Donnerstag, 22. Dezember 2011

Grim and Gritty: Squealing Piggies

Debatte über die Darstellung (sexualisierter) Gewalt in der Grim-and-Gritty-Fantasy. Anlass war ein Post auf Requires Only That You Hate über Joe Abercrombies Last Argument of Kings. Daraufhin entwickelte sich eine eklige Diskussion im Forum von Westeros.org.* Larry vom OF Blog, der die Diskussion durch einen Link unabsichtlich auslöste, hat einen eigenen Post zum Thema geschrieben. Einen thematischen Zusammenhang gibt es auch mit Liz Bourkes Rezension von Mark Lawrence’ Prince of Thorns und Leo Cristeas Apologie von Lawrence’ Roman. Auf Requires Only That You Hate gibt es hier und hier Entgegnungen auf die Forumsdiskussion und Cristeas Post.

Die entscheidende Frage für mich: Was geht eigentlich in all den Hirnen vor, die meinen, ausnamslos jeden Aspekt der Literatur, die sie gern lesen, zu bejubeln und bedingungslos zu verteidigen? Anders formuliert: Warum sind bloß so beträchtlich viele Fantasy-Leser_innen Fanboys im schlimmsten Sinne des Wortes, die jede kritische Betrachtung ihrer Wichslektüre** für einen inakzeptablen Angriff halten? Einfach mal innehalten und denken: Kritik ist kein Fremdwort für »Find ich irgendwie doof«. Kritik im hier relevanten Kontext heißt, einen Gegenstand (in diesem Fall Bücher) nach zuvor ausgewählten Kriterien zu überprüfen. Und ein solches Kriterium kann z.B. die Frage sein, was eigentlich die Gewaltdarstellung in all den Werken macht, die in den letzten Jahren die Diskussion über Fantasy bestimmt haben.

Problem: Ich glaube, dass immer noch weitgehend unklar ist, was die Gewalt in den Grim-and-Gritty-Fantasies eigentlich soll. Es gibt Genres, in denen Gewaltdarstellung einer mehr oder weniger deutlich erkennbaren Symbol- oder Verweisfunktion folgt. Im Splatterfilm ist die Gewalt Parodie, im klassischen Ami-Horror ist sie Metapher für all das, was Jugendliche durchmachen – in der Familie, im Umgang mit der Sexualität und in der Hölle auf Erden, der Schule. Das ist anders in den typischen Fantasies der letzten Jahre. Geht es um den Sinn ihrer Gewaltdarstellung, herrscht weitgehende Ratlosigkeit. Parodistisch ist sie erkennbar nicht, denn die splattertypische Überdrehtheit fehlt völlig. Und wenn sie metaphorisch zu verstehen sein soll, verschiebt das die Frage nur, ohne sie zu beantworten, so lange niemand zu sagen vermag, was denn der Sinn der Metapher sein soll.

Oft wird gesagt, die massive Darstellung von Metzeleien und sexualisierter Gewalt sei ein Realismuseffekt. Seltsamerweise wird das vor allem von Leuten postuliert, die selber aller nach Wahrscheinlichkeit noch nie vergewaltigt wurden und in ihrem Alltag auch nicht gerade Gefahr laufen, von marodierenden Bewaffneten zu Tode gefoltert zu werden. Also was, zum Geier, ist dann das Realistische daran? Denn man kann wohl getrost voraussetzen, dass das Prädikat »realistisch« hier im Sinne von »der Wirklichkeit entsprechend« verwendet wird. Wenn man aber auf dem Realismusprädikat für die zahlreichen Gewalt- und Vergewaltigungsszenen, welche die Fantasy nun schon seit einiger Zeit prägen, besteht und sie als notwendig verteidigt – tja, dann muss man als weißer Mittelklasse-Fanboy, der sich in seiner Freizeit an finsteren, blutigen und chauvinistischen Beschreibungen von Dingen ergötzt, die ihm selbst nie widerfahren werden, aushalten, wenn Menschen, die sich potentiell oder tatsächlich in einer ganz anderen Lage befinden, einem völlig zu recht ans Bein pinkeln. Der weiße Mittelklasse-Fanboy vergisst nämlich allzuleicht, dass auch andere Menschen Fantasy lesen und diskutieren, darunter solche, die eigene Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht haben, oder auch solche, die aus verschiedenen Gründen Empathie eher für diejenigen empfinden, welche die Gewalt abkriegen, und nicht mit denjenigen, welche die Gewalt ausüben.

