erzählung wählte, wie er für Fabian die Form des realistischen Stadtromans wählte. Was sich zwischen ’33 und ’45 in Deutschland ereignete, übersteigt die Ausdrucksmöglichkeiten des formalen Realismus.** Vielleicht musste Kästner damit scheitern, wie zuvor die Neue Sachlichkeit in ihrer Verteidigung der bürgerlichen Republik gescheitert war. Dennoch: Es gilt, den phantastischen Erzähler Kästner wiederzuentdecken.

P.S.: Ich will in Zukunft noch mehr »Lest alte Fantasy!«-Posts schreiben. Meist wird es um Werke gehen, die herkömmlicherweise nicht als Fantasy bezeichnet werden – weil sie zu alt oder zu hochliterarisch sind. Aber von solchen Skrupeln werde ich mich natürlich nicht beeinflussen lassen.

* Unter anderem arbeitete er am Drehbuch von Münchhausen (1943) mit, dem ultimativen deutschen Fantasyfilm der NS-Ära.
** Auch Ernst Jünger, selber Faschist, stellte die NS-Zeit in der Form eines phantastischen Romans dar: Auf den Marmorklippen (1939).

Freitag, 4. Juli 2014

Tolkienwulf

Seamus Heaney’s poetic translation or rendering of Beowulf has garnered the nickname Heaneywulf; but I will immediately concede that J. R. R. Tolkien probably did not infuse equally much original invention into his prose translation to merit the analogue Tolkienwulf. (Whether this would or will stand for his own fragmentary poetic translation remains somewhat unclear – that translation is not included in the present edition, without comment on reasons for its exclusion.)

To my knowledge, Beowulf: A Translation and Commentary has not made a big splash (yet?), one month after its publication. Which is perfectly understandable: It is a dense matter, necessitating close reading, and is most properly evaluated by Anglo-Saxonists. To be clear: I am not yet through with it, and this is not a full review. But I can give an idea of what this edition has to offer.

The book includes a complete prose translation of Beowulf, commentary on its first half drawn from lecture notes, Tolkien’s ‘reconstruction’ (titled Sellic Spell) of the fairy-story he assumes to underlie Beowulf, and a (in relation very much shorter) adaptation of the matter of Beowulf into a ballad.

To address a plausible concern: Can this edition be enjoyed without prior knowledge of Beowulf and Old English? Well, I very much guess so. All passages not in Present-Day English are provided with a translation. The commentary actually is quite accessible, and allows to really dig into the background of the poem. It clarifies the connections behind the text both in major and minor matters.
A prose translation of Beowulf has the obvious (at least, potential) advantage of being more readable – and it is! The non-truncated presentation of a flowing text, mostly even in quite ordinary syntax, can be followed. Furthermore, according to the Tolkiens, Old English poetry was syntactically quite close to prose, which is then adequately reflected in this translation. Nevertheless, the text is still deeply rhythmic.
Another remarkable feature is how this edition demonstrates and reflects on the variety of poetic styles which were Tolkien’s trade. I have remarked before on Tolkien’s description and mastery of the different characteristics of Old English and Norse poetry; here, it is again superbly elucidated and exemplified.
As ever, the editor [Christopher Tolkien] lets glimpses of his personality shine through. At 90 years of age, this becomes rather touching: he clearly recalls his father singing the ballad to him “when I was seven or eight years old” (p. 416) — “my first acquaintance with Beowulf and the golden hall of Heorot” (p. xiii). I could go on and on about the unique symbiosis of Tolkien sen. and jun.!
The book design of this edition fits well enough with the informal series of epic poetry editions (Sigurd & Gudrún, The Fall of Arthur). Basing the cover and interior artwork on Tolkien’s own drawings adds unique charm, and the blue cover and burgundy endpapers combine into a goergeous flair of luxury. A major quibble with the typography is that line references to the original poem and to the translation are disambiguated by font size; hence, the commentary is littered with incongruous-looking digits.

Obviously, in this scholarly work one does not encounter Tolkien’s tendency of appropriating legendary matter into his legendarium. But true to form, Sellic Spell exhibits Tolkien’s tendency to creatively fill the gaps in our understanding of ancient lore. As has been pointed out before, he brought nearly as much poetic intuition as scholarly erudition into his work. Or, to state it in a manner more compromising to the science of philology: With poetic intuition, he brought unique visions out of his scholarly work.

