Donnerstag, 19. Juni 2014

Kindheit in Avalon

Hinweis zum Inhalt: Kindesmissbrauch, sexualisierte Gewalt.

Am 3. Juni erschien auf Tor.com ein Artikel, der (anlässlich ihres Geburtstags) an Marion Zimmer Bradley erinnerte, die 1999 an den Folgen eines Herzanfalls verstarb. Der Artikel erwähnte, dass sie in zweiter Ehe mit dem Fandom-Aktivisten Walter Breen verheiratet war. Was er nicht erwähnte: Walter Breen wurde 1954 wegen sexueller Belästigung von Kindern verurteilt. 1964 veröffentlichte er sein Buch Greek Love, das Päderastie in einem positiven Licht darstellte. 1990 wurde er wegen Verdachts auf Kindesmissbrauch verhaftet. Er gestand und wurde zu einer Haftstrafe verurteilt. 1993 starb er im Gefängnis.

Bradley und Breen waren 26 Jahre lang, von 1964 bis 1990, miteinander verheiratet und hatten eine Tochter und einen Sohn. 1979 trennte sich das Paar, blieb aber weiterhin in engem Kontakt, auf persönlicher wie auf geschäftlicher Ebene. 1990, nach Breens Verhaftung, reichte Bradley die Scheidung ein. Wenn das alles wäre, gäbe es nicht unbedingt einen Grund, den Missbrauch, den Breen betrieb, in einem Gedenkartikel über MZB zu erwähnen. Es ist aber nicht alles. Bradley wusste von Breens Aktivitäten. Sie deckte ihn und unterstützte ihn darin, sexuelle Beziehungen vor allem mit Jungen zu pflegen. Sie war am Veröffentlichungsprozess von Greek Love beteiligt, und das Buch ist ihr gewidmet. Sie schrieb sogar eine Art Komplementärartikel dazu, »Feminine Equivalents of Greek Love in Modern Fiction«.

Zu Beginn der sechziger Jahre war Breen eine schillernde Figur im SFF-Fandom von Berkeley, wo auch MZB später lebte. Breen war in dieser Zeit dafür bekannt, sich sogar vor den Augen ihrer Eltern an Kindern zu vergreifen. 1963–64 kam es deshalb zu einer Kontroverse, die als »Breendoggle« bekannt wurde. Das Fandom von Berkeley zerstritt sich über Breen. Während einige dafür eintraten, ihn von Fan-Aktivitäten auszuschließen, sprachen andere von Rufmord oder waren der Ansicht, ein Ausschluss aus dem Fandom sei schlimmer als Breens Übergriffe und deshalb nicht gerechtfertigt. Wie ›schlimm‹ aber waren Breens Übergriffe? Bill Donaho (ein Fan, der sich bemühte, Breens Aktivitäten ein Ende zu setzen) verfasste ein Memorandum, »The Great Breen Boondoggle or All Berkeley Is Plunged into War«, in dem er die Akte von Kindesmissbrauch, die Breen beging, detailliert schilderte. Ich zitiere aus diesem Dokument nicht, sondern sage nur, dass die Lektüre mich fassungslos gemacht hat. (Für den Link spreche ich deshalb eine Triggerwarnung aus!)

Wenn ich sage, dass Walter Breen eine schillernde Figur war, so gilt das für seine gesamte Persönlichkeit. In seinem Äußeren kultivierte er eine Art Guru-Stil mit langem Bart und wallendem Haupthaar. Er trug bunte, über der Brust geöffnete Hemden und den Schlüsselanhänger seiner Studentenverbindung als Zipper am Jeansreißverschluss. (Ich muss zugeben, dass er mir allein schon deshalb wie ein ausgesprochen unangenehmer Mensch vorkommt). Breen galt als ausgeprochen intelligent und zugleich als jemand, der noch im Erwachsenenalter sehr kindliche Verhaltensweisen zeigte.* Er war eine Art Über-Nerd, bekannt nicht nur im Fandom, sondern auch als begabter Musiker und als Numismatiker (als solcher entwickelte er eine Systematik zur Katalogisierung von Münzen). Er glaubte an Reinkarnation und war überzeugt, ein früheres Leben auf Atlantis verbracht zu haben – ganz wie die Figuren aus MZBs Avalon-Romanen. Ein Besuch auf dem Glastonbury Tor (ein Ort, der allen Leser_innen von The Mists of Avalon bekannt sein dürfte) geriet ihm zum mystischen Erlebnis, mit Trancezuständen und Halluzinationen. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass viele Menschen sich von seiner Persönlichkeit in den Bann ziehen ließen. Breen stand im Ruf, eine Legende des Fandoms zu sein. Noch heute gibt es Menschen, die mit ehrfürchtiger Bewunderung von ihm sprechen. Sein jüngstes bekanntes Opfer war gerade einmal drei Jahre alt, als er es missbrauchte.

1964, als Bradley und Breen heirateten, war der »Breendoggle« noch im Gange. Breen fuhr fort, Kinder und Jugendliche zu missbrauchen. In den siebziger Jahren war MZB Mitgründerin der Künstler_innenkommune Greyhaven. Sie sammelte eine Gruppe von Autor_innen um sich, mit denen sie in quasi-familiärer Weise zusammenlebte.** Darunter sind Paul Edwin Zimmer (MZBs Bruder), Diana L. Paxson (die nach MZBs Tod den Avalon-Zyklus fortsetzte) und Elisabeth Waters (MZBs langjährige Lebensgefährtin und Sekretärin, die heute ihren Nachlass verwaltet). Nach der Trennung von MZB wohnte Breen weiterhin in einem Haus, das seiner Frau gehörte. Dort missbrauchte er seit 1985 ein Kind, das in diesem Jahr acht war. 1989 informierte Moira Greyland, Bradleys und Breens Tochter, wegen dieses Falles die Polizei. Breen wurde verhaftet und verurteilt, kam auf Bewährung frei, belästigte ein weiteres Kind und musste ins Gefängnis. 1997 wurden auch MZB und Elisabeth Waters angeklagt, als Mitwisserinnen Breens. Stephen Goldin, der Stiefvater eines der Kinder, die Breen missbraucht hatte, stellte die Aussagen, die MZB und Waters unter Eid tätigten, online. MZBs Versuche, sich zu verteidigen, sind haarsträubend. So behauptet sie einmal (laut Waters’ Aussage), Kinder an den Genitalien zu berühren, könne keine sexuelle Handlung sein, da Menschen vor der Pubertät keine erogenen Zonen hätten. Dann wieder sagt sie, sich selbst widersprechend, ein elfjähriger Junge sei in ihren Augen alt genug, um selbst zu entscheiden, ob er eine sexuelle Beziehung zu einem erwachsenen Mann eingehen wolle.