Ich will nicht verhehlen, dass ich selber auch keine richtige Antwort darauf habe, was die Gewalt in der Grim-and-Gritty-Fantasy denn nun wirklich soll. Ich bin geneigt anzunehmen, dass sie Teil des programmatischen disillusionment sind, welches die Gruppe der Grim-and-Gritty-Autor_innen sich auf die Fahnen geschrieben hat: Die Auflösung vermeintlich genretypischer Konventionen wie strikte Gut-Böse-Dichotomie, generischer Handlungsverlauf mit abschließender Rettung der Welt etc. Sollte dem so sein, dann liegt dennoch auf der Hand, dass eine für diesen Zweck vorgenommene Betonung von Gewalt auch degenerieren kann. In der Tat ist das schon geschehen. Richard Morgan etwa verkauft die Inhalte des Grim-and-Gritty-Programms gern als Ausdruck von neuerlangter Reife und generellem »Erwachsensein« des Genres, und wirft denjenigen, die einen kritischeren Zugang vertreten, folgerichtig vor, sie seien kindisch.*** Damit beweist er im Grunde nur, dass er selbst geistig und emotional nicht über das Niveau eines Zwölfjährigen hinausgekommen ist (warum sonst sollte er dermaßen darauf insistieren, wie groß er schon ist), aber sein Vorgehen verfehlt seine Wirkung nicht. Es lässt sich heutzutage nicht selten beobachten, dass in der klassischen High-Fantasy-Tradition stehende Werke unter weitgehender Missachtung der Genre-Geschichte in die Jugendbuchschublade gesteckt werden. Erschienen die großen Werke der post-tolkienischen High Fantasy, wie Patricia A. McKillips Riddle-Master, Guy Gavriel Kays Fionavar Tapestry oder meinetwegen auch Terry Brooks’ Sword of Shannara, im Hier und Heute, würden sie dann auch im YA-Segment katalogisiert? Würde Richard Morgan beim Wort genommen, dann wäre die Antwort klar: Wenn darin nicht ausdauernd geflucht, gemetzelt und vergewaltigt wird, ist’s nur für Kinder. 

Es lässt sich nicht leugnen, dass ein Genre, welches ausgerechnet die plastische Darstellung von Gewalt und sexuellem Missbrauch für den Ausdruck emotionaler und intellektueller Reife par excellence hielte, ein ernsthaftes Problem hätte. Mein Eindruck ist aber, dass die Grim-and-Gritty-Fantasy mit Martin, Erikson und Bakker ihren Höhepunkt im Grunde schon hinter sich hat. Ihre Breitenwirkung hat sie mit Game of Thrones vom Romanzyklus an ein anderes Medium abgegeben. Morgans peinliche Auslassungen über Reife und Erwachsensein und Schrott wie Mark Lawrence’ Prince of Thorns sind dagegen Degenerationserscheinungen eines im Rückzug begriffenen Trends, in denen die Gewaltdarstellung vom disillusionment zum Selbstzweck geworden ist. Das wird die Fanboys natürlich auch in Zukunft nicht davon abhalten, auf jegliche Kritik mit empörtem Quieken zu reagieren (im Gegenteil). Sollen sie halt. Ich bin eher gespannt darauf, welche Fantasy nach der Grim-and-Gritty-Welle geschrieben wird, auch wenn wohl nicht damit zu rechnen ist, dass epische Sekundärwelt-Fantasy so bald wieder eine ähnliche Breitenwirkung entfalten wird, wie sie das gegenwärtig noch tut.

* Und zwar wirklich eklig. Der Thread enthält eine Menge – gewollte oder ungewollte – Verharmlosung von sexualisierter Gewalt. Kann man sich also überlegen, ob man sich so was wirklich geben will.
** Damit meine ich nicht, dass das Grim-and-Gritty-Zeug zu nichts anderem taugt als zur Wichsvorlage, sondern eher, dass die in Frage stehenden Bücher von ihren glühenden Fans häufig zu einer solchen reduziert werden.
*** So schon in seiner Attacke gegen Tolkien im Jahre 2009, und auch in der jetzigen Diskussion.

Kommentare:

gero hat gesagt…

Hi Anubis!

Die Diskussionen auf Westeros.org bzw. die Kommentare auf ROTYH habe ich auch verfolgt - und ja, sie sind genauso erschreckend wie die meisten derartigen Diskussionen, die sich um derartige Themen entspinnen. (Wobei ich es trotzdem faszinierend finde, dass - ungeachtet aller Ausfälle irgendwelcher Fanboys - derartige Diskussionen in der angloamerikanischen Blogosphere zumeist viel weiter und tiefer gehen als hier bei uns.)