I wonder, though: who’s the audience of this peculiar book?

Samstag, 28. Juni 2014

Tolkien standardisiert

Am 16. diesen Monats wurde eine neue Version des Zeichenkodierungs­standards Unicode veröffentlicht. Neu hinzugekommen sind im Abschnitt für Runen drei Zeichen, die den offiziellen Namen “Tolkienian extensions” tragen.

Im Hobbit hatte Tolkien die Futhark-Runen verwendet, in der Intuition, dass rätselhafte Schriftsysteme einen besonderen Reiz auf Lesende ausüben würden. (In meinem Fall eine berechtigte Annahme!) Dabei erweiterte er den Bestand an Zeichen aber, um modernes Englisch damit schreiben zu können.*

Nun wurden diese neologischen Zeichen in den international wichtigsten Standard aufgenommen – “[o]wing to the importance of Tolkien as one of the major writers of the twentieth century and in particular to the scholarly attention given to his linguistic work”, so die Begründung im Antrag für die Aufnahme der Zeichen.
Nun ist es also möglich, die Inschrift auf Thrors Karte komplett in Unicode wiederzugeben, inklusive ᛱ ‘k’, ᛲ ‘sh’ und ᛳ ‘oo’. Ja, richtig, mit 99,99%iger Wahrscheinlichkeit sind hier im Moment Kästchen mit Ziffern und Buchstaben drin – und keine Runen – zu sehen. Die Standardisierung bedeutet erstmal, dass eine Einigung besteht, welchem Code die Runen in einem Font, also einer konkreten Schriftdatei, zugeordnet werden können. Dass zwölf Tage nach der Standardisierung wohl noch kein Font mit den “Tolkienian extensions” auf den Anzeigegeräten gelandet ist, ist nicht verwunderlich. Und immerhin: hinter den Kästchen steckt ein Code, der eine eindeutige Zuordnung zu den richtigen Zeichen langfristig möglich macht.

Und weiter? Erstmal erlaube ich mir jetzt die Erwartung zu haben, dass zukünftige E-Book-Ausgaben vom Hobbit die Runen dem Standard entsprechend kodieren. Eine standardkonforme Wiedergabe des Textes als Text – und nicht etwa als Bilddatei – ist eigentlich ein Mindestmaß an Qualität. Und für Menschen mit Sehbehinderung auch ein Mindestmaß an Zugänglichkeit.
Weiterhin ist dies (nach meinem besten Wissen) das erste Mal, dass Unicode von Tolkien erfundene Zeichen hinzugefügt wurden. Die Kodierung von Tolkiens Tengwar und Cirth** ist schon länger gewünscht und auch diskutiert worden. Allerdings, bei aller Liebe und Nerdigkeit, muss ich dem bisherigen Standpunkt des Standardisierungskonsortiums zustimmen: Solange dutzende natürliche Schriftsysteme von täglich genutzten Sprachen noch nicht kodiert sind, und daher nicht effektiv an Computern genutzt werden können und bedroht sind von den dominanten Schriftsystemen überschrieben zu werden, kann Tolkien warten.

* Germanische Runen, modernes Englisch und altnordische Namen in sein Legendarium eingemischt zu haben bereute Tolkien später, und nötigte ihn zu seiner elaboraten Übersetzungsfiktion.

** Also dem von ihm neu erfundenen Runensystem – das grundsätzlich etwas anderes ist als die von ihm adaptierten Futhark-Runen.

Freitag, 27. Juni 2014

How to not respond to unremittingly shite criticism

Als zertifizierter Gutmensch, vom Establishment bezahlt und von den linken Mainstream-Medien gehirngewaschen, habe ich natürlich große Freude an solcher Widerrede, die richtig mit ideologischem Schmackes daherkommt:
Die Kritik zu 1985 ist unglücklicherweise die Sichtweise eines Menschen, der vermutlich aus lauter politischer Korrektheit das “zeitgeistige” Anliegen Burgess’ völlig missverstanden hat – oder wollte. [...] Und nun zur politisch korrekten, und damit peinlichen, Kritik an Burgess’ Sicht auf den Islam ...
Allerdings muss ich sogleich meine Unerfahrenheit eingestehen. Es passiert leider ziemlich selten, dass einer meiner Rezensionen oder sonstigen Texte auf diese Weise begegnet wird. Ich frage mich also in bester Gutmenschentradition: Was tun?

