Montag, 25. September 2017

Gibt es die faschistische Fantasy? (Zwischenstand)

Teil 1 · Teil 2 · Teil 3 · Teil 4

Es ist Zeit für eine kurze Rekapitulation. Die Frage ist immer noch, wie faschistische Fantasy aussehen und woher sie kommen könnte. Dabei habe ich die Bezeichnung Fantasy aus Gründen der Griffigkeit gewählt. Angemessener wäre es, von mythopoetischer Literatur zu sprechen.* Bisher habe ich mich vor allem mit den nationalsozialistischen Neo-Mythen sowie der völkischen und nazistischen Rezeption der germanischen Mythologie befasst. Das wird auch noch weitere Auseinandersetzung erfordern. Ich möchte aber von jetzt an den Argumentationsgang gelegentlich unterbrechen, um ich einzelnen Autor_innen und Werken zuzuwenden.

Bisher kamen folgende literarischen Strömungen, Traditionen und Einflüsse vor:

1. Märchen

Nur beiläufig erwähnt habe ich, dass in der Weimarer Republik eine äußerst lebendige Märchenszene existierte. Im Dritten Reich kam die Märchenproduktion fast zum Erliegen. Ihre Nachfolge wurde von einer »ideologischen Rezeption des Volksmärchens« angetreten, die in ihm »Zeugnisse nordischer Weltanschauung« entdecken wollte.** Einzelne nationalsozialistische Autoren, die dennoch eigene Märchen schrieben, waren Hans Friedrich Blunck, Hermann Stehr und Will Vesper. Diesen spezifisch völkischen Märchen wird noch Aufmerksamkeit zu schenken sein.

2. Heftromane

Im Dritten Reich gab es abenteuerlich-phantastische Heftromanserien. Als Beispiel habe ich Sun Koh, der Erbe von Atlantis von Paul Alfred Müller alias Lok Myler genannt. Es hat sich gezeigt, dass die angebliche Herkunft der arischen ›Rasse‹ aus Atlantis fast so etwas wie ein Glaubensartikel im Nationalsozialismus war. Zudem war Müller/Myler nur allzu gern bereit, seine Serie entsprechend der ideologischen Vorgaben des Regimes zu gestalten. Dennoch war die angeblich jugendschädigende Wirkung von Heftromanen fester Bestandteil der NS-Propaganda.

3. Die Welteislehre

Die Welteislehre (WEL) oder Glazialkosmogonie ist eine pseudowissenschaftliche Doktrin, die von dem österreichischen Ingenieur Hanns Hörbiger entwickelt wurde. Sie behauptet, das Universum sei aus Eis als Urstoff entstanden. Führende Repräsentanten des NS-Regimes, insbesondere Heinrich Himmler, förderten die Welteislehre nach Kräften. Auf Grundlage der WEL entstanden im Dritten Reich verschiedene phantastische Romane. Diese konnten sich als Wissenschaft im unterhaltsamen Gewand darstellen und wurden offenbar auch so rezipiert. Einen zentralen Autor aus der WEL-Bewegung habe ich bereits genannt: Edmund Kiss. Auf ihn und sein Werk möchte ich noch detaillierter eingehen.

* In den 1930er Jahren entwickelten J. R. R. Tolkien und C. S. Lewis den Begriff Mythopoeia für die Art von Literatur, die heute Fantasy genannt wird.
** Mathias Meyer/Jens Tismar, Kunstmärchen (Sammlung Metzler 155), Stuttgart/Weimar ³1997, 150.

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Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.