Breens Taten sind nur allzu gut dokumentiert. Als Anfang Juni der Artikel zu MZBs Ehren auf Tor.com erschien, reagierte Deirdre Saoirse Moen mit einem Blogpost, in dem sie einige besonders erschreckende Passagen aus Bradleys Aussage vor Gericht zitiert. Tor.com zog daraufhin den Artikel zurück.*** Eine Woche später erhielt Saoirsa Moen eine E-Mail von Bradleys und Breens Tochter, Moira Greyland, die sie mit Einverständnis der Absenderin veröffentlichte. Darin sagt Greyland:
It is a lot worse than that.
The first time she molested me, I was three. The last time, I was twelve, and able to walk away.
I put Walter in jail for molesting one boy. I had tried to intervene when I was 13 by telling Mother and Lisa [Waters], and they just moved him into his own apartment.
I had been living partially on couches since I was ten years old because of the out of control drugs, orgies, and constant flow of people in and out of our family “home.”
None of this should be news. Walter was a serial rapist with many, many, many victims (I named 22 to the cops) but Marion was far, far worse. She was cruel and violent, as well as completely out of her mind sexually. I am not her only victim, nor were her only victims girls.
I wish I had better news.
So erschreckend sich das anhört, es ist tatsächlich keine wirkliche Neuigkeit. Elisabeth Waters sagte an Eidesstatt aus, Moira habe ihr von dem Missbrauch durch ihre Mutter und eine Vergewaltigung durch ihren Vater erzählt. Sie sprach MZB darauf an, erhielt von ihr aber nur die oben erwähnte Aussage über die erogenen Zonen, die Kinder angeblich nicht hätten. Sie sprach auch Breen darauf an, der alles bestritt. Weiter unternahm sie nichts. Ihrer eigenen Auskunft nach erwähnte sie die Sache nie wieder. All das ist in den von Stephen Goldin zugänglich gemachten Dokumenten zu lesen.

Nun ist eine E-Mail kein Gerichtsurteil. MZB ist tot, und wenn sie nicht nur Mitwisserin, sondern auch Täterin war, wird sie niemals dafür bestraft werden. Ihre Aussage vor Gericht, die MZBs zutiefst problematisches Verhältnis zur Sexualität von Kindern offenbaren, zeigen deutlich, dass sie über keinerlei Verständnis für das Machtgefälle zwischen Kindern und Erwachsenen verfügte – oder vielleicht auch, dass sie das Machtgefälle sehr gut verstand und für Breens und ihre Zwecke auszunutzen wusste.

Erstaunlicherweise gibt es immer noch Personen, die MZB in dieser Sache in Schutz nehmen. Es scheint, als habe es sich ausgezahlt, dass sie als Bestseller-Autorin einen engen Kreis von Vertrauten um sich scharte. Schon 2000, nachdem Goldin MZBs Aussage öffentlich machte, formulierte Elisabeth Waters eine Gegendarstellung. Waters bezweifelt, dass Breen Kinder missbraucht habe, und streitet ab, dass Bradley davon gewusst haben könne. Und sie unterstellt Goldin und seiner Frau, die eigentlichen Schuldigen an den Missbrauchserfahrungen ihres Sohnes zu sein: »God only knows what the poor kid learned about sex from them.« Dieses Dokument wurde ebenfalls von Goldin veröffentlicht. Waters arbeitet für den Marion Zimmer Bradley Literary Works Trust, an den die posthumen Einkünfte aus MZBs Veröffentlichungen fließen. In dem biographischen Porträt auf den Seiten der Stiftung wird nicht einmal erwähnt, dass MZB mit Walter Breen verheiratet war. Deborah J. Ross, die MZBs Darkover-Reihe fortsetzte, schrieb zu den jüngsten Ereignissen auf Twitter: »Only half the story is being told. Please be careful about believing sensationalist rumors online.« Twitter-Formulierungen sollte man nicht auf die Goldwaage legen. Aber ich frage mich doch: Wenn das, was Goldin, Saoirsa Moen und Greyland aufgedeckt haben, die eine Hälfte der Geschichte ist – wie sieht dann erst die andere Hälfte aus?

Es gibt jetzt viele Überlegungen, wie mit MZBs Andenken, mit ihrem Werk umzugehen ist. Saoirsa Moen hat meinem Gefühl nach die treffendsten Gedanken dazu:
Many of us have been through some really dark times, and we have the pieces that spoke to our hearts that got us through those times. It genuinely gives me no joy to know that, for those whom MZB’s works were those pieces, I’ve dislodged that for them. [...] In addition to the lives she harmed, MZB’s works saved the lives of other people by speaking to them when other works and other people would not and/or did not. Truly. Rachel E. Holmen, who worked as an editor for Marion Zimmer Bradley’s Fantasy Magazine said about Marion:
When she visited cons, ten or twenty young women an hour would stop by with stories along the lines of “Your books saved my life.”
There are other writers being published now who may speak to those same hearts, but if MZB is still the author that would help them, then I think it’s important that her work be available to do so. This doesn’t diminish her very real (and very severe) failings.
Bevor Joanne K. Rowling auf der literarischen Bühne erschien, war MZB wahrscheinlich die bekannteste Autorin von Fantasy, zumindest außerhalb von Genrekreisen. Innerhalb des Genres liegt ihre Bedeutung vor allem in ihren Anthologien, die von Frauen geschriebener Sword and Sorcery größere Anerkennung verschafften. Das bleibt so, trotz aller Schuld, die sie auf sich geladen hat. Aber: Es ist momentan viel von »seperating the artist from the art« die Rede. Wir alle haben völlig zu recht gelernt, dass man Literatur nicht als Antwort auf die Frage »Was will uns der Autor damit sagen?« interpretieren kann. Aber (um ein einschlägiges Beispiel zu wählen) man kann auch nicht Lovecrafts Rassismus von seinem Werk trennen, denn dieser Rassismus findet in seinem Werk vielfältigen Ausdruck. Man kann Lovecraft weiterhin lesen und sein Werk bewundern, aber man kann angesichts von »The Horror at Red Hook« nicht so tun, als sei er kein Rassist gewesen. Ähnliches gilt in meinen Augen auch für MZB:
Ein kleines Mädchen, von Kopf bis Fuß blau bemalt, rannte mit einem großen Teller über die gepflügten Felder und besprengte die Erde mit dunklen Tropfen. Morgaine hörte ein gewaltiges Rufen, das sich hinter ihr erhob.
»Die Felder sind gesegnet! Gib uns Nahrung, Mutter!«
[...] Sie streckte die Arme aus und wußte, daß vor der Höhle im Licht der Fruchtbarkeitsfeuer Männer und Frauen, die vom schäumenden Strom des Lebens zueinander gezogen wurden, sich auf ihren Befehl vereinigten. Das kleine, blaubemalte Mädchen, das mit dem befruchtenden Blut über die Felder gelaufen war, wurde in die Arme eines alten sehnigen Jägers gelegt; Morgaine sah, wie sich die Kleine kurze Zeit wehrte, aufschrie und unter seinem Körper begraben wurde, während sich ihre Schenkel auftaten – bezwungen von der unwiderstehlichen Kraft der Natur. Morgaine sah es, ohne zu sehen. Sie schloß die Augen vor der blendenden Fackel und hörte die Schreie.
Das ist ein Ausschnitt aus einer Schlüsselszene in MZBs berühmtesten Roman Die Nebel von Avalon. Die Szene beschreibt ein Fruchtbarkeitsritual, dem Morgaine, die Heldin und Sympathieträgerin des Buches, als Priesterin vorsteht. Und sie beschreibt auf distanzierte, fast beiläufige Weise die Vergewaltigung eines Kindes, der die Heldin zusieht, ohne wirklich hinzusehen. Man ziehe daraus Schlüsse oder nicht. Wir wissen jetzt mit aller erschreckenden Klarheit, dass MZB nicht besser als die Heldin ihres Romans war. Wahrscheinlich hat sie Schlimmeres getan, als nur wegzusehen.