Ich bin nicht der erste, der vor dieser Frage steht.
Die naheliegendste Antwort wäre wohl Fisking. Allein, ich halte nicht sonderlich viel von Fisking.* Die meisten Fiskings beschränken sich darauf, einem inkohärenten Rant mit einer Aufzählung der Fakten zu begegnen, die in dem Rant fehlen oder verzerrt widergegeben werden. Aber Fakten allein sagen halt nicht besonders viel aus. Mit ihnen lässt sich kein Beweis führen, wenn man nicht zuvor (innerhalb eines theoretischen Rahmens) eine Hypothese aufgestellt hat. Fehlt dieser Kontext, dient das Aufzählen von Fakten nur zur rhetorischen Verstärkung der jeweils vertretenen Position.

Aber vielleicht ist das gar keine schlechte Idee: Vergessen wir das mit den Fakten und bleiben beim Rhetorischen. Einen Spruch wie »Lesen hilft!« oder »Ungenügend. Der Nächste bitte!« loslassen? Das ist auch nicht wirklich befriedigend, und originell schon gar nicht. Ich gehe deshalb den bescheidensten aller Auswege und schließe mit einem Zitat von James Worrad, das ich unter einer seiner Satiren** gefunden habe und mir hiermit aneigne:
See, there’s this emerging cliche in SF blog comment rolls where a right wing guy comes on and says something that’s the wit equivalent of a Neanderthal trying to beat an Auroch’s skull in with a 12 inch rubber dildo and then the lefty-inclined blogger replies with something like ‘4/10, must try harder’ or some uninspired shit like that, basically replying to your comment in the style of a teacher or literary critic. The idea is it’s meant to be a ‘hilarious burn’. No doubt you must have encountered it.
Unfortunately your comment is so unremittingly shite in both concept and execution that I’d only have recourse to the above by-the-numbers and wholly unimaginative ‘satirical’ gambit. So I won’t.

* Am nächsten bin ich der Sache noch mit meinem Blogpost über Sigrid Löffler gekommen.
** Sehr erheiternd zu lesen übrigens.

Mittwoch, 25. Juni 2014

Neuzugänge

  • Clemens Brentano, Gockel Hinkel Gackeleia. Märchen
  • Andreas Gößling, Der Ruf der Schlange
  • E.T.A. Hoffmann, Das Fräulein von Scuderi
  • Diana Wynne Jones, Neun Leben für den Zauberer
  • Dies., Sieben Tage Hexerei
  • Heinrich von Kleist, Sämtliche Erzählungen und andere Prosa
  • Adolf Muschg, Der Rote Ritter. Eine Geschichte von Parzivâl
  • Franz Rottensteiner (Hg.), Phantastisches aus Österreich
  • Muriel Spark, Mary Shelley. Eine Biographie
  • Theodor Storm, Märchen. Der kleine Häwelmann • Hinzelmeier • Die Regentrude 
  • Jo L. Walton, Invocation

Dienstag, 24. Juni 2014

Mad Genius Club & Bealedoggle

Inhaltswarnung: Kindesmissbrauch, sexualisierte Gewalt, Homophobie.

Es hätte mich erstaunt, wären die jüngsten Enthüllungen über Marion Zimmer Bradley im rechten Flügel des US-amerikanischen Fandoms nicht auf eine ganz bestimmte Art von Resonanz gestoßen. Auf der von konservativen Genre-Autor_innen betriebenen Website Mad Genius Club etwa erschien am 14. Juni ein Artikel, der unverblümt verkündete, was Deirdre Saoirsa Moen aufgedeckt habe, sei »the truth behind Marion Zimmer Bradley’s sexual openness«. Die Wahrheit hinter MZBs sexueller Neugierde? In meinem letzten Blogpost habe ich die Hintergründe ausführlich geschildert: MZB war mit Walter Breen verheiratet, der jahrzehntelang Kinder sexuell missbrauchte. MZB deckte und unterstützte Breens Taten, wie sie selbst zugeben musste. Neu hinzu kam jetzt, dass Bradleys und Breens Tochter, Moira Greyland, sich mit einer E-Mail an die Öffentlichkeit wandte, in der sie ihre Mutter bezichtigte, nicht nur Mitwisserin Breens, sondern selbst Täterin gewesen zu sein. Diese E-Mail wurde von der Autorin Deirdre Saoirsa Moen auf ihrem Blog veröffentlicht. Nun fallen mir zur Beschreibung dieser Angelegenheit alle möglichen Ausdrücke ein – aber »sexual openness« gehört definitiv nicht dazu.