Ich bin genauso wie du der Meinung, dass die Grim-and-Gritty-Fantasy mit Martin, Erikson & Bakker ihren Höhepunkt erreicht bzw. überschritten hat, obwohl angesichts der Verkaufszahlen von Abercrombie und Brett da sicher nochmal nachgelegt werden wird. Denn noch haben es Werke, die zumindest vordergründig nicht so grim & gritty sind, deren Gewalt subtiler geschildert wird (ohne, dass sie mMn weniger erschreckend wird!), auf dem Markt erheblich schwerer. Das gilt für einen Daniel Abraham (dessen "Long Price Quartet" in Deutschland ebenso gefloppt ist wie in den USA) wie für einen David Anthony Durham (dabei ist "Acacia" mMn sehr grim und sehr gritty, nur wird alles weniger plakativ geschildert; anyway, "Acacia" war in den USA bedingt erfolgreich und tut sich in Deutschland ziemlich schwer) oder einen Ken Scholes (hier hat man ja in den USA versucht, durch eine Veränderung der Covergestaltung mehr Verkaufserfolg zu generieren - und in Deutschland sind die Zahlen auch eher traurig). Bei den Sachen, die nächstes Jahr in den USA auf den Markt kommen, meine ich, eine leichte Abkehr vom (zumindest sehr vordergründigen) grim & gritty feststellen zu können (das gilt natürlich nur für die, in die ich bis jetzt reingeschaut habe), ohne sich in Richtung der "klassischen" Fantasy zu bewegen - was ein bisschen dazu führt, dass die Sachen irgendwie im Nichts zu schweben scheinen. (Äh ... ja, das klingt jetzt vermutlich komisch. Ich hoffe, ich habe zwischen den Jahren mal ein bisschen Ruhe, dann kann ich das, was ich meine, vielleicht etwas stringenter oder nachvollziehbarer ausführen. ;-))

Ich selbst habe mich in den letzten Wochen und Monaten - wenn ich denn überhaupt Fantasy gelesen habe, die ich nicht lesen musste - eher der Zeit vor den Tolkien-Epigonen zugewendet, wobei das teilweise auch ein Wiederlesen von Sachen ist, die ich früher mal auf Deutsch gelesen habe und jetzt im Original lese. Lawrence' "Prince of Thorns" habe ich hingegen nach 50 oder 60 Seiten genervt in die Ecke geschmissen. (Wobei ich bei den meisten neuen G&G-Sachen die Banalpsychologie, die da durchschimmert, besonders nervig finde. Man sollte halt halbverdautes Zeug nicht als Grundlage eines Romans benutzen ...)

Naja, egal. Spannendes Posting auf alle Fälle! Und bevor ich weiter Unsinn brabbele, mache ich jetzt lieber Schluss.

Beste Grüße
Gerd

molosovsky hat gesagt…

Schöner Blogeintrag: Ich finde es immer ganz großartig, wenn der Unterschied zwischen dem Benutzen und Aneignen von Literatur und der tatsächlichen Beschäftigung mit ihr ausgedeutet wird.

Als Rechtfertigung für die eindringliche oder ausführliche Darstellung von Gewalt fallen mir auch nur die beiden großen Punkte a) Spektakel und b) Realismus/Relevanz ein.

Ich weiß nicht, ob Du die Podcasts von Luke Burrage kennst (bzw. kennst und abkannst), aber die Besprechung von Bakkes »The White-Luck Warrior« widmet sich auch dem Thema Gewalt, bzw. Vergewaltigungsdarstellung.

Anubis hat gesagt…

@Gerd:

Die Diskussionen der angloamerikanischen Blogosphäre finde ich meist auch sehr interessant und verlinke sie deshalb gerne (auch in der heimlichen Hoffnung, dass ihre Themen vielleicht deutschsprachigerseits verstärkt aufgegriffen werden könnten). Der ganze Fanboy-Murks, der darin auch immer zum Ausdruck kommt, ist durch Ignorieren ja ohnehin nicht zu beseitigen.

Dass es mit der Grim-und-Gritty-Welle schon ein Ende hat, glaube ich auch nicht. Spannend finde ich die Frage, wie weit sich das Interesse daran durch Game of Thrones in den Mainstream verschieben wird. Bislang kam es mir so vor, als seien die vom Mainstream einigermaßen beachteten epischen Fantasies überwiegend nicht der Grim-und-Gritty-Ecke zuzuordnen (Patrick Rothfuss, Tad Williams). Wenn es nun die Massen nach Game of Thrones nach »more of the same« gelüstet, würde vielleicht in der übersättigten Szene selbst das notwendige Vakuum entstehen, in dem alternative oder neue Entwicklungen angemessen Raum hätten. Aber das ist wahrscheinlich auch nur so eine vage Hoffnung...

Wo du gerade Acacia erwähnst: Ich finde aufgrund von Themen wie Sklaverei, Drogenhandel, Herrschaftssicherung dessen Realismuseffekt weitaus tiefgehender als den der meisten epischen Fantasies — und da wird deutlich, denke ich, dass die Realismusfrage nicht zuletzt eine der Realitätswahrnehmung ist. Und was das angeht, kann man halt auch ganz gut die Augen zudrücken, sich im Fantasy-Ghetto verkriechen und stellt dann solche Gleichungen wie »je mehr Gewaltdarstellung, desto realistischer« auf. So gesehen leider kein wirklicher Fortschritt gegenüber »Frauen, die kämpfen, sind unrealistisch«.

Ich würde mich auf jeden Fall über weitere Gedanken zum Thema freuen.

@molo:

Luke Burrage kenne ich (noch) nicht, vielleicht weil ich Bakkers Veröffentlichungen nach dem Krieg der Propheten leider nicht mehr verfolgt habe. Muss ich bei Gelegenheit mal gucken.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.