* Mit dem Hinweis auf sein ›kindliches‹ Verhalten will ich nicht seine Taten beschönigen – etwa nach dem Motto »Boys will be boys«. Vielmehr vermute ich, dass Breen diesen Zug seiner Persönlichkeit absichtlich stark zum Tragen brachte, um leichter Kontakt zu Kindern aufnehmen zu können.
** Siehe zu dem durchgestrichenen Satzteil meinen Follow-up-Post.
*** Saoirsa Moen äußerte zunächst Freude über die Entscheidung von Tor.com, sagte aber später, sie hätte es bevorzugt, wenn Tor.com den Artikel hätte überarbeiten lassen.

Donnerstag, 12. Juni 2014

SteglitzMind stellt Lake Hermanstadt vor

Gesine von Prittwitz hat mir für ihr Blog SteglitzMind einige Fragen gestellt. Das Gespräch ist seit gestern mittag online. Es ist Teil einer Interviewreihe mit Literaturblogger_innen, die 2012 begonnen wurde und Leuten wie mir ermöglicht, laut über unsere Motivation zum Lesen und Bloggen nachzudenken. Zu verdanken habe ich diese Gelegenheit Frank Böhmert. Am Ende jedes Interviews wird nämlich gefragt, welches Blog als nächstes vorgestellt werden soll, und Frank Böhmert hat sich doch glatt den Hermanstädter See gewünscht.

Freitag, 30. Mai 2014

Sigrid Löffler auf Literatursafari

Was nur macht es für deutschsprachige Literaturkritiker_innen so attraktiv, den Provinztrottel zu geben und sich dabei als Mittelpunkt der Welt zu fühlen? Ich verstehe es nicht und werde auch gar nicht erst versuchen, es zu verstehen. Einen Erklärungsversuch unternimmt der Romanist János Riesz.* Die Sachlage scheint mir klar zu sein: In der hiesigen Kritik herrscht eine weitgehende Ignoranz gegenüber postkolonialer Literatur. Riesz bringt ein aufschlussreiches Zitat aus einer Rezension, die Uwe Timm für die Zeit verfasste:
Das Buch, ein Roman von 351 Seiten, hat die besten Chancen, keine Leser und Leserinnen zu finden, und das, obwohl es voller Witz und Phantastik ist, spannend, informativ, kurzum ein ganz und gar ungewöhnliches Buch. Vor vier Monaten erschienen, ist es im deutschen Feuilleton bislang noch nicht besprochen worden. Woran liegt es, daß ein Roman derart unbeachtet bleibt? Die Antwort ist einfach: Der Autor ist Afrikaner. Der Roman spielt in Afrika, erzählt von Afrika.
Das Buch ist Die Nächte des großen Jägers von Ahmadou Kourouma, ein in der Tat höchst lesenswerter magisch-realistischer Diktatorenroman. Timm gehört zu den wenigen biodeutschen Schriftsteller_innen, die sich überhaupt ernsthaft mit dem Kolonialismus und seinen Folgen auseinandergesetzt haben, und ihm ist in seiner Einschätzung recht zu geben. Als Wole Soyinka 1986 den Literaturnobelpreis erhielt, lautete die patzige Reaktion eines deutschsprachigen Kritikers, das sei ja gut und schön, so lange er jetzt nicht gezwungen werde, Soyinkas Bücher zu lesen. Die Botschaft ist nicht schwer zu entziffern: Ein afrikanischer Autor, das kann ja keine richtige Literatur sein, sondern höchstens Dritte-Welt-Kitsch, der uns Kulturmenschen von naiven Multikulti-Aposteln aufgedrängt wird.

Nun hat mit Sigrid Löffler eine einflussreiche Kritikerin die postkoloniale Literatur entdeckt. In ihrem Buch Die neue Weltliteratur und ihre großen Erzähler verkündet sie, das Neue daran sei, »dass es sich um globale Literatur handelt, die Autoren aus Weltgegenden stammen, von denen man bisher gar nicht geahnt hatte, dass dort Literatur entstehen könnte«. So sagt es Löffler in einem Interview mit der taz. Sie sagt es wirklich. Geschenkt, dass sie von »Weltgegenden« faselt, die ihrer (sicherlich wohlinformierten) Ansicht nach »bisher zum Teil weder eine Literatur noch eine Literatursprache hatten«. Das entspricht nur dem stereotypen Bild, das viele Weiße von den Ländern des Südens haben: Die Menschen dort schreiben keine Bücher, weil sie viel zu sehr damit beschäftigt sind, arm (und im Grunde glücklich!) zu sein – und wenn von ihnen doch mal was veröffentlicht wird, dann sind es autobiographische Berichte über Genitalverstümmelung oder das Leben als Kindersoldat, die mit der Hilfe westlicher Journalist_innen für ein westliches Publikum verfasst werden.

Auffällig an Löfflers Aussage finde ich eher, dass sie die postkoloniale Literatur als »global« qualifiziert, weil sie aus jenen mysteriösen, bis vorgestern noch buchlosen »Weltgegenden« stamme. Glaubt sie etwa, dass die westliche Literatur, die in englischer oder französischer Sprache verfasst wird, nicht auf dem gesamten Globus gelesen wird? So dumm wird sie nun auch wieder nicht sein. Löfflers globale Literatur wird »von Migranten geschrieben, ist Migrationsliteratur«. Aber Henry James, Ezra Pound und T.S. Eliot, die es aus den USA nach Europa zog, würde sie wahrscheinlich nicht als Verfasser von »globaler« oder »Migrationsliteratur« bezeichnen. Die sind höchstens Weltliteratur, was wohl heißen soll: Ihre Heimat ist die Welt, nicht irgendwelche »Weltgegenden«. Wie ja westliche Schriftsteller_innen überhaupt nie Migrationsliteratur verfassen, sondern höchstens Reiseliteratur. Ein anderer US-Amerikaner, Paul Bowles, konnte 50 Jahre lang in Tanger leben und schreiben, ohne dass jemand auf die Idee gekommen wäre, ihn einen Migrationsliteraten zu nennen.