Um es kurz zu machen: Der Artikel des Mad Genius Club ist schlicht und einfach von Homophobie motiviert. Marion Zimmer Bradley hatte in den fünfziger Jahren anscheinend Kontakte zu den Daughters of Bilitis, einer Gruppe lesbischer Aktivistinnen. Später erfand sie die Freien Amazonen von Darkover und gab damit lesbischen Fans einen Platz im Fandom, wie er zuvor nicht bestanden hatte.* Was in dem Artikel verklausuliert als sexuelle Offenheit beschrieben wird, meint nichts anderes als Homosexualität, und die »Wahrheit« dahinter ist folgerichtig die Neigung zum Kindesmissbrauch. Wer schwul oder lesbisch ist, soll uns das sagen, vergreift sich auch an kleinen Kindern. Heuchlerisch beteuert Cedar Sanderson, die Verfasserin des Artikels: »I know quite well that not all who are homosexual are also child abusers.« Aber viele, wenn nicht die meisten, sind es ihrer Ansicht nach eben doch.

Als Beispiel dafür pickt sie sich Samuel R. Delany heraus, der sich aus Sicht des Mad Genius Club gleich in mehrfacher Hinsicht zum Feindbild eignet: Delany ist nicht nur einer der angesehensten Autoren von Fantasy und SF überhaupt, sondern auch schwarz, bekennend schwul, Marxist und queerer Denker. Das Thema Sexualität, und insbesondere der sogenannten ›abweichenden‹ Formen sexuellen Begehrens, zieht sich wie ein roter Faden durch Delanys Werk. Er weist auf, dass die ›Abweichungen‹ von einer Normalität abweichen, die bestenfalls ein fragwürdiges Konstrukt ist. In einem Interview über seinen Roman Hogg sagt er: »I want the narrator to move into a more stable social condition: that’s how, as perverts, we grow up and mature in this society—moving from a socially untenable fantasy, such as Hogg’s actions represent for most of us, to a more socially tenable reality [...] Although the criminal aspect of Hogg’s activities is what makes those acts socially available, the narrator is beginning to learn that it is the acts themselves, and not their criminal aspects, which he fetishizes.«** Hogg, die Titelfigur des Romans, ist ein brutaler Psychopath, der seine Perversionen unter Anwendung von Zwang und Gewalt auslebt. Der namenlose Erzähler, von dem Delany in dem Zitat spricht, ist dabei Betroffener und Komplize zugleich. Während eines Zeitraums, in dem er von Hogg getrennt ist, lernt der Erzähler jedoch (andeutungsweise) andere Möglichkeiten kennen, wie sich Perversionen leben lassen – Möglichkeiten, die in Delanys Worten »gesellschaftlich tragbar«, nicht verbrecherisch sind. Der Perversion ist keine sexuelle Norm aufzulegen, sondern eine Norm des Sozialverhaltens. Gleichzeitig muss die Gesellschaft permissiv genug sein, um Perversion grundsätzlich zuzulassen. Ist sie dazu nicht bereit, nimmt sie in Kauf, dass die Perversion im Geheimen ausgelebt wird, was die Gefahr mit sich bringt, dass die Perversion mit den kriminellen Mitteln verwechselt wird, die angewendet werden, um den Fetisch heimlich ausleben zu können.

