Donnerstag, 22. Dezember 2011

Die Dame vom See

Vor einer Weile hatte ich einen skurrilen Gedanken – na ja, jedenfalls fand ich ihn skurril: Jahrelang war ich ein hochnäsiger und überzeugter Verächter neuerer Fantasy. Fantasy war für mich ganz klar ein eng definierter Kanon von Klassikern, der vor allem J.R.R. Tolkien, T.H. White und C.S. Lewis umfasste. Über fast alles andere im Genre rümpfte ich ignorant die Nase und hielt es für Schund. Darüber nachdenkend, warum sich diese meine jugendlich-unwissend-tumbe Haltung eigentlich verändert hat, kam mir die Erkenntnis, dass es vor allem drei Leseerlebnisse waren (jetzt kommt’s), nämlich Harry Potter, A Song of Ice and Fire und Andrzej Sapkowskis Geralt-Geschichten. Alle drei zusammen lösten in mir eine bleibende Begeisterung aus, die mich durch ihre nicht auf den Akt des Lesens beschränkte Dauer auch auf andere, vergleichbare Literatur neugierig werden oder mich Bücher, die ich bereits abgetan hatte, mit neuen Augen sehen ließ. Tja, durch solche Leseerlebnisse wird man wohl zum Fan, und wahrscheinlich ist jeder Fan (jede Fanin) im Grunde einfach das: nostalgisch.* Ich muss mich wohl daran gewöhnen, dass ich noch öfter auf diese Leseerlebnisse als etwas Entscheidendes in meinem Druckfarbenfresserleben zurückblicken werde (in my bookish life, könnte ich auf englisch sagen, denn es gibt keine vernünftige Übersetzung für bookish). Ist das schlimm? Ich glaube nicht. Das utopische Potential solcher Nostalgie ist wahrscheinlich weitaus höher als das traditionalistische Hüten und Einhegen eines Kanons – darauf bestehe ich jetzt einfach mal, um das hier nicht in eine Meditation über das Älter- und Weiserwerden abgleiten zu lassen.** Also zur Sache.

Die Dame vom See ist in jeder Hinsicht ein würdiger Abschluss für Sapkowskis Denkwürdigkeiten über den Hexer Geralt. Zum einen, weil darin all das, was die vorangegangenen Bände so großartig gemacht hat, noch einmal aufgenommen und intoniert wird. Zum Beispiel der Umgang mit Charakteren: Sapkowski ist vielleicht der erste, der ein eigentlich typisches Merkmal epischer Fantasy – eine große, geradezu unübersichtliche Anzahl von Charakteren – wirklich als Stilmittel einsetzt. Die Wesen, die Geralts Welt bevölkern sind nicht bloße Funktion für die Handlung, sondern machen diese Welt erst lebendig, so dass man wirklich keins von ihnen missen möchte. So prägnant ist noch der kürzeste Auftritt. Es bestätigt sich in Die Dame vom See auch Sapkowskis Fähigkeit, an jedes Thema auf eine Weise heranzugehen, als sei es seines. Nichts, was er anpackt, scheint zu groß zu sein. Es gibt Autor_innen, bei denen  – so mitreißend sie sonst auch erzählen – mir immer wieder auffällt, dass sie über Dinge schreiben wollen, deren Bedeutsamkeit (oder auch: deren Widersetzlichkeit aller Sinnstiftung gegenüber) ihnen nicht aufgeht. Es gibt Dinge, die man nicht einfach als eine Episode unter anderen behandeln kann, und es doch zu tun, ist eine schlimme Versuchung für Schriftsteller_innen. Bei Sapkowski ist das nie so. Wenn er über sexualisierte Gewalt, Kindersoldat_innen, Sadismus, politische Intrigen oder Völkermord schreibt – und er schreibt in den Geralt-Romanen eine Menge darüber –, dann ist das nie einebnend, verharmlosend oder Haschen nach Effekten, auch kein privilegiertes Betroffenheitsgetue. Sapkowski weiß um die Konsequenzen und versucht gar nicht erst, über die Brüche und die Wunden hinwegzugehen, als wäre nichts gewesen.

Und das ist das andere, was so großartig ist. Der Geralt-Zyklus verhält sich zur epischen Fantasy wie die besten Italowestern zum klassischen US-Western: Er nimmt einen Mythos auf, zerbricht ihn in tausend Scherben und zeigt in den ins Auge stechenden Reflektionen das Gehalt dessen, was zuvor in gewollter Naivität erzählt wurde. Diese Naivität lässt sich mit Sapkowski nicht mehr beibehalten, denn Vorsicht: Wenn man nach den Scherben greift, schneidet man sich in die Finger und es quillt Blut hervor. Erkennbar vor allem an der Schlachtenszene, die für mich den erzählerischen Mittelpunkt von Die Dame vom See darstellt und an Intensität und Gebrochenheit kaum zu überbieten ist. Sapkowski nutzt Zynismus, Gewaltdarstellung und scheiterndes Heldentum, um unerwartete Menschlichkeit zu zeigen. Bei anderen Büchern kann ich beurteilen und abwägen. Hier muss ich staunen.

Ha, jetzt fällt mir kein Schlusswort mehr ein. Braucht es vielleicht auch gar nicht, weil ich das, was ich bisher an Lob formuliert habe, damit ja ohnehin nur unterbieten kann. Hoffentlich kann ich auch weiterhin noch viel Sapkowski lesen – mehr muss ich eigentlich gar nicht sagen.

Die Dame vom See (639 Seiten) ist der siebte Band der Hexer-Saga und 2011 bei dtv erschienen. Die Übersetzung besorge Erik Simon.

* Ich glaube, Tolkien in »On Fairie-Stories« und Lewis in seiner Autobiografie beschreiben etwas ähnliches.
** Nur noch die Anmerkung für diejenigen, die mich für das lesende Äquivalent eines Unterschichtenfernsehguckers halten: Ich spreche hier von (Genre-)Fantasy. Ich lese auch andere Dinge. Unterschiedliche Literaturformen entsprechen unterschiedlichen Erwartungen und Bedürfnissen. Thomas Mann für den Deutschunterricht zu missbrauchen ist viel schlimmer, als sich diesen einfachen Sachverhalt vor Augen zu halten: Die sogenannte Hochliteratur für einzig lesenswert zu erklären ist letztlich auch nichts anderes als das Verhalten eines Parvenus, der jeden Morgen Champagner zum Frühstück säuft und das für einen Ausdruck von Noblesse hält – wäre er ein echt selbstbewusster Hedonist, würde er sich nicht auf eine so verkrampfte Gewohnheit festlegen.

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Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.