Ich weiß nicht, was ich zweifelhafter finden soll, die bisher gepflegte Ignoranz gegenüber postkolonialer Literatur oder Löfflers Versuch, sie zu rezipieren, indem man ihr das Etikett »globale Literatur« anklebt und als etwas ganz und gar neues darstellt. In der Folge will ich eine Aussagen aus dem Interview mit Löffler genauer betrachten:
Ich habe von jeher diese Literatur gelesen, von den frühen Werken von Naipaul, Rushdie oder Coetzee angefangen. Außereuropäische Literatur ist heute nicht mehr das Thema von Nischen- oder Spezialverlagen.
Wie bitte? Von jeher? Rushdie und Coetzee haben ihre ersten Werke Mitte der siebziger Jahre veröffentlicht. Die postkoloniale Literatur begann aber viel früher, noch während der Kolonialzeit. Wenn ich mich auf Afrika als Beispiel beschränke, dann waren vor allem die fünfziger und sechziger Jahre eine Zeit, in der zahlreiche Klassiker erschienen. Im Bereich der englischsprachigen Literatur wären vor allem Chinua Achebes Things Fall Apart (1958), Ngũgĩ wa Thiong’os The River Between (1965) und The Interpreters von Wole Soyinka (1965) zu nennen. Im frankophonen Bereich ging es noch etwas früher los: Camara Layes L’Enfant noir erschien 1953, Le pauvre Christ de Bomba von Mongo Beti 1956 und Ousmane Sembènes O pays, mon beau peuple 1957. Aber wahrscheinlich ist diese Literatur Löffler nicht »global« genug. Dann sollte sie sich vielleicht mit der – zu recht kritisierten, aber dennoch bedeutenden – afrikanisch-karibisch-französischen Literaturbewegung der Négritude auseinandersetzen, deren große Zeit in den dreißiger und vierziger Jahren lag.

Kurze Abschweifung, denn für das Fantasy-Publikum von besonderem Interesse ist ein Roman mit dem vielleicht großartigsten Titel der Literaturgeschichte, den ich zu dieser Gelegenheit ausdrücklich empfehlen möchte: The Palm-Wine Drinkard and His Dead Palm-Wine Tapster in the Deads’ Town von Amos Tutuola. Der Debütroman des nigerianischen Schriftstellers, den Michael Swanwick »one of the best writers of fantasy in world literature« nannte, erschien erstmals 1952. Sein Ich-Erzähler und Queste-Held verbringt seine Tage am liebsten damit, große Mengen Palmwein zu trinken. Als sein vielbeschäftigter Palmweinzapfer stirbt, macht er sich auf die Suche nach der Stadt der Toten, um den Verstorbenen wieder mit ins Land der Lebenden zu nehmen. Das Erscheinungsdatum von Tutuolas Roman macht ihn gewissermaßen zu einem afrikanischen Gegenstück des Lord of the Rings, und zwar eins, das keinen Pfifferling auf westliche Stil- und Erzählkonventionen gibt. Übrigens: Wenn Diskussionen, wie Tolkien-Fans sie führen, über die Darstellung der schwarzen Haradrim als brüllende, mit den Augen rollende Wilde an den Punkt gelangen, an dem wieder einmal behauptet wird, Tolkien hätte das zwangsläufig so machen müssen und umgekehrt hätte ein afrikanischer Autor die Weißen sicherlich ebenso verzeichnet, dann kann man getrost auf Tutuola verweisen. In The Palm-Wine Drinkard gibt es weit und breit keine uniform als blutrünstig und kriegsversessen dargestellten weißen Horden. Komisch aber auch.

Doch zurück zu Löffler:
Inzwischen halten es auch die großen Publikumsverlage für geboten, einen afrikanischen, asiatischen oder karibischen Autor im Programm zu haben. Und so schien mir der Moment jetzt richtig, einem deutschsprachigen Publikum eine Art Überblick über diese nach dem Zweiten Weltkrieg neu entstandene Literatur zu geben, die immer wichtiger wird.
Unzweifelhaft tut sich im Moment einiges. Postkoloniale Literatur erscheint in Deutschland nicht mehr exklusiv bei Suhrkamp und Peter Hammer. Taiye Selasi hat nicht nur mit Ghana Must Go, sondern auch mit ihrer Begriffsprägung Afropolitan Aufsehen erregt. Dieses Jahr ist seit längerer Zeit erstmals wieder ein Roman von Zadie Smith ins Deutsche übersetzt worden. Nnedi Okorafor und Helen Oyeyemi – zwei Fantasy-Autorinnen mit nigerianischen Wurzeln, die eine in den USA, die andere in Großbritannien lebend – genießen literarisches Ansehen auch außerhalb von Genregrenzen. Aber wäre es in dieser Situation nicht wichtig, darauf hinzuweisen, dass postkoloniale Literatur nicht erst gestern auf der Bildfläche erschienen ist, sondern eine Geschichte hat? Löffler sieht das nicht so:
Ich schreibe keine Literaturgeschichte. Ich versuche einen noch unbekannten literarischen Kontinent, der gerade auftaucht, vorläufig zu kartografieren.
Ein unbekannter Kontinent, schau an. Hat man sich ihr Unternehmen als literaturkritisches Äquivalent zu Stanleys Kongo-Expeditionen vorzustellen? Vergessen Sie auch in Zukunft nicht, Khaki-Anzug und Tropenhelm für ihre literarischen Reisen einzupacken, Frau Löffler! Es ist immer besser gut gerüstet zu sein, wenn man sich in unkartographiertes Gebiet begibt, um dort als überlegene Entdeckerin aufzutreten. Denn überlegen fühlt Löffler sich:
Mein Thema ist die postkoloniale Literatur und nicht die Literatur, die noch einmal den Kolonialismus ins Auge fasst. [...] Und dass diese Literatur noch nie in einem Kontext gesehen wurde, schien mir ein Manko, dem ich mit diesem Buch abhelfen wollte.
Eine echte Pionierin im postkolonialen Dschungel also, immer auf der Jagd nach literarischem Elfenbein. Aber wie will sie postkoloniale Literatur von »Literatur, die noch einmal den Kolonialismus ins Auge fasst« trennen? Kann man die Folgen des Kolonialismus thematisieren, indem man den Kolonialismus ignoriert? Beinhaltet das eine nicht notwendigerweise das andere? Anscheinend nicht, denn Löffler reduziert postkoloniale Literatur mehr oder weniger auf Werke, die Migrationserfahrungen thematisieren. Und selbst diese reduziert sie noch einmal auf Einwanderung in die ehemaligen kolonialen Mutterländer. Was bei Löffler weitgehend außen vor bleibt, ist die Süd-Süd-Migration, bei der es gerade nicht um eine Bewegung von der südlichen Peripherie in die nördlichen Zentren geht. Insbesondere die lateinamerikanische Literatur bietet dafür zahlreiche Beispiele – von Gabriel García Márquez, der seinen Lebensabend in Mexiko verbrachte, über Gioconda Belli, die wegen der Somoza-Diktatur Nicaragua verließ und (wie viele verfolgte Intellektuelle) in Costa Rica Zuflucht fand, bis hin zu Roberto Bolaño, dessen »Wanderungen quer durch den lateinamerikanischen Kontinent« von Löfflers Interviewer genannt werden.** Süd-Süd-Migration gibt es auch in Afrika, wie das Beispiel Nuruddin Farahs zeigt, der in Indien studierte und, nachdem er sein Heimatland Somalia in den Siebzigern verlassen hatte, u.a. in Nigeria, Gambia, im Sudan, in Uganda, Äthiopien und Südafrika lebte. Postkoloniale Literatur wird nicht erst dann bedeutend, wenn sie von den Erfahrungen ihrer Autor_innen mit Europa oder Nordamerika handelt.