Für den Artikel des Mad Genius Club ist gerade dieses Interview der Stein des Anstoßes, denn es hat den Anschein, als äußere sich Delany darin lobend über eine Organisation namens NAMBLA. Der englische Wikipedia-Artikel über NAMBLA bringt ein entsprechendes Zitat Delanys.*** NAMBLA steht für North American Man/Boy Love Association. Der Name sagt alles: Es handelt sich um eine Organisation, die sich dafür einsetzt, dass Pädophilie als legitime Variante menschlicher Sexualität akzeptiert wird (dem Anschein nach war Walter Breen, MZBs Ehemann, ein Mitglied). Delany hat mehr als einmal positive Worte für NAMBLA gefunden. In seinem Buch Shorter Views spricht er z.B. beiläufig davon, dass NAMBLA eine Gruppierung sei, die einen ungerechtfertigt schlechten Ruf genieße.† Ich weiß nicht, warum Delany meint, sich für NAMBLA einsetzen zu müssen. Möglicherweise hat er sich zu der Ansicht verstiegen, dass sexuelle Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen auch gewaltfrei möglich seien. Vielleicht auch nicht. Ohne genauere Aussagen Delanys lässt sich darüber nur spekulieren. So oder so finde ich die Unterstützung einer Organisation wie NAMBLA inakzeptabel.

Noch inakzeptabler ist aber, was der Mad Genius Club daraus macht: Nicht nur, dass er Kindesmissbrauch als Folge von Homosexualität darstellt, der Artikel endet auch noch mit der Aufforderung »stop praising those who abuse and defile children«. Was im Falle Walter Breens ganz angebracht ist, ist bei Delany reine Diffamierung. Delany hat sich zustimmend über NAMBLA geäußert. Das ist verwerflich genug, lässt sich aber nur um den Preis einer grotesken Verharmlosung mit aktivem Kindesmissbrauch gleichsetzen. In die gleiche Kerbe schlägt Theo Beale alias Vox Day, der vor dem Aufstieg Larry Correias so etwas wie der Star unter den rechtsradikalen Großsprechern im US-Fandom war. Am 19. Juni veröffentlichte Beale einen (nicht allzu kohärenten) Text auf seinem Blog, in dem er sich darüber beklagt, dass das liberale Fandom »the deeds of perverts and molesters and rapists« bewusst ignoriere. Und warum ist das so? Na klar – »because they are evil. It is that simple.«

Es ist aber nicht so einfach. Bei dem, was der Mad Genius Club wie Beale da verkünden, handelt es sich um ein ebenso verbreitetes wie abgedroschenes Ideologem: It’s them queers and pinkos who want to have sex with our children. In den Diskursen der Rechten über Kindesmissbrauch bricht das Unheil stets von außen über die Gemeinschaft der braven Schäflein herein. Durch ihre Vorstellungswelt geistern effeminierte Männer, die Kinder im Auto mitnehmen, und finstere Vergewaltiger, die nachts im Gebüsch lauern. Mit der Realität hat das wenig zu tun. Fakt ist, dass die allermeisten Missbrauchsfälle sich innerhalb der Familie ereignen. Die Psychologin Monika Egli-Alge nennt für die Schweiz eine Rate von 84% Missbrauchsfällen im familiären Umfeld. Für Deutschland geht man davon aus, dass in 93% der Fälle die Täter_innen dem Kind bekannt sind. Mädchen sind zehn mal häufiger betroffen als Jungen, während es sich zu 90% um männliche Täter handelt. Das heißt: Die Täter_innen sind keine Fremden, und in den allermeisten Fällen sind sie nicht lesbisch oder schwul.

Die Fokussierung auf Organisationen wie NAMBLA, die Pädophilie als unproblematisch darstellen und sexuelle Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen entkriminalisieren wollen, ist auch nicht gerade hilfreich. Ihr Aktivismus ist abstoßend, kein Zweifel, doch tragen mit Schaum vor dem Mund vorgebrachte Lynchphantasien gegen Pädosexuelle nichts zum Kinderschutz bei. Beale behauptet, sexueller Missbrauch von Kindern werde von »sexual deviant[s]« begangen, und hält damit die Frage nach der Motivation von Täter_innen für beantwortet. Ein weiterer Versuch, Kindesmissbrauch mit Homosexualität in Verbindung zu bringen, und wiederum einer, der an der Realität vorbeigeht. Der Sexualforscher Volkmar Sigusch nimmt zehn verschiedene Tätertypen an. Nur bei einem davon ist Pädophilie bzw. Pädosexualität das treibende Motiv. Egli-Alge zufolge werden ›nur‹ 25–40% der Sexualdelikte an Kindern von Pädophilen verübt. Deshalb lässt sich ein effektiver Schutz von Kindern gegen sexuelle Übergriffe nicht erreichen, indem man allein bei dem Phänomen der Pädophilie ansetzt.

Was von Leuten wie Beale konsequent ignoriert wird, ist der Gewaltcharakter des sexuellen Missbrauchs. Die Täter_innen sind überwiegend Heterosexuelle, die nicht mal das Problem haben, sich zu Kindern sexuell hingezogen zu fühlen (wie es bei Pädosexuellen der Fall ist). Mangelhaft ist nicht ihre sexuelle Orientierung, sondern ihr Empathievermögen. Dass Beale selbst jegliches Verständnis für sexualisierte Gewalt fehlt, ist daran erkennbar, dass er sich allen Ernstes dafür ausspricht, Vergewaltigung in der Ehe solle legal sein.††

Geht es um die Thematisierung von Kindesmissbrauch durch Rechtsradikale (ob im Fandom oder in der Gesellschaft insgesamt), sind meines Erachtens vor allem zwei Dinge von Bedeutung:
  1. Wenn Rechtsradikale sich das Thema Kindesmissbrauch aneignen, handelt es sich um eine Instrumentalisierung. Die entsprechenden Diskurse sind meist stark auf die Täter_innen fixiert, wobei diese als ›außenstehend‹, ›anders‹ oder ›fremd‹ imaginiert werden, oft auf homophobe Weise. Häufig werden brutale Bestrafungswünsche artikuliert, die zum Schutz von Kindern nichts beitragen, sondern eher dazu führen, dass der Blick von dem Ort, an dem Missbrauch überwiegend stattfindet (der Familie), abgelenkt wird. Missbrauch zu erkennen wird dadurch schwieriger. Aus diesem Grund ist das, was Rechtsradikale über sexuellen Missbrauch zu sagen haben, nicht nur verfehlt, sondern aus der Sicht von Betroffenen auch gefährlich.
  2. Daraus folgt, dass Rechtsradikale keine Verbündeten sein können, wenn es um die Auseinandersetzung mit Missbrauch und Kinderschutz bzw. Kinderrechten geht – wie wortreich sie sich auch immer empören mögen. Rechten Diskursen oder Versuchen, sich das Thema anzueignen, begegnet man im Alltag immer wieder. Sie beschränken sich nicht auf NPD-Plakate zu Wahlkampfzeiten, die »Todesstrafe für Kinderschänder!« fordern. Wer mehr erfahren möchte: Argumentationshilfen und andere Gegenstrategien finden sich in zwei lesenswerten Broschüren der Amadeu-Antonio-Stiftung, »Was Sie über sexuellen Missbrauch wissen sollten« und »Instrumentalisierung des Themas sexueller Missbrauch durch Neonazis«.
* MZB als Pionierin der LGBTI-Bewegung zu feiern, ist dennoch nicht unproblematisch. Ihre persönliche Haltung zur Homosexualität war alles andere als konsistent, und die (aus meiner Sicht ja sehr erfreuliche) Entwicklung, dass vor allem lesbische Frauen sich mit den Freien Amazonen idenifizierten, scheint nicht unbedingt in der Absicht der Autorin gelegen zu haben.
** Carl Freedman (Hg.), Conversations with Samuel R. Delany, University Press of Mississippi 2009, S. 136.
*** Ich kann leider im Moment nicht überprüfen, ob Wikipedia korrekt zitiert, da die entsprechende Seite in der Vorschau von Google Books nicht vorhanden ist.
† Samuel R. Delany, Shorter Views: Queer Thoughts & the Politics of the Paraliterary, Wesleyan University Press 1999, S. 173.
†† Auf Skalpell und Katzenklaue ist vor zwei Jahren ein Artikel erschienen, der diese und andere Ansichten Beales mit Hilfe von Originalzitaten dokumentiert, die vor Misogynie, Rassismus und religiöser Borniertheit nur so triefen.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.