Löffler interessiert das alles scheinbar nicht. Die lateinamerikanische Literatur ist ihr größtenteils schon deshalb egal, weil sie sich aus unerfindlichen Gründen auf »die globale Literatur aus Asien, aus Afrika und aus der Karibik« beschränken will, und diese dann nochmals zeitlich, räumlich und sprachlich eingrenzt, indem sie kurzerhand das Ende des britischen Empire zum Anfangspunkt der postkolonialen Literatur erklärt. Und sonst so? Wie geht Löffler mit Kritik an ihren Leerstellen und blinden Flecken um?
[D]ass nun jeder mit seinen Partikularkenntnissen daherkommt und sagt, warum kommt der chinesische Dichter Ping-Pong nicht vor, das habe ich fast erwartet. Das ist aber kleinlich und nörglerisch.
Nun ja, damit dürfte endgültig klar sein, dass Löffler weder von ihrem Einfühlungsvermögen noch von ihren Kenntnissen her qualifiziert ist, ein Buch zum Thema postkoloniale Literatur zu schreiben. Nicht, so lange sie das abstoßende Herrenmenschen- und Entdeckergehabe pflegt, das in diesem Interview zum Vorschein kommt. Aber gut. Falls Löffler demnächst nicht mehr mit »globaler Literatur«, sondern mit ihren Partikularkenntnissen über irgendwelche dichtenden Lieschen Müllers und Hans-Ottos aus Kartoffelland beeindrucken will, kann ich mir einfach achselzuckend denken, dass ich unter den deutschsprachigen Autor_innen ohnehin lieber solche mit Migrationserfahrungen lese. Wie zum Beispiel Thomas Mann, Walter Benjamin oder Jean Améry.

Ein Schmankerl zum Schluss:
Unterhaltungsliteratur [...] habe ich nicht aufgenommen.
Hätte sie mal tun sollen. Dann wäre sie vielleicht auf solche Klassiker der globalen Migrationsliteratur wie Alexandre Dumas und Adelbert von Chamisso gestoßen.

* János Riesz, Die »unterbrochene Lektion«. Deutsche Schwierigkeiten im Umgang mit afrikanischer Literatur, in: Susan Arndt (Hg.), AfrikaBilder. Studien zu Rassismus in Deutschland, Münster 2006, S. 162–174.
** Erwähnenswert ist auch der Kosmopolit Borges, der auf Spanisch schrieb, mit seinen Eltern Englisch sprach, die deutsche Literatur bewunderte und großes Vergnügen aus der Beschäftigung mit Angelsächsisch und Altnordisch zog (ja, ganz wie Tolkien), und dennoch fast sein ganzes Leben in Argentinien verbrachte.  

Dienstag, 27. Mai 2014

Neuzugänge

  • Clive Barker, Cabal (deutsche Ausgabe)
  • Timothy Findley, Die letzte Flut
  • Greer Ilene Gilman, Moonwise
  • William Goldman, Adventures in the Screen Trade: A Personal View of Hollywood and Screenwriting
  • Marie Hermanson, Das englische Puppenhaus. Erzählungen
  • Amanda Prantera, Die Königstochter aus Fanien
  • Andrzej Sapkowski, Narrenturm
  • Ders., Lux perpetua
  • Guillermo del Toro u.a., Don’t Be Afraid of the Dark: Blackwood’s Guide to Dangerous Fairies

Donnerstag, 24. April 2014

Pirinçci: Holdrio, holdria!

Vergangenen Herbst fasste Alan Posener die Strategie der Neuen Rechten, jener »spätpubertären Kämpfer wider die politische Korrektheit«, so zusammen:
Wie räche ich mich an meinen linken Eltern? Ich finde alles toll, was die blöd fanden, ätsch. Das Muster hat Jan Fleischhauer vorgegeben. [...] Bekanntlich ist der Ruf als Querdenker und Tabubrecher der sicherste Weg in die Talkshows der Republik und von da in die Bestsellerlisten. Immer mit dem leicht beleidigten Gesicht des verzogenen Kindes, das es den Eltern erst recht übel nimmt, wenn sie ihm nachgeben.
Die Neue Rechte ist in mehr als einer Hinsicht das illegitime Kind der Neuen Linken. Man sagt den Vertreter_innen der Neuen Rechten ja gern nach, sie hätten Gramsci gelesen und von dem italienischen Marxisten das Konzept der kulturellen Hegemonie übernommen. Mit kultureller Hegemonie ist gemeint, dass mit Hilfe von Medien, Bildungsinstitutionen und anderen Organen der Zivilgesellschaft ein »Konsens der Regierten« erzeugt wird, der diese glauben lässt, ihre Interessen stimmten mit den Interessen der Herrschenden überein. Nun sieht sich die Neue Rechte nicht in einer Herrschaftsposition. Sie eint vielmehr die Überzeugung, mit dem Rücken zur Wand zu stehen und einen verzweifelten Abwehrkampf gegen die übermächtige Diktatur der Gutmenschen zu führen, in der Political Correctness, Gender Mainstreaming und Multikulturalismus als ungeschriebene Gesetze gelten – bis sie, nachdem alle Masken gefallen sind, durch die Scharia ersetzt werden. Man könnte also sagen, dass es der Neuen Rechten ihrer eigenen Einschätzung nach an kultureller Hegemonie fehlt.

Es ist gar nicht so einfach zu verstehen, das Weltbild der Spätpubertären mit dem beleidigten Gesichtsausdruck. Mal hat es den Anschein, als seien die Altachtundsechziger, die Feministinnen und die Schwulen der Hauptfeind. Diese treten aber auch als betrogene Betrüger_innen auf, da sie sich aufgrund ihrer »Lust am Einknicken« besonders gut als naive Wegbereiter_innen der Muslime eignen, die nach der demographischen Eroberung des Abendlandes schnurstracks eine religiöse Diktatur errichten werden, in der Intoleranz, Sexismus und Homophobie herrschen (alles Dinge, die man selber praktiziert, aber trotzdem – oder gerade deshalb – gern anderen unterstellt). Ähnlich sieht es in der Einschätzung der Kräfteverhältnisse aus: Die Neue Rechte wähnt sich als tapfere Minderheit, die sich gegenüber dem linksgrünen Mainstream (mit seiner gleichgeschalteten Systempresse) nur mit Mühe Gehör verschaffen kann. Gleichzeitig ist man überzeugt, für die schweigende Mehrheit zu sprechen, also das zum Ausdruck zu bringen, was in der Mitte der Gesellschaft gedacht, aber nicht laut gesagt wird. Wer meint, diese Ideologie sei zum Scheitern verurteilt, weil sie sich laufend selbst widerspreche, hat ihre Funktionsweise nicht verstanden. Gerade weil die Ideologie widersprüchlich ist, vermag sie die offensichtlichen Widersprüche in der Wahrnehmung der Wirklichkeit zu erklären. Wenn Sarrazins Bücher zu Bestsellern werden, dann liegt das daran, dass die schweigende Mehrheit endlich die Zeichen der Zeit erkannt hat. Wenn andererseits Akif Pirinçcis Deutschland von Sinnen, das in einem obskuren rechten Kleinverlag erschienen ist, vom stationären Buchhandel ignoriert wird, gilt das als sicherer Beweis für die totalitäre Macht des Mainstreams.

Der gramscianische Begriff für das, was die Neue Rechte vorhat, lautet Gegen-Hegemonie. Wer dem gesellschaftlichen Konsens als Minderheit gegenübersteht, muss an irgendeinem Ort in der Zivilgesellschaft ansetzen, um den Konsens zu brechen. Die Neue Rechte sieht sich in einer solchen Minderheitsposition und versucht entsprechend, den Buchmarkt, die Blogosphäre und die Kommentarformulare der Tageszeitungen mit ihren Ansichten zu fluten. Was nicht unbedingt heißt, dass sie Gramsci wirklich verstanden hat. Der meinte nämlich keineswegs, dass man sich soziale Macht erkämpfen kann, indem man lauter und alarmistischer auftritt als die anderen. Ganz im Gegenteil – die gesellschaftlichen Machtverhältnisse bestimmen, wer überhaupt laut werden kann und wer überhört wird. Ich bezweifle deshalb, dass die Neue Rechte tatsächlich so viel von Gramsci gelernt hat. So neu ist ihr Vorgehen nämlich gar nicht. Die Publizistik ist spätestens seit dem Kaiserreich das bevorzugte Kampffeld rechter Kräfte, was vermutlich daran liegt, dass sie sich vorzüglich zur Dampfplauderei eignet. Neue und alte Rechte unterscheiden sich nämlich in einer Hinsicht erstaunlich wenig: Sie neigen dazu, im Akkord Pamphlete zu veröffentlichen, in denen das Bild einer dem nationalen Kollektiv (wahlweise auch dem christlichen Abendland) dräuenden Katastrophe gezeichnet wird. Das Publikum, auf das diese Pamphlete zugeschnitten sind, wird sie mit begeistertem Entsetzen aufnehmen, händeringend ausrufen, dass Deutschland endlich erwachen solle, und – nichts tun. Es ist das identitätsstiftende Merkmal der Neuen Rechten und ihrer schweigenden Mehrheit, dass sie viele Worte macht und nichts tut. Anders könnte sie sich nicht als unschuldiges Opfer des Mainstreams gebärden. Das Tun wird in den allermeisten Fällen den faschistischen Schlägertrupps und Todesschwadronen überlassen, die ihre Aufgabe in der Regel zuverlässig erfüllen. Erst dann, wenn man sich gegen Risiken genügend abgesichert fühlt, rottet man sich mit den Schlägern und Mörderinnen zum nun nicht mehr nur verbalradikalen Mob zusammen, damit Deutschland wirklich erwachen kann.

So viel zu den Kontinuitäten zwischen Alt- und Neurechten. Was aber ist neu an der Neuen Rechten? Ich würde behaupten: Vor allem ihre zwanghaften Versuche, sich von der Neuen Linken zugleich abzugrenzen und sie zu übertreffen. Die Altachtundsechziger, die Gutmenschen, die Ökos – die sind der Feind, der dieses schöne Land ruiniert hat; die »linksgrün Versifften«, wie Akif Pirinçci zu sagen pflegt. Deutlicher kann man sich nicht abgrenzen, oder? Da ist es doch überraschend, wenn man erfährt, dass Pirinçcis Deutschland von Sinnen, das gegenwärtig die schweigende Mehrheit und ihre Sprecher_innen in stammelndes Entzücken versetzt, im Hause Manuscriptum erschienen ist. Chef des Verlags (mit den Imprints Landtverlag und Edition Sonderwege) ist Thomas Hoof, vormals Geschäftsführer der nordrhein-westfälischen Grünen. Ja richtig, Geschäftsführer der »Kindersexpartei«. Nach dem Ende seiner parteipolitischen Ambitionen gründete Hoof den Versandhandel Manufactum, der mit dem Spruch »Es gibt sie noch, die guten Dinge« für sich warb. Wer dabei an Spitzendeckchen, röhrende Hirsche und Lobreden auf deutsche Wertarbeit denkt, liegt nicht ganz falsch. Die von Hoof entworfene Firmenideologie von Manufactum propagierte Spießigkeit – aber eine spezifisch grüne Spießigkeit: Alles ist auf unberührte Natur, knorrige Nachhaltigkeit und bäuerliche Selbstversorgungsmentalität angelegt. Im Programm findet man neben anderen kuriosen Dingen »Lawinenspaten aus der Schweiz, Baujahr 1939«, wie der Spiegel letzte Woche zu berichten wusste.

Mittlerweile gehört Manufactum zur Otto Group. Gründer Hoof hat seine Finger nicht mehr im Spiel, und die Firma legt Wert darauf, sich von seinen Ansichten zu distanzieren. Heute hat Hoof nämlich ein anderes Hobby: Er verlegt bei Manuscriptum Bücher von Rechtsauslegern wie Arnulf Baring, Jörg Schönbohm, Ernst Nolte und Jürgen Elsässer. Daneben stehen im Verlagsprogramm Titel wie Die demokratische Sklavenmentalität oder Der Krieg gegen den Mann, außerdem der eine oder andere rechte Klassiker wie Oswald Spengler und Ernst Jünger. Überrascht es irgendjemanden, dass Pirinçci, der deutsche Held, im Kampf gegen das linksgrüne Gutmenschentum im Verlagshaus eines obskuren Ökofaschisten Gefechtsstation bezogen hat? Mich nicht, denn schließlich hört man von Pirinçci selber regelmäßig im Heino-Stil vorgetragene Liebeserklärungen an den deutschen Wald. Wer’s immer noch nicht glauben mag, kann sich die in der Süddeutschen erschienene Beschreibung von Pirinçcis Domizil zu Gemüte führen: Gründerzeithaus mit verglaster Rückseite, um den Blick auf den Garten freizulassen (man hat die gentechnikfreien Lebensmittel – selbstverständlich aus regionalem Anbau – im Kühlschrank förmlich vor Augen stehen). Saturiertes grünes Spießertum in Reinkultur – wie ich schon sagte: Das politische Milieu, um das es hier geht, versucht eben nicht nur, sich von den linksgrünen Übereltern abzugrenzen, sondern auch, sie zu übertreffen.

Eine besondere ideologische Nähe pflegen Hoof und Manuscriptum zum Libertarismus, und zwar insbesondere der von André F. Lichtschlag vertretenen Spielart. Libertär – das klingt selbst in antiautoritär-linken Ohren nicht unbedingt schlecht. Schließlich betonen Libertäre immer wieder, dass sie für die größtmögliche Freiheit des Einzelnen sind. Bei näherem Hinsehen erweist sich aber oft, dass es mit den Libertären und der Freiheit so eine Sache ist. Den Staat finden sie scheiße, aber nicht, weil eine Gesellschaft ohne Staat womöglich freier, gleicher und solidarischer sein könnte, sondern weil sie dem Staat einen geradezu krankhaften Hang zum Sozialismus unterstellen. Er soll weg, weil er unnatürlich ist, weil er das auf dem Markt herrschende Konkurrenzprinzip behindert. Die Aufgaben, die der Staat wahrnimmt, können ihrer Auffassung nach auch von anderen, ›natürlicheren‹ Institutionen erledigt werden: Für Solidarität sollen Familie und ethnische Gemeinschaft zuständig sein, für Sicherheit bewaffnete Milizen. Ideen wie Individualität und Egalität stören da nur. Ein so verstandener Libertarismus ist im Grunde antimodern und will keine freie, sondern eine barbarische Gesellschaft. Auch hier gilt wieder: Man versucht sich von der politischen Gegnerin nicht nur abzugrenzen, sondern will sie übertrumpfen. Denn diese Art von Gemeinschaftsduselei, die meint, auf den Staat schon jetzt verzichten zu können, weil sich auf lokaler Ebene, im kleinen Kollektiv doch viel bessere Bande der Solidarität knüpfen lassen, ist auch in den aus der Neuen Linken hervorgegangenen Bewegungen und Subkulturen außerordentlich präsent. Hier wie da liegt die unausgesprochene Voraussetzung in der Ablehnung der modernen Gesellschaft und ihres Individualismus, im Verzichtsdenken und im Zurück zur ›natürlichen‹ Gemeinschaft. Was der rechten Variante allerdings abgeht, ist jegliche Vorstellung von Hedonismus und gutem Leben.

Charakteristisch für die Neue Rechte ist also, dass sie sich von einigen der schlechteren Ideen der Neuen Linken hat beeindrucken lassen und jetzt mit einer misslungenen Kopie davon hausieren geht. Die Neue Rechte ist die APO der dummen Kerls. Pirinçci & Co. also – versifft: ganz bestimmt. Verspießert: total. Grün: in gewissem Sinne auch. Links: das gewiss nicht.

Dienstag, 22. April 2014

Neuzugänge

  • H.C. Artmann, Der handkolorierte Menschenfresser. Ausgewählte Prosa
  • Iain M. Banks, The Player of Games
  • Ders., The State of the Art
  • Octavia Butler, Kindred 
  • Adelbert von Chamisso, Peter Schlemihls wundersame Geschichte (Insel-Ausgabe)
  • Dietmar Dath, Sämmtliche Gedichte
  • Philip K. Dick, Eine andere Welt 
  • Susanne Gerdom, Elbenzorn
  • Dies., Die Seele der Elben
  • Joanne Harris, Denk an mich in der Nacht
  • Markolf Hoffmann, Flammenbucht
  • Felix Karlinger/Johannes Pögl (Hgg.), Märchen aus Argentinien und Paraguay (aus der Reihe Märchen der Weltliteratur von Diederichs)
  • Stephen King, Der Werwolf von Tarker Mills
  • T.E.D. Klein, MorgenGrauen
  • Joe R. Lansdale, Kahlschlag
  • Ders., Straße der Toten
  • Rick Moody, Der Eissturm
  • Kim Newman, The Night Mayor
  • Giuseppe Pederiali, Der Nebeldrache

Donnerstag, 17. April 2014

Skandinavische Film-Phantastik: Sechs Empfehlungen

In Zeiten, in denen mir das Bloggen aufgrund von Stress und den damit verbundenen Stimmungsschwankungen schwerfällt, tue ich das Naheliegende: Ich poste eine Liste. Eine Liste ist einfach aufgebaut und nicht allzu überfordernd, wenn es darum geht, Worte und Sätze in stringenter Weise zusammenzufügen.

Also. Ich finde, Skandinavien hat in den letzten fünf Jahren zur Vielfalt im Bereich des phantastischen Films entscheidend beigetragen. Insbesondere bin ich ein Fan von Tomas Alfredsons Låt den rätte komma in, der 2008 auf den Festivals gezeigt wurde und deshalb schon etwas älter als fünf Jahre ist. Auf seine Neuverfilmung der Brüder Löwenherz freue ich mich außerordentlich. Im hohen Norden sind aber noch deutlich mehr einfallsreiche Filmmenschen aktiv. Zum Beweis sechs Beispiele in chronologisch-alphabetischer Reihenfolge:
  • Død snø (Norwegen 2009) von Tommy Wirkola ist mit Abstand der schwächste Film auf dieser Liste. Trotzdem gilt: Anschauen kann man sich den ruhig mal. (Wirkola dürfte hierzulande vor allem für Hansel and Gretel: Witch Hunters bekannt sein. Ob der wirklich so schlecht ist, wie man sagt, kann ich nicht beurteilen, da ich ihn noch nicht gesehen habe.) Dead Snow, wie der internationale Titel lautet, handelt von einer Horde Nazi-Zombies, die seit der deutschen Besatzung Norwegens in Finnmark ihr Unwesen treiben. Durchaus beeindruckend ist, dass der Streifen es schafft, ausnahmslos jedes Horrorfilmklischee zu verwerten: Eine kleine Gruppe junger Leute. Darunter ein Nerd mit umfangreichen Genrekenntnissen. Eine einsame Hütte. Ein Einheimischer, der die jungen Leute warnen will, sich aber so verschroben benimmt, dass ihm kein Glauben geschenkt wird. Morde im Dunkeln. Eine Kettensäge und eine Axt. Muss ich noch mehr sagen? Ich denke nicht.
    Aber der Film wartet auch mit einem eigenständigen Merkmal auf. Die Darstellung der Zombies ist nämlich an die draugar, die lebenden Toten der altnordischen Mythologie, angelehnt. Draugar sind dafür bekannt, dass sie ihre Grabbeigaben eifersüchtig bewachen. Wer sich auch nur versehentlich am Grab eines draugr vergreift, kann sich der Rache der Untoten sicher sein. Die ›Grabbeigaben‹ der Nazi-Zombies in Wirkolas Film bestehen aus Beutegut aus dem 2. Weltkrieg, das natürlich von den jungen Leuten in ihrer Hütte gefunden wird. Wer sich also für die Verwendung von Folklore-Motiven im Horrorfilm interessiert, sollte bei Død snø einen Blick riskieren.
    Eines sollte man aber auf keinen Fall erwarten: eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der NS-Besatzungspolitik. Die Zombies in diesem Film sind ausschließlich wegen des Exploitation-Effekts Nazis.
  • Metropia (Schweden 2009) von Tarik Saleh spielt in einer dystopischen Zukunft, in der die Städte Europas durch ein gigantisches U-Bahn-Netz miteinander verbunden sind. Anders als die anderen Produktionen in dieser Liste, die eher dem Indie-Bereich angehören, wartet Salehs englischsprachiger Animationsfilm mit einem Star-Ensemble auf (u.a. Juliette Lewis und Vincent Gallo). Für Genrefans besonders interessant ist Udo Kier mit seiner ihm auf den Leib geschriebenen Rolle. Die Animation ist top, und bei einigen Szenen musste ich tatsächlich denken: This out-Gilliams Gilliam. Muss man gesehen haben.
  • Trolljegeren (Norwegen 2010) von André Øvredal ist ein sehr charmanter, zum Ende hin makabrer Found-Footage-Streifen. Drei Filmstudierende wollen eine Dokumentation über den verschlossenen Einzelgänger Hans drehen, der im Ruf steht, ein Wilderer zu sein. Es stellt sich jedoch heraus, das Hans das Gegenstück zu den berühmten isländischen Elfenbeauftragten ist: Er arbeitet für eine geheime Behörde, die die norwegische Trollpopulation überwachen und ihre Existenz vor der Öffentlichkeit verbergen soll. Hans ist einverstanden, sich bei seiner Arbeit von dem Filmteam begleiten zu lassen, um auf Missstände in seinem Beruf aufmerksam machen zu können. Das sehen seine Vorgesetzten allerdings gar nicht gern ...
    Die CGI-Effekte, mit denen die Trolle dargestellt werden, sind ausgesprochen respektabel. Überhaupt zeigen Filme wie Trollhunter (so der internationale Titel) oder Monsters von Gareth Edwards, dass auch Low-Budget-Produktionen sich nicht mehr darauf herausreden können, für gute visuelle Effekte brauche man viel Geld.
    Trolljegeren wird oft mit The Blair Witch Project verglichen – und unweigerlich dafür kritisiert, dass er sehr viel weniger spannend sei. Damit wird man Øvredals Film, der gar kein Schocker sein will, aber nicht gerecht. Die Ähnlichkeit mit The Blair Witch Project kommt ausschließlich dadurch zustande, dass beide Filme sich des Found-Footage-Schemas bedienen. Mir fällt ein anderer Vergleich ein: Kann man sich einen skandinavischen Kaijū-Film vorstellen? Hier ist er.
  • Marianne (Schweden 2011) von Filip Tegstedt fällt wiederum in den Bereich Horror mit Folklore, ist aber ungleich intelligenter als Død snø. Der Protagonist Krister ist ein verwitweter Familienvater, der von seiner verstorbenen Frau in Gestalt einer mara (eines Albs oder Nachtmahrs) geplagt wird – oder vielleicht auch nur von seinen Ängsten. Ein überaus sparsam erzähltes Psychodrama mit einem Hauch Übernatürlichen, dessen Atmosphäre sich am besten mit dem englischen Wort bleak beschreiben lässt, zu dem ich irgendwie nie ein wirklich passendes deutsches Äquivalent finde.
    Kurt Halfyard fiel in seiner Rezension ein: »Somebody, please, get Guillermo del Toro in contact with Philip [sic!] Tegstedt because here is a young director with the chops to make a The Devil’s Backbone or a Pan’s Labyrinth if he were given the finances and freedom to do so. In fact, he may well already have done the former with Marianne.« Ja, bitte! (Weitere passende Vergleiche aus Halfyards Besprechung: Låt den rätte komma in. La habitación del niño von Alex de la Iglesia. Und sogar Stanley Kubricks The Shining.)
  • Flukt (Norwegen 2012) von Roar Uthaug ist strenggenommen kein phantastischer Film, da er keine übernatürlichen Elemente enthält. Escape, wie der Film international heißt, spielt in einem von Pest und Hexenwahn geplagten mittelalterlichen Skandinavien. Die junge Signe ist mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder unterwegs auf der Suche nach einem besseren Ort zum Leben. In der Einöde wird die Familie von der Wegelagerin Dagmar und ihrer Bande überfallen. Signe wird in das Lager der Bande verschleppt, wo sie Dagmars Findelkind Frigg Gesellschaft leisten soll. Als Signe und Frigg einen Fluchtversuch vor der tyrannischen Dagmar unternehmen, werden sie von der Bande erbarmungslos gejagt.
    Man sieht, es handelt sich um Survival Horror – das mag die Aufnahme in die Liste rechtfertigen – mit der atypischen Eigenheit, dass dieser Film im Mittelalter spielt. Unweigerlich kommt in Flukt die für das Subgenre charakteristische krude Zivilisationskritik zum Tragen. Im Mittelpunkt steht sie aber nicht. Eher geht es um das Schicksal von Dagmar, die, in ihrer Jugend als Hexe verfolgt, zur harten und grausamen Chefin einer Räuberbande wurde.
    Flukt mangelt es nicht an abstrusen Zügen. So wirkt es mitunter unfreiwillig komisch, dass Dagmar in ihrem Räuberlager im Wald eine Art kleinfamiliäres Idyll errichten will – zumindest habe ich mich gefragt, warum Dagmars teilweise reichlich blutrünstig wirkende Gefährten nicht gegen diese Pläne aufbegehren. Dennoch ein nicht uninteressanter Film, der sich die Mühe macht, die in Mittelalterfilmen vorherrschende Robin-Hood-Ideologie zu durchbrechen. Für den verfemten Adligen Robin Hood ist stets klar, dass er  sich seinen Platz in der Gesellschaft, den er unrechtmäßig verloren hat, wieder erkämpfen kann. Die Botschaft von Flukt scheint dagegen zu sein: Es gibt keine Garantie auf einen sicheren Platz in der Gesellschaft. 
  • Thale (Norwegen 2012) von Aleksander L. Nordaas erinnert sowohl an Marianne als auch an Johanna Sinisalos Roman Troll. Eine Liebesgeschichte (in dem ganz andere Trolle als bei André Øvredal auftauchen). Auch hier gibt es ein Folklore-Motiv: Die beiden Tatortreiniger Elvis und Leo finden eine huldra, die jahrelang im Keller eines Hauses eingesperrt war – ein zum Anhimmeln schönes Waldgeschöpf in Gestalt einer jungen Frau mit einem Kuhschwanz. Ihr Peiniger hat sie bis zu seinem Tod medizinischen Experimenten ausgesetzt und die Ergebnisse auf Tonband dokumentiert. Indem Elvis und Leo die qualvolle Geschichte der huldra Thale kennenlernen, werden sie auch mit ihren eigenen Traumata konfrontiert. Eine irgendwie rührende Mischung aus Märchen und Horror.
Frohe Ostern, liebe Leser_innen. Was immer ihr tut, ich hoffe, ihr guckt euch über die Feiertage keine langweiligen Filme an!

    Foto-Disclaimer

